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Full text of "Strassburg und seine Bauten"

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Strassburg 

UND 

seine Bauten. 

HERAUSGEGEBEN 

VOM 

ARCHITEKTEN- UND INGENIEUR-VEREIN 

FÜR ELS ASS-LOTHR1NGEN. 



MIT 655 ABBILDUNGEN IM TEXT. 11 TAFELN UND EINEM PLAN DER STADT STRASSBURG. 




STRASSBURG 

VERLAG VON KARL J. TRÜBNER 
1894. 



Druck der „Strassburger Neuesten Nachrichten", vormal, H. L Kayser. 
Papier von der Neuen Papier-Manufactur Strassburg-Ruprechtsau. 



SEINER DURCHLAUCHT 



DEM KAISERLICHEN STATTHALTER 
IN ELSASS-LOTHRINGEN 

CHLODWIG, FÜRSTEN VON HOHENLOHE-SCHILLINGSFÜRST 
PRINZEN VON RATIBOR UND CORVEY 

ehrfurchtsvoll gewidmet. 



Der Architekten- und Ingenieur -Verein 
für Elsass-Lothringen. 



VORWORT. 



Nachdem der Architekten- und Ingenieur-Verein sich bereit erklärt 
hatte, die Wand er Versammlung im Jahre 1894 in Strassburg zu empfangen, 
konnte es nicht zweifelhaft sein, dass er, der Tradition folgend, ein Werk 
über Strassburg und seine Bauten zusammenzustellen habe. Galt es 
doch, seinen lieben Gästen als dauerndes Andenken an den Aufenthalt 
in der „wunderschönen Stadt" aus der Fülle dessen, was hier eine kunst- 
liebende Vergangenheit Schönes und Grossartiges der bewundernden 
Nachwelt überlassen hat, das Beste in Bild und Wort mit in die Hei- 
math zu geben und nicht minder, den Fachgenossen und Laien in wohl 
flicht ganz unberechtigtem Stolze zu zeigen, was in der kurzen Spanne 
Zeit seit der Wiedervereinigung Strassburgs mit dem Deutschen Reiche 
Talent, Fleiss und Ausdauer auf dem gesammten Gebiete des Bauwesens 
neu geschaffen haben. 

Unter der umsichtigen Leitung des leider aus Strassburg geschie- 
denen früheren Vorsitzenden des Vereins, Regierungs- und Bauraths 
Kriesche wurde sofort Hand an die schöne Aufgabe gelegt. Es gelang 
ihm nicht nur die Mitglieder des Vereins zu gemeinsamem Schaffen 
anzuregen , sondern auch ausserhalb des Vereins stehende Kräfte zu 
gewinnen, welche bereitwilligst ihre Dienste zur Verfügung stellten. 

Von ganzem Herzen sagen wir allen Mitarbeitern unsern wärmsten 
Dank, vor allem dem Professor Dr. G. Dehio für seinen werthvollen 
Beitrag über das Münster und dem Stadtarchivar Dr. O. Winckelmann 
für seine auf eigenen Quellenforschungen beruhende Abhandlung über 
die Profanbauten des Mittelalters und der Renaissance. Ferner sind 
wir zu Dank verpflichtet dem Landesgeologen Dr. Schumacher , dem 
Privatdozenten Dr. Her gesell, Dr. E. Mey er- Altona , Dr. E. Polaczek, 
Professor A. Schricker, Universitätssekretär Dr. Hausmann, dem Ober- 
lehrer Dr. von Borries, der ausser der Stadtgeschichte die mühsame 
Ausarbeitung der chronologischen Tabelle und des Registers übernahm, 
für ihre Beiträge, dem Geheimen Medizinalrath Dr. Krieger für die 
Erlaubniss, drei geologische und geographische Karten aus seiner „Topo- 



VI 



Vorwort. 



graphie von Strassburg" zu reprodumren, sowie schliesslich den ver- 
schiedenen Behörden, in erster Linie der Stadtverwaltung, und Privaten, 
welche uns Originalpläne, Zeichnungen, Holzstöcke, Drucksachen u. dergl. 
zur Benutzung iiberliessen. 

Als eine weitere angenehme Pflicht empfinden wir es, dem hervor- 
ragenden Kenner des alten Strassburgs , Herrn Ad. Seyboth, Director 
des städtischen Kupfer sticheabinets, für seinen werthvollen Rath in vielen 
einzelnen Punkten an dieser Stelle zu danken. 

Bei genauer Durchsicht wird der Kenner vortreffliche Architektur- 
zeichnungen von der Hand der Herren Maler Körttge— Strassburg , 
Architekt Loesti— Stuttgart, Hacker und Schweitzer Strassburg finden; 
auch diesen Herren sagt der Verein seinen Dank für ihre kunstvollen 
Leistungen. 

Ganz besonders aber hat sich um die gute Ausstattung des Werkes 
der Verlagsbuchhändler Trübner verdient gemacht, welcher keine Mühe, 
keine Kosten scheute, das Ganze in typographischer Beziehimg möglichst 
vollkommen zu gestalten. 

Auch fand der Verein ausgiebige Hülfe bei Aufbringen der Kosten 
für die Herstellung der Zeichnungen und Pläne. Sowohl Sc. Durch- 
laucht der Herr Statthalter wie die Stadtverwaltung gewährten hierzu 
namhafte Beihülfen, für welche der Verein hier nochmals seinen ehrer- 
bietigsten Dank ausspricht. 

Der Verein ist sich wohl bewusst, dass das Ganze nicht völlig ab- 
gerundet ist, dass mancherlei Lücken und vielerlei Unvollkommcnhcitcn 
vorhanden sind. Vielleicht darf die überaus knapp bemessene Zeit, die 
dem Verein zur Ausarbeitung verblieb, als eine Art Entschuldigung 
dienen. Er übergiebt das Werk hiermit einer milden Bcurtheilung, 
hoffend, dass es trotzdem viele Freunde und namentlich in den Kreisen 
der Strassburger Bevölkerung ein freudiges Willkommen finden wird) 
als ein Loblied auf die schöne Heimath. 

Strassburg , im Juli 1894. 



Der Buchausschuss 
des Architekten- und Ingenieur -Vereins 
fü r Elsass - Lothring en : 

BEEMELMANS, BETTCHER, BOLL, KAHL, METZENTHIN, 
OT1, SCHMITZ, WAGNER. 



Inhalt. 



Seite 

i. abschnitt : DIE NATÜRLICHE ENTWICKELUNG DES STRASS- 

BURGER LANDES. Von Landesgeologe Dr. E. Schu- 
macher 1—42 

1. Gliederung des mittelrheinischen Gebietes 2 

2. Der Einbruch des Rheinthaies 5 

3. Die Wirkungen der Eiszeiten 16 

4. Die Lösszeiten 24 

5. Der Diluvialmensch als Jäger im Rheinthal. Erste Besiedelung 

des Strassburger Landes 29 

6. Die Entwickelung des Rheinstroms 32 

7. Hydrographische Verhältnisse bei Strassburg 38 

ii. abschnitt: STRASSBURGS BODEN UND DAS GRUNDWASSER. 

Von Landesgeologe Dr. E. Schumacher 43— 52 

1. Rhein-Diluvium 43 

2. Vogesen-Sand und Sand-Löss 44 

3. Rhein- und Breusch-Alluvium 47 

4. Rückblick auf die den ursprünglichen Boden bildenden Schichten 49 

5. Der jetzige Boden und Untergrund 50 

6. Das Grundwasser. (Nach Krieger, Topographie.) 51 

in. abschnitt: DAS KLIMA STRASSBURGS. Von H. Hergesell . . 53-60 

1. Die Luftdruck Verhältnisse 54 

2. Die Temperaturverhältnisse 55 

3. Die Niederschlagsverhältnisse 58 

4. Die Windverhältnisse 58 

DAS ALTE STRASSBURG. 

iv. abschnitt: STADTGESCHICHTE. Von E. v. Borries Ö3-140 

1. Römische Zeit 63 

2. Germanische Zeit bis zum Jahre 1000 74 

3. Strassburg als bischöfliche Stadt. (Bis zum Jahre 1263.) ... 78 

4. Strassburg als freie Reichsstadt. 

Erste Periode (1263 — 1482): Die Zunftkämpfe. Entwicklung 

der Verfassung 87 

5. Strassburg als freie Reichsstadt. 

Zweite Periode (1482—1592) : Die Renaissance und die Refor- 
mation 104 

6. Strassburg als freie Reichsstadt. 

Dritte Periode (1592—1681): Das Jahrhundert des grossen 

Kriegs 117 

7. Strassburg als königlich französische Stadt (1681—1789) ... 125 

8. Strassburg als Departementshauptstadt (1789—1870) 134 



VIII 



Inhalt 



Seite 

v. abschnitt : DAS MÜNSTER UNSERER LIEBEN FRAU. Von 

G. Dehio, mit einem Beitrag von E. Meyer .... 141—228 

Erster Theil : Geschichte nach den Schriftquellen ... 143 

Zweiter Theil : Beschreibung und innere Baugeschichte 159 

1. Die Krypta 159 

2. Chor und Querschiff 160 

3. Das Langhaus 172 

4. Westfront und Thürme 182 

5. Material, Erhaltungszustand, Fundamente 193 

Dritter Theil: Dekorative Ausstattung 198 

1. Mobilien 198 

2. Wand- und Glasgemälde 201 

3. Skulpturen 204 

A. Die Bildwerke des südlichen Querhauses 205 

B. Die Bildwerke des Westbaues 210 

C. Die Bildwerke an den Langseiten 224 

D. Die Bildwerke des Innern 225 

vi. abschnitt: DIE PFARR- UND STIFTSKIRCHEN DES MITTEL- 
ALTERS. Von E. Polaczek 229-254 

1. St. Stephan 229 

2. Die Thomaskirche 235 

3. Jung St. Peter 241 

4. Die Wilhelmerkirche 246 

5. Alt St. Peter 249 

6. St. Magdalena 252 

7. Die (ehemalige) Dominikanerkirche. (Von G. Dehio.) .... 252 

vn. abschnitt: DIE PROFANBAUTEN DES MITTELALTERS UND 
DER RENAISSANCE. Von O. Winckelmann mit Bei- 
trägen von Th. Schmitz 255—314 

1. Die ältesten öffentlichen Bauten. 

A. Pfennigthurm, Pfalz, Kanzlei, Münze 255 

B. Kaufhaus und Frauenhaus 262 

2. Das Zeitalter der Renaissance. 

A. Organisation des städtischen Bauwesens. — Johannes 
Schoch 270 

B. Der „Neue Bau u , die Grosse Metzig und ihre Meister . 288 

3. Brunnenanlagen 299 

4. Klöster 300 

5. Bürgerhäuser 304 

vin. abschnitt: BEMALTE HAUSFASSADEN. Von A. Schricker . 315-321 

ix. abschnitt : DIE B AUTHÄTIGKEIT VOM ANFANG DES U.JAHR- 

HUNDERTS BIS 1870. Von Stadtbaurath Ott . . . 322-364 

Vergleichende Uebersicht über die politische Entwicklung und die 
Baugeschichte Strassburgs bis zum Jahre 1870. Von 

E. v. Borries 365—378 

DAS NEUE STRASSBURG. 

EINLEITUNG. Von S. Hausmann 381- 391 

x. abschnitt: DIE KIRCHEN DER NEUZEIT. 

a) Bearbeitet von Architekt Tu. Schmitz 391 

b) Von Regierungsbaumeister Louis Müller 401 

xi. abschnitt : DER KAISERPALAST 404—409 



Inhalt. IX 

Seite 

xii. abschnitt : LANDESAUSSCHUSS-GEBÄUDE. Bearbeitet von 

Kreis-Bauinspektor Wägner 411—417 

xiii. abschnitt: VERWALTUNGSGEBÄUDE. Bearbeitet von Be- 

triebsdirektor Franken, den Garnison-Bauinspektoren 
Kahl und Gabe, Kreis-Bauinspektor Wägner, Bau- 
rath Metzenthin 418—434 

A. Reichsbehörden 418 

B. Die Landesbehörden 424 

xiv. abschnitt : UNIVERSITÄTS- UND LANDESBIBLIOTHEK. Be- 

arbeitet von Kreis-Bauinspektor Wägner 435—443 

xv. abschnitt : DIE KAISER -WILHELMS -UNIVERSITÄT. Bear- 

beitet von Universitätsbaumeister Mayer 444—506 

A. Das Universitätsgebiet vor dem ehemaligen Fischer- 
thor 450 

Das allgemeine Kollegiengebäude 450 

Chemisches Institut 456 

Physikalisches Institut 460 

Botanisches Institut 465 

Sternwarte 471 

Mineralogisches Institut 477 

Zoologisches Institut 481 

B. Das Universitätsgebiet beim Spitalthor 486 

Physiologisches Institut 488 

Das Anatomiegebäude 490 

Physiologisch-chemisches Institut 493 

Psychiatrische Klinik 496 

Frauenklinik 497 

Pharmakologisches Institut 50t 

Die chirurgische Klinik 503 

Die Klinik für Augenkrankheiten 505 

xvi. abschnitt : SONSTIGE GEBÄUDE FÜR UNTERRICHTS- 

ZWECKE. Bearbeitet von Baurath Metzenthin, 

Architekt Issleiber, Stadtbaurath Ott 507—521 

xvii. abschnitt : ANLAGEN FÜR GESUNDHEITSPFLEGE. Bear- 

beitet von Baurath Metzenthin, Garnison-Bauinspektor 

Kahl und Stadtbaurath Ott 521—526 

xviii. abschnitt : PFLEGE-, VERSORGUNGS- UND BESSERUNGS- 

ANSTALTEN. Bearbeitet von Baurath Metzenthin. 526-528 

xix. abschnitt : MILITÄRISCHE GEBÄUDE zur Unterbringung und 

Ausbildung der Truppen, sowie zur Lagerung von 
Kriegsbeständen. Bearbeitet von den Garnison-Bau- 
inspektoren Kahl und Gabe 529 —534 

1. Kasernen 529 

2. Exerzier- und Reithäuser 532 

3. Wagenhäuser und Depots 532 

4. Wachen, Arreste und Gefängnisse 532 

5. Speiseanstalten für Offiziere 533 

xx. abschnitt : GEBÄUDE FÜR VEREINE. Bearbeitet von Post- 

Baurath Bettcher 534 — 537 

xxi. abschnitt : GESCHÄFTSGEBÄUDE. Bearbeitet von Post-Bau- 

rath Bettcher 537—544 



X Inhalt. 



Seite 

xxii. abschnitt : GASTHÖFE UND RESTAURATIONEN. Bearbeitet 

von Post-Baurath Bettcher 545—554 

A. Gasthöfe . 545 

B. Restaurationen 548 

xxm. abschnitt i WOHNGEBÄUDE 554-573 

A. Etagen- und Familien -Wohnhäuser, Villen. Bearbeitet von 
Post-Baurath Bettcher 554 

B. Wohnungen für Kleinbürger. Bearbeitet von Baurath 
Metzenthin 571 

xxiv. abschnitt : DIE DENKMÄLER. Bearbeitet von Baurath 

Metzenthin 574 — 577 

xxv. abschnitt : STRASSENBRÜCKEN 578-585 

xxvi. abschnitt : BAHNANLAGEN 585—607 

A. Die Anlagen der Reichseisenbahnen. Bearbeitet von 
Regierungsrath Kriesche. 

1. Einleitung 585 

2. Allgemeines über den Zentralbahnhof . 586 

3. Die Personenstation 590 

4. Die Güterstation 597 

5. Die Lokomotivstation und die Anlagen zur Wasserver- 
sorgung des Bahnhofs 598 

6. Die Strassenunterführungen des Bahnhofs und der An- 
schlusslinien 601 

7. Schlussbemerkungen 602 

B. Strassburger Strassen- und Nebenbahnen. Bearbeitet 

von Ministerialrath Beemelmans 605 

xxvii. abschnitt : WASSERBAUTEN 607-625 

A. Die Wasserwege und die Schifffahrt der Stadt 
Strassburg. Bearbeitet von Baurath Dcell 607 

Der Umleitungskanal bei Strassburg 612 

Der Hochwasserkanal bei Erstein. Nach Mittheilung von 

Ministerialrath Fecht 616 

B. Die Hafenanlagen für die Rheinschifffahrt. Bearbeitet 

von Stadtbaurath Ott 617 

Die Verlängerung der Schleuse 88 des Ill-Rhein-Kanals. 

Nach Mittheilung von Baurath Dcell 619 

Der Zufahrtskanal. Nach Mittheilung von Baurath Dcell. 620 

Die Hafenbecken 621 

xxviii. abschnitt : WASSERVERSORGUNG DER STADT. Bearbeitet 

von Stadtbaurath Ott 625-629 

xxix. abschnitt: DIE ENTWÄSSERUNG DER STADT. Bearbeitet 

von Stadtbaurath Ott 630—638 

Die Beseitigung der Fäkalien 635 

Die Beseitigung des Strassen- und Hauskehrichts 637 

xxx. Abschnitt : BELEUCHTUNGSANLAGEN 638-645 

A. Gasbeleuchtung. Bearbeitet von Weill-Götz, Direktor 

der Gasanstalt 638 

B. Beleuchtung mit elektrischem Licht. 

1. Bahnhof. Bearbeitet von Maschinen-Inspektor Rohr . . 641 

2. Statthalter-Palast, Landesausschuss und Landesbiblio- 
thek. Bearbeitet von Kreis-Bauinspektor Wägner . . 644 



Inhalt. XI 

Seite 

xxxi. abschnitt : DIE ERWEITERUNG DES SCHLACHTHOFES 
UND NEUANLAGE EINES VIEHHOFES. Bear- 
beitet von Stadtbaurath Ott 645—656 

xxxn. abschnitt: MILITÄRISCHE BETRIEBSANLAGEN. Bearbeitet 

von den Garnison-Bauinspektoren Kahl und Weinlig 657—662 

xxxm. abschnitt : STRASSENANL AGEN, ÖFFENTLICHE PLÄTZE 

UND FRIEDHÖFE. Bearbeitet von Stadtbaurath Ott 662-666 

Verzeichniss der in den Jahren 1870—1894 ausgeführten städtischen 

Bauten 667—671 

Berichtigungen und Nachträge " b72 

Namen- und Sachregister. Von E. v. Borries 673 



Verzeichniss der ausser den Abbildungen im Text eingehefteten Tafeln 

und Karten. 

Strassburg nach dem grossen im städt. Kupfer- 
stichcabinet befindlichen Stiche von 

Matthäus Merian (ca. 1624) vor dem Titelblatt. 

Tafel I: Geologische Profil-Karte zwischen den S. 16 und 17 

„ II : Geologisch - hydrograph. Uebersichts- 

karte der Umgebung von Strassburg . „ „ „ 32 „ 33 

„ III : Karte der ehemaligen Flussläufe in der 

Gegend von Strassburg „ „ „ 48 „ 49 

„ IV: Grundriss der Stadt Strassburg vom 

Jahre 1680 „ „ 124 „ 125 

„ V: Münster. Südwestliche Ansicht ... „ „ „ 140 „ 141 

„ VI: „ Ansicht des Hauptportals . „ „ „ 144 „ 145 

„ VII: „ Grundriss „ „ „ 160 „ 161 

„ VIII: „ Südansicht a. 1870 (nach Lee- 

mann's Modell) „ „ „ 172 „ 173 

v IX: „ Portal der ehemaligen Lau- 
rentiuskapelle an der Nordseite ... „ „ 224 „ 225 
„ X: Kaiserpalast. Vorderansicht .... „ „ „ 404 „ 405 
Plan der Stadt Strassburg nach amtlichen Quellen 

bearbeitet. Maasstab 1 : 7500 .... nach dem Wort- und Sach- 
register, am Schluss des Werkes. 



Kopfleiste auf dem Titelblatt: Strassburg i.J. 1894, nach einer Zeichnung 

von Walter Eberbach. 



Wichtige Werke über die Geschichte Strassburgs. 



v. APELL, F., Argentoratum. Ein Beitrag zur Ortsgeschichte von Strassburg. Bulletin de la Soci£te 
pour la conservation des monuments historiques d'Alsace. II. S£rie^ XII, 43 -83. 1886 (auch 
separat erschienen). 8°. 

DACHEUX, L. et R. REUSS, Fragments des anciennes chroniques d'Alsace. I— III. Strassburg 1887 ff. 
EHEBERG, K. T., Strassburgs Bevölkerungszahl Ende des fünfzehnten Jahrhunderts. Jahrbücher für 
Nationalökonomie und Statistik. 8 U . 1884. 

EUTING, J., Beschreibung der Stadt Strassburg und des Münsters. 8. Aufl. kl. S°. Strassburg 1894. 
FRIESE, J., Neue vaterländische Geschichte der Stadt Strassburg. 4 Bände. 8°. Strassburg 17913. 
FROITZHEIM, J., Ueber berühmte Strassburger Häuser (Goethe, Herder, Juner-Stilling, Lenz), über 

das Drachenschloss, den Rappoltsteiner Hof. Beiträge zur Landes- und Volkeskunde von E -L. 

IV 1888, VII 1888; Strassb. Post 1S85, Nr. 148, 158, 327; 1887, Nr. 81, 130, 327; 1889, Nr. 186. 
DE GOLBERY, siehe J. G. SCHWEIGHÄUSSER. 
GRAD, CH, L'Alsace. Le pays et ses habitants. 40. Paris 1889. 

GRAXDIDIER, PH. A. , Histoire de l'Eglise et des Eveques-Princes de Strasbourg. 2 vols. Stras- 
bourg 1776. 

— — Histoire eccl£siastique, militaire, civile et litt£raire de la province dAlsace. 2 vols. Strasbourg 1777. 
Essais historiques et topographiques sur l'Eglise cath£drale de Strasbourg. Strasbourg 17S2. 

— — Oeuvres historiques in£dites. 6 vols. Colmar 1S65— 1868. 

HEGEL, C., Chroniken der deutschen Städte vom 14.— 16. Jahrhundert. Band VIII und IX ; die Chro- 
niken von Kloscucr und Koenigshofen. In der Einleitung und im Anhang sehr werthvolle 
Aufsätze des Herausgebers. 8°. Leipzig 1870/1. 

HERMANN, J. FR., Notices historiques, statistiques et litt£raires sur la ville de Strasbourg. 2 vols. 8°. 
Strasbourg 1817 ss. 

LUDWIG, H. (v. JAN), Strassburg vor hundert Jahren. 8". Stuttgart 18S8. 

KRAUS, F. X., Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen. Band I. 8°. Strassburg 1876. Band IV eben- 
daselbst 1892. 

KRIEGER, T-, Topographie der Stadt Strassburg, nach ärztlich-hygienischen Gesichtspunkten bear- 
beitet. 2. Aufl. 8". Strassburg 18S9. 
LÖPER, C, Zur Geschichte des Verkehrs in Elsass-Lothringen. 8°. Strassburg 1873. 

— — Die Rheinschifffahrt Strassburgs in früherer Zeit. S°. Strassburg 1877. 
LORENZ, O. und W. SCHERER, Geschichte des Elsasses. 1. Aufl. 8°. Berlin 1871. 
MENARD, R., L'Art en Alsace-Lorraine. 4\ Paris 1876. 

MERIAN, M., Topographia Alsatiae. fol. Frankfurt 1663. 

MITSCHER, G., Zur Baugeschichte des Strassburger Münsters. 8°. Strassburg 1876. 
PITON, F., Strasbourg illustre. 2 vols. 4<>. Strasbourg 1855. 

REUSS, R., La cath£drale de Strasbourg pendant la Revolution. 8\ Paris 1888. 

Vieux noms et rues nouvelles de Strasbourg. Causeries biograph. d'un fläneur. 8°. Strasbourg 1883. 

Sowie viele andere Schriften desselben Verfassers. 

Siehe auch DACHEUX. 

SCHERER, W., siehe O. LORENZ. 

SCHMIDT, CH., Histoire du chapitre de St-Thomas. 4°. Strasbourg 1860. 
Strassburger Gassen- und Häusernamen. 2. Aufl. 8 11 . Strassburg 1888. 

SCHMOLLER, G., Strassburgs Blüte und die volkswirtschaftliche Revolution im XIII. Jahrhundert. 
8°. Strassburg 1875. 

Strassburg zur Zeit der Zunftkämpfe und die Reform seiner Verfassung und Verwaltung im 

XV. Jahrhundert. 8°. Strassburg 1875. 
Die Strassburger Tucher- und Weberzunft. Urkunden und Darstellung nebst Regesten und Glossar. 

4°. Strassburg 1879. 
SCHCEPFLIN, J. D., Alsatia diplomatica. 2 voll. fol. Mannheim 1772 5 
Alsatia illustrata. 2 voll. fol. Colmar 1751. 

SCHORBACH, K., Strassburgs Antheil an der Erfindung der Buchdruckerkunst. In der Zeitschrift 

iür die Geschichte des Oberrheins. N. F. VII, 577—655/1892. Eine grundlegende Untersuchung. 
SCHWEIGHÄUSSER, J. G. et M. de GOLBERY. Antiquites de l'Alsace. fol. Mulhouse 1828. 

SEYBOTH, A., Das alte Strassburg vom XIII. Jahrhundert bis zum Jahre 1870. Geschichtliche Topo- 
graphie. 4°. Strassburg 1890. 
SILBERMANN, J. A., Localgeschichte der Stadt Strassburg. fol. Strassburg 1775. 
SPACH, LUDW., Moderne Culturzustände im Elsass. 3 Bände. 8 n . Strassburg 1873—74. 
STRAUB. A., Le Symbolisme de la cathedrale de Strasbourg. 2e 6d. 8°. 1856. 
Le eimetiere gallo-romain de Strasbourg. 81 Strasbourg 1881. 

STROBEL, A. W , Vaterländische Geschichte des Elsasses. 6 Bände. Strassburg 1844,9. 
URKUNDEN UND AKTEN der Stadt Strassburg 

A. Urkundenbuch der Stadt Strassburg. I, 1879, Wiegand. II, 1886, Wiegand. III, 1884, Schulte. 
IV 2 , 1888, Wolfram und Schulte. 

B. Politische Korrespondenz der Stadt Strassburg im Zeitalter der Reformation. I, 1882, Virck. 
II, 1887, Winckelmann. 

WAGNER, R., Geschichte der Belagerung von Strassburg im Jahre 1870. Auf Befehl der Kgl. General- 
Inspektion des Ing.-Corps und der Festungen nach amtlichen Quellen bearbeitet. Berlin 1878. 

WIEGER, FRIEDR., Geschichte der Medicin und ihrer Lehranstalten in Strassburg vom Jahre 1497 
bis zum Jahre 1872. 4'. Strassburg 1885. 

WOLTMANN, A., Geschichte der deutschen Kunst im Elsass. 8°. Mit 74 Holzschnitten. Strassburg 1876 - 



I. ABSCHNITT. 

DIE NATÜRLICHE ENT WICKELUNG DES 
STRASSBURGER LANDES. 

Von 

Landesgeologe Dr. E. Schumacher. 



Zwischen dem Schwarzwalde, Odenwalde, dem Spessart und Vogels- 
berge im Osten, den Vogesen, der Hardt und dem Hunsrtick (soviel wie 
,, Hoher Rücken") im Westen breitet sich, nördlich von den Höhen des 
Taunus, südlich von den Ketten des Jura begrenzt, die grosse Rheinebene 
aus, an deren Rändern die rebenbekränzten Hügel des Rheingaus, der 
Pfalz und der Bergstrasse, sowie die Hügel und Berge des elsässischen 
und südbadischen Landes häufig prächtige Blicke über einen grossen Theil 
des Ganzen gestatten. Wie an geschichtlichen Erinnerungen und Denkmälern 
kaum eine Gegend reicher ist als diese, so spielte sie auch eine bedeutsame 
Rolle in der Entwickelungsgeschichte unseres Planeten. 

Beiläufig in diesen Worten kennzeichnet der Mainzer Geologe Friedrich 
Voltz, ein Namensvetter des berühmten Strassburger Geologen Philipp 
Ludwig Voltz, Eingangs seiner „Geologischen Bilder aus dem Mainzer 
Becken (Mainz 1852)" das Land, in dessen Mittelpunkt etwa das heutige 
Strassburg, die Stätte des herrlichsten Baudenkmals am Mittelrhein, an Stelle 
des alten Argentoratum der Kelten und Römer emporwuchs. Und in der That 
dürften wenige Landstriche unseres Erdtheils bemerkenswerthere Züge in 
geologischer wie historischer Beziehung aufzuweisen haben, als das von 
jenen Grenzen umschlossene Tiefland, welches wir hier entsprechend solchen 
Benennungen wie „ mittelrheinische Thalniederung" (v. Gümbel x ) 1893), 
„Mittelrheinebene" (Leppla 2 ) 1893), u. s. w. als mittelrheinische Ebene, 
mittelrheinisches Tiefland und in ähnlicher Weise bezeichnen wollen, während 
man in der bisherigen einschlägigen Literatur meist noch Bezeichnungen 
angewendet findet wie „oberrheinische" Tiefebene, „oberrheinisches" Tief- 
land, „oberrheinisches" Becken. 

Die geologische Geschichte einer Landschaft spiegelt sich nicht selten 
noch mehr oder weniger deutlich in dem Gange der späteren, historischen 



1 ) Geologie von Bayern, Bd. 2, S. 892. 

2 ) Jahrbuch der königl. preuss. geol. Landesanstalt für 1892, S. 79. 



1 



2 



Gliederung des mittelrheinischen < ItEbietes. 



und culturellen Entwickelungen wieder, zumal in den Verhältnissen, welche 
bei der Anlage von Hauptplätzen massgebend gewesen zu sein seheinen. 
Und so dürfte auch der Leser des vorliegenden Werkes dem im Nach- 
folgenden gemachten Versuche, die hervorragendsten Momente aus der 
natürlichen Entwickelungsgeschichte des Strassburger Landes, mit anderen 
Worten die merkwürdigen geologischen Schicksale dieser Landschaft in 
möglichst vollständigem, wenn gleich gedrängtem Umriss zur Darstellung 
zu bringen, einiges Interesse entgegenbringen. 

Allerdings lässt sich bei einem derartigen Versuche ein näheres Ein- 
gehen auf die Entstehungsgeschichte des ganzen mittelrheinischen Gebietes 
nicht wohl vermeiden, da nur auf diesem Wege eine völlige Anschauung 
von den in Betracht kommenden Erscheinungen zu gewinnen ist. Wir 
werden also mit anderen Worten nicht umhin können, die EntWickelung 
des uns interessirenden Gebietes „im Rahmen der Bildungsgeschichte des 
mittelrheinischen Tieflandes" zu betrachten. Dabei wird es sich dann aber 
um so klarer ergeben, wie das Strassburger Land schon durch seine 
natürliche Vorgeschichte dazu ausersehen war, häufiger und nachhaltiger 
als viele andere Striche unseres deutschen Vaterlandes in die Haupt- 
strömungen der älteren und neueren Geschichte hineingezogen zu werden, 
und dass es somit gewiss nicht ausschliesslich auf blossen Zufälligkeiten 
beruht, wenn gerade auf diesem Boden eine Stätte erblühte, welche so oft 
im Laufe der Jahrhunderte einen Mittelpunkt geistigen Lebens und künst- 
lerischen Strebens für die südwestdeutsche Ecke bildete. 

Wenn wir soeben die Strecke des Rheinthals von der schweizerischen 
bis zur rheinländisch-nassauischen Grenze als mittelrheinische Ebene u. s. w. 
bezeichnet haben, so ist dies mit Rücksicht darauf geschehen, dass der 
Rheinlauf von Basel bis Bingen naturgemäss als Mittellauf aufzufassen 
ist, und dass sich diese Auffassung fast allgemein auch dann festgehalten 
findet, wenn im Widerspruch damit die zugehörige Stromebene als „ober- 
rheinische Tiefebene", die Gebirge zu beiden Seiten dieses Laufes aber als 
„oberrheinisches Bergland" und ähnlich benannt sind. 

1. GLIEDERUNG DES MITTELRHEINISCHEN GEBIETES. 

Nehmen wir Basel und Bingen als Endpunkte, so dehnt sich das 
mittelrheinische Tiefland in seiner Längsrichtung über eine Strecke A r on 
beiläufig 300 km aus. Seine Breitenausdehnung beträgt durchschnittlich 
30 km, steigert sich jedoch etwas unterhalb von Strassburg, also beiläufig 
in der Mitte der Längserstreckung, bis auf etwa 56 km. Der Höhenunter- 
schied zwischen der Ebene einer- und ihren Randgebirgen anderseits, be- 
messen nach dem jeweiligen Abstände der höchsten Erhebungen dieser von 
den tiefsten Punkten jener, beträgt oberhalb Strassburgs, etwas südlich von 
Alt- und Neu-Breisach, ungefähr 1300, v ) in der Breite von Strassburg selbst 



J ) Alt-Breisach 195 m über dem Meeresspiegel; Sulzer Beiehen in den Vogesen 1425, Feldberg 
im Schwarzwald 14^3 m. 



Gliederung des mittelrheinischen Gebietes. 



3 



aber nur noch 830 m. x ) Von hier aus rheinabwärts dachen sich die Vogesen 
schnell nach der sog. „Zaberner Senke" hin ab. Bereits wenig nordwärts 
von Strassburg — zwischen dem Schneeberg und Zabern - - ragen die 
„Niederen oder Sandstein -Vogesen", wie man das linksrheinische Sandstein- 
gebirge im Süden der Hardt häufig benennt, nur mehr 450 m über die 
Rheinniederung empor, und bei Zabern selbst beträgt der bedeutendste 
Höhenunterschied zwischen Gebirge und Tiefland gar nur noch 320 m. 2 ) 

Das auf Tafel I, Fig. 1, mitgetheilte Idealprofil durch Vogesen und 
Schwarzwald", quer zum Streichen der Gebirge, wird uns am deutlichsten 
das Verhältniss des Tieflandes zu seinen gebirgigen Umrandungen für die 
Gegend von Strassburg veranschaulichen können. Es ist, weil auf diese 
Weise ein leichter zu übersehendes Bild erhalten wird, mit lOfacher Ueber- 
höhung gezeichnet, unter Vernachlässigung der kleineren Unebenheiten. 

An einem derartigen Profil, noch mehr an dem in Fig. 2 derselben 
Tafel dargestellten ,, Ideal-Profil durch die Diluvial-Terrassen bei Strassburg" 
welches noch einmal so stark überhöht ist als Profil 1, fällt es deutlich 
in die Augen, dass nur der niedrigste Theil des Tieflandes eine ebene Fläche 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes bildet, welche somit ganz im besonderen 
die Bezeichnung „Rheinebene" verdient. Es ist die A^on dem namengebenden 
Strom, seinen verlandeten oder im Verlanden begriffenen alten Armen und 
den Unterläufen seiner Nebenflüsse durchfurchte „Rheinnieäerung" , an 
deren AVestrande Strassburg selbst liegt. Sie hat bei Strassburg eine 
Breite von 19 km und bildet, wenn man von den tieferen Einschnitten 
absieht, welche durch den Rhein und die Zuflüsse verursacht werden, eine 
nur wenige Meter in der Höhenlage schwankende, also ganz schwach 
wellenförmige Fläche. Deren etwas abweichende Gefälls Verhältnisse auf 
den Strecken oberhalb Strassburgs einer- und unterhalb desselben Ortes 
anderseits kommen in dem ,, Längenprofil des Rheins von Basel bis Bingen," 
Taf. I, Fig. 3 in Folge der angewendeten 50 fachen Ueberhöhung deutlich 
zum Ausdruck. Von Hüningen unterhalb Basel bis Kehl beträgt das 
Gefälle der Stromebene durchschnittlich 0,96 °ioo, während man für die Strecke 
von Kehl bis zur elsässisch-pfälzischen Grenze ein Durchschnittsgefälle 
von 0,53 ° oo erhält. 

An die Rheinniederung schliessen sich beiderseits an vielen Stellen 
mehr oder minder ausgedehnte Terrassenlandsckaften an, welche zumal 
auf elsässischem Gebiet nicht selten in mehreren deutlich über einander 
abgesetzten, nach dem Rhein hin sanft geneigten Bodenstufen gegen das 
Gebirge ansteigen. Die unterste Terrasse, eine typische sog. Diluvial- 
terrasse mit flach wellenförmiger bis ganz ebener Oberfläche, bildet oft 
auf weite Erstreckung ununterbrochen scharf markirte Abstürze gegen die 
Rheinniederung. Nicht selten wird sie jedoch hierbei von einer zweiten, 
höheren und durch unregelmässigere Oberfläche ausgezeichneten Terrasse 
abgelöst, welche streckenweise, die niedere Terrasse bei Seite drängend, 

J ) Strassburg durchschnittlich 140 (ungefähres Niveau des tiefsten Punktes des Bodenseebeckens), 
Basis des Münsters 143,7 m; Schnccberg in den Vogesen 961, Kniebis im Schwarzwald 971 m. 
-) Köpfel bei Zabern 443, Rheinniederung bei Drusenheini 123 m. 

1* 



4 



Gliederung des mittelrheinischen Gebietes. 



sich bis an die Rheinniederung vorschiebt. Diese an manchen Stellen, 
z. B. zw ischen Selz und Lauterburg oder westsüdwestlich von Strassburg, 
zwischen Achenheim und Hangenbieten, unzugänglich steilen uferartigen 
Abstürze sind nichts anderes als die den Hydrotechnikern wohlbekannten 
Hochufer des Rheines beziehungsweise seiner Nebenflüsse, längs deren 
weiten, das Stufen land durchquerenden Stromebenen sich die Erscheinungen 
der Rheinniederung wiederholen. Die obere Terrasse führt dann gewöhnlich 
durch allmählich höher anschwellende Bodenwellen unvermerkt in die 
Zone der Vorhügel oder Vorberge über, Avelche sich ihrerseits nicht immer 
unmittelbar an das Gebirge angliedern, sondern manchmal durch auf- 
fallende, grabenartige Einsenkungen davon getrennt erseheinen. 

Eine solche vollständige Gliederung des mittelrheinischen Stufen- 
landes tritt uns deutlich in den Profilen 1 und 2 der geologischen Tafel 
auf der reichsländischen Seite entgegen, wo wir über den vollkommen 
ebenen Ufergestaden des Rheins zunächst ausgezeichnete und weit aus- 
gedehnte Diluvialterrassen (Hochgestade) entwickelt sehen. Von diesen 
leitet dann niedrigeres Hügelland zu den eigentlichen Vorhügeln der 
Gegend von Wasselnheim und Maursmünster unweit Zabern über. 

Nicht so ist es an vielen anderen Stellen, wo das über die Rhein- 
niederung sich erhebende Vorland in Folge viel geringerer Breitenaus- 
dehnung mit den Vorhügeln der Randgebirge mehr zu einer einzigen, ent- 
sprechend steiler abfallenden Stufe verschmilzt. Der Gegensatz zwischen 
Gebirge und Tiefland erscheint in diesem Falle um so schärfer ausgeprägt, 
wie man es in unserem Durchschnitt, Fig. 1—2, auf der badischen Seite 
sieht. — So tritt die Ebene theils dicht an den Fuss der umrahmenden 
Gebirge heran, theils bleibt sie durch ausgedehnte Vorstufen von diesen 
getrennt. 

Zwei interessante Verhältnisse müssen wir endlich noch kurz er- 
wähnen, wenn unsere Orientirung über den äusseren Bau des mittel- 
rheinischen Tieflandes einigermassen vollständig sein soll. Wir haben be- 
reits im Vorhergehenden beiläufig von einer „Zaberner Senke" gesprochen. 
In der That besteht in der Gegend nördlich von Zabern eine Einsenkung 
im linksrheinischen Gebirge, an welche man am besten die Grenze zwischen 
Vogesen und Hardt verlegt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Rhein- 
thals entspricht ihr eine ähnliche Einsenkung. Es ist die in nordöstlicher 
Richtung von Zabern gelegene, noch schärfer ausgesprochene ,, Senke des 
Kraichgaus" oder „Langenbrückener Senke", w r elche ihrerseits eine natür- 
liche Trennung des Schwarzwaldes vom Odenwalde bedingt. Von der 
Zaberner Senke her vermittelt, wie war schon aus Fig. 1 der Profiltafel 
ersehen haben, ein ausgedehntes Stufenland den allmählichen Uebergang 
zur Stromebene des Rheins. Wir können hier dieses, der Zaberner Senke 
vorgelagerte, buchtenartig in das linksrheinische Gebirge eingreifende Vor- 
stufenland zweckmässig als „Zaberner Bucht" bezeichnen. (Vergleiche hierzu 
auch das Schema Fig. 1 auf Seite 6.) 

Wie sich diese beiden Erscheinungen inmitten des mittelrheinischen 
Gebirgssystems gegenüber stehen, so entsprechen sich zwei andere 



Dur Einbruch des Rheinthales. 



5 



Erscheinungen an den beiden Endpunkten des Tieflandes. Es ist dies 
einmal im äussersten Südwesten die sog. „Burgundische Pforte" bei Beifort, 
welche als eine natürliche südwestliche Fortsetzung des mittleren Rhein- 
thales bereits auf die Möglichkeit einer ehemaligen natürlichen Verbindung 
des Rheinsystems mit dem Rhonesystem hindeutet über eine Gegend, wo 
jetzt nur eine künstliche Wasserverbindung mittelst Kanals besteht. Zum 
anderen ist es in der entgegengesetzten Ecke, nämlich im äussersten Nord- 
osten die „Wetterauer Senke" nördlich von Frankfurt a. M., auf die wir 
zum Schluss dieser einleitenden Betrachtungen als auf eine natürliche 
nordöstliche Fortsetzung des mittelrheinischen Tieflandes noch kurz hin- 
gewiesen haben möchten. 

2. DER EINBRUCH DES RHEINTHALES. 

Ist das Rheinthal zwischen Bingen und Bonn, wie nicht bezweifelt 
werden kann, eine blosse Auswaschungsfurche, ein einfacher schmaler, 
meistens von scharf abgesetzten, steilen Felswänden begrenzter Einschnitt 
in den niederrheinischen Schiefern, durch welche sich der Strom in viel- 
fach gewundenem Laufe seinen W r eg selbst gebahnt hat, so verhält es 
sich mit dem Abschnitt oberhalb von Bingen durchaus anders. Bereits die 
auffallende Breite der mittelrheinischen Ebene weist deutlich darauf hin, 
dass wir nicht gut den Rheinstrom allein für ihre Bildung verantwortlich 
machen können. So haben denn auch schon die ersten mit der Geologie 
der mittelrheinischen Gegenden sich beschäftigenden Forscher ganz richtig 
geschlossen, dass die Einsenkung zwischen Basel und Mainz einerseits 
und die hohe Lage von Vogesen und Schwarzwald anderseits wesentlich 
als Wirkungen einer und derselben Ursache, welche mit der Thätigkeit 
des Rheins nichts zu thun habe, aufgefasst werden müssen. 

Wenn nun der Rheinthalabschnitt, von dem hier die Rede ist, bis- 
weilen kurzweg als „Spaltenthal" bezeichnet wird, so dürfen wir hierbei 
nicht, an einen einfachen Riss in der Erdrinde denken, welcher durch die 
anschwemmende Thätigkeit der Gewässer mit Gesteinstrümmern ausgefüllt 
worden wäre. Es handelt sich vielmehr in diesem Falle um Vorgänge 
ganz ähnlicher Art wie diejenigen, deren Wirkungen so überaus häufig in 
Steinkohlenrevieren an der Zerreissung und gegenseitigen Verschiebung der 
Steinkohlenflötze sammt deren Zwischenmitteln zu beobachten sind. 

Denken wir uns an Stelle des heutigen mittelrheinischen Tieflandes 
und seiner Randgebirge eine in der Richtung des Rheinstroms (nord- 
nordöstlich) verlaufende, langgestreckte Boden-Erhebung mit einer schräg 
zu ihrer Axe, von Südwest nach Nordost ziehenden Einsattelung, welche 
einen höher ansteigenden und steiler gewölbten südlichen von einem viel 
niedrigeren und flacher gewölbten nördlichen Theile trennt. Denken wir 
uns ferner diese Erhebung ihrer ganzen Längserstreckung nach durch 
zwei mit dieser letzteren parallel laufende Sprünge in einen mittleren 
inneren und zwei etwas breitere äussere Streifen zerlegt, so erhalten wir 
damit in grossen schematischen Umrissen den wahrscheinlichen Zustand 



() 



Der Einbruch des Rheinthales. 



Hu ns rück 




Seifort 



des mittelrheinischen [Gebirgssystems beim Beginn der Rheinthalbildung. 
Das Bild der heutigen mittelrheinischen Gebirge aber ergiebt sieh 
endlieh, wenn wir uns nun noch den mittleren Streifen zwischen jenen 
allmählich sich weiter ausbildenden Sprüngen bis zu einer entsprechenden 
Tiefe eingesunken denken. An die Stelle der inneren (höchsten) Theile 

der gedachten Bodehanschwellung 
; fl vo^isberg tritt alsdann eine grabenartige Ein- 

senkung, welche nichts anderes als 
unsere Rheiuebeue darstellt. Die 
zu beiden Seiten der letzteren stehen 
gebliebenen Reste aber des be- 
deutenderen südlichen Gewölbes 
bilden nun als auseinandergerissene 
Theile einer ursprünglich einheit- 
lichen Masse die heutigen Vogesen 
und den Schwarzwald, während 
ebenso die nicht abgesunkenen Reste 
des unbedeutenderen nördlichen Ge- 
wölbes ihrerseits der Hardt und dem 
Odenwalde entsprechen. Letztere 
beiden, [schon viel mehr plateau- 
artigen Bergländer sind sonach in 
ähnlicher Weise mit einem Zwil- 
lingspaar zu vergleichen, wie man 
Vogesen und Schwarzwald als 
echte Zwillingsgebirge zu bezeich- 
nen pflegt. 

Dass die Rheinthalbildung that- 
sächlich nach dem soeben ent- 
wickelten Grundschema vor sich 
gegangen ist, giebt sich auf's Unzweideutigste in dem Schichtenaufbau 
des ganzen Gebietes, in der „Tektonik" der mittelrheinischen Gebirge und 
der mittelrheinischen Tiefebene zu erkennen. Bei letzterer handelt es sich 
somit um ein „ Senkungsthal und es ist deshalb anschaulicher und 
weniger misszuverstehen, wenn wir anstatt von einer Rheinthal -„Spalte" 
etwa von einer rheinischen Grabeusenke oder, wie vielfach üblich, von 
einem Rheinthalgraben sprechen. Bei derartigen Bezeichnungen ist aber, 
wie man sieht, nicht an einen Graben im gewöhnlichen Sinne des Wortes 
zu denken, sondern vielmehr an eine Grabenbildung in dem „tektoni- 
schen" Sinne, wie dieser Ausdruck in der Geologie verstanden wird. — 
Vogesen und Schwarzwald zusammen aber weisen ebenso gewölbeartigen 
Schichtenbau auf wie anderseits Hardt und Odenwald zusammen. Die 
Zaberner Senke ist bedingt durch eine muldenförmige Lagerung der 
Schichten im linksrheinischen Berglande nordwestlich von Zabern, durch 
die sogenannte „Pfalzburger Mulde", deren Mittellinie durch Pfalzburg geht 
(vgl. Fig. 1). 



® Su 

Jura 

7l ßaupt Vtfmafungsspaltew. 

Die unbeseichneten concentrischen Curven 
bringen das Schichtenstreichen in den mittel- 
rheinischen Gebirgen und damit den gewölbe- 
artigen Bau der beiden Doppelgebirge zum Aus- 
druck. 

Fig. 1. Schema der Rhcinthalbildung zwischen 
Basel und Bingen, im Grundriss. 



Der Einbruch des Rheinthales. 



/ 



Im einzelnen gestalteten sieh freilieh die Vorgänge ziemlieh verwickelt. 
Einmal nämlich dürfen wir uns den Einbruch der Massen nicht etwa als 
in einem eng begrenzten Zeitraum zum Abschluss gekommen vorstellen, 
sondern müssen uns vielmehr die Bewegungen während langer geologischer 
Zeitläufe, allmählich abgeschwächt, bis in die Gegenwart hinein fortgesetzt 
denken. Ferner ging das Einsinken nicht gleichmässig und ungestört inner- 
halb des ganzen breiten Streifens vor sich. Mehr oder weniger parallel 
mit den beiden den Innenrändern der Gebirge entlang streichenden Haupt- 
spalten, theilweise auch quer zu diesen verlaufend hatten sich mehr nach 
der Mitte des heutigen Tieflandes zu noch sehr viele andere, unter- 
geordnetere Sprünge herausgebildet. An den zahlreichen Kluftflächen fand 
dann das Absinken der entstandenen einzelnen Felder gegen einander 
stufenartig von beiden Seiten her nach dem jetzigen Rheinlauf hin statt, 
etwa in der Weise, wie es uns die beistehende Skizze, Fig. 2, ganz 
schematisch veranschaulicht. In dieser bezeichnen die Buchstaben S die 
„Yerwerfungsspalten", längs welcher die einzelnen, oft sehr schmalen 
Streifen gegen einander stufenweise und in sehr verschiedenem Grade 
absanken, „verworfen wurden". 




S = Verwerfungsspalten. d = Deckgebirge. Piocän und Plcistocän (Diluvium). 
Fig'. 2. Schema der Rheinthalbildung im Querschnitt. 



Dieses Schema wird sich leicht in Fig. 1 unserer geologischen Tafel 
wiedererkennen lassen, ohne dass besondere Bemerkungen dazu nöthig 
wären. In der Wirklichkeit liegen jedoch die Verhältnisse noch immer ganz 
unvergleichlich verwickelter als in dieser Figur der Deutlichkeit zu liebe 
angenommen ist. Gerade zwischen Strassburg und der Gegend um Zabern, 
welche das Profil durchschneidet, folgen die Verwerfungen vielfach dicht auf 
einander, und es sind auf dieser Strecke vielleicht ebenso viele Hunderte an 
Zahl vorhanden, als deren auf dem Profil einzelne angedeutet sind. Viele 
davon machen sich aber wegen zu geringen Betrages der Verschiebung 
nicht mehr deutlich genug an der Oberfläche bemerkbar, um mit Sicherheit 
erkannt zu werden. Andere sind in Folge der Bedeckung der versunkenen 
Schichten mit losen sogenannten diluvialen Ablagerungen, von welchen 
später die Rede ist, der Beobachtung überhaupt entzogen. Das bereits 
hervorgehobene allmähliche Verlaufen der Vorhügel in die Rheinebene, 
wie es sich im Gebiet der Zaberner Bucht so besonders schön beobachten 
lässt, ist nur der oberflächliche, geographische Ausdruck eines solchen 
inneren, unterirdischen Baues. Und wie hier, so ist überall im Gebiet der 
mittelrheinischen Senke die landschaftliche Abstufung als eine Folge- 
erscheinung der tektonischen Abstufung aufzufassen. Allerdings gilt dies 
nur ganz im allgemeinen, da der sehr ungleiche Verlauf der, gleichzeitig 



8 



Der Einbruch des Rheinthales. 



mit und nach den Senkungen erfolgten, Verwitterung und Abwaschung der 
Schichten zahlreiche Abweichungen von dem idealen Verhältniss zu Wege 
gebracht hat. 

Westlich von Zabern greifen die „Staffelbrüche", einer immer dicht 
auf den andern folgend, tief in die Buntsandsteinmassen des Wasgenwaldes, 
oder richtiger gesagt der Zaberner Senke ein. Indem nun hier gleichzeitig 
die Sandsteinschichten eine muldenförmige Lagerung aufweisen, insofern 
sie dem Südflügel der genannten Pfalzburger Mulde angehören, so kommt 
durch das Zusammenwirken dieser beiden Umstände jene eigenthümliche 
passartige Einsenkung zu Stande, welche zur Folge hat, dass das Berg- 
land an dieser einen Stelle der Zaberner Senke auf einen äusserst schmalen 
Streifen zusammenschrumpft. Das lothringische Plateau und das rheinische 
Tiefland berühren sich hier derart, dass man, der Strasse von Pfalzburg, 
(Metz, Paris) nach Zabern folgend, ohne ein Gebirge zu durchqueren, in 
die Rheinebene hinabsteigen kann. — Dieser Umstand musste naturgemäss 
für die ganze historische und culturelle Entwickelung der benachbarten 
elsässischen Landschaft von einschneidender Bedeutung werden ; nicht zum 
wenigsten für diejenige des von hier aus so leicht erreichbaren Strass- 
burger Landes, welches durch seine besonders ausgezeichnete Fruchtbarkeit 
und die Mannigfaltigkeit der zur Besiedelung einladenden Factoren (leicht 
zu bestellendes, ebenes Ackerland neben grossen Wiesenflächen und Fisch- 
reichthum) von den ältesten Zeiten her einen der Hauptanziehungspunkte 
längs der ganzen Rheinebene gebildet haben wird. Der Baumeister aber, 
welcher einst die so berühmte, seiner Zeit über alle Massen bewunderte 
„Zaberner Steige" erbaute, hat so gleichsam nur ein von der Natur selbst 
im Rohen bereits fertig ausgearbeitetes Project zu Ende geführt, indem er 
einen durch geologische Kräfte geschaffenen natürlichen Treppenbau in 
eine Kunststrasse verwandelte. 

Elie de Beaumont, von welchem wir eine vorzügliche zusammen- 
fassende Darstellung der geologischen Verhältnisse der Vogesen aus dem 
Jahre 1841 besitzen, hatte den Vorgang der Entstehung der heutigen 
mittelrheinischen Gebirge und des mittleren Rheinthals in einigen Haupt- 
punkten bereits richtig erfasst. Er dachte sich zuerst Vogesen und 
Schwarzwald zusammen mit dem Mittelstück emporgewölbt und darauf 
letzteres, gleichsam den Schlussstein des Gewölbes, das Rhein thal er- 
zeugend, in die Tiefe versenkt. Hinsichtlich der Zeit des Vorganges aber 
glaubte er annehmen zu müssen, dass der Einbruch des Mittelstückes 
bereits unmittelbar nach der Ablagerung des Vogesensandsteins, also noch 
vor Abschluss der Buntsandsteinbildung erfolgt sei, Avährend nach der 
gegenwärtig fast allgemein angenommenen, unvergleichlich besser be- 
gründeten Ansicht die Rheinthalversenkung erst viel später, nämlich /'// 
nachjurassi scher Zeit, und zwar der Hauptsache nach während der sog. 
Tertiärzeit, d. i. beiläufig zur Zeit der Braunkohlenbildung Nord-Deutsch- 
lands, stattgefunden hat. 

Man denkt heut zu Tage bei Oberflächenerscheinungen Avie den 
deutschen Mittelgebirgen nicht mehr an Aufblähungen, Emportreibungen 



Der Einbruch des Rheinthales. 



9 



der Erdrinde durch von unten nach oben wirkende, unter den dehnbaren 
Begriff des Vulkanismus fallende Kräfte, wie sie den älteren Geologen bei 
den Problemen der Gebirgsbildung so gern vorschwebten. Selbst bei den 
mächtigen Ketten der Alpengebirge geht man von Grundanschauungen 
aus, welche jenen älteren gerade entgegengesetzt sind, und sogar etwaigen 
gleichzeitig mit der Gebirgserhebung in geschmolzenem Zustande herauf- 
gedrungenen ,, Eruptivmassen" schreibt man im allgemeinen eine lediglich 
passive Rolle bei der Gebirgsbildung zu, so dass jetzt solche Eruptionen 
viel mehr als Begleiterscheinungen dieser letzteren denn als ursächlich 
bedingende Vorgänge aufgefasst werden. 

Der alternden Mutter Erde ist durch die fortschreitende, von der 
allmählichen Erkaltung herrührende Schrumpfung des Erdkernes ihre ur- 
sprüngliche Hülle zu weit geworden, wie etwa nach einem beliebten Gleich- 
niss dem austrocknenden Apfel die Schale zu gross wird. Die gewaltigen 
Runzeln, welche ihr Antlitz als Kettengebirge bedecken, sind etwa mit 
den Runzeln der Schale eines solchen Apfels vergleichbar. Sie erscheinen 
dem modernen Geologen als Falten der langsam dem Erdmittelpunkt zu- 
sinkenden Erdrindenschichten, welche nicht durch hebende Kräfte, sondern 
durch Umsetzung der senkrecht wirkenden Schwerkräfte in seitlichen 
Druck gewaltsam emporgepresst worden sind, indem ein gegenseitiges 
Ausweichen der bereits verfestigten Oberflächenmassen nicht möglich war. 

An einem Querschnitt durch Vogesen und Schwarzwald nehmen wir 
kaum etwas wahr, was in ausgesprochener Weise an die Falten, wie wir 
sie in den Alpen oder im Kettenjura zu sehen bekommen, erinnert. Gleich- 
wohl wird man daran denken, dass der gewölbeartige Schichtenbau der 
Schwarzwald-Vogesen-Masse, welcher übrig bleibt, wenn Avir uns die Stufen- 
brüche als nicht A^orhanden vorstellen, dennoch mit einer schwachen Zu- 
sammenstauung der Schichten durch seitlichen Druck zusammenhänge. 
Denn nachdem man einmal die Vorstellung von gebirgserhebenden Kräften 
in jenem alten Sinne hat aufgeben müssen, liegt es ja so ziemlich auf der 
Hand, dass die Stauchungen der Erdrinde durch seitliche Pressung, zufolge 
beständig sich steigernden Raummangels, ihren Ausdruck nicht ausschliess- 
lich in dem gewaltigen Faltenwurf der Alpengebirge gefunden haben 
können, dass sie Adelmehr ausserdem mehr oder Aveniger allenthalben auf 
der Erdoberfläche, selbst bei den dem Zug nach der Tiefe folgenden, also 
einsinkenden Schollen, in einer flacheren Mulden- und Sättelbildung der 
Schichten ausgeprägt sein Averden. Doch sind eben Faltungen, Avenn wir 
A T on solchen, entgegen der meist angeAvendeten Ausdrucksweise auch hier 
sprechen wollen, in den mittelrheinischen Gebieten jedenfalls nur in ver- 
gleichsweise sehr abgeschwächtem Grade zur Geltung gekommen und 
bis jetzt in allen ihren einzelnen Zügen noch nicht zu übersehen. Die 
Senkungen längs Spalten, Avelche im Rahmen der ganzen modernen 
Theorie freilich wohl auch nur als eine besondere Erscheinungsform der 
Erdrindenstauchung aufzufassen sind, haben wir also bei unserer Be- 
trachtung auf alle Fälle als die Avesentlich massgebenden in den Vorder- 
grund zu stellen. 



to 



Der Einbruch des Rheinthales. 



Wir müssen uns an Stelle des Doppelgebirges anfänglich eine aus 
Trias- und Juraschichten aufgebaute plateauartige Landschaft vorhanden 
denken, wie ja die Nordvogesen heute noeh deutlieh als ein Plateau er- 
scheinen, wenn man sieh die tiefen Thaleinschnitte ausgefüllt vorstellt. 
Durch die zur Tertiärzeit beginnenden und hauptsächlich damals sieh voll- 
ziehenden Senkungen erhielt dieses Plateauland eine mehr oder weniger 
sanfte Abdachung nach Westen und Osten (naeh dem Pariser Becken und 
der schwäbischen Hochebene hin), während das Absinken des Mittelstückes 
zur jetzigen mittelrheinischen Tiefebene den beiderseitigen, gegen diesen 
Landstrich hin gelegenen Steilabfall der Massen bedingte. Die reiche 
Gliederung in Berg und Thal, welehe uns jetzt in den Gebirgen entgegen- 
tritt, ist wesentlich die Nachwirkung dieser Senkungsvorgänge, indem die 
hierdurch hervorgerufenen bedeutenden Höhenunterschiede eine starke 
Steigerung der Abwitterungs- und Abspülungsprocesse für die in der ur- 
sprünglichen hohen Lage verbliebenen Massen herbeiführten. Vogesen 
und Schwarzwald erhielten also ihre gegenwärtige Gestalt in letzter Linie 
durch die allmählich sich steigernde, vielfach bis auf die altkiwstallinischen 
Massen- und Schichtgesteine hinabgreifende Erosion. 

Der Buntsandstein tritt vielfach noch jetzt, stellenweise (an der 
Xaberner Steige) sogar mit seinen obersten Schichten unmittelbar an 
die Kante des Rheinthals heran. Nicht bloss ihn, sondern in gleicher 
Weise die beiden jüngeren Glieder der Trias, Muschelkalk und Keuper, 
sowie die Schichten des Jura, welche jetzt in Folge der nachträglichen Aus- 
waschungen auf der einen Seite bis in die Moselgegenden, auf der anderen 
bis an die Rauhe Alp zurückweichen (siehe die geol. Profiltafel) haben 
wir uns ursprünglich zusammenhängend im Bogen über das Rheinthal 
hinweg ziehend zu denken. Sie bilden über diesem jetzt einen sog. ,, Luft- 
sattel". Den Theil der Juraschichten aber, welcher auf unserer Prohllinie 
etwa in der Gegend von Strassburg das „Sattelhöchste" des wirklich 
vorhanden gedachten Sattels bilden würde, haben wir uns jetzt am 
tiefsten eingesunken und nebst tertiären Ablagerungen unter den Auf- 
schüttungen des Rheins begraben vorzustellen. — Zwischen Avolsheim 
und Dachstein, bei Molsheim, ragt mitten aus der Breuschniederung (kaum 
l /2 km östlich von der Sanct Armuth-Kapelle, südlich von Wolxheim), völlig 
isolirt, eine kleine Kuppe auf, welche von Gesteinen der oberen Abtheilung 
des mittleren Jura oder Dogger (Oolith) gebildet wird. Wir haben es also 
bereits bei diesem, durch seine eigentümliche und tiefe Lage (in 167 m 
über Normalnull) besonders interessanten Vorkommen mit einer versunkenen 
Juratafel zu thun , in welcher die unteren Schichten des Doggers schon 
tief unter die heutigen Thalsohlen hinabreichen. Es ist danach um so 
weniger zu bezweifeln, dass ungefähr in derselben Höhe wie hier auch 
bei Truchtersheim (vergl. Profiltafel), unter dem dort zu Tage tretenden 
Tertiär, mittlerer Jura lagert und dass ferner dessen Schichten weiter 
östlich, bei Strassburg, gleichfalls vorhanden sind, jedoch der Abstufung 
der Landschaft nach dieser Richtung entsprechend in noch beträchtlich 
tieferer Lage. 



Der Einbruch des Rheinthales. 



1 1 



Das triadisch-jurassische Schichtensystem war seiner Zeit in einem 
ausgedehnten Meere, dessen Grenzen sich weit über das mittelrheinische 
Gebiet hinaus erstreckten, zum Absatz gelangt. Insgesammt über 1000 m 
mächtige Massen von Sandsteinen, Kalksteinen, Dolomiten, Thonen u. s. w., 
darunter gleichartig ausgebildete Schichtfolgen wie der Vogesensandstein 
von über 300 m Mächtigkeit, hatten sich auf dem Grunde dieses Meeres 
während ungezählter Jahrtausende ungestört niedergeschlagen. Dass ihre 
Ablagerung nicht durch den Rheinthaleinsturz unterbrochen worden sein 
kann, wie El. de Beaumont noch glaubte, dass mit anderen Worten die 
jetzt in der Rheinthalsenke lagernden Trias- und Juraschichten nicht erst 
nach erfolgter Grabenbildung zum Absatz gelangt sein können, bekundet 
sich vor allem aufs deutlichste in ihrer Ausbildungsweise. Diese lässt 
nicht die geringsten Beziehungen zu ehemaligen nahe gelegenen, in ihrem 
Verlauf dem jetzigen Abfall von Vogesen und Schwarzwald beiläufig ent- 
sprechenden Meeresufern erkennen. Geröllbänke von aus der Nähe stam- 
mendem Material, wie man sie in solchen Fällen anzutreffen gewohnt ist 
und die man bei den späteren, tertiären Ablagerungen auch thatsächlich 
antrifft, fehlen hier gleich anderen, unter entsprechenden Umständen cha- 
rakteristischen Erscheinungen. Die verschiedenen, durch die Verwerfungs- 
spalten gegen einander abgegrenzten Trias-Juratafeln zeigen eine durchaus 
regelmässige, übereinstimmende Reihenfolge einzelner, unabhängig von 
lokalen Einflüssen ausgebildeter Schichten, wie sie nur beim Zerbersten 
einer ursprünglich ungestörten grossen Tafel nach vollendeter Ablagerung 
der gesammten Schichten, also auch der jüngsten vorkommenden Jura- 
bildungen denkbar ist. Von der Anführung aller weiteren, zu Gunsten 
dieser Auffassung sprechenden Verhältnisse kann daher abgesehen werden. 

An die Trias-Jurabildungen schliessen sich hinsichtlich ihrer Lager- 
ungsverhältnisse mehr oder weniger eng die Ablagerungen des sog. Roth- 
liegenden und der produetiven *) Steinkohlenformation an, welche in den 
Vogesen eine nur sehr untergeordnete Rolle spielt. 

Vor der Zeit all' dieser Ablagerungen hatte nun schon einmal ein 
mittelrheinisches Gebirgssystem bestanden. Schon einmal waren Vogesen 
und Schwarzwald Theile eines und desselben Gebirges gewesen. Doch 
war dieses von anderer Art als das spätere, für uns hier allein in Betracht 
kommende. Es hatte sich nach Ablagerung der alten Schiefer und der 
Kulmgrauwacken ähnlich wie die heutigen Alpen durch intensive Faltungs- 
processe gebildet. Die Erhebungen dieses Kettengebirges waren bereits 
wieder beträchtlich abgetragen, als das Triasmeer seine Sedimente ab- 
setzte, und seine Ueberreste sind uns in den aus ungeheuer mächtigen 
Grauwackenschichten, alten Schiefern, Gneissen, Graniten und anderen 
kry stallinisehen Gesteinen gebildeten Kernen der heutigen Gebirge er- 
halten. In den Tiefen des Rheinthalgrabens aber dürfen wir uns, in bis 

l ) Die jüngeren Schichten der Steinkohlenformation werden mit Rücksicht auf die Kohlenfiötze, 
Avelche sie einzuschliessen pflegen, als produetives oder eigentliches Steinkohlengebirgc bezeichnet im 
Gegensatz zum älteren, flötzarmen oder flötzleeren .Steinkohlengebirgc, dem sog. Culra, zu welchem ein 
sehr grosser Theil der in den Vogesen so verbreiteten Gramvacken gehört. 



12 



Der Einbruch des Rheinthales. 



jetzt unergründeter Teufe und gleich den jüngeren (triadischen, jurassischen 
und tertiären) Sedimenten staffeiförmig gegen einander abgesunken, eben- 
falls Trümmer jenes uralten Faltengebirges vorhanden denken. Ihre ehe- 
malige, in höherer Lage verbliebene Fortsetzung nach Osten tritt uns auf 
unserem geologisehen Profil (Taf. I) in den Graniten am Westabfall des 
S eh warz wal d e s entgegen . 

Wie nach den vorstehenden Ausführungen der Ablagerung der Trias- 
und Juraschichten wenigstens einmal eine lange Festlandsperiode voraus- 
gegangen sein muss, während welcher die alten Schiefer und die Grau- 
waeken zum ersten Mal als Gebirge an die Oberfläche traten, so folgte 
wieder auf die Jurazeit eine grosse Festlandsperiode. Nachdem sich die 
jurassischen Schichten abgesetzt hatten, zog sich das Meer zurück und 
muss das Land während der ganzen darauf folgenden Kreidezeit unbedeckt 
gelassen haben, da aus dieser jedwede Spur von Sedimenten in unserem 
ganzen Gebiete fehlt. 

Im Rahmen der nun folgenden Tertiär zeit vollziehen sich der Haupt- 
sache nach die grossartigen Veränderungen, welche das mittelrheinische 
Tiefland geschaffen haben. Zuerst sammeln sich die Gewässer in der im 
Entstehen begriffenen Einsenkung zu Landseen. Bald jedoch sehen wir 
mit der fortschreitenden Vertiefung, zu einer Zeit, als die Alpen noch nicht 
in ihrer heutigen Gestalt bestanden, beiläufig an der Stelle des heutigen 
Tieflandes einen Meeresarm sich ausbreiten. Dieser hing allem Anschein 
nach auf irgend welche Weise sowohl mit dem schweizerischen als auch mit 
dem norddeutschen Tertiärmeere zusammen, stand höchst wahrscheinlich 
auch über das Gebiet der Zaberner Bucht und der Pfalzburger Mulde 
hinweg mit dem nordfranzösischen Tertiärmeer in Verbindung und wälzte 
seine brandenden W ogen gegen die hauptsächlich noch aus Doggergesteinen 
bestehenden Küsten. Schliesslich finden wir das Meer ausgesüsst und wieder 
Leinäscen gebildet, welche nach .und nach auch erlöschen, so dass wir 
ganz am Schluss der Tertiärzeit die mittelrheinische Senke als gänzlich 
trocken gelegtes Land und in diesem bereits vollständig ähnliche Ver- 
hältnisse antreffen wie in der späteren Diluvial zeit , auf deren Verhältnisse 
wir alsbald etwas näher eingehen müssen. 

Die lebende Schöpfung hat sich inzwischen seit der Jurazeit voll- 
ständig geändert. Merkwürdige Vierfüssler wie das elephantenartige 
Mastodon, durch „zitzenförmige" Höcker der gewaltigen Backzähne aus- 
gezeichnet, das Dinotheriuni , gleichfalls ein kolossales „Rüsselthier" mit 
zwei langen, „abwärts" gerichteten Stosszähnen im Unterkiefer, und andere 
Säuger mehr bevölkern das Land. Man trifft ihre Reste in den jung- 
tertiären Stisswassersanden der Rheinebene, und bald wird das Gewaltigste 
der Schöpfung, der Mensch, welcher irgendwo ja offenbar schon zur Tertiär- 
zeit gelebt haben muss, hier auch seinen Einzug halten. 

Näher ist auf die interessante Geschichte dieser Periode, welche nur 
in den Stichworten kurz angedeutet werden konnte, nicht einzugehen. 
Hervorgehoben zu werden verdienen aber gleichwohl als den tertiären 
Ablagerungen des Gebietes eigentümliche Erscheinungen die im Elsass 



Der Einbruch des Rheinthales. 



13 



vorkommenden Erdöl- und Asphaltlager, welche wahrscheinlich durch 
chemische Umwandlungsprocesse aus organischen (thierischen), in Lagunen- 
oder Deltabildungen angehäuften Resten entstanden sind. Die Schichten, 
welche bei Pechelbronn so grosse Mengen Petroleum liefern, sind in einem 
Tiefbohrloch des Bergreviers Oberstritten (Bohrwerk Constant, Bohrloch 
No. 1) im Hagenauer Forst von der Oberfläche an bis zu einer Tiefe von 
620 m getroffen worden, ohne dass man dabei die Unterlage des Tertiärs 
(wahrscheinlich Dogger) erreicht hätte. Der Asphalt, welcher in dem 
Asphaltbergwerk von Lobsann gewonnen wird, gehört bereits etwas 
jüngeren Schichten an. 

Wiederum jünger sind die in der weiteren Umgebung von Strassburg 
bei Truchtersheim, Kolbsheim (westlich von Hangenbieten) und Bläsheim 
(vergl. die geologische Uebersichtskarte S. 32) zu Tage tretenden Tertiär- 
schichten. Als die jüngsten hierher gehörigen Ablagerungen überhaupt 
aber, nicht bloss bei Strassburg, sondern im ganzen Unter-Elsass haben 
wir endlich, wenn von den sogleich noch besonders hervorzuhebenden 
pliocänen Bildungen abgesehen wird, diejenigen zu betrachten, welche am 
,,Lettbuckel u bei Donnenheim, westnordwestlich von Stephansfeld, aus dem 
diluvialen Schwemmland aufragen. Dass in der ganzen Strassburger 
Gegend, entsprechend der Darstellung in Profil Fig. 1 auf Tafel I, das 
Tertiär als Unterlage der jüngeren und jüngsten Bildungen (Diluvium und 
Alluvium) anzunehmen ist, wird abgesehen von den soeben erwähnten 
Vorkommnissen auch noch dadurch sehr bestimmt angedeutet, dass sich 
stellenweise im sog. Sandlöss dicht am Rande der Schiltigheimer Terrasse 
(östlich von Suffelweyersheim) zahlreiche aus tertiären Schichten stammende 
Conchylienschalen eingeschwemmt finden, was auf ein Anstehen dieser 
letzteren Schichten in unmittelbarer Nähe hinweist. — Ueberall, wo man 
im Elsass die Unterlage des Tertiärs kennt, besteht diese aus Ablagerungen 
des Doggers. Es ist somit die weitere in dem Profil gemachte Annahme, 
dass unter dem Tertiär auch bei Strassburg Doggerschichten lagern, A^oll- 
kommen gerechtfertigt. 

Die älteren Tertiärschichten zeigen sich, da der Einbruch wesentlich erst 
nach ihrer Ablagerung erfolgte, noch sehr stark von Verschiebungen be- 
troffen. So sehen wir denn auch auf unserer Profillinie ein gut Stück westlich 
von Truchtersheim das Tertiär scharf gegen die nach dem Gebirge hin 
auftretenden älteren Schichten durch eine bedeutende Verwerfungslinie 
abgeschnitten, und jeder etwaige Versuch, in dem Gebiet westwärts von 
dieser Störungslinie Petroleum aufzufinden, erscheint demzufolge von vorn- 
herein aussichtsslos. Man braucht kaum Geologe zu sein, um bei der Be- 
trachtung eines Rheintalschemas, wie wir es oben gaben, unwillkürlich auf 
die Vermuthung zu verfallen, dass das Bruchfeld der Zaberner Bucht, 
welche sich im Westen der soeben hervorgehobenen Hauptbruchlinie aus- 
dehnt, als eine beim Einbruch des Rheinthals hängen gebliebene, stark 
zerschnittene Scholle aufzufassen sei, welche in ihrer Abwärtsbewegung 
früher zu verhältnissmässiger Ruhe gelangte als der eigentliche „Tertiär- 
graben". Doch ist ein bestimmtes Urtheil. hierüber zur Zeit noch nicht mögl ich . 



14 



Der Einbruch des Rheinthales. 



Die Senkungen haben nun noch während der jüngeren Tertiärzeit 
und durch die ganze nachfolgende Diluvialzeit hindurch in abgeschwächtem 
Grade fortgedauert, und die Nachwehen jener Vorgänge, welche die 
Rheinebene schufen, machen sich selbst in der Gegenwart bemerklich. 

Wenn jetzt noch ab und zu in Strassburg der Boden unter unseren 
Füssen erzittert, glücklicher Weise meist sehr schwach, so werden wir 
durch ein solches Ereigniss daran erinnert, dass die sog". ,, rheinische Mittel- 
spalte", unter welcher wir uns wohl ein System von mehreren Spalten 
vorzustellen haben, sich noch immer in Thätigkeit befindet, indem gering- 
fügige Verschiebungen von Zeit zu Zeit an ihr stattfinden. 

Strassburg ist im Laufe der Jahrhunderte ziemlich oft von Erd- 
erschütterungen betroffen worden, welche zu einem grossen Theil ihren 
Ausgang von der allernächsten Umgebung der Stadt selbst genommen 
haben. Als die bemerkenswerthesten und heftigsten seien hervorgehoben 
diejenige vom Jahre 1289, welche ein starkes Schwanken des Münsters 
verursachte; vom 18. October 1356, bei welcher erhebliche Beschädigungen 
an diesem vorkamen, und 17. September I?>ö7; vom 30. September 1669 und 
12. Mai (2. Mai alten Stils) 1682, bei welcher ein Haus und mehrere Schorn- 
steine einstürzten; ferner vom 3. August 1728 (verschiedentliehe Beschädi- 
gungen am Münster) und endlich vom 8. November 1802. Zu den un- 
bedeutenderen Erschütterungen gehörten die vom l. 1 ) Januar 1802 und 
II. 2 ) Mai 1805. Auch die grossen niederrheinischen Erdbeben vom 29. Juli 
1846 und vom 26. August 1878 wurden in Strassburg verspürt, und noch 
in den allerletzten Jahren haben sich hierselbst schwache Bewegungen des 
Bodens bemerklich gemacht. 

Das erwähnte Beben vom Jahre 1356 ging von Basel aus, welches 
bei dieser Gelegenheit fast völlig zerstört wurde. Auf die Ersehütterung 
vom Jahre 1728, welche sich als senkrechter Stoss kund gab und daher 
Avohl unter Strassburg selbst ihren Ursprung hatte, bezieht sich die be- 
kannte, in Erz gegossene lateinische Inschrift auf der Plattform des 
Münsters, über dem Haupteingang zum Glockengehäuse des Thurmes. 
Das jedenfalls annähernde Zusammenfallen des am 4. oder 5. Dezember 
1690 in Strassburg verspürten Erdstosses mit dem grossen Erdbeben, 
welches damals Wien heimsuchte, mag wohl auf Zufall beruhen, wenn 
man nicht etwa annehmen muss, dass hier eine Beeinflussung südwest- 
deutscher Schüttergebiete durch ein alpines Schüttergebiet stattgefunden 
hat, was auch sonst öfters beobachteten Erscheinungen entsprechen würde. 

Dass das vulkanische Kaiserstuhlgebirge mit den jetzigen Beben der 
Rheinebene im allgemeinen nichts zu thun hat, und dass das Empordringen 
bedeutender Lavamassen, welches hier zur Tertiärzeit stattgefunden hat, 
ebenso wenig mit der Entstehung des Gebirges und des Rheinthales in 
einem ursächlich bedingenden Zusammenhange steht, braucht nach den 
vorangegangenen Ausführungen nur kurz angedeutet zu werden. Es er- 

') Nicht 2. Januar, wie vom Verfasser bei früherer Gelegenheit (Topographie der Stadt Strassburg, 
herausgeg. von Dr. KRIEGER, 1889, S. 5), irrthümlieh angegeben wurde. 
2 ) Nicht 9. Mai, wie an der soeben genannten Stelle angegeben. 



Der Einbruch des Rheinthales. 



15 



giebt sich aus ihnen von selbst, dass die vulkanischen Ausbrüche im 
Kaiserstuhl nur als Begleiterscheinungen der Gebirgsbildung oder richtiger 
gesagt der Rheinthalbildung aufzufassen sind, welche durch die bei der 
letzteren entstandenen Spalten „ermöglicht" wurden. 

Obwohl sich auch noch, wie wir später sehen werden, in der jüngsten 
Tertiär- oder ältesten Diluvialzeit tektonische Vorgänge abgespielt haben 
müssen, welche für die Entwickelung des Rheinthales von den bedeut- 
samsten Folgen gewesen sind, so war doch gegen Ende der Tertiärperiode 
der Aufbau des mittelrheinischen Tieflandes in den wesentlichsten Stücken 
bereits vollendet. Ähnlich aber wie ein im Rohen fertiger Bau eine Ver- 
kleidung zu erhalten pflegt, so erhielt auch unser Tiefland zuletzt eine 
vielfach sehr mächtige Bekleidung in Gestalt der sandig-lehmigen Massen, 
welche die Trias -Juratafeln oftmals in der ganzen Breite des Rheinthals 
beinahe völlig eingedeckt haben. Während man diese Massen früher gemein- 
hin als „Diluvium" (d des Schemas Fig. 2) zusammenzufassen pflegte und 
wesentlich für nachtertiär hielt, weiss man jetzt, dass sie zu einem nicht ge- 
ringen Theil noch der „jüngsten Tertiärzeit", dem sog. „Pliocän" angehören. 

Dieses aus lockeren, leicht beweglichen Massen bestehende Deck- 
gebirge (auch als „Schwemmland" im Gegensatz zu dem älteren „Sedi- 
mentärgebirge" bezeichnet) gliedert sich hauptsächlich in zweierlei ver- 
schiedenartige Bildungen, nämlich einerseits in Saud- und Kiesmassen , 
welche den jetzigen Flussläufen entlang in den verschiedensten, allmählich 
tiefer und tiefer hinabrückenden Niveaus von den Gewässern abgesetzt 
wurden, und anderseits in die als Lehm oder als Löss za\ bezeichnenden 
Gebilde. Unter „Löss" versteht man bekanntlich jene eigenthümlich 
lockere, 1 ) äusserst feinsandige und gleichzeitig kalk reiche, lichtgelb ge- 
färbte Lehmart, welche in den rheinischen Gebieten eine so grosse Rolle 
spielt und, wie anderwärts, so auch in der Strassburger Gegend vielfach 
in grossen Gruben zur Herstellung von Backsteinen abgebaut wird. Die 
verschiedenen Löss- und lössartigen Bildungen, welche man allmählich 
unterscheiden lernte, hat man sich im allgemeinen von unten nach oben 
über einander lagernd zu denken. Sie greifen, gleich einem alles ver- 
hüllenden, nur stellenweise durch nachträgliche Abwaschung schadhaft 
gewordenen Mantel, über die älteren Gebilde jeglicher Art, so auch über 
einen grossen Theil der Geröll-Sande über, welche gewöhnlich von oben 
nach unten in einander gelagert erscheinen. 

Während die Kies- und Sandflächen den Boden für ausgedehnte 
Waldungen, wie den Hagenauer Forst, den Fasanen-Garten (Montzau-Wald) 
bei Zabern, den Bienwald bei Lauterburg, Brumather Wald und die Hart- 
Waldungen bei Mülhausen abgeben und somit nationalökonomisch grossen 
Theils eine ähnliche Rolle spielen wie das die Ebene begrenzende Berg- 
land oder ein Theil der Vorberge, so sind es der Löss und die lössartigen 
A Tassen, welche neben dem milden Klima in erster Reihe die gerühmte 
Fruchtbarkeit des mittelrheinischen Tieflandes bedingen. 



] ) Die Benennung Löss spielt auf die lose Beschaffenheit dieser Bodenart an. 



16 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



Gleichen die höheren Vorhügel und die niedrigeren Theile des 
Gebirges mit ihren herrliehen Laubwaldungen einem Lustpark, welcher 
den stadtmüden Rheinthalbewohner zum Ausruhen in köstlichem Waldes- 
schatten einladet, so bilden die fast baumlosen Lössflächen, deren an sich 
meist eintöniger landschaftlicher Charakter durch den anmuthigen Gebirgs- 
hintergrund bedeutend gehoben wird, so recht eigentlich die Brotbeete 
in dem „schönen Garten", dessen lieblicher Anblick von der Höhe der 
Zaberner Steige aus Ludwig dem XIV., als er vom lothringischen Plateau 
zur Besitzergreifung des Elsass über jene natürliche Freitreppe in's Rhein- 
thal herabstieg, die vielberufenen historischen Worte entlockte. 

3. DIE WIRKUNGEN DER EISZEITEN. 

Um die Entwickelung der Strassburger Landschaft völlig zu verstehen, 
ist es nöthig, die bereits angedeuteten Vorgänge, welche sich während der 
Diluvialzeit und jüngsten Tertiärzeit in dem mittelrheinischen Gebiete ab- 
gespielt haben, etwas näher in's Auge zu fassen. 

Von den Bildungen des Deckgebirges sind es die Sande und Schotter, 
welche wenigstens theilweise unverkennbar mit früheren Vergletscherungen 
der Gebirge, mit ,, Eiszeiten" in Verbindung stehen. Am deutlichsten aus- 
geprägt zeigt sich, wie allenthalben, die letzte Eis seit, deren Spuren bei 
der verhältnissmässigen Kürze des seitdem verflossenen Zeitraumes am 
wenigsten verwischt worden sind. Damals, als ein grosser Theil des nord- 
deutsch-russischen Tieflandes in der Umrahmung der Ostsee und ungeheuere 
Flächenräume des nordamerikanischen Festlandes in ganz ähnlicher Weise 
wie noch gegenwärtig Grönland unter mächtigen Eisdecken begraben 
lagen, überzogen sich auch die Alpen mit einem gewaltigen Firn- und 
Eismeer, von welchem sich Eisströme auf der oberbayerischen Hochebene 
bis in die Nähe von München und im Gebiet des Rheinsystems bis in die 
Nähe des mittelrheinischen Tieflandes erstreckten. In den höheren Theilen 
der Vogesen und des Sehwarzwaldes aber sammelten sich gleichfalls 
mächtige Massen von Firnschnee an, welche sich, zu Gletschereis ver- 
dichtet, aus den an den Kämmen gelegenen Mulden allmählich in die 
Thäler hinabsenkten. 

Die auffallendsten Erzeugnisse dieser Gletscher sind die „Endmoränen" , 
welche als halbkreisförmig thalabwärts gekrümmte Wälle quer über die 
Thäler ziehen und auf der Ostseite der Vogesen ihre schönste Entwicke- 
lung bei Wesserling im St. Amariner- oder Thur-Thal und bei Kirchberg 
im Masmünster- oder Doller-Thal aufweisen. Sie bauen sich aus regellos 
gelagertem, grossen Theils vollständig zerriebenem Schutt (Sand und 
thonigem bis lehmigem Schlamm mit Blöcken und Geschieben) auf, welchen 
die Gletscher aus den oberen Theilen der Thäler ausfegten und an ihrem 
unteren, beständig abschmelzenden Ende ausstiessen. Hier bemächtigten 
sich die Schmelzwässer des Schuttes, führten ihn fort und breiteten ihn, 
als gewöhnliche Flussgeschiebe, Gerolle und Flusssande, die wir der Kürze 
halber zusammenfassend als „Schotter" bezeichnen, in den unteren 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



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Strecken der Thalböden aus, während sich die Moränen durch neues Ma- 
terial ergänzten. So füllten sich diese Thäler unterhalb der Gletscher mit 
Sandmassen, Gerollen und mit Geschieben auf, welche schon nach kurzer 
Fortbewegung im fliessenden Wasser, also in geringer Entfernung von den 
Moränen nichts mehr von der charakteristischen Scheuerung und Schram- 
mung der „ Gletschergeschiebe" wahrnehmen lassen. In der Rheinebene 
vereinigten sich dann die auf solche Weise gebildeten Schuttkegel der 
„Gletscher ströme" mit den vom Rhein aus dem Vergletscherungsgebiet 
der Alpen und schliesslich auch mit den von den rechtsrheinischen 
Gletscherströmen aus dem Schwarz wald mitgebrachten Geröll- und Sand- 
massen. 

Die beistehende schematische Skizze im Längenmassstabe von 1 zu 
500,000 (Fig. 3) mag die besprochenen Verhältnisse veranschaulichen. Wir 
sehen den Schuttkegel des Gletscherflusses (Doller) zur Endmoräne (Moränen- 
wall von Kirchberg) hinführen, in deren Nähe er steiler ansteigt, ein Ver- 
halten, welches in allen ehemaligen Gletschergebieten obzuwalten scheint. 
Der „Schuttkegel des Doller-Thales" vereinigt sich nördlich von Mülhausen, 
die Lösslandschaft umfliessend, mit demjenigen der Thür und mit dem 
ebenfalls gleichalterigen Schuttkegel des Rheins, welcher in der Skizze als 
„Rheinkies-Terrasse" bezeichnet ist. 

W O 
J/loränewali \ 

^ p if " \ Dörnach Mülhausen. Mein/. 

; Voqeserö} ' , J i 

7ii — Moränenschutt, vs — Diluviale Vogcsenschotter und -Sande, rs — Diluviale Rheinschoiter 
und -Saude, a = Alluvium. — T Tertiär. L — Löss. Do — Dollcr-Lauf . 

Fig. 3. 

Die Schottermassen der Schuttkegel „fliessen" deutlich „von den 
Endmoränen ab", und abwohl sie sich in den Vogesen, augenscheinlich 
allenthalben, gleichzeitig auch unter die Moränen schieben, so dass letztere 
auf ihnen aufgesetzt erscheinen, so ist es doch nicht zu bezweifeln, dass 
wenigstens die oberen Lagen der Schotter, welche sich unterhalb der 
Endmoränen abgelagert finden, mit diesen gleichalterig sind. 

Auf den Felsoberflächen, über welche sich die Eisströme bewegten, 
haben sie vielfach ihren Weg selbst verzeichnet, indem sie an zahllosen, vor- 
springenden Stellen jene eigenthümliche Glättung und Streifung erzeugten, 
deren Verwechselung mit ähnlichen Erscheinungen anderen Ursprungs bei- 
nahe unmöglich ist. Die Gletscher schliffe sind aber stets nur dort voll- 
kommen erhalten, wo sie wie etwa am „Glattstein" bei Wesserling erst ver- 
hältnissmässig kurze Zeit durch Hinwegräumung des ehedem bedeckenden 
Gletscherschuttes entblösst sind. 

Als nun das Klima, welches die Vergletscherung herbeigeführt hatte, 
wieder umschlug und sich nach und nach dem heutigen näherte, als die 

9 



18 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



Witterungsverhältnisse wieder weniger feuchte und mildere wurden, be- 
gannen auch die Gletscher zu schwinden. Die Flüsse aber ringen an, sich 
allmählich tiefer und tiefer in die von ihnen selbst vorher abgelagerten 
Schottermassen einzuschneiden. Das Endergebniss der damit eingeleiteten 
Erosionsperiode sind die Flussniederungen, über welche sich jetzt die 
Schuttkegel der Ströme aus der letzten Eiszeit als Terrassen mit vielfach 
deutlich abgesetzten Hochufern erheben. Indem die Gletscher nicht gleich- 
massig, sondern mit etappenartigen Stillständen des Gletscherendes ab- 
schmolzen, bauten sie auf ihrem Rückzüge in grösseren Abständen von 
einander neue, jüngere Endmoränen auf. Zufolge dieser Verwickelung der 
Vorgänge konnte innerhalb der aus den Moränenzonen hinausführenden 
Terrassen eine mehrfache Abstufung entstehen, welche sich mit der Ent- 
fernung von den Ausgangspunkten der Schuttkegel ganz zu verlieren 
scheint. Eine Gletscherflussterrasse aus jener Zeit kann sich mit anderen 
Worten aus einem ganzen System von verschieden hohen untergeordneten 
Terrassen aufbauen. Die tiefstgelegenen Thalflächen unterhalb der End- 
moränen sind aber möglicher Weise nicht als blosse Auswaschungsflächen 
zu betrachten, in sofern sie wahrscheinlich noch eine merkliche Erhöhung 
durch Aufschüttung zur Zeit des letzten Stillstandes der Gletscher, vielleicht 
sogar während eines letztmaligen besonderen Vorstosses der Gletscher 
(einer besonderen letzten, kleinsten Eiszeit) erfahren haben. 

Die klimatischen Aenderungen, welche die Vereisung gewisser Gebiete 
herbeiführten, waren offenbar allgemeiner Natur. Sie betrafen nicht die 
vergletscherten Gegenden allein, sondern zogen auch die umliegenden 
eisfreien Gebiete in entsprechender Weise in Mitleidenschaft. Auch in 
diesen vermehrten sich die Niederschläge, und der klimatische Wechsel 
bedingte auch hier eine ungewöhnlich gesteigerte Transportthätigkeit der 
Flüsse. 

So sehen wir in dieser Zeit auch all' die nördlicheren Zuflüsse des 
Rheins, im besonderen die Zorn, Moder und Lauter bedeutende Schuttkegel 
von Geröll- und Sandmassen aufbauen, welche sich mit ebener, sanft 
abfallender Oberfläche gegen die Rheinniederung hin ergiessen. In der 
Richtung auf diese breiten sie sich manchmal, z. B. derjenige der Lauter, 
ganz ähnlich wie die Schuttkegel der südlicheren Gletscherströme (sog. 
Thur-Delta östlich von Thann) deltaartig aus. Derartige Kies- und Sand- 
flächen, welche gleich den zu den Moränen hinführenden Schuttkegeln der 
südlicheren Zuflüsse des Rheins nicht sehr hoch über den jetzigen Flüssen 
verlaufen, sind also gleichalterig mit diesen letzteren Schuttkegeln, obwohl 
sie nicht gleich ihnen in ehemaligen Gletschergebieten entspringen. Es 
sind eiszeitliche „Flussanschwemmungen" im Gegensatz zu jenen Gletscher- 
flussanschwemmungen, welche man gegenwärtig in der Geologie als 
„fluvio-glaciale Bildungen" zu bezeichnen pflegt. 

Schon aus diesen Verhältnissen ist leicht abzuleiten, dass es durch- 
aus noch nicht nöthig ist, sich die Schuttkegel der vergletscherten Thäler 
ausschliesslich aus ursprünglichem Gletschermaterial aufgebaut zu denken. 
Noch weniger aber wird anzunehmen sein, dass sich die Geröll- und Sand- 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



19 



Auffüllungen der Ebenen gerade nur oder doch hauptsächlich nur während 
der Zeit der grössten Ausdehnung der Gletscher, also zur Zeit, als diese 
die äussersten Endmoränen ablagerten, vollzogen hätten. Die Schotter- 
bildung muss vielmehr offenbar gleichen Schritt mit der Gletscherentfaltung 
gehalten und während der ganzen Dauer der V ergletscherung stattgefunden 
haben, und es erscheint bis jetzt nicht ausgeschlossen, dass sich die tieferen 
Schichten der Diluvialschotter bereits zu Zeiten bildeten, als eine nennen s- 
werthe Gletscherentfaltung kaum noch stattgefunden hatte. 

Gegenwärtig herrscht in unseren Thalern eine Art Gleichgewichts- 
zustand zwischen Erosion und Ablagerungsthätigkeit, zwischen Thalbildung 
und Thalauffüllung. Während sich die Flüsse im allgemeinen wohl in die 
Diluvialschotter einschneiden, wirken sie bei Hochwasserstand im Gebiet 
der angrenzenden niederen Uferstriche anschwemmend. Hierbei entstehen 
dann die ganz jugendlichen Absätze, welche in den Niederungen an die 
Oberfläche treten und gemeiniglich als Alluvium (vergl. Fig. 1 und 2 der 
geol. Profiltafel) bezeichnet zu werden pflegen. 

Vor der letzten Eiszeit hatten sich nun bereits zu dreien Malen 
bedeutende Thalaufschüttungen vollzogen, deren jede von der nach- 
folgenden durch eine grosse Erosionsperiode getrennt war. Im ganzen 
haben wir es demnach mit nicht weniger als vier verschiedenalterigen 
Schotterbildungen zu thun, von welchen immer jede spätere, jüngere in 
einer Auswaschungsfurche der vorhergehenden, älteren zum Absatz ge- 
langte. Auf einem ganz idealen Querschnitt würden diese vier Schotter 
eben so viele Aufschüttungsterrassen über einander bilden, welche der 
Rheinniederung entlang in der Richtung vom Rhein nach dem Gebirge, 
in den Seitenthälern dagegen quer zu diesen auf einander folgen, und 
wobei die oberste Terrasse der ältesten Aufschüttung entspräche. 

In der Wirklichkeit erscheint dieses ideale Verhältniss durch die 
verschiedenartigsten Einflüsse mannigfach gestört. Sehr häufig nämlich 
gelangt ein scharfes, terrassenartiges Absetzen der älteren gegen die 
jüngeren Bildungen nicht mehr zum Ausdruck und zwar zum Theil augen- 
scheinlich in Folge der Fortdauer der Senkungen im Rheinthalgraben, 
besonders wohl in der Mitte, sodann aber auch wegen des Umstandes, dass 
von den älteren Ablagerungen vielfach nur noch zerstreute, weit aus ein- 
ander liegende Bruchstücke der nachträglichen Zerstörung durch die 
Witterungseinflüsse und durch die Abschwemmung entgangen sind. Endlich 
kommt hinzu, dass sich zu gewissen Zeiten an die Schotterabsätze auch 
noch anderweitige Ablagerungen anschlössen, nämlich die lössartigen Bil- 
dungen, von denen namentlich die jüngeren bis zu so bedeutender Höhe 
ansteigen, dass sie alle ältereren Schotter bedecken können. Durch die 
Leichtigkeit, mit der sich das Wasser in das feine Lössmaterial ein- 
schneiden kann, erhalten die ursprünglichen Terrassenoberflächen in 
solchen Fällen einen ganz anderen Charakter, sie erscheinen mehr oder 
weniger stark „coupirt". 

In Folge aller dieser Umstände gestaltet sich ein vollständiges Diluvial- 
profil, auch wenn wir von untergeordneten Verhältnissen ganz absehen, 

2* 



20 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



bereits ziemlieh verwickelt. Wir unterscheiden darin (Fig. 4) die ältesten 
Schotter (ps), deren Ablagerung- den bereits gemachten Andeutungen ent- 
sprechend noch in den letzten Abschnitt der Tertiärzeit, in die „Pliocänzeit" 
fällt, als Pliocän-Schotter von den drei jüngeren Schottern, welche wir 
als älteste (ads), mittlere (mds) und jüngere (jds) Dihroialschotter bezeichnen. 




a — Alluvium. 
Jüngere Lössformation. 

I Jüngerer Löss/elun (J. Decklehm). L Jüngerer Löss. sL Jüngerer Sandlöss. 
Jisl — Schwemmlehm, oft humos (Cultur schickt). 
Aeltere Lössformation. 

la — Aelterer Lösstehm. (Ä. Decklehm). La = Aelterer Löss. sL.a - Aelterer Sandlöss. 
jds Jüngere Diluvial scholl er. mds Mittlere Diluvialschot t er . ads Ael teste Diluvial scholl er. 
ps — Pliocän-ScJiotter (Klebsande, Bleichsande). 

Fig". 4. Ideales Diluvialprofil des Unter-Elsass, quer zum Rhein. 

Die jüngeren Dihivialschottev , Avelehe wir uns gemäss sehon Ge- 
sagtem unter den Alluvionen der heutigen Flüsse hindurchziehend denken 
müssen, umfassen die bereits besprochenen Absätze der Flüsse aus der letzte// 
Eiszeit, also je nach Umständen die Ablagerungen der damaligen Gletscher- 
flüsse. Mit sämmtlichen älteren Sehottern aber verhält es sich durchaus 
ähnlich. Sie sind theils sicher, theils höchst wahrscheinlich unter ebensolchen, 
nur noch gesteigerten klimatischen Bedingungen zum Absatz gelangt. 

Zu den jüngeren Sehottern gehören im Unter-Elsass unter anderem 
die niederen Vogesensand-Terrassen der Lauter längs ihres Laufes unter- 
halb Weissenburg (entlang den Weissenburger Linien). In der Umgebung 
von Strassburg im besonderen sind es die Sand- und Kiesflächen des 
Brumather Waldes sowie des Herren -Waldes zwischen Stephansfeld, 
Hördt, Reichstett und Vendenheim (Reichstetter Terrasse; vergleiche die 
geologische Uebersichtskarte) , welche hierhin gehören, im Ober-Elsass 
dagegen die ausgedehnte Kies- und Sandebene des Ochsenfeldes und 
Nonnenbruchs zwischen Thann und Mülhausen (sog. Thür -Delta) sowie 
die ausgezeichnete grosse, schon von Daubree genauer beschriebene 
Rhein kies-Terrasse zwischen Basel und Mülhausen. Die letztere bildet 
unterhalb Basel, wo sie bis 80 m über den Rhein ansteigt, ein ganzes 
vSystem von 3 bis 4 über einander folgenden , scharf gegen einander ab- 
gesetzten Stufen, deren Bildung den einzelnen, etappenartigen Rückzugs- 
stadien der Gletscher entsprechen mag und demgemäss Adelleicht zum 
Theil durch abwechselnde Aufschüttungen und Auswaschungen infolge 
abwechselnden Stillstandes und Zurückgehens der Gletscher bedingt ist. 
Bei Mülhausen ist eine derartige Gliederung der grossen Rheinterrasse 
(vcrgl. Fig. 3) kaum mehr angedeutet. 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



21 



Wie die jüngeren Diluvialschotter mit der letzten, so stehen die 
mittleren und ältesten Diluvialsehotter in Zusammenhang mit zwei vorher- 
gehenden grossen Vergletscherungen, bei welchen sich die directen, vor 
allem in der Ablagerung von älterem Moränenmaterial zum Ausdruck 
gelangten Wirkungen weiter erstreckt haben als bei der letzten Eiszeit. 

Die mittleren Diluvialschotter, welche mit der vorletzten oder 
„grossen" Eiszeit in Verbindung stehen, begleiten auf der linken Rhein- 
seite unterhalb Basel als höhere, Löss-bedeckte und darum stark coupirte 
Terrasse diejenige der jüngeren Schotter bis Sierenz, halbwegs zwischen 
Basel und Mülhausen. Sie bestehen auf dieser Strecke aus Rheinkies. 
Bei Sierenz liegen jedoch diese älteren Rheinkiese bereits nahezu im 
Niveau der jüngeren, Avelche hier schon eine ziemlich einheitliche, nur 
noch etwa 20 m hohe Stufe bilden, und von da ab sind sie zunächst nicht 
mehr nachweisbar, um erst weit rheinabwärts im Unter-Elsass wieder 
aufzutauchen. Es ist wenigstens nicht das Wahrscheinlichere, dass sie auf 
so weite Erstreckung in Folge nachträglicher, vor Ablagerung der jüngeren 
Schotter erfolgter Abwaschung wirklich gänzlich fehlen. Wir dürfen uns 
also vorstellen, dass sie nordwärts von Sierenz durch Senkungen, welche 
zwischen die vorletzte und letzte Eiszeit fallen, in ein tieferes Niveau 
hinabgerückt wurden, tief genug, um durch die spätere Auffüllung der 
jüngeren Rheinkiese vollständig bedeckt zu werden. 

Im Unter-Elsass gehören zu den Absätzen aus der vorletzten Eiszeit 
der grösste Theil der ausgedehnten Kies- und Sandmassen der Zaberner 
Bucht, soweit sie nicht ganz niedere, theilweise fast unmerklich in die 
Thalsohlen verlaufende Terrassen bilden. In der weiteren Umgebung von 
Strassburg finden sich zahlreiche bemerkenswerthe Aufschlüsse in diesen 
Schichten längs des Rosheimer Baches 1 ) zwischen Innenheim und Ros- 
heim, und endlich sind hierhin zu stellen die tiefsten Schichten in einem 
besonders interessanten Profil am Breusch- Kanal zwischen Hangenbieten 
und Achenheim, etwa 8 Kilom. westlich von Strassburg. Es sind graue 
„Rheinsande", die in diesem geologischen Horizont hier zum ersten Male 
wieder erscheinen, und deren bemerkenswerthes Vorkommen, so entfernt 
von dem gegenwärtigen Bereiche des Rheins, beweist, dass der Haupt- 
strom zur Zeit, als er diese Sande ablagerte, einen weiten Bogen nach 
Westen beschrieb. Sie lagern an der Basis einer über 30 m mächtigen 
Schichtenfolge, welche an einem senkrechten Absturz der Lössterrasse 
gegen die Breusch-Niederung entblösst ist und wohl das schönste Diluvial- 
profil im ganzen Rheinthal bietet. Der Punkt, welcher eine Besichtigung 
auch für den blossen Liebhaber geologischer Studien sehr lohnt, ist auf 
unserer geol. Uebersichtskarte als „Profil von Hangenbieten" besonders 
bezeichnet und lässt sich von der Eisenbahnstation Enzheim oder von der 
Endstation Wolfisheim der Strassenbahn aus leicht erreichen. 2 ) 

1 ) Auf den topographischen Karten als „Rosenmeer-Bach" bezeichnet, Avas offenbar eine ver- 
derbte, aus ,,Rosemer" Bach entstandene Schreibweise ist. 

2 ) Eine den natürlichen Verhältnissen möglichst genau entsprechende Zeichnung dieses ProIiis, 
auf welches wir des Raumes halber nicht näher eingehen können, siehe in den ,, Mittheilungen der 
Commission für d ; e geologische Landes-Untcrsuchung v. Els.-Lothr." Bd. II, 1890, S. 225. — Die Gliederung 
des Löss in älteren und jüngeren (S. L9) ist in dieser Zeichnung allerdings noch nicht durchgeführt. 



22 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



Die älteste Diluvial. zeit , die Zeit der ersten diluvialen (oder dritt- 
letzten) Vergletscherting hat uns Absätze des Rheins nur im südlichsten 
Theile des mittelrheinischen Tieflandes, nämlich im Sundgau, südlich und süd- 
westlich von Mülhausen hinterlassen. Sie nehmen eine noch bedeutendere 
Höhenlage ein als die mittleren Schotter und bilden die augenscheinliche 
Fortsetzung der sog. „Deckenschotter" der Nordschweiz und des Bodensee- 
gebietes, deren Zusammenhang mit einer ehemaligen Alpenvergletscherung 
gegenwärtig wohl ausser Zweifel steht. Aus der Gegend von Hagenthal und 
Yolkensberg westlich von Basel lassen sich die ältesten Sundgau-Rhein - 
schotter in nordwestlicher Richtung gegen Altkirch und Dammerkirch 
und von hier westwärts durch den Pass von Beifort bis in's Saone-Thal 
und somit in's Rhonegebiet verfolgen. Nordwärts von Mülhausen ist 
dagegen bis jetzt nirgends im ganzen Elsass aus dieser Zeit stammendes 
rheinisches Material beobachtet, und die Aussicht, dass man dergleichen 
doch vielleicht noch weiter rheinabwärts irgendwo einmal auffinden könnte, 
ist daher sehr gering. 

Bildungen, welche zu den ältesten Diluvialschottern gestellt werden 
müssen, zum grossen Theil sandig-thonige bis lehmige Massen mit Blöcken, 
zum Theil auch Geröllmassen, sind gleichwohl auch ausserhalb des Sund- 
gaues von sehr zahlreichen Punkten des Elsass bekannt. Sie enthalten 
jedoch durchweg nur aus den Vogesen stammendes Material. Aus diesen 
Thatsachen ist mit Berücksichtigung des über die mittleren Schotter 
Gesagten zu schliessen, dass der Rhein in der ältesten Diluvialzeit, zur 
Zeit der ersten diluvialen Vergletscherung, von Basel nordwestwärts 
bezw. westwärts über Altkirch, Dammerkirch nach dem Saone- Gebiet 
sich bewegte, dass er aber während der nächsten Vergletscherung, 
während der zweiten diluvialen Eiszeit bereits den Weg nach Norden ge- 
funden hatte. 

Die Pliocäu-Schotter endlich verhalten sich ähnlich wie die ältesten 
Diluvialschotter. Auch hier finden wir ausser Sanden und Geröllbildungen 
Sandthone und „Blockthone" vertreten. Die Sande sind zum grossen Theil 
mehr oder weniger thonhaltig und verdienen dann die im Pfälzischen 
übliche Benennung „Klebsande". Von den diluvialen Absätzen, welche 
meist mehr oder weniger unreine, vorwaltend vothe bis rothbraune Fär- 
bungen aufweisen, unterscheiden sich diese Bildungen gewöhnlich schon 
sehr deutlich durch ein gebleichtes Aussehen. Weisse und gelbe Färbung 
herrscht vor.. Kalkgehalt, welcher für die Rheinabsätze jeglichen Alters 
so bezeichnend ist, fehlt vollständig, und ebenso sind bis jetzt nirgends 
Gerolle oder Geschiebe in diesen Schichten beobachtet, welche auf einen 
„plioeänen Rhein" zurückgeführt werden müssten. Alles weist darauf hin, 
dass ausschliesslich die Vogesen und der Schwarzwald mit ihren nörd- 
lichen Fortsetzungen, sowie etwa der Taunus das Material zur ersten 
grossen Kies-, Sand- und Thonaulfüllung des Tieflandes geliefert haben. 
Auch Lager von eigentlichen Thonen stehen mit den Sanden in Verbindung. 
Sie fuhren stellenweise Braunkohle und werden vielfach zur Töpferei und 
Steingutfabrikation (Oberbetschdorf) gewonnen, während die Sandthone 



Die Wirkungen der Eiszeiten. 



23 



auch als Walkererde Verwendung finden, die Sande aber als Bau- und 
Streusand dienen. 

Die pliocänen Ablagerungen spielen trotz der ausgedehnten Zer- 
störung, welcher sie augenscheinlich bereits anheimgefallen sind, noch 
immer eine bedeutende Rolle im mittelrheinischen Tieflande. Im Elsass 
sind sie am verbreitetsten in den nördlicheren Theilen der Zaberner Bucht 
und noch weiter nordwärts im Gebiet südlich von Weissenburg. Sie 
scheinen auf ausgedehnte Strecken die Unterlage der rothen, oft wenig 
mächtigen diluvialen Vogesensande des Hagenauer Forstes zu bilden. Am 
Südrande dieses Waldgebietes aber setzen sie eine breite, von jüngeren 
Ablagerungen beinahe gänzlich entblösste Fläche zusammen, welche die 
Moder-Niederung zwischen Schweighausen und Bischweiler auf der rechten 
Seite begleitet. Die in einer Tiefe von etwa 19 m als Unterlage des Rhein- 
kieses bei Bohrversuchen zum Bau einer Eisenbahn-Rheinbrücke unweit 
Beinheim (1892) angetroffenen grünlichen Thone scheinen nach ihrer Be- 
schaffenheit ebenfalls zum Pliocän zu gehören. 

Aus der unmittelbaren Umgebung von Strassburg sind pliocäne 
Schichten nicht bekannt. Die nächsten Vorkommnisse sind die Geröll- 
Sande, welche nordwestlich von Brumath in den Gruben an der Strasse 
nach Hochfelden gegraben werden, und die tiefsten Lagen in den Kies- 
gruben am Rhein-Marne-Kanal, südwestlich von Brumath, westnordwestlich 
von Stephansfeld. (Die in Strassburg verwendeten gelben Sande kommen 
aus dieser Gegend, während die rothen Mauer- und Stubensande in den 
Gruben im diluvialen Breuschsand bei Lingolsheim gewonnen werden.) 
Von hier ab südlich fehlen sie, zum Theil vielleicht nur oberflächlich, bis 
Epfig und lassen sich dann in zerstreuten Vorkommnissen bis in die Gegend 
von Sentheim im Ober-Elsass, in der Breite von Mülhausen verfolgen, 
während sie zwischen hier und Pfirt im Jura wieder nicht bekannt sind. 
Bei Buchsweiler, unweit Pfirt, hat man dagegen neuerdings ein Vorkommen 
A'on Klebsanden „unter den etwas überkippten Kalken des nördlichen Ge- 
wölbes des Pfirter Jura" beobachtet und bei Hofstetten auf dem Jura selbst, 
so dass möglicherweise letzterer zur Zeit der Ablagerung dieser Thon- 
sande noch nicht so hoch emporgepresst war wie heute. 

Die Pliocänzeit ist die Zeit der ältesten Vergletscherung überhaupt, 
welche sich innerhalb der jüngeren Perioden in manchen Gebieten (Central- 
plateau von Frankreich) hat nachweisen lassen, und deren Spuren wir mit 
Wahrscheinlichkeit auch in gewissen Ausbildungsweisen des elsässischen 
Pliocäns (Blockthone vom Epfiger Berg und des Plettigs bei Dambach) 
angedeutet sehen dürfen. 

Mit den Eiszeiten stehen, um auch dies noch kurz zu erwähnen, die 
meisten, grossen Theils schon erloschenen Seen der Vogesen in sofern in 
Verbindung, als sie wenigstens theilweise durch Gletscherschutt (Moränen) 
aufgestaut sind oder waren. Doch darf man sich nicht ohne weiteres 
hinter jeder Moräne ursprünglich einen See vorhanden denken. — Eine 
besonders eigenthümliche Art von Seen, welche damals gleichfalls in den 
Vogesen vertreten waren, sind die „Eisseen", welche durch Eismassen, 



24 



Die Lösszeiten. 



nicht durch Moränenwälle gestaut waren. Ein solcher See erfüllte dereinst 
den untersten Theil des Westel-Bach-Thales unmittelbar oberhalb Moosen 
kn St. Amariner Thale. Der Gletscher des genannten Haupt-Thales hatte 
die Bildung- dieses Sees bewirkt, indem er durch seine Eismassen die 
Mündung jenes Nebenthaies verschloss, so dass sich in diesem die Schmelz- 
wässer des Seitengletschers aufstauen mussten. Ausgezeichnete echte 
„Deltabildungen" mit sogenannter „Uebergussstruetur", welche im Westel- 
Bach-Thal oberhalb Moosen zu beobachten sind und unter den dortigen 
Lagerungsverhältnissen auf keinem anderen Wege entstanden sein können, 
beweisen unzweideutig das ehemalige Vorhandensein eines solchen Eis- 
sees an dieser Stelle. 

4. DTE LÖSSZEITEN. 

Bedingen die Schotter- und Sandanhäufungen vorwaltend den Land- 
schaftscharakter und den Grad der Cultivirbarkeit der tiefer gelegenen, 
ebeneren Striche, also der eigentlichen Rheinebene, mit ihren seitlichen 
Verzweigungen, und der unmittelbar angrenzenden niederen Terrassen, so 
sind es der Löss und die lössartigen Absätze, welche in erster Linie für 
die landschaftliche Entwickelung und Nutzbarkeit der höheren, hügeligeren 
Gebiete massgebend sind, obwohl sie auch, wie gerade bei Strassburg, in 
ziemlich tiefen Lagen vorkommen. Auf die wesentlicheren Verhältnisse 
dieser letzteren Bildungen müssen wir jetzt noch einen Blick werfen. 

In einem „Lössprofil" sind vor allem mehrere Bildungen von eigent- 
lichem Löss übereinander zu unterscheiden, welche in einem ähnlichen, 
gegenseitigen Verhältniss stehen wie die verschiedenen Schotter. In dem 
Idealprofil Fig. 4 sehen wir einen älteren (La) und einen jüngeren Löss 
(L) entwickelt, beide getrennt durch eine Lelimsclücht (la). Diese Lehm- 
schicht, welche auch fehlen kann, wird bis 5 m und wohl auch darüber 
mächtig und unterscheidet sich gewöhnlich durch eine rothbraune Farbe 
sehr auffallend von dem lichtgelben Löss. Manchmal zeigt sie auch, wie 
in Folge von langer Austrocknung, eine Zerklüftung in unregelmässige 
polyedrische Stücke. Sie ist nach ihrer ganzen Ausbildungsweise und ihrem 
Verhalten zu der unterlagernden, tieferen Lössmasse nichts anderes als 
eine Verwitterungsdecke dieser letzteren, welche eine langandauernde 
Unterbrechung der Lössbildung bekundet. 

Ganz ähnliche, aber noch in der Weiterbildung begriffene, in der Regel 
erst Va bis 1 m und wohl selten mehr als P/a m mächtige Lehmdecken 
(1) trifft man ganz allgemein auch beim jüngeren Löss an, wo dessen Ober- 
fläche keine zu starke 'Neigung besitzt und in Folge dessen der Feuchtigkeit 
eine nachhaltige auslaugende und zersetzende Einwirkung auf den lockeren 
Boden gestattet. Dieser verändert sich dann hauptsächlich in der Weise, 
dass der Kalkgehalt durch das einsickernde Wasser, Avelches sich an der 
Oberfläche zufolge der hier beständig stattfindenden Verwesungsprocesse 
mit Kohlensäure beladet, allmählich aus den obersten Lagen gelöst und 
den tieferen Lagen zugeführt wird. Im älteren Löss findet man häufig 



Die Lösszeiten. 



LT) 



dicht unter der auf solche Weise entstandenen kalkfreien Lehmschicht (la) 
den von oben zugeführten Kalkgehalt in Form von mannigfaltig" gestalteten 
kalkigen Knollen wieder ausgeschieden. Auch sonst kommen derartige, 
durch Zusammenziehung des Kalkgehaltes entstandene Knollen an zahl- 
reichen Stellen lagenweise, jedoch gewöhnlich weitläufiger eingestreut vor. 
Sie werden in den Beschreibungen als Lösspuppen, Lösskindchen, Kalk- 
oder Mergeleoncretionen, in der Volkssprache als „Kupsteine", auch wohl 
als „Erdmännle" bezeichnet. Die dunkele, braune Farbe des Lösslehms 
ist bedingt durch den Gehalt des Lössbodens an gewässertem Eisenoxyd, 
welches erst nach Entfernung des starken Kalkgehaltes in auffälligerer 
Weise als färbender Bestandtheil zur Geltung gelangt. 

Wenn seit dem Ende der Lössbildung überhaupt bis auf die Jetztzeit 
die Verwitterung durchschnittlich nur etwa 1 m tief in die Lössmassen ein- 
zudringen vermocht hat, wie es die Verwitterungslehme des jüngeren Löss 
oder die ,, jüngeren Lösslehme" darthun, so ist die so beträchtlich tiefer 
gehende Verlehmung des älteren Löss ein deutlicher Beweis dafür, dass 
dieser nach seiner Ablagerung ausserordentlich lange Zeit der oberfläch- 
lichen Auslaugung ausgesetzt gewesen sein, mithin sehr lange die Ober- 
fläche selbst gebildet haben muss, bevor er von jüngeren Massen bedeckt 
wurde. 

Zwischen dem älteren Lehm und dem jüngeren Löss schaltet sich 
nun vielfach eine Schicht von theils ebenfalls ganz veiiehmtem, theils sehr 
kalkarmem und etwas sandigem Löss ein, welche durch Beimengungen 
von Humiissiibstanz häufig schwarzgrau bis graubraun gefärbt erscheint. 
Sie kann als eine Art selbständiger Zwischenbildung zwischen dem älteren 
und jüngeren Löss aufgefasst werden, ist jedoch zur jüngeren und nicht 
zur älteren Lössformation zu rechnen, wenn man sie zu einer von beiden 
ziehen will. Solche lehmige Bildungen (hsl der Figur) sind im Gegensatz 
zu den Verwitterungslehmen („ Decklehmen ") des älteren und jüngeren Löss, 
welche nach dem Gesagten «ursprünglich als Löss abgelagerte, an Ort 
und Stelle gebildete Lehmlager» darstellen, unzweifelhafte «Schwemm- 
lehme.» Es sind wirkliche, durch Ziisammenspülnng entstandene Lchm- 
ablagernngen, die man sich aus der Verschwemmung älterer, bereits vorher 
verlehmter Lössmassen oder durch Zusammenschwemmung von solchen 
mit noch unentkalkten lössartigen Massen hervorgegangen denken muss. 

Diese Schwarzerde-(Tchernosjom-)artigen Lehme werden in einem 
normalen Lössprofil von einer mächtigeren Bildung überlagert, welche 
sich aus abwechselnden lössartigen einer- und mehr sandigen oder reinen 
Sand-Lagen andererseits, manchmal auch nur aus fast reinem, aber meist 
deutlich geschichtetem und wenigstens stellenweise feinsandigem Löss- 
material aufbaut. Bei typischer Entwickelung, wie wir sie gerade im 
Unter-Elsass antreffen, ist daher eine solche Bildung zweckmässig als 
Sandlöss zu bezeichnen und in Anbetracht ihres Lagerungsverhältnisses 
als «jüngerer Sandlöss» (s L der Fig.). Von dem nach oben folgenden 
eigentlichen jüngeren Löss unterscheidet sich der Sandlöss ausser durch 
die bereits hervorgehobene, mehr oder minder deutliche geschichtete Aus- 



26 



Die Lösszeitex. 



bildung noch besonders dadurch, dass er neben Schälchen von Land- 
schnecken vielfach auch solche von Süsswasserschnecken eingebettet ent- 
halt. Wo letztere vorkommen, treten sie an Zahl gegen die meist be- 
deutend überwiegenden Landschnecken zurück und merkwürdiger Weise 
scheinen sie in den Seitenthälern, selbst in den grossen Querthälern des 
Elsass, welche die Lösslandschaft senkrecht zur eigentlichen Rheinebene 
durchschneiden, wenigstens mehr nach dem Gebirge hin, gänzlich zu fehlen. 

Die tieferen Lagen des Sandlöss (s L) bilden zusammen mit den 
unteiiagernden Schwemmlehmen (hsl) nach den bisherigen Erfahrungen 
ein Hauptlager für das Vorkommen von Knochenresten der bekannten 
grossen Diluvialthiere wie des Wildpferdes, des bemannten Elephanten oder 
Mammuths (Elephas primigenius) und des wollhaarigen Nashorns (Rhiuo- 
ceros tichovhiniis). Auch Reste von typischen Bewohnern des Nordens 
oder der Alpengegenden, wie des Murmelthieres und des Rens, sind aus 
den Sandlössbildungen oder den Schwemmlehmen bekannt. Dadurch erscheint 
es dann nahe gelegt, dass solche Thiere wie die Gemse, der Schneehase 
und der Alpen Steinbock v ) ) deren Reste sich mit denen der soeben genannten 
Thiere zusammen in einer eigenthümlichen Ablagerung bei Vöklinshofen 
im Ober-Elsass vorfanden, etwa zur gleichen Zeit im Elsass gelebt haben. 
Doch ist ein sicheres Urtheil hierüber zur Zeit noch nicht möglich. 

Der Löss selbst endlich (L), welcher mit Einschluss seiner Lehmdecke 
das ganze Lössprofil nach oben abschliesst, lässt in ganz typischer Aus- 
bildung, die man auch als „echten Löss" bezeichnet, keine eigentliche, 
deutliche Schichtung mehr erkennen. Die in abwechselnden, meist ver- 
schwommen begrenzten Zonen lichtere und etwas dunkelere Färbung der 
Lössmassen, welche man öfters beobachten kann, lässt sich wenigstens 
nicht ohne weiteres als Schichtung im gewöhnlichen Sinne ansprechen. 
Vielmehr beruht diese, zweckmässig als „Bänderung" oder ähnlich zu 
bezeichnende Erscheinung unverkennbar auf einer theilweisen, gewöhnlich 
äusserst schwachen Verlehmung der dunkeleren Streifen in Folge von « zeit- 
weiliger Verlangsamung oder auch periodischer kürzerer Unterbrechung» 
des Absatzes. Die dunkeleren Streifen sind also weniger durch einen 
ursprünglichen Wechsel als durch nachträgliche oder auch gleichzeitig mit 
der Ablagerung erfolgte Veränderung des Materials zu Stande gekommen 
und somit in ihrer Bildung verwandt mit den Lehmdecken 1 und la der 
Lössprofile. - - Der echte Löss enthält nur Schälchen von Landschnecken, 
stellenweise in grosser Zahl, augenscheinlich regellos eingestreut. 

Wie der jüngere Löss von dem jüngeren Sandlöss unterlagert wird, 
so trifft man im Unter-Elsass auch an der Basis des älteren Löss eine 
ausgezeichnete Sandlössbildung an, also einen „älteren Sandlöss 1 ' (sLa der 
Figur), welcher hier sogar vielleicht eine viel grössere Bedeutung hat, als 
sich augenblicklich übersehen lässt. Dieser ältere Sandlöss enthält gleich 



J ) Der letzte Steinboek soll in den Vogesen bekanntlich im Jahre 1798 am Wurzelstcin (halbwegs 
zwischen der Schlucht und dem Daren-See bei Münster) erlegt worden sein. Wilde Pferde aber würde 
es in diesem Gebirge nach DANIEL SPECKEL (Karte des Elsass, 1576) noch im 16. Jahrhundert in 
grosser Menge gegeben haben. 



Die Lösszeiten. 



27 



dem jüngeren eine gemischte, d. h. theils aus Land-, theils aus Süsswasser- 
formen zusammengesetzte Conehylienfauna, während der eigentliche ältere 
Löss wiederum nur Gehäuse von Landschnecken beherbergt. 

Löss einer- und Sandlöss anderseits, oder allgemeiner gesprochen 
ächter Löss und «Schichtlöss» sind, wie sich schon zum Theil aus dem 
bereits Gesagten ergiebt, nicht als räumlich und zeitlich scharf gegen 
einander abgegrenzte Bildungen zu betrachten, in sofern nämlich sowohl 
in vertikaler als auch in horizontaler Richtung allmähliche Uebergänge 
zwischen beiden vorkommen, wie es auch in der Figur auf Grund that- 
sächlich beobachteter Fälle zur Anschauung gebracht ist. Beiderlei Ab- 
lagerungen vertreten sich mit anderen Worten gegenseitig , wenigstens zum 
Theil, in der Weise , dass ein Lössvorkommen von einer bestimmten Stelle 
genau gleichalterig sein kann mit einem Sandlössvorkommen von einer 
anderen Stelle. Doch gilt dies natürlich nur für die Glieder einer und 
derselben Stufe, so dass z. B. niemals ein Vorkommen von «älterem Löss» 
einen «jüngeren Sandlöss» oder auch «jüngeren Löss» vertreten kann. Es 
sind daher naturgemäss, wie auch in der Erklärung der Figur zum Aus- 
druck gebracht ist, älterer Sandlöss und Löss einerseits und jüngerer 
Sandlöss und Löss zusammen anderseits als «ältere» und «jüngere Löss- 
formation» einander gegenüber zu stellen. 

Die jüngere Lössformation überlagert nicht bloss, wie es das Schema 
zeigt, die ältere, sondern erscheint dieser auch gleichzeitig angelagert 
beziehungsweise (in einem vollständigen Thaldurchschnitt) eingelagert. 
Ein derartiges Lagerungsverhältniss weist auf bedeutende Auswaschungs- 
vorgänge, auf «Thalbildungsprocesse» hin, welche zwischen der Bildung 
der älteren Lössformation und derjenigen der jüngeren stattgefunden haben 
müssen, wodurch der Schnitt zwischen beiden um so auffallender erscheint. 

Für das Unter-Elsass, im besonderen auch das Gebiet von Strassburg, 
liegen nun die Verhältnisse so, dass wir uns die «jüngeren Diluvialschotter», 
also die von der letzten Eiszeit herrührenden Kies- und Sandmassen «unter 
jüngerem Sandlöss» hindurch ziehend und «an die ältere Lössformation 
angelagert» denken müssen. Wir haben uns also mit anderen Worten die 
Anschwemmungen der letzten Eiszeit zwischen die beiden Lössformationen 
•seitlich eingreifend, mithin diese Eiszeit selbst zwischen zwei Lösszeiten 
eingeschoben zu denken. Die Gebilde der älteren Lösszeit lagern auf den 
«mittleren Schottern», also den Schottern der vorletzten Eiszeit, können 
aber gleich denen der jüngeren Lösszeit auf alle beliebigen älteren Bil- 
dungen übergreifen. Wie also auf die vorletzte, grosse Eiszeit die ältere, 
so folgte auf die letzte Eiszeit die jüngere Lösszeit. 

Nach einer etwas anderen, besonders für das südliche badische Löss- 
gebiet vertretenen Auffassung wären die Schotter, welche sich zwischen 
den älteren und jüngeren Löss schieben, nicht sowohl auf die letzte Eiszeit 
zu beziehen als vielmehr auf einen besonderen Vorstoss der Gletscher 
innerhalb der vorletzten Eiszeit, während welcher mehrfache bedeutende 
Gletscherschwankungen schon wegen des Vorkommens von Einschal- 
tungen lössartiger Bänke in den Schottern als nicht unwahrscheinlich 



28 



Die Lösszeiten. 



anzunehmen sind. Nach dieser Auffassung, welche wir dem Leser zur 
Ermöglichung eines genaueren Einblickes in den augenblicklichen Stand 
der Dinge nicht haben vorenthalten wollen, wären dann mit der letzten 
Eiszeit im allgemeinen nur diejenigen Ablagerungen in Zusammenhang zu 
denken, welche meist als Alluvium zusammengefasst werden, mit Ausnahme 
natürlich derjenigen, deren Bildung bis in die Jetztzeit fortdauert. Hin- 
sichtlich der thatsächlichen Verhältnisse, d. h. hinsichtlich der Beurtheilung 
der Lagerungsbeziehungen besteht, wie man sieht, auch in diesem Punkte 
bereits gute Uebereinstimmung zwischen den Beobachtungen in A T er- 
schiedenen Theilen des mittelrheinischen Gebietes, zumal zwischen denen 
im badischen und im elsässischen Lössgebiet. Nur bezüglich der theore- 
tischen Auslegung der Thatsachen ist hier vorläufig noch Raum für ver- 
schiedene Meinungen gelassen. 

Fügen wir endlich hinzu, dass die ältere Lössformation durch Ein- 
schaltung von Lehmzonen mehrfach abgetheilt erscheinen kann, so ist das 
Thatsachenmaterial, soweit es uns hier etwa interessiren kann, erschöpft. 
Wir ersehen daraus, dass der Absatz der Lössmassen ebenso wenig einen 
einfachen Verlauf genommen hat als derjenige der Schottermassen. In 
jedem Falle müssen wir auf Grund der auffalligen Erscheinungen an der 
Grenze vom älteren zum jüngeren Löss annehmen, dass wenigstens einmal 
während der Lössbildung ein bedeutsamer Wechsel der Ablagerungs- und 
somit auch der klimatischen Verhältnisse stattgefunden haben muss, welcher 
erst ganz allmählich wieder zu den früheren Verhältnissen zurückführte, 
mag nun ein solcher Wechsel im Sinne unserer eigenen Auffassung oder 
etwa auch in einem anderen Sinne erfolgt sein. 

Die sich nun aufdrängende Frage, wie wir uns etwa die Lössbildungen 
selbst entstanden zu denken haben, können wir nur ganz kurz berühren. 
Wir wollen uns begnügen, lediglich berichtend darauf hinzuweisen, dass 
gegenwärtig die meisten rheinischen Forscher den echten Löss für eine 
wesentlich atmosphärische Bildung halten. Nach dieser, durch die berühmte 
Lösstheorie von Richthofen's zunächst für die Lössgebiete China's 
begründeten Anschauung wären also die eigentlichen Lössmassen auch 
des Mittel -Rhein -Thals als Staubniederschläge aus der Atmosphäre aufzu- 
fassen, welche theils gleichzeitig mit, theils nach ihrer Ablagerung vielfach 
durch Verschwemmung umgelagert wurden, während über die wesentlich 
auf wässerigem Wege erfolgte Bildung solcher Massen wie des Sandlöss 
freilich kein Zweifel bestehen kann. Danach haben wir .uns wenigstens 
während des Absatzes der echten Lössablagerungen eine mehr oder weniger 
,, steppenähnliche" Beschaffenheit der Landschaft vorzustellen, wobei wir 
aber freilich nicht an Steppen im eigentlichsten Sinne des Wortes, nämlich 
nicht an solche Landstriche wie die „Salzsteppen" denken dürfen. Die 
Ähnlichkeit zwischen der damaligen Rheinebene und den heutigen Steppen- 
gegenden würde wesentlich darin zu sehen sein, dass es sich hier wie 
bei den letzteren um ein Gebiet „äolischer" Ablagerung gehandelt 
hätte, welches sein feines, staubartiges Auffüllungsmaterial auf dem Wege 
der Auswehung aus wüstenartigen Landstrichen bezog. Es wäre also 



Der D jlu yta lmensch. 



29 



mit anderen Worten die äolische oder (in dem gedachten Sinne) Steppen- 
Theorie , zu deren Gunsten, wie man wohl zugeben muss, die Gesammtheit 
der bisherigen Beobachtungen im mittelrheinischen Lössgebiet spricht. 

Bei Strassburg besteht aus jüngerem Sandlöss die Oberfläche der 
ausgedehnten „Schiltigheimer Terrasse" (vergl. Karte II) und ferner der 
„Lingolsheimer Terrasse", welche nur eine südliche, durch die breite 
Breuschniederung abgetrennte Fortsetzung von jener bildet. An den Haus- 
bergen schieben sich diese Schichten zwischen älteren und jüngeren Löss 
(den Löss der „Mundolsheimer Terrasse") ein, wie es in den Profilen 1 und 2 
der Tafel I zu ersehen ist. 

Älteren Sandlöss, älteren Löss, Lehmzone und jüngeren Löss finden 
wir in dem ausgezeichneten „Profil von Hangenbieten" (vergl. die geol. 
Übersichtskarte) über den dortigen alten, grauen Rheinsanden entwickelt, 
jüngeren Sandlöss dagegen, von echtem jüngeren Löss überlagert, in der 
HuRS-rschen Grube in Achenheim, 2 km nördlich von Hangenbieten, 
aufgeschlossen. Wer dem schönen Hangenbietener Profil auf dem Wege 
über Achenheim einen Besuch abstatten will, hat beim Verlassen des 
Ortes am Südende Gelegenheit, an mächtigen senkrechten, theihveise durch 
einen grossartigen Ziegeleibetrieb geschaffenen und stellenweise durch 
zahlreiche, wagrecht eingebohrte Wohnzellen von Mauerbienen (Anthophora 
personata) eigenthümlich durchlöcherten Lösswänden die hervorgehobene 
Bänderung deutlich zu beobachten. — Als fernere besichtigenswerthe 
Punkte aus der näheren und weiteren Umgebung Strassburgs wären 
ausserdem etwa noch zu nennen der grosse (zum Fort führende) Hohlweg 
Avestlich von Niederhausbergen sowie derjenige, welcher an der Nordostecke 
von Bläsheim zum Glöckel-Berg hinauf führt. An beiden Punkten ist die 
Entwickelung von Lehmzonen im Löss, an letztgenannter Stelle auch die 
humose Zone an der Basis des jüngeren Löss in schönster Weise zu 
beobachten. 

Für die Entwickelung des Strassburger Landes als geschichtlicher 
Boden ist es jedenfalls von nicht zu unterschätzender Bedeutung gewesen, 
dass das ausgedehnte Gelände der genannten, zwischen den Hausbergen 
und der Rheinniederung sich erstreckenden Terrasse, welche bei Strassburg 
selbst ziemlich nieder, leicht zugänglich und fast eben ist, von fruchtbaren, 
lössartigen Bodenschichten eingenommen wird, während es sich bei den 
benachbarten Landstrichen von ähnlicher Lage um dürftigere Sand- und 
Kiesflächen handelt. Als das Völkerleben in den mittelrheinischen Gebieten 
mächtiger zu pulsiren begann, musste die aufkeimende Cultur von solchen 
Gebieten aus naturgemäss ihre mächtigsten Wellen schlagen. 

5. DER DILUVIALMENSCH ALS JÄGER IM RHEINTHAL. ERSTE 
BESIEDELUNG DES STRASSBURGER LANDES. 

Durch die Verknüpfung der prähistorischen Forschung im Elsass mit 
genauen Ermittelungen der geologischen Stellung der Schichten, ausweichen 
geologisch-prähistorische Funde bis jetzt bekannt sind, ist es in den letzten 



30 



Der Diluvialmensch. 



Jahren gelungen, einige der älteren und vor allem aueh eine Anzahl neuerer, 
besonders wichtiger elsassischer Funde dieser Art geologisch genau ein- 
zureihen. Und wenn ein Ergebniss der Diluvialforschung im Elsass als 
gesichert betrachtet werden kann, so ist es dieses, dass der Mensch hier mit 
den echten Diluvialthier en } dem Mammuth, Rhinoceros, Urstier (Bos 
primigenius), Wildpferd, Murmelthier und Renthier zusammen gehaust hat. 
Er hat nach der Gesammtheit der im Rheinthal gemachten Funde diesen 
Schauplatz zweifellos vor und während der letzten Vergletscherung betreten, 
hat somit den merkwürdigen Anblick mächtiger Firnfelder und Gletscher 
in unseren Bergen erlebt und hat uns verschiedentliche untrügliche Anzeichen 
seiner damaligen Thätigkeit in bis auf die Jetztzeit völlig unverletzt gebliebenen 
diluvialen Schichten hinterlassen. 

Es sind hauptsächlich die lehmigen Bildungen an der Grenze vom 
unteren zum oberen Löss einschliesslich der tiefsten Lagen des Sandlöss, 
welche diese Spuren in Gestalt von zugeschlagenen Steinwerkzeugen und 
Ähnlichem bereits an sehr verschiedenen, weit auseinander gelegenen Punkten 
geliefert haben, so dass man hier mit Recht von einem Cultur Horizont 
reden kann. Geradezu überraschend ist es zu sehen, dass dieser Cultur- 
horizont in dem Diluvialprofil des Rheinthals eine durchaus ähnliche 
Stellung inne hat, wie sie die Schichten, welche im nördlichen Frankreich 
die sog. Mousterien-Werkzeuge einschliessen, in einem Diluvialprofil dieses 
Gebietes einnehmen. *) Die Kunstfertigkeit des damaligen Rheinthal- 
bewohners bewegte sich denn auch etwa auf derselben Stufe wie die des 
Menschen der französischen Mousterien-Periode. Die als Messer, Schaber u. s.w. 
benutzten Steinklingen wurden zunächst als rohe Spähne durch Abspalten 
mittelst Schlags von Knollen feuersteinartigen oder ähnlichen Materials 
gewonnen und diese Spähne dann weiter durch Absprengen zahlreicherer 
kleinerer Scherben mittelst schwächerer Schläge (oder vielleicht auch 
mittelst Drucks 2 ) an den Rändern feiner ausgearbeitet. 

Ein ziemlich grosses und etwas ungewöhnlich geformtes, zelliges 
Quarzgeschiebe, welches sich in einer Lehmgrube im Dorf Hangenbieten mit 
gespaltenen Knochen von Diluvialthieren zusammen inmitten einer gleich- 
mässig feinsandigen Lössschicht vorfand und in Anbetracht seiner (8 cm 
im Durchmesser betragenden) Grösse nicht durch Verschwemmung auf 
diese Lagerstätte gerathen sein kann, dürfte wohl einem Raritätencabinet 
oder einer Kinderstube des Diluvialmenschen entstammen. 

Dieser streifte als Jäger auf den Lössterrassen und in den Niederungen 
umher. Die wilden Pferde, Rinder u. s. w. bildeten seine Jagdbeute. Zu 



J ) Vergleiche J. LADRIERE, Etüde stratigraphique du terrain quaternaire du Nord de la 
France. Annales de la Soc. göol. du Nord, XVIII, 1890, p. 93-276 (275). 

Das von LADRIERE für Nordfrankreich aufgestellte Diluvialprohl dürfte in der Hauptsache 
dem Lössprofil des Rheinthals entsprechen, wenn man anders einmal die an der Basis des ganzen Löss 
stehenden Schotter (unsere mittleren Schotter) mit zum Lössprolil rechnet, was sich, obschon man 
diese Auffassung in der Literatur auch vertreten findet, für gewöhnlich wohl nicht empfiehlt. 

2 ) TISCHLER, Bericht über die archäologische Abth. des Provinzial-Museums im Jahre 1889, in- 
Schriften der Physikalisch-Ökonomischen Ges. Königsberg, 31. Bd. 1890, S. 18—19 des Sitzungsber. 



Der Diluvialmensch. 



31 



Achenheim haben sich, in der schon erwähnten Lehmgrube des Ziegelei- 
besitzers Herrn Hurst, unter dem Sandlöss zahlreiche, immer in derselben 
Weise zur Erlangung des „Markinhaltes" zerschlagene Knochen von Pferd 
und Rind in einer Lehmbildung vorgefunden, welche allenthalben unter der 
Sohle der bereits sehr tief abgebauten Grube angetroffen wird und sich 
überall als eine richtige „Culturschicht" erweist. Die Stelle ist denn auch 
auf der Uebersichtskarte Taf. II als „Culturschicht unter dem Sandlöss" 
durch ein liegendes Kreuzchen ungefähr bezeichnet. 

Mit den Knochen bisweilen fest zusammengebacken, wurden aus dieser 
Schicht eine ganze Anzahl unregelmässig geformter, aber zum Theil deutlichst 
in der erwähnten Weise scharfkantig zugehauener Steine von dunkeler 
Farbe mit anderen Gegenständen zu Tage gefördert. Ein Flussgeröll mit 
dem grössten Durchmesser von etwa 5 cm, welches an einem der heraus- 
geschafften Knochen festsitzt, zeichnet sich durch auffallend regelmässige, 
ellipsoidische Form aus und müsste sich hierdurch besonders gut als 
„Schleuderstein" beim Einfangen von Thieren geeignet haben. Es ist 
deshalb sehr wohl möglich, dass der Urmensch von Achenheim, wie 
Steinmann ausführt, derartige Kiesel in ähnlicher Weise zu jenem Zwecke 
benützte, wie die Tehuelchen in Patagonien bis auf unsere Tage Flussgerölle 
als bola gebrauchten, während sie jetzt dazu Messingkugeln vorziehen, die 
sie in den Ansiedelungen eintauschen. 

Dass die Wohnungsbedürfnisse des vorzeitlichen Menschen höchst 
ursprünglicher Art gewesen sind, wie der Urmensch besonders gern in 
Höhlen und sonstigen Unterschlüpfen ähnlicher Art seine Zuflucht suchte 
und fand, ist bekannt, und es darf hier wohl auch daran erinnert werden, wie 
sich eine ähnliche Art des Wohnens (in abgemauerten, durch überhängende 
Felsen gebildeten Grotten der Conglomeratzone des Vogesensandsteins) bei 
einer armseligen Bevölkerung im Graufthal nördlich von Pfalzburg bis auf 
den heutigen Tag erhalten hat. Für den Achenheimer Diluvialmenschen 
im besonderen sind uns in dieser Beziehung keine Anhaltspunkte gegeben. 
Dagegen wissen wir von ihm, dass er mit dem Gebrauch des Feuers 
bereits vertraut war. Holzkohlen stücke und dergleichen sind gewiss nicht 
immer ein untrügliches Zeichen für ehemalige Anwesenheit des Menschen, 
da sie auch von gelegentlich durch Blitzschlag verursachten Waldbränden 
herrühren können. Wo sie aber unter Verhältnissen wie in der Achen- 
heimer Culturschicht vorkommen, ist wohl kein Zweifel daran gestattet, 
dass es sich um alte Feuerstellen handelt. 

Gleichviel also, ob wir annehmen wollen, dass der Diluvialmensch 
diese Stelle etwa nur zeitweise auf seinen Streifzügen aufgesucht oder dass 
er hier einen dauernden Aufenthalt gehabt habe, in jedem Falle handelt 
es sich um die älteste Besiedelung des Strassburger Landes, von welcher 
uns bis jetzt Kunde geworden ist. 

Eine gewaltige Spanne Zeit liegt zwischen dieser ersten menschlichen 
Niederlassung bei Strassburg und den Spuren, welche uns die ober- 
flächlichsten, aufgearbeiteten Bodenschichten hie und da aus der keltischen 



32 



Die Entwickelung des Rheinstroms. 



und römischen l ) Periode hinterlassen haben. Sie wird uns am besten 
verdeutlicht durch die Mächtigkeit der über der Culturschicht von Achenheim 
abgelagerten Löss- (und Sandlöss-)Massen, welche trotz der seit dem Schluss 
der Lösszeit stattgehabten, jedenfalls sehr bedeutenden Absptilung noeh 
immer 14 bis 18 m beträgt! 

Die Besiedelung- des Rheinthals war offenbar sehon zur Diluvialzeit, 
soweit die Funde zurückreichen, von den gleichen Gesetzen beherrscht, 
welche auch später massgebend gewesen sind. Bei der verhältnissmässigen 
Seltenheit A^on Quellen in Lössgebieten wurde ausser der Umgebung dieser 
besonders die Nachbarschaft der grossen Niederungen aufgesucht. Am Tuni- 
berge in Baden hat man in unmittelbarer Nähe einer nie versiegenden 
Quelle, etwa 25 m über dem heutigen Niveau der Rheinebene bei Munzingen, 
eine Herdstelle, Waffen, Reste zerschlagener Thierknochen u. s. w. 
im Löss angetroffen, und die meisten bisherigen geologisch in Betracht 
kommenden prähistorischen Funde des Elsass stammen aus der Gegend 
zwischen Zabern und Strassburg von Punkten in der Nachbarschaft der 
Zorn- und Breuschniederung. AVenn letzteres zum Theil auch daher rühren 
mag, dass hier die geologischen Untersuchungen augenblicklich am weitesten 
vorgeschritten sind, so muss man doch unwillkürlich daran denken, dass 
dieses Gebiet schon in der Diluvialzeit eine ähnlich bevorzugte Rolle 
gespielt haben mag als zufolge der erörterten Verhältnisse in späterer 
geschichtlicher Zeit. 

6. DIE ENTWICKELUNG DES RHEINSTROMS. 

Seine Beziehungen zu den Nebenflüssen. 

In den früheren Ausführungen haben wir alle die Veränderungen der 
festen Oberfläche, von welchen die mittelrheinischen Gebiete im Verlauf 
der geologischen Zeiten betroffen wurden, in gedrängten Zügen verfolgt, 
soweit sie anders zur Entwickelung der Strassburger Landschaft und 
somit indirect auch zu deren Bedeutung als geschichtlicher Boden in Be- 
ziehung stehen. Es wird sieh zur Vervollständigung des Bildes nun noch 
verlohnen, die Veränderungen des flüssigen Elements, die Entwickelung 
der Flussläufe des Gebietes in ähnlicher Weise zu betrachten. 

Während der ältesten Periode, deren geologische Wirkungen im mittel- 
rheinischen Tieflande wir im dritten Kapitel etwas näher in's Auge gefasst 
haben, während des Pliocäns, können wir nach dem heutigen Stande des 
Wissens von einem Rhein noeh nicht sprechen. In der damaligen mittel- 
rheinischen Tiefebene ging das Gefälle im allgemeinen wohl nach Süden, 
wenn auch irgendwo südwärts von Bingen bereits eine Wasserscheide 
bestanden haben mag, von der aus ein Wasserlauf den nördlichen Theil 
des Gebietes nebst den Gegenden des jetzigen niederrheinischen Schiefer- 

] ) Gleichsam ein „Leitfossil" der römischen Periode im ganzen Rhein- und Mosclgebiet bilden 
Bruchstücke der basaltähnlichen sog. „Mühlsteinlava", welche die Römer bei Niedermendig im Laacher- 
See-Gebict in grossen unterirdischen (jetzt als Bierkeller benutzten !) Gruben abbauten und als geschätzte 
witterungsbeständige Bausteine weit und breit hin verschleppten. Sie linden sich auch bei Achenheim 
im jungen, aus Lüssmaterial gebildeten Oichängeschutt. 



Strafsbwg und seineBauten 



Taf.tt. 




Emil Hochdana S 



Die Entwickelung des Rheinstroms. 



33 



gebirges nach der Nordsee hin entwässerte. Das Vorkommen von plioeänen 
Klebsanden im und am Rande des Jura unter den hervorgehobenen eigen- 
thümliehen Verhältnissen weist darauf hin, dass die plioeänen Gewässer 
sieh über die Gegend dieses Gebirges, welche damals noch eine geringere 
Höhenlage gehabt haben würde, bewegten. 

Zur Deckenschotterzeit hingegen, der Zeit unseres ältesten Diluviums 
oder der drittletzten Vergletscherung können wir bereits bestimmt einen 
Rhein unterscheiden. Doch floss dieser Rhein, wie wir bereits aus dem 
Vorhergehenden wissen, von Basel aus durch den Sundgau und die Pforte 
von Beifort nach dem Rhone-Gebiet ab. Dieser Stromrichtung entspricht 
auch das Verhalten der „Schotterung" in den betreffenden Kiesablagerungen. 
Die flacher geformten Geschiebe zeigen sich nämlich in den ältesten Sund- 
gau-Rheinschottern durchschnittlich in demjenigen Sinne dachziegelförmig 
über einander geschoben, wie man es bei einem in jener Richtung gehenden 
Stromlauf erwarten muss. Man findet sie vorwiegend nach Westen, Nord- 
westen oder Südwesten aufgerichtet. Wichtiger als dies ist aber jedenfalls 
der Umstand, dass man bis jetzt aus dem ganzen mittelrheinischen Tief- 
lande nordwärts von Mülhausen keine Rheinabsätze aus der Decken- 
schotterzeit kennt. 

Die ältesten Rheinabsätze stammen hier aus der Zeit der vorletzten 
oder grossen Vergletscherung. Der Rhein war also damals kein Mittel- 
meerfluss mehr, er hatte sich bereits nordwärts gewandt und schüttete 
zum ersten Male die mittelrheinische Senke mit mächtigen Kies und Sand- 
massen auf, die ihm zum grossen Theil aus vergletscherten Thälern zu- 
geführt wurden. Auch den Lauf durch das niederrheinische Schiefergebirge 
hatte er damals schon inne. 

Das Abschwenken des Stromes nach Norden kann nur mit Niveau- 
veränderungen in einem oder dem anderen Sinne zusammenhängen. Da 
man nun [so wie so genöthigt ist, Senkungen im mittelrheinischen Tief- 
lande auch während noch späterer Zeiten anzunehmen, so erscheint es 
naturgemäss, sich die Umkehr des Rheins durch die Fortdauer des Rhein - 
thaleinbruches bedingt zu denken. Die beträchtliche Niveauerhöhung des 
Sundgaus durch Aufschüttung der Deckenschotter wird freilich viel dazu 
geholfen haben, den Zeitpunkt des Abfliessens der Gewässer nach Norden 
um so früher herbeizuführen. 

Es liegt auf der Hand, dass es eine Uebergangszeit gegeben haben 
muss, da die Rheingewässer noch nach dem Rhonethal flutheten, während 
sie gleichzeitig schon in das Gebiet der mittelrheinischen Senke einzu- 
dringen begannen, indem nach den modernen Anschauungen alle derartige 
Vorgänge nicht ruckweise zu denken sind. Da jedoch auf die Decken- 
schotterzeit eine bedeutende Erosionsperiode gefolgt ist, so werden die 
jedenfalls verhältnissmässig geringen Ablagerungen im Rheinthal aus jener 
Uebergangszeit naturgemäss längst spurlos verschwunden sein, falls der 
Wechsel der Verhältnisse etwa schon vor jener Erosionsperiode statt hatte. 
Vollzog sich dieser aber erst später, so muss er, da er zur Zeit der vor- 
letzten Vergletscherung bereits erfolgt war, mehr oder weniger genau in 

3 



34 



Die EntWickelung des Rheinstroms. 



die zwischen der drittletzten und der vorletzten Eiszeit liegende Erosions- 
periode selbst oder auch in den Anfang der vorletzten Eiszeit fallen. 

Es ist an sich gewiss gut vorstellbar, dass der Rhein, nachdem er in 
das mittelrheinische Gebiet eingebrochen war, auch den Unterlauf durch 
das niederrheinische Schiefergebirge wesentlich selbst erst geschaffen hat, 
indem er die mittelrheinische Senke auffüllte und nach Norden überfloss. 
Doch muss man es wenigstens für höchst unwahrscheinlich halten, dass 
die nördlichen Gebiete nicht schon damals ein ausgebildetes Entwässerungs- 
system besessen haben sollten. Auch würde es in jenem Falle aller Wahr- 
scheinlichkeit nach zur Bildung eines grossen Rheinthalsees gekommen sein, 
welcher auffallende echte Deltabildungen erzeugt haben müsste. Da man 
nun bis jetzt im mittelrheinischen Gebiet keine Bildungen kennt, welche 
auf eine derartige Ent Wickelung in jener Zeit mit Bestimmtheit schliessen 
Hessen, so erscheint uns die Auffassung viel näher liegend und durch den 
augenblicklichen Stand unserer Kenntnisse geradezu geboten, dass der 
Rhein, nachdem er vom mittelrheinischen Gebiet Besitz ergriffen hatte, 
weiterhin einen bereits vorhandenen, der Nordsee .zuströmenden alten 
Flusslauf benutzte und ihn allmählich zu seinem eigenen Unterlauf aus- 
bildete. 

Diesen einmal eroberten Lauf hat er trotz späterer Niveauveränder- 
ungen, welche die durchströmten Landschaften erfuhren, während der ganzen 
Folgezeit behauptet. Vermittelst seiner Erosionskraft gelang es ihm, die 
Hindernisse zu überwinden, welche ihm durch weiteres Absinken des 
mittelrheinischen Grabens, möglicher Weise auch durch eine gleichzeitige 
Aufschiebung eines Theils der nördlichen Randgebirge sowie des Schiefer- 
gebirges entgegen wuchsen. Sollte es selbst in Folge der an die beiden 
letzten Eiszeiten sich anschliessenden Auffüllung des Gebietes durch Löss- 
niederschläge einmal zu einem vollständigen Versiegen der Rheingewässer 
in einer steppenähnlichen Landschaft gekommen sein, so hat sich der 
Rhein später doch wieder mit Leichtigkeit durch die lockeren staubartigen 
Massen hindurchnagen können und es ist ihm möglich gewesen, seinen 
alten Lauf ungefähr wieder zu finden. 

Dass Senkungen im mittelrheinischen Gebiete auch seit dem Beginn 
der vorletzten Eiszeit noch stattgefunden haben, sahen wir schon in dem 
auffälligen jetzigen Verlauf der Oberfläche der mittleren Schotter ange- 
deutet. Bei Basel erhebt sich diese bis zu einer Höhe von 355, bei Sierenz 
bis zu 255 m über Normalnull. Im Profil von Hangenbieten reichen die 
grauen Rheinsande 154, südwestlich von Suftienheim nur noch etwa 136 m 
über den Meeresspiegel, also nicht mehr sehr Adel über den Rheinspiegel 
hinauf. In der Gegend von Darmstadt endlich hat man bei Gelegen- 
heit von Tiefbohrungen Rheinanschwemmungen mit Flussmuscheln und 
Schnecken der älteren (unseren mittleren Schottern entsprechenden) Diluvial- 
zeit in mehr als 100 m Tiefe unter der heutigen Sohle des Rheinlaufes 
(beiläufig 20 m unter dem Meeresspiegel) angetroffen. Dagegen finden sich 
wieder alte Rheinterrassen, deren Alter freilich noch genauer zu bestimmen 



Die Entwickelung des Rheinstroms. 



35 



ist, r ) im rheinischen Schiefergebirge (bei Ehrenbreitenstein mit Schwarz- 
waldgeröllen) 100—200 m über dem heutigen Rheinspiegel, d. i. 150— 250 m 
über dem Meere. Die Vergleichung derartiger Zahlen verdeutlicht am 
besten die vorgekommenen V erschiebungen einzelner Abschnitte des Rhein- 
laufs gegen einander in verticaler Richtung durch Senkungen (oder auch 
Aufschiebungen) während der Diluvialzeit und damit die Anschauung von 
dem Einschneiden des Rheins in das Schiefergebirge während der fort- 
schreitenden Vertiefung der mittelrheinischen Grabensenke und ihrer gleich- 
zeitigen Auffüllung mit Flussabsätzen. 

Es war eine bedeutende Erosionsarbeit, welche der Strom zu leisten 
hatte, um den Kanal durch die das mittelrheinische Becken nach Norden 
abschliessende Schwelle offen zu halten. Am Binger Loch arbeitet er, 
obwohl man ihm mit unausgesetzten Felsensprengungen zu Hilfe ge- 
kommen war, noch immer an der Entfernung der nahezu beseitigten Hin- 
dernisse einer früheren Stromschnelle, welche vor 4—500 Jahren eine Höhe 
von 6 Fuss besessen und das Umladen der Güter von der höheren nach 
der tieferen Wasserspiegelterrasse zwischen Rüdesheim und Bingen nöthig 
gemacht haben soll. 

Fassen wir das über die Entwickelung des Rheinstroms bisher Ge- 
sagte, das Ergebniss einer über dreiviertelhundert Jahre ausgedehnten 
Forschung von Seiten zahlreicher deutscher, französischer und schweizeri- 
scher Geologen, nochmals kurz zusammen, so sehen wir, dass am heutigen 
Rhein drei ganz verschiedenartige Abschnitte zu unterscheiden sind. Der 
Oberlauf, oberhalb Basel, gehört einem ursprünglichen Mittelmeer ström 
an, wie der Unterlauf, beiläufig von Bingen ab, wahrscheinlich einem 
ursprünglichen, selbständigen Nordseestrom angehört. Sollte aber etwa 
diese letztere Strecke aus keinem selbständigen Urstrom hervorgegangen 
sein , so ist sie doch jedenfalls ausschliesslich durch Erosionsarbeit, 
im letzteren Falle des Rheins, entstanden. Der Mittellauf dagegen, 
zwischen Basel und Bingen, ist kein eigentliches Erzeugniss der Thätig- 
keit des Rheins, welcher weit mehr auffüllend als auswaschend im mittel- 
rheinischen Tieflande gewirkt hat. Er ist eine durch die Weiterbildung 
des Rheinthalgrabens bedingte, etwa seit der vorletzten Eiszeit be- 
stehende Verbindungsstrecke zwischen dem Mittelmeer- und dem Nord- 
seestrom. 

Wie sich nun schliesslich im Gefolge der letzten Eiszeit die Rhein- 
niederung bildete, haben wir bereits gesehen, und die einzelnen Momente 
der Entwickelung bis zu dieser Zeit brauchen hier nicht mehr hervor- 
gehoben zu werden, da sie sich, so weit man die einschlägigen Verhält- 
nisse bis jetzt übersehen kann, aus dem in den vorhergehenden Kapiteln 
Gesagten ergeben. Dagegen haben wir jetzt noch, zum Verständniss der 
heutigen und ehemaligen hydrographischen Verhältnisse der Strassburger 
Gegend sowie der mit der Entstehung der Rheinniederung zusammeri- 

J ) Die bisherige Altersbestimmung der Rheinumkehr ist in Rücksicht auf diesen Umstand noch 
keine unbedingt sichere, obschon es als sehr unwahrscheinlich gelten muss, dass sie sich durch spätere 
einschlägige Untersuchungen im niederrheinischen Schiefergebirge wesentlich ändern wird. 

3* 



36 



Die Entwickelung des Rheinstroms. 



hangenden charakteristischen Gestaltung der Hochufer, die früheren und 
jetzigen Vorgänge in der Rheinniederung selbst etwas näher in's Auge 
zu fassen. 

Oberhalb des Kaiser Stuhls hat der Rhein, vielleicht in Folge von 
ganz jugendlichen Senkungen der weiter rheinabwärts gelegenen Gebiete, 
vor dem Beginn der Regulirungsarbeiten abschwemmend gewirkt. Er grub 
hier sein Bett tiefer ein, während er unterhalb, allmählich fortschreitend 
bis in die Gegend von Oppenheim, in der Breite von Darmstadt, mehr und 
mehr sein Bett erhöhte und „verwilderte", mithin ablagernd wirkte. Durch 
Hindernisse, die der Wildstrom sich selbst bereitete, in nur allzu häufiger 
Wiederholung abgelenkt, verlegte er beständig seinen Lauf und bespülte 
bald an der einen, bald an der anderen Stelle die Ränder der Diluvial- 
terrassen, welche durch Unterwaschung meist steile bis senkrechte Bö- 
schungen erhielten. Hierbei entstanden, den Bewegungen des Stromes in 
schlangenähnlichen Windungen (Serpentinen) entsprechend, die mehr oder 
weniger halbkreisförmigen Buchten, aus deren Aneinanderreihung sich 
die Ränder der Diluvialterrassen beiderseits der Rheinebene zusammen- 
setzen. Die vollkommene Uebereinstimmung ihrer Form mit Abschnitten 
von Windungen alter Rheinarme lässt sie in der That leicht als sich 
kreuzende ehemalige Uferbögen des Rheinstroms erkennen, d. h. als die 
an einander gereihten äusseren Bögen von meist vollständig verlandeten, 
oft kaum mehr als leichte Einsenkung angedeuteten Rheinarmen. Das 
beistehende, nach Grebenau wiedergegebene Schema, Fig. 5, veranschau- 
licht uns die Bildung dieser sog. Uferconcaven (Krieger, Topographie von 
Strassburg, 1889) der Lössterrassen im Zusammenhange mit dem serpen- 
tinirenden Lauf des Stromes und den Verlegungen des Flussbettes (0—0' 
und P— P' bezw. P" durch die Theilungsstelle X). Dass aber unter Um- 
ständen auch die Nebenflüsse sich an der Bildung der Uferconcaven be- 
theiligt haben können, bedarf kaum einer besonderen Hervorhebung. 



yv 2 Y\ N i 7 

Rheinniederung j j // \ \ \ 0* \ I 

f I I! \ v - \ // 

Fig. 5. 



Diluvialterrasse 



Wenn nun der Strom von der betreffenden Stelle sein Bett nach der 
Mitte der Rheinebene zu verlegte, so wurde der Steilrand der Löss- oder 
Kiesterrasse allmählich verschleift. Ein etwa in der Nähe mündender 
Zufluss aber, der nun gezwungen war, seinen Lauf weiter in die Rhein - 
niederung vorzuschieben, um den Hauptstrom zu erreichen, gerieth dann 



Die Ent wickelung des Rheinstroms. 



gewöhnlich in den von letzterem verlassenen Arm und konnte einen solchen 
Altrhein häufig bis zu seiner neuen, auf diese Weise oft weit rheinabwärts 
verlegten Mündung benutzen. Bei Hochwasser setzte dann der Nebenfluss 
seinen gewöhnlich kalkarmen bis kalkfreien lehmigen Schlamm auf dem 
vorher abgelagerten, etwas lössähnlichen, kalkreichen Rheinschlick ab, 
oder die Hochwasserabsätze des Nebenflusses traten mit denen des Rheins 
in Wechsellagerung. Besonders bekannt ist der von Daubree beschriebene 
Fall der Verlängerung des unteren Moderlaufes in Folge einer Verschiebung 
des Rheins bei Dalhunden (Fig. 6). Hier mündete noch im Jahre 1808 die 
Moder in den Rhein, dessen Thalweg sich damals 4 km westlich von dem 
heutigen befand. Als dann später der Strom nach der badischen Seite 
abgelenkt wurde, bemächtigte sich die Moder des alten Rheinbettes und 
mündet in Folge dessen jetzt 9 Va km abwärts von Dalhunden in den 
Hauptstrom. 




Fig\ 6. 



Die auffallende Ablenkung in mehr oder weniger nördlicher Richtung, 
welche die Zuflüsse des Rheins auf ihrem Laufe durch die elsässische 
Rheinebene meist erfahren, darf man sich jedenfalls ganz vorzugsweise 
durch derartige Vorgänge bedingt denken. 

Bekanntlich nahm schon Tulla an, dass oberhalb des Kaiserstahls 
ehedem eine Gabelung des Rheins stattgefunden habe und zwar in drei 
Arme, wovon der eine links im heutigen Iiigebiet, der zweite, mittlere 
etwa in der Richtung des jetzigen Laufes, der dritte endlich aber rechts 
vom Kaiserstuhl abfloss. Thatsächlich breiten sich in dem Niederungs- 
gebiet, welches sich zwischen dem Kaiserstuhl einerseits, Tuniberg und 
Nimberg anderseits gegen Riegel hin erstreckt und als eine natürliche 
Fortsetzung der Rheinebene um den. Kaiserstuhl erscheint, Rheinkies- 
ablagerungen aus. Schon hieraus geht hervor, dass der Rhein früher 
auch diesen Weg benutzt hat, und dass nicht etwa die Schwarzwaldflüsse 
allein, was an und für sich auch ganz gut hätte der Fall sein können, 
diese Abzweigung der Rheinniederung aufgeschüttet haben. Der Voll- 
ständigkeit halber mag aber kurz daran erinnert werden, dass Alt-Breisach 



38 



Hydrographische Verhältnisse m-:i Strassburg 



noch zur Römerzeit auf der linken Rheinseite lag und im zehnten Jahr- 
hundert als Insel rings vom Wasser umgeben war, während bei Ihringen 
am Fusse des Kaiserstuhls bekanntlich das ehemalige Rheinbett als trockene 
Rinne noch deutlich zu sehen ist. 

Wenn ferner der Lauf der III, welche den Hauptstrom erst 15 km 
abwärts von Strassburg, d. i. etwa 115 km nördlich von ihrem Eintritt in 
die Rheinebene erreicht, fast in seiner ganzen Erstreekung demjenigen des 
Rheins nahezu parallel bleibt, so lässt sieh dieses auffallende Verhalten in 
der That am ungezwungensten durch die Annahme erklären, dass die III 
unterhalb Mülhausen, wenigstens aber von Colmar ab einem alten Rhein- 
lauf folgt, der allerdings zum Theil bis in verhältnissmässig sehr fern- 
liegende Zeiten zurückdatiren kann. Wenigstens spricht bis jetzt alles zu 
Gunsten dieser Auffassung. x ) 

7. HYDROGRAPHISCHE VERHÄLTNISSE BEI STRASSBURG. 

Bei Strassburg selbst bildet die auffallendste hydrographische Er- 
scheinung ein alter Breusch-Lauf, welcher von Station Enzheim (vergl. 
die geol. Karte, Taf. II) quer durch die Lingolsheimer Sciudlössterrasse 
an Enzheim selbst vorüber durch den ehemaligen Bruchei- und Bluthwald 
in der Richtung gegen Ostwald ging. In einer entsprechend verlaufenden 
schmalen Depression findet man einerseits die bei Strassburg allenthalben 
den Sandlöss unterlagernden diluvialen Breuschsande und -Kiese (auf der 
Karte allein angegeben) durch Auswaschung bloss gelegt und anderseits 
lehmige Sande von ganz ähnlicher Beschaffenheit wie die an der Ober- 
fläche der heutigen Breuschniederung auftretenden abgelagert. Es unter- 
liegt somit keinem Zweifel, dass man es hier mit einer alten Breusch- 
niederung zu thun hat, welche der Fluss (eine ehemalige Fortsetzung der 
Altdörfer Breusch) sogar wahrscheinlich erst in einer der Gegenwart sehr 
nahe liegenden Zeit verlassen hat. 

Die Breusch kann einen solchen Kanal offenbar nicht erst nachträglich 
in die Lössterrasse eingeschnitten haben. Seine Entstehung muss vielmehr 
bis in die Zeit der letzten grossen Aufschüttung des Breusch-Thales, zuerst 
mit diluvialen Schottern und sodann mit lössartigen Massen, zurückreichen. 
In Folge von Unebenheiten der Aufschüttungsfläche war eine Gabelung 
der Breuschgewässer eingetreten, wie ja Aufschüttungen in der Regel zu 
Gabelungen und Stromverlegungen führen. Als dann allmählich die 
Gewässer wieder auswaschend wurden, stellte sich in dem südlichen 
Breuscharm aus irgend welchen Ursachen, etwa in Folge von etwas 
höherer Lage der Oberfläche der Kiese, welche weniger leicht als die 
Lössmassen fortgespült werden, früher als in dem nördlichen oder in den 
nördlichen Armen eine Verlangsamung der Erosion ein. Die Folge davon 

J ) Anders verhält es sich mit dem Neckar, welcher dereinst, auf seinem eigenen Schuttkegel 
nach Norden überftiessend, nachdem er einmal in diese Richtung gerathen war, durch eine nach Westen 
vorgelagerte Dünenkette gezwungen wurde, auf eine weite Strecke der Bergstrasse entlang einen 
nördlichen Lauf einzuhalten. 



Hydrographische Verhältnisse bei Strassburg 



39 



war, class das Wasser anfing in dem südlichen Arm träger zu fliessen und 
schliesslich ganz aus diesem in den nördlichen Arm, dessen Erosionskraft 
um so mehr wuchs, abgezogen wurde. So versiegte der südliche Arm 
und konnte später nicht wieder belebt werden. 1 ) 

Wie mannigfaltig aber endlich die Stromverhältnisse in der Rheinebene 
bei Strassburg bis in die jüngste Zeit hinein gewechselt haben müssen, das 
verdeutlichen uns bereits die zahlreichen, oft nur noch schwer zu erkennenden 
ausgetrockneten Rinnsale, welche auch hier das Gelände durchziehen und 
nur zum kleinsten Theil auf früheren künstlichen Anlagen von Gräben 
beruhen. So lange der Vater Rhein, noch gänzlich unbehindert durch die 
Eingriffe des Menschen, ein freies, ungebundenes Leben führen durfte, war 
eine fortwährende Umbildung der Unterläufe der Seitenflüsse in dem schon 
erörterten Sinne an der Tagesordnung, und wegen des Zusammentreffens 
zweier grosser Wasseradern, der III und der Breusch mit dem Hauptstrom 
in der Strassburger Gegend complicirten sich hier die Verhältnisse ganz 
besonders, so dass sie auch augenblicklich noch nicht in allen Einzelheiten 
genau zu übersehen sind. 

Dass die bei Strassburg vom Rhein ehemals zurückgelassenen Altrheine, 
mit welchen auch die Uferconcaven der Lössterrasse unterhalb Strassburgs 
zusammenhängen mögen, zunächst von der Breusch benutzt wurden, wird 
durch mancherlei Verhältnisse mehr oder weniger bestimmt angedeutet. Das 
Vorkommen von Breuschanschwemmungen auf der Südseite der Stadt in 
östlicher Richtung bis über das Spitalthor, also über den heutigen Ill-Lauf 
hinaus beweist jedenfalls, dass die Einmündung der III in den Rhein auf 
einer früheren Entwickelungsstufe des Flusssystems noch oberhalb von 
Strassburg, also weit südwärts von der heutigen Vereinigungsstelle statt- 
gefunden haben muss. 

Durch diese Verhältnisse wird es dann schon angezeigt, dass der 
Ill-Lauf unterhalb von Strassburg verhältnissmässig jungen Datums sei.*) 
Die III mag wohl in früherer Zeit, alten längs der Lössterrasse nördlich 
von Schiltigheim sich hinschlängelnden Rheinläufen folgend , die ziemlich 
ausgedehnten Lehmmassen zum Absatz gebracht haben, welche sich am 
Rande der Diluvialterrasse nördlich von Bischheim ausbreiten, von kalk- 
haltigem Rheinalluvium unterlagert und zum Theil von Moorboden oder 
Torf überlagert werden. Durch ihre geringe Durchlässigkeit mögen diese 
Lehmablagerungen nach der Ablenkung des Ill-Laufes gegen den jetzigen 



1 ) Eine ähnliche Gabelung" hatten die Gewässer der Lauter innerhalb des erwähnten jung- 
diluvialen Schuttkeg-els erfahren, welcher sich von Weissenburg- aus mit deltaförmiger Verbreiterung 
in die Rheinebene ergiesst. Eine alte Lauternicderiing, deren unterer Theil vom heutigen Hardt-Bach 
benutzt wird, begleitet aus der Gegend südöstlich von Altenstadt bei Weissenburg die Landstrasse 
nach Lauterburg im Süden, während sich die Niederung der heutigen Lauter nördlich neben jener 
Strasse hinzieht. Beide Niederungen verlaufen fast genau parallel mit dem Südrande des Lauterdeltas. 
Eine andere, auf den topographischen Karten deutlich hervortretende ehemalige Lauterniederung lässt 
sich längs des nördlichen, von Altenstadt in etwa nordöstlicher Richtung gegen Rheinzabern in der 
Pfalz verlaufenden Randes des Lauterdeltas verfolgen. Den unteren Theil dieser Niederung benutzt der 
jetzige Otter-Bach. 

2 ) Vergleiche hierüber sowie über die früheren Wasserläufe bei Strassburg überhaupt auch die 
Ausführungen auf S. 32-36 der KRIEGER'schen Topographie von Strassburg, 1889, sowie die Mittheilungen 
der Commission für d. geol. Landes-Unters. v. Els.-Lothr., Bd. II, 1890, S. 213-214. 



40 



Hydrographische Verhältnisse bei Strassburg 



Rhein theilweise mit zur Entstehung" jener Torflager beigetragen haben, 
welche wie überall die durch die alten Flussläufe geschaffenen Depressionen 
erfüllen. 

Die durch Torflager und moorige Lehmböden gekennzeichneten Ricd- 
bildungen, welche wir hiermit noch kurz zu berühren Gelegenheit linden, 
sind wie so ziemlich überall einer der jüngsten geologischen Typen, deren 
Entstehung gleichwohl in manchen Fällen weit in prähistorische Zeiten 
hinein zurückreichen kann. Sie erlangen in der Umgebung von Strassburg, 
auf der elsässischen Seite, einerseits erst nordwestlich und nördlich von 
Wanzenau (Zorn-Ried) und anderseits südlich von Bläsheim (Andlau-Ried) 
grössere Bedeutung. 

Auf der Benutzung alter Rheinläufe durch die Nebenflüsse beruhen 
dann vor allen Dingen auch die bemerkenswerthen Verbindungen zwischen 
III und Rhein , welche durch die Kraft zwischen Erstein und Plobsheim, 
den Krummen Rhein oder Krümmerich , Rheingiessen ( Johannesgiessen) und 
Wuhrgiessen (oder Blumengiessen) bei Strassburg und den Steingiessen 
zwischen Ruprechtsau und Wanzenau (bei „Fuchs am Buckel' 4 ) bewerkstelligt 
werden oder wurden. Ein Theil dieser Verbindungsläufe (intermediäre 
Wasser laufe, KRiEGER'sche Topographie, 1889, S. 93) führt je nach dem 
im Hauptstrom einer- und im Nebenfluss anderseits herrschenden Wasser- 
stande bald Rhein-, bald Illwasser. AVährend sie für gewöhnlich der 
Hauptmenge nach Rheinwasser enthalten, führen sie dagegen bei Hoch- 
wasserstand der III, wenn nicht gleichzeitig der Rhein sehr hoch steht, 
hauptsächlich Illwasser, und die Strömung geht alsdann in ihnen rückwärts 
nach dem Rhein zu. Zu diesen Wasserläufen gehören besonders der Krumme 
Rhein mit seiner nördlichen Abzweigung, dem Ziegelwasser , ferner der 
Johannes- oder Rheingiessen /) welcher aus dem Kleinen Rhein oberhalb 
der Kleinen Rheinbrücke kommt, beim Wasserthurm an der Citadelle in 
das Stadtgebiet eintritt und von hier an als überwölbter Kanal unter der 
Züricherstrasse hinzieht, um sich bei der Wilhelmer Brücke (am ehemaligen 
Katzensteg) mit der III zu vereinigen, endlich noch der Franzosen-Kanal 
Auf der geologisch-hydrographischen Uebersichtskarte Taf. II sind diejenigen 
dieser Wasserläufe, welche jetzt noch bestehen, durch Blaudruck hervor- 
gehoben ; Rhein und III sind grün dargestellt. - - Ferner ist hierbei zu 
vergleichen die Karte der ehemaligen Flussläufe bei Strassburg, Taf. III, 
welche mit einigen formellen Aenderungen dem KRiEGER'schen Sammel- 
werk, 1889, Abschnitt 2, entnommen ist. 

Wie man durch grossartige Meliorationsarbeiten in der Rheinebene 
und den sich ihr angliedernden niederen Strichen den Grundwasser stand 
der Riedgebiete zu senken sucht, um ausgedehnte Flächen geringwerthigen 
Riedbodens wie des Andlaurieds ertragfähiger zu machen, so hat die 
Regulirung der Kraft den Zweck gehabt, die Ableitung der vom Rhein 
unabhängigen Hochwasser der III nach dem Rhein in der Hand zu haben, 



a ) Auch Kleiner Ill-Rhein-Kanal genannt, ehemals eine stolze Wasserstrasse, auf der im Jahre 1576 
die Züricher mit ihrem berühmten Hirsebrei in die Stadt einfuhren. 



Hydrographische Verhältnisse bei Strassburg 



41 



um die störenden und schädlichen Einwirkungen dieser Hochwasser auf 
das Strassburger Stadt-Gebiet zu beseitigen. 

Den Rheinstrom selbst aber hat man auf seinem 300 km langen Lauf 
von Basel bis Mainz durch eine gründliche Cörrection gefesselt und dadurch 
seiner weiteren Verwilderung Einhalt gethan. Zahlreiche „Durchstiche" 
schneiden die oft weit ausholenden Bögen des alten Rheinlauts ab und 
bedingen eine bedeutende Streckung und Verkürzung des Flussbettes, 
während der Ausbreitung des Hochwassers durch die Herstellung der 
Rheindämme Schranken gesetzt sind. Die Bedingungen sowohl für die 
ablagernde als auch für die erodirende Thätigkeit des Rheins und seiner 
Nebenflüsse haben sich damit wesentlich verändert. Wenn nun auch unter 
dem Einfluss der durch die Kanalisirung bewirkten Einengung der Fluth- 
profile die Ansteigung der Hochfluthen nur zum Theil eine bedeutende 
Minderung erfahren hat, so ist doch anderseits die vormals von vielen 
Seiten besorgte Steigerung der Intensität der Hochfluthen am unteren 
Ende der Cörrection nicht eingetreten, und es ist immerhin eine Senkung 
der Niederwasserstände und der durchschnittlichen Wasserstandsbewegungen 
erreicht worden. — Die Wirkungen dieser Eingriffe in die natürlichen 
Verhältnisse sind zur Zeit noch wenig zu übersehen. Am ehesten ist wohl 
aber als unangenehme Nachwirkung eine zu bedeutende Senkung der 
Grundwasserstände für die cultivirten Flächen der Rheinebene in Folge 
der durch die Cörrection herbeigeführten intensiveren Erosionsarbeit des 
Stromes zu befürchten. 

Werfen wir nun zum Schluss noch einen Blick auf die früheren Zu- 
stände der Gegend um Strassburg, wie ihn uns Tafel III zu veranschau- 
lichen sucht. Sollte auch immerhin der eine oder andere der dort ange- 
gebenen Wasserläufe, namentlich derjenigen, aus welchen durch Zuschüt- 
tung oder Ueberbauung Strassen des heutigen Strassburgs hervorgingen, 
künstlicher Entstehung sein, im Wesentlichen müssen wir uns jedenfalls 
die ehemaligen Verhältnisse etwa in dieser Weise vorstellen. Zu welchem 
Zeitpunkte der Rhein sich vom Rande der Schiltigheimer Lössterrasse nach 
der badischen Seite hin zurückgezogen haben mag, lässt sich bis jetzt nicht 
genauer bestimmen. Es ist aber sehr wohl möglich, dass er, oder an 
seiner Stelle die III oder Breusch, zur Römerzeit noch stellenweise den 
Fuss der Terrasse bespülte, zumal uns unter dieser Voraussetzung die 
durch den Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus von der siegreichen 
Schlacht des Kaisers Julian gegen die Alemannen unweit Strassburg ent- 
worfene Schilderung verständlicher wird. 

Jedenfalls dürfen wir uns zu jener Zeit noch ein Gewirre A^on meist 
wahrscheinlich seichten Wasserarmen in der Nähe der Lössterrasse bei 
Strassburg vorhanden denken. Das weite Vorspringen dieser letzteren in 
die Rheinebene östlich von Königshofen, die Fruchtbarkeit des Geländes 
und die Nähe der verschiedenen, hier zusammenströmenden Gewässer mit 
ihrem Fischreichthum, — diese Verhältnisse zusammen werden allem Ver- 
muthen nach, wie bereits in dem KRiEGER'schen Werke (1889, vergl. 
S. 37—38 u. 49) und in ähnlicher Weise von uns selbst vorhin (S. 8 u. 29) 



42 



Hydrographische Verhältnisse bei Strassburg 



entwickelt wurde, für die frühesten, keltischen Ansiedler bei der Wahl des 
Ortes in erster Linie leitend gewesen sein. Die Römer fanden dann auch 
ihrerseits hier den geeignetsten Stützpunkt zur Anlage eines festen Platzes, 
und durch ihre Wahl wurde Argentoratum zum Kreuzungspunkt zweier 
Weltstrassen, der von Süden her dem Rhein folgenden, durch die Rhein- 
ebene selbst bedingten und der quer zum Rhein nach der Einsattelung 
zwischen Vogesen und Hardt führenden. Die Lage der späteren Haupt- 
stadt des deutschen Oberrheins oder, wie wir vorziehen zu sagen, des Mittel- 
rheins war damit entschieden. 



II. ABSCHNITT. 

STRASSBURGS BODEN UND DAS GRUNDWASSER. 

Von 

Landesgeologe Dr. E. Schumacher. 



Von den verschiedenen in der weiteren Umgebung Strassburgs ent- 
wickelten diluvialen und alluvialen Schichten, welche von anderem Ge- 
sichtspunkte aus bereits im vorigen Abschnitte kurz berührt werden mussten, 
kommt für die Boden- und Untergrundsverhältnisse von Strassburg selbst 
nur ein Theil in Betracht. 

Folgende Schichtenreihe ist es, welche sich an der Zusammensetzung 
der ursprünglichen Oberfläche und des jetzigen oder früheren Untergrundes 
innerhalb des Stadtgebietes betheiligt: Rhein-Diluvium, Vogesendiluvium 
(alte Breusch- Anschwemmungen), Sancllöss, Rhein- und Breusch- Alluvium, 
worüber man nochmals besonders das Ideal-Profil durch die Terassen bei 
Strassburg: Taf. I, Fig. 2 vergleichen wolle. Hinsichtlich der Ausbildung 
dieser Bodenschichten, deren geologische Stellung und Bedeutung aus dem 
früher Gesagten erhellt, sind nun zunächst noch in Kürze einige nähere 
Angaben zu machen. 

1. RHEIN-DILUVIUM. 

In der weiten Niederung zu beiden Seiten des Rheins trifft man 
allenthalben wenig unter der Oberfläche, theilweise auch an dieser selbst, 
mit grauem Sand untermischte Geröllmasseu , welche bis in unbekannte, 
jedenfalls sehr beträchtliche Tiefe hinabreichen, da sie bei einer in den 
Jahren 1830 und 1831 zu Strassburg selbst ausgeführten Bohrung in einer 
Teufe von 48,75 m noch nicht durchsunken waren. 

Während an der elsässisch-pfälzischen Grenze bereits die Sande im 
Rhein-Diluvium bedeutend vorwiegen , sind bei Strassburg die Gerolle meist 
haselnuss- bis faustgross und vielfach noch beträchtlich grösser, so dass sie 
als Pflastersteine Verwendung finden. Alpen , Jura, Vogesen und Schwarz- 
wald haben das Material geliefert. Vorherrschend sind blaugraue Kalk- 
steine, gleich den Schiefergesteinen wie Gneiss u. s. w. meist als flache 
„Geschiebe", ferner verschiedene Abänderungen von Quarzit, Granit, Por- 



44 



Vogesen-Sand und Sand-Löss. 



phyr u. s. w., welche gewöhnlich rundlich bis ellipsoidisch geformte „Ge- 
rolle" bilden. Stellenweise ist eine Verkittung der Rheinkiese durch Kalk- 
masse zu festem „Conglomerat" zu beobachten. Auch Bänke von reinem 
Sand oder solche von hellgrauem, kalkreichem Rheinschlick schalten sich 
hin und wieder zwischen die Geröllmassen ein. 

Bekannt ist das Vorkommen von kleinen Goldblättchen in dem Sande, 
welcher bei Strassburg im allgemeinen nur die Zwischenräume zwischen 
den ziemlich dicht aufeinander gepackten Gerollen und Geschieben aus- 
zufüllen pflegt. Nach Hochwassern finden sich die Goldblättchen etwas 
unterhalb von frisch eingerissenen Uferstellen oder abgeschwemmten Inseln 
in den neu entstandenen Kiesbänken, den sog. „Goldgründen", angereichert. 

2. VOGESEN-SAND UND SAND-LÖSS. 

Die V ogesensande bilden mit dem Sandlöss zusammen die Schiltig- 
heimer Terrasse, deren Oberfläche unmittelbar westlich von Strassburg 
nur 6 m über der Rheinniederung liegt (Kronenburg etwa 144 m über dem 
Meeresspiegel), gegen die Ortschaften Ober-, Mittel- und Niederhausbergen 
hin aber allmählich bis zu ungefähr 20 m relativer Höhe ansteigt (Mittel- 
hausbergen etwa bei 155 m absoluter Höhe). Jenseits der Breuschniederung 
setzt sie sich in der Lingolsheimer Terrasse fort. (Vergl. die geologische 
Uebersichtskarte.) 

Die tieferen Schichten dieser Diluvialterrasse werden hauptsächlich 
aus feldspathhaltigen , lebhaft braunroth gefärbten Sauden, sowie aus r'öth- 
l idien Kiesen gebildet, welche aus dem Breuschthal stammen. An ihrer 
Zusammensetzung betheiligen sich dementsprechend vorwiegend Trümmer- 
gesteine des Rothliegenden, Porphyr und Granit, ausserdem aber noch 
schieferige Hornblendegesteine, Grauwacken, Vogesensandstein und lose 
Quarzgerölle oder auch Conglomerate aus dem Vogesensandstein. Kies und 
Sand bilden abwechselnde, bis mehrere Deeimeter mächtige Lagen und zeigen 
nicht selten eine deutliche „schiefe Schichtung", indem die einzelnen, eine 
Kies- oder Sandbank aufbauenden Schichten nicht parallel mit den Be- 
grenzungsflächen der Bank, sondern mehr oder weniger geneigt zu diesen 
abgesetzt erscheinen. 

Diese Sand- und Kiesablagerungen, Avelche sich durch ihre röthliche 
Färbung leicht von dem grauen Rheindiluvium unterscheiden lassen, sind 
in der Nähe von Lingolsheim mehrfach durch Gruben, zur Gewinnung von 
Mauer sau d und Streusand, gut aufgeschlossen. Sie treten gewöhnlich in 
wiederholtem Wechsel mit dünnen oder auch etwas mächtigeren Löss- 
schichten auf und gehen durch allmähliches Ueberwiegen des lössartigen 
Materials nach oben in geschichteten, mehr oder minder sandhaltigen Löss, 
den eigentlichen „Sandlöss" über , welcher die Oberfläche der Schiltigheim- 
Lingolsheimer Terrasse bildet. 

Der westliche Theil von Strassburg - das St. Margarethen -Viertel, 
die ganze Gegend des neuen Bahnhofs und die Zaberner Wallstrasse — 
liegt noch auf Sandlöss. Durch Abtragung ist jedoch einerseits die Ober- 



Vogesen-Sand und Sand-Löss. 



4.-) 



fläche der Lössterrasse erniedrigt, durch künstliche Aufschüttungen ander- 
seits das ursprüngliche Niederungsgebiet innerhalb der Altstadt um durch- 
schnittlich mehrere Meter erhöht worden, wodurch sich der ehedem merk- 
liche Abfall der Lössterrasse nach der Rheinebene mehr oder minder stark 
verwischte. Aus der geologischen Uebersichtskarte der Umgebung von 
Strassburg ist der Verlauf der Grenze zwischen der Alluvialniederung des 
Rheins und der Sandlöss -Terrasse zu ersehen. Wenn man die Margarethen- 
gasse, beim Schlachthaus vorbei, nach der III hinunter geht, überschreitet 
man den hier noch deutlich hervortretenden Terrassenrand. — Im west- 
lichsten Theile der Stadt hat man stellenweise bei Ausschachtungen ge- 
legentlich der Dohlenlegung am Ende der Weissthurmstrasse unter den 
Breuschsanden grauen Rheinkies angetroffen. 

Am Weissthurmthor treten die diluvialen Breuschsande fast unmittel- 
bar zu Tage. Sonst gelangen sie fast nirgends längs des ganzen Terrassen- 
randes zum Ausstreichen an der Oberfläche, und zwar lediglich in Folge 
des Umstandes, dass durch Verschwemmung und Verrutschung des auf- 
lagernden leicht beweglichen Lössmaterials das Ausgehende der rothen 
Sande fast allenthalben völlig verdeckt wird. Fig. 7 verdeutlicht dieses 
leicht irreführende Verhältniss. 




rd— Rheindiluvium, v s — Diluvialer Vogesen-Sand. sl — Sandlöss. ra — Rheinalluvium, 
al = Abgeschwemmter und abgerutschter Löss. 

Fig. "7. 

Wenn die lössartigen Massen, welche die Diluvialsande ohne scharfe 
Grenze überlagern, als Sandlöss bezeichnet werden, so bezieht sich diese 
Benennung nur auf das die Ablagerung als Ganzes kennzeichnende und 
am meisten in die Augen fallende Merkmal der Beimischung von sandigen 
Bestandtheilen, wie sie zwar häufig ist, jedoch oft ganz fehlt oder doch 
fast völlig zurücktritt. Bei sandfreier oder sandarmer Ausbildung, welche 
in den meisten Lagen vorherrscht, zeigt der Löss dieser Stufe im wesent- 
lichsten die für alle unter diesem Namen zusammengefassten Gebilde be- 
zeichnenden Eigenschaften, so dass er dem „ächten Löss", welcher an der 
Oberfläche- der Mundolsheimer Terrasse zu Tage tritt, oft zum Verwechseln 
ähnlich wird. Er stellt dann im allgemeinen eine äusserst gleichförmige 
feinmehlige , hin und wieder durch Ausscheidungen von Eisenoxyd rost- 
braun getupfte Masse von gelblicher Farbe dar, welche im Elsass ge- 
meiniglich als „Lehm" schlechthin, „gelber Lehm" oder „Kupsteinboden" 
bezeichnet zu werden pflegt. Im trockenen Zustande besitzt er sehr 
lockeren Zusammenhalt und zerfällt deshalb leicht zu feinem Staub, 
während er angefeuchtet unvollkommen plastisch wird. Auf der Fähigkeit, 



46 



Vogesen-Sand und Sand-Löss. 



Wasser leicht aufzusaugen und doch nicht allzulange festzuhalten, sowie 
auf' dem durch die lockere Beschaffenheit der Masse bedingten leichten 
Zutritt der Luft zu den Pflanzenwurzeln beruht mit in erster Linie die 
Fruchtbarkeit dieser Bodenart, welche sich durch ihre physikalischen 
Eigenschaften und ihre chemische Zusammensetzung für jede Art der 
Feldcultur mehr oder minder eignet. 

Ein typisches Vorkommen des Schiltigheimer Löss (aus der RusT'schen 
Grube in Hönheim, am Kanal) erwies sich bei einer genauen Untersuchung 
aus folgenden Mineralbestandtheilen zusammengesetzt : 34,3 % feinem Quarz- 
sand, 24,4% Feldspathkörnern (nebst etwas Glimmer, Hornblende u. s. w.), 
26,5 °/o Carbonaten (22,2 % kohlensaurem Kalk und 4,3 % kohlensaurer 
Magnesia), 4,0% Thon (Kaolin), 2,1 % gewässertem Eisenoxyd und 0,11% 
in Wasser löslichen Salzen (Kochsalz und Gyps) ; 9,6 % entfallen auf nicht 
genauer zu bestimmende Gemengtheile. Bei der gleichmässigen Ausbildung 
der Masse wird diese Zusammensetzung annähernd der mittleren des 
Strassburger Löss überhaupt entsprechen. Hiernach ist also der Löss 
genau genommen als ein etwas thonhaltiger „Kalksand", allenfalls auch 
als ein „kalkiger Lehm" zu bezeichnen. Der Kalkgehalt tritt vorzugsweise 
in äusserst feiner Vertheilung als zarter Ueberzug der einzelnen Quarz- 
und Feldspathkörner auf. Aehnliches ist lür den Eisenoxydgehalt und 
wahrscheinlich auch für den Thongehalt anzunehmen. 

Unter der Einwirkung des Regenwassers erleidet der Löss überall, 
avo nicht in Folge der Bodengestaltung durch die Abspülung beständig- 
frische Lagen entblösst werden, oberflächlich die bereits hervorgehobene 
und näher erläuterte Umwandlung in Lehm (vergleiche Seite 24). Die 
oberflächliche Lehmbildung pflegt auf horizontalen bis schwach geneigten 
Flächen vorzukommen und ist deshalb im Gebiete der Schiltigheimer 
Terrasse sehr häufig. 

Eine gewöhnliche Erscheinung bilden auch hier die als Lösskindchen 
oder Lösspuppen (im Volksmunde als Kupsteine) bezeichneten, rundlich bis 
ganz unregelmässig gestalteten knolligen Kalkausscheidungen (siehe S. 25). 
Im sandigen Löss erscheinen diese „Coneretionen" stets mehr „platten- 
förmig" ausgebildet und nehmen alsdann an der Schichtung der um- 
schliessenden Lössmasse Theil, indem sie sich genau wie diese aus ab- 
wechselnden sandigen und sandfreien Lagen aufbauen. — Endlich wären 
als häufige, namentlich für die tiefsten Schichten des Sandlöss bezeichnende 
Gebilde zu erwähnen feine cylindrische Röhrchen, welche sich gleich 
Wurzelfäserchen mannigfaltig verzweigen und aus weisser kalktuffartiger 
Masse bestehen. 

Die ausgesprochen sandigen Lagen überwiegen nach unten mehr 
und mehr, so dass gewöhnlich an der Basis der ganzen Ablagerung der 
Diluvialsand als selbständige Bildung, der Löss (oder sandige Löss) dagegen 
nur noch in Form von untergeordneten Einlagerungen auftritt, wie es auch 
in Fig. 7 angedeutet ist. Reste von Thieren aber wie das Mammuth, Ren- 
thier, Wildpferd u. s. w. finden sich ebenso wohl in den diluvialen Vogesen- 
sanden wie in den tieferen, stärker sandigen Lagen des Löss vor. Sie 



Rhein- und Breusch- Alluvium. 



47 



scheinen nur den höheren, fast gänzlich aus gleichmässig feinem Löss- 
material gebildeten Lösslagen zu fehlen und weisen ebenso wie die 
stellenweise massenhaft angehäuften Gehäuse von Land- und Süsswasser- 
schnecken, da diese zum Theil heute nur noch in nordischen Gegenden 
heimischen Formen angehören, auf ein kaltes Klima zur Zeit der Ablager- 
ung der Vogesensande und des Sandlöss hin. 

Die Sandlössschichten sind ausgezeichnet aufgeschlossen in den grossen 
Gruben zu Schiltigheim , Bischheim und Hönheim, wo das in ausgedehn- 
testem Umfange gegrabene Lössmaterial nach vorheriger Schlemmung (zur 
Entfernung der auf die Haltbarkeit der Ziegel störend wirkenden Kalk- 
knollen) in den Ziegeleien zu Backsteinen gebrannt wird. 

3. RHEIN- UND BREUSCH -ALLUVIUM. 

Die während der Diluvialzeit abgesetzten, später nur noch oberflächlich 
umgelagerten Kiesmassen, welche den Untergrund der Rheinniederung 
bilden, treten ausser in den Kiesgruben fast nirgends unmittelbar zu Tage. 
Sie werden beinahe tiberall von einer, wenn auch noch so dünnen Schicht 
von Flusssand oder Flussschlick tiberlagert. Dies sind die jüngsten An- 
schwemmungen, die Alluvionen des Rheins, welche im allgemeinen bei 
Hochwasser zum Absatz gelangten und so die ganze Rheinniederung mehr 
oder weniger gleichmässig zu überziehen vermochten. Die Kiese können 
nur in ihren obersten Lagen zum Alluvium gerechnet werden. 

Die Mächtigkeit der alluvialen Sand- und Schlickabsätze ist, entspre- 
chend der im ersten Abschnitt geschilderten Entwickelung der Flussläufe 
innerhalb der Rheinebene und den damit einhergegangenen Verlandungs- 
processen, meist schon für ganz nahe gelegene Punkte beträchtlichen 
Schwankungen unterworfen, welche sich bei Strassburg etwa zwischen 
den Grenzwerthen von 0,2 und 2 m bewegen. Durchschnittlich beträgt 
sie hier gerade 1 m. 

Ueber den Geröllmassen folgt zunächst gewöhnlich eine dünne Sand- 
schicht, welche meist nur 1 / 2 bis wenige dem dick ist und von einer 
stärkeren Lage feineren Hochwasserschlammes bedeckt wird. Ausnahms- 
weise erreicht der Sand auch etwas grössere Mächtigkeiten bis zu 2 m und 
tritt zuweilen an die Oberfläche. Er hat eine lichtgraue Farbe und besteht 
hauptsächlich aus kleinen rundlichen Quarzkörnern, einigen Schüppchen 
von Aveissem Glimmer und etwas fein vertheiltem kohlensaurem Kalk, 
dessen fast stetes Vorhandensein sich beim Betupfen mit Säuren durch 
schwaches Aufbrausen zu erkennen giebt. — Der feinere Schlick ist durch 
einen vorwiegenden Gehalt an sandigen Bestandtheilen und einen erheb- 
lichen Kalkgehalt gekennzeichnet. Neben diesen fehlen jedoch auch thonige 
Gemengtheile augenscheinlich nicht ganz. Sie bedingen eine gewisse Bindig- 
keit der Masse, welche in Folge dessen oft eine mehr lehmige (mergelige) 
als sandige Beschaffenheit besitzt. Gewöhnlich ist der Schlick an der 
Oberfläche lehmiger, mergelähnlich und wird nach unten sandiger, seltener 



4s 



Rhein- und Breusch-Ajlluvium. 



zeigt er sich oberflächlich sandiger als in den tieferen Lagen. Ein be- 
sonders häutiges Bodenprofil ist folgendes: Mergel (d. i. mergelähnlicher, 
manchmal lössähnlicher Schlick) 1,0 m, Mergelsand (kalkreicher, schlick- 
ähnlicher Sand) 0,5 m, Gerolle. Ein ähnliches Profil beobachtet man am 
städtischen Wasserwerk, nämlich: Mergelsand 1, Sand 1 m, Rheinkies (bis 
zu 10 m Tiefe unter der Oberfläche nachgewiesen). 

Zwischen Kies oder Sand und mergelartigem Schlick (Hochwasser- 
schlamm) schaltet sich hier und da eine Lage von blaugvauem Letten oder 
Mergel ein, welcher zahlreiche Gehäuse von jetzt noch in der Gegend 
lebenden Sumpfschnecken neben solchen von einzelnen Landschnecken 
einzuschliessen pflegt. Auf derartige Bildungen, welche alte versumpfte, 
nach dem gänzlichen Versiegen durch Hochwasserschlamm ausgefüllte 
Wasserrinnen andeuten, stiess man z. B. bei der Fundamentirung der 
Häuser No. 45, 47 und 49 in der Ruprechtsauer Allee (in der Nähe der 
Schillerstrasse). 

Eine schwach humose Beschaffenheit der oberflächlichsten Lagen ist 
im Gebiet des Rheinalluviums vielfach zu bemerken. Doch kommt es in 
der unmittelbaren Umgebung der Stadt kaum irgendwo zu einer beträcht- 
licheren Anreicherung von humosen Bestandtheilen im Alluvialboden. 

Ausser dem Rhein-Alluvium und den zuletzt besprochenen Letten- 
bildungen, welche theilweise auf die III zurückzuführen sein mögen, kommen 
noch die jüngeren und älteren Alluvionen der Breusch in Betracht, welche 
einen ganz abweichenden Charakter haben. Erstere nehmen die Oberfläche 
der breiten Thalsohle zu beiden Seiten dieses Flusses ein und sind theils 
von lehmiger, theils von lehmig-sandiger Beschaffenheit. Ihre Mächtigkeit 
schwankt zwischen etwa 0,5 und 2 m. Von den Hochwasserabsätzen des 
Rheins sind sie leicht durch den ihnen eigenen röthlichen Farbenton sowie 
durch das gänzliche Fehlen eines Gehaltes an kohlensaurem Kalk zu 
unterscheiden. Diese Ausbildungsweise entspricht ganz einem Ausschwem- 
mungsproducte aus den Schichten des Vogesensandsteins und des Roth- 
liegenden, welche im oberen Breuschthal im Gebirge anstehen. 

Wie die jüngsten Alluvionen der Rheinniederung von etwas älteren 
Rheinkiesen, so werden diejenigen der Breusch von röthlich gefärbten 
diluvialen bis alluvialen Kiesen und Sanden unterteuft, welche mit den 
unter dem Löss der Schiltigheim-Lingolsheimer Terrasse lagernden die 
grösste Aehnlichkeit haben. Beim Bau des Umleitungs-Kanals Hessen sich 
mit rothem Sande untermischte Breuschgerölle, allmählich in den Rhein- 
anschwemmungen aufgehend, noch ungefähr 1 km weit über die heutige 
III hinaus nach Osten A^erfolgen. (Vergl. Seite 39.) 

Aus der geologischen Uebersichtskarte ersieht man, dass nur ein ganz 
kleiner Theil der Stadterweiterung, südöstlich vom Weissthurmthor, in das 
Alluvialgebiet der Breusch fällt. Der bei weitem grösste Theil von 
Strassburg liegt im ehemaligen Bereiche der Alluvionen des Rheins, dessen 
Ueberschwemmungen die Stadt nur durch die Eindämmung des Stromes 
und durch die künstliche Erhöhung ihres Bodens entzogen ist. 



Rückblick auf dir den ursprünglichen Boden bildenden Schichten. 4 ( ) 

4. RÜCKBLICK AUF DIE DEN URSPRÜNGLICHEN BODEN 
BILDENDEN SCHICHTEN. 

Die älteste Bildung", welche als Untergrund der Stadt Strassburg in 
Betracht kommt, ist also das Rhein- Diluvium, eine geschichtete, aus 
alpinem, Jura-, Vogesen- (und Schwarzwald-)Material aufgebaute Sand- und 
Kiesablagerung, welche nahezu von der Oberfläche der Rheinniederung 
aus bis zu unbekannter Tiefe hinabreicht. Dieses Diluvium bildet erst den 
tieferen Untergrund des grössten Theils des heutigen Strassburg. 

Den unmittelbaren Untergrund der Stadt würden, wenn nicht die 
ursprünglichen Bodenverhältnisse künstlich verändert worden wären, fast 
allenthalben Sande und kalkhaltiger Flussschlamm bilden, wie sie der 
Rhein noch heute bei Hochwasser absetzt: erstere in beschränkterer Aus- 
dehnung, nämlich mehr in der Nähe seiner Ufer, letztere überall, soweit 
sich bei solchen Gelegenheiten seine Fluthen noch ergiessen können. Die 
Mächtigkeit dieser, die ursprüngliche Oberfläche bildenden alluvialen Ab- 
lagerungen beträgt durchschnittlich nicht mehr als 1 m. 

Sowohl das Diluvium als auch das Alluvium des Rheins sind durch 
graue Farbentöne gekennzeichnet, wenn auch bei den einzelnen Rhein- 
ger öllen natürlich die verschiedensten Färbungen vorkommen. 

Nur der westlichste Theil der Stadt fällt in das Gebiet der diluvialen 
Terrasse. Ihre Oberfläche besteht aus jener feinerdigen, in trockenem 
Zustande leicht zu Staub zerfallenden gelblichen Bodenart, welche ihrer 
eigentümlichen lockeren Beschaffenheit die Bezeichnung „Löss" verdankt. 
Der vorwiegende Gehalt dieses Bodens an feinem Sand verräth sich beim 
Zerreiben zwischen den Fingern deutlich durch das Gefühl, während sich 
der hohe Kalkgehalt der unverwitterten Masse beim Betupfen mit Säuren 
(Salzsäure oder auch starkem Essig) durch stürmisches Aufbrausen, in 
Folge starker Kohlensäureentwickelung, zu erkennen giebt. Auch die aus 
dem Löss durch oberflächliche Entkalkung und nebenhergehende ander- 
weitige Verwitterungsprocesse entstehende Lehmart (Lösslehm) kennzeichnet 
sich durch gleichmässig feine Beschaffenheit. 

Der in der nächsten Umgebung von Strassburg verbreitete Löss ist 
durch häufige Zwischenschaltung sandiger Schichten ausgezeichnet und 
wird deshalb zum Unterschied von der mehr gegen das Gebirge hin und 
in höherem Niveau auftretenden jüngeren Lössbildung, welche dieser Eigen- 
thümlichkeit entbehrt, passender Weise als „Sandlöss" bezeichnet. 

Nach unten geht der Sandlöss mehr oder weniger allmählich in 
rothe Sande über, denen sich noch häufig dünnere Lagen von lössartiger 
Beschaffenheit einschalten. Diese Sande sind gleich den mit ihnen zu- 
sammen auftretenden röthlichen Kiesen diluviale Anschwemmungen aus 
einer Zeit, als an Stelle der heutigen Breusch ein grosser Strom vom 
V ogesenrande aus einen ausgedehnten Schuttkegel deltaförmig in die Rhein- 
ebene hineinbaute. Die diluvialen Breuschsande und -Kiese treten nach 
unten mit diluvialem Rheinkies in Verbindung. Sie bilden den tieferen, 
die Sandlössschichten dagegen den unmittelbaren Untergrund des west- 

4 



Der jetzige Roden und Untergrund. 



liclicu Theils von Strassburg. (Vergleiche hierzu auch die „Typischen 
Bodenprofile durch Strassburg" : Taf. I, Fig. 5, A, B, C.) 

Dass die Lössterrasse jedenfalls nicht viel weiter in das jetzige Stadt- 
gebiet eingegriffen haben kann als auf der geologischen Uebersichtskarte 
dargestellt ist, geht allein schon aus den Namen einiger Gegenden auf der 
linken Ill-Seite, wie: „grüner Word, alter Bruch, Kagenecker-, dürrer, 
neuer, grüner, wüster und Allerheiligen-Bruch" fast mit völliger Sicherheit 
hervor. Da es im Gebiet der Lössterrassen nirgends „Brüche" giebt, so 
weisen schon die Namen dieser alten Brüche unzweideutig auf die ehe- 
malige Zugehörigkeit jener Gegenden zum Rhein-Niederungsgebiet hin. 

Nur ein ganz kleiner I Ii eil der erweiterten Stadt, südöstlich vom 
Weissthnrmthor , liegt im Gebiet der Brenschniedernng, deren Oberfläche 
aus röthlichem Lehm besteht, während der Untergrund durch röthliche 
Sande und Kiese von gleicher Beschaffenheit und, soweit es sich nicht um 
die obersten Lagen handelt, von "[ungefähr gleichem Alter wie die dilu- 
vialen Breuschsande der Terrasse gebildet wird. 

Eine ausführliche Darstellung der Bodenverhältnisse bei Strassburg 
findet man auf der von der geologischen Landes-Untersuchung heraus- 
gegebenen „Geologischen Karte der Umgegend von Strassburg", nebst 
Erläuterungen erschienen in Strassburg 1883. 

5. DER JETZIGE BODEN UND UNTERGRUND. 

Nach den vorhergegangenen Ausführungen hat man sich die Gegend, 
welche das heutige Strassburg einnimmt, in den ältesten Zeiten ganz ähn- 
lich beschaffen vorzustellen wie die jetzige Nachbarschaft des Rheines 
oder Theile der Landschaft zwischen diesem und der jetzigen Stadt. Der 
Boden des »Stadtgebietes hatte zur Zeit der ältesten Ansiedelungen eine 
viel tiefere Lage als gegenwärtig an den meisten Stellen. Er lag noch in 
der Höhe der Rheinniederung, von welcher er einen Theil bildete. Zahl- 
reiche, mehr oder weniger in der Verlandung begriffene und meist wohl 
ziemlich seichte Wasserläufe, Rheinarme, Altrheine, Illarme u. s. w. durch- 
furchten das Gebiet. 

Diese Wasserläufe verschwanden im Laufe der Zeit zum grossen 
Theil durch natürliche Verschlammung und durch Zuschüttung. Man zog 
sie dann zu den Pfaden, welche man neben ihnen angelegt und längs 
deren man sich angesiedelt hatte, hinzu und auf diese Weise entstanden 
schliesslich aus ihnen Strassen. Eine Reihe A^on Strassen wie der 
Aletzgergiessen, der Goldgiessen, dessen Name an die ehemals in dieser 
Gegend befindlichen Goldwäschereien erinnert, der alte Fischmarkt, die 
Gewerbslauben, die alte Weinmarktstrasse und der hohe Steg haben sich 
noch in geschichtlicher Zeit auf diese Weise gebildet, und auch an Stelle 
der Blauwolkengasse und der Steinstrasse haben sich augenscheinlich 
ehedem Wasserläufe befunden. Manche von ihnen, wie der schon auf 
Seite 40 erwähnte Rheingiessen, wurden überbaut und auf diese Weise zu 
Strassen umgewandelt (Züricher Strasse). Bei Aufgrabungen und Aus- 



Das Grundwasser. 



51 



schachtungen aller Art findet man dementsprechend in der Regel den 
Untergrund der Häuser aus Kiesmassen, den der Strassen aus versandeten 
und verschlammten oder zugeworfenen Flussläufen bestehend, und im 
letzteren Falle pflegt man alle möglichen Abfälle wie Knochen, Holzstücke, 
Bauschutt u. s. w. anzutreffen. 

Indem man in früheren Zeiten die bei Häuserabbrüchen, Bränden und 
anderen Gelegenheiten entstehenden Schuttmassen nicht wegzuräumen 
pflegte, sondern liegen Hess, entstand durch ihre Anhäufung allmählich 
eine Culturschicht, deren bedeutendere oder unbedeutendere Mächtigkeit 
gewöhnlich im Verhältniss steht zu dem höheren oder geringeren Alter des 
betreffenden Stadttheiles. Der höchste Theil der Stadt, die Gegend um das 
Münster bis zum Stephansplatz und zur Neukirchgasse, entspricht daher 
auch zugleich dem ältesten Theile. Er fällt in das Gebiet des alten 
Argentoratum (vergl. Taf. III), wo unter dem Münster selbst die Cultur- 
schicht 8 m hoch ist. Derartige Beziehungen ergeben sich aus der Ver- 
gleichung einer grösseren Anzahl von Bodenprofilen aus den verschiedenen 
Gegenden der Stadt. 

Eine nach Aufsammlungen von Herrn Dr. Krieger und dem Verfasser 
zusammengestellte vergleichende Uebersicht entsprechender Profile findet 
man mitgetheilt in der „Topographie der Stadt Strassburg", 1889, Ab- 
schnitt VIII, welcher gewünschten Falles wegen etwaiger weiterer Einzel- 
heiten eingesehen werden mag. Die auf Taf. I unter 5 gegebenen typischen 
Durchschnitte durch das Stadtgebiet und seine nächste Umgebung erläutern 
die besprochenen Verhältnisse besonders deutlich. 

Je älter die Stadttheile sind, desto grösser erweist sich die Verunreini- 
gung des Untergrundes. 

6. DAS GRUNDWASSER. l ) 

Die Zwischenräume zwischen den Geröll- und Sandmassen der Rhein- 
ebene sind in der Tiefe, meistens schon wenige Fuss unter der Oberfläche- 
mit Wasser angefüllt, welches, wie überall das im Boden sich sammelnde 
Wasser, als Grundwasser bezeichnet wird. Dieses Grundwasser bildet 
einen grossen breiten unterirdischen Strom, der sehr langsam dahinströmt 
und zwar, in Folge des schwachen seitlichen Gefälles der Rheinniederung 
bei Strassburg, fast parallel dem Rhein mit sehr schwacher Neigung zu 
diesem und mit seitlichem Abfluss in ihn. 

Der Stand des Grundwassers ist durchschnittlich ein höherer als der 
des Flusswassers, wird aber durch den der benachbarten Gewässer beein- 
flusst, in Strassburg also wesentlich durch den der III. Doch sind die 
Schwankungen geringer als bei den Wasserläufen, von denen sie in Ab- 
hängigkeit stehen. Das Regenwasser kann, obwohl es nach Krieger 
wesentlich das Grundwasser erzeugt, keinen unmittelbaren Einfluss auf 
dessen Steigen und Fallen ausüben, da es auch bei noch so grossen Mengen 



') Nach Dr. KRIEGER, Topographie der Stadt Strassburg, 1889, Seite 1U4-115. 

4* 



Das Grundwasser. 



zu lange Zeit braucht, um durch selbst unbeträchtliche Bodenschichten zu 
dem Grund wasserstrom zu gelangen. 

befindet sich das Grundwasser sehr nahe an der Oberfläche des 
Bodens, so kann es durch das Hochwasser der Flüsse hinter den Dämmen 
durch die Poren des Bodens auf die Oberfläche gedrückt werden. Es tritt 
dann als Druckwasser zu Tage, welches durch seine klare und durch- 
sichtige Beschaffenheit und zufolge dessen dunkele Farbe leicht von dem 
trüben, gerade deshalb heller erscheinenden Ueberschwemmungswasser zu 
unterscheiden ist. Die tiefgelegenen Stadttheile und besonders tiefliegende 
Keller haben unter diesem Druckwasser zu leiden, obwohl es an und für 
sich reines Grundwasser ist und niemals dieselbe Höhe erreicht wie das 
Hochwasser und das Ueberschwemmungswasser. — Als eine besonders 
auffallende Erscheinung kann an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass 
das „Brunnwasser", einer der intermediären Wasserläufe (S. 40), welcher 
sich vom Altenheimerhof (vergl. die Karte Taf. II) bis zum Napoleonsrhein 
hinzieht, nach den Beobachtungen der Ingenieure Gruner und Thiem 
Wasser führt, welches nach seiner Temperatur und seinem chemischen 
Verhalten zum grösseren Theil als zu Tage getretenes Grund- („Brunn-") 
Wasser zu deuten ist. 

Man darf es nach Krieger als sicher betrachten, dass das Grund- 
wasser am Rhein, welcher ein viel durchlässigeres Bett als die III hat, in 
viel höherem Grade und rascher den Rheinschwankungen folgt als das 
Grundwasser in der Nähe der III den Schwankungen dieser. Wie sich bei 
der Anlage von Brunnen auf Rhein- und Ill-Inseln ergeben hat, befindet 
sich in dem Gerölle, über welches Rhein und III strömen, Grundwasser, 
nicht Flusswasser. 

Im Innern der Stadt hat sich der Grundwasserstand seit vielen Jahr- 
hunderten nicht wesentlich verändert. Auch die Rheincorrection hat nur 
geringen Einfluss auf den Grund Wasserstand des grössten Theils der alten 
Stadt ausgeübt, insofern nur in dem gegen den Rhein zu gelegenen Theile 
Cm der Krutenau) die Brunnen den Rheinschwankungen folgen. Dagegen 
ist durch die Rheinregulirung der Grundwasserstand in der Ruprechtsau 
und in der neuen Stadt bedeutend gesenkt worden. 



IJL ABSCHNITT. 

DAS KLIMA STRASSBURGS. 

Von 

H. Her gesell. 



Strassburg gehört zu denjenigen Städten, deren klimatische V erhältnisse 
dank langjähriger vorhandener Beobachtungsreihen am besten erforscht 
sind. Wissenschaftliche Beobachtung der A^erschiedenen meteorologischen 
Elemente begannen schon Anfang dieses Jahrhunderts und sind fast ohne 
Unterbrechung bis zur Jetztzeit fortgesetzt. 

Die werthvollsten Aufzeichnungen verdanken wir dem Professor 
Herrenschneider, der ohne Unterbrechung in den Jahren 1801—1841 be- 
obachtete. Nach ihm beobachteten Franz und Dr. Bockel. Von 1860 ab 
wurden, unter Oberleitung des Observatoriums von Paris, an verschiedenen 
Orten des Elsass meteorologische Stationen errichtet, die unter Aufsicht 
einer in Strassburg gebildeten meteorologischen Kommission standen. Nach 
dem Kriege wurden eine Anzahl meteorologischer Stationen vom statisti- 
schen Bureau eingerichtet, in Strassburg im Lehrerseminar in der Elisabeth- 
gasse. Im Jahre 1890 wurde dank der Fürsorge der Regierung ein be- 
sonderer Dienstzweig, der meteorologische Landesdienst, geschaffen, der 
sämmtliche im Lande vorhandenen meteorologischen Stationen unter seiner 
Kontrole vereinigte. Die Centraistelle dieses Dienstes befindet sich zu 
Strassburg in der Universität. 

Seit Errichtung des metorologischen Landesdienstes wurden zu Strass- 
burg, das zu einer Station I. Ordnung erhoben wurde, umfangreiche Be- 
obachtungen angestellt. Die meisten meteorologischen Elemente werden 
durch Registrirapparate festgelegt. Ausser einer Beobachtungsstation in 
der Universität befindet sich eine weitere auf der Münsterplattform, eine 
dritte in Neudorf. Die Windrichtung und Windstärke, endlich auch die 
Temperatur werden ausserdem noch durch Apparate auf der Münster- 
spitze gemessen. Sämmtliche meteorologische Beobachtungen des Reichs- 
landes werden jährlich in einem besonderen Jahrbuch, dem meteorologischen 
Jahrbuch von Elsass-Lothringen zur Veröffentlichung gebracht. 

Das Klima von Strassburg ist im wesentlichen durch seine geographi- 
sche Lage bedingt. Im Westen Deutschlands gelegen, befindet es sich nahe 



54 



DlE LUFTDRUCKVERHÄLTNl SSE . 



genug Jen Westküsten Europas, um noch im erheblichen Maasse bei seinen 
klimatischen Verhältnissen denwohlthätigen Einfluss des Atlantischen Oceans 
zu verspüren. Andererseits ist die Entfernung von der Küste hinreichend 
gross, dass bei anhaltenden Nord- beziehungsweise Nordost -Winden das 
Klima Strassburgs einen kontinentalen Typus erhält. Von ganz besonderer 
W ichtigkeit ist für das Klima des Rheinthals und speziell Strassburgs der 
Umstand, dass wir auf dem Boden eines tiefen Grabens, der oberrheinischen 
Tiefebene, leben. 

Die Gebirge, die diesen Graben umsäumen, speziell die Westmauer 
der Vogesen, haben einen bedeutenden Einfluss auf die Verhältnisse der 
Temperatur und des Niederschlags. Die Wintermonate, vor allen Dingen 
die Uebergangsmonate erhalten durch Föhn Wirkungen ein milderes Klima. 



1. DIE LUFTDRUCKVERHALTNISSE. 

Der mittlere Werth des Luftdrucks hängt von der genauen Höhe des 
Barometers ab, an dem die Druckablesungen gemacht werden. Beziehen 
wir sämmtliche Beobachtungen auf das Niveau des Barometers der Central- 



mo 



ms 



7Wa 



7W5 



740,0 



Ms 



7^5.0 



74-75 



N 



6 8 10 12 2 k 6 S 10 
Fig. 8. Täglicher Gang des Luftdrucks in Strassburg. 



Station (145.6 m), so ergiebt sich ein mittlerer Werth von rund 750 mm. 
Die Schwankungen, die das Barometer im Laufe eines Jahres zeigt, hängen 
im wesentlichen von den unperiodischen Störungen ab, die der Luftdruck 
durch Bildung von Cyclonen (Stellen niedrigsten Luftdrucks) und Anti- 
cyclonen (Stellen höchsten Luftdrucks) erleidet. 

Da Strassburg in der Nähe von häufig besuchten Zugstrassen dieser 
Luftdruckgebilde liegt, und deshalb der Luftdruck einem häufigen Wechsel 
unterworfen ist, sind die beobachteten Schwankungen ziemlich bedeutende. 
Die jährliche Schwankung des Barometers beträgt im Mittel 39 mm 
(Vj 9 Atmosphäre), sie kann sich zu rund 60 mm ( 1/ 18 Atmosphäre) erheben 
und auf 30 mm (*/ M Atmosphäre) herabsinken. 

Ausser diesen unperiodischen Schwankungen zeigt der Luftdruck 
Veränderungen, die mit der grössten Regelmässigkeit auftreten, in ihren 
Amplituden jedoch weit geringer sind. Zweimal im Laufe von 24 Stunden 
(10 Uhr Vormittags und 10 Uhr Nachmittags) erreicht das Barometer einen 
xMaximalwerth, um wiederum zweimal (4 Uhr Vormittags und 4 Uhr Nach- 
mittags) auf einen Minimalwerth herabzusinken. Die Amplitude dieser 



Die Temperaturverhältnisse. 



55 



Schwankung beträgt 8 /i 0 mm. Die vorstehende Kurve zeigt den Gang dieser 
Erscheinung. Dieser tägliche Gang des Luftdrucks ist eine klimatische 
Erscheinung, die sich fast auf der ganzen Erdoberfläche wiederfindet. 

Die Amplitude hängt von der Lage des betreffenden Beobachtungsortes 
ab. Die Schwankung wird wegen ihrer Kleinheit meist durch die Varia- 
tionen, die unperiodische Ursachen (Luftdruckminima etc.) hervorbringen, 
verdeckt. Sie macht sich erst durch Bildung von Stundenmitteln aus vielen 
Beobachtungstagen bemerkbar. 

2. DIE TEMPERATUR VERHÄLTNISSE. 

Bei den Temperaturangaben sind die Verhältnisse der Innenstadt und 
diejenigen der unmittelbaren Umgebung getrennt zu behandeln. Die Stadt- 
lage hat auf die Angaben eines Thermometers einen entschiedenen Einfluss; 
sie erhöht im allgemeinen die Temperatur. Zum Vergleich geben wir die 
langjährigen Mittel Herrenschneider^ die sich auf die Innenstadt beziehen, 
und die Temperaturmittel der Vorstadtstation Neudorf, die von Professor 
Besson herrühren. 

Stadtmittel nach Herrenschneider. 

36 Beobachtungsjahre. 

Januar Februar März April Mai Juni Juli August Sept. Oktbr. Nov. Dez. 

— 0.23 2.51 5.81 9.76 15.14 17.53 19.10 18.55 15.09 10.01 5.24 2.02 

Jahr 10.04. 

Vorstadtmittel nach Besson. 

24 Beobachtungsjahre. 

Januar Februar März April Mai Juni Juli August Sept. Oktbr. Nov. Dez. 

- 0.23 1.79 4.91 9.82 13.85 17.44 18.96 18.04 14.35 8.85 4.62 0.22 

Jahr 9.39. 

Im Jahresmittel ist demnach die Stadt um 6 10 0 wärmer als die nähere 
Umgebung von Strassburg. Die Ursache für die höhere Temperaturlage 
der Stadt ist darin zu suchen, dass durch die vielen Häuser und Mauern 
einerseits die Luftzufuhr im gewissen Grade beschränkt wird, andererseits 
durch dieselben Gegenstände eine grössere Strahlungswirkung hervor- 
gerufen wird. Um zu zeigen, in welcher Weise die Lage der Thermo- 
meteraufstellung den jährlichen Gang der Temperatur beeinflusse geben 
wir noch die Monatsmittel des Jahres 1892 der drei meteorologischen 
Stationen Universität, Neudorf und Plattform des Münsters wieder: 

Januar Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Oktbr. Nov. Dez. 

Univers.: - 1.2 + 1.9 2.6 9.9 14.8 17.0 18.1 19.6 15.3 8.3 4.8 —1.4 
Neudorf: —0.9 +2.1 2.6 9.9 15.0 17.2 18.3 19.3 15.4 8.4 5.3 — 1.6 
Plattform: — 0.7 + 1.9 2.8 9.8 14.9 17.1 18.5 20.3 15.6 8.5 4.8 — 1.5 

Wir sehen, dass Neudorf und Universität, wiewohl beide Stationen 
ziemlich frei gelegen sind, dennoch nicht gleichmässiges Verhalten zeigen, 
dass der Einfluss der Lage sich auch hier noch bemerkbar macht. 



56 



Die Tem per a t urv er h ält nisse . 



Die Plattform dagegen stimmt beinahe vollständig mit den Mitteln der 
Universitätsstation überein, nur in den Sommermonaten ist das höhere 
Temperaturmittel auf der Plattform bemerkenswerth. Der Grund ist in 
der starken Erwärmung der Steinmassen des Münsters zu suchen. 

Nach den vorhergehenden Angaben beträgt das langjährige Tempe- 
raturmittel für Strassburg Stadt 10.0° Die Mittel der einzelnen Jahre zeigen 
natürlich kleine Abweichungen von diesem Normalwerth, doch ist zu be- 
merken, dass diese Differenzen im Allgemeinen sehr gering sind. Sie 
betragen noch nicht 2° und zeigen eine gewisse periodische Anordnung 
mit der Zeit. Wenn man die Sache genauer untersucht, zeigt sich, dass 
das Klima von Strassburg gewissen periodischen Schwankungen unter- 
worfen ist, die derart zur Erscheinung treten, dass auf eine feuchte und 
kalte Klimaperiode eine heisse und trockene folgt. 

Brückner hat nachgewiesen, dass diese Klimaschwankung für das 
ganze kontinentale Europa und darüber hinaus existirt und die mittlere 
Dauer der Periode auf 35° berechnet. Zur Zeit befinden wir uns in der 
Nähe des Zentrums einer warmen Periode. 

Das Klima wird wesentlich durch die Grösse der jährlichen und täg- 
lichen Schwankungen der Temperatur charakterisirt. Je kontinentaler die 
Lage eines Ortes, d. h. je grösser das Areal der umgebenden Landmasse 
ist, um so schärfer werden die Differenzen zwischen Sommer und Winter- 
temperatur, umgekehrt, verflachen sich diese Gegensätze immer mehr, je 
näher ein Ort an den Küsten eines grossen Ozeans gelegen ist. Für 
Strassburg beträgt die Differenz zwischen der mittleren Sommer- und 
Wintertemperatur in runder Zahl 16°, für Paris 15°, für London 14°. Da- 
gegen hat dieselbe Grösse für Moskau und Jakutsk mit ausgesprochen 
kontinentaler Lage den bedeutenden Werth von 28° beziehungsweise 56°. 
Wir sehen aus diesen Zahlen, dass das Klima von Strassburg sich doch 
schon wesentlich dem maritimen l^pus nähert. Einen grossen Antheil 
an diesem Herabgehen der Differenz zwischen Sommer- und Wintertempe- 
ratur haben die verhältnissmässig milden Winter des Rheinthals. Dieselben 
werden jedoch nicht allein durch häufigen warmen Südwestwind atlan- 
tischen Ursprungs hervorgerufen, sondern verdanken ihre Existenz zum 
Theil einer Erscheinung, die wir schon früher erwähnten, dem ausge- 
sprochenen Auftreten eines Vogesenföhns. 

Wenn Luft über ein Gebirge streicht, das an der Leeseite einen 
schroffen Abfall in einer Niederung besitzt, so wird sie hierbei ebenfalls 
zum Herabsteigen gezwungen und erleidet hierdurch, weil sie beim Fallen 
unter einen höheren Druck kommt, eine starke Erwärmung, nämlich für 
je 100 m Herabfallen 1° Celsius. 

Da die Vogesen mit ihrem schroffen Abfall zum Rheinthal bei Süd- 
west- bezw. Westwinden zu der oben geschilderten Erscheinung Veran- 
lassung geben müssen, können wir von vornherein eine starke Erwärmung 
dieser Winde durch ihren Herabfall in das Rheinthal erwarten. In der 
That ist diese Fall- oder Föhnwirkung durch die Beobachtungen der meteoro- 
logischen Stationen des Reichslandes nachgewiesen worden. Wir müssen 



Die Temperaturverhä ltnisse. 



57 



den Vogesenföhn als einen wichtigen klimatischen Faktor für das Rhein- 
thal und speziell für Strassburg betrachten, können uns jedoch hier nicht 
auf Einzelheiten einlassen. 

Die Föhnwirkung zeigt sich nicht nur in dem schon erwähnten Herab- 
drücken der jährlichen Temperaturamplitude, sondern bewirkt auch durch 
plötzliches Einsetzen ein starkes Schwanken der täglichen Temperaturen. 
Plötzliche Temperaturänderungen von über 15° in 24 Stunden gehören in 
Strassburg zu keinen Seltenheiten. Am schärfsten treten sie auf, wenn 
nach langanhaltendem Frostwetter bei Nordostwinden durch ein plötzliches 
Erscheinen einer Depression über den brittischen Inseln die Winde in süd- 
westliche Richtungen gedreht werden und dadurch die Föhnwirkung ein- 
geleitet wird. Ausgedehnte Glatteis- und Rauhfrostbildungen, die tief in 
das Innere der Mauern und Gesteine dringen, sind dann die fast ständigen 
Begleiterscheinungen. Die Maximaltemperatur, die in Strassburg in diesem 
Jahrhundert beobachet wurde, betrug nach den Aufzeichnungen Herren- 
schneider^ 35,9° am 13. Juli 1807. Wahrscheinlich jedoch waren die Tem- 
peraturen des Augusts 1892 noch höhere, da auf der Universität am 
17. August + 34.8° notirt wurde. Bei der freien Lage der jetzigen Thermo- 
meteraufstellung im V ergleich zu der HERRENscHNEiDER Schen ist ein solcher 
Schluss gerechtfertigt, um so mehr als an anderen Stationen des Landes 
mit nicht so einwandfreien Thermometeraufstellungen wie in Strassburg 
Temperaturen von mehr als 36° zur Beobachtung kamen. Die niedrigste 
Temperatur des Jahrhunderts wurde am 10. Dezember 1879 mit — 25,2° 
beobachtet. Ein auffallend niedriger Werth (-- 23.4°) trat ebenfalls am 
3. Februar 1830 ein. Seitdem Registrirungen der Temperatur vorhanden sind, 
sind wir auch über den täglichen Gang der Temperatur unterrichet. Besser 
als Zahlen geben die folgenden Kurven die genannten Erscheinungen wieder. 



13° 































































































\ 













































































12« 2 4 6 8 TO f2n* 2 4 6 8 10 12 



Fig. 9. Täglicher Gang der Temperatur in verschiedenen Höhenlagen. 

Die Temperaturen sind Jahresmittel der einzelnen Beobachtungsstunden 
und sind aus Beobachtungen des Jahres 1892 abgeleitet. Die ausgezogene 
Linie bezieht sich auf die Universität, die punktirte auf die Münsterspitze 



Die Niederschlags- und Windverhältnisse. 



(142 m über dem Erdboden). Ohne uns auf nähere Einzelheiten hier ein- 
zulassen, wollen wir nur auf die interessante Erscheinung' hinweisen, dass 
es in Jen Nachtstunden in der Höhe der Münsterspitze stets wärmer ist 
als in de r Nähe des Erdbodens, dass am Tage die Erscheinung sich umkehrt. 

3. DIE NIEDERSCHLAGSVERHÄLTNISSE. 

Strassburg liegt an einer Stelle Südwestdeutschlands, wo verhältniss- 
mässig wenig Niederschlag fällt. Die langjährigen Beobachtungen Herren- 
schneider^ geben ein Jahresmittel von 671 mm, als Maximalzahl wurde 
940 mm, als Minimalzahl 467 mm, für die Jahresmenge beobachtet. 
Gerade der mittlere Theil des oberen Rheinthals ist durch seine geringe 
Niederschlagsmenge ausgezeichnet. In der Gegend von Colmar fällt am 
wenigsten, sowohl nach Norden als nach Süden nimmt die Niederschlags- 
menge zu. Südlich von Mülhausen und nördlich von Strassburg beträgt 
die mittlere jährliehe Niederschlagsmenge schon über 700 mm. Die Ursache 
für diese \ erhältnisse muss wieder im topographischen Bau des Rheinthals 
gesucht werden. Da die Regen spendenden Winde für uns die Südwest- be- 
ziehungsweise Westwinde sind, und dieselben, bevor sie das Rheinthal 
erreichen, die Kämme der Vogesen überschreiten müssen, werden sie auf 
diese Weise gezwungen , den grössten Theil ihrer Feuchtigkeit schon im 
Gebirge abzugeben. Die Gegenden, die unmittelbar vor dem Gebirge an 
der Innenseite liegen, werden auf diese Weise verhältnissmässig trocken. Die 
Stelle des Rheinthals, die sich von Altbreisach nach Strassburg erstreckt, 
liegt im Regenschatten der Vogesen. Nach den Aufzeichnungen Herren- 
schneider's besitzt Strassburg im Mittel 138 Niederschlagstage, wovon nur 
16 Schneetage sind. Die grösste Niederschlagsmenge fällt in Strassburg 
im Sommer, die geringste im Winter. Die Vertheilung auf die einzelnen 
Monate zeigen folgende langjährige Mittelzahlen der Regenmenge in mm. 

Januar Februar März April Mai Juni Juli August Sept. Oktbr. Nov. Dez 

39.2 33.5 41.1 42.2 69.5 79.9 84.9 75.3 69.2 50.0 54.6 42.8 

Es ist jedoch zu bemerken, dass kein Element so bedeutenden 
Schwankungen unterworfen ist, wie der Niederschlag. Die nassen und 
trockenen Jahre lassen sich wieder jenen schon erwähnten Klima- 
schwankungen mit einer mittleren Periodenlänge von 35 Jahren einordnen. 
Im Allgemeinen sind die Zeiträume mit hohen Temperaturen niederschlagsarm, 
die kühlen dagegen feucht. Zur Zeit befinden wir uns in der Nähe des 
Zentrums einer Trockenperiode. 

4. \ \\ T IND VERHÄLTNISSE . 

Das Klima Strassburgs steht unter der Herrschaft der westlichen 
und südlichen Strömungen. Die Thatsache, dass die meisten Luftwirbel 
nördlich von uns von West nach Ost wandern, ist gleichbedeutend mit 
dem Vorherrschen der genannten Luftströmungen, da die Luft stets nach 
der Stelle niedrigsten Luftdrucks mit einer leichten Abweichung nach 



D i e Windverhältnisse. 



59 



rechts strömt. Auch die Beobachtungen erweisen dieses. Die folgende 
Tabelle ist nach den langjährigen Beobachtungen Herrenschneider^ auf- 
gestellt. 

Vertheilung der Winde in Prozenten. 





X 


NE 


E 


SE 


s 


sw 


w 


NW 


Winter 


6 


24 


4 


cS 


37 


11 


3 


7 


Frühling 


11 


28 


6 


6 


23 


11 


4 


10 


Sommer 


12 


20 


6 


8 


23 


13 


5 


13 


Herbst 


7 


25 


6 


10 


31 


10 


3 


8 


Jahr ........ 


9 


24 


6 


8 


28 


11 


4 


10 



Ein entschiedenes Vorherrschen der südlichen und südwestlichen 
Winde ist unverkennbar. Auffallend ist die hohe Zahl der Südwinde. 
Dieselbe ist jedoch nur lokalen Charakters und ist durch die Lage 
Strassburgs in dem engen schlauchartigen Oberrheinthal bedingt. Betrachten 
wir die Windverhältnisse unserer Höhenstationen, insbesondere der Gipfel- 
station des grossen Beiehen, so finden wir dieses Ueberwiegen der südlichen 
Strömungen nicht. Dort herrschen die westlichen Winde vor. Es ist dieses 
ein Beweis dafür, dass die nordsüdliche Richtung des Rheinthals die Winde 
an Boden desselben beeinflusst. 

Ueber die Stärke der Winde besassen wir bis vor Kurzem nur 
Schätzungen. Seit einiger Zeit ist von Seiten des Meteorologischen Landes- 
dienstes auf der höchsten Münsterspitze ein Anemometer aufgestellt, das 
die Windgeschwindigkeit in m/sec registrirt. Nach den bis jetzt erhaltenen 
Resultaten sind in dieser geringen Höhe (142 m über dem Erdboden) die 
Wlngeschwindigkeiten ganz bedeutende. Sämmtliche Monatsmittel über- 
schreiten 5 m in der Sekunde', das Jahresmittel beträgt nahezu 6 m/sec. 
Die Maxima der Tagesmittel überschreiten beinahe jeden Monat 10 m, 
während die absoluten Maxima nicht selten 20 m erreichen und darüber 
hinausgehen. Näher am Erdboden sind viel geringere Windgeschwindig- 
keiten vorhanden, wie die Aufzeichnung eines Anemometers auf dem 
Wasserthurm erweisen, das ungefähr 100 m tiefer steht. Auffallend ist 
auch der Gegensatz im täglichen Gang der Windgeschwindigkeit. Während 
in der Nähe des Erdbodens das Maximum in den Mittagsstunden, das Mi- 
nimum in der Nacht eintritt, ist in der Höhe der Münsterspitze schon völlige 
Umkehr der Verhältnisse vorhanden. Die schwächsten Winde finden wir 
dort in den Mittagsstunden. Es ist zu erwähnen, dass die Gipfelstationen, 
z.B. der Grosse Belchen, dasselbe Verhalten zeigen. Die Gesetze, die das 
Verhalten der Luftbewegung in der freien Atmosphäre beherrschen , haben 
hiernach bis in sehr tiefe Niveaus Gültigkeit. Nur eine sehr wenig mächtige 
Bodenschicht der Atmosphäre ist hiervon ausgeschlossen. 

Die starke Luftbewegung, die schon in der Höhe der Münsterspitze 
vorhanden ist, können wir häufig auch am Erdboden in der Nähe des 
Thurmes spüren, da dieser wie ein Windfang wirkt. Die starken Winde, 
die fast immer auf dem Schlossplatz herrschen, sind die niedergedrückten 
lebhaften Bewegungen der oberen Regionen. 



60 



I )ie Windverhältnisse 



Ueber die übrigen Witterungselemente, wie Luftfeuchtigkeit, Be- 
wölkung-, Gewittererscheinungen, wollen wir hier hauptsächlich aus Raum- 
mangel kurz hinweggehen, wie wohl auch sie eine Menge von interessanten 
Erscheinungen darbieten. So ist bei der Luftfeuchtigkeit wiederum das 
W irken des Vogesenföhns unverkennbar. An. ausgesprochenen Föhntagen 
ist die Luft im ganzen Rheinthal abnorm trocken, der Feuchtigkeitsgehalt 
oft nur 50— 60°/ 0 . Auch die Bewölkung ist in gewissem Grade von dieser 
Erscheinung abhängig, vielleicht auch das Auftreten der Gewitter. 

Zweck dieser kurzen Schilderung war, die Abhängigkeit des Klimas 
Strassburgs von seiner Lage zu erweisen. Bei den besprochenen Klima- 
erscheinungen ist diese Abhängigkeit genugsam hervorgetreten. 



DAS ALTE STRASSBURG. 




Fig. 10. Ausschnitt aus der Peutingerschen Tafel. 



IV. ABSCHNITT. 

STADTGESCHICHTE. 

Von 

E. v. Borries. 



1. RÖMISCHE ZEIT. 

Urspiung. — Name. — Bevölkerung-. — Lage. — Römische Eroberung — Erste Erwähnung. — Das 
Castrum. — Die Lagerstadt. — Wasserleitung. — Gräberfunde. — Römische Münzen. — Christenthum. — 
Alamanneneinfälle. — Die Heidenmauer auf dem Odilienberg. — Schlacht bei Strassburg. — Argen- 

toratum zerstört. 

Schon der Strassburger Chronist Jakob Twinger von Königshofen 
muss gestehen, dass er „nüt geschrieben vand, zu welre zit diese stat 
Strosburg anegefangen und gebuwen" wurde, und wir sind heute nicht 
viel klüger. Wenn er aber fortfährt, dass es „me denne 12 hundert jor vor 
gotz geburte gewesen," so können wir diese Ansicht nicht theilen. Ohne 
Zweifel hat jedoch schon vor der Besetzung des Landes durch die Römer 
eine Ansiedelung auf dem Boden Strassburgs bestanden; denn der Name 
Argentoratum, für den erst das Mittelalter Argentina einsetzte, ist keltischen 
Ursprungs; überall, wo Kelten wohnen oder gewohnt haben, finden wir 
Ortsnamen mit ähnlichen Anfangssilben, so Argenton, Argentan, Argenteuil, 
Argentenay (sämmtlich in Frankreich) für Dörfer und Städte, Argens (in 
Südfrankreich), Argen (am Bodensee), Ergolz (in der Schweiz), Ergers 
(ganz nahe bei Strassburg) für Flüsse. Die früheren Geschichtschreiber 
übersetzten den Namen „Stadt an der Ueberfahrt"; sie setzten, ohne sich 
viel um die Etymologie zu kümmern, das, was sie vorfanden, als den Sinn 
des Wortes an. Die neuere keltische Forschung deutet die Silbe „rat", 
die sich beispielsweise auch in Ratisbona (Regensburg) findet, „der Stein, 
das Steindenkmal (der Menhir)". Die ersten Silben sind daher auch nicht 
von dem lateinischen Argentum, Silber, herzuleiten, sondern von dem 
dasselbe bedeutenden keltischen Stamm arganto-, argento-. Davon wird 
dann ein Eigenname, Argentos, abgeleitet, und Argentoratum demgemäss 
„Steindenkmal des Argentos" gedeutet, was, da eine grosse Zahl von Orts- 
bezeichnungen von Personennamen abgeleitet ist, nicht unmöglich erscheint. 



64 



Römische Zeit. 



Ansprechend erscheint auch eine andere kür/lieh geäusserte Vermuthung. 
Der Name der 111 ist uns aus dem Alterthum nicht überliefert. Da wir 
ausser Argentoratum auch die römische Ansiedlung- Argentovaria an der 
111 kennen, hat man angenommen, der Fluss habe Argentus (oder ähnlich) 
geheissen, was etwa „der silbern Schimmernde" bedeutet (s. oben Argens, 
Argen u. s. w.). Argentoratum wäre dann etwa aufzufassen wie Rheinstein 
am Rhein, Lahnstein an der Lahn u. ä. und bedeutete also „Illstein." 

In der That zählt Cäsar . (f 44 v. Chr.) als am Ufer des Rheins 
wohnend nach den Helvetiern die Sequaner, die Mediomatriker, die Triboker, 
die Trevirer auf, mit Ausnahme der Triboker lauter keltische Völkerschaften. 
Die Sequaner wohnten auch noch später im Oberelsass ; nach der im 
vierten Jahrhundert n. Chr. bestehenden Reichseintheilung hiess die Provinz, 
die von der Saone und dem Genfer See bis zum Landgraben bei Schlettstadt 
reichte, Maxima Sequanorum ; die Mediomatriker (spätere Hauptstadt: 
Metz) haben wir abwärts von ihnen bis Mainz, die Trevirer am Mittelrhein 
bis nach Köln zu suchen. Die Triboker, eine nach dem übereinstimmenden 
Zeugniss von Strabo, Plinius und Tacitus germanische Völkerschaft, die 
sich in dem Gebiet der Mediomatriker angesiedelt hatte, sind als die Spitze 
eines germanischen Keils anzusehen, der, als die breiten Massen der 
Vangionen und Nemeter nachrückten, die Mediomatriker und Trevirer vom 
Rhein abdrängte, so dass diese zu des Tacitus Zeit (100 nach Chr.) beide 
nicht mehr zu den Rheinufervölkern gehören. 

Die Römer fanden also in Argentoratum eine Ansiedelung der Medio- 
matriker vor an dem wichtigen Kreuzungspunkte der uralten Strassen, 
welche das Land von Süden nach Norden und von Westen nach Osten 
durchzogen. Jene musste hier die III oder Breusch kreuzen, um einerseits 
dem Gebiete des ungebändigten Rheins, andererseits der am Nordrande 
der Breusch steil ansteigenden Lössterrasse auszuweichen. Auf dem Rücken 
der letzteren, welche bei Strassburg am weitesten nach Osten vorspringt, 
führte, die sumpfigen Niederungen der kleineren Rheinzuflüsse vermeidend, 
die alte Strasse aus dem Mosellande über Zabern an den Rhein und 
fand jenseits desselben ihre Fortsetzung durch das Renchthal über den 
Kniebis in das Neckaiiand. Auf die Entstehung und Entwicklung der 
Ansiedlung mag auch der Zusammenfluss zahlreicher Wasserläufe auf 
beiden Rheinseiten, der Rench, Kinzig, Schutter, III, Breusch u. s. w., ein- 
gewirkt haben. Der Umstand, dass die römische Mauer Strassburgs zum 
Theil aus Kaiserstühler Basalt hergestellt ist, lässt eine sehr frühe Benutzung 
der Wasserläufe als Transportwege vermuthen. 

Julius Cäsar war es, der in den Jahren 58—51 v. Chr. ganz Gallien 
unterwarf und den Rhein in seinem ganzen Laufe zur Grenze des römischen 
Reichs machte, somit auch das Elsass einverleibte." In unserem Lande, 
vermuthlich unweit von Mülhausen, schlug er im ersten Jahre seiner Amts- 
führung den deutschen Völkerführer Ariovist und jagte die Reste seiner 
Germanen über den Rhein zurück. Als dann unter dem Kaiser Augustus 
(30 v. Chr. — 14 n. Chr.) der Plan, die Elbe zum Reichsgrenzgraben zu 
machen, an der Erhebung des Arminius und der Niederlage des Varus 



Römische Zeit. 



65 



(9 n. Chr.) gescheitert war, als auch die Feldzüge des Germanicus, trotz 
aller Siege im Einzelnen, im Ganzen ergebnisslos verliefen, so verzichtete 
Kaiser Tiberius zunächst auf die weiteren Pläne und ging auf den Rhein 
als Reichsgrenze zurück. Aber als wollte man das Zurückweichen 
nicht zugeben, so hielt man bei der Einrichtung der beiden links- 
rheinischen Grenzprovinzen, die jetzt (16 n. Chr.) erfolgte, an dem Namen 
Germanien fest; das Elsass kam nebst Rheinhessen, der Pfalz, der Frei- 
grafschaft Burgund und dem grössten Theil der Schweiz zu der Provinz 
Obergermanien (Germania superior oder prima) mit der Hauptstadt Mainz 
( Mnguntiacum). In den Wirren, die nach dem Tode Neros und dem Sturz 




Fig. 11. Argentoratum nach v. Apell. 

der julisch-claudischen Dynastie (68 n. Chr.) ganz Gallien ergriffen und den 
Bataver Claudius Civilis zu einem gefährlichen Aufstande fortrissen, hatten 
die rheinischen Gebiete viel zu leiden. Auch Argentoratum wird dabei 
nicht verschont geblieben, vermuthlich aber nach der Herstellung geordneter 
Verhältnisse unter Kaiser Vespasian (69—79) aus den Trümmern erstanden sein. 

Genannt wird es zuerst im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
\on dem Geographen Ptolem^eus, der mittheilt, dass die achte Legion in 
Strassburg ihr Hauptquartier gehabt habe. Dies scheint auch die ganze 
Zeit der Fall gewesen zu sein, wo die Römer das in langsamem, friedlichem 

5 



66 



Römische Zeit. 



a. Quer 



'schnitt. 




b. Orund- 



Vordringen gewonnene Zehntland (die agri decumates) zwischen Main und 
oberer Donau besetzt hatten (etwa bis 270 n. Chr.). In der That sind in 
und um Strassburg eine ganze Reihe von Gegenständen mit dem Stempel 
dieser Legion gefunden worden. 

Wo befand sieh nun das Lager der Garnison? 
Die Forschung hat die Umgrenzung desselben ganz 
genau festgestellt. (Fig. 11.) Es lag in dem Winkel, 
den die III mit dem ihr wieder zufliessenden sog. 
falschen Wallgrabenkanal bildet, der aller Wahr- 
scheinlichkeit nach aus einem natürlichen Wasser- 
lauf erweitert worden ist. Dieser Winkel ward 
heute durch das katholische Gymnasium und die 
Stephanskirche ausgefüllt. Von hier aus lief die 
Mauer, von der sich an vielen Stellen die Funda- 
mente gefunden haben, an dem Lezai-Marnesia- 
Staden entlang bis zu dem Statthalterpalast, dann 
auf der südöstlichen Seite des Broglieplatzes und 
der Studentengasse durch das General-Kommando, 
das Rathhaus und das protestantische Gymnasium 
bis an den Neukirchplatz, wo die abgerundete Nord- 
westecke vermuthlieh noch die Rundung der alten 
römischen Mauer wiedergibt. Von dort aus lässt 
sich die Mauer gleichlaufend mit den Gewerbs- 
lauben am Neuen Markt und hinter der nordöst- 
lichen Häuserreihe des Schneidergrabens und der 
Spitalgasse bis fast an den Ferkelmarkt verfolgen, 
wo sie umbiegt, um parallel mit der III unter dem 
heutigen Frauenhaus und Schloss hinweg und an 
der nordwestlichen Seite der Kalbsgasse entlang 
bis wieder zum katholischen Gymnasium zu ver- 
laufen. So bildete das Castrum ein Rechteck von 
530 m Länge und 370 m Breite. Auf der Seite, wo 
die damals noch nicht eingedämmte, daher viel 
breitere III einen hinreichenden Schutz gewährte, 
stand nur eine einfache, im Lehmboden gegründete, 
oben 1 m, unten 2 m starke Mauer aus Basalt vom 
Kaiserstuhl (Dolerit). 

Nach den anderen Seiten war der Schutz, 
wenigstens in späterer Zeit, ein erheblich stärkerer. 
Auf einem 3,57 m breiten älteren Betonfundament 
landen sich zwei nicht ganz gleichzeitig hergestellte 
Mauern, die äussere 1,30 m, die innere 1,46 m stark, 
deren 0,81 m breiter Zwischenraum mit ( Aissmauer- 
werk ausgefüllt war. (Fig. 12a.) Auf der Mauer 
lief hinter den Zinnen ein Wehrgang entlang. 
Fi *' \?Tv B AvSr nsex) Die Befestigung war durch 24, wahrscheinlich zu 



rifs. 



c Ansicht 



CO 
CD 

. -5,52 



I 



d. Propugnacuhm 



r 



Römische Zeit. 



67 



Valentinians (364—375) Zeiten, angefügte Thürme verstärkt, die in Bogen- 
schussweite voneinander standen, einen Durchmesser von 6,50 m hatten, 
vorn halbrund waren und nur um ein Geringes vorsprangen. Die Thurm- 
mauer war 1,50—2 m stark. Hinter den Thürmen 
war der Wehrgang der Mauer unterbrochen und 
durch eine ab werf bare Balkenbrücke ersetzt, von 
der aus man in die Thürme gelangen konnte. 
(Fig. 12b, cu. 13.) Ausserhalb der Mauer lag zunächst 
ein etwa 20 m breiter trockener Raum, dann 
folgte ein 10 m breiter Graben, der vor den 
Thoren überbrückt war. Zwischen Thor und 
Brücke befand sich das Propugnaculum (Fig. 12d), 
ein von Mauern umgebener Vorhof mit zweitem 
Thor am Grabenrande. Diese Anlage sperrte den 
Zugang von der Brücke zu dem Raum zwischen 
Graben und Mauer und diente im Kriege dazu, 
die einrückenden oder ausfallenden Truppen Fl "£- 13 - Römischer Mauerthurm 

r 1 nach Sübermann. 

gleichsam durchzuschleusen, in der Art, dass stets 

das innere oder das äussere Thor geschlossen gehalten werden konnte. Am 
deutlichsten sind diese Verhältnisse in der Krämergasse zu erkennen. Das 
Thor mit seinem Propugnaculum lag in derselben unweit des Münsterplatzes, 
die Häuser des heutigen Schneidergrabens und der Spitalgasse stehen auf 
dem Raum zwischen Mauer und Graben, dieser selbst, als überdeckter 
Kanal noch heute vorhanden, zieht zwischen der Südwestseite der genannten 
Strassen und der Nordostseite der Gewerbslauben und des alten Fisch- 
markts entlang, während diese beiden auf dem früheren äusseren Graben- 
rand herlaufen. 

Ueber die Anzahl der Thore sind die Ansichten getheilt. Nur zwei 
sind wirklich nachgewiesen, das bereits erwähnte an der Südwestseite in 
der heutigen Krämergasse, durch welches in der Richtung der heutigen 
Langen Strasse der Weg nach Elsasszabern (Tres Tabernae) und über die 
Vogesen nach Lothringen hineinführte, und ein anderes an der Nordwest- 
seite an der Vereinigung der heutigen Münstergasse und des Broglieplatzes, 
durch welches die Blauwolkengasse und die Steinstrasse entlang die römische 
Strasse nach Brumath (Brocomagus) und rheinabwärts nach Mainz (Mo- 
guntiacum) lief. Natürlich gab es auch an den beiden andern Seiten des 
Castrums Thore, vermuthlich eins im Nordosten am Ende der heutigen 
Steingasse neben der Stephanskirche und eins im Südosten nahe der jetzigen 
Magdalenenbrücke auf der Stelle des Schlosses. Hier begann eine Strasse, 
die sich unweit des Thores gabelte, um einerseits in das Oberelsass und 
nach Äugst (Augusta Rauracorum) bei Basel, andererseits über den Rhein 
nach Baden-Baden (Aurelia Aquensis) zu führen. Soweit die angeführten 
Strassen dem linken Rheinufer angehören, sind sie auf den zusammen- 
gehörigen Stücken der sog. Peutinger' sehen Tafel (vom neuesten Heraus- 
geber, Miller, die Weltkarte des Castorius genannt) verzeichnet (Fig. 10 
u. 26), das rechte Rheinufer war zur Zeit der Entstehung dieses römischen 

5* 




68 



Römische Zeit. 



Kartenwerks, etwa im Jahre 366 n. Chr., mit Ausnahme des Gebiets zwischen 
der obersten Donau und dem Bodensee den Römern bereits verloren. 

Es war naturgemäss, dass sich vor den Mauern eines solchen Castrums, 
besonders wenn es wie Argentoratum das Standquartier eines grösseren 
Truppentheils war, eine Civilniedeiiassung bildete, von Marketendern, Han- 
delsleuten und ausgedienten Soldaten, die, durch eine Frau aus dem Lande 
gefesselt, hängen blieben u. s. w. Ihre Wohnungen, leichte Hütten, nannte 
man cannabae, ein Wort, das das Verdienst hat, der deutschen „Kneipe" 
Urahne zu sein, sie selbst Cannabenses; unter diesem Namen erhielten sie 
eine gewisse Organisation. Spuren solcher Ansiedlungen haben sich einer- 
seits an der Langen (früher Ober-) Strasse, andererseits am rechten Ufer 
der III, unweit von St. Nikolaus, gefunden. Sie werden niemals einen 
grossen Umfang erreicht haben, w r enn man sich auch genöthigt sah, hier 
wie überall, w r o man keine unmittelbar aus dem Boden hervorbrechenden 
Quellen hatte, für Trinkwasser durch eine Wasserleitung zu sorgen, deren 




Fig. 14. Lageplan der römischen Wasserleitung nach de Morlet. 

Anlage mit den bei Vitruv und Plinius gegebenen Regeln übereinstimmt. 
Bei Küttolsheim (Fig. 14), einem an der Römerstrasse nach Zabern ungefähr 
18 Kilometer von Strassburg gelegenen Dorfe, wurde eine Quelle in der 
Höhe von 200 m über dem Meere gefasst und in zwei 32 cm voneinander- 
liegende, 20 cm weite Thonröhren geleitet. Die einzelnen Röhrenstücke 
waren 52 cm lang und mit Hülfe von Kitt ineinandergefügt. Auf längeren 
Gebrauch der Leitung lässt ein Kalkniederschlag von 12 mm schliessen. 
In gewissen Zwischenräumen ging die Leitung durch zwei nebeneinander- 
liegende Steinquadern von 60 cm Breite und Dicke und 88 cm Höhe, welche 
als Stütze dienten, zum Theil auch vertikale Röhren von 12 cm Durch- 
messer enthielten, um der im Wasser enthaltenen Luft Abzug zu gewähren. 
(Fig. 15.) Die Leitung lief der Römerstrasse parallel, kreuzte sie diesseits 
von Hürtigheim kurz vor dem Musbächel, begleitete dann dieses und passierte 
es schliesslich, um die Höhe von Oberhausbergen zu überschreiten. 1600 m 
von diesem Ort nach Strassburg zu sind die letzten Röhren 1 m unter 
dem Boden gefunden worden. Man hat die Leistungsfähigkeit der Leitung, 
wohl etwas zu hoch, auf täglich 3110 Kubikmeter Wasser berechnet. Die 



Römische Zeit, 



69 



Vertheilung in der Stadt geschah durch Thon- und Bleiröhren von 4—7 cm 
Stärke, nach Bruchstücken zu urtheilen, die in der Nähe des Neukirchplatzes 
gefunden worden sind. Die Leitungen waren in Beton gebettet und ausser- 
dem durch Backsteinplatten geschützt. 



Ansicht der doppelten Leitung 



d die Röhren 
e das Stejn/äger 
/' En/luffungsrö/iren 



g Thonrnhr 
h Bern 

t Backstein um - 
Umhüllung 




Brunnen-od Hausleitung 
Querschnitt 



Längsschnitt 




Fig. 15. Römische Wasserleitung. 

Einen gewissen Schluss auf die Bedeutung der Ansiedlung Argen- 
toratum lassen auch die Gräberfunde zu, die im Laufe der letzten Jahr- 
hunderte, namentlich aber bei der Herstellung des Planums des neuen 
Bahnhofs gemacht worden sind. Dieselben sind zwar an und für sich recht 
erheblich ; aber mit der Auffindung einiger hundert Grabstätten scheint der 
Boden auch so ziemlich erschöpft zu sein, und da sich die Funde auf eine 
Zeit von etwa anderthalb Jahrhunderten (200—350 n. Chr.) erstrecken, so kann 
die Bevölkerung nicht sehr hoch angesetzt werden. Von Interesse ist, dass 






Fig. 16. Truhen und Aschenurnen. .Fig. 17. Sandsteinsarg. 

bei diesen Gräberfunden der Uebergang von der Verbrennung zur Be- 
erdigung zu konstatiren ist, welch letztere seit 250 vorherrschend und bald 
allgemeine Sitte wurde. Die gefundenen Aschenurnen standen theils in 
sehr grob behauenen steinernen Truhen (Fig. 16), theils waren sie durch 
Ziegel, theils durch starke Bretter geschützt oder wenigstens mit einer 
irdenen Platte bedeckt. Die begrabenen Körper lagen mit ganz geringen 
Ausnahmen in Särgen. Unter etwa 220 Särgen befanden sich 2 Bleisärge, 
von denen einer in eine Steinkiste, der andere in einen Holzkasten einge- 



70 



Römische Zeit. 



schlössen war. 19 Särge sind von Vogesensandstein, der vom Fuss der 
Frankenburg aus dem Weilerthal bei Sehlettstadt stammt. (Fig. 17). Vier 
Todte lagen in Behältern von viereckigen irdenen Platten, geschützt ent- 




Fig. IS. Sarg aus Platten. Fig. 19. Sarg aus Platten. Fig. 20. Sarg aus Platten. 

(Seitenansicht.) (Grundriss.) (Querschnitt.) 



weder durch Mauerwerk (Fig. 18, 19, 20), durch Anhäufung von grossen 
Steinen oder durch Bohlen, die durch sehr lange Nägel mit den Platten 
verbunden waren. Die meisten lagen in Holzsärgen, von denen nur die 
eisernen Nägel übrig geblieben sind. 




Fig. 21. Rom. Glas.irefäss (Ansicht von der Seile und von unten). 

Dem Gebrauche, den Todten Gefässe in die Gräber mitzugeben, hul- 
digten die Bewohner Argentoratums in hohem Masse; es sind in 180 Grab- 
stätten mehr als 250 Gefässe gefunden worden, theils aus Glas, theils aus 
Thon. Die Glasindustrie zeigt sich als sehr hochstehend, während die 
Thonwaaren eine kümmerliche Technik verrathen. (Fig. 21—25.) Ausser- 
dem landen sich Reste von Holzkästchen mit Metallecken und mit Schloss 
und Schlüssel, die als Schutz für Gefässe dienten, ferner Schmuckgegen- 
stände, gelegentlich auch einmal in einem Kindergrab Spielzeug, ein 
Damenbrett mit gläsernen Setzsteinen u. A. 

Auf den zu den verschiedensten Zeiten gefundenen, nicht gerade sehr 
zahlreichen, römischen Münzen linden sich vereinzelt die Köpfe der ersten 



Römische Zeit. 



71 



Kaiser, gelegentlich die der Herrseher des zweiten Jahrhunderts ; häufig 
treten die des dritten und des beginnenden vierten Jahrhunderts auf. 




Fig. 



Rom. Glas. 



Fig. ÜL'. Röm. Thonkrüge. 

Das ist, was man an Resten der Römerzeit in Strassburg aufgedeckt 
hat. Was man sonst von dem Palast des römischen Befehlshabers, der 
auf der Stelle des heutigen St. Stephan-Grundstückes gestanden, und von 
einem Tempel der Minerva, der die Stelle des heutigen Münsters ein- 
genommen habe, erzählt, ist alles Fabel; 
noch fabelhafter sind die Legenden der 
mittelalterlichen Chroniken über die erste 
Verbreitung des Christenthums , in unserm 
Lande. Sie wissen zu erzählen, dass der 
hl. Maternus im Jahre 64 noch bei Leb- 
zeiten des Apostels Petrus die Kirche zum 
alten St. Peter vor den Mauern der rö- 
mischen Stadt gegründet und die Be- 
wohner bekehrt habe, dass dann aber 
das ganze Land wieder in das Heidenthum 
zurückgefallen sei, bis König Chlodwig 
endgültig den Sieg des Christengottes ent- 
schieden habe. In der That finden sich 
Spuren christlichen Glaubens zur Römer- 
zeit so gut wie gar nicht. Bei den massen- 
haften Gräberfunden ist nur ein, aller- 
dings sehr werthvolles Glasgefäss mit christlichen Darstellungen gefunden 
worden : es stellt die Opferung Isaaks und das Wasserwunder Mosis 
dar (Fig. 25); doch daraus ist noch gar nicht einmal auf die Religion des 
Begrabenen zu schliessen. Inschriften aus altchristlicher Zeit werden aus 
dem Gebiet des ganzen Strassburger Bisthums vier aufgeführt, von denen 
zw^ei in ihrem christlichen Charakter zweifelhaft sind. Wir haben also eine 
im ganzen heidnische Bevölkerung für das alte Argentoratum anzunehmen ; 
ehe das Christenthum Zeit fand, hier, an den Grenzen des römischen 
Reichs, Wurzel zu fassen, brachen Stürme los, welche jede friedliche 
Entwiekelung unmöglich machten. 




Fig. 24. Röm. Glaskrüge. 



72 



Römische Zeit. 



hn dritten Jahrhundert begannen nämlich die Einfälle der Alamannen, 
die sieh allmählich in dem rechtsrheinischen Zehntland festgesetzt hatten. 
Ihnen trat Kaiser Probiis (276—282) mannhaft entgegen 1 , ohne jedoch das 
überrheinische Land wiedergewinnen zu können. Der Rhein, an dessen 
sonnigen Uferhöhen er zuerst — und das ist sein grösster Ruhmestitel — 
die edle Rebe pflanzen Hess, ward wieder, wie im ersten Jahrhundert, die 
Grenze des römischen Reichs. Aber sobald die Reichsgewalt schwach war, 
drangen die beutelustigen Schaaren auch über diese Grenze vor und die 
kriegSAingewohnten Bewohner der fruchtbaren Ebene flüchteten in das 
Gebirge, um auf dessen felsumgebenen Höhen eine Zuflucht zu finden. 




Fig. 25. Christliches Glasgefüss. 



Dieser Zeit der schweren Noth schreibt man die Entstehung der 
Ringburgen zu, die sich auf mehreren Berggipfeln der Yogesen finden. 
Der Odilienberg, ebenso berühmt durch seine liebliche Legende als durch 
seine prächtige Aussicht, gekrönt von dem ältesten Kloster des Landes, 
umgeben von einem Kranze von Burgen, trägt auch das räthselhafte 
Denkmal, welches den Forschern noch immer zu rathen giebt. Die Hcidcn- 
maner, welche die vielfach ausgeschweifte Oberfläche des Berges einschliesst, 
ist jetzt noch an einigen Stellen 3 m, an vielen 2 m, war aber im Durch- 
schnitt vermuthlich 4—5 m hoch und, wie auch heute noch, 1,60 m stark. Sie 
hat eine Länge von 10500 m und umschliesst ungefähr einen Flächenraum 
von 100 Hektar. Die einzelnen, ohne Mörtel aufeinandergesetzten, grob- 
behauenen Steine sind 1,60—1,70 m lang, 0,30—0,60 m dick, 0,80—1,00 m 
breit. Sie waren durch hölzerne Klammern (Schwalbenschwänze) verbunden. ') 

Aber alle Abwehr- und Schutzmassregeln konnten bei den zerrütteten 
Zuständen des römischen Reichs schliesslich die endgültige Besetzung des 
Elsass durch die Alamannen nicht hindern. Aus dem Umstand, dass die 

') Wenn ich die'Heidenmauer als ein Werk des dritten oder vierten Jahrhunderts n. Chr. ansetze, 
so folge ich v. COHAUSEN. dem bedeutendsten Kenner der römischen Befestigungskunst in Deutschland, 
JACOB SCHNEIDER und F. X. KRAUS, deren Ansicht sich in Deutschland allgemeinen Beifalls 
erfreut. Es muss jedoch hervorgehoben werden, dass in neuester Zeit CH. PFISTER in Nancy in einer 
sehr scharfsinnigen Untersuchung (Annales de l'Est VI, 219 ff.) mit guten Gründen die Ansicht verfochten 
hat, dass die Heidenmauer ein gallisches Werk des vierten oder dritten Jahrhunderts vor Chr. sei, wie 
Cäsar deren mehrere beschreibt. 



Römische Zeit. 



73 



Münzfunde in der Strassburger Gegend mit Konstantin IL (337—340) ab- 
schliessen, ergiebt sieh, dass Argentoratum um 350, als die Alamannen in 
den Kämpfen zwischen Konstantins II. (337—361) einer-, und Magnentius 
und Decentius andererseits, theils als Eroberer, theils als Bundesgenossen 
im Elsass festen Fuss fassten, zerstört Avorden ist. Als die Germanen 
dann von ihrer Niederlassungsbefugniss am linken Rheinufer in dem Sinne 
Gebrauch machten, dass sie brandschatzend ganz Gallien bis an den 
westlichen Ocean durchzogen, trat ihnen im Sommer 357 Julian, ,,der 
Romantiker auf dem Throne der Cäsaren", im Gebiet von Strassburg 
entgegen und vernichtete ihrer mehr als 30000. Von keiner Schlacht des 
Alterthums haben wir eine lebendigere Schilderung; die ungestüme, un- 
geregelte Tapferkeit der Germanen, die geordnete Taktik der Römer, die 
mächtige Gestalt des V olkskönigs Chonodomar, die jugendliche Erscheinung 
des an der vorgetragenen Purpurfahne kenntlichen Casars, die anfängliche 
Bedrängniss der Römer, die schliessliche wilde Flucht der Alamannen, ihr 
verzweifeltes Ringen mit dem reissenden Rheinstrom hat uns Ammianus 
Marcellinus, der selbst in diesen Gegenden als Offizier gekämpft hat, 
packend geschildert. l ) Aber so glänzend der Sieg, so unbedeutend die 
Folgen. Weitgehende Pläne, die auf eine Wiederbelebung der hellenisch- 
heidnischen Kultur abzielten, veranlassten Julian sich dem christlichen 
Konstantius II. gegenüber zum Augustus aufzuwerfen und in den Orient 
zu ziehen, wo ein persischer Pfeil dem erbitterten Feinde des „Galiläers" 
ein frühes Ende bereitete. Sofort nach seinem Abzug drangen die Ala- 
mannen wieder über den Rhein. Kaiser Valentinian I. (364—375) stellte 
zwar die Rheingrenze noch einmal wieder her und baute vermuthlieh 
einen Theil der Mauer des wiederhergestellten Argentoratum. Doch kann 
diese Wiederherstellung nur vorübergehend gewesen sein, mit dem Jahre 
406 ist im Elsass alle römische Kultur vernichtet: der Einbruch eines ge- 
waltigen Heerhaufens von Alanen, Sueven und Vandalen zwang den Kaiser 
Honovins, die Legionen vom Rhein zurückzuziehen, und damit war der 
Damm Aveggerissen, der die immer höher schwellenden Fluthen des 
germanischen Völkerstroms bis dahin aufgehalten hatte. Argentoratum 
ging zu gründe, um als Strassburg wieder zu erstehen. 



] ) G. FREITAG hat diese Schilderung in seine „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" auf- 
genommen und dann noch einmal im ersten Theil der „Ahnen" verwerthet: Held Ingo reisst die Seide 
von der Kaiserstandarte, die sich dann als ein Talisman auf die späten Nachkommen vererbt. 




Strasburg Eh] flortmrg Kembs ,. Angst 

Fig. 2b. Ausschnitt aus der Peutingerschen Tafel. 



Fig. 27. Reiterkampf nach dem Hortus deliciamm (um 1180). 



2. GERMANISCHE ZEIT BIS ZUM JAHRE 1000. 

Alamannische Besiedelung. — Fränkische Eroberung 1 . — Wiederaufbau von Strassburg. — Das Bisthum. 
— Sog. I. Erweiterung. — St. Stephan. — Bevölkerung. — Bischof Adeloch. — Politische Schicksale — 
Zusammensetzung der Ansiedlung. — Der Bischof Stadtherr. 

183 Jahre hören wir nichts von einer Ortschaft auf dem Boden 
Strassburgs; wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, dass den 
grössten Theil dieser Zeit wirklich keine Ansiedlung bestanden habe. Haben 
wir uns das Flsass zur Römerzeit als ein verhältnissmässig wohlangebautes 
und bevölkertes Land vorzustellen, so werden wir jetzt an zerstörte Dörfer 
und Städte und verödete Fluren zu denken haben, welche von Zeit zu 
Zeit von den Schaaren der Alamannen nomadenhaft durchstreift wurden. 
Endlich jedoch wurden diese sesshaft: das Ergebniss des fünften Jahr- 
hunderts ist die vollkommene Verdrängung der romanischen Bevölkerung 
aus dem Lande und ihre Ersetzung durch Alamannen. 

Im Jahre 496 besiegte der Begründer des gewaltigen Frankenreichs, 
Chlodwig, dies Volk bei Tolbiacum und gewann das Elsass, das in seinem 
nördlichen Theile (nördlich der Zorn) von Franken besiedelt wurde und 
seitdem in diesem Umfang den später weit nach Süden ausgedehnten 
Namen Elisa* (Sitz in der Fremde) führte. Durch diese Einverleibung 
werden die Verhältnisse etwas gesicherter geworden sein; es werden sich 
wiedei- grossere, stadtähnliche Ansiedelungen gebildet haben, nicht auf 
dem Boden der alten Römerstädte — denn der Germane vermied die Nieder- 
lassung in dem selbst in seinen Trümmern noch beengenden römischen 
Mauerring - , aber häufig in deren unmittelbarer Nähe, da ja die natür- 
lichen Vortheile der geographischen Lage unverändert fortbestanden. So 
wird sieb im Laufe des sechsten Jahrhunderts auch vor den Thoren des 
römischen Argentoratum, das, wie wir aus einer Urkunde wissen, im achten 
Jahrhundert noch in Trümmern lag, wie es scheint, hauptsächlich dort, wo 
die Hütten der römischen Cannabenses lagen, eine neue germanische 
Ansiedlung gebildet haben, von der wir zuerst zum Jahre 589 hören, dass 



Germanische Zett bis zum Jahre 1000. 75 

sich der König Childerich II von Austrasien in ihrem Gebiete aufgehalten 
habe. 590 wird ein Bisehof von Rheims hierher verbannt. Etwa in diese 
Zeit wird auch gewöhnlich der Heuinn des Strassburger Bisthums gesetzt. 
Die. Bischöfe Arbogast und Florentius sind allerdings noch völlig sagenhaft; 
erst anderthalb Jahrhundert später, um 750, befinden wir uns auf festem 
Boden, indem der damalige Bisehof Eddo, angeblich ein Sprössling des 
elsässischen Herzogsgeschlechts der Etichonen, sieh vom heiligen Bonifacius 
in die Organisation der fränkischen Hierarchie einordnen lässt. 

Schon vorher 1 ) war man genöthigt gewesen, die neue Ansiedlung mit 
einer Mauer zu umgeben. Man benutzte die Nordwestmauer des römischen 
Argentoratum und schloss die neue Mauer daran an. Sie begann an der 
Ecke der Münstergasse und des Broglieplatzes , lief die Nordseite der 
Studentengasse, die Südseite der Meisengasse, des Hohen Stegs und des 
Alten Weinmarkts entlang an der heutigen Alt St. Peterkirche aussen vorbei 
und endigte in dem Winkel der Illgabelung. Von ihrer Beschaffenheit ist 
nichts überliefert, sie wird aber den gleichzeitigen Mauern anderer Städte 
ähnlich, d. h. bei geringer Stärke beträchtlich hoch und oben mit Zinnen 
versehen gewesen sein, hinter denen ein Wehrgang entlang lief. Ver- 
muthlich sprangen die die Mauer verstärkenden Thürme 1—2 m vor, waren 
hinten offen und standen in Bogenschussweite von einander. Vor der 
Mauer lief ein Graben, der Rintsüter- (wohl Rindshäuter-, Gerber-)Graben 
entlang; daher Studentengasse, Meisengasse, Alter Weinmarkt heute noch 
so breit. Wo die Stadt durch die III geschützt war, also auf der Strecke 
von der heutigen Rabenbrücke bis zu den gedeckten Brücken stand nach 
Angabe einer von Specklin herrührenden Karte ebenfalls eine Mauer, wenn 
auch von geringerer Höhe und Stärke. Ausser dem an der Rabenbrücke 
(früher Schindbrücke) stehenden Thorthurm, Wellemanns Burgethor genannt, 
wird nur ein Thor in der neuen Mauer angeführt, das Rintsüterthor, an 
Stelle des späteren Pfennigthurms, nahe der heutigen Haupt wache. Wahr- 
scheinlich stand noch eins am Alten Weinmarktplatz und eins am Ende 
der Ober- jetzt Langen-Strasse. 

Ungefähr gleichzeitig mit dieser sog. ersten Erweiterung (um 720) 
wird die Gründuno- des Frauenklosters St. Stephan durch den Oheim des 
Bisehofs Eddo, den Herzog Adalbert vom Elsass, im äussersten nördlichen 
Winkel der Altstadt Strassburg angesetzt. 

Trotz der Erweiterung war die Stadt immerhin noch unbedeutend. 
Schmoller setzt für das neunte Jahrhundert, eine Zeit im wesentlichen 
ländlicher Verhältnisse, eine Bevölkerungszahl von höchstens 1500 Ein wohner 
für Strassburg an. In der That kann eine Niederlassung, in der jede Familie 
das für ihren Unterhalt nöthige Feld besitzt, diese Zahl nicht wohl über- 
sehreiten, ohne dass die Entfernungen nach den Aeckern zu gross werden. 

Im Anfang des neunten Jahrhunderts soll Bischoi Adeloch der Strass- 
burger Kirche vorgestanden haben, der von einigen Quellen als der Erbauer 



] ) Ich folge der herkömmlichen Annahme, wenn ich diese Ummauerung in das erste Viertel des 
achten Jahrhunderts setze, avüI aber nicht verschweigen, dass es mir aus allgemeinen Gründen viel 
wahrscheinlicher ist, dass sie 200—250 Jahre später fällt. 



76 



Germanische Zeit bis zum Jahre 1000. 



von SA Thomas bezeichnet wird ; bekannt ist sein Name besonders durch 
einen in der genannten Kirche aufgestellten Sarkophag" geworden, der 
seine Gebeine enthalten haben soll. Nach dem Urtheil der meisten Kenner 
ist der Sarg jedoch ein Werk viel späterer Zeit; er fällt durch seine 
Kürze auf — er ist nur 1,63 m lang — , die ihn für den Zweck, einen mensch- 
lichen Körper aufzunehmen, fast untauglich macht (Fig. 28—31). Die 
Wirren, die auf Ludwigs des Frommen Tod (840) folgten, waren für das 
Elsass von grösster Bedeutung; denn sie entschieden über seine staatliche 
Zugehörigkeit. Im Jahre 842 schwuren auf dem Platze vor der Hauptkirche 
die Brüder Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle und ihre Heere sich 



FLCÄBS * HÄG -iE DECQfcA PÄTSrA/WT' 




Fig. 28. Sarg des Adeloch (Vorderseite) in der Thomaskirehc. 



gegenseitig Treueide, ehrwürdige Denkmale beider Sprachen. Der Vertrag 
von Verdun (843) brachte das Elsass an den ältesten der beiden Brüder, 
Kaiser Lothar I.; der Vertrag von Mersen (870) theilte die Erbschaft 
Lothars II. so, dass das Elsass mit dem deutschen Reiche vereinigt wurde 
und in der folgenden Zeit einen Theil des Herzogthums Schwaben oder 
, illemannien bildete. 




Vergegenwärtigen wir uns, aus welchen Elementen sich die Nieder- 
lassung Strassburg zusammensetzte, so finden wir den Bischofsitz, die Abtei 
St. Stephan, dazu ohne Zweifel eine Ansiedlung, die w r eder zu jenem, noch 
zu dieser gehörte, und schliesslich einen Königshof. Um die Abtei mit ihrer 
Kirche und ihren Klostergebäuden , die vermuthlich grösstentheils aus Holz 
hergestellt waren, lagen die bescheidenen Hütten der ihr zugehörigen Leib- 
eigenen. Dann mag man sich stattlicher, Avenn auch noch immer mit Holz- 
decke und vielem Holzwerk die Hauptkirche, etwa an der Stelle des heu- 
tigen Münsters, denken, daneben, auf dem jetzigen Schlossplatz, des Bischofs 
Wohnung, den Fronhof, etwa den Anblick eines grossen Gutshofes mit 



Germanische Zeit bis zum Jahre 1000. 



77 



einfachem Herrenhaus, vielen Ställen und Scheunen gewährend, um den 
sich die Häuschen der Hörigen des Bischofs gruppirten. Hier finden wir 
zuerst die Anfänge der einzelnen Handwerke, zunächst natürlich derjenigen, 
die für den geistlichen Herrn von Nutzen waren, der Schneider, der Schuster, 
der Schmiede, der Schwertfeger, der Säckler u. s. f. Dazu kam dann eine 
Ansiedlung Gemeinfreier, die auf eigenem Grund und Boden wohnend, 
eigenen Grund und Boden bauend, dem öffentlichen Gericht des Königs 
zuständig waren. Ihre Höfe werden sich um eine dritte Kirche — es ist 
zweifelhaft, ob um St. Thomas oder Alt St. Peter — wie ein allemannisches 
Dorf geschaart haben, das allerdings, wie wir gesehen haben, seit etwa 
720 von einer Mauer umgeben war. Endlich wird auch noch ein Königshof 
— ähnlich wie der bischöfliche zu denken — erwähnt, den man, ob mit 
Recht, ist zweifelhaft, an die frühere Mündung der Breusch in die III, etwa 
nach St. Aurelien, verlegt; der Vorort Königshofen soll seinen Namen davon 
haben. Wir können uns die ganze Ansiedlung nicht einfach genug vor- 
stellen : Blockhäuser, höchstens Fachwerkbauten, selbst die Kirchen grössten- 
theils aus Holz, von einer eigentlichen Bauktinst noch keine Spur. 




Fig. 30. Sarg des Adeloch (Kopfseite). 



Fig. 31. Sarg des Adeloch (Fussseite). 



Im Uebrigen ist auch das neunte und zehnte Jahrhundert eine Zeit, 
von der wir erschreckend wenig wissen. So viel steht jedoch fest, dass 
sich eine politische Veränderung von grosser Bedeutung in dieser Zeit voll- 
zogen hat : die verschiedenen Bestandtheile der Ansiedlung Strassburg ver- 
schmolzen um das Jahr 1000 zu einem Ganzen unter der Oberhoheit des 
Bischofs. Unter Otto dem Grossen (936—973) trat nämlich eine Wendung 
in der Reichspolitik in dem Sinne ein, dass die Reichsgewalt, die die Un- 
zuverlässigkeit der weltlichen Fürsten erfahren hatte, sich ganz und gar 
auf die geistlichen Würdenträger, die nicht erblich und in ihrer Einsetzung 
noch vollkommen von dem Kaiser abhängig waren, begründete und deren 
Macht verstärkte. So übertrug Otto II. (973—983) in Urkunden von 974 und 982 
dem Bischof Archimbalä (Erkanbald) das Münzrecht und die Gerichts- 
barkeit in der ganzen Stadt. Im Jahre 1003 schenkte Heinrich II. (1002—1024) 
dem Bischof Wernher (von Habsburg) , der als treuer Anhänger des Kaisers 
von Herzog Hermann von Schwaben die schlimmsten Schädigungen zu 
erleiden gehabt hatte, die Abtei St. Stephan; da von einem königlichen 
Hofe, der hier wie anderwärts in den Besitz des Bischofs übergegangen 
sein wird, seitdem auch nie mehr die Rede ist, so war ganz Strassburg 
nunmehr vereinigt und kann als bischöfliche Stadt bezeichnet werden. 



Fig. 32. Das Pflügen nach dem Hprtus deliciarum (um 1180). 



3. STRASSBURG ALS BISCHÖFLICHE STADT. 

(Bis zum Jahre 1263.) 

Wandelungen um das Jahr 1000. — Der Hortus deliciarum. — Beginnende Bauthätigkeit. — Entwicklung 
der Stadt unter Mitwirkung des Bischofs. — Beginnender Gegensatz gegen den Bischof. — Der Stadt- 
rath. — Zwist zwischen der Stadt und dem Bischof Walther. — Aussöhnung mit Bischof Heinrich IV. — 
Strassburg reichsfrei. — Wirtschaftlicher Aufschwung. — Strassburgs Handel und Schifffahrt. — 
Bevölkerungszunahme. — Zweite Erweiterung und Beginn der dritten. — Neue Befestigung der Stadt. — 

Kirchliche Bauthätigkeit. 

Wenn wir um das Jahr 1000 einen Abschnitt in der Geschichte 
Strassburgs machen, so geschieht es nicht bloss aus dem oben angegebenen 
Grunde, dass der Bischof die Oberhoheit über den ganzen Ansiedelungs- 
komplex erhält, sondern gerade in diesem Werke nicht weniger deshalb, 
weil erst von diesem Zeitpunkt an von einer eigentlichen Baugeschichte in 
Strassburg gesprochen werden kann. Von den Bauten der vorhergehenden 
Zeit ist — über der Erde wenigstens — nichts mehr erhalten; alles, was 
wir von Bauten aus früherer Zeit wissen, beruht auf zum Theil sehr 
unsicheren Quellen, alles, was gebaut wurde, war derart, dass es, selbst 
wenn wir mehr davon w r üssten, eine ausführlichere Beschreibung nicht 
verdiente. Mit dem Beginn des zweiten Jahrtausends wird das ganz 
anders; in das elfte und zwölfte Jahrhundert fällt die Blüthezeit des 
eigentlich deutschen, des sog. romanischen Styls. Nunmehr beginnt auch 
eine lebhafte Bauthätigkeit, deren Ergebnisse sich theilweise noch heute 
unseren Blicken und unserer Beurtheilung darbieten. Dieser lebhafte Auf- 
schwung hängt ohne Zweifel mit der vermehrten politischen Macht der 
Bischöfe, mit ihren dadurch vermehrten Einkünften zusammen. Es war 
natürlich, dass diese Würdenträger jetzt auf den Gedanken kamen, ihre 
Kathedralkirchen besonders stattlich und schön aufzuführen; es lag ja 
ganz im Geiste der kirchlichen Auffassung des Mittelalters, wenn die 
höhere Weihe auch in grossartigerer Architectur zur Geltung kam. 



StrassburG als bischöfliche Stadt. 



79 



Naturgemäss wurde die allgemeine Aufmerksamkeit auch auf die Bau- 
technik gelenkt, wie wir unter anderen in einem im Elsass entstandenen 
Werke sehen können, das über die Kultur jener Zeit den reichsten Auf- 
schluss giebt. Es ist der Lustgarten (Hortus delieiarum) der Aebtissin auf 
dem Odilienberg, Herrad von Landsberg 1 1 167— 1195), eine Art illustrirtes 
Conversationslexikon, das sie zu Nutz und Frommen ihrer Nonnen verfasst 
hat. Von den hier wiedergegebenen Bildern (Fig. 27, 32 — 35), die trotz 
ihrer Unvollkommenheit den Stempel naiver Wahrhaftigkeit und objectiver 
Treue tragen, ist für uns besonders dasjenige bemerkenswerth, welches die 
Technik des Bauens darstellt (Fig. 33); auffallend ist, dass sich die Form 
der Werkzeuge, der Kelle, der Kalkmulde, des Zweispitzes u. s. w. in der 
langen Zeit von sieben Jahrhunderten kaum verändert hat. 




Fig. 33. Das Bauen nach dem Hortus delieiarum (um 1180). 



Im Jahre 1015 legte Bischof Wernher I. (1002—1027) den Grund zu 
dem ältesten Theil des heutigen Münsters, um den 1007 in Flammen auf- 
gegangenen älteren Bau zu ersetzen ; unter ihm soll der östliche Theil der 
Krypta vollendet sein. Sein Nachfolger Wilhelm I. (1028—1047), ein Oheim 
Kaiser Konrads IL, der Erzkanzler der Kaiserin Gisela, führte den Bau 
fort, weihte im Jahre 1031 einen Neubau von St. Thomas, der 1 144 wieder 
in Flammen aufging, und legte in demselben lahre den Grund zu Jung 
St. Peter. 

Im ganzen sind wir über die politische Geschichte auch dieser Zeit 
sehr dürftig unterrichtet. Doch kann der allmähliche Gang der EntWickelung 
in den Bischofstädten mit ziemlicher Sicherheit verfolgt werden. Wenn 
der Bisehof in dieser Zeit seinen Fronhof und die zu demselben gehörenden 



80 



StRASSHTRC ALS niSCHÖFLTCHK STADT. 



Güter zum grössten Theil selbst verwaltete, so gab er doch auch einen 
Theil davon zu Lehen an freie Leute aus. Da diese aber je länger je 
mehr danach strebten, ihre Lehen erblich zu machen und sie ihren eigent- 
lichen Herren zu entfremden, so sieht der geistliche Fürst, wie der weltliche, 
sich genöthigt, die Administration seiner Güter in die Hände von bisher 
unfreien Domänenbeamten, von Ministerialen , zu legen. Aus diesem 
Stande entwickelt sich eine Art von Beamtenthum von hoher Bildung und 
Intelligenz, ihm ist aller Wahrscheinlichkeit nach der um 1200 lebende 
Gottfried von Strassburg, der geistreichste und formgewandteste Dichter 
jener Zeit entsprossen. Der Geschicklichkeit dieser Ministerialen ist es 
zuzuschreiben, wenn Strassburg vom Beginn des elften Jahrhunderts an 
etwas zunimmt, wenn es dem Bischof gelingt, die verschiedenen Elemente 
der Stadt zu einem gleichartigen Ganzen zu verschmelzen; in ihrer Hand 
liegt die Stadt- 'und die Domänen Verwaltung. Dabei treten sie zu der 
Stadt in ein näheres Verhältniss, werden immer mehr in die Interessen 
der Bevölkerung hineingezogen und lösen sich allmählich vom Bischof los. 
Zunächst freilich geht die Stärkung der Stadtgewalt meist nicht nur unter 
Wissen, sondern sogar unter Zustimmung des Bischofs vor sich. Im Jahre 
112 c ) ertheilt Kaiser Lothar den Bürgern von Strassburg ein Privileg, 
durch welches sie ihren besonderen Gerichtsstand bei den Stadtgerichten 
erhielten; sie wurden von jeder auswärtigen Gerichtsbarkeit frei. Dabei 
ist zu bemerken, dass die Stadtgerichte jetzt noch immer die Gerichte des 
Bischofs sind. Die dominirende Stellung des Bischofs geht aus dem ersten 
Stadtrecht hervor, welches um 1150 aufgesetzt worden ist; richtiger wäre 
es als Bischofsrecht zu bezeichnen; denn von Rechten der Bürger ist keine 
Rede. Der Bischof setzt alle Beamte ein, den Schultheissen für den 
grössten Theil der Gerichtsbarkeit, den Burggrafen als Verwaltungsbeamten, 
der die Handwerkerämter unter sich hat, Mauern, Gräben und Strassen 
beaufsichtigt, den Zöllner, der Zollübertretungen, falsche Maasse und Ge- 
wichte bestraft, und den Münzmeister, der die Münzverbrechen richtet. 
Auch den Vogt ernennt er; derselbe muss aber aus dem Herrenstande 
sein und empfängt die Belehnung mit der peinlichen Gerichtsbarkeit vom 
Kaiser. Einer ganzen Anzahl von Verwaltungszweigen, des Stadthaus- 
halts, der städtischen Polizei über Fleischbänke, Brunnen, Handel und 
Markt verkehr ist in diesem „Bischofsrecht" nicht gedacht; sie standen 
schon der Selbstverwaltung der Bürger zu, unter denen die Handwerker 
jetzt eine wichtige Stellung einnehmen. Sie sind nicht mehr blosse Hof- 
arbeiter des Bischofs, dem allerdings noch eine bestimmte jährliche 
Naturalleistung zusteht, sie dürfen schon für sich arbeiten und den Ueber- 
schuss verkaufen; jedes Handwerk hat an seiner Spitze einen bischöflichen 
Ministerialen, an der Spitze aller steht, wie gesagt, der Burggraf. 

So konnte sich die Stadt unter der wohlwollenden Regierung ihrer 
geistlichen Herren entwickeln, so lange die Naturalwirtschaft vorherrschend 
und die Politik der Bischöfe gut kaiserlich war, d. h. solange die dem 
Bischöfe geleisteten Dienste nicht zu dessen privatem Vortheil geschahen, 
sondern dem Ganzen zu Gute kamen. Als aber unter vollkommen ver- 



Strassburg als bischöflichf Stadt. 



81 



rinderten Verhältnissen die Bischöfe von den Ministerialen, die zu Herren, 
und von den Handwerkern, die zu behäbigen Bürgern geworden waren, 
die alten Naturalleistungen weiter verlangten, so stellte sich ihnen eine 
energische Opposition entgegen, die auch zu einer politischen wurde, als 
Bischof Konrad IL (1190—1202) sich aus Familieninteressen auf Seite des 
Weifen Otto's IV. gegen Philipp von Schwaben stellte. Jetzt trennten sich 
die Wege des Bischofs und der Stadt. Philipp belagerte die Stadt, um den 
Bischof zu züchtigen, und verlieh den Bürgern 1205 Freiheit von Steuern 
und Diensten aus ihren ausserhalb der Stadt gelegenen Besitzungen. 

Um diese Zeit musste sich der Stadtrath gebildet haben, den Kaiser 
Friedrich II. im Jahre 1214 zu Gunsten des ihm anhängenden Bischofs 
Heinrich von\Veringen (1202—1223) zu unterdrücken suchte, 1219 aber 
anerkannte. Das zweite Stadtrecht, welches um diese Zeit — und zwar 
durch Vertrag zwischen den Bürgern und dem Bischof — entstanden ist, 




Fig. 34. Sturm auf eine befestigte Stadt nach dem Hortus deliciarum (um 1180). 



zeigt uns den Stadtrath, zusammengesetzt aus Ministerialen und Bürgern, 
aus dem ein oder zwei magistri jährlich gewählt werden sollen, als 
verwaltende und richtende Behörde. Neben den Rath treten als fernere 
Vertreter der Bürger Schöffen, die in besonders wichtigen Gerichtsfällen 
und Verwaltungsangelegenheiten zugezogen werden. Für den Wandel der 
Zeiten ist es charakteristisch, dass in diesem Stadtrecht so wenig von 
Rechten des Bischofs die Rede ist, wie in dem ersten von den Rechten 
des Bürgers ; es ist daraus allerdings noch nicht auf einen feindlichen 
Gegensatz zwischen Bischof und Bürgerschaft zu schliessen; denn der 
Bischof war durch die von ihm eingesetzten Beamten aus der Ministerialität 
hinreichend im Stadtrath vertreten. Unter den nächsten Bischöfen wird 
das gute Verhältniss zwischen der Stadt und dem Bischof nicht gestört. 
Unter Bischof Heinrich von Stahleck (1244—1260) wird ein neues Stadtrecht 
erlassen, in dem als gesetzgebende Faktoren der Bischof, das Domkapitel, 
die Ministerialen, der Stadtrath, die weisesten und besten Bürger genannt 
werden. Als Veranlassung werden die Uebergriffe der Geschlechter 

6 



82 



Strassburg als bischöfliche Stadt. 



angegeben ; daher handelt es sieh im Wesentlichen um eine Verbesserung 
und Beschleunigung des Gerichtsverfahrens. 

So hatte die Stadt ganz allmählich einen Schritt nach dem andern 
zur Erreichung der vollen Reichsfreiheit zurückgelegt; die Bischöfe hatten 
in dem sichern Gefühle ihrer Herrschaft ein Zugeständniss nach dem 
andern gemacht, ohne zu bemerken, wie ihnen allmählich die Zügel 
entglitten. Da bestieg im Jahre 1260 Walther von Geroldseck im Schwargwalä 
den bischöflichen Stuhl, ein stolzer Herr, der zu seinem grossen Erstaunen 
ein fast vollkommen selbstständiges Stadtregiment vorfand, das doch nur 
zum Theil seine Grundlage im geschriebenen Rechte hatte. Er stellte daher 
sofort eine Anzahl Beschwerdepunkte zusammen, deren Abstellung er 
A r erlangte: Wahl der Städtemeister ohne seine Zustimmung, Auflage von 
Abgaben auf Ritterbürtige wie auf Bürger, Einziehung der Almende u. s. f. 
Die Stadt gab nicht nach, es kam zu offenem Kriege, der durch die Schlacht 
zwischen Ober- und Niederhansbergen am 8. März 1262 ungünstig für 
Walther endigte. Erst nach seinem Tode hörte der Kriegszustand auf. 
Sein Nachfolger Heinrich von Geroldseck an dem Wasichen (1263—1273) 
bestätigte die hergebrachten Rechte der Stadt ; der Bischof darf die 
städtischen Beamten ernennen, aber nicht mehr ausschliesslich aus den 
Ministerialen; der Burggraf ernennt den Zünften Meister aus ihrer Mitte. 
Der jährlich ausscheidende Rath soll jedesmal den neuen wählen, dieser 
dem Bischof schwören. Stadtregierung und Stadtgericht bekommen be- 
deutend erweiterte Befugnisse, jene beispielsweise freie Verfügung über die 
Almende, das Recht zum Schliessen von Bündnissen, dieses wird Oberhof 
für alle Städte und Dörfer des Bisthums. Trotz der dem Bischof auch 
jetzt noch zugestandenen Rechte war thatsächlich die Herrschaft in der 
Stadt in die Hände der Bürger übergegangen: Strassburg war freie Reichs- 
stadt geworden. 

Diese ganze Entwicklung ist aber nur zu verstehen, wxnn man sich 
den enormen Umschwung vergegenwärtigt, der sich in dieser Zeit, etwa 
zwischen 1150 und 1300, vollzieht. Einer unserer bedeutendsten National- 
ökonomen, der schon angeführte Schmoller, ist zweifelhaft, ob diese wirth- 
schaftliche Revolution nicht von noch grösserer Bedeutung gewesen ist, 
als die zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts und als die durch die 
Dampf kraft und die Elektrizität hervorgerufene, in der wir uns jetzt be- 
finden. Aus einem Bauernvolke wird in dieser Zeit ein Volk mit Städten, 
mit Grosshandel und Industrie, an Stelle der Naturalwirthschaft tritt das 
Geld- und Kreditwesen. Das rauhe Kriegerthum der Ottonenzeit verwandelt 
sich in das gesittete Ritterthum mit seinem Minnedienst und seiner Poesie, 
die Einfachheit, die sich auf das Nothwendige beschränkte, macht einem 
Luxus Platz, der aus allen durch die Kreuzzüge und die Romfahrten bekannt 
gewordenen Gegenden die Mittel zu reicher Ausgestaltung des Lebens her- 
beischafft. Der Gesichtskreis erweitert sich und die Bildung, auch in Laien- 
kreisen, nimmt zu; daher hört in dieser Zeit auch die Kenntniss der höheren 
Künste, des Bauens, des Malens, des Bildschnitzens u. s. w. auf, ausschliess- 
licher Besitz der Klöster zu sein. 



Strassburg als bischöfliche Stadt. 



g3 



Was im Besonderen Strassburg anlangt, so entwickelte sich ein ganz 
bedeutender Handel mit Landesprodukten, die aus den umliegenden reichen 
Gebieten, welche schon damals als „die Speiskammer, der Weinkeller und 
die Kornkammer" der benachbarten Länder galten, in Strassburg zusammen- 
flössen und im Kauf hause an der III aufgestapelt wurden. Der wichtigste 
Gegenstand des Handels war aber ohne Zweifel der Elsässer Wein, der 
schon seit dem neunten Jahrhundert bis nach Friesland, in späterer Zeit 




Fig. 35. Wassermühle nach dem Hortus deliciarum (um 1180). 
Die rechts stehende Figur vermuthlich Herrad. 

bis England, Dänemark und Schweden versandt wurde; die Spedition des 
Elsässer Weins war im zwölften Jahrhundert der wichtigste Zweig des 
Kölner Handels. Nach dieser Stadt kam er auf dem Wasserwege ; die Rhein- 
schifffahrt war damals von Basel bis Mainz vollkommen in den Händen 
der Strassburger Schiffer, die auch als Lotsen die beste Kenntniss der 
schwierigen, sich stets verändernden Wasserstrasse hatten. Was dies be- 
deutet, wird klar, wenn man sich erinnert, dass zu jener Zeit der Weg 
von Venedig über die Alpenpässe, das Rheinthal entlang nach der Nordsee, 
die wichtigste Welthandelsstrasse war. Auch die III, die von Colmar ab 
befahren wurde, und die Kinzig, auf der aus dem Schwarzwalde Holz 
herabgeflösst wurde, nutzte man nach Möglichkeit aus. Weinhandel und 
Schi ff fahrt waren die Säulen des Strassburger Wohlstands. 

6* 



84 



Strassburg als bischöfliche Stadt. 



Eine Folge jenes oben angedeuteten Umschwunges ist die reissende 
Bevölkerungszunahme in den Städten; erst als es für den Einzelnen nicht 
mehr nöthig war, sich, was er brauchte, selbst zu pflanzen und zu ziehen, 
als die grössere V erbreitung des Geldes als allgemeinen Tauschmittels den 
jederzeitigen unbeschränkten Eintausch der zum Leben nothwendigen 
Dinge ermöglichte, waren grössere Ansammlungen von Menschen möglich. 
Ist für das Strassburg des neunten Jahrhunderts mit seiner ersten Er- 
weiterung eine Bevölkerung von 
1500 Seelen anzusetzen, so nimmt 
die Stadt seit 1150, wo etwa 4000 
bis 5000 Einwohner zu zählen sind, 
bedeutend zu, und zwar sowohl 
durch weitere Ausdehnung ihrer 
Mauern, als durch näheres An- 
einanderrücken der Häuser, die bis 
dahin wohl durchgängig mit Ställen 
und Scheunen, mit Gärten und 
Feldern umgeben waren. Um das 
Jahr 1200, nach König Philipps 
Belagerung, wird die Stadt so er- 
weitert, dass nunmehr die ganze 
von der III und dem falschen Wall- 
grabenkanal eingeschlossene Insel 
ummauert wird; sie zählt jetzt 
etwa 10000 Seelen. Aber bald muss 
man auch nach der entgegenge- 
setzten Seite zu einer Hinausschie- 
bung des Mauerrings schreiten und 
das Gebiet südlich der III mit 
einer Mauer von den gedeckten 
Brücken bis etwa an die jetzige 
Wilhelmerbrücke einschliessen. Im 
dreizehnten Jahrhundert steigt die 
Bevölkerung von 10000 auf etwa 
30000 Köpfe. 

Von den in diesem Zeitraum 
vorgenommenen Bauten ist zu- 
nächst der durch die soeben erwähnte zweite Erweiterung der Stadt 
bedingte Manerbau zu nennen. Der grösste Theil der am Pariser-, Keller- 
mann- und Schöpflin-Staden stehenden Gebäude ruht an der Wasserseite 
auf der alten Mauer; an einzelnen Stellen, wie beim Telegraphenamt und 
beim Artilleriedepot sind ihre Spuren noch heute zu erkennen. Sie be- 
stand aus Ziegelsteinen von sehr grossem Format, zwischen denen die 
breiten Fugen mit Mörtel aus sehr grobem Sand ausgefüllt waren; sie 
war nach vorne abgeschrägt und oben 1,50 m breit. 2 m über dem 
heutigen Strassenpflaster , 7 m über dem Wasserspiegel des vor ihr 




Fig._36. Ehemaliges Burgthor (Am Graben zwischen 
Blauwolkengasse und Steinstrasse). 
Gez. von E. Schweitzer. 



Strassburg als bischöfliche Stadt. 



85 



liegenden Grabens hatte sie einen inneren, als Wehrgang dienenden 
Absatz, über den sich die Brüstungsmauer 0,75 m erhob. Aus der Mauer 
sprangen eckige, hinten offene Thürme vor zur Flankirung und zur Ein- 
theilung in Vertheidigungsabschnitte. Als Befestigungsgraben diente der 
an der Mauer entlang fliessende Illarm. An neuen Thoren haben wir 
das Speyer- oder Bischof sburgethor bei der jetzigen Kronenburger Brücke, 
das Burg- oder St. Petersthor (Fig. 39) an der Steinbrücke und vielleicht 
noch das Schilken-(Schütigheimer) -Thor am Ende der Schiltigheimer 
Gasse, nahe der Schöpflinschule, zu nennen. Auch in die älteren Mauern 
wurden um diese Zeit noch einige kleinere Thore gebrochen. Ein Theil 
dieser Befestigung stand bis 1830, ein Thurm an der Schöpflinschule ist sogar 
erst 1853 abgerissen worden. Der frühere Stadtgraben wurde damals vom 
Zollthor am Ende der Langen Strasse (Fig. 39) bis zum Eisernen-Manns- 











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Fig. 37. Festlich gedeckter Tisch nach dem Hortus deliciarum (um 1180) 



Platz zugeschüttet, die Strasse zum Alten Weinmarkt liegt auf demselben; 
auch die alte Ringmauer wurde zum Theil niedergerissen. Vor der Stadt 
wurden sechs „Wighäuser" oder Wachtthürme errichtet, je einer am Ende 
der späteren Stein-, Kronenburger- und Weissthurmstrasse, einer bei dem 
heutigen Spitalthore und je einer an Stelle des späteren Nikolaus- und 
Johannisthors im Nordosten der Stadt. Bald darauf grub man vor dem 
Stadtgraben in seiner ganzen Länge von den späteren gedeckten Brücken 
bis nach St. Stephan einen zweiten Graben und baute auf dem dazwischen 
liegenden 6 m breiten Streifen eine doppelte Brüstungsmauer. (Fig. 39 u. 45.) 
Auf diesen sog. falschen Wall (daher noch heute : Falscherwallgrabenkanal, 
Canal des faux remparts), der eine Eigenthümlichkeit der Strassburger 
Befestigung war, setzte man an den Thoren Thürme, dazu noch einen, 
wo der Graben eine Biegung machte, nahe der Schöpflinschule, und einen 
an das Ende der Befestigung bei St. Stephan, genannt „snm stolzen Eck" 
(Fig. 45). Diese Thürme standen bis ins siebzehnte und achtzehnte Jahr- 
hundert, während der falsche Wall erst 1830,31 zerstört wurde. 



86 



Strassburg als bischöfliche Stadt. 



am 



Auc h die kirchliche Bauthätigkeit nahm einen bedeutenden Umfang an; 
Münster wurde mit Unterbrechungen weiter gebaut, so dass um 1275 

das ganze, 1298 grösstenteils wieder abgebrannte 
Langhaus fertig dastand, ebenso an St. Thomas, 
das nach dem Brande von 1144 neuerstand, aber 
hundert Jahre später schon 
wieder erneuert werden musste, 
ebenso an Jung St. Peter. 
Ausserdem wurden noch eine 
ganze Anzahl von weniger be- 
deutenden Kirchenbauten, zum 
Theil von einzelnen Bürgern , 
unternommen, St. Andreas, St. 
Martin, St. Nikolaus, Alt St. 
Peter, St. Katharinen , St. Mag- 
dalenen u. s. w. 

So beobachten 
wir überall fröhliches 
Gedeihen , das Be- 
Avusstsein , in einer 
fortschreitenden Ent- 
wickelung zu stehen, und gesteigertes 
Selbstgefühl, das zur Abwerfung der 
bischöflichen Herrschaft führte. Sehen 
wir, was die Stadt von ihrer neuge- 
wonnenen Freiheit 





Fig. 



ob. Sculpturcn 
m Zollthor. 



Fig. 40. Aelteste Ansicht von Strassburg. Aus Schedels Chronik (1493). 
V or dem Metzgerthor. 



4. STRASSBURG ALS FREIE REICHSSTADT. 
Erste Periode. (1263—1482.) 
Die Zunftkämpfe. Entwicklung der Verfassung. 

Beginn der Münsterfassade, — Spaltung der Bürgerschaft. — Ausbildung der Zünfte. — Ihr Eintritt in 
die Stadtregierung. — Allmähliche Festigung der Verhältnisse. — Die Stadtverwaltung seit 1482. — 
Aeussere Geschichte. — Kulturgeschichtliches. — Zur Münsterbaugeschichte. — Die Bauhütte. — Sonstige 
Bauthätigkeit in Strassburg. - Plastik. — Erweiterungen und Befestigungen. — Aeusserer Anblick der 
Stadt. — Bevölkerung. — Gewerbe und Handel. — Rheinschifffahrt und Rheinbrücke. — Buchdruckerkunst. 

Was für ein Hochgefühl die Bürger nach der Abschüttelung der 
bischöflichen Herrschaft durchdrang, lässt sich am besten daraus erkennen, 
dass sie in diesen Jahren den Entschluss fassten, den Münsterbau durch 
eine grossartige Fassade abzuschliessen. Aber die freudige Einmüthigkeit 
dauerte nicht lange; denn bald begannen die verschiedenen Elemente der 
Bürgerschaft, die bis dahin durch die gemeinschaftliche Gegnerschaft 
gegen den Bischof zusammengehalten worden waren, sich zu scheiden. 
Es zeigte sich, dass die eigentlichen Führer der Opposition, die Ministerialen , 
die die Handwerker zum Kampfe fortgerissen und mit ihrer Hilfe gesiegt 
hatten, jetzt durchaus nicht gewillt waren, dieselben am Stadtregiment 
theilnehmen zu lassen. Die allmählich zur Vollfreiheit emporgestiegenen 
Handwerker ihrerseits , durch Fleiss und Tüchtigkeit zu W ohlstand und 
Bildung gelangt, durch ihren Antheil am Kampfe ihrer Kraft bewusst ge- 
worden, hatten nicht Lust, sich länger wie Unmündige regieren zu lassen? 
um so weniger, als die Geschlechter ihren ererbten Einfluss in der schmäh- 
lichsten Weise missbrauchten. Daher sind die nächsten zwei Jahrhunderte 
durch das Ringen der Handwerker nach Antheil in der Stadtverwaltung, 
die sog. Zunftkämpfe, ausgefüllt, deren Ergebniss eine Verfassung war, 



88 



Strassburg als freie Rftchsstadt. 



die mehr als dreihundert Jahre gedauert hat. Waren die Handwerker zu 
markt- und gewerbepolizeilichen Zwecken schon längst geeinigt, so erhielten 
sie seit 1263 auch magistri aus ihren eigenen Kreisen. Aus dem Recht 
der einzelnen Handwerke auf Gerichtsbarkeit in ihren speciellen Gewerbe- 
sachen ist langsam der geschlossene Zunftverband hervorgewachsen. Da 
im Mittelalter jedes Gericht aber zugleich politischer Berathungskörper war, 
so bekamen auch die Zünfte neben dem gewerblichen und gerichtlichen 
einen politischen Charakter. Im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts 
werden durch sie alle öffentlichen Dienste und Steuern in ihrem Bereiche 
umgelegt. Die Schöffen, welche aus ihnen zu den Zunftgerichten heran- 
gezogen werden, erhalten allmählich den Rang einer festen Institution; 
ihre Zahl fixirt sich auf im ganzen 300, fünfzehn aus jeder der zwanzig Zünfte. 

So lange die Geschlechter einig waren, konnten die Zünfte nichts 
erreichen: im Jahre 1308 wurde ein bewaffneter Aufstand blutig nieder- 
geworfen. Als sich aber vierundzwanzig Jahre später der alte Gegensatz 
zwischen den herrschenden Geschlechtern der Zorn und Müllenheim in 
dem „Geschölle" vom 20. Mai 1332 Luft machte, traten die Zünfte da- 
zwischen, Hessen sich Schlüssel, Siegel und Banner der Stadt ausliefern 
und wählten einen neuen Rath. Bis dahin bestand der Rath aus 24 Mit- 
gliedern, die sämmtlich aus den wenigen regierenden Geschlechtern ge- 
nommen waren, die ihn als ihre Domäne betrachteten. Aus ihnen wurden 
auch die vier Städtmeister erkoren. Jetzt wurde die Zahl der Rathsmit- 
glieder erst auf 47, nicht lange danach auf 56 erhöht, unter denen aus 
jeder Zunft einer war. Ein Ammanmeister (Ammeister) aus den Hand- 
werkern trat neben die vier Städtmeister aus dem Adel, und es wurde 
die Einrichtung getroffen, dass fortan die neuen Verfassungsstatuten jedes 
Jahr von der gesammten Bürgerschaft beschworen werden sollten. Der 
erste sog. Schwörbrief ist vom 17. October 1334. Zunächst gab das keine 
Verbesserung der Zustände; im Gegentheil, das Parteitreiben wuchs, so 
dass man wieder und wieder zu Aenderungen schritt. Namentlich das 
Jahr 1392 ist von grosser Bedeutung; da durch politische Ereignisse, von 
denen später die Rede sein wird, die Stadt sich am Rande des Abgrundes 
sah, so beschloss man eine gründliche Umkehr, die allmählich zu gesunden 
Zuständen führte. Ich kann hier nur das endliche Resultat der Ent- 
wickelung geben. 

Im Jahre 1482 finden wir also an der Spitze der Verwaltung einen 
aufs Jahr gewählten Ammeister aus den Zünften und vier Stadtmeister 
aus dem Adel, von denen jeder ein Vierteljahr amtirt, daneben einen 
jährlich sich durch eigene Wahl zur Hälfte erneuernden Rath von dreissig 
Mitgliedern, zehn von den Geschlechtern, zwanzig von den Zünften. Der 
Rath ist beschränkt einerseits durch die dreihundert Schöffen, die sich bei 
wichtigen Angelegenheiten, allerdings nur auf Antrag des Raths, ver- 
sammelten, andererseits durch die „drei geheimen Stuben", die sich 
namentlich seit 1392 ausgebildet haben. Da sind erstens die „Herren 
Dreisehner", früher „Nenner", die die Leitung der äusseren und all- 
gemeinen Politik haben, vier Patrizier, vier Zünftler, vier Altammeister, 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



89 



dazu der regierende Ammeister und der das Vierteljahr amtirende Städt- 
meister. Gewählt wurden sie durch den Rath, später durch den Rath und 
die Einundzwanzig, und zwar auf Lebenszeit; dies ist der springende Punkt. 
Denn der jährlich wechselnde Ammeister konnte nur etwas erreichen, 
wenn er mit den XIII übereinstimmte. — Eine zweite „geheime Stube' 4 
waren die „Herren Fünf zehner" , ein Staats- und Verwaltungsgerichtshof, 
bestehend aus fünf Adligen und zehn Handwerkern (nicht zwei aus 
einer Zunft), die nicht Ammeister, Rathsherrn oder Beamte sein durften, 
mindestens 33 Jahre alt sein, seit 1554 vorher im grossen Rath gesessen 
haben und Schöffen gewesen sein mussten. Sie ergänzten sich durch 
Kooptation. Auch dies Amt war lebenslänglich und ging nur durch An- 
nahme eines anderen verloren. Die XV waren Rechenschaftsbehörde für 
alle städtischen Beamten, ferner eine Gesetzgebungskommission mit Initia- 
tive und leiteten in späterer Zeit fast die gesammte innere Verwaltung. 
Am spätesten sind die „Einunds'wansiger" entstanden. Es kam nämlich 
im fünfzehnten Jahrhundert die Gewohnheit auf, dass der Rath nach seinen 
„alten Freunden" schickte, einem Ausschuss in den Stadtgeschäften ergrauter 
Männer, die den Münsterbau beaufsichtigten. Zuerst wurden sie auf fünf 
Jahre gewählt; wer zum zweiten Mal gewählt war, wurde lebenslänglicher 
Einundzwanziger. Ihre Zahl schwankte; 1448 zählten sie zweiunddreissig 
Mitglieder, und damals gehörten die XIII und XV ihnen regelmässig an. 
Erst wurden sie nur bisweilen gehört, dann regelmässig zugezogen, 
schliesslich stimmten sie auch mit. So wurde aus dem grossen Rath all- 
mählich etwas ganz anderes: „die Herren Rüth und XXI". Die Majorität 
dieser Körperschaft war lebenslänglich, und dadurch war für die Gleich- 
mässigkeit in der Geschäftsführung gesorgt; der jährlich wechselnde Theil 
erhielt die Fühlung m it der Tagesstimmung. Diese Mischung von wechselnden 
und dauernden Elementen ist für die Strassburger Verfassung charakte- 
ristisch, darauf beruht ihre Vorzügliehkeit. 

Die genannten Kollegien, „das beständige Regiment" , waren für die 
Erledigung der laufenden Geschäfte immer noch zu gross, und daher finden 
wir eine ausgedehnte Arbeitstheilung in Kommissionen. Als Gerichtshöfe 
sind neben dem grossen Rath unter Anderm der jährlich erneuerte „kleine 
Rath " drei je aus einem Richter und fünf Schöffen bestehende Nieder- 
gerichte und als Polizeigericht die sog. „Sieben züchtiger" thätig. Von 
andern Kommissionen sind etwa zu nennen die „Dreier vom Pfennigthurm" , 
die die Stadtkasse unter sich hatten, die „Umgelter" \ die wir Steuerdirektoren 
nennen würden, die „Bauherren" u. A. m. 

Drei Kategorien von Aemtern stehen also nebeneinander : die lebens- 
länglichen Ehrenämter der XIII, XV und XXI, die wechselnden höheren 
Aemter des Ammeisters, der Städtmeister, des grossen und des kleinen 
Raths, endlich die stehenden besoldeten Aemter der „Amtleut" des Stadt- 
schreibers und der anderen Schreiber, des Zinsmeisters u. s. w. 

Ich habe es mir nicht versagen mögen, hier die wStrassburger Ver- 
fassung, die die Bewunderung der Zeitgenossen im höchsten Masse erregte, 
etwas genauer darzustellen. Sie ist ein neuer Beweis für den Satz, dass 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



die besten Verfassungen nicht die künstlich konstruirten, sondern die aus 
den historischen Verhältnissen herausgewachsenen sind. 

In dem ersten Abschnitt der hier behandelten Periode benutzten 
die Strassburger die im Reiche herrschenden Zerwürfnisse, namentlich die 
Doppelwahl Ludwigs des Bayern (1314—1347) und Friedrichs des Schönen 
(1314—1330), um ihre Reichsfreiheit weiter auszubauen. Es gelang ihnen 
dies, besonders durch ein Privileg Ludwigs vom Jahre 1328, so vollkommen, 
dass die Bischöfe, die ihre Herrschaftsansprüche über die Stadt theoretisch 
immer noch festgehalten hatten, sich schliesslich genöthigt sahen, mit ihr 
als mit einer gleichberechtigten Macht zu verhandeln, Bündnisse zu 
schliessen u. s.w. Doch hatte die Stadt im vierzehnten Jahrhundert noch 
recht schwere Krisen durchzumachen : die Zunftkämpfe regten die 
Leidenschaften furchtbar auf, der schwarze Tod mit seinen entsetzlichen 
Verheerungen jagte den Leuten eine rasende Todesangst ein, die Geissler 
mit ihren erlogenen Wundern und ihrem abenteuerlichen Gebahren fanden 
grossen Beifall und Anhang in Strassburg. Die Juden wurden verfolgt, 
ihrer zweitausend verbrannt unter dem Vorwande, sie hätten die Brunnen 
vergiftet und so die Seuche veranlasst. Alle Schulden an die Juden wurden 
für getilgt erklärt, die Schuldscheine vernichtet, das Baarvermögen der 
Unglücklichen unter die Zünfte nach Verhältniss vertheilt. ,,Das war das 
Gift, das die Juden tötete", sagt der Strassburger Chronist Closexer, der 
diese schrecklichen Zeiten miterlebt hat. Dann kam es zu grossen 
Misshelligkeiten zwischen Strassburg und dem Bischof wegen der sog. 
Aus- oder Pfahlbürger. In dem Bestreben, ihre Macht auszudehnen, 
nahmen die Städte in dieser Zeit Unterthanen anderer Landesherren als 
Bürger auf, die dann unter Berufung auf ihr Stadtbürgerrecht die bisher 
geleisteten Dienste verweigerten. Dies führte zu den grossen Städtekriegen 
der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, aus dem namentlich der 
Sieg der Städte bei Reutlingen (1377) und ihre Niederlage bei Döffingen 
(1388) bekannt sind. Die letztere war ein harter Schlag auch für Strassburg; 
denn jetzt legte sich der Kaiser Wenzel ins Mittel und versuchte die Städte 
im Landfrieden von Eger (1389) zum Aufgeben des Pfahlbürgersystems 
zu zwingen, allerdings nur mit vorübergehendem Erfolge. Strassburg 
sollte jedoch erfahren, dass diese Einrichtung, die so vortheilhaft für die 
Städte erschien, auch ihre Kehrseite habe. Herr Brun von Rappoltstein 
w ar Ausbürger von Strassburg und als solcher in Schutz und Schirm der 
Stadt; aber die Stadt war gewissermassen auch für ihn verantwortlich. 
Brun hatte einen gefangenen Engländer nicht herausgeben wollen, und 
dies nahm der kaiserliche Hofrichter im Elsass zum Vorwand, die Stadt 
als Hegerin und Schützerin Brun's in die Reichsacht zu thun. Obwohl der 
Grund der Reichsacht durch die Lediglassung des Gefangenen fortfiel, war 
die Aussicht, sich im Kampfe mit Strassburg bereichern zu können, so 
lockend, dass der König und viele andere Fürsten und Herren, darunter 
auch der Bischof Friedrich von Blankenheim (1375—1393) und schliesslich 
Brun von Rappoltstein selbst, sich zur Belagerung der Stadt aufmachten. 
Aber die wehrhafte Stadt war auf dem Platze; die Belagerer mussten mit 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



91 



Spott und Schaden abziehen. Strassburg" berechnete seinen Verlust auf eine 
Million Goldgulden. Es ist oben schon 'darauf hingewiesen worden, dass 
dies Jahr 1392 für Strassburgs Verfassungsverhältnisse epochemachend ist, 
dass mit ihm der eigentliche Aufbau der Stadt Verfassung beginnt. 1395 
wurde ein Vertrag mit Bischof Wilhelm von Di est (1394— 1439) geschlossen, 
der alle Ansprüche der Stadt, auch die Betreffs der Ausbürger, befriedigte. 
Aber gerade die Neuordnung der Verfassung und die Regelung des Aus- 
bürgerverhältnisses verletzten den Adel, der sich jetzt schon eines grossen 
Güterbesitzes auf dem Lande erfreute ; jene hatte ihn in der Stadtverwaltung 
noch mehr in den Hintergrund gedrängt, diese zwang ihn zu einer Klar- 
stellung seiner Zugehörigkeit: war der Adlige Stadtbürger, so musste er 
A^on allen seinen Gütern, auch den auswärtigen, der Stadt, die ihn schirmte, 
steuern; war er es nicht, so ging er des mächtigen Schutzes der Stadt 
verlustig. Vor diese Entscheidung gestellt, verband sich der Adel mit dem 
händelsüchtigen Bischof Wilhelm, der der Stadt immer etwas am Zeuge 
zu flicken suchte, und führte von der Veste Dachstein bei Molsheim einen 
mehrjährigen Krieg (1419—1422) gegen die Stadt. Diese Hess sich nicht 
aus der Ruhe bringen, sondern hielt an ihren Ansprüchen fest. Sie bestimmte 
einen Termin, bis zu dem die Ausgezogenen sich erklären sollten, ob sie 
noch Bürger von Strassburg seien oder nicht, und erzwang dadurch eine 
reinliche Scheidung. 

Das war aber auch der letzte Ansturm gegen die sich immer mehr 
befestigenden Strassburger Verfassungsverhältnisse. In den folgenden 
Jahrzehnten des fünfzehnten Jahrhunderts wurde die Stadt zwar gelegentlich 
durch auswärtige Feinde, wie die Armagnaken, beunruhigt, konnte 
sich aber im Ganzen einer friedlichen Entwicklung erfreuen. Auch die 
Furcht vor dem gewaltigen Burgunderherzog Karl dem Kühnen war 
nur eine vorübergehende; sein Stolz scheiterte an dem felsenfesten Muthe 
der Eidgenossen auf den Schlachtfeldern von Granson, Marten und Nancy, 
wo die Strassburger tapfer mitkämpften. 

So konnten sich denn in dieser Zeit Kunst und Handwerk fröhlich 
entwickeln. In der Poesie war freilich die Zeit Gottfrieds von Strassburg 
unwiederbringlich dahin; dafür entwickelte sich jetzt der Meistergesang, 
der mit weniger Geist, aber unendlichem Behagen die lehrhaften Gedicht- 
gattungen pflegte. Es erblühte eine volksthümliche Geschichtschreibung 
in deutscher Sprache ; neben dem 1362 vollendeten Geschichtswerke des 
Münstergeistlichen Fritsche Closener ist vor Allem die „Cronika von 
Kaiseren, Bebesten und vil anderen Dingen" zu nennen, die der Stiftsherr 
von St. Thomas, Jakob Twinger von Königshofen, in den Jahren 1382—1420 
für die „klugen Laien" verfasste und immer wieder überarbeitete. Er ist 
ein belehrender und unterhaltender Erzähler, dem es nicht darauf ankommt, 
den Stoff auf Kosten der Wahrheit reizvoller zu gestalten, dabei gut 
kaiserlich und deutschnational gesinnt. Sein Werk fand aussergewöhnlichen 
Beifall und eine unzählbare Menge von Nachahmern und Fortsetzern. In 
der Malerei finden wir höchst achtungswerthe Leistungen ; besonders die 
Glasmalerei stand auf einer hohen Stufe, wie die in dieser Zeit entstandenen 



02 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



Fenster des Münsters und der Wilhelmerkirche beweisen. Das Höchste 
aber wurde in der Architektur und in der Plastik geleistet. Vor Allem 
entfaltet sieh jetzt am Münsterbau alle Pracht und Herrlichkeit der Gothik, 
die die gewaltigen Steinmassen in zarte luftige, zum Himmel strebende 
Gebilde auflöst. Was gibt es Wundervolleres als die Fassade in ihrer über- 
sichtlichen und doch so reichen Gliederung, die wie mit einem duftigen 
Schleier von Säulen und Mastwerk überdeckt erscheint ? was Entzückenderes, 
als der Anblick dieser Fassade beim Sonnenuntergang, wenn der prächtige 
rothe Sandstein, in Abendgluth getaucht, Leben zu athmen scheint? Wie 
beruhigend wirkt die Rose, welche die an den Säulen und Strebepfeilern 
hinaufgleitenden Blicke des aussen stehenden Beobachters wie in einen 
Ruhepunkt an sich zieht, im Innern zwischen den emporstrebenden dunklen 
Massen mit ihren sanften in schönster Farbenharmonie schimmernden 
Lichte erscheint wie ein Trost in der Finsterniss! 

Einige weitere Daten zur Münsterbaugeschichte werden nicht ohne 
Interesse sein. 1277 wird der Grundstein zur Westfront gelegt. Vermuth- 
lich war Erwin, dessen Beinamen „von Steinbach" trotz seines Denkmals 
an diesem Orte (unweit Baden-Baden) nicht feststeht, schon jetzt mitthätig; 
erwähnt wird er zuerst 1284 als Werkmeister. 1298 wird durch einen Brand 
das Dachwerk und das Innere stark beschädigt, so dass erhebliche Erneue- 
rungen nöthig werden. 1318 stirbt Erwin, nachdem er 1316 die jetzt ver- 
schwundene Marienkapelle am Lettner gebaut hat, 1339 stirbt Johannes, 
Erwin's Sohn, der vermuthlich auch bei dem Bau thätig war. Unter Ger lach, 
der 1341—1371 Werkmeister war, wird noch ganz im Sinne Erwin's fort- 
gebaut, bald darauf aber der schwerfällige Mittelbau und die Apostelgallerie 
eingefügt und der Ausbau des Thurms nach verändertem Plane begonnen, 
im Jahre 1439 durch Konrad Hütts zu Ende gebracht und mit Aufrichtung 
eines Kreuzes und eines Marienbildes abgeschlossen. 

Damit hatte das Münster allen den kunstvollen Bauten jener Zeit den 
Vorrang abgewannen; denn es war mit seinem alle damaligen Bauwerke 
überragenden Thurme wenigstens zu einem relativen Abschluss gediehen. 
Die Strassburger Bauhütte aber, die so Herrliches vollbracht, wurde 1459 
auf einem Tage zu Regensburg zur obersten in allen deutschen Landen 
erkoren und hat diese Stellung Jahrhunderte lang behauptet. Wenn hier 
mit ein paar Worten auf dies merkwürdige Institut eingegangen werden 
soll, so muss von vorneherein bemerkt werden, dass unsere Kenntnisse 
davon noch recht lückenhaft sind. Die Geheimthuerei in den Hütten selbst, 
die Vermischung mit dem modernen Freimaurerwesen, das ohne Zweifel 
auf die Bauhüttenein richtung zurückgeht, haben eine nüchterne Geschichts- 
schreibung nicht begünstigt. 1 ) So liegt die Entstehung der Bauhütte noch 

J ) Ich nenne von der reichen Litteratur: 

HEIDELOFF: ,.Die Bauhütte des Mittelalters in Deutschland, 1844". Etwas über- 
schwänglich, aber nicht ohne Verdienst. 

JANNER: „Die Bauhütten des deutschen Mittelalters. Leipzig, 1S76". Zum grossen Theil 
auf Heideloff fussend, aber als Zusammenstellung des Materials von Nutzen. 

RZIHA: „Studien über Steinmetzzeichen. Wien, 1883". Zwar merkwürdig stilisirt, aber 
in knappster Form alles Wesentliche und manches Neue bietend, vor allem voll- 
standig in den Litteraturangaben 



Strassburg als frkte Reichsstadt. 



völlig im Dunkeln. Es 
lässt sich nur soviel 
sagen, class der Kir- 
chenbau — und darauf 
beschränkt sich in äl- 
teren Zeiten die öffent- 
liche Bauthätigkeit - 
bis zum elften Jahr- 
hundert in den Händen 
der Mönche lag, dass 
einzelne Klöster, bei- 
spielsweise Hirsau, 
unter Abt Wilhelm 
von Scheyern, um 1080 
eine hervorragende 
Stellung im Bauwesen 
einnahmen und ihre 
Thätigkeit auf einen 
weiten Umkreis aus- 
dehnten. Wir haben 
uns das wohl so vor- 
zustellen, dass die der 
Steinmetzkunst kun- 
digen Mönche unter 
Leitung eines mönchi- 
schen Werkmeisters 
geschlossen wandel- 
ten. Die Klöster wer- 
den bei der immer 
grösseren Umfang ge- 
winnenden Thätigkeit 
Laienhandwerker ha- 
ben zuziehen müssen, 
die dann allmählich in 
die Geheimnisse der 
Kunst eindrangen und 
die Mönche auch aus 
der Bauleitung ver- 
drängten. Da sich die 
übrigen Handwerker 
um diese Zeit — im 
zwölften und drei- 
zehnten Jahrhundert 
— in Zünften orga- 
nisirten, werden die 
Steinmetzen auch ge- 




94 



StRASSBURG ALS FREIE REICHSSTADT. 



nossenschaftlich zusammengetreten sein. Zwei Umstände scheinen mir 
hauptsächlich die eigentümliche Gestaltung" der Bauhütte verursacht zu 
haben: erstens, dass die Steinmetzbrüderschaft sich nicht wie eine Zunft 
an einem bestimmten Orte fixiren konnte - denn das waren doch nur 
wenige Orte, an denen immer monumentale Bauten, um die es sich hier 
handelt, im Werk waren; zweitens, dass die Konstruktionsregeln, die auf 
den nur wenigen Gelehrten verständlichen Lehrsätzen der Geometrie be- 
ruhen, den übrigen wie ein Geheimniss überliefert wurden und ihnen als 
ein solches erscheinen mussten. Als eine Zunft wandernder Handwerker, 
die sich durch eine alles deutsche Land umfassende Organisation und ein 
ganz besonderes Geheimceremoniell gegen die Gefahren, die ihr mehr 




Fig. 12. Grabdenkmal der Grafen von Word von Meister Wölfelin von Rufach (in der Wilhelmerkirche). 



drohten, als der an einem Orte sesshaften Zunft, schützen musste, glaube 
ich die Bauhütte ansehen zu müssen. Bestimmte Redeweisen, die Art der 
Kleidung, des Blickes, des Ganges, des Anklopfens und des Grüssens, 
richtige symbolische Deutung der Werkzeuge und des Steinmetzzeichens 
waren die Mittel, die Hüttenbrüder zu erkennen und unbefugte Eindring- 
linge fernzuhalten. Die ganze Einrichtung war von dem religiösen Geiste 
durchweht, der allem mittelalterlichen Genossenschaftswesen eigen ist, bei 
der Bauhütte des mönchischen Ursprungs halber vielleicht stärker hervor- 
tritt. Die Verhältnisse der Meister, Parlierer (Ballierer), Gesellen und 
Diener wurden auf „Kapiteln", „Morgensprachen" und „Hiitlentagen" , 
wie sie zu Regensburg L459, zu Speyer 1464 und 1469, zu Strassburg 1563 
und an anderen Orten gehalten wurden, aufs genaueste geordnet. Die 
Einrichtungen und Vorrechte der Hütte sind seit Kaiser Maximilian I. 
(1493—1519), den zu ihren „Aggregaten" zu zählen die Brüderschaft stolz 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



95 



war, von allen Kaisern bis Karl VI. (1711—1740) bestätigt worden. — Wie 
alt die Strassburger Bauhütte ist, kann nicht genau festgestellt werden, 
doch existirte sie 1263 schon; sie hatte jedenfalls schon lange als Vorort 
für weite Gebiete gegolten, als sie 1459 zum Vorort für ganz Deutschland 
bestellt wurde. Die Steinmetzen hatten, wie die Zünfte, in Angelegenheiten 
ihres Gewerbes eigene Gerichtsbarkeit. Als erste Instanz waren die Hütten, 
wo Bücher, d. h. die Listen der ins Handwerk aufgenommenen Steinmetzen 




Fig. 43. Guldenthurm mit Katzensteg. Gez. von E. Schweitzer. 



lagen, thätig; die Hüttenordnung von 1563 nennt deren zweiundzwanzig. 
In zweiter Instanz richteten die Hütten zu Strassburg , Köln , Wien und 
Bern, für das später Zürich eintritt; jede dieser Oberhütten hat einen 
bestimmten Bezirk unter sich, Strassburg bei Weitem den grössten: das 
Land vom rechten Ufer der Mosel aufwärts, Franken, Hessen, Schwaben, 
Thüringen, Meissen und alles Land westlich einer Linie von Bamberg 
über Eichstädt, Ulm, Augsburg, den Arlberg bis an die italienische Grenze. 
Als oberstes Gericht galt die Strassburger Hütte und zwar bis in das acht- 
zehnte Jahrhundert, trotz eines Reichstagsbeschlusses von 1707, der in Rüc k- 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



sieht auf die Annexion der Stadt durch Frankreich die Berufung an die 
Strassburger Oberhütte verbot. Trotzdem legte diese noch 1718 einem 
Regensburger Werkmeister eine Geldstrafe auf und dieselbe wurde sogar 
bezahlt. Ein Reichstagsbeschluss von 1771 hob die Hütte als Korporation 
endgültig auf. Thatsächlich war sie schon lange verfallen, sie war nur 
noch eine ehrwürdige Ruine. Dieser Verfall geht mit dem Absterben der 
Gothik, auf deren Geheimnissen das Zusammenhalten der Brüderschaft zum 
grossen Theil beruhte, und mit dem Aufkommen der italienischen Renais- 




Fig. 44. Kroncnburgerthor vor 1870 (nach Piton.) 



sance, die die konkurrirenden „Welschen" ins Land brachte, Hand in Hand. 
Dazu kam die Trennung der Brüder in katholische und protestantische, die 
Auflockerung des Zunftgeistes und endlich der dreissigj ährige Krieg. So 
sehr wir die grandiosen Leistungen der Bauhütte bewundern, so wenig 
können wir in die sentimentalen Klagen derjenigen einstimmen, die ihren 
Verfall irrthümlich als aus äusseren Ursachen hervorgegangen beklagen; 
sie scheinen zu vergessen, dass jede Zeit für die Erfüllung der Aufgaben, 
die sie sich stellt, ihre eigenen Organe schafft, und dass eine Einrichtung, 
die im Mittelalter Wunder wirkte, in unserer Zeit vollkommen unnatürlich 
wäre und verkümmern müsste. 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



^7 



Ausser am Münster wurde in dieser Zeit an St. Thomas gebaut, St. 
Wilhelm und die Allerheiligenkirche , beide von der Familie von Müllen- 
heim, begründet. Eine ganze Reihe von Orden bauten sich in der Stadt an. 

Auch bedeutende Profangebäude wurden 
in grossem Umfange in Angriff genommen 
und zum Theil vollendet, wie die Pfalz 
— so nannte man in Strassburg das Rath- 
haus — auf dem heutigen Gutenbergplatz, 
der Pfennigthurm, d. i. die Stadtkasse 
neben der jetzigen Hauptwache im Zuge 
der Gewerbslauben (Fig. 41), 
das alte Kaufhaus an der 
Rabenbrücke ; das Spital und 
das Frauenhaus wurden 
wenigstens begonnen. 




Fig. -15. Fischerthor u. 
Judenthor 1576. Nach 
Speeklin'sehen Skizzen 
gez. von A. Seyboth, 
cop. von Rühl. 



Die Plastik, die, soweit sie in Stein arbeitete, auch in der Bauhütte 
gepflegt wurde, fand in dieser Periode, namentlich bei der Ausschmückung 
des Münsters, die reichste Gelegen- 
heit zur Bethätigung. Besonders 
hervorragend sind an den Portalen 
der Westfront die Gestalten der 
Propheten und die der klugen und 
der thörichten Jungfrauen; die 
beiden weiblichen Figuren vor dem 
Uhrportal, die das Judenthum und 
das Christenthum darstellen, ge- 
hören in Vornehmheit der Stellung 
und in Feinheit der Gewandung 
zu dem Schönsten, was das Mittel- 
alter auf diesem Gebiete hervor- 
gebracht hat. Hervorgehoben zu Fig. 46 
werden verdienen dann noch zwei 
Grabdenkmäler, das des Bischofs Konrad von Lichtenberg (f 1299) in der 
Johanneskapelle des Münsters, das auf Erwin zurückgeführt wird, dessen 
Bildniss man in einer am Fusse desselben angebrachten kleinen Figur zu 




Inneres und äusseres Weissthurmthor und 
Achträdermühle 1576. Nach Speeklin'sehen Skizzen 
gez. von A. Seyboth, cop. von Rühl. 



98 



Strassburc als FRF.it-: Reichsstadt. 



erkennen geglaubt hat, und das gemeinschaftliche der zwei Grafen von 
Werd (t 1332 und 1344) in der Wilhelmerkirche (Fig. 42). Im Jahre 1487 
schliesslich wurde durch Hans Hammer (oder Hammerer) die prächtige, 
fast überreiche Kanzel vollendet, die der Rath für Geiler von Kaisersberg, 
den berühmtesten und originellsten Prediger seiner Zeit, errichten Hess. 
Auch die Holzschnitzerei steht nicht zurück; doch scheint in der Refor- 
mationszeit manches Produkt dieser Kunst verschwunden zu sein. Hier 




Fig. 47. Das Weissthurmthor vor 18/0 (nach Piton). 



ist vor allem Veit Wagner zu nennen, der einen Altar für die Alt St. 
Peter -Kirche schnitzte, von dem vier Flügel erhalten sind. (S. im Ab- 
schnitt über die alten Kirchen.) 

In diese Zeit fallen schliesslich drei Stadterweiterungen. Die erste 
derselben, im ganzen genommen die dritte, war schon um 1230 begonnen 
worden und wurde erst in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts 
zu Ende geführt. Durch sie wurde der Stadttheil südlich der III oder der 
Breusch, wie die Strassburger das ganze Mittelalter hindurch den die 
Stadt durchfliessenden Hauptarm der III nannten, zur Stadt gezogen. Die 
neue Mauer begann beim Einfluss der III in die Stadt, lief von dort zu 
dem heute nicht mehr vorhandenen Elisabethenthor, zum inneren Metzger- 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



.99 



und zum Katharinenthor und endete am Guldenthurm (Fig. 43), an der 
Ecke der heutigen Züricherstrasse und des Schiffteutstadens. Sie war mit 
einem Rondengang und vielen Thürmen, deren es jetzt im ganzen fünfund- 
dreissig gab, versehen und durch einen Graben gesichert. Ein Zwinger nebst 
einem zweiten Graben verstärkte sie noch mehr. Ferner wurden in dieser 
Zeit die gedeckten Brücken angelegt und die Spitzen der Inseln, welche 
der Fluss dort bildet, befestigt (Fig. 39). Auf der Innenseite der Mauer 
wurde allmählich ein 10 m breiter Weg geschaffen, die Treppen ins Innere 
der Thürme verlegt und die Thore zum Yerschliessen eingerichtet. 1370 
wurden die Zinnen der inneren Stadtmauer erhöht und der Rondengang 
mit Steinplatten erneuert, sodann bei Alt- und Jung St. Peter Erdschüttungen 
aufgeworfen zum Aufstellen von Wurfzeugen und Schleudern, von Büchsen 
und Geschützen, die jetzt zum ersten Mal erwähnt werden. Die hoch- 
liegende Gartenterrasse am Kellermannstaden schreibt sich davon her. 

Der Einfall der zuchtlosen englischen Söldnerbanden bewirkte, dass 
vom Jahre 1374 ab auch die westlich gelegene Vorstadt in den Mauerring ge- 
zogen wurde. Die Befestigung begann ebenfalls an den gedeckten Brücken , 
benutzte die dort an einem Breuscharm gelegenen Wachtthürme und zog 
sich durch die heutige Rosheim er Strasse nach dem Aurelienplatz, von 
dort den Bahnhof-, Kronenburger- und Zaberner Ring entlang bis an den 
Dreizehnergraben und diesen entlang bis an die heutige St. Peter-Brücke. 
Die nach dieser Seite liegenden bisherigen Wachtthürme wurden in das 
Weissthurm- (Fig. 47), Kronenburger- (Fig. 44) und Steinthor, die übrigens 
beträchtlich innerhalb der heutigen gleichnamigen Thore lagen, A^erwandelt. 
Als vorgeschobene Posten dienten die neuerbauten Wachtthürme bei St. 
Helena, am Breuscheck bei St. Gallen — derselbe ist heute im sog. „Schnoke- 
loch" noch vorhanden - und die grüne Warte, die in ihrer 1558 vor- 
genommenen Erneuerung den Kern einer freundlichen Gartenwirthschalt 
vor dem Schirmecker Thore bildet. Kaum war diese Befestigung vollendet, 
als sie bei der Belagerung von 1392 ihre Vorzüglichkeit bewähren musste. 

Durch die fünfte Erweiterung endlich, die mehr als ein halbes Jahr- 
hundert (1387 — 1441) zu ihrer Vollendung gebrauchte, wurde die Krutenau , 
das östlichste Viertel, der Stadt einverleibt. Man benutzte die beiden nach 
dieser Seite vorgeschobenen Wachtthürme als Thore : das eine, das Johann is- 
thor lag bei dem heutigen Militärlazareth nahe dem Eintritt des Rhcin- 
giessens in den Festungsbereich, das andere, das Nikolausthor an der Ecke 
des Nikolausplatzes und der Esplanadenstrasse (Fig. 58). Auch nach andern 
Seiten hin wurde an der Befestigung gearbeitet. 1429—1431 wurde gegen 
Iiikirch hin die Hohe Warte errichtet, 1427—1439 die Vorbauten an den 
drei Westthoren ausgeführt, 1449 die Achträdermühle am Weissthurmthor 
angelegt und mit einem Zwinger versehen (Fig. 46). 1468—1470 wurden 
die Befestigungen an den gedeckten Brücken durch Umbau der „Spitzen" 
und der Thürme verstärkt, 1473—1477 das Vorterrain an den verschiedenen 
Seiten der Festung rasirt und dabei zwei Kapellen, fünf Klöster und 68< I 
Häuser abgerissen, 1475 76 eine zweite Mauer und ein zweiter Graben vor- 
gelegt, am Ausfluss der III das Fischerthor und der Thurm ,,i/u Sack" 

7* 



100 STR ASSBURG ALS FREIE REICHSSTADT. 

gebaut (Fig. 45), die erst 1880 gefallen sind. Diese Arbeiten der siebziger 
Jahre waren durch die drohende Politik Karls des Kühnen von Burgund 
veranlasst. Mit der im Jahre 1481 vollendeten Wiederherstellung des durch 
das Hochwasser des vorhergehenden Jahres verursachten grossen Schadens 
haben die Befestigungen einen gewissen Abschluss erreicht; von Erweite- 
rungen ist, von der rein militärischen Vaubans abgesehen, 400 Jahre keine 
Rede mehr. 

Die Stadt ist jetzt in ihrem ganzen Umfang von einer 6—8 m hohen 
Mauer mit Zinnen und Vertheidigungsgang umgeben. Die Thürme haben 
die doppelte Höhe und springen 1—2 m nach vorwärts und rückwärts aus; 
sie sind auf allen Seiten geschlossen und mit steilem Ziegeldach versehen, 
kleine verschliessbare Thüren führen auf den Rondengang. Die Thore 
führen, wie noch heute am Spitalthor ersichtlich ist, durch Befestigungs- 



1 




Fig. 48. Haus am Johannisstaden (nahe dem Kagenecker Bruch) um 1850. 

thürme mit Erkern, von denen aus durch im Boden befindliche Schiess- 
scharten der Eingang bestrichen werden kann. Der Stadtgraben hat 
eine Breite von 25 m und ist grösstenteils durch einen zweiten Graben 
verstärkt. 

Der äussere Anblick Strassburgs näherte sich allmählich dem Bilde 
einer modernen Stadt. Gärten und Ställe verschwanden jetzt immer mehr 
aus dem Innern derselben, nur in dem westlich des falschen Wallgraben- 
kanals gelegenen Theile, wo noch heute „Grüner Bruch" und „Kagenecker 
Bruch" (Fig. 46) an wasserreiche, wohlbepflanzte Auen erinnern, aber auch 
nur erinnern, in der Umgebung der Aurelienkirche, der „Gärtnerkirche' ', 
haben sich die Gärten bis in unser Jahrhundert gehalten. Durch viele 
Strassen, den Gerbergraben, den Hohen Steg, die Meisengasse, den Poss- 
markt (heute Broglieplats), die Zürcher Strasse u. s. w. zogen offene Wasser- 
läufe, die von vielen Stegen überbrückt waren. Daher lag der Vergleich 
mit Venedig nahe, den Enea Silvio de' Piccolomini, der spätere Papst 
Pius Tl., in den dreissiger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts nicht zum 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



101 



Nachtheile Strassburgs anstellte. „Strassburg" sagt er, „mit seinen vielen 
Kanälen gibt ein Bild von Venedig, und seine fliessenden Wasser sind weit 
angenehmer und gesunder, als die salzigen und übelriechenden Lagunen". 
„Die Stadt", fährt er fort, „hat Häuser von Bürgern und Geistlichen, worin 
Fürsten wohnen könnten". Es ist dies die Zeit, wo die Gothik auch in den 
Privatbauten zur Geltung kam. Die aus dieser Periode erhaltenen Häuser 
sind allerdings nur wenig zahlreich; nur fünf sind mit Daten aus dem fünf- 
zehnten Jahrhundert bezeichnet, und auch bei diesen dürften die oberen 
Stockwerke später aufgesetzt sein. Dies gilt z. B. für das neuerdings 
restaurirte Hans Kammerzell, das mit seinem reichen Holzschnitzwerk 
erheblich zum malerischen Charakter des Münsterplatzes beiträgt. — Die 
Häuser begannen sich nach und nach in regelmässige Strassenzüge, wenn 
auch noch mit recht mangelhafter Fluchtlinie, zu ordnen ; durch das regellose 
Vorspringen der Ecken war die Passage vielfach gehindert. Plätze in 
unserem Sinne gab es nicht: die heutigen Plätze der Altstadt sind sammt 
und sonders alte Kirchhöfe, auf denen bis zur Reformation beerdigt wurde, 
und auch zum Theil erst auf die heutige Grösse erweitert. Einem modernen 
Hygieniker würde es überhaupt im mittelalterlichen Strassburg, wie in 
jeder Stadt jener Zeit, angst und bange geworden sein; denn Luft und 
Licht wurden auch durch die Ueberhänge stark beeinträchtigt, die man trotz 
aller Verbote (1298, 1308, 1352 und 1427) und trotz Anbringung des Maximal- 
masses am Uhrportal des Münsters sich nicht begnügte, in zu grosser 
Ausdehnung dem ersten Stocke anzufügen, sondern wie noch heute 
am Hause Goldschmiedgasse 8 zu sehen, auch dem zweiten vorlegte, so 
dass sich zwei solcher Häuser, in enger Strasse gegenüberstehend, oben 
fast berührten. Das Erdgeschoss war oft durch die Werkstatt des Besitzers 
eingenommen, der in seinem Gaden im Sommer, wo das grosse, beinahe die 
ganze Vorderseite einnehmende Fenster ausgehoben war, fast auf der 
Strasse arbeitete. 

Die Ansichten über die Bevölkerung der mittelalterlichen Städte zur 
Zeit ihrer grössten Blüthe haben in letzter Zeit eine bedeutende Wandelung 
durchgemacht. V on ausserordentlich hohen Schätzungen, die für Strassburg, 
Nürnberg, Köln u. a. m. Ziffern von 80000—100000 Einwohner ansetzten, 
ist man auf ganz erheblich niedrigere Zahlen zurückgegangen, die der 
Wahrheit bedeutend näher kommen dürften. Um den ausserordentlichen 
Einfluss der genannten Städte zu verstehen, muss man sich einerseits 
vergegenwärtigen, dass die besitzlosen Proletarier, die einen beträchtlichen 
Bruchtheil der modernen Grossstadt ausmachen, der mittelalterlichen fehlten, 
dass diese daher eine zwar nicht übermässig zahlreiche, aber kapitalkräftige 
Bürgerschaft umschloss, andererseits, dass sich jene Städte in damaliger 
Zeit Territorien in grösserem Umfange erworben hatten, und dass ihre 
politische Macht zum grossen Theil auf diesen Erwerbungen und auf 
dem Ausbürgersystem beruhte. Eine weitere Entwicklung in diesem Sinne, 
die vermuthlich zur Bildung von Stadtstaaten nach Art von Venedig, 
Mailand, Genua u. s. w. geführt hätte, scheiterte an der erfolgreichen 
Gegnerschaft von Fürstenthum und Kaiserthum. Daher kann es nicht 



102 



Strassburg als freie Reichsstadt. 




wunderbar erschei- 
nen, dass Strassburg 
im fünfzehnten Jahr- 
hundert auch nicht 
mehr als 30 000 Ein- 
wohner zählte. (Vgl. 
oben S. 84.) 

Das Handwerk 
hatte einen hohen 
Stand erreicht ; es 
werden besonders die 
Seiler, die Gerber, die 
Sattler, die Hand- 
schuhmacher , die 
Tuchmacher und die 

Goldschmiede von 
Strassburg gerühmt. 
Ihre Erzeugnisse bil- 
deten den Gegenstand 
eines lebhaften Han- 
dels , der zur Zeit 
der jährlichen Messen 
seinen Höhepunkt er- 
reichte. 1336 ertheilte 
Ludwig der Bayer 
(1314-1347) der Stadt 
ein Privileg für eine 
vierwöchentliche um 
Martini zu haltende 
Messe. 1390 ging die- 
selbe in Folge der 
Bitten der einheimi- 
schen Kaufleute ein, 
die sich durch die aus- 
wärtige Konkurrenz 
beeinträchtigt glaub- 
ten. Aber schon 1414 
erbat und erhielt der 
Rath von Kaiser Si- 
gismund (1410—1437) 
ein neues Privileg für 
eine Johannimesse von 
ebenfalls vierwöchent- 
licher Dauer, der sich 
später als zweite die 
Christkindelsmesse 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



103 



zugesellte. Die Ausfuhr der Handwerksprodukte sowie die der Boden- 
erzeugnisse, Getreide, Holz, Hanf, Wein u. s. w. geschah noch immer 
hauptsächlich auf dem Wasserwege, der daneben Adelfach zum Transport 
A r on Personen, besonders von Kaufleuten und Pilgern, benutzt wurde. 
Die letzteren, namentlich die nach und von Einsiedeln in der Schweis 
reisenden, müssen recht zahlreich gewesen sein, da die Strassburger auf 
das Recht, diese zu befördern, hohen Werth legten. Aus dieser Zeit hören 
wir, dass die Schiffe Adelfach mit Waaren nur zu Thal gingen, dann zer- 
schlagen und als Nutzholz verkauft wurden, wie es heute noch auf der Donau 
(mit den „Ulmer Schachteln"), auf der Weichsel und dem Pregel geschieht. 
Strassburg Avachte sorgfältig darüber, dass die Strecke, auf der es den 
Rhein zu „bauen", d. h. für seine Fahrbarkeit Sorge zu tragen hatte (von 
Basel bis Mains, später nur bis Germersheim), frei A^on allen Zöllen sei 
mit Ausnahme des geringen, den A^on den Avenigen nichtstrassburgischen 
Schiffen zu erheben die Stadt seit langer Zeit als berechtigt angesehen 
Avurde. Als Kaiser Karl IV. (1346—1378), um seinen Verpflichtungen 
nachzukommen, im Jahre 1349 A r erschiedenen Fürsten gestattet hatte, Zölle 
zu erheben, sperrte die Stadt die SchifTfahrt durch Balken und Ketten 
so lange, bis 1351 der Kaiser seine Zollermächtigungen Avieder zurückzog. 
1370 bestätigte er, 1381 sein Sohn Wenzel die Strassburger Zollgerechtigkeit. 
1414 verlieh Sigismund der Stadt das Stapelrcclit , d. h. das Recht, zu An- 
langen, dass alle durchgehenden Waaren eine Zeit lang im Kaufhause (Fig. 49) 
lagerten und feil geboten Avürden. Die Strassburger sorgten aber auch 
dafür, dass „des Reyns Straum gefrydet si und der Kaufman und Pilgrin 
in Sicherheit Avallen, Aiizzen und varen" konnten, und brachen zu diesem 
ZAvecke manche Burg. Bekannt ist das Schicksal des den Geroldseckern 
gehörigen, zwischen dem Rhein und der Basel-Strassburger Landstrasse 
äusserst günstig gelegenen Raubnestes Schwartau bei Gerstheim (südlich 
von Strassburg). 1333 zogen die Bürger vor die Veste und bezwangen 
sie durch ein in der Geschichte Avohl einzig dastehendes Bombardement, 
mit dem Inhalt ihrer Kloaken. Im Jahr 1388 erwarben sie sich endlich 
noch ein Verdienst um den Verkehr, indem sie eine Brücke über den 
Rhein bauten. König Wenzel erkannte 1393 an, dass die Brücke „dem 
Rieh und dem Lande nutz" sei, und bestätigte der Stadt die Brücken- 
gerechtigkeit. Seit der Zeit hat sich Strassburg stets als des Reichs 
getreue Thürhüterin gefühlt und ihre Pflicht Avacker gethan, so lange es 
möglich war. 

Vergessen wir schliesslich nicht, dass Strassburg den Ruhm bean- 
spruchen kann, Antheil an der Erfindung der Buchdruckerkiinst zu haben ; 
soviel steht fest, dass sich Gillenberg, mit Versuchen A^erschiedener Art 
beschäftigt, etwa A^on 1424—1444 in Strassburg oder vielmehr meist in dem 
einsam oberhalb der Stadt an der III gelegenen Kloster St. Arbogast 
(nahe dem heutigen „Grünen Berg") aufgehalten hat. 1466 erschien bei 
Johann Mentel (oder Mentelin) in der Dornengasse (jetzt Nr. 7) eine voll- 
ständige deutsche Bibel, und zur Zeit der Reformation besass Strassburg 
zwanzig Druckereien. 



1<)4 



STRASSBURG A.LS FREIE REICHSSTADT. 



5. STRASSBURG ALS FREIE REICHSSTADT. 

Zweite Periode (1482—1592). 
Die Renaissance und die Reformation. 

Charakteristik des sechzehnten Jahrhunderts. — Strassburgs Antheil an den Zeitströmungen. — Die 
Reformation in Strassburg. — Aeussere Geschichte der Stadt. — Gründung von Schulen. — Fischart. — 
Der Züricher Breitopf. — Geschichtschreibung. — Buchdruck. — Holzschnitt. — Malerei und Baukunst. — 
Die astronomische Uhr. — Geschützgiesserei. — Befestigungsarbeiten. 

Das Jahrhundert von 1482 bis 1576 ist durch die in Italien begonnene 
Wiederbelebung des klassischen Alterthums und durch die von Deutsch- 
land ausgehende kirchliche Erneuerung gekennzeichnet. Doch ist damit 
der Inhalt dieser reichen Zeit, in der, wie Ulrich von Hutten sagte, es eine 
Lust war, zu leben, nicht erschöpft. Alte Bildungen, die Jahrtausende 
lang im Vordergrunde gestanden hatten , treten zurück und gehen zu 
Grabe: Das Kaiserthum, noch einmal in Karl V. machtvoll verkörpert, 
muss seine universellen Ansprüche aufgeben, die Ansprüche auf sein 
eigenstes Gebiet, Deutschland, immer mehr beschränken; das Ritterthum 
hat sich überlebt und erliegt der heimtückischen Gewalt des Schiesspulvers, 
seine Burgen werden durch fürstliches und bürgerliches Geschütz ge- 
brochen. Dafür tritt jetzt das bürgerliche Element immer mehr hervor 
und in den Vordergrund der geistigen Bewegung, während das Fürsten- 
thum den Grund zu lebensfähigen Gestaltungen legt, die in ihrer weiteren 
Entwickelung zum modernen Staate führen. Erinnern wir uns ferner der 
gewaltigen Entdeckungen , die durch das Streben, das Goldland Indien auf 
dem westlichen oder auf dem östlichen Seewege zu erreichen, hervor- 
gerufen waren und der europäischen Menschheit eine ganz neue Welt von 
Kenntnissen, ein gewaltiges Feld für ihren Unternehmungsgeist eröffneten; 
vergegenwärtigen wir uns die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit der nach 
Erfindung der Buchdruckerkunst alle neuen Gedanken Verbreitung fanden, 
so können wir uns vielleicht eine Vorstellung machen, in welch 1 einer leb- 
haften Bewegung die Geister sich befanden. 

Auch Strassburg wurde von den die Zeit bewegenden Mächten lebhaft 
ergriffen. Der Humanismus hatte hier seinen hervorragendsten Vertreter in 
Jakob Wimpf eitrig (1450—1528), einem geborenen Schlettstädter, der von 
1501 bis gegen 1520 in Strassburg lebte und eine Anzahl seiner Schriften 
„ex heremitorio divi Guilhermi Argentinensis", aus dem Kloster des hl. Wil- 
helm zu Strassburg, datirte. Sein Humanismus hat, wie der deutsche 
überhaupt, eine viel nationalere Färbung als der der romanischen Völker ; 
gibt es doch keine volltönendere Verherrlichung der alten Deutschen als 
seine „Germania". Auch Sebastian Braut (1458—1521), seit 1503 Stadtschreiber 
von Strassburg, war Humanist und schrieb viel lateinisch; sein berühmtestes 
Werk aber ist deutsch, das „Narrenschiff" ', ein Buch, das mit seiner gut- 
müthigen, aber treffenden Satire alle Stände und Autoritäten gleichmässig ver- 
spottete und eine unglaubliche Beliebtheit errang. Er trug damit zu der Ent- 
stehung der kritischen Stimmung bei , die zur Reformation führte , wie nicht 
weniger, wenn auch von ganz anderer Seite her, der schon genannte Prediger 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



105 



Johann Geiler von Kaisersberg (1455—1510). Auch er war Satiriker und 
deckte schonungslos alle Schäden der Kirche auf, ohne darum aufzuhören, 
ein treuer Sohn derselben zu sein. 

So war für die Reformation in Strassburg" der Boden geebnet von 
Männern, die am allerwenigsten daran dachten, der alten Kirche Schwierig- 
keiten zu bereiten. Als Luther am 31. Oktober 1517 seine Sätze an der 
Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen hatte, verbreiteten sie sich durch 
ganz Deutschland mit zauberhafter Schnelligkeit. So kam es den Zeit- 




Fig. 50. Das grosse Freischiessen zu Strassburg im Jahr 1376, nach dem gleichzeitigen Holzschn : tl von 

Tobias Stimmer. 

genossen vor; wir erkennen in der Thatsache einerseits die Wirkung der 
Buchdruckerkunst und sehen andererseits, wie wohl vorbereitet der Acker 
für die Aufnahme der neuen Saat war. Schon 1520 predigten angesehene 
Geistliche die neue Lehre in Strassburg. Als man dem Matthias Zell die 
grosse Kanzel im Münster für seine lutherischen Predigten verweigerte, 
stellten die in der nahen Korduangasse wohnenden Schreiner eine neue 
von Holz her, die sie jedesmal, wenn er predigen wollte, in die Kirche 
brachten. Trotz der Beschwerden der Geistlichkeit und trotz der zetern- 
den Opposition des bissigen Thomas Murner setzte die Stadtregierung 
diesen Predigten kein Hinderniss entgegen, und so konnten seit 1523 auch 



106 



Strassburg als freie Reichsstadt:. 



Capito (-Köpfel), Hedio und vor Allem der thätige Butzc >r als Verkündiger 
der neuen Lehre auftreten. Dieser, der klügste Politiker unter den Refor- 
matoren, war einer der ersten Priester, welche heiratheten; bis 1522 war 
er Sickingischer Pfarrer zu Landstuhl in der Pfalz, dann in Weissenburg 
thätig gewesen, von wo er nach seines früheren Herren Katastrophe 1523 
auch vertrieben worden war. — 1523 beschloss der Rath, die Geistlichen 
zu den öffentlichen Lasten heranzuziehen, die sich dessen weigernden Dom- 
herren wurden aus der Stadt gewiesen; 1524 erlaubte er den Mönchen und 
den Nonnen die Klöster zu verlassen und zu heirathen, Thomas Murner 
musste jetzt aus der Stadt weichen. Seit dieser Zeit wurde auch die Messe 




Fig. 51. Der „Neue Bau" (Hötel du Commerce), jetziger Zustand. 



deutsch gelesen, und so war alles wohl vorbereitet, als am 20. Februar 1529 
der Schöffenrath die Abschaffung der Messe beschloss; es war gewisser- 
massen nur die Feststellung einer vollendeten Thatsache. 

Jetzt handelte es sich darum, dem Reich gegenüber den kühnen 
Schritt aufrecht zu erhalten. Auf dem zweiten Reichstage zu Speyer ver- 
trat Jakob Stur in, der jetzt für Jahrzehnte der Leiter des protestantischen 
Süddeutschland wurde, mit Feuer seine Vaterstadt; auch er schloss sich 
dem feierlichen Proteste der evangelischen Stände gegen die Erneuerung 
des Wormser Edikts an. Leider war die Einigkeit der Protestirenden nur 
von kurzer Dauer; denn trotz der drohenden Haltung des Kaisers trennten 
sich die oberdeutschen Städte, Strassburg , Memmingen , Lindau und 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



107 



Konstanz auf dem Augsburger Reichstag 1530 von den Lutherischen, um 
eine eigene, der Zwingli'schen Lehre sich nähernde Bekenntnisschrift, die 
Tetrapolitana ) zu überreichen. Mehr in die Opposition gedrängt als ihr 
geneigt, strebten die nach der Niederlage der Schweizer Protestanten bei 
Kappel 1531 vollständig vereinsamten vier Städte mit allem Eifer nach 
Wiedervereinigung mit den Lutherischen; aber erst 1536 wurde sie durch 
die Wittenberger Konkor die erreicht, nachdem die Strassburger schon vor- 
her in den schmalkaldischen Bund aufgenommen worden waren. So wurde 
die Stadt denn auch in den schmalkaldischen Krieg (1546 1547) hinein- 
gezogen, der wieder einmal bewies, dass eine einheitliche monarchische 
Politik und Kriegführung immer den Sieg über eine konföderirte davon- 
trägt. Jakob Sturm musste zu Nördlingen am 21. März 1547 in demüthigster 
Weise für seine Vaterstadt Abbitte thun, die Stadt musste sich nach dem 
trostlosen Ausgange auch des norddeutschen Feldzugs dem Augsburger 
Interim unterwerfen, das Münster und mehrere andere Kirchen dem ka- 
tholischen Kultus zurückgeben. Butzer und andere Vertreter der neuen 
Lehre , die sich der Verfügung des Kaisers nicht beugen wollten , fanden 
in England ehrenvolle Aufnahme und Stellung. Lichtmess 1550 wurde im 
Münster zum ersten Male wieder Messe gelesen. 

Diese Reaktion sollte aber nicht lange dauern; der Verderber des 
deutschen Protestantismus wurde auch sein Retter, aber um welchen Preis! 
Der Verrath an dem eigenen Vetter gutgemacht durch den Verrath am 
Kaiser, die Duldung des Lutherthums erreicht durch Abtretung deutschen 
Reichsgebiets! 1552 schloss Moritz von Sachsen den Vertrag mit Frank- 
reich und lud es zur Annexion von Metz, Toni und Verdun ein, dann 
jagte er den gichtbrüchigen Kaiser, der ihn soeben zum Kurfürsten erhoben 
hatte, in Innsbruck auf; das Konzil von Trient stob auseinander. W T ie ein 
Kartenhaus war das ein Menschenalter erstrebte, durch die gewandteste 
Diplomatie endlich erreichte unnatürliche Uebergewicht Kaiser Karls V. 
zusammengestürzt. 1552 kam der Vertrag von Passau zu Stande, 1555 der 
Religionsfrieden zii Augsburg , der die protestantischen Stände auf einen 
sichern Rechtsboden stellte. 1560 war der zehnjährige Schirmbrief, welchen 
die Stadt den katholischen Münsterpredigern ausgestellt hatte, abgelaufen, 
und der Rath richtete in allen Kirchen den evangelischen Gottesdienst 
Avieder ein, der nunmehr 120 Jahre ungestörten Bestand hatte. 

Die Reformation hat den Anstoss zur Gründung von Schulen gegeben, 
natürlich, die bisherigen Bildungsstätten, die' Klöster, waren ja für die Pro- 
testanten nicht vorhanden. Schon 1525 waren V olksschulen in Strassburg 
gegründet worden, und in demselben Jahre traten Butzer, Capito und Hedio 
auf Jacob Sturmi Antrieb zusammen, um Vorlesungen für angehende 
Theologen zu halten. Diese Kurse wurden in den dreissiger Jahren ver- 
vollständigt, und das Thomasstift trat jetzt in die fruchtbare Verbindung 
mit dem höheren Unterrichtswesen [der Stadt, indem die Professoren Mit- 
glieder desselben wurden. Das Wilhelmerstift wurde ein Internat für junge 
Theologen ; beide Einrichtungen bestehen bis auf den heutigen Tag. Ebenso 
gilt heute noch oder heute wieder als eine der besten Schulen Süd- 



108 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



deutschlands das Protestantische Gymnasium, das im Mai 1538 unter dem 
Rektorat Johann Sturm's im ehemaligen Dominikaner- oder Prediger- 
kloster eröffnet wurde. Dieser hervorragende Gelehrte war im Städtchen 
Schleiden in der Eifel geboren und hatte sich früh nach Frankreich gewandt ; 
nachdem er aber eingesehen hatte, dass Franz I. von Frankreich für die 




Fig. 52. Aus dem alten Strassburg - Der Ferkelmarkt, jetziger Zustand. 



Reformation doch nicht zu gewinnen sei, war er nach Strassburg gekommen, 
wo er mit Jacob Sturm — die Namensgleichheit ist Zufall — bekannt 
wurde, der in ihm das richtige Werkzeug für die Ausführung seiner Schul- 
pläne erkannte. Johann Sturm war auch der erste Rektor der Akademie, 
die dreizehn Jahre nach Jakob Sturm's Tod, 1567, errichtet wurde und nach 
verschiedenen Wandlungen heute als Kaiser Wilhelms-Universität in neuer 
Blüthe dasteht. Unter Johann Sturm's Auspizien lebte das klassische 



StR ASSBURG ALS FREIE REICHSSTADT. 



log 



Alterthum in Strassburg wirklich wieder auf: auf einem eigens im Gym- 
nasium errichteten festen Theater wurden griechische und lateinische 
Komödien und Tragödien aufgeführt, und dank einer ausserordentlich 
reichen Uebersetzungslitteratur, die gerade in Strassburg ihren Ursprung 
hatte, interessirte sich nicht nur der gelehrte Theil der Bürgerschaft für 
diese Stücke, sondern auch der Handwerker, dem obendrein durch 
deutsche Prologe und Epiloge der Inhalt des Aufgeführten verständlich 
gemacht wurde. So wurde Strassburg auch eine Pflanzstätte des deutschen 
Theaters. 

Auch der originellste deutsche Dichter dieser Zeit war aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ein geborener Strassburger, Johann Fischart (etwa 




Fig. 53. Aus dem alten Strassburg : Partie im Kleinen Frankreich, jetziger Zustand. 

1540—1589), eine der merkwürdigsten Erscheinungen auf dem ganzen Ge- 
biete der Litteratur, ein Sprachgenie ohne Gleichen, wenn auch für uns 
mit seinen tausendfachen Beziehungen und Anspielungen auf Gleichzeitiges 
und Lokales nur schwer geniessbar. 1574 machte er den juristischen Doktor 
zu Basel, lebte dann in Strassburg und wurde schliesslich kriechingischer 
Amtmann in Forbach, wo er 1589 noch nicht fünfzigjährig starb. In seiner 
Jugend war er viel gereist und hatte dabei einen ungeheuren Schatz von 
Kenntnissen historischer und sprachlicher Art aufgespeichert, die er dann 
in seinen Schriften verstreute, im „Eulenspiegel reimensweis", in der „Flöhatz", 
im „Podagrammisch Trostbüchlein", in „Aller Praktik Grossmutter", vor 
allem aber in der Umdeutschung von Rabelais 1 satyrischem Romane 
„Gargantua und Pantagruel". Am bekanntesten ist seine Verherrlichung 
der Schifffahrt der Züricher, die zum grossen Schützenfeste 1576 in einem 
Tage von morgens zwei bis abends acht Uhr nach Strassburg ruderten 



110 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



und, wie noch heute eine alte Inschrift am neuen Speyerbad (Alter Wein- 
markt 15) bezeugt, den in Zürich gekochten Hirsebrei mit ihren Strassburger 
Freunden auf der Maurerstube (damals Judengasse 9) noch warm verzehren 
konnten. Der Topf ist leider 1870 in Stücke gegangen, seine Reste sind 
auf der Stadtbibliothek aufbewahrt. Die Fahrt ist 1884 und 1893 wieder- 
holt worden. An der Stelle, wo das Schweizer Schiff aus dem ehemaligen 
Rheingiessen in die III einlief, ist 1884 ein Brunnen mit der Büste Fischart's 
errichtet worden, der auch die Thatsache verewigt, dass die Schweizer 
„das Wort ihrer Väter 1870 einlösten" und mit Genehmigung des Generals 
von Werder Frauen und Kinder der belagerten Strassburger nach der 
Sehweiz in Sicherheit brachten. 

Auf dem Gebiete der Geschichtschreibung bringt Strassburg auch 
in diesem Jahrhundert das Beste hervor: die Kommentare des Sleidanus. 
Jakob Philippson, wie Johann Sturm aus Schleiden in der Eifel gebürtig — 
wiederum ein merkwürdiges Spiel des Zufalls — wurde nach einem be- 
wegten Leben durch Jakob Sturm's hervorragende Persönlichkeit und 
durch Strassburgs grossartige politische Stellung hierher gezogen und schrieb 
in den letzten vierzehn Jahren seines Lebens (1542— 1556), die er hier zu- 
brachte, sein ausgezeichnetes Geschichtswerk, 
in welchem Karl V. seine geheimsten Absichten 
und Pläne so genau wiedergespiegelt fand, dass 
er gesägt haben soll, entweder seien seine Mi- 
nister Verräther oder Sleidan der Hausgeist 
seiner Regierung gewesen. 

Ueberhaupt war die literarische Thätigkeit 
in Strassburg keine geringe ; sie wurde begünstigt 
durch die grosse Anzahl bedeutender Drucke- 
reien, die die Stadt zu einem Mittelpunkt des 
Buchhandels machten. Ausser dem schon ge- 
nannten Mentelin , haben wir die Offizinen von Knoblochtzer , Martin 
und Johann Schot/, Hans Reinhart Grieninger, Johann Knoblauch 
und anderen, und diese strebsamen Geschäftsleute sorgten wieder dafür, 
dass ihre Bücher durch gute Holzschnitte und später durch Kupferstiche 
einen besonderen Vorzug erhielten. Es entwickelte sich daher auch aut 
dem Gebiete dieser Künste eine lebhafte Thätigkeit. Vor allen sind hier 
Urs Graf und Johann Wechtlin, aus etwas späterer Zeit die Brüder Tobias 
und Hans Christoph Stimmer zu nennen. Von Tobias Stimmer ist das 
Bild von dem grossen Schiessen des Jahres 1576, aus dem Fig. 50 einen 
Ausschnitt giebt, welcher den Auszug der Schützen aus dem Judenthor 
nach dem damals und heute Schiessrain, in der Zwischenzeit Contades 
genannten Festplatze darstellt. Auch Hans Bai dm ig, nach seiner Vorliebe 
für die grüne Farbe Grien zubenannt, einer der grössten Künstler seiner 
Zeit, von dessen Werken eine prächtige Ausgabe im Erscheinen ist, hat 
Schriften Geilers von Kaisersberg mit Holzschnitten ausgestattet. In den 
siebziger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts zu Gmünd in Schwaben 
geboren, in Schongauer's Schule und durch Albrecht Dürer's Freundschaft 




Figr. ")4. Südwestecke der Stadt mit 
dem Einlluss der Breusch und dem 
Deutsehherrenhaus (1576) nach 
Spccklin. Gez. von A. Sevboth, 
cop. von Rühl. 



Strassbürg als freie Reichsstadt. 



111 



gebildet, lässt er sieh 1509 in das Strassburger Bürgerrecht aufnehmen 
und stirbt hier 1545. Er ist sehr vielseitig, es sind von ihm ausser den 
Holzschnitten, Gemälde, Zeichnungen und Kupferstiche vorhanden. Wenn 
Baidung auch dem grossen Nürnberger Meister nicht gleichzustellen ist, 
so erinnert doch manches an ihn. Vor allem war er ein vortrefflicher 
Zeichner und man rühmt von ihm „ein Gefühl für Kraft und Grösse, einen 
Zug zum Erhabenen", der ihn „bei ganz grossen Schöpfungen, für die er 
schwungvoll seine höchste Kraft aufbietet", zu den bedeutendsten Leistungen 
befähigt. Charakteristisch ist für ihn ein Hang zum Phantastischen. Von 
ganz besonderem Reiz ist ein Skizzenbuch des Meisters, welches sich in 
Karlsruhe befindet; neben Studien zu Gliedmassen, ganzen Figuren, Ge- 
wandungen, Thieren, Blumen u. s. w. linden sich auch einige genial hin- 
geworfene Skizzen aus Strassbürg. 



nördlichen Querhausarm des Münsters noch die Lau- 
fen tiuskapelle vorgelegt, die durch ihre überzierlichen, vielfach ge- 
schweiften Formen zeigt, dass die Gothik in den letzten Zügen liegt. 
Neue Kirchenbauten werden nicht mehr unternommen; der Reformation 
lag mehr an intensivem als an extensivem Christenthum. Dafür wendet 
sich die Bauthätigkeit mehr dem Profanbau und der Pri\ T atarehitektur 
zu, in denen sich allmählich die Formen der Renaissance entfalten. Ich 
verweise hier auf den „Neuen Bau" (Fig. 51), der einen Theil der Stadt- 
behörden beherbergte, jetzt Hotel du Commerce, am Gutenbergplatz 
(1582—1585), auf das schon im vorhergehenden Jahrhundert begonnene 
Frauenhaus (d. h. Haus unserer Lieben Frau), in dem die Verwaltung des 
Münstervermögens ihren Sitz hat (1571 ff.), auf die grosse „Metm'g", jetzt 
Kunstgewerbemuseum, an der Rabenbrücke (1587 ff.), auf das ebenfalls schon 
erwähnte Haus Kämmerzell, das 1589 ff. in der durch Veit Eek und Hans 
Schock, den Erbauer des Heidelberger Friedrichsbaues, eingeführten, für 
Strassbürg charakteristischen Holzarchitektur ausgebaut wurde, und viele 
andere Privathäuser, die spätgothische Elemente mit denen der Renaissance 
zu einer äusserst behaglichen Wirkung vereinigen (Fig. 52, 53). 




112 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



Diese Gebäude waren zum grossen Theil an der Aussenseite und im 
Innern bemalt, eine Ausschmückung, die etwa seit Mitte des Jahrhunderts 
aufgekommen zu sein scheint. Der hervorragendste Meister dieser Technik 
war Wendel Grapp, bekannter unter dem Namen Dietterlin, 1550 oder 
1551 zu Pfullendorf unweit des Bodensees geboren, vermuthlich 1562 mit 
seiner Mutter, der Wittwe eines protestantischen Predigers, in das Bürger- 
recht der Stadt Strassburg aufgenommen, der sein Geschlecht in der 
Folge eine ganze Reihe Künstler geliefert hat. Seine Wandmalereien am 
Neuen Bau, am Frauenhaus und am alten Bruderhof sind nicht mehr 
erhalten, dagegen mehrere Kupferstiche, unter denen eine auf senkrechte 
Unteransicht berechnete, also wohl zur Deekenverzierung bestimmte Himmel- 
fahrt des Elias das bedeutendste Stück ist. Am bekanntesten ist er aber 
durch sein „Lehrbuch von der Architektura" geworden, eine Sammlung 
von Entwürfen, die sich zum Theil weniger für den Architekten, als für 
den Goldschmied, den Ciseleur oder den Holzschnitzer als Vorbilder eignen. 
Sie sind flott und geistreich gezeichnet und zeugen von einer erstaunlichen 



könnte Dietterlin den Fischart der bildenden Künste nennen. Das Gesammt- 
werk erschien 1598 bei Balthasar Caimocx in Nürnberg, und schon 1599 
starb der Meister, noch nicht fünfzig Jahre alt. 

Auch der schon genannte Tobias Stimmer war als Wandmaler thätig; 
sein Name ist aber besonders bekannt geworden durch die astronomische 
Uhr des Münsters, deren heute noch bestehendes Gehäuse nebst den darauf 
befindlichen Malereien von ihm herrührt, während das von einigen Pro- 
fessoren der Mathematik ersonnene Werk selbst 1574 von zwei Landsleuten 
des Tobias, den Brüdern Isaak und Josias Habrecht aus Schaffhausen 
fertig gestellt wurde. 

Das sechzehnte Jahrhundert entfaltete, wie wir gesehen haben , nament- 
lich in seiner zweiten Hälfte, einen auf gesichertem Wohlstande basirten 
gediegenen Luxus in der Ausstattung der öffentlichen und der privaten 
Bauten und in der gesammten Lebensführung und ist in diesem Punkte 
für die Gegenwart, die für „altdeutsche" und „Renaissance-"Einrichtung 
des Hauses schwärmt, vorbildlich geworden. Die Kunst steigt von ihrem 
Throne herab und tritt in den Dienst des Nützlichen ; das sechzehnte Jahr- 
hundert steht unter dem Zeichen des Kunstgewerbes. Seidenstickerei, 



Fig. 56. Kronenburgerthor mit der runden Wehre 
(1570) nach Specklin. Gez. von A. Seyboth, eop. 
von Rühl. 




Fruchtbarkeit der Kombination , 
bringen aber ein solches Durch- 
einander der Figuren und Ver- 
zierungen, eine so groteske Ver- 
mischung von menschlichen Ge- 
stalten, Thier en und Ornamenten, 
und zeigen häufig eine so voll- 
ständige Ausserachtlassung des 
Zwecks bei Anwendung der archi- 
tektonischen Formen, dass wir uns 
mit einem Schlage im vollen Ba- 
rock zu befinden glauben. Man 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



113 



Goldschmiedekunst, Kunstschreinerei, Bit d schnitz er ei u. a. 
erreichen, auch in Strassburg, eine hohe Stufe. 

Zu ganz hervorragenden Leistungen brachte es die Ge- 
sehnt zgiess er ei. Das Strassburger Giesshaus wurde von 
fremden Herren als besondere Sehenswürdigkeit der Stadt 
oft besucht, das „Strassburger Geschütz" erwarb sich 
einen solchen Ruf, dass Karl V. der Stadt nach dem schmal- 
kaldischen Kriege auch die Lieferung von zwölf schönen 
Stücken auferlegte. Es ist kein Zufall, dass Strassburg. sich 
gerade auf diesem Gebiete hervorgethan hat ; die fort- 
dauernden religiösen Wirren, die Begehrlichkeit des franzö- 
sischen Nachbarn Hes- 
sen die Ahnungen 
schwerer Kämpfe auf- 
steigen, und daher war 
die Stadt auch stets 
bemüht, ihre Befesti- 
gungen auf der Höhe 
zu halten. Es ging den 
Strassburger Bürgern 
dabei gerade so, wie 
uns heute : neue Er- 
findungen und Ver- 
besserungen der Angriffstechnik machten 
Verbesserungen derVertheidigungsmittel 
nöthig. Sehr unangenehm machte sich 
in dieser Hinsicht die Erfindung des 
Schiesspulvers fühlbar, die das Anlegen 
von Wällen, theils zum Schutz des Mauer- 
werks, theils zur Aufstellung der eigenen 
Artillerie, und die Erniedrigung der 
Thürme und Thore gebieterisch forderte. 

Der Wall wurde aber nicht nach 
einem bestimmten Plan systematisch auf- 
geführt, sondern je nach Bedürfhiss bald 
da, bald dort ein Stück angelegt und 
meist mit Mauern und vorgelegten Ron- 
delen (runden Befestigungsthür men) ver- 
stärkt. So wurde 1508 das Roseneck 
rechts vom Steinstrasserthor aufge- 
schüttet und 1544 ff. ausgebaut (Fig. 55), 
1524 der Wall beim Deutschherrenhaus 
an der heutigen Margarethenkaserne auf- 
geworfen und 1530 erhöht (Fig. 54). So 
entstanden allmählich die Wälle bei dem 
Kloster St. Klara auf dem Wörth, das 




114 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



abgerissen wurde, nahe dem Thurm im Sack (Fig. 45) (1525—1534), die 
Aufschüttung bei St. Nikolaus in undis, der heutigen Ulanenkaserne (1529 
bis 1534). 1530 wurde die Strecke zwischen Stein- und Weissthurmthor 
in Angriff genommen, in den vierziger und sechziger Jahren erhöht, 
verbreitert und durch Mauern und Rondele verstärkt. 1540—1543 warf 
man die Wälle am Elisabethen- und am innern Metzgerthor sowie das 
Bollwerk zwischen dem äusseren Metzger- und dem Katharinenthor 
(Fig. 57) auf. Die zu allen diesen Werken nothwendige Erde wurde ge- 
wonnen, indem man die vor dem Stein-, Kronenburger- und Weissthurm- 
thor liegenden Aecker einige Schuh abtrug. 1543 er- 
niedrigte man das innere Metzgerthor, das mit dem 
davor liegenden Thorbogen durch ein auf beiden 
Seiten durch Erdanschüttungen gedecktes Gewölbe 
verbunden wurde (Fig. 57). Andere Befestigungsthürme, 
wie den Teufelsthurm im Süden und den Thurm 
im Sack (Fig. 45) im Norden der Stadt, brach man zum 
Theil ab und füllte den stehengebliebenen Rest mit 
Erde aus, andere fielen ganz. Einige Thore wurden 
durch „Wehren" gesichert, beispielsweise 1508—1511 
das Kronenburgerthor durch die „runde Wehre" 
(Fig. 56). Sämmtliche Thore wurden 
mit Fallbrücken versehen, 1532 das 
äussere Weissthurmthor gebaut. Dazu 
kamen Grabenerweiterungen an ver- 
schiedenen Stellen. Ueberall wurden 
Mauern und 
Thürme mit 
Schiesslöchern 
für grobes Ge- 
schütz und 
Büchsen ver- 
sehen, 1563 auch 
das Ufer der III 
am Fischerthor 

(jetzt Dietrichstaden) aufgemauert und mit Scharten ausgestattet. 1531 
überbrückte man bei dem Johannisthor, wo er in die Befestigung ein- 
trat, den Rheingiessen , der als versumpfter Wasserlauf noch jetzt bei 
dem neuen Wasserthurm kenntlich ist, versah die Brücke mit einem Fall- 
gatter, mauerte das genannte sowie das Nikolausthor zu und erniedrigte 
beide, baute dann dafür das Neue Thor (Fig. 58). 1567—1573 ersetzte man 
die festen gedeckten Brücken durch hölzerne, um sie leichter zerstören zu 
können, im Uebrigen sicherte man den Einfluss der III wie den des Rhein" 
giessens. Die „Spitzen" wurden wiederum verstärkt, die Rondele und 
Wasserwerke mit Schiessscharten versehen, wie heute theilweise noch 
erkennbar ist (Fig. 59, 60). Das Ergebniss der befestigenden Thätigkeit des 
Jahrhunderts nach 1482 tritt uns in den sehr säubern Zeichnungen aus dem 




Fig. 58. Das Neue Thor nebst 
dem vermauerten Johannisthor 
am Rheingiessen und dem Ni- 
kolausthor(1576) nac h Specklin. 
Gez. von A. Seyboth, cop. von 
Rühl. 



STR ASSBURG ALS FREIE REICHSSTADT. 



115 



Jahr 1576 entgegen, die aller Wahrscheinlichkeit nach von Daniel Specklin 
herrühren und zum grössten Theil hier wiedergegeben sind (Fig. 39, 45, 
46, 54, 55, 56, 57, 58, 68). 1577 beginnt dieser berühmte Befestiger seine 
Thätigkeit in Strassburg, die im nächsten Abschnitt eine eingehendere 
Würdigung finden wird. 

Die Bevölkerung der Stadt hat sich im sechzehnten Jahrhundert nicht 
sonderlich über die vorher erreichte Ziffer erhoben; ihr höchster Stand 
von etwa 32000 Seelen dürfte in die ersten Jahrzehnte des siebzehnten 
Jahrhunderts fallen. Die Gesundheitsverhältnisse müssen sich bedeutend 
gebessert haben; denn es wurden durch immer wiederholte Verfügungen 
des Stadtraths über bessere Reinhaltung der Strassen, durch wenigstens 
theilweise Pflasterung, durch die Einrichtung von besonderen Spitälern 
für ansteckende Kranke, schliesslich durch das im Jahre 1527 erfolgte 
Verbot, die Todten innerhalb der Stadt zu beerdigen, und Anweisung der 
drei noch heute benutzten Friedhöfe St. Helena, St. Urban und St. Gallen 
viele krankheitserzeugende Uebelstände beseitigt. 




Fig. 59. Die gedeckten Brücken (Innenseite) nach einem Kupfer von Wenzel Hollar (1630). 



So war das sechzehnte Jahrhundert im Ganzen genommen eine Zeit 
hoher materieller und geistiger Kultur, eine Zeit, wo sich die Deutschen 
im frohen Bewusstsein ihrer Leistungen auf allen Gebieten den älteren 
Kulturvölkern, namentlich den Italienern gegenüber ihrer Ueberlegenheit 
rühmen durften, wo diese selbst sie anerkannten, wie unter Anderm aus 
einer Stelle des Geschichtschreibers Paolo Giovio hervorgeht, die ich 
zum Schluss dieses Abschnitts in der Form anführe, wie sie Specklin in 
der Vorrede zu seiner „Architektura von Vestungen", Strassburg 1589 deutsch 
wiedergiebt. Sie lautet: 

„Es wird unss ein wunderbarlicher und fröhlicher Lufft des Teutschen 
Himmels fürgestelt, und halten warhafftig, dass durch heimliche würckung 
dess Gestirns, durch den kalten scharffen Nortwind, die vorigen groben 
Ingenia der Teutschen also erweckt und verendert seind, dass sie nit 

genug haben, an iren alten loblichen Kriegsthaten, auch die höchsten 

Künsten herfür bringen, welchs den weisen Griechen und unss schläfrigen 

8* 



116 



StrassbürG at.s freie Reichsstadt. 



Italicnern ein ewige schand ist wir müssen nach guten Werck- 

meistern in Teutschland schicken, und dannen gute Maler, Bildhawer, 
Uhrmacher, Mathematicos, Geometras, Musicos, Astronomos, auch die in 
den Ertzgruben und Brunnenwercken mit werkschuhen zum fleissigsten 
messen können, erfordern, und ist auch noch ein grosses wunder, dass sie 
die Kunst mit dem Ertzgiessen, domit man die Bücher druckt, erfunden, 
auch von Ertz dass gewonliche Geschütz zum Krieg zu unss bracht haben." 
So der Italiener. 

Wie schnell ging diese Zeit des Glücks dahin ! 




Fig. 60. Die gedeckten Brücken (Aussenseite) im jetzigen Zustand. 




6. STRASSBURG ALS FREIE REICHSSTADT. 

Dritte Periode (1592—1681). 
Das Jahrhundert des grossen Kriegs. 

Charakteristik des Jahrhunderts. — Der bischöfliche Krieg. — Der dreissigjährige Krieg. — Uebergang 
Strassburgs an Frankreich. — Daniel Specklin. — Befestigungsarbeiten. — Kunst und Kunstgewerbe. — 

Litteratur. 

Die Zeit von 1592—1681 ist für Strassburg dadurch charakterisirt, 
dass es allmählich in den Machtbereich des französischen Staates hinein- 
gezogen wird, der seine Kreise um das alte Bollwerk deutscher Nation 
immer enger und enger zieht, um schliesslich die langersehnte Beute ein- 
zuheimsen. Zwei gewaltige Mächte standen sich gegenüber : das habs- 
burgische Haus mit seinem Streben nach einer die Welt umspannenden 
Herrschaft, die es nicht ohne Vernichtung des Protestantismus erreichen 
zu können glaubte, und das französische Königthum, das, im fünfzehnten 
und sechzehnten Jahrhundert zu höchster Macht im Innern aufgestiegen, 
soeben im Begriff war, die die Reichseinheit schädigende hugenottische 
Bewegung abzustossen oder unschädlich zu machen, beide Mächte durch 
und durch katholisch, jene fanatisch und bestrebt, alle Zwecke auf einmal 
zu erreichen, diese weitblickend und sicher, ihre Früchte reifen zu sehen. 
Zwischen diese beiden gewaltigen Kolosse gestellt, wurde Strassburgs 
Selbstständigkeit erdrückt; willenlos fiel es dem Geschickteren zur Beute. 

Im Jahre 1583 hatte Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg 
versucht, das Kurfürstenthum Köln dem Augsburger Religionsfrieden zu- 



118 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



wider für den Protestantismus zu gewinnen; sonst häufig gezwungen, die 
Reformation in Bisthümern zu dulden, griff hier die kaiserliche Macht 
energisch ein, da es sich um den Bestand der katholischen Majorität im 
Kurfürstenkollegium handelte. Gebhard musste sein Erzbisthum aufgeben 
und begab sich nach Strassburg, wo er die Würde eines Domdechanten 
inne hatte. Mit ihm kam ein Gährstoff in das durchaus nicht streng katho- 
lische Kapitel. Als 1592 der Bischof Johann von Manderscheid starb, wählten 
die protestantischen Kapitelherrn den jungen Markgrafen Johann Georg von 
Brandenburg, während die katholischen ihre Stimmen dem mächtigen 
Kardinal Karl von Lothringen zuwendeten. Deutlicher konnten die Ab- 
sichten der Wähler nicht kundgegeben werden; jede Partei suchte sich bei 
dem nothwendiger Weise entbrennenden Kampfe eine mächtige Bundes- 
genossenschaft zu sichern. So kam es denn zu einem furchtbaren zwölf- 
jährigen, dem sog. bischöflichen Kriege (1592—1604), in dem die Stadt Strass- 
burg, entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheit, Partei ergriff, und zwar für 
den protestantischen Bischof. Der Krieg fand sein Ende in einem Vergleich, 
den — das war das Schlimmste bei der Sache — Heinrich IV. von Frank- 
reich vermittelte. Der Kardinal erhielt das Bisthum, der Brandenburger 
eine Entschädigung in Geld, Strassburg wurden seine furchtbaren Verluste 
nicht vergütet. Dafür zog in die Herzen der Bürger ein Groll gegen die deut- 
schen Fürsten ein, welche die Stadt im Stiche gelassen hatten. Nach des 
Kardinals baldigem Tode wurde ein Habsburger auf den erledigten Stuhl 
erhoben; man wollte die mühsam behauptete Position dadurch noch mehr 
befestigen. Auch der Jülich-Klevische Erbfolgekrieg (1609—1614) brachte 
dem Elsass neue Verwüstungen, der Stadt neue Verluste. 

Der dreissig jährige Krieg Hess Strassburg zunächst unberührt. Erst nach 
dem Sturze des böhmischen Winterkönigs schlug sich der protestantische 
Söldnerführer Mansfeld 1621 ins Elsass, um die in die Pfalz eingebrochenen 
Spanier, den habsburgischen Bischof und die österreichische Herrschaft im 
Oberelsass zu bedrohen. Bei Strassburg fand er die erwartete Hülfe nicht, 
da dieses seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht hatte. Das Ansehen, 
das die Stadt noch immer genoss, lässt sich daraus abnehmen, dass, um 
ihre Neutralität zu gewinnen, der unduldsame Ferdinand II. die Erweiterung 
der protestantischen Hohen Schule zu einer mit allen kaiserlichen Privi- 
legien ausgestatteten Universität gestattete. Erst das Restitutionsedikt 
von 1629 schreckte die Strassburger wieder auf. Der Kaiser verlangte 
ohne Weiteres von der Stadt die Herstellung des Zustandes von 1555. Mit 
Mühe und Noth wusste der Rath die Verhandlungen so lange hinzuziehen, 
bis Gustav Adolf in erreichbarer Nähe anlangte und mit ihm ein Bündniss 
geschlossen werden konnte. Aber Gustav Adolf fiel 1632, die schwedischen 
Truppen wurden 1634 bei Nördlingen geschlagen; wiederum zog sich das 
Ungewitter drohend um Strassburg zusammen. Da waren es die Fran- 
zosen, denen man die Rettung verdankte. Unter Bernhards von Weimar 
kühner und kluger Führung schien noch einmal eine bessere Zeit für das 
Elsass kommen zu sollen. Aber auch er sank in der Blüthe der Jahre 
dahin; das Schicksal schien den Franzosen wohlzuwollen. Jahre lang zog 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



119 



sich der Krieg noch hin, furchtbar waren die Wunden, welche er Deutsch- 
land schlug, und als er endete, geschah es aus allseitiger Erschöpfung. 
Das Elsass, so weit es österreichisch war, die verschiedenartigen Hoheits- 
rechte, welche das Haus Habsburg im Elsass ausübte, gingen an die Krone 
Frankreich über. Strassburg, wie alle unmittelbaren Reichsstände blieben 
beim heiligen Reiche ; es war aber vorauszusehen, dass Frankreich in den 
verzwickten Bestimmungen des westfälischen Friedens Anhaltspunkte genug 
finden würde, je nach Befund seine Herrschaft weiter auszudehnen. 

Die nächsten Jahrzehnte zeigen uns die allmähliche Ausdehnung der 
französischen Herrschaft über alle im nunmehr französischen Elsass en- 
klavirten Gebiete. Im holländischen Kriege (1672—1678) warfen die Fran- 
zosen zum ersten Male die Maske der Freundschaft Strassburg gegenüber 
ab. Am 14. November 1672 Hess Conde" von Breisach acht Schiffe den 
Rhein hinabfahren und die Rheinbrücke verbrennen. Die Stadt stellte 
die Brücke wieder her; da aber der Regensburger Reichstag allen Bitten 
gegenüber taub blieb, musste sie sich soweit demüthigen, die Brücke 
selbst wieder abzureissen. Man kann sich keine traurigere Lage vorstellen, 
als die des Strassburger Rathes in dieser Zeit: mit Ausnahme weniger 
Franzosenfreunde war er fest entschlossen, sich vom Reich nicht abdrängen 
zu lassen, aber die ganz verschrobenen Verhältnisse zwangen ihn einen 
Schritt nach dem andern vor der französischen Macht zurückzuweichen, 
wodurch er noch obendrein den Unwillen der deutschgesinnten Bevölkerung, 
die sich bisweilen zum wirklichen Aufruhr hinreissen Hess, erregte, da man 
sich die Politik des Rathes nicht anders als durch Verrath und Bestechung 
erklären konnte. Bei alledem kann von so etwas durchaus keine Rede sein. 
Dass es in Strassburg Leute gab, welche aus Ueberzeugung denAnschluss an 
Frankreich verfochten, und dass diese Leute in den ersten Jahren nach der 
französischen Besitzergreifung besonders hervortraten, liegt in der Natur der 
Sache. Am ersten Hesse sich noch der Vorwurf unlauteren Vorgehens gegen 
den Bischof Frans Egon von Fürstenberg erheben, der 1674 seiner offenbaren 
französichen Gesinnungen wegen seiner Stimme und seines Sitzes auf dem 
Reichstage beraubt wurde und schon vor der Einnahme Strassburgs eine jähr- 
liche Rente von Ludwig XIV. bezog; doch das ist in jenen Zeiten auch sonst 
nichts Unerhörtes. Nein, die Zerrissenheit des deutschen Reichs, die Zer- 
fahrenheit, vor .allem seiner protestantischen Fürsten, die Engherzigkeit 
der Habsburger trieb Strassburg, sehr gegen seinen Willen, dem fran- 
zösischen Nachbarn in die Arme. Vorläufig wurde der Stadt noch eine 
Gnadenfrist gewährt. Im Juli 1678 wagte der Marschall Crequi nicht die 
Stadt anzugreifen; er nahm die Kehler Schanze, verbrannte das Dorf und 
21 Joch der Rheinbrücke, und sandte von der Zollschanze am kleinen Rhein 
in die Stadt eine Kugel als Gruss, die an der Stelle, wo sie das Münster 
traf, durch eine Inschrift verewigt wurde, welche schloss: „Gott wolle die 
Kirch und die Stadt, so lange die Tage des Himmels währen, ferner gnädig- 
lich bewahren." Aber die Tage ihrer Reichsfreiheit waren gezählt. 1680 
wurden die Rmnionskammern (Chambres de Reunion) errichtet, Gerichts- 
höfe, welche die letzten Friedensverträge durchstöbern sollten, um die 



120 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



zweifelhaften Stellen ausfindig zu machen, an die sich die Ländergier 
Ludwigs XIV. heften könnte, um weiteren Raub zu maskiren. Was für 
ein Hohn in der That! Ein vom französischen Könige eingesetztes Kol- 
legium sollte über internationale Fragen zu Gericht sitzen ! Die Reunions- 
kammern thaten ihre Schuldigkeit, grosse Gebiete deutschen Landes wurden 
als der französischen Krone zuständig erklärt. Am 6. August 1680 sprach 
die Kammer zu Breisach aus, dass Strassburg dem Könige den Hnldignngs- 
cid zu leisten habe. Die Stadt suchte noch einmal das Reich für ihre Noth 
zu interessiren. Der Kaiser that sogar einige Schritte, aber die Schwer- 
fälligkeit seiner Unterhändler, das Misstrauen der Strassburger gegen ihn, 
der ihre Nothlage ausbeuten wollte, machten dieselben wirkungslos. Die 
Franzosen zogen ihre Truppen im Elsass zusammen; in der Nacht vom 
27. auf den 28. September 1681 nahmen sie die Zollschanze diesseits des 
kleinen Rheins, zogen über die Brücke und setzten sich in der Kehler 
Schanze fest. Noch einmal flammte die Begeisterung der Bevölkerung auf, 
aber an Widerstand war nicht zu denken. 30000 Mann standen südlich 
der Stadt in und um Iiikirch und hier wurde am 30. September die Kapi- 
tulation mit Lonvois abgeschlossen: die Stadt blieb bei allen ihren Frei- 
heiten und Rechten, nur wurde die Benutzung des Münsters den Katho- 
liken zurückgegeben, Appellation an das französische Gericht in Breisach 
in Rechtsstreitigkeiten von über 1000 Franken gestattet, die Waffen und die 
Munition des Zeughauses ausgeliefert. Die Stadt wurde sofort besetzt, am 
4. Oktober leistete der Rath dem französischen König den Eid der Treue 
und begann Vanban die Citadelle zum Schutze und zur Beherrschung der 
Stadt. Am 23. Oktober traf Ludwig XIV. in Strassburg ein; er hatte es 
eilig, sich seiner Beute zu versichern. An der Pforte der wieder gewonnenen 
Kathedralkirche empfing ihn der Bischof und versicherte, nachdem er 
durch Ludwigs königliche Hände in den Besitz seiner Kirche eingesetzt 
sei, könne er mit dem lieben alten Simon sagen, dass er nunmehr das 
Ende seiner Tage in Frieden und mit Freuden erwarte (Lukas 2, 25). Ein 
Schrei der Entrüstung ging durch das Reich, aber was war zu thun? Es 
war die Zeit, wo Ludwig XIV. die frohe Botschaft erwartete, dass Wien 
in die Hände der Türken gefallen sei. Am 15. August 1684 erkannte das 
Reich die Annexion Strassburgs und Kehls vorläufig an, der Ryswicker 
Friede vom 30. Oktober 1697 trat die Stadt definitiv an Frankreich ab, 
während Kehl zum Reich zurückkehrte. 

Man könnte versucht sein zu glauben, die Befestigung der früher als 
uneinnehmbar geltenden Stadt sei zu dieser Zeit in sträflicher Weise ver- 
nachlässigt gewesen; das ist aber durchaus nicht der Fall. Im Gegentheil 
war die Stadt auch in diesem Jahrhundert, soweit ihre Mittel, die durch 
die schwere Kriegszeit natürlich immer beschränkter wurden, es gestatteten, 
eifrig bemüht, sich ihre Uneinnehmbarkeit zu erhalten. Im besonderen 
tritt uns hier der Name eines Mannes entgegen, der bisher, wenn von 
Strassburgs Baugeschichte die Rede war, als einer der ersten genannt 
wurde, Unverdientermassen, wie die neuesten Forschungen ergeben haben. 
Ich meine Daniel Specklin (Fig. 62), dessen Leben in eine frühere Periode 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



121 



fällt, der aber in Verbindung mit der Befestigung Strassburgs an dieser Stelle 
genannt werden muss. 1 ) 1536 zu Strassburg geboren, lernte er als Seiden- 
sticker und Formschneider und begab sich 1552 auf die Wanderschaft, die 
ihn 1555 nach Wien führte. Hier war er unter dem kaiserlichen Ingenieur 
Hermann Schallantzer im Festungsbauwesen thätig, an dem er auf seinen 
Wanderungen Interesse gewonnen haben mochte, und wirkte auch an 
der Befestigung einiger ungarischen Städte mit. Weitere Wanderungen 
lehrten den lebhaften, unbeständigen Jüngling Polen und Skandinavien 
kennen; 1560 war er in Antwerpen, 1561 wiederum in Wien, 1564 in Strass- 
burg, wo er sich dem Rath durch Anfertigung eines grossen Stadtplanes 
angenehm zu machen suchte. Aber die Herren hielten das ihnen vor- 
gelegte, noch nicht ganz vollständige Werk für gefährlich, untersagten 
seine Fertigstellung, verlangten die Einlieferung des Hergestellten und 
zahlten ihm eine Entschädigung für seine Mühe. Bald darauf war Specklin 
in Düsseldorf, 1567 in Regensburg ; hier trat er mit dem kaiserlichen Feld- 
hauptmann Lazarus Schwendi in Verbindung. 1569 wurde er von Schal- 
lantzers Nachfolger Carlo Tetti nach Wien berufen, wo er bis 1571 der 
kaiserlichen Rüstkammer vorstand. 1572 war er schon wieder im Elsass 
im Dienste des Herrn Samson von Fleckenstein, 1574 dem Herzog von 
Bayern bei der Befestigung von Ingolstadt behilflich, wo man ihm aber 
der Glaubensverschiedenheit halber nicht recht getraut zu haben scheint, 
und dann in Regensburg thätig. 1576 finden wir ihn wieder in Strassburg, 
wo er die von ihm entworfene Karte des Ober- und Unterelsasses fertig 
stellte, deren erstes Exemplar er 1577 dem Rate überreichte. Das Datum 
1576 tragen auch die hier zum grossen Theile wiedergegebenen Zeich- 
nungen der Befestigung Strassburgs, die Specklin zugeschrieben werden 
(s. S. 115). 1577 endlich entschloss sich der Rath, in dessen Mitte er viele 
Gegner gehabt haben muss, ihn in städtische Dienste zu nehmen und 
schuf für ihn das Amt des Stadtbaumeisters ; einerseits kamen die Einzel- 
honorare, die Specklin forderte, zusammen höher als eine jährliche Be- 
soldung, andererseits wusste man, dass Specklin die Befestigungen Strass- 
burgs zu genau kannte, um nicht unter Umständen gefährlich werden zu 
können. Das Merkwürdigste ist nun, dass während Specklins Amtsthätigkeit 
von 1577 bis 1589, wo er starb, ausnahmsweise wenig an der Befestigung 
gebaut wurde, dass Mitte der achtziger Jahre immer wieder Klagen über 
seine Unthätigkeit laut wurden, dass er fast fortwährend unterwegs war, 
um bei Fürsten und Städten Gutachten über Befestigungsanlagen abzu- 
geben, dass ihm etwa 1584 ein Gehülfe in der Person des Büchsenmeisters 
Neuner gegeben und bald darauf auf dieses Neuner Antrag ein bekannter 
niederländischer Baumeister Kornpütt herangezogen wurde, der Specklins 
Ansichten schroff entgegentrat. Trotzdem scheute man jedesmal wieder 
vor seiner Entlassung zurück. 1589 erschien seine „Architectura von 
Vestungen" , der es ohne Zweifel zuzuschreiben ist, dass sein Name einen 
so guten Klang gewonnen hat. Es ist ein Band von 120 Folioblättern 



: ) Vgl. über ihn auch die Ausführungen von Dr. O. Winckelmann weiter hinten. 



122 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



Text und vielen sehr zierlich ausgeführten, geschmackvoll kolorirten Bildern. 
Es wird von den Fachleuten als Specklins Verdienst angesehen, dass er die 
in Deutschland, Italien und den Niederlanden gelegentlich gemachten Er- 
fahrungen und Versuche zu einer Theorie zusammenfasste. Dass er aber 
seine Theorie bei der Strassburger Befestigung in die Praxis übersetzt 
habe, dass unter seiner Leitung eine vollkommene Aenderung in der Be- 
festigungsweise eingetreten sei, wie man behauptet hat, ist aus den That- 
sachen nicht ersichtlich. Zwar soll er schon 1577 einen Plan über „die gantze 



gleichgültig gewesen zu 



Jahren seines Lebens schlecht behandelt worden ist. So wird auch dieser 
Entwurf Entwurf geblieben sein. Es wird in der That bis 1633 ganz in 
der früheren Weise ohne bestimmten Plan bald hier, bald dort an der 
Stadtbefestigung weiter gearbeitet, im wesentlichen zu dem Zwecke, die 
Wirkung des Geschützes abzuschwächen : es werden neue Wälle gebaut, 
alte erhöht, getrennt stehende Stücke verbunden. Thorthürme werden er- 
niedrigt und mit Wachtstuben versehen, überflüssige Wasserläufe zuge- 
worfen, Fallgatter in den Thoren, bei manchen sogar doppelt, angebracht, 
an einigen Thorpassagen gewölbte Gänge hergestellt. 

Als aber nach dem Tode Gustav Adolfs 1632 die Befürchtung er- 
wachte, dass die mit den Schweden verbündete Stadt Strassburg angegriffen 
werden könne, nahm sie auf Anrathen des Feldmarschalls Gustav Horn 
den ehemaligen schwedischen General-Ingenieur, Oberstlieutenant Mörs- 
hausen in Dienst, nach dessen Plan eine Befestigung nach dem Bastionär- 




Zarg (Umwallung), wie sie 
soll verbessert werden auf 
einen newen Model", einge- 
reicht haben; doch wider- 
spricht dem, dass er am 
7. September 1587 wieder 
ein Werk dem Rate anbietet, 
„wie E. G. (Euer Gnaden, 
die Herren Dreizehner) heutt 
oder morgen künnen und 
mögen diese Statt mit et- 
lichen und aller handt Ver- 
besserungen, auch mit rech- 
ten volkomnen gantzen ge- 
bewen zu wasser und landt 
vilweg künnen virnemen"; 
von einem früher einge- 
reichten allgemeinen Plan 
ist keine Rede. Auch diesmal 
scheint „meinen Herren" 
der Entwurf Specklins recht 



Fig. 62. Daniel Specklin nach dem Stich v. Th. de Bry (1608). 



sein, wie er denn augen- 
scheinlich in den letzten 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



123 



System sofort begonnen wurde. Am 10. Mai 1633 wurde der erste Spaten- 
stich zwischen Kronenburger- und Weissthurmthor am Heidenbollwerk 
gethan, das an der Stelle des heutigen Hauptbahnhofs lag. Man benutzte 
wo es ging, die alten Anlagen, z. B. die „runde Wehre" am Kronenburger 
Thor (Fig. 56) ; aber im Ganzen bekam die Befestigung ein vollständig neues 
Gesicht, was man am besten erkennt, wenn man den nach Specklin's 
Modell von L. Weissandt gezeichneten Plan von 1577 (in Hegers Städte- 
chroniken, Band IX) mit dem 1680 vergleicht. (S. auch Fig. 61.) Vom 
rechten Ufer des Iiieinflusses an wurden um die Stadt 16 Bollwerke 
(Bastionen) gezählt, von denen zwei zum Finkmatt-Kronwerk (91) vereinigt 
waren. — Zunächst nahm man 1633; 34 die gefährdetste Seite der Stadt, die 
Westfront, in Angriff und legte ausser dem genannten Heidenbollwerk (85) 
das Roseneck- und das Steinstrasserbollwerk (89, 90), sodann das Finkmatt- 
Kronwerk an. 1636 begann man die Bastionen am Elisabethenthor, das jetzt 
geschlossen wurde (77), und nahe dem Spital (76); heute sind diese beiden 
durch einen die Spitze der Bastionen verbindenden geraden Wall vereinigt 
und umschliessen eine Reihe medizinischer Unterrichtsinstitute. Im gleichen 
Jahre fing man auch am Klapperthurm (69) (nahe der heutigen Grandidier- 
strasse) zu bauen an. Doch scheinen die Arbeiten bald ins Stocken gerathen 
und jedenfalls so lange lässig betrieben worden zu sein, bis die sich immer 
drohender gestaltende Politik Ludwigs XIV. in den sechziger Jahren zur 
Inangriffnahme neuer Bauten am Metzgerthor (73, 74) und an der Strecke 
zwischen Weissthurmthor (83) und Illeinfluss, sowie zur Vollendung der 
begonnenen Bauten drängte. Man legte in den siebziger Jahren eine grosse 
Anzahl von Ravelinen an, vor dem Spitalthor (75), dem Fischerthor (68), dem 
Judenthor (95), dem Steinthor, dem Kronenburger- (86) und dem Weiss- 
thurmthor, am Einfluss des Rheingiessens (117), links am Ausfluss der III (81), 
zwischen Finkmatt und Roseneck, einen Halbmond vor dem Roseneck 
und ein Hornwerk zwischen dem Kronenburger Thor und dem Heiden- 
bollwerk. Wo die Wälle noch unterbrochen waren, wurde der Zusammen- 
hang hergestellt. — Der Beginn des dreissigj ährigen Krieges veranlasste 
die Strassburger auch ihren Rheinübergang zu befestigen. 1619 begann man 
das Dorf Kehl, das auf der Stelle der heutigen Stadt gleichen Namens lag, zu 
umschanzen und beendigte diese Arbeit 1633. 1622 wurde vor dem kleinen 
Rhein die Zollschanze angelegt, die 1671 erweitert und seitdem auch Stern- 
schanze genannt wurde. 1671 warf man am Ende der grossen Rheinbrücke zu 
deren Deckung eine Schanze auf und errichtete auf der Rheinbrücke zwei 
Blockhäuser mit je vier Geschützen. 1676 endlich schritt man zur Erbauung 
der Rheinschanze auf der Insel zwischen dem grossen und dem kleinen Rhein. 
Im Jahre 1681 waren also an Befestigungen am Rheinübergang die Zoll- oder 
Sternschanze diesseits und die Rheinschanze jenseits des kleinen Rheins, 
ferner die Kehler Schanze jenseits des grossen Rheins vorhanden; ausserdem 
war Kehl selbst mit Erdwerken umgeben. Es ist eine Ironie der Geschichte, 
dass diese Arbeiten sowie die gesammte Bastionärbefestigung der Stadt voll- 
endet waren in dem Moment, wo Ludwig XIV. seine Hand auf die Stadt 
legte : seine Kampfmittel waren wirksamer als Geschütze und Laufgräben. 



124 



Strassburg als freie Reichsstadt. 



Auf dem Gebiet der Künste hat dies Jahrhundert in Strassburg fast 
keine Leistungen aufzuweisen, kaum dass im Anfang desselben einige 
Privatleute noch den Sinn für stylgemässen Aufbau und künstlerische 
Ausstattung ihrer Häuser bewahrten. Die Bevölkerung nahm um ein 
Drittel ab: beim Uebergang in die französische Herrschaft zählt Strassburg 
22000 Seelen. Die Finanzen der Stadt wie der Einwohner gingen in er- 
schreckender Weise zurück , und woher sollte bei diesen unsicheren Zeit- 
läuften die Freudigkeit und das Zutrauen kommen, das zur Inangriffnahme 
grösserer Unternehmungen nöthig ist? Von Strassburger Bauleuten werden 
die beiden Hecklcr , Vater und Sohn, als hervorragend tüchtig genannt. 
Der letztere, Hans Georg, liess, als im Jahre 1654 der Blitz die Münster- 
pyramide bedeutend beschädigt hatte, ein gewaltiges Gerüst um dieselbe 
errichten und den Thurm um fast 20 m abtragen. Nach drei Jahren war 
der Schaden gut gemacht. Sehr werthvoll sind die Aufzeichnungen, die 
er über das Münster hinterlassen hat. — Das Kunstgewerbe, das wie die 
Kunst, in den Rahmen der Zünfte hineingepresst war, hatte unter 
dem Niedergange dieser Einrichtung zu leiden. Aus einem zum Schutze 
der Kunst und des Handwerks gebildeten Verbände wurde eine den 
freien Wettbewerb ausschliessende Genossenschaft privilegirter Familien. 
Das Wirthschaftsgebiet einer Stadt war für die neue Zeit zu klein. Es war 
daher das Bedürfhiss nach neuen Bildungen vorhanden, denen sich die 
bestehenden Institutionen entgegenstemmten. Diese Verhältnisse waren für 
die Entwickelung bedeutender Künstler nicht günstig; es mögen nur Isaak 
Brunn, Frans Brunn und Matthias Greuter als gute Kupferstecher 
genannt sein. 

Für die Entwickelung einer dramatischen Literatur ist Strassburg 
durch sein Theater auf dem „Grasboden" des Protestantischen Gymnasiums 
noch immer von hervorragender Bedeutung; auf ihm wurden die lateini- 
schen Stücke von Kaspar Brütoiv, einem geborenem Pommer, der in 
Strassburg seine zweite Heimath gefunden hatte, und die deutschen von 
Wolf hart Spangenberg aufgeführt, einem gelehrten Theologen, der im 
Anschluss an die Strassburger Meistersingerschule in lehrhafter Behaglich- 
keit sein Publikum zu unterhalten wusste. Schliesslich mag noch der 
wackere Johann Michael Moscherosch genannt sein, zwar im rechtsrheini- 
schen Willstädt geboren, aber seiner Erziehung und Bildung nach ein 
Strassburger. Die traurigen Zeitereignisse kräftigten wie bei vielen seiner 
Landsleute auch bei ihm die Anhänglichkeit an alles Deutsche. Rührend 
naiv spricht sich dies in den „Wunderlichen und wahrhaftigen Gesichten 
(== Visionen) des Philander von Sittewald" (Anagramm von Willstädt) aus, 
wo er die auf der Burg Gross-Geroldseck bei Zabern versammelten Helden 
Ariovist, Armin, Wittekind u. a. ihren Unwillen und ihren Kummer über 
die Verwälschung Deutschlands aussprechen lässt. „O alte Mannheit! o 
alte deutsche Tapferkeit und Redlichkeit, wo bist du hin geflogen?" 

Moscherosch mochte die Einnistung der Franzosen am Oberrhein 
nicht mit ansehen. Er verliess Strassburg und trat in hessische Dienste. 
1669 ist er in Worms gestorben. 




Fig. 63. Strassbui 



um 1700 nach dem Stich von Johann Adam Seupcl. 
Vor dem Steinstrassenthor. 



7. STRASSBURG ALS KÖNIGLICH FRANZÖSISCHE STADT. 

(1681—1789). 

Massregeln der französischen Verwaltung. — Veränderungen in der Bevölkerung. — Handel und Ver- 
kehr. — Steuern und Lasten. — Universität. — Goethe. — Bauthätigkeit. — Kasernen und Befestigungen. — 
Andere Bauten (das Schloss). — Aeussere Ereignisse. — Kunst und Handwerk. — 
Arnold's Pfingstmontag. 

Die Bürger sollten bald die starke Hand des Eroberers fühlen. Die 
Verfassung von 1482 blieb zwar unverändert bestehen; es war aber das 
eifrigste Bestreben des französischen Königs, aus ihr eine blosse Form zu 
machen, was um so leichter war, als ihr das innere Leben bereits fehlte. 
Das Stadtregiment war wie vor 1332 wieder im Besitz einiger weniger 
Familien, die die Macht in ihrem Interesse ausbeuteten. Daher fand sich 
der königliche Prätor, ein Beamter ohne eigentliche Exekutive, der aber 
eine sehr thätige und einflussreiche Aufsicht über alle Verwaltungszweige 
führte, in seinem Vorgehen gegen die regierenden Herren sehr häufig in 
Uebereinstimmung mit der Menge: sehr eigennützige, gewaltsame Ab- 
sichten konnten auf diese Weise durch Massregeln im Interesse der All- 
gemeinheit gedeckt werden. 

Zwei Bestrebungen waren es naturgemäss, welche die französische 
Politik der Stadt gegenüber bestimmten : die Stärkung des französischen 
Elements und die Förderung der katholischen Kirche ; beides konnte häufig 
durch eine Massregel erreicht werden. Wenn beispielsweise schon 1687 
bestimmt wurde, dass die Hälfte aller Aemter und Rathstellen in der bis 
1681 rein protestantischen Stadt in katholischen Händen sein sollte, so 
musste man nothwendiger Weise Franzosen heranziehen, die vermuthlich 
zum Theil in der Absicht, vorwärts zu kommen, einwanderten. Der fran- 
zösische Bevölkerungstheil verstärkte sich durch eine 10000—12000 Mann 
starke, allerdings theilweise aus deutschen Regimentern bestehende Gar- 
nison und eine zahlreiche Beamtenschaft, da die Hauptbehörden für das 
Elsass, mit Ausnahme des obersten Gerichtshofs, nach Strassburg verlegt 
wurden. Im Domkapitel, einem der vornehmsten der Christenheit, sollten 



126 



Strassburg als königlich französische Stadt. 



von den 24 Stiftsstellen die 8, welche bis dahin von Protestanten inne- 
gehabt wurden, wieder katholisch und zwar mit Grafen und Fürsten fran- 
zösischer Nationalität besetzt werden. So sassen hier bald die Rökan und 
die Tremoille neben den Hohenlohe und Salm. 1701 wurde in einem zu 
diesem Zweck hergerichteten Theile des städtischen Kornspeichers, der 
zwischen dem heutigen Theater und der Statthalterei lag, mit französischen 
Vorstellungen begonnen, die von der Regierung auf jede Weise unter- 
stützt wurden. 

Die protestantische Religionsübung war in der Kapitulation gewähr- 
leistet, nur die Benutzung des Münsters den Katholiken überlassen. Die 
protestantische Münstergemeinde siedelte wie zur Zeit des Interim (1550—1560) 
in die 1870 abgebrannte Kirche des alten Prediger- oder Dominikaner- 
klosters (die sog. Neue Kirche) über, der Brnderhof, der seit langer Zeit 
in den Händen der Protestanten war, wurde 1683 den katholischen Dom- 
herren wieder übergeben. Bald wurden den Katholiken auch die Chöre 
von Alt- und von Jung St. Peter eingeräumt und im Laufe des Jahrhunderts 
einige alte Klosterkirchen wieder eröffnet, so dass 1789 neben den sieben 
protestantischen sieben katholische Pfarreien bestanden. Den Orden wurde 
freier Spielraum gegeben und es siedelten sich gleich nach der franzö- 
sischen Besitzergreifung die Jesuiten und die Kapuziner , später die Jo- 
hanniter und die Franziskaner an. Die 1617 zu Molsheim begründete katho- 
lische Universität wurde 1701 nach Strassburg verlegt. Der Uebertritt 
zum Katholizismus wurde nicht nur durch den Ehrgeiz , sondern auch durch 
positive Massregeln der Regierung befördert, eine Politik, die mit der 
gleichzeitigen Aufhebung des Edikts von Nantes vollkommen übereinstimmt. 

Folgende Zahlen beweisen, in welcher Weise die erstrebte Veränderung 
in den konfessionellen Verhältnissen eingetreten ist. Während sich nach 
Abbe Grandidier 1681 in Strassburg nur zwei katholische Familien befanden, 
zählte man- 1697 5119 Katholiken gegen 21362 Protestanten, 1726 10480 
gegen 24341, 1770 etwa 21800 gegen 21200. Dies gibt eine Gesammtbevöl- 
kerung von ungefähr 43000 Seelen, während 1789 49 948 Einwohner gezählt 
wurden. Dagegen ist die Französirung der Stadt viel weniger gelungen; 
bei der starken Zuwanderung aus dem rechtsrheinischen Deutschland hat 
sich der französisch sprechende Theil der Bevölkerung eigentlich nie über 
ein Fünftel erhoben. 

Doch fügte sich die Stadt leichter unter die neue Herrschaft, als 
man hätte erwarten sollen; denn sie blieb Freistadt und bildete sogar einen 
Theil des sog. Etranger effectif, des ^tatsächlichen Auslandes und war 
demgemäss nicht in die französischen Zollschranken einbezogen. Daher 
brauchten die alten Handelsbeziehungen nicht abgebrochen zu werden, und 
die Unmöglichkeit, unter dem Szepter der straffgeordneten Monarchie 
Ludwigs XIV. eigene Politik, wie zu Zeiten des hl. römischen Reichs deutscher 
Nation zu treiben, wurde vielleicht als eine Erleichterung, jedenfalls aber 
nicht hart empfunden. Der Handel hat sich bei den stabileren Verhält- 
nissen des französischen Reichs und in Folge der Sorgfalt, die die neue 
Regierung aus fiskalischem Interesse dem Strassenbau zuwendete, sogar 



Strassburg als königlich französische Stadt. 



127 



beträchtlich gehoben; ja die alte Strassburger Rheinschifffahrt kam vorüber- 
gehend zu neuem Flor, alles Gründe, dem Bürger, der in dieser nationalen 
Regungen viel weniger zugänglichen Zeit im persönlichen Wohlbehagen 
seine volle Befriedigung fand, die neue Herrschaft angenehm zu machen. 

In der ersten Zeit waren auch die Leistungen, welche der Staat der 
Stadt auferlegte, noch sehr erträglich; sie sind durchschnittlich auf etwas 
über 80000 Franken fürs Jahr berechnet. Bis zum Jahre 1781 hatten sie sich 
aber verfünffacht, während die Bevölkerung sich etwa verdoppelt hatte. 
Man hat berechnet, dass Strassburg von 1682 bis 1790 für den französischen 
Staat etwa 57 Millionen Franken aufgebracht hat, da eine Auflage nach 
der anderen trotz der entgegen- 
stehenden Bestimmungen der Kapi- 
tulation eingeführt wurde. Darunter 
waren 11 Millionen für militärische 
Bauten, 6 für Befestigungen und 
noch einmal 1 1 für die Wohnungen 
der hohen Beamten und Offiziere. 
Aber auch diese Lasten scheinen 
die Bürger nicht allzusehr gedrückt 
zu haben. 

Die Bedeutung Strassburgs 
sprach sich im achtzehnten Jahr- 
hundert in erster Linie in seiner 
protestantischen deutschenUniver- 
sität aus, der die katholische Aka- 
demie keinen Abbruch zu thun ver- 
mochte. Vorzüglich auf dem Gebiete 
der Geschichte und der klassischen 
und deutschen Philologie finden wir 
Namen ersten Ranges, wie den 
Sachsen Joh. Schilter, der 1686 
nach Strassburg berufen wurde, 

Joh. Georg Sehers, Jeremias Oberlin, Joh. Schweighäuser und namentlich 
Joh. Daniel Schöpflin, auf den in allen die elsässische Geschichte be- 
treffenden Fragen noch immer zurückgegangen werden muss. Auf dem 
Gebiete der Naturwissenschaften und der Medizin treten der Chemiker 
Spielmann, der Anatom Lobstein, der Kliniker Ehrmann und der Zoologe 
Hermann hervor. Solche Namen zogen die deutsche Jugend in Schaaren 
herbei, darunter auch viele Adlige, die sich hier die damalige Weltsprache, 
das Französische, aneignen wollten. 

Der berühmteste Strassburger Student ist aber Goethe, der hier in 
einem Kreise hervorragender Geister, wie Herder, Jung-Stilling, Leng, 
H L. Wagner u. s. w., zwei seiner fruchtbarsten Jugendjahre verlebt hat 
(1770—1771). Durch seine Schilderung in „Dichtung und Wahrheit" sind 
wir Deutschen, trotz der politischen Trennung, mit Strassburg und dem 
Elsass stets vertraut geblieben. Hier lernte er sich im Studium des Münster- 




Fig. 64. Das Goethe-Medaillon am Goethehaus, 
Alter Fischmarkt 36. 



128 



Strassburg als königlich französische Stadt. 



baus für „deutsche Art und Kunst" begeistern, hier spielte jenes Liebes- 
verhältniss mit Friederike Brion von Sesenheim, dem wir die wunder- 
vollsten Lieder verdanken. Goethe's Wohnung am alten Fischmarkt l ) ist 
seit einigen Jahren mit einem von Walther Eberbach modellirten Medaillon 
geschmückt (Fig. 61 und 62). 

Charakteristisch 
für das vorige Jahr- 
hundert ist nun, dass 
neben jenem ausge- 
sprochen deutschen 
Element ein ebenso 
entschieden französi- 
sches thätig war, das 
sich mit jenem so 
wenig vermischte, wie 
Oel mit Wasser. Auf 
dieses geht fast die 
gesammte Bauthätig- 
keit zurück. In erster 
Linie sind die mili- 
tärischen Bauten zu 

nennen, vor Allem 
eine Reihe recht hass- 
licher Kasernen, 
sämmtlich am Rande 

der Stadt gelegen. 
Von ihnen ist die rie- 
sige Finkmattkaserne 
am heutigen Drei- 
zehnergraben ge- 
fallen, andere, wie die 

Kagenecker- und 
[ Fischerthorkaserne 
dem Abbruch geweiht. 
Dazu kommen das 
Militärlasareth , 
1692/93 erbaut und 1731 
vergrössert, das Giess- 

haus (1703—1711), das Gouvernement, jetzt Landgericht (1725—1731), die 
Anbette (1765—1767) [u. A. Sodann sind die Befestigungen Vaubans zu 
nennen, die, wenn auch der praktische Zweck sich nirgends verleugnet, 
doch nicht einer gewissen knappen Eleganz entbehren. Wie schon erzählt, 
begann der berühmte Festungsbaumeister sein Werk unmittelbar nach der 
Uebergabe und steckte zwischen dem Rhein und der Stadt den Platz zu 




Fig. 65. Das Goethehaus am alten Fischmarkt 36. 



a ) Die Auffindung- des richtigen Goethehauses verdanken wir, wie die Lösung einer ganzen Reihe 
lokalhistorischer Fragen, Prof. JOHANNES FROITZHEIM, dem besten Kenner des Strassburgs jener Zeit. 



StrassburCx als königlich französische Stadt. 



129 



einer Citadelle aus. Am 23. Oktober 1681 besichtigte Ludwig XIV., nachdem 
er die in der Stadt vorgefundenen 264 Kanonen und 17 Mörser, den Stolz 
Strassburgs, in Augenschein und in Besitz genommen hatte, um sie nach 
ßreisach und Paris bringen zu lassen, das in Aussicht genommene Terrain, 
und genehmigte Vauban's Plan, der sofort in Angriff genommen wurde. 
Es wurde eine Citadelle in Gestalt eines Fünfecks nach Vauban's sog. 
erstem System angelegt ; die Ostseite wurde durch ein Hornwerk verstärkt, 
das linke Ufer des Kleinen Rheins mit drei Ltinetten besetzt. Die beiden 
nach Westen zu liegenden Bastione der Citadelle wurden mit Kavalieren 
versehen, um die Stadt zu beherrschen, die Citadelle selbst durch die auf 
Fig. 71 ersichtlichen Fronten 1—2 und 16—17 an die Stadtbefestigung 
angeschlossen, durch Beseitigung der beiden östlichen Fronten der letzteren 
die Esplanade geschaffen. Sodann schnitt Vauban die Bastione Lugins- 
land (7) und Roseneck (12) von der übrigen Enceinte durch Gräben ab, 
schloss sie in der Kehle durch Mauern und gewann so das Fort blanc und 
das Fort de pierre, die ebenfalls dazu dienen sollten, die Bevölkerung in 
Schach zu halten. Etwas später wurden vor sämmtliche Fronten, die noch 
keine Raveline hatten, solche gelegt, das Steinthorravelin (50) erhielt eine 
Kontregarde (51), und die Nordseite der Citadelle ward durch ein Hornwerk 
gesichert. 1681 wurde auch auf der Stelle des damals am Rhein liegenden 
Dorfes Kehl, dessen Bewohner sich weiter landeinwärts an der Stelle des 
jetzigen Dorfes hatten ansiedeln müssen, eine Veste angelegt. 1697 kam 
dieselbe wieder an das Reich, wurde aber 1702 schon wieder von Villars 
besetzt, der zugleich anstatt der zerstörten alten eine Schanze nahe jenseits 
des Kleinen Rheins und eine andere auf dem „langen Grund", einer jetzt nicht 
mehr vorhandenen Rheininsel, „die Neue Schanz" anlegen liess. 1714 wurden 
diese Schanzen geschleift, Kehl wieder an's Reich abgetreten, bei dem es 
nach einer kurzen Unterbrechung von 1733—1737 auch verblieben ist. 1686 
wurde oberhalb der gedeckten Brücken die gewaltige Schleuse über die III 
gelegt, jedoch ohne das bombensichere Kasernement, wodurch sie erst 1865/66 
geschützt worden ist ; sie ruhte auf vierzehn starken Pfeilern und hatte zwölf 
Oeffnungen, die mit Ausnahme von einer, die tagsüber geöffnet war, stets 
geschlossen gehalten wurden. Hier konnte der Fluss vollkommen gesperrt und 
dadurch die Südseite der Festung unter Wasser gesetzt werden. Vorgeschobene 
Retranchements stellte Vauban südlich der Stadt hinter dem Rebberger Gra- 
ben und nördlich in der Verlängerung der Front H— 12 um den Contades 
her. — Vor die Vauban'schen Werke wurde seit 1720 eine Fülle von 
Werken gehäuft, deren Zahl nicht im Verhältniss zu ihrem Nutzen stand. 
Zu nennen sind etwa die Redoute, später Lünette 37 (auf unserm Kärtchen 
Pastete genannt) , die Hornwfrke 40—42 und 47—49 und die Ltinetten 52, 53 
und 54, welche 1720—1726 unter Leitung des späteren Generals Cormon- 
taigne, des Vollenders des Vauban'schen Systems, gebaut wurden. In den 
folgenden 150 Jahren ist sehr wenig für die Befestigung geschehen, so dass 
die deutschen Truppen 1870 im Wesentlichen nur Vaubans Werke vorfanden. 

Eine andere Gruppe von Bauten hängt mit der Wiederherstellung 
des Katholizismus in der Stadt zusammen. Verschiedene Orden bauten sich 

9 



130 



Strassburg als königlich französische Stadt. 



an, auswärtige Klöster wie Andlau, Maursmünster , Neuweiler errichteten 
sich stattliche Absteigequartiere, der Bischof und der Domdechant schufen 
sich würdige Wohnungen. Schliesslich entstanden auch einige fürstliche 
und gräfliche Paläste. Erst jetzt, nach dem Ausbau des Breusckkanals 
durch Vauban (1682), der die Herbeischaffung der prächtigen Vogesen- 
sandsteine aus dem Kronthal erleichterte, scheint der massive Bau über die 
Holzarchitektur, der wir aus dem siebzehnten Jahrhundert noch sehr 
hübsche Anlagen verdanken, auch im Privatbau den Sieg davongetragen 
zu haben. 




Fig. 66. Hof des ehemaligen Gasthofs zum Raben (Schiffleutstaden 1). 



Von jenen Bauten, die einem Theile des heutigen Strassburg die 
Physiognomie geben, fallen besonders in's Auge das Rathhaus, 1731 ff. als 
Darmstädter Hof erbaut, das Generalkommando (1754/5), früher Zwei- 
brücker Hof und als solcher das Geburtshaus König Ludwig L von Bayern, 
das statthalterliche Palais, von einem der beiden Prätoren Klinglin (1730 
bis 1736) erbaut, dann das Gouvernement (um 1725) und das jetzige Land- 
gericht (1725—1731) in der Blauwolkengasse. In der Nähe des Münsters 
verdanken das Lyceum, 1683/5 erbaut und 1756/7 erneuert, das katholische 
Gymnasium (1701), das jetzige bischöfliche Palais, früher Hof des Dom- 
dechanten (1737), dieser Zeit ihre Entstehung. Das alte 1392 erbaute Spital 
(Fig. 68) brannte 1716 ab und wurde 1718—1724 durch den Baumeister 



Strassbürg als königlich französische Stadt. 



131 



Mollinger wieder aufgebaut. An Stelle des ehemaligen Barfiisserklosters 
am Kleberplats (Fig. 41) baute der Pariser Baumeister Blondel 1765/67 die 
Aubette, wörtlich Wachtstube — die Hauptwache ist heute noch in dem 
sonst dem städtischen Konservatorium eingeräumten Gebäude. Dieser 
Blondel wäre beinahe für Strassburg verhängnissvoll geworden durch 
einen Baufluchtenplan, der, um Raum für die sich immer vermehrende 
Einwohnerschaft zu gewinnen, die Strassen verengern wollte, wie aus den 
heute weit vorstehenden Häusern Kleberplatz 27, Gewerbslauben 29, Alter 
Kornmarkt 12, die auch in der Fassade einander ähnlich sind, ersichtlich 
ist. Glücklicher Weise ist von diesem Bauplan bald abgegangen worden. — 
Die schönste Schöpfung, eine der besten Leistungen der Rococco-Architektur 
überhaupt, ist das frühere bischöf- 
liche Schloss , welches der Fürst- 
bischof Armand Gaston Maximilian 
Prins von Rohan-Soubise durch den 
Architekten Massol 1728—1741 er- 
bauen Hess. Merkwürdiger Weise ist 
noch nicht klargestellt, von wem die 
Pläne zu dem Gebäude herrühren; 
dass sie aber nicht von Massol sind, 
beweisen die andern wenig Geist 
verrathenden Bauten desselben Bau- 
meisters, namentlich der Bruderhof 
hinter dem Münster, der in seiner 
erdrückenden Schwerfälligkeit einem 
ganzen Viertel Licht und Luft nimmt. 
1790 wurde das Schloss von der Stadt 
erworben, beherbergte in der Folge 
Napoleon L, Kaiserin Josephine, 
Karl X., Ludwig Philipp und 1870 
noch Mac Mahon , wurde 1872 von 
der Stadt für Universitätszwecke ein- 
geräumt und von 1872—1884 von der 
philosophischen Fakultät der Kaiser- 
Wilhelms-Universität und der Landesbibliothek benutzt, welche dasselbe 
noch so lange innehaben wird, bis sie 1895 ihr neues Haus am Kaiserplatz 
beziehen kann. Dann wird es seiner neuen Bestimmung als Kunst- und 
Kunstgewerbemuseum übergeben werden. 

An äusseren Ereignissen ist dieses Jahrhundert arm, eine Armuth, 
die den Strassburgern nicht unangenehm gewesen sein wird; denn sie 
bedeutete Ruhe und Friede. Mit Genugthuung konnte der Geschichts- 
schreiber des Strassburger Bisthums, Abbe Grandidier, im Jahre 1782 mit 
Bezug auf die 1681 geschlagene Medaille mit der Umschrift: Adserta urbis 
tranquillitete (Nach Sicherung der Ruhe der Stadt) feststellen, diese Prophe- 
zeihung sei nicht falsch gewesen; denn seit hundert Jahren habe die Stadt 
unter den glücklichen Regierungen von Ludwig XIV., XV. und XVI. nicht 

9* 




Fig. 67, Rabenhof. Andere Ansicht (jetziger 
Zustand) gez. von H. Nestel. 



132 



Strassburg als königlich französische Stadt. 



aufgehört, eine vollkommene und gleichmässige Ruhe zu geniessen. Unter- 
brochen wurde diese Ruhe nur durch glanzvolle Feste, durch deren Pomp 
die Regierung die Herrlichkeit des französischen Königthums den Strass- 
burgern zu Gemüthe führen wollte. 1725 fand die Vermählung der Prin- 
zessin Maria Lescsynska, die seit Jahren in Strassburg, in dem nunmehr 
abgebrochenen Drachenschlosse, gelebt hatte, mit Ludwig XV. statt, der 
durch den ersten Prinzen von Geblüt, Ludwig von Orleans, vertreten war. 
* 1744 wurde Ludwig XV. mit gewaltigem Prunk in Strassburg empfangen 
und als Befreier des Landes von feindlicher Heeresmacht begrüsst, obwohl 
die östreichischen Panduren schon Monate vorher abgezogen waren. Grosse 
Kupferwerke verewigten die glanzvollen, ausserordentlich kostspieligen 
Veranstaltungen der Stadt zu Ehren eines Königs, der dieselben weniger 
als irgend einer verdient hatte. 1770 endlich betrat die vierzehnjährige 
Marie Antoinette zuerst in Strassburg den französischen Boden, auf dem 
sie so viel Schreckliches erleben sollte. Goethe hat in „Dichtung und 
Wahrheit" die bei dieser Gelegenheit veranstalteten Festlichkeiten genau 
geschildert. Von vorübergehenden Besuchern mögen zwei genannt sein, 
Friedrich der Grosse und Voltaire. Jener kam, voll Begierde, französisches 
Wesen aus eigener Anschauung kennen zu lernen, 1740 unter dem Namen 
eines Grafen Dufour nach Strassburg und stieg für einige Tage im Gasthaus 
zum Raben, der damaligen Fürstenherberge Strassburgs, ab (Fig. 66, 67); 
dieser wohnte mehrere Monate des Jahres 1753 in einem sehr bescheidenen 
bäuerlichen Anwesen links der heutigen Tivolistrasse vor dem Schiltig- 
heimer Thor. 

Kunst und Handwerk hatten sich seit 1681 wieder etwas gehoben; 
einzelne glänzende Namen treten bedeutend hervor, so auf dem Gebiet der 
Malerei Johann Urban Guerin, als Kupferstecher sein Bruder Christoph 
Guerin und Johann Striedbeck. Einen europäischen Ruf hatte vorüber- 
gehend die Porzellanfabrikation der Familie Hannong. Karl Frans Hannong 
aus Maestricht kam um 1710 als Pfeifenfabrikant nach Strassburg, verband 
sich 1721 mit Joh. Heinrich Wackenfeld , vermuthlich einem ehemaligen 
Arbeiter der Meissener Fabrik, zur Porzellanherstellung und starb 1739. 
Seine Söhne Paul Anton und Balthasar setzten das Geschäft fort, konnten 
sich aber gegen den von der französischen Regierung zu Gunsten der 1738 
zu Vincennes errichteten und 1755 nach Sevres verlegten Manufaktur aus- 
geübten Druck nicht halten. Paul Anton siedelte nach Frankenthal über, 
während sein Sohn Joseph Adam in Strassburg verblieb, 1780 aber auch die 
Fabrikation einstellen musste. Einen berühmten Namen erwarb sich der einer 
sächsischen Familie entstammende Johann Andreas Silbermann als Orgel- 
bauer — sein berühmtestes Werk ist die Münsterorgel ; er ist ausserdem durch 
seine Lokalgeschichte der Stadt Strassburg bekannt, in der er nüchtern und 
gewissenhaft sehr werthvolles Material zusammenstellte. Ein hervorragen- 
des Kunstwerk erhielt Strassburg im Jahre 1777 durch das Grabmal des 
Marschalls Morits von Sachsen in der Thomaskirche , das Hauptwerk des 
berühmten französischen Bildhauers Jean Baptiste Pigalle (1714—1785), 
zwar nicht ohne die Mängel der Zeit, aber lebensvoll und dramatisch bewegt. 



Strassburg als königlich französische Stadt. 



133 



Schliesslich mag auch noch erwähnt sein, dass die Strassburger 
Gänseleberpastete durch Jean Pierre Clause, den Koch des Marschalls 
Contades, der von 1762—1788 Gouverneur des Elsass war, erfunden wurde. 
Nach seines Herrn Tode Hess Clause sich in Strassburg selbständig nieder 
und machte seine Erfindung zum Gemeingut. 

In mancher Beziehung hatten die Strassburger guten Grund, die 
hundertste Wiederkehr des Tages, der sie dem französischen Staate ein^ 
verleibt hatte, mit Begeisterung zu feiern. Wie wenig sie aber daran 
dachten, Franzosen zu werden, wird aus dem Widerstand klar, den sie 
den französirenden Bestrebungen der Revolution entgegensetzten. Den 
klarsten Spiegel des echt deutschen Geistes, der in der angesessenen 
Bürgerschaft noch lebte, finden wir in einem poetischen Werke, das Goethe 
nicht blos seiner Beachtung, sondern seines höchsten Lobes würdigte, mag 
hierbei auch die Erinnerung an seine herrlichen Strassburger Jugendjahre 
mitgesprochen haben; es ist der 1816 erschienene „Pfingstmondaa" des 
Strassburger Professors Arnold , der in diesem Drama einer Zeit, die er 
jedenfalls für vollkommen abgeschlossen hielt, ein liebevolles Denkmal 
gesetzt hat. 




Fig. 68. Spitalthor und Spital (1576) nach Specklin'schen Skizzen gez. von A. Seyboth, cop. von Rühl. 



134 Strassburg als Departementshauptstadt. 

8. STRASSBURG ALS DEPARTEMENTSHAUPTSTADT. 

(1789-1870.) 

Die französische Revolution. — Friedrich v. Dietrich. — Eulogius Schneider. — Napoleon I. — Lczai- 
Marn€sia. — Die Befreiungskriege. — Verschiedene Stimmungen. — Litteratur und Kunst. — Verkehr. — 
Bevölkerung. — Bauten. — Napoleon III. — Befestigungen. — Belagerung und Einnahme. 

Die französische Revolution brach aus. Strassburg wurde mit hinein- 
gezogen, obwohl die Gründe, die sie in Paris und im ganzen übrigen Frank- 
reich hervorriefen, für 
die Stadt nicht vor- 
lagen. Die ständische 
Gliederung, dieSteuer- 
verhältnisse waren 
völlig verschieden. 
Unzufriedenheit über 

die verknöcherte 
Stadtverwaltung gab 
es ja genug in den 
untern Bevölkerungs- 
klassen, und schlechte 
Elemente, die jeglicher 
Unruhe geneigt sind, 
um im Trüben fischen 
zu können, gibt es 
überall; einer Auf- 
regung derselben, wie 
man sie in Strassburg 
von Seiten der Erben 
des Prätors Klinglin 
vermuthete, bedurfte 
es gar nicht. 

Ueber hundert 
Jahre war Strassburg 
mit dem französischen 
Reiche vereinigt; jetzt 
erst, in den versam- 
melten Reichsständen von 1789 kam es zum Bewusstsein der Zusammen- 
gehörigkeit mit der französischen Nation. Es ist lehrreich, dass es das 
Hauptbestreben der strassburgischen und der elsässischen Vertreter über- 
haupt war, sich die Stellung des „Etranger effcctif" zu wahren. Die 
anderen Forderungen der Stände mochten ihnen mehr oder minder sym- 
pathisch sein; in erster Linie stand ihnen ihre Sonderstellung. Die Ereig- 
nisse eilten über diese Bestrebungen hinweg. Am 14. Juli war der Bastillen- 
sturm in Paris, eine gleiche Bewegung vollzog sich in Strassburg, wie 
in fast allen Städten Frankreichs, am 21. Juli, ein Spiegelbild der Pariser. 
Das Rathhaus (jetzt Hotel du Commerce), die sog. Pfalz (Fig. 51), am 
Gutenbergplatz wurde erstürmt, grosse Massen von Akten vernichtet, und 




Fig. 69. Ansicht vom Spitalthor aus. (Im Vordergrund das Kaufhaus.) 



Strassburg als Departementshauptstadt. 



135 



die Garnison sah Gewehr bei Fuss zu. Die Jahrhunderte alte Stadtver- 
fassung ward mit einem Schlage hinweggefegt. Einige Tage vorher war 
der bedeutendste Vertreter der neuen Ideen im Elsass, Friedrich von 
Dietrich, ein Urenkel des schwergeprüften Ammeisters Dominikus Dietrich, 
der die Kapitulation von 1681 unterzeichnet hatte, von Paris wieder in 
Strassburg angelangt. Er war ganz von den Ideen der Revolution durch- 
drungen, ein feuriger Patriot und ein edeldenkender Mensch. Auf ihn fiel 
die Wahl, als nach den neuen Gemeindegesetzen für Strassburg ein Maire 
erkoren werden musste. In seinem gastfreien Hause am Broglieplatz (jetzt 
Nr. 4), in dem sich um seine geistreiche, einem alten Basler Patrizier- 
geschlechte entsprossene Gemahlin eine vielseitig angeregte Gesellschaft 
versammelte, trug ein junger Artillerieoffizier, Ronget de VIsle, zum ersten 
Male die Marseillaise vor, die von hier aus ihren Weg um die Erde antrat. 

Es ist bekannt, wie die Bestrebungen der französischen Revolution 
immer radikaler wurden ; die Provinzen folgten darin getreulich der Haupt- 
stadt, die einen in schnellerem, die anderen in langsamerem Tempo. Auch 
die Hauptstadt des Departements Nieder-Rhein machte mit, obwohl hier 
die Elemente, die den tollsten Unfug trieben, erst importirt werden mussten. 
Bald schien Dietrich schon viel zu gemässigt; die Jakobiner, die auch hier 
einen Club — auf dem Spiegel, Langestrasse 144, — gegründet hatten und 
bald die Stadt terrorisirten, wussten ihn zu verdächtigen. Er wurde in 
Anklagezustand versetzt; nach langem Umherirren und qualvollen Ge- 
richtsformalitäten ist er am 29. Dezember 1793 auf dem Schaffot zu Paris 
gestorben. 

Unter den aus Deutschland eingewanderten Jakobinern trat zu der- 
selben Zeit Eulogius Schneider, ein katholischer Ordensgeistlicher aus Würz- 
burg, zuletzt Professor an der kurfürstlich kölnischen Universität zu Bonn, 
hervor. 1792 war er Münstervikar geworden und spielte jetzt in Strassburg 
den öffentlichen Ankläger; doch trat er im Vergleich mit den Wütherichen 
in anderen Städten sehr zahm auf. Da trat ihm der französische Theil der 
Jakobiner entgegen, an ihrer Spitze der neue Maire Monet, ein Savoyarde. 
Diesem war es klar geworden, dass, was sich gegen die radikale Mordlust 
und den nivellirenden Wahnwitz auflehnte, hauptsächlich das germanische 
Element war, und das musste getroffen werden. So erhob sich denn gerade, 
als sich der einer Strassburger Familie entstammende österreichische Feld- 
marschall v. Wurmser Strassburg von Norden her näherte, gegen Schneider 
eine immer lebhafter werdende Opposition. Die Konventskommissare Lebas 
und St. Just kamen nach Strassburg, um nach dem Rechten zu sehen; ein 
lächerlicher Vorwand — Schneider hatte sich verheirathet und schaffte 
seinen Hausrath auf einem sechsspännigen Wagen nach Strassburg, was 
angeblich ein Verstoss gegen die republikanische Sitteneinfalt war — brachte 
den Unglücklichen zunächst an den Pranger in Strassburg, am 1. April 1794 
auf die Guillotine in Paris. 

Das neue Revolutionstribunal bestand fast nur aus Franzosen und 
wüthete in der hinreichend bekannten Weise ; der Maire Monet erwog die 
wunderlichsten und durchgreifendsten Pläne, unter Anderem eine Massen- 



136 



STR ASSBURG ALS DEPARTEMENTSHAUPTSTADT. 



Verpflanzung der Elsässer ins Innere Frankreichs, um sie von ihrer „ein- 
gewurzelten Abneigung" gegen die Franzosen zu heilen. Aber glücklicher 
Weise war auch damals dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel 
wuchsen. Der Sturz Robespierre's beendigte auch die Herrschaft Monet's. 
Die Strassburger begrüssten das Aufsteigen Bonaparte's mit Freuden und 
jetzt beginnt die Periode, in der sich ein grosser Theil der Elsässer von 
der Nothwendigkeit einer Verschmelzung mit den Franzosen überzeugte. 
Den Ruhm, den die französischen Heere auf allen Schlachtfeldern Europas 
errangen, theilten auch sie: Kleber war einer der glänzendsten Feldherrn 
des ersten Konsuls. Jetzt begann Strassburg unter gesicherteren Verhält- 
nissen sich auch der Vortheile, die ihm die Revolution gebracht hatte, be- 
wusst zu werden. Ein Handelsgebiet, grösser als das durch die neue Zoll- 
grenze am Rhein verlorene, that sich ihm auf, die Gleichberechtigung der 
Religionen eröffnete dem Ehrgeiz der Protestanten auch in Frankreich ein 
weites Feld, die in der Revolution zerfallene alte Universität wurde durch 
Napoleon I. 1808, freilich nach französischem Muster, wieder hergestellt, 
indem eine Reihe getrennter Fakultäten begründet wurde, die es niemals 
zu dem reichen wissenschaftlichen Leben der alten Universität gebracht 
haben. Die vorzügliche Verwaltung des Marquis von Lezai-Marnesia, der 
von 1809—1813 Präfekt des Departements Nieder-Rhein war, trug erheblich 
dazu bei, die Strassburger immer mehr in das französische Staatswesen 
hinein zu gewöhnen. 

So kam es, dass, als 1814 und 1815 die verbündeten Heere im Elsass 
eindrangen, sich keine Stimme zu Gunsten des Anschlusses an das alte 
Mutterland hören Hess : die Zersplitterung des deutschen Wesens erstickte 
die etwa aufsteigenden Wünsche. 

„Wir sähen uns der Mutterbrust entlaufen; 
Um Trost (vielleicht von früher Reu' gequält) 
Bei vierunddreissig Ländern zu erkaufen," 

sang bald danach ein elsässischer Dichter. Die spezifisch österreichische j 
undeutsche Politik des Fürsten Metternich sorgte dafür, dass die Wieder- 
gewinnung der alten Reichsgebiete nur in den Gedichten einzelner rechts- 
rheinischer Patrioten zur Sprache kam. 

Zwei Menschenalter konnte der französische Geist noch ausnützen, 
sich in den Gemüthern der Strassburger immer mehr zu befestigen, und 
wenn trotz alledem bis zum Kriege 1870/71 die Sehnsucht nach Vereinigung 
mit dem Mutterlande sich in den Gedanken der besten Männer der Stadt 
erhielt, so haben wir das der Zähigkeit zu danken, die die allemannische 
Bevölkerung des Landes auch hier bewährte. Andere mühten sich ab, 
„deutschen Geist und französisches Herz" zu vereinigen und hätten daraus 
am liebsten eine eigene elsässische Nationalität konstruirt. So singt Ehren- 
fried Stob er : 

„Meine Leier ist deutsch, sie klinget von deutschen Gesängen; 
Liebend den gallischen Hahn, treu ist französisch mein Schwert. 
Mag es über den Rhein und über den Wasgau erklingen: 
„Elsass heisset mein Land; Elsass, Dir pochet mein Herz." u 



Strassburg als Departementshauptstadt. 



137 



Noch andere kamen zu der entsagungsvollen Ansicht, dass man eine 
Generation opfern müsse, um durch sie den Uebergang in das volle 
Franzosenthum zu erreichen. 

Dieser geistige Zwiespalt bewirkte eine Stockung auf dem Gebiete 
der Litteratur und Kunst. Es gab Elsässer, die Künstler und Schriftsteller 
waren, aber sie wirkten nicht auf elsässischem Boden und nicht in elsässi- 
schem Geiste; sie waren meist resolut Franzosen geworden, einige wenige 
hatten sich auch wohl nach Deutschland gewandt. Sehr ansprechend waren 
die Leistungen einer Schaar elsässischer Dichter, die, wie Ehrenfried Stöber 
und seine Söhne August und Adolf, Gustav Mühl und Karl [Candidus, 
trotz verschiedener politischer Stellung das Banner des deutschen Geistes 
im Anschluss an die schwäbische Dichterschule hoch hielten. Die Wissen- 
schaft wies keine hervorragenden Leistungen auf ausser auf dem Gebiete 




Fig. 70. Die Eisenbahnbrücke und die Schiffbrücke über den Rhein. 

der protestantischen Theologie, wo Eduard Reuss der Lehrer von mehreren 
Generationen von Geistlichen geworden ist. 

Die Jahrzehnte nach den Befreiungskriegen brachten in das Leben 
der Stadt keine besondere Abwechselung, die Regierungsveränderungen 
gingen an ihr fast spurlos vorüber. Sie entwickelte sich wie andere Städte 
gleicher Grösse in dem Zeitalter der aufkommenden Eisenbahnen und 
Telegraphen. 1841 wurde die Eisenbahnlinie Strassburg— Basel, eine der 
ersten in Frankreich eröffnet; daran schlössen sich 1851 die Strecke Strass- 
burg— Saarburg, 1855 Strassburg— Weissenburg, 1861 Strassburg— Kehl, für 
welche Linie 1858—1861 eine eiserne Brücke (Fig. 70) über den Rhein ge- 
baut worden war, 1864 endlich Strassburg— Barr. 1798 wurde Strassburg 
mit Paris durch optische Telegraphen verbunden. Die Strassburger Station 
befand sich auf der Vierungskuppel des Münsters, die damals etwas 
niedriger war als heute. Von hier aus sollen die wunderbaren Bewegungen 
des Balkengestells die Depeschen nach Paris, die vierundvierzig Stationen 
zu passiren hatten, in 5 Minuten 52 Sekunden befördert haben. Diese Linie 
blieb bis 1852 in Thätigkeit, während die beiden andern Linien Strassburg— 



138 



Strassburg als Departementshauptstadt. 



Basel (1799 errichtet) und Strassburg— Mainz (1800 errichtet) nur kurze 
Zeit bestanden haben. Der erste elektrische Telegraph ist in Strassburg 
1852 eingerichtet worden und zwar auf der Strecke nach Paris. — Während 
die Rheinschifffahrt, auch nachdem der Dampfbetrieb 1832 eingeführt war, 
bei den Schwierigkeiten der Wasserstrasse sich dem Wettbewerb der 
Eisenbahnen gegenüber nicht halten konnte, bekam Strassburgs Schifffahrt 
eine neue Wichtigkeit durch die neuerbauten Kanäle, die auch politisch 
nicht ohne Bedeutung waren, da sie das Elsass an die französischen Strom- 
systeme anschlössen in dem Zeitpunkt, wo der Rhein aufhörte ein Ver- 
bindungsglied mit Deutschland zu sein. 1834 konnte der südlich der Stadt 
von der III abzweigende Rhein-Rhone-Kanal nach mehr als vierzigjährigen 
Anstrengungen dem Verkehr übergeben werden. 1853 wurde der Rhein- 
Marne -Kanal, der in bewunderungswürdigen Kunstbauten die Vogesen 
durchschneidet, in seiner ganzen Länge von Strassburg nach Vitry-le-Francais 
an der Marne eröffnet. Seine besondere Wichtigkeit für Strassburg erhielt 
er durch die 1866 erfolgte Fertigstellung des Saarkohlenkanals , der von 
ihm im Weiher von Gondrexange bei Saarburg i. L. abzweigt. — Auch die 
Landstrassen erfreuten sich der eifrigen Fürsorge der Regierung. 

So nahm die Bevölkerung stetig zu. Man zählte 1812 54454, 1836 58441, 
1851 68162, 1866 75784 und schliesslich 1871 78130 Einwohner. Gebaut wurde 
in dieser Periode nicht viel, und was gebaut wurde, war nüchtern, zweck- 
entsprechend, ohne Schmuck. Eine Ausnahme macht das Theater am Broglie- 
platz (1804—1821), dessen Fassade einen recht stattlichen Eindruck macht, 
dessen Rückseite jedoch durch einen unter dem Zwange der Feuersgefahr 
entstandenen Anbau erweitert worden ist, der sich dem Plan des Ganzen 
nicht organisch einfügt. Sonst sind etwa noch das alte Schlachthans (1827/29), 
der alte Bahnhof, der jetzt in eine Markthalle umgewandelt ist, die Tabak- 
manufaktur, der ein ganzes Häuserviertel der Krutenau zum Opfer fiel, die 
beiden letzteren 1845 gebaut, schliesslich die Ecole de Service de sante 
Militaire (1862) am Münster, heute Hauptpostamt, zu erwähnen. 

Einmal noch kam Strassburg in aller Mund durch den Versuch des 
damals achtundzwanzigj ährigen Prinzen Ludwig Bonaparte, von Strassburg 
aus den Kaiserthron zu gewinnen. Am 28. Oktober 1836 langte er von 
Baden-Baden in Strassburg an und stieg in der Waisengasse 23 (heute noch 
ancien numero 4 bezeichnet) ab. Am 30. geleiteten ihn die Offiziere des 
am Metzgerthor liegenden Artillerie-Regiments, mit denen er sich im Ein- 
verständniss befand, durch die Stadt nach der zweiten grossen Kaserne 
auf dem Finkmatthornwerk, wo sich heute die Neue Jung-St. Peter-Kirche 
erhebt. Der dortige Oberkommandirende war aber anderer Meinung; er 
Hess ohne Weiteres den Prätendenten und seine Begleiter verhaften. Die 
Regierung Hess den Prinzen, der ein halbes Menschenalter später sein Ziel 
doch erreichen sollte, nach Amerika bringen. Die Elsässer begrüssten das 
zweite Kaiserreich mit Sympathie; ihre besten französischen Erinnerungen 
knüpften sich ja an den ersten Napoleon, und der Neffe war mit Erfolg be- 
müht, das Gedeihen von Handel und Wandel zu befördern. Doch muss 
das Windbeutelhafte der neuen Verwaltung, die unsittlichen Mittel, mit 



Strassburg als Departementshauptstadt. 



139 



denen sie arbeitete, ihnen missfallen haben; denn beim Plebiseit von 1870 
lieferte das Land und die Stadt Strassburg eine erhebliche Menge ab- 
lehnender Stimmen. 




Der Krieg, der die wankende Herrschaft des Kaisers neu befestigen 
sollte, brach aus, und ehe die Strassburger recht zur Besinnung gekommen 
waren, sahen sie ihre Stadt am 13. August 1870 von badischen und preussi- 
schen Truppen unter dem General v. Werder eingeschlossen. Auch darin 
zeigte sich die Sorglosigkeit der kaiserlichen Regierung, dass die Stadt 
durchaus nicht neuen Anforderungen entsprechend befestigt war; sie war 



140 



Strassburg als Departementshauptstadt. 



im Wesentlichen nur durch die im siebzehnten Jahrhundert errichteten 
Bastione und die Befestigungen Vauban's geschützt, vor dessen Namen 
man eine solche Verehrung hegte , dass man an seinen Werken etwas zu 
ändern oder ihnen etwas hinzuzufügen kaum wagte, ja, dass man bei ge- 
planten neuen Anlagen womöglich auf Ideen Vauban's zurückgrifif. Man 
war allerdings niemals ganz unthätig. So setzte man an den Südfronten 
eine freistehende krenelierte Mauer mit Rondengang auf das anliegende 
Rev£tement, dasselbe geschah an den Courtinen der Westfronten ; dadurch 
wurde das Rev£tement im Ganzen von 4—5 auf 8—9 m Höhe gebracht. 
Ferner schloss man Bastion 7 (Fort blanc) und 12 (Fort de pierre) wieder 
an die Stadtbefestigung an und verband die isolirt im Wasser liegende 
Lünette 53 durch einen niedrigen Damm mit der Enceinte *). Der Bau der 
Eisenbahn (1840 ff.) gab die Veranlassung zur Herstellung einer bomben- 
sicheren gewölbten Durchfahrt am Bastion 10 und zur Erneuerung der 1793 
errichteten Lünette 44, die seit 1815 wieder verfallen war. Das von Vauban 
südlich der Stadt am Rebberger Graben angelegte Retranchement wurde 
zur Aufschüttung des Dammes für die Kehler Eisenbahnlinie verwandt und 
dieser selbst zwischen dem Ziegelwasser und dem kleinen Rhein mit einer 
Brustwehr und drei vorspringenden Batterien versehen. 1865/66 wurde, wie 
erwähnt, ein kasemattirtes Kasernement zur Unterbringung von 650 Mann 
über die Schleuse der oberen III, von der die ganze Inundation des Festungs- 
terrains abhängt, gelegt. Als die Luxemburger Frage im Frühling 1867 die 
Möglichkeit eines Krieges nahe rückte , zeigten sich als die Hauptschwächen 
der Festung ein erschreckender Mangel an bombensichern Räumen zur 
Unterbringung der Mannschaften, der Pulvervorräthe und der übrigen Streit- 
mittel und das Fehlen von vorgeschobenen Werken zum Schutz gegen 
Bombardement und zur Beherrschung des Vorterrains. Diesen Mängeln 
wurde bis 1870 auch nur in sehr beschränktem Masse abgeholfen und dazu 
war die Armirung eine unvollkommene. Ungeheures, grossentheils jedoch 
werthloses Kriegsmaterial war aufgehäuft. Nur der lebhaften Betheiligung 
der Bevölkerung ist es zu verdanken, dass sich die Stadt sechs Wochen 
hielt. Am 18. August begann die Beschiessung, hauptsächlich vom Dorfe 
Schiltigheim aus. Von dort aus näherte man sich dem Steinthor in Paral- 
lelen, die zum Theil in den Friedhof St. Helena gegraben wurden. Die 
unmittelbar vor dem genannten Thore liegenden Lünetten 52 und 53 wurden 
in der Nacht vom. 21. auf den 22. September besetzt. Da hisste der Kom- 
mandant, General Uhrich, am 27., Nachmittags 5 Uhr, auf dem Münster 
die weisse Fahne. Die Kapitulation wurde von den beiderseitigen Bevoll- 
mächtigten in einem Zelte, das für den Kommandeur des badischen Vor- 
postenbataillons im Eisenbahneinschnitt unter der Chausseebrücke in Königs- 
hofen hergestellt war, am 28. September, 2 Uhr Morgens, unterzeichnet. 
17 000 Mann streckten die Waffen, ungeheures Kriegsmaterial wurde erbeutet. 
Der Frankfurter Friede vom 10. Mai 1871 vereinigte Strassburg endgültig 
wieder mit Deutschland. 



a ) Siehe das Kärtchen. 



TAFEL V. 




Strassburg und seine Bauten. 



Verlag von Karl J. Trübner in Strassbur; 



Münster : südwestl. Ansicht. 



V. ABSCHNITT. 

DAS MÜNSTER UNSERER LIEBEN FRAU. 

Von 

G. Dehio, mit einem Beitrag von E. Meyer. 



Vorbemerkung. Die reiche Litteratur über das Münster ist verzeichnet bei F. X. KRAUS: 
,,Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen", Bd. I. 1876, dazu die Nachträge in Bd. IV. 1892. Der eigenen 
Forschung des Verfassers waren durch die knapp zugemessene Zeit sehr bestimmte Grenzen gesetzt. 
Zu einem grossen Theil konnte es sich nur um Sichtung und Zusammendrängung der älteren Arbeiten 
handeln; die eigenen Ansichten wollen in keiner Weise für abschliessend gelten. Besten Dank sagt der 
Verfasser den Baubeamten des Frauenwerks für ihre stets bereitwillige Unterstützung. 



Das Münster ist unter den Bauwerken 
Strassburgs noch heute das, was es so viele 
Jahrhunderte schon gewesen ist: das an Masse 
gewaltigste, durch geschichtliche Erinnerungen 
ehrwürdigste, den Bürgern theuerste, draussen 
in der Welt berühmteste. Der erste, der sein 
Lob in die europäische Litteratur einführte, war 
im 15. Jahrhundert der vielgereiste italienische 
Humanist Enea Silvio de' Piccolomini, der nach- 
mals als Pius II. den päpstlichen Stuhl bestieg. 
Wie viele seither sind ihm in der Bewunderung 
gefolgt ! In einem Zeitalter sogar, in dem das 
Verständniss für die Kunst des Mittelalters ganz 
erloschen war, dem alles Gothische soviel als 
barbarisch, ungeordnet, vernunftwidrig galt, entzündete sein Anblick in 
der frischen Seele eines genialen Dichterjünglings den ersten zornigen 
Protest gegen die dünkelhaften Verächter, die erste freudig aufglühende 
Ahnung von der Herrlichkeit einer Kunst, die er nicht mehr die gothische, 
sondern die deutsche genannt wissen wollte. Die Bewunderung, die der 
junge Goethe als Paradoxon in die Welt hinausrief, ist längst zur ge- 
meinen Ueberzeugung geworden. Das Münster zu Strassburg" und der 
Kölner Dom gelten für die zwei vornehmsten Werke der Baukunst gothischen 
Stils auf deutschem Boden, denen kein anderes gleichzustellen sei." Ob 
man dem einen oder dem anderen den Vorzug geben will, ist Sache des 
individuellen Geschmacks. Sehr verschieden sind aber augenscheinlich die 




Fig. 72. Das Münster nach Merian. 



142 



Das Münster. 



Bedingungen ihres Werthes. Der Kölner Dom, obgleich zwischen Anfang 
und Ende seiner Bauzeit mehr als sechs Jahrhunderte liegen, ist in ge- 
wissem Sinne doch ein ausser der Geschichte stehendes Produkt, eine aka- 
demische Abstraktion, und dadurch stileinheitlicher und stilreiner als 
irgend eine der grossen Kathedralen des Mittelalters. Der Strassburger 
Münsterbau ist hiervon das genaue Widerspiel; er stellt die Idee in immer- 




Fig. 73. Taufstein im Münster. 



währendem Flusse dar; jedes Jahrhundert, vom 11. ab bis zum Schluss 
des Mittelalters, ja eigentlich bis zur Gegenwart, hat an ihm gearbeitet, 
jedes charakteristisch für die eigene Denkart und doch mannigfach gebunden 
durch die Vorgänger. Die architektonische Consequenz zwar ging unter, 
aber mit ihr nicht die künstlerische Harmonie überhaupt; dieselbe ward 
in das Gebiet freier, malerischer Wirkung hinübergespielt, die mit starken 
historischen Phantasieeindrücken zu einem unvergleichlichen Ganzen ver- 
schmilzt. Weder Zufall allein noch Absicht allein können je dergleichen 
hervorbringen, nur das glückliche Zusammentreffen beider. 



Das Münster. 



143 



Erster Theil. 
Geschichte nach den Schriftquellen. 

1. Das Münster ist, so weit überhaupt geschichtliche Nachrichten zu- 
rückreichen, "die Kathedralkirche des Bischofs von Strassburg gewesen. 
Nach strenger Etymologie könnte der landläufige Gattungsname — von 
lat. monasterium , weshalb es ohne Zweifel richtiger ist mit den Alt- 
Strassburgern „das" Münster zu sagen, als „der" Münster, wie es die hart- 
näckige Gewohnheit der Eingewanderten ist — eigentlich nur einer Kloster- 
oder Stiftskirche zukommen. Dies ist schon dem italienischen Humanisten 

Enea Silvio de Piccolomini aufgefallen, welcher schreibt: „Argentinae 

ecclesia pontificalis, cui Monasterio nomen est — " Aber schon im mittel- 
alterlichen Deutsch bedeutete Münster eine Kirche überhaupt, ohne Unter- 
schied der besonderen Bestimmung, doch mit dem Nebenbegriff des Ansehn- 
lichen und Würdigen. Und dies ist der volksthümlichen Sprache im süd- 
lichen, besonders südwestlichen Deutschland geblieben. So heissen hier 
„Münster" ferner noch die bischöflichen Kathedralen von Konstanz, Basel 
und bis ins vorige Jahrhundert Speier; aber auch die Collegiat- resp. 
Pfarrkirchen zu Colmar, Freiburg, Ueberlingen, Bern. Vom hohen Alter- 
thum des Sprachgebrauchs zeugen für Strassburg die im 12. Jahrhundert 
entstandenen Annales Argentinenses, wo regelmässig monasterium s. Ma- 
riae virginis steht, während die Urkunden und ebenso die auswärtigen 
Chronisten ecclesia matrix, ecclesia major oder schlechthin ecclesia Argen- 
tinensis sagen. Die Widmung an die Jungfrau Maria ist nicht, wie sonst 
oft, eine im späteren Mittelalter hinzugetretene, sondern eine sehr frühe, 
vielleicht die ursprüngliche, da sie schon zu Anfang des 9. Jahrhunderts 
begegnet, so dass das Strassburger Münster die älteste Marienkirche Deutsch- 
lands sein könnte. 

2. Die Anfänge des gegenwärtigen Münsterbaues reichen zum Jahre 
1015 hinauf. Was vor dieser Zeit liegt, ist baugeschichtlich ein leeres 
Blatt. Es ist nicht einmal ausgemacht, ob dieser Bau der zweite oder schon 
der dritte oder gar vierte an seiner Stelle sei. Der Begründer des als voll- 
ständiger Neubau zu denkenden Baues von a. 1015 ist Bischof Werinhar, 
der älteste der Geschichte bekannte Ahn des Hauses Habsburg. In den 
kriegerischen Verwickelungen, womit die Regierung König Heinrichs II. 
begann und in denen der Bischof für diesen und gegen seinen Landes- 
herzog Hermann Partei ergriff, wurde Strassburg geplündert, das Münster 
in Brand gesteckt (a. 1002); wenige Jahre später vollendete ein Blitz- 
schlag den Ruin (a. 1007). Es könnte sein, dass der doppelte Unfall 
dem Bischof nicht durchaus ungelegen kam; denn nun hatte er guten 
Grund, vom König mit reichen Schenkungen entschädigt, zum Neubau zu 
schreiten (a. 1015). Es war die Zeit, wo eine lebhafte, das wirkliche Be- 
dürfhiss oft weit überschreitende Baulust die hohe Geistlichkeit Deutsch- 
lands ergriffen hatte. Rheinabwärts wuchsen schon seit einigen Jahren 
die Dome von Worms und Mainz als neue aus dem Boden, zum Wettstreit 
lockend, in dem Strassburg nach allem Anschein sich ebenbürtig bewährt 



144 



Das Münster. 



hat. Die Frage, ob von Werinhar's Bau noch Theile erhalten und ob über 
Grösse und Gestalt des Ganzen bestimmtere Annahmen gestattet seien, 
wird uns noch im zweiten Hauptabschnitt beschäftigen. Oefters wiederholt, 
aber schwach begründet ist die Vermuthung Fr. Adler's, dass der in der 
Baugeschichte des 11. Jahrhunderts viel genannte Niederländer Poppo, 
später Abt von Stablo, damals für den Strassburger Münsterbau „tech- 
nischer Beirath, wenn nicht leitender Architekt" gewesen sei. Das Jahr 
der Vollendung des Baues ist nicht überliefert. Gewöhnlich wurden die 

Flachdeckbasiliken des 
frühen Mittelalters, auch 
die ganz grossen nicht 
ausgenommen, ziemlich 
schnell zu Ende geführt, 
so dass für unseren Fall 
20Jahre als runde Summe 
nicht zu kurz gegriffen 
sein werden. 

3. Die Geschichte 
des Münsters im ^.Jahr- 
hundert steht unter der 
Herrschaft einer Reihe 
von Feuersbrünsten : 
1130, 1140, 1142, 1150, 
1176. Die kurzen Zwi- 
schenräume derselben, 
dann die Nachricht, dass 
a. 1145 Bernhard von 
Clairvaux im Münster 
vor einer grossen Menge 
Volkes die Messe ge- 
lesen habe, zeigen, dass 
die jedes Mal angerich- 
tete Zerstörung nicht so 
durchgreifend gewesen 
sein kann, wie man wohl 
glauben könnte, wenn 
man die einzelnen Nachrichten für sich liest. Hierzu kommt der weiter 
unten zu begründende Umstand, dass das alte Langhaus noch bis zur 
Mitte des 13. Jahrhunderts im Gebrauch gewesen ist. Von den Herstellungs- 
arbeiten schweigen, wie gewohnt, die Quellen. Den einzigen chrono- 
logischen Stützpunkt gibt die beiläufige Nachricht, dass a. 1190 ein 
Bischof in der Andreaskapelle), im Winkel zwischen Chor und südlichem 
Kreuzarm), beigesetzt wurde, woraus folgt, dass das gegenwärtig bestehende 
Querschiff damals bis zu einer gewissen Höhe schon gefördert gewesen 
sein muss. Alles erwogen, so hat man sich nach den vier ersten Bränden 
mit Flickarbeit begnügt und erst nach 1176 mit einem wirklichen Neubau 




Fig. 74. Die Kanzel. 



TAFEL VI. 




Das Münster. 



145 



von Grund auf, zunächst in der Ostpartie, begonnen. Derselbe ist nach 
Ausweis der stilistischen Zergliederung nur langsam fortgeschritten. Erst 
nach der Mitte des 13. Jahrhunderts erscheinen in einer Reihe von Ablass- 
briefen unzweideutige Zeugnisse, dass eine Epoche energischer Bauthätig- 
keit angebrochen ist. In einer dieser Urkunden, der des Speierer Bischofs 
von 1264, kommt der bedeutungsvolle Satz vor: „Cum igitur opus Arg. eccl. 
cujus muri nimia vetustate comsumpti jam quasi ruinam minabantur de 
novo sit inchoatum." Also durch „hohes Alter" ist der Bestand der Mauern 
gefährdet! Diese Wendung kann nur einen Sinn haben, wenn der zu 
erneuernde Bau im Wesentlichen noch der von Anfang des 11. Jahrhunderts 
war. Die Erneuerung des Querhauses war aber um diese Zeit, woran aus 
mehrfachen Gründen nicht zu zweifeln ist, schon beendigt; das Unternehmen, 
das der Bischof von Speier im Auge hat, kann nur das Langhaus gewesen 
sein. Weiter beachte man die andere Wendung : „begonnen ist". Wir können 
die hieraus sich ergebende Thatsache aber noch bestimmter begrenzen. 
Es sind zwei Ablassbriefe eines römischen Cardinais vom Jahre 1255 vor- 
handen und in ihnen heisst es gleichfalls, dass ein novum opus sumptuosum 
in Angriff genommen sei, wonach wir den Beginn des Langhauses näherungs- 
weise auf das Jahr 1250 oder wenig früher setzen dürfen. Genau bestimmt 
ist das Jahr der Vollendung. Zu a. 1275 schreiben die Jahrbücher der Stadt : 
„Am 7. September, dem Vorabend von Mariä Geburt, wurden die Gewölbe 
des hohen Mittelschiffs und damit das ganze Gebäude, ausgenommen die 
Vorderthürme, vollendet ; so geschehen unter der Regierung des römischen 
Königs Rudolf, in dessen zweitem Jahr." Es war die erste ganz grosse Bau- 
unternehmung gothischen Stils auf deutschem Boden, die wenigstens als 
Innenbau zum Abschluss kam und den Zeitgenossen einen anschaulichen 
Begriff vom Wesen der neuen Kunst zu geben vermochte. Der Name des 
Meisters hat sich nicht finden lassen ; weder Heinrich Wehelin noch Konrad 
Oleymann, die beide dafür in Anspruch genommen sind, waren Werkmeister, 
sie waren Vorsteher der Güterverwaltung des Münsters. 

4. Die langen Stockungen, welche die leidige Regel der mittelalter- 
lichen Bauführung bilden, pflegen fast immer durch Erschöpfung der 
Baukasse herbeigeführt zu sein. In Strassburg, wo Domkapitel und Bürger- 
schaft sich in die Finanzverwaltung theilten, war dieselbe, wie es scheint, 
besonders umsichtig und erfolgreich. Denn unverzüglich nach Vollendung 
des Langhauses ging man an die Westfront und die Thürme. Schon 1291 
(nach einer jüngeren, nicht immer zuverlässigen Quelle, die aber in diesem 
Falle die innere Wahrscheinlichkeit für sich hat) konnten die Reiterstatuen 
in der Höhe des ersten Gurtgesimses aufgestellt werden, was in Ansehung 
der Ungeheuern Summe von Steinmetzarbeit, die der neue Stil forderte, 
ein schneller Fortgang genannt werden muss. Alles war im besten Zuge, 
in nicht allzu langer Zeit das Werk nach einheitlichem Plane zu Ende zu 
führen. Wenn es dazu nicht gekommen ist, wenn die am schönsten ge- 
dachte gothische Fassade Deutschlands und vielleicht der Welt Bruchstück, 
noch dazu ein durch störende Zuthaten verunglimpftes Bruchstück ge- 
worden ist, so sind zuerst feindliche Naturgewalten darum anzuklagen: 

10 ^ 



146 



Das Münster. 



Ein Erdbeben im Jahre 1289, eine Feuersbrunst im Jahre 1298 nöthigten alle 
Kräfte längere Zeit auf die Herstellung des an den Schiffen angerichteten 
Schadens zu verwenden. — Der Brand vom 15. August 1298 war, ähnlich 
vielen, das traurige Ende eines festlichen Tages. Bei einem Besuch König 
Albrechts, des Sohnes Rudolfs von Habsburg, brach durch Fahrlässigkeit 
seiner Trossknechte in dem südlich vom Münster gelegenen Frohnhof das 
Feuer aus, ergriff das Münster selbst und schritt nach Norden weiter, im 
Ganzen 355 Bürgerhäuser in Asche legend. Wir Historiker haben noch 
einen speziellen Grund, dieser Feuersbrunst zu grollen: sie bringt für die 
Erforschung mannigfache Schwierigkeiten. Wieviel vom Gebäude hat der 
Brand zerstört? Was ist von dem Langhause, wie wir es jetzt sehen, 
Restauration des 14. Jahrhunderts und was das ursprüngliche Werk 
des 13. ? Das ist die eine Hauptfrage. Die andere lautet : wie weit war die 
Fassade, als die Arbeiten an ihr unterbrochen wurden, schon gediehen, 
und welche Gestalt war ihr zugedacht gewesen? 

Beiden Fragen kann erst im zweiten Theil unserer Darstellung näher 
getreten werden, beiden wohnt ein über die Individualgeschichte des 
Münsters hinausgehendes Interesse bei, weil sie mit einem der berühmtesten 
Namen der deutschen Kunstgeschichte verknüpft sind, dem Namen Erwin 
von Steinbach. Hier zunächst in Kürze die historischen Daten. Der Name 
begegnet zum ersten Mal in einer deutschen Urkunde vom Jahre 1284 als 
,,meister Erwin Werkmeister 0 r ; dann als „magister Erwin" in der Inschrift 
auf einem von ihm ausgeführten Bautheil (Balustradenfragment der ab- 
gebrochenen Marienkapelle); endlich als „magister Erwin gubernator 
fabrice ecclesie" auf seiner Grabschrift. Immer ohne Zusatz seines Familien- 
namens. Dass derselbe „von Steinbach" gelautet habe, beruht auf einer 
späteren, zuerst am Anfang des 16. Jahrhunderts nachweisbaren Tradition. 
Wimpheling, der älteste Zeuge dafür, beruft sich auf eine seither ver- 
schwundene Inschrift sub ipsa turri et supra januam quam sertorum 
vocant, welche gelautet habe: Anno domini MCCLXXII in die beati 
Urbani hoc gloriosum opus inchoavit magister Erwinus de Steinbach". 
Sicher ist diese Inschrift mehr oder minder lange nach Erwins Tod erst 
gesetzt. Ein gültiges Zeugniss für den Namen „von Steinbach" ist sie also 
nicht; ebensowenig aber kann man es als unbedingt ausgemacht ansehen, 
dass derselbe erdichtet sei, obschon es gewiss sehr bedenklich ist, dass 
auch Erwin's in den Urkunden öfters genannte Nachkommen ihn niemals 
führen. Erwin starb am 17. Januar 1318. Seinen Kindern und Kindes- 
kindern begegnen wir im Laufe des 14. Jahrhunderts häufig, doch lässt 
sich eine sichere Geschlechtsfolge nicht aufstellen. Nicht streng zu beweisen, 
aber überwiegend wahrscheinlich ist, dass das Amt des Münsterwerkmeisters 
durch mehrere Generationen in der Familie blieb, in welchem Falle wir 
als letzten in der Reihe den von 1341—1371 amtirenden Meister Gerlach 
anzusehen hätten. — Welchen Umfang immer der Brandschaden von 1298 
gehabt haben möge, sicher ist, dass im 14. Jahrhundert die Bauführung 
eine immer langsamer werdende Gangart annahm. Erwin wird aller Wahr- 
scheinlichkeit nach die Restauration des Langhauses noch vollendet haben. 




Fig. 75. Innere Ansicht a. 1630, nach dem Stich von J. Brunn. 



10* 



148 



Das Münster. 



Sein „Schwanengesang" war der a. 1316 ausgeführte kleine Zierbau der 
Marienkapelle zwischen Lettner und Kanzel. Ueber die Thätigkeit seiner 
Söhne lässt sich nichts Sicheres nachweisen; die für diese Epoche wieder 
sehr spärlichen Nachrichten zur Münstergeschichte sprechen nur von neuen 
Glocken, neuen Orgeln, der Einstellung der (in der französischen Revolution 
eingeschmolzenen) Bronzethüren am Hauptportal. A. 1331—1349 wurde die 
Katharinenkapelle im Winkel zwischen Langhaus und südlichem Kreuzflügel 
errichtet. Von der Weiterführung der Westfront hören wir erst zum Jahre 
1365, in welchem Meister Gerlach die dritten Stockwerke der Thürme zu 
Ende brachte. Seine Nachfolger — Kuntze 1371 bis 1381, Michel von Frei- 
burg seit 1383, Claus von Lahr seit 1394 — haben nur wenig geschaffen, 
aber dies wenige greift auf's Höchste verhängnissvoll in die weitere Ent- 
wickelung des Bauwerkes ein. Es ist das über der Rose errichtete Zwischen- 
stück der Thürme, welches klar genug bekundet, dass Erwin's Fassadenplan 
bei Seite geschoben war. Weniger klar ist, auf welche weiteren Absichten 
hin das geschah. Es könnte sein, dass man schon damals auf höhere 
Thürme, als die von Erwin geplanten, hinstrebte, es könnte aber ebensowohl 
sein, dass man in muthloser Stimmung auf die Ausführung der Thurmhelme 
verzichten wollte, ähnlich wie bei so mancher französischen Kathedrale. 
Wie dem immer sei, allen etwa gehegten Plänen wurde wiederum durch 
einen grossen Brand, im Jahre 1384, ein Ziel gesetzt. Er hat das ganze 
Dachwerk des Hauptschiffs, dazu die Vierungskuppel vernichtet. Erinnert 
man sich dann noch der in diese Epoche fallenden häufigen und blutigen 
Streitigkeiten der Bürger mit dem Bischof, der Bürger unter sich, der 
schweren Verwüstungen , die der grosse Städtekrieg auch über das Elsass 
brachte — so hat man noch etliche Gründe mehr, um die Stockung der 
Bauthätigkeit zu begreifen. Unter dem Eindruck eines schweren Unglücks 
hatte der Münsterbau das 14. Jahrhundert begonnen, unfruchtbar war sein 
Verlauf, verderblich sein Ende. 

5. Aber den Bürgern Strassburgs blieb es ein peinlicher Stachel, ihr 
Münster immerfort thurmlos ansehen zu sollen. Ihrem Eifer, nicht dem 
der Geistlichkeit, ist die energische Wiederaufnahme der Arbeiten beim 
Eintritt in das neue Jahrhundert zu danken. Der a. 1395 unter Vermittlung 
des Kaisers zu Stande gekommene Vertrag zwischen der Stadtgemeinde 
und dem Bischof und Kapitel bezeichnet die Erreichung eines langerstrebten 
Zieles: die geistliche Hand wurde aus der Verwaltung des Münsterbau- 
vermögens gänzlich verdrängt, die Gemeinde sollte von nun ab allein 
darüber zu verfügen haben. Die frisch erwachte Unternehmungslust 
konnte selbst durch die grosse Feuersbrunst des Jahres 1397, die das 
Münster zwar verschonte, der Stadt aber 400 Häuser kostete, nur auf 
kurze Zeit gelähmt werden. Mit grösster Entschlossenheit ging der Rath 
als neuer Bauherr vor. Am Samstag vor Pfingsten 1399 setzte er den 
Werkmeister, den Schaffner und die zwei Pfleger des Frauenwerkes 
schimpflich ab und vierzehn Tage später erscheint in den Rechnungen schon 
„der neue wergemezster". Es ist ein Fremder, der Schwabe Ulrich von 
Ensingen. Wir ahnen, welche Summe von Unzufriedenheit, von Anklagen 



Das Münster. 



149 



sich angesammelt hatte! Zwar dass wirklieh Unredlichkeiten vorgekommen 
sind, wie man neuerlich gefolgert hat, lässt sich nicht beweisen; was noch 
heute offen zu Tage liegt, ist der künstlerische Verfall der Strassburger 
Hütte. Denn ihre einzige selbständige Leistung in den letzten dreissig 
Jahren, das Mittelstück zwischen den Thürmen über der Rose, ist so ge- 
schmacksdürftig, so ungeschickt ausgefallen, wie nichts anderes in allen 
Jahrhunderten der Münsterbaugeschichte. Auch an jungem Nachwuchs, zu 
dem man hätte Vertrauen hegen können, scheint es gefehlt zu haben. 

Dem schwäbischen Meister dagegen ging ein grosser Ruf voraus. 
In Ulm hatte er die Bürger zu der grossartigen Erweiterung des Münster- 
bauplans zu begeistern vermocht; dann hatten ihn die Mailänder an ihren 
Dom berufen, aber freilich sich bald mit ihm veruneinigt, worauf er nach 
Ulm zurückgekehrt war. Man bekommt aus seiner Thätigkeit den Eindruck 
eines hochstrebenden, auf das Ausserordentliche gerichteten, zugleich un- 
ruhigen, eigenwilligen Geistes. In Strassburger Urkunden stossen wir auf 
seinen Namen, ausser der erwähnten Rechnungsnotiz von a. 1399, noch 
1402 und dann sechsmal in der Zeit von 1414—1418; 1419 ist er gestorben. 
Zwischen diesen Daten liegt manche offene Frage. Die Lücke von 1402 
bis 1414 würde an sich nicht auffallend sein; allein sie wird es dadurch, dass 
Meister Ulrich innerhalb dieses Zeitraumes am Bau der Esslinger Frauen- 
kirche, nach manchen Indizien zu urtheilen sogar auch wieder in Ulm 
thätig war. Handelt es sich um eine längere Abwesenheit in einer zu- 
sammenhängenden Reihe von Jahren oder um mehrere kürzere Reisen? 
War Ulrich eine Zeit lang mit den Strassburgern entzweit, wie früher mit den 
Mailändern — oder hatte er die Erlaubniss des Rathes? Hat der Münster- 
bau unterdessen gestockt — oder ist er in Ulrich's AbAvesenheit weiter- 
gegangen? Diese an sich nicht allzu erheblichen Fragen erhalten Bedeu- 
tung dadurch, dass die Ueberlieferung zwei Rivalen auftauchen lässt, die 
Ulrich's Ruhm im Schatten zu stellen drohen. Die Autoren des 16. und 
17. Jahrhunderts feiern als Schöpfer des Münsterthurmes übereinstimmend 
nicht Ulrich von Ensingen, sondern „die Junker von Prag", und viele 
moderne Forscher, bis herab auf Fr. Adler und A. Woltmann haben 
ihnen Glauben geschenkt, während andere, mit besonderem Nachdruck F. X. 
Kraus, die Nachricht für leere Fabel erklären. Das wäre freilich eine 
einfache Lösung, wenn sie nur nicht selbst wieder neue Schwierigkeiten 
mit sich brächte. Es hat nämlich Bauleute, die „Junker von Prag" genannt 
wurden, im 15. Jahrhundert wirklich gegeben; wir finden ihre Spuren in 
Regensburg, Nürnberg, Breslau. Wie wären nun die Strassburger darauf ge- 
kommen, auf diesen ihnen fern liegenden Namen eine ganze Reihe von Fabeln 1 ) 
zu ersinnen, wenn nie ein Träger desselben in ihre Stadt gekommen ist ? Rein 
aus dem Nichts kann eine solche Ueberlieferung unmöglich entstanden sein. 
Man sieht, wenn Ulrich von Ensingen zwischen 1402 und 1414 von Strassburg 
abwesend war, so wäre Raum für die Thätigkeit der Prager Junker gegeben. 
Allein abgesehen von der Ungewissheit der Voraussetzung ist die Folgerung 



1 Vgl. Stöbers Sagen des Elsass S. 403. 



150 



Das Münster. 



aus anderen Gründen doch wieder nicht wahrscheinlich. Am Oktogon des 
Thurmes findet sich schon von der Plattform ab Ulrichs wohlbeglaubigtes 
Zeichen ; der Mann fremde Pläne auszuführen, war er nicht, auch wäre die 
übrigbleibende Zeit von 1414 bis 1419 für die Ausführung zu kurz. So 
muss eine andere Lösung gesucht werden. Einige haben die räthselhaften 
Junker für Ulrichs Gehülfen gehalten, andere versetzten sie in die Zeit nach 
ihm und nehmen an, die launenhafte Sage habe nicht näher bekannte Um- 
stände vergrössernd sie zu Unrecht in den Vordergrund geschoben. Aber 
noch ein dritter bis jetzt noch nicht erörterter Fall bliebe möglich. Der 




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Fig. 76. Grundriss der Ostthcile des Münsters, nach Franz Schmitz. 



Name „die Junker von Prag" klingt nicht wie eine individuale sondern wie 
eine kollektive Bezeichnung. Hätte man vielleicht, wieder aus unbekannten 
Gründen, irgend einem Missverständniss etwa, Ulrich und seine Söhne unter 
diesem Beinamen zusammengefasst? Der Umstand, dass die Prager Schule 
mit der schwäbischen in nahem Zusammenhang stand, würde das nicht 
ganz unverständlich sein lassen und so hätten wir eine Erklärung, die den 
Konflikt der beiden Traditionen zwanglos auflöst, indem sie beide der 
Sache nach identisch macht. 

6. Auf der Linie mittelalterlicher Gewohnheiten hätte es gelegen, für 
den mit Tod abgegangenen Meister Ulrich einen seiner Söhne — man denkt 
zuerst an den ältesten, Mathäus, der sich später einen guten Namen ge- 



Das Münster. 



151 



macht hat — an die Spitze des Baues zu stellen. Das geschah aber nicht. 
Vielmehr wurde schleunigst von auswärts eine Sachverständigenkommission 
berufen, bestehend aus Meister Maternen von Frankfurt, Meister Jörg von 
Württemberg, Meister Erhard Kindlin von Schlettstadt, die zu Johanni 1419 
zusammentraten. Wir erfahren genau, wieviel ihre Zehrung ausgemacht 
hat, aber nichts vom Inhalt ihrer Verhandlungen. Nach der ganzen Sach- 
lage ist indess kein Zweifel, dass sich dieselben hauptsächlich um den 
Helm gedreht haben. Der von Mathäus Ensinger vertretene, wahrschein- 
lich auch von seinem Vater herrührende Entwurf — er ist uns erhalten — 
wurde zur Ausführung nicht angenommen und Ensinger kehrte, als im Jahr 
darauf ein Ruf nach Bern an ihn kam, Strassburg den Rücken (1420). 
Schon vorher war der neue Werkmeister angetreten, Johann Hueltz aus 
Köln. Das Concept zu seinem Bestellungsbrief ist noch vorhanden; als 
Pfleger des Frauenwerks nennen sich darin Mitglieder zweier berühmter 
Strassburger Familien, Hug Zorn und Johann Sturm von Sturmeck. Der 
Kölner Meister ist nicht nur der Werkleiter sondern auch der geistige 
Urheber der durchsichtigen Steinpyramide, die den Strassburger Münster- 
thurm in den Augen des späten Mittelalters zum achten Bauwunder der 
Welt, wie es öfters genannt wird, machte. A. 1439 wurde mit Errichtung 
eines Kreuzes und Marienbildes auf seiner Spitze die letzte Hand an 
ihn gelegt. 

7. Hiermit galt der Münsterbau, nachdem länger als 250 Jahre die Arbeit 
an ihm nicht stille gestanden hatte, für vollendet. Denn der Gedanke an den 
Ausbau des zweiten Thurmes war schon unter Ulrich Ensinger aufgegeben 
oder doch ganz in's Ungewisse verschoben, ähnlich wie bei der Kathedrale 
von Antwerpen und der Stephanskirche von Wien, wo auch die Höhen- 
steigerung des einen Thurmes der Tod des andern wurde. Die Folgezeit 
hatte nur noch mit kleineren Anbauten und Nachbesserungen zu thun, 
welche an einem so grossen Gebäude allerdings niemals völlig zur 
Ruhe kommen können, so dass die Hütte fortbestand und das Amt des 
Münsterwerkmeisters stets von neuem besetzt wurde. Aus den nun immer 
reichlicher zufliessenden Nachrichten merken wir nur das Wichtigste an. 
Meister Hueltz überlebte die Vollendung seines Thurmes um zehn Jahre. 
Nach seinem Tode bemühte sich der Rath um den früher verschmähten 
Mathäus Ensinger; doch wurde das Verhältniss bald wieder abgebrochen, 
da der Rath dem Meister sein Begehren, ein oder zwei Mal im Jahr nach 
Ulm reisen zu dürfen, um den dortigen Münsterbau zu beaufsichtigen, 
nicht zugestehen wollte. Ob man hieraus auf umfänglichere Projekte, die 
Ensingers ständige Anwesenheit wirklich nothwendig gemacht hätten, 
schliessen dürfe, lassen wir dahingestellt sein; es kann sehr wohl eine 
blosse Frage der Disciplin gewesen sein. Nennen wir noch die beiden 
hervorragendsten Werkmeister aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, 
Jodokus Dotzinger von Worms 1452—1472 und Jakob von Landshut 1494 bis 
1509, so sehen wir, dass länger als drei Menschenalter hindurch immer 
Fremde an die Spitze der Münsterbauhütte gestellt waren. Sollte der 
Rath hierin etwa einem festen Grundsatz gefolgt sein? Jedenfalls fuhr er 



152 



Das Münster. 



nicht schlecht bei dieser weitherzigen Praxis. Die Bauhütte, die am Ende 
des 14. Jahrhunderts in tiefen Verfall gerathen war, erhob sich im 15. zu 
grossem und weitverbreiteten Ansehen. Als im Jahre 1459 auf dem Tage 
zu Regensburg die Steinmetzgenossenschaften West- und Süd-Deutschlands 
zu einer Einigung zusammentraten, wurde die Strassburger Hütte als das 
Haupt und ihr Meister als der „Ordnungen des Steinwerks oberster Richter" 
anerkannt, welche Satzung weit über die Dauer der gothischen Kunst, bis 
a. 1707, in Geltung blieb. Und mit welchem Stolz erst mag es die Strassburger 
erfüllt haben, dass der Herzog von Mailand 1481 und wieder 1482 mit der 
Bitte sich an den Rath wendete, ihm einen Baumeister für die Kuppel seines 
Domes zu schicken! (Uebrigens, dass der damalige Meister Hans Ham- 
merer wirklich nach Mailand gegangen sei, wie neuere Autoren behaupten, 
geht aus den Quellen nicht hervor.) — Die wichtigsten Arbeitsleistungen 
dieser Epoche sind: die Erneuerung sämmtlicher Langhausgewölbe durch 
Dotzinger in den Jahren 1454—1469 — eine für die Beurtheilung älterer 
Bauvorgänge wichtige Massregel, auf die wir noch zurückkommen müssen 
- und die Erbauung der Laurentiuskapelle durch Jakob von Landshut 
1495—1505, sowie der Martinskapelle 1515—1520. Meister Bernhard von 
Heidelberg (1539—1551) träumte von der Ausführung des zweiten Thurmes 
— offenbar ganz aussichtslos. 

8. Mit dem Eintritt in's 16. Jahrhundert, also früher noch als die Re- 
formation dem religiösen Geist und die Renaissance dem Kunstgeschmack 
eine neue Richtung gaben, ist an allen grossen Dombauhütten die Bau- 
thätigkeit eingeschlafen, ohne dass sie ihr Arbeitspensum vollendet hätten. 
Die Dome von Köln, Ulm, Regensburg, von weniger bedeutenden zu 
schweigen, blieben als thurmlose Rumpfe zurück. Ihnen gegenüber besass 
unser Strassburger Münster den Vorzug (der zu seinem Ruhme nicht wenig 
beigetragen hat), dass es bis zu einem relativen Abschluss gelangt war, 
der seine wirkliche Unfertigkeit nicht allzu hart in die Augen springen 
liess. Die Baugeschichte des Münsters ist zu Ende; was noch folgt, ist 
allein eine Geschichte von Beschädigungen und Herstellungen. — Die erste, 
verhältnissmässig noch unschädliche Reihe von Angriffen gegen die histo- 
rische Gestalt des Münsters brachte die Einführung des lutherischen Gottes- 
dienstes a. 1525; die zweite, tiefer eingreifende die Rückgabe an die 
Katholiken durch Ludwig XIV. acht Tage nach der Kapitulation der Stadt 
a. 1681. Der puritanische Eifer des 16. Jahrhunderts reinigte *) das Gottes- 
haus von den ihm anstössig erscheinenden Schmuckstücken, als: Marien- 
bildern, Crucifixen, Altären, Grabsteinen, aber auch von weltlichen Trium- 
phalien und Siegeszeichen, darunter 18 den Burgundern abgewonnene 
Fahnen aus der Schlacht von Murten und 14 aus der Schlacht von Nancy. 
Die katholischen Domherren des 17. Jahrhunderts zerstörten, um die Cere- 
monien prächtiger sich entfalten zu lassen, Erwins Marienkapelle , den 
schönen hochgothischen Lettner, den spätgothischen Fronaltar. Was beide 
Epochen von ihrem Eigenen als Ersatz schufen, ist wenig, aber für den 



J ) Eigentlich zerstört wurde nur Weniges, das meiste bei Seite gebracht und aufbewahrt; z. B. 
der prachtvolle Hochaltar von 1501 blieb sogar im Chore stehen und ist erst 1724 vernichtet. 



Das Münster. 



153 



Geist ihrer Zeit nicht minder charakteristisch als die zerstörende Thätig- 
keit: es ist einerseits die von Dasypodius erfundene von Tobias Stimmer 
bemalte, vielgepriesene astronomische Uhr im südlichen Kreuzarm, auf- 
gestellt 1574, auf der anderen Seite die Verkleidung des Chores mit einer 
prahlerischen Stuckdekoration und der in ausschweifendstem Barok durch- 
geführte Hochaltar von 1685. Einen mit grossen Plänen sich tragenden 
Werkmeister hatte das Münster in den letzten Jahrzehnten des protestan- 
tischen Besitzes (1654—1682) in der Person Joh. Georg Hecklers. Nichts 
geringeres hatte er im Sinn, als die Ausführung des zweiten Thurmes. 




Fig. 77. Kauf buden am Münster bis zum J. 1772, Original im Frauenhaus. 



Der Rath kam ihm soweit entgegen, dass er das Projekt durch Experten 
prüfen und die Fundamente auf ihre Tragfähigkeit untersuchen liess; das 
Ende war Ablehnung des mitten im 17. Jahrhunderts in der That sehr 
anachronistisch sich ausnehmenden Gedankens. A. 1744—46 wurde durch 
Massol die neue Sakristei an der Nord-Ost-Seite des Querschiffs angelegt. 
Weiter weiss das 18. Jahrhundert von einem höchst gefährlichen Erdbeben 
und einer Reihe von Blitzschlägen zu erzählen, deren einer (1759) einen 
Brand herbeiführte, der von den vielen, die schon über das Münster ver- 
hängt gewesen, einer der schlimmsten war. In weniger als einer Stunde 
stand das ganze Langhaus-Dach in Flammen; dann ergriff das Element 
den Vierungsthurm und brachte dessen steinernen Giebel zum Einsturz, 
wobei mehrere Gewölbe zerschmettert, der Hochaltar durch das nieder- 
fliessende Blei vernichtet wurde. An die Herstellungsarbeiten schlössen 



154 



Das Münster. 



sich zwei Neuerungen. Zuerst wurde, a. 1769 (vielleicht mit Rücksicht auf 
die bevorstehende, aus Goethes Schilderung bekannte, Einholung der Erz- 
herzogin Marie-Antoinette ?), das ganze Innere mit weisser Tünche über- 
strichen 1 ). Dann machte man sich an die Säuberung des Aeusseren. Dasselbe 
bot in der That einen seltsamen Anblick. Ein englischer Reisender schrieb 
im Jahre 1772: „Das berühmte Portal wirkt über die Maassen lächerlich 
durch die garstigen Anhängsel, welche seine schönsten Partien verdecken. 
Alle vorspringenden Theile verlieren sich in einer Anhäufung von kleinen, 
mit groben Ziegeln bedeckten Buden, welche den Raum so einengen, dass 
man Mühe hat, in die Kirche einzutreten." (Vgl. Fig. 77.) Aber nicht allein die 
Fassade war in dieser Weise verunstaltet, auch an beiden Langseiten hatte 
sich zwischen den Strebepfeilern ein Gewirr von Trödelläden, Schenken und 
Speichern eingenistet, in denen schon öfters Feuer ausgebrochen war. Man 
wollte mit ihnen aufräumen, aber die Eigenthümer leisteten zähen Widerstand. 
Endlich a. 1772 kam ein Vergleich zu Stande in der Weise, dass zwar die 
Fassade freigelegt, an den Langseiten aber quasi monumentale Verkaufs- 
läden angeordnet werden sollten. Nun entspann sich noch Streit über 
die Stilfrage. Es ist merkwürdig genug, dass der Münsterwerkmeister 
Joh. Lorenz Göts sich für die Wahl gothischer Formen erklärte und noch 
merkwürdiger, dass er, unterstützt vom Ceremonienmeister des Domkapitels, 
Anton Rauch, mit seiner Forderung gegen die Vertreter des Modegeschmacks 
durchdrang 2 ). So entstanden, als eine wahre Curiosität der Baugeschichte, 
mitten in der Blüthezeit des Stils Louis XVI. die gothischen Kaufläden, die 
bis 1848 im Gebrauch gewesen sind; dann räumte man sie aus, entfernte 
Zwischenwände und Dächer und liess nur die Umfassungsmauern stehen, 
wie sie heute zu sehen sind, eine seltsame und unverständliche Halbruine. 

9. Hatte in der zuletzt erzählten Episode die rühmliche Anhänglichkeit 
der Altstrassburger an den Geist ihrer Vergangenheit noch obgesiegt, so 
sollte bald darauf diese Gesinnung mit der neuen Zeit in einen für das 
Münster sehr viel gefährlicheren Konflikt treten. Es kam die französische 
Revolution, und man kennt den Vernichtungskrieg, den sie gegen die 
Denkmäler des Mittelalters eröffnete, obschon man ihn noch lange nicht 
genug kennt; eine vollständige Zusammenstellung der Opfer, die der 
Vernunftsfanatismus gefordert hat, würde in Erstaunen versetzen. Auch 
unser Münster hat einen reichlichen Beitrag dazu geliefert, wenn es auch 
von dem Schlimmsten, was ihm zugedacht, bewahrt blieb. Der Anfang 
war noch harmlos : es wurden den königlichen Reiterstatuen an der 
Fassade durch feierlichen Beschluss der Volksrepräsentanten die Scepter 
aus der Hand geschlagen, dann wurden die Glocken eingeschmolzen 
und ebenso was sich an bleiernen und zinnernen Särgen, „diesen Denk- 



a ) Erst 1848 wieder beseitigt. 

2 ) Uebrigens ist diese Anhänglichkeit an die Gothik im Elsass nicht ganz vereinzelt. Auch an 
der Abteikirche von Maursmünster wurde im 18. Jahrhundert der Chor gothisch, so gut man es verstand, 
erneuert. Interessant wäre zu wissen, ob Goethe dessen Aufsatz „Von Deutscher Baukunst" in eben diese 
Zeit fällt, etwa zu Götz und seinen Gesinnungsgenossen Beziehungen gehabt habe ? Indessen liegt im 
Frauenhause auch ein Projekt von Götzens Hand im Modestil und ein zweites mit seltsamer Beimischung 
einzelner gothischer Formen. 




Fig. 78. Beschiessung des Münsters 1870 (Verbindungstreppe vom Dach des Mittelschiffs 

zum Südthurm). 



156 



Das Münster. 



mälern des Hochmuths", vorfand; es folgten die bronzenen Thüren des 
Hauptportals, die allerdings nun Enttäuschung bereiteten, da der Kern aus 
Holz war. Nun machte man sich an die Säuberung des Innern, bevor im 
Spätherbst 1793 die „Exkathedrale u gewürdigt wurde, „Tempel der Vernunft" 
zu werden, während die übrigen Kirchen der Stadt sich in Magazine und 
Werkstätten verwandelten. „Dieser Tempel", so sagt der amtliche Bericht, 
„war fünfzehn Jahrhunderte lang eine Schaubühne des Betruges gewesen. 
Nach der Stimme der Philosophie wurde er binnen drei Tagen von allen 
seinen lächerlichen Zierrathen, die den Gebräuchen des Fanatismus gedient 
hatten, befreit." Man sah von den Spuren des Aberglaubens nicht das 
Geringste mehr. Von dem im Chor aus elendestem Theaterdekorations- 
material errichteten Denkmal der Natur und der Freiheit sind noch 
Abbildungen erhalten; ebenso von der Aufstellung der Rednerbühne und 
der Zuhörerbänke. Aber noch beleidigten den republikanischen Sinn an 
der Aussenseite der Gebäude hunderte von „Denkmälern des Fanatismus". 
Abattre tontes les statnes lautete der kurze Befehl der Conventscommission 
Saint-Just und Lebas. Die Majorität des Gemeinderathes (beiläufig bemerkt, 
lauter deutsche Namen), in der auf einen Augenblick das altstrassburgische 
Bewusstsein über den revolutionären Zelotismus obsiegte, wagte zu pro- 
testiren, aber der Maire Monet wies sie herrisch zur Ruhe. Am 17. Frimaire 
begann die Zerstörung. Den Arbeitern selbst war dabei wehe zu Muth. 
Einigen wohlmeinenden Bürgern gelang es, 67 Bildwerke unzerstört bei 
Seite zu bringen, bald kam aber strengere Aufsicht. Selbst die unschuldigsten 
Ornamente wurden abgeschlagen, unter dem Vorgeben, es seien königliche 
Lilien darin dargestellt. Das amtliche Protokoll konstatirt das Verschwinden 
von 235 Statuen. Der Rest wurde nur durch die Furcht der ungeschulten 
Arbeiter gerettet, sich selbst zu beschädigen. Am 19. Frimaire erklärte 
man das Werk für vollendet. Aber die Radikalen waren noch lange nicht 
befriedigt. Es gab einen geschworenen Feind des Münsterthurms in der 
Person des vor einigen Jahren eingewanderten französischen Sprachlehrers 
Teter el, der stellte schon im December 1793 unter dem Beifall der Convents- 
repräsentanten den Antrag auf Niederreissung des Thurmes bis zur Platt- 
form, par la raison qne les Strasbourgeois regardent avec fierte cette 
Pyramide, elevee par la superstition. Etwas später wurde von der 
Departementalverwaltung in der That verfügt, alle Kirchthürme, als 
Beleidigungen der republikanischen Gleichheit, abzubrechen, jedoch mit 
Ausnahme der im Rheinthal gelegenen, welche zu militärischen Beobach- 
tungen nützlich seien. Diese Clausel war dem Münsterthurm günstig. Indess 
Teterel ruhte nicht. Im Mai 1794 wiederholte er seinen Antrag, worauf 
Professor Hermann, der sich schon bei der Rettung der Statuen ausge- 
zeichnet hatte, den Einwand vorbrachte, das Unternehmen würde sicher 
den umliegenden Häusern und ihren Bewohnern verderblich werden. Wenn 
man sich erinnert, dass damals St. Martin in Tours, St. Peter und Paul in 
Cluny, St. Gilles an der Rhonemündung, drei der schönsten und grössten 
Kirchen Frankreichs, und zahlreiche andere noch wirklich dem Erdboden 
gleich gemacht sind, so kann man nicht sagen, die dem Münster drohende 



Das Münster. 



157 



Gefahr sei keine ernste gewesen. Zu seinem Glück lief im selben Sommer 
die Stunde der Schreckensherrschaft ab. 

Mit der politischen Restauration begann die Epoche der baulichen 
Restauration. Zum ersten Mal ist nicht mehr allein der praktische Gesichts- 
punkt geltend, sondern der des historischen Rechtes, Kraft dessen das 
ehrwürdige Gebäude verlangen könne, dass ihm seine echte alte Gestalt 
wiedergegeben werde. Dem guten Willen sekundirte freilich Anfangs nur 
sehr unvollkommen das archäologische Verständniss. Missgriffe wurden in 
Menge gemacht. Erst die 1848 beginnende Thätigkeit des Münsterbau- 
meisters Klotz fand die richtigen d. h. die im Worte selbst liegenden 
Grundsätze der Konservation. Von Ideen in der Art des noch kurz vorher 
mit Eifer vertretenen Vorschlages, den ganzen Chor gothisch umzubauen, 
war nun nicht mehr die Rede. 

In lebendiger Erinnerung ist die Beschiessung im Herbst 1870. Zum 
ersten und bis dahin einzigen Mal war das Münster von einer Kanonen- 
kugel getroffen worden am 17. (27.) Oktober 1678; sie war von der bei 
Kehl errichteten französischen Batterie geworfen und schlug in der Gal- 
lerie über dem Chor ein, wo eine Inschrifttafel mit den Schlussworten: 
„Gott wolle die Kirch und Statt, so lange die Tage des Himmels währen, 
ferner gnädiglich bewahren" die Erinnerung festhält, auch den Umstand 
erwähnt, dass die Kugel eine sechspfündige gewesen und einundsechzig 
Schuh wieder zurückgefahren sei. 1870 war es der auf der äussersten 
Spitze des Thurmes angelegte französische Beobachtungsposten, der die Ge- 
schosse der Belagerer anzog. Hierbei litt das Gebäude erst wenig Schaden. 
Der Tag der ernsten Gefahr war der 25. August, an dem in der allgemeinen 
Beschiessung die Dächer der Hochschiffe in Flammen aufgingen und zahl- 
reiche Granaten das Steinwerk trafen. Die vom Frauenwerk veranlassten 
photographischen Aufnahmen geben die anschaulichsten Belege für den 
angerichteten Schaden (als Beispiel Fig. 78), der im Ganzen genommen 
viel mehr durch seine Kleinheit als seine Grösse überrascht. Folgender 
Auszug aus dem am 10. November 1875 vom Dombaumeister der Verwaltung 
erstatteten Bericht wird noch heute mit Interesse gelesen werden: 

„In der am 29. November 1870 aufgestellten summarischen Abschätzung 
der durch die Beschiessung am Münster verursachten Schäden, worin die 
Reparaturkosten der Hausteine und des Mauerwerks auf 240000 Frs. ver- 
anschlagt wurden, war die Wiederherstellung der Gewölbe nicht vorgesehen, 
da an ihnen keine Anzeichen von Zerstörung sichtbar waren. Erst später 
zeigte sich, dass sie in Wahrheit mehrfach gelitten hatten. Bereits am 
9. Oktober war das Projekt zu einem provisorischen Dache vorgelegt. 
Ehe man mit der Ausführung desselben begann, musste der Schutt sowie 
das geschmolzene Blei, Kupfer und Eisen weggeschafft und für die Aus- 
trocknung der monatelang der Nässe ausgesetzt gewesenen Mauern gesorgt 
werden. Zwei Jahre später, im Frühjahr 1873 wurde das provisorische 
Dach durch ein definitives ersetzt. Hierbei zeigte sich, dass der innere 
Theil der Seitenwände des Schiffs oberhalb der Gewölbe — sei es nach 
dem Brande von 1759 oder nach einem der früheren Brände — mit einer 



158 



Das Münster. 



Futtermauer aus Backstein versehen war, welcher es zu danken ist, dass 
die Hausteine auch durch die intensive Hitze des letzten Brandes nicht 
gesprengt sind. Jetzt ist nöthig alle alten Bestiche wegzunehmen und nach 
Abspitzung des Mauerwerks durch neue zu ersetzen u. s. w." 

Unter den jetzt in Fluss gekommenen und Erledigung heischenden 
Fragen war die wichtigste die die Bedachung der Kuppel betreffende. Von 
mehreren Seiten wurden gothische Lösungen befürwortet. Man hat aber, 
gewiss mit Recht, einer romanischen den Vorzug gegeben (das genauere im 
zweiten Theil). Die Ausführung durch Klotz erfolgte in den Jahren 1878,79. 
Erwähnt sei endlich noch die im Jahre 1880 spielende Episode einer 




Fig. 79. Ostansicht des Münsters, nach Klotz. 



lebhaften, zum Glück im Sande verlaufenen Agitation für den Ausbau des 
südlichen Fassadenthurmes. Nach dem Tode von Klotz (1880), der in der 
langen Reihe der Münsterwerkmeister sicher nicht zu den verdienstlosen 
gehört, blieb das Amt längere Zeit verwaist. Eine im Jahre 1888 von 
A. Böswillwald und F. v. Schmidt angestellte Untersuchung ergab, dass 
eine dauernde Erhaltung des Gebäudes nur von sehr umfassenden Mass- 
regeln zu erwarten sei, deren Durchführung lange Jahre in Anspruch 
nehmen wird. A. Härtel 1889 an die Spitze des Unternehmens berufen, 
wurde ihm schon im folgenden Jahre durch den Tod entrissen. Seitdem 
liegt die grosse ehren- und verantwortungsvolle Aufgabe in den Händen 
von F. Schmitz, dessen Name schon mit der Vollendung des Kölner Domes 
verknüpft ist. 



Das Münster. 



159 



Zweiter Theil. 
Beschreibung und innere Baugeschichte. 

1. Die Krypta. Sie umfasst den Raum unter der Apsis und der 
Vierung. Genauere Beschreibung wird durch die beigegebenen^ Grundrisse 
(Fig. 76 u. 83) überflüssig. Drei Bauzeiten sind zu unterscheiden. Der älteste 




Fig. 80. 




Fig. 81. 




Fig. 82. 




Fig. 



-82. Quaderbeschlag in der 
Krypta, nach Kraus. 



Anfang 11. Jh. 
Späteres 11. Jh. 
sss-gsa Anfang 12. Jh. 
mzzz Ende 12. Jh. 

Fig. 83. Grundriss der Krypta, nach Kraus. 



Theil ist der östliche, er stammt ohne Zweifel vom Bau Bischof Werinhars 
zu Anfang des 11. Jahrhunderts. Bezeichnend sind die an einigen Quadern 
auftretenden Zierschläge (Fig. 80—82). An Bauten des frühen Mittelalters bis 
in's 11. Jahrhundert findet sich ähnliches wiederholt, so dass Schlüsse auf 
spezielle Schulzusammenhänge, wie man wohl behauptet hat, daraus nicht 
zu ziehen sind. Die Gewölbe (Tonnen mit Stichkappen) und ihre Stützen 
sind noch im ersten Jahrhundert des Bestandes erneuert. Der westliche, 



160 



Das Münster. 



dem Vierungsraum der Oberkirche entsprechende Abschnitt ist eine Er- 
weiterung etwa aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts. Säulen mit Würfel- 
kapitellen und Eckknollen tragen die zwölf grätigen Kreuzgewölbe. 

2. Chor und Quer schiff. Diese Bautheile zeigen in ihrem Formen- 
wesen die ganze Skala von dem reifen romanischen durch den Uebergangs- 
stil bis zur Frühgothik. Ausserdem wird, nachdem sich in der Krypta un- 
zweifelhafte Ueberreste aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts gefunden 
haben, auch hier im Oberbau die gleiche Frage zu stellen sein. Fr. Adler 
hat sie für die Ostmauer des Querschififs und die rechtwinklige Umfassung 
der Apsis mit voller Ueberzeugung bejaht, F. X. Kraus eine hundert Jahre 
jüngere, aber immerhin noch nach dem ersten Brande des 12. Jahrhunderts 
fallende Entstehung angenommen. Indessen weder für das Eine noch das 
Andere habe ich eine Bestätigung finden können. Mauerwerk und Einzel- 
formen können frühestens in die Mitte des 12. Jahrhunderts gesetzt werden, 
viel wahrscheinlicher jedoch sind selbst die ältesten Theile erst nach dem 
Brande von a. 1176 begonnen. Die Beendigung der Arbeiten im Querschiff 
darf mit Adler auf a. 1240 oder lieber etwas später gesetzt werden. Was 
dagegen Adler's Hypothese einer tief eingreifenden Restaurirung im 
Anfang des 14. Jahrhunderts betrifft, so ist sie nach Allem, was darüber 
schon von anderen gesagt wurde, einer eingehenden Widerlegung nicht 
bedürftig (vgl. auch unten den Abschnitt über die Skulpturen des südlichen 
Kreuzschiffs). 

Wenn hiernach die Ansprüche des Münsters auf unmittelbare Erhaltung 
von Bautheilen aus dem frühen Mittelalter auf ein noch kleineres Maass, 
als bisher angenommen wurde, zurückgeführt werden müssen, so glaube 
ich hinwieder den mittelbaren Einfluss stärker anschlagen zu sollen. Die 
Anhaltspunkte dafür liegen sowohl in der Gestalt als in den Maassen 
des Grundrisses. Die Plandisposition der Osttheile hat zwei von dem 
Durchschnittsbilde deutschromanischer Kirchen abweichende Eigenthümlich- 
keiten: die Apsis schliesst ohne Dazwischentreten eines Vorderchores un- 
mittelbar an die Ostmauer des Querschiffs an; die Kreuzarme des letzteren 
sind länger als das Grundmaass der Vierung. Das sind Momente, die an 
einem im 12. Jahrhundert entstandenen Entwurf sehr befremden müssten, 
dagegen zu dem noch unentwickelten romanischen Styl der Frühzeit des 
11. Jahrhunderts sehr wohl passen. Beispiele dieser Anlage sind auch im 
Elsass mehrfach erhalten. In Strassburg selbst in St. Stephan, welche 
Analogie allerdings nicht durchaus beweiskräftig ist, insofern nicht fest- 
steht, dass St. Stephan vor dem Neubau des Münsters begonnen wurde; 
sicher dem 11. Jahrhundert gehört die Anlage in Eschau und Bergholzzell, 
was auf das Vorhandensein eines angesehenen Vorbildes hindeutet. Noch 
bestimmter wird die Vermuthung durch Vergleich der Abmessungen der 
Krypta mit denen der Oberkirche. Bringt man hier in Anschlag, dass die 
Mauern einer Krypta regelmässig etwas stärker sind als die Obermauern, 
so wird zweifellos, dass die Apsis des Werinhar'schen Baues dieselbe lichte 
Weite gehabt hat, wie die gegenwärtige, woraus mit ebenso starker Wahr- 
scheinlichkeit weiter folgt, das auch das Querschiff und Hauptschiff von 



Das Münster. 



161 



gleicher Breite waren. Man kann aber auch über die ehemaligen Längen- 
abmessungen begründete Vermuthungen aussprechen. Schon für die früh- 
romanischen flachgedeckten Basiliken war es eine wo nicht ausnahmslos, 
so doch häufig eingehaltene Regel, die Ausdehnung des Langhauses durch 
einfache Multiplikation der Vierungsseite zu bestimmen. Wenn nun im 
Strassburger Münster das gothische Langhaus vom westlichen Vierungs- 
bogen bis zur Thurmhalle gemessen genau einmal so lang als breit ist (und 
zwar so, dass die Pfeilerstellung auf die Quadrateintheilung keine Rücksicht 
nimmt, also eine Reminiscenz an das gebundene Gewölbesystem nicht vor- 
liegt), so steigt die Wahrscheinlichkeit auf einen hohen Grad, dass die im 
12. Jahrhundert begonnene und in langsamem Gang, stückweise, stylistisch 
ohne einheitlichen Plan fortgesetzte Erneuerung einfach den Grundlinien 
des alten Baues nachgegangen ist. Im ideellen Sinn könnte man dann 
wirklich sagen: der Bau Weinhard steckt noch im Gegenwärtigen drin. 
Er wird in seiner mächtigen Weiträumigkeit von keinem romanischen Bau 
Deutschlands erreicht, in der Längenausdehnung nur von zweien, den 
Domen von Speier und Mainz, übertroffen. 

Für die Annahme von Adler und Kraus, es sei schon die Vor- 
gängerin der gegenwärtigen Chorapsis platt geschossen gewesen, liegt 
schlechterdings kein Grund vor; ja es ist unter einem rechtwinkligen Chor 
eine halbkreisförmige Apsis, deren Einwölbung immer einige Schwierig- 
keiten mit sich brachte, als primäre Anordnung geradezu widersinnig. 
Die rechtwinklige Form ist vielmehr Ummantelung und eine Consequenz 
der späteren rechts und links angelegten Kapellen. Der Moment, in dem 
diese in den Bauplan aufgenommen wurden, lässt sich sehr genau be- 
stimmen. Noch als man, vermuthlich gleich nach a. 1176, das Nordkreuz 
mit der Ostmauer begann, hat man an die Kapellen nicht gedacht ; Beweis 
dessen die an der Aussenwand des Querschiffs, auch in dem jetzt inner- 
halb der Johanniskapelle liegenden Abschnitt, sichtbaren Sockel und Lisanen. 
Dagegen in der an das Südkreuz stossenden Andreaskapelle fehlen diese 
Elemente der Aussenarchitektur. Die Andreaskapelle war aber schon a. 
1190 spätestens vollendet, wie denn überhaupt der ganze untere Theil der 
Ostmauer, mag auch der südliche Abschnitt nach Ausweis seines grösseren 
Quaderformates etwas jünger in der Ausführung sein, einem einheitlichen 
Plane entstammt. Mithin sind die Kapellen ein zwischen 1176—1190, doch 
näher an 1190 als an 1176, beschlossener Zuwachs des Bauprogramms; ein 
Zuwachs, der wie ich nach verschiedenen Anzeichen vermuthe, mit einer 
gleichzeitig beschlossenen Neugestaltung des Bruderhofs (von der aller- 
dings direkt in der Quelle nichts steht) zusammenhing. Bruderhof ist in 
Strassburg der Name für den die Wohnungen der Domgeistlichkeit ent- 
haltenden Baukomplex, der hier wie überall die Anlage eines Klosters nach, 
ahmte. Abweichend von der Regel, wenn auch nicht völlig analogielos 
(Dom zu Hildesheim), ist die Lage an der Ostseite der Kirche. Bestimmte 
Zeugnisse, dass dieses von jeher der Fall gewesen sei, fehlen; vielmehr 
legt der bischöfliche Fronhof im Süden der Kirche (auf der Stelle des 
jetzigen Schlosses) die Vermuthung nahe, dass die älteste Clausur zwischen 

11 



162 



Das Münster. 



ihm und der Kirche, also in der normalen Südlage, sich befunden habe; wie 
andererseits die oben erwähnte sorgfältige Ausstattung der östlichen Aussen- 
wand des Nordtranseptes die unmittelbare Nähe von Clausurgebäuden aus- 
schliesst. Dies alles führt darauf, eine nach Beginn des Transeptes a. 1176, 
aber noch vor a. 1190 beschlossene Verlegung des Bruderhofes zu vermuthen, 
wodurch die Südseite der Kirche, ähnlich wie es um dieselbe Zeit an den 
meisten französischen Kathedralen geschah, freigelegt wurde. 

Man versteht nun sowohl den plötzlichen Verzicht auf die Detailaus- 
führung der Ostseite, die sonst im spätromanischen Styl als besonders 
glänzende Schauseite behandelt zu werden pflegte, als auch die eigen- 
thümliche Anordnung der Ostkapellen zum Chor, wo es darauf ankam, 
einen zusammenhängenden geradlinigen Abschluss für den Kreuzgang zu 
gewinnen. Dieser letztere ist im 16. und noch einmal im 18. Jahrhundert 
total umgebaut. Ueber die Disposition des 16. Jahrhunderts giebt ein im 
Frauenhaus bewahrter Grundriss Auskunft. Er zeigt nur drei Seiten mit 
Arkaden umgeben, während die vierte, der Ostwand entsprechend, frei bleibt. 
Und zwar macht eine ohne Detailzeichnung nicht mitzutheilende Eigenthüm- 
lichkeit gewiss, dass dieses schon die Anlage des 13. Jahrhunderts gewesen 
ist; anstossend an den Chor lag eine Kapelle des hl. Nikolaus. Ferner 
gehörten zum Bruderhofskomplex noch eine Gregors-, eine Georgs- und 
eine Blasiuskapelle, die beiden letzteren im Jahre 1256 geweiht. Bezeichnet 
dies Datum, wie anzunehmen nahe liegt, die Beendigung des Bruderhofes 
überhaupt, so begreift man, warum gerade um dieselbe Zeit die bisher so 
langsam hinschleichenden Arbeiten an der Kirche sichtlich in ein schnelleres 
Tempo eintraten. Leider haben die Umbauten des 16. und 18. Jahrhunderts 
vom Bruderhof nichts übrig gelassen als ein kleines Bruchstück an seiner 
Südwestecke. Hier bildet seine Umfassungsmauer die unmittelbare Fort- 
setzung des grossen Pfeilers, mit dem die Ecke des Südtransepts verstrebt 
ist (vgl. Fig. 79). Eine Reihe von Kragsteinen an der Innenwand lässt die 
ehemalige Theilung durch eine hölzerne Zwischendecke erkennen. Zum 
Obergeschoss gehörten die zwei nach dem Vorplatz des Südtransepts sich 
öffnenden schönen Fenstergruppen, in ornamentaler Hinsicht das beste, 
was aus der Uebergangszeit am Münster sich erhalten hat. 

Die den Chor flankirenden Kapellen, zu denen wir nun zurückkehren, 
sind nicht nur architektonisch, sondern auch nach ihrem Gebrauchszweck 
Mittelglieder zwischen Kirche und Bruderhof. Der Stockwerktheilung des 
letzteren correspondirend sind auch sie in zwei Geschossen angeordnet. 
Die Erdgeschosse dienten als Durchgangshallen vom Kreuzgang her; die 
betreffenden Portale, das südliche in schweren romanischen Formen von 
eigenthümlicher Compositum, das nördliche frühgothisch , haben sich er- 
halten. Die Südkapelle (St. Andreas) entspricht stilistisch der durch 
die Schriftquellen indizirten Entstehungszeit kurz vor a. 1190. Die Ge- 
wölbe sind noch grätig; drei von ihnen mit plumpen Wulstrippen erneuert. 
Das zweite Geschoss ist durch Umbauten späteren Datums verunstaltet. 
Eine kleine romanische Thür an der Ostwand ist wohl nur so zu deuten, 
dass sie in die oberen Räume des Bruderhofs führte; die Verbindung mit 



Das Münster. 163 

der Kirche wurde durch eine aus der Mauermasse des Chores ausgespartete 
Wendeltreppe hergestellt. Gegen das Querschiff öffnete sich der Raum 
in einer dreitheiligen , in ihren Formen schon frühgothisch zu nennenden, 
schwerlich vor c. a. 1230 entstandenen Arkade. Die korrespondirende Nord- 
kapelle (St. Johannes des Täufers) ist bald nach der südlichen, etwa 
1190—1200 begonnen, aber in Stockung gerathen und erst drei bis vier 




Fig. 84. Nische im nördlichen Kreuzarm, nach Kraus. 



Jahrzehnte später (aber sicherlich nicht, wie Adler will, erst a. 1260—65) 
vollendet. Von den romanischen Resten sind die interessantesten die an 
der Westmauer des Obergeschosses (= Ostmauer des Querschiffs) liegenden; 
sie beweisen, dass auch hier gleichwie über der Andreaskapelle eine 
offene Bogenstellung vorhanden war; während dieselbe aber dort in früh- 
gothischer Zeit noch erweitert wurde, wurde sie hier, wohl wegen der 
Bestimmung des Raumes zum Kapitelsaal, umgekehrt zugemauert. Die 
Raumbildung, im Erdgeschoss durch die gegebenen Höhen Verhältnisse un- 

11* 



164 



Das Münster. 



günstig bedingt, erhebt sich im Kapitelsaal, wo sie frei wird, zu grosser 
Schönheit; ganz besonders sind die knappen und doch kräftigen, man 
möchte sagen: jungfräulichen, Formen von ausserordentlichem Reiz; die 
Säulen sehr schlank, die Kapitelle von elastischem Umriss, die kantigen 
Rippen und Gurte unter sich nahezu gleichwerthig , von vorzüglich aus- 
drucksvoller Zeichnung der Bogenlinien — das Ganze eine der besten und 
selbständigsten Leistungen der deutschen Frühgothik. 

Nachdem die Anbauten erledigt sind, kann sich unsere Aufmerksam- 
keit ungetheilt der Kirche selbst zuwenden. Die Ostmauer des Quer schiff es 
(Fig. 85) bekundet bis zur Höhe des Gurtgesimses, wie schon gesagt, einen 
einheitlichen Plan. Ist im südlichen Arme die ursprüngliche Fassung theil- 
weise verwischt, so hat sie im nördlichen keine grossen Veränderungen 
erfahren. Jeder Arm zerfiel von Anfang an in zwei, durch Blendbogen 
von gleicher Höhe markirte Abtheilungen. Innerhalb des Blendbogens ist 
die Behandlung verschieden. Die Gliederung der dem Chor zunächst 
liegenden Abtheilungen äussert sich so zu sagen als Fassade der dahinter 
liegenden Doppelkapellen. Von den an den Enden liegenden Abtheilungen 
ist die südliche seit dem Ende des 16. Jahrhunderts durch die grosse astro- 
nomische Uhr verdeckt, die nördliche enthält einen nischenartig, halb in 
die Mauer ein-, halb aus ihr vorspringenden romanischen Zierbau in Form 
eines Portals. Jetzt steht in der Nische ein spätgothischer Taufstein, darüber 
ein in die Rückwand eingebrochenes hochgothisches Fenster; — was war 
die ursprüngliche Bestimmung? Diese schwierige Frage wird nicht ver- 
einfacht durch den Umstand, dass an der vorspringenden Südecke des 
räthselhaften Architekturstückes, aber nicht blos an ihr, sondern auch an 
dem benachbarten Theil der Umfassungsmauer, Verwitterungsspuren un- 
zweideutig einen längeren Einfluss von Luft und Wasser verrathen. Adler's 
Annahme, es sei das ehemalige Portal des Nordgiebels, das man hieher 
versetzt habe, wird ausser Anderem schon dadurch widerlegt, dass Ma- 
terial und Arbeit mit der Hauptmauer aus einem Guss sind. Eine zweite 
Hypothese hat Herr Knauth, z. Z. Architekt bei der Münsterbauhütte, mir 
mündlich vorgetragen. Er meinte, es sei die Fassadenthür einer neben 
dem Münster zu denkenden zweiten Kirche, was natürlich voraussetzt, dass 
die Kreuzflügel ursprünglich um die Hälfte kürzer gewesen sein müssten. 
Auch diese Annahme führt zu ganz unhaltbaren Consequenzen, abgesehen 
noch davon, dass die Quellen von der Existenz einer solchen Kirche nicht 
die leiseste Andeutung enthalten. Ich halte aufs Entschiedenste daran fest: 
1. dass der Bau immer an dieser Stelle gestanden hat, 2. dass er immer 
zur Innenarchitektur gehört hat. Und es scheint mir, um diese Voraus- 
setzungen mit der Thatsache der Verwitterung in Einklang zu bringen, 
an einer plausiblen Erklärung nicht zu fehlen. Man bedenke nur, dass 
zwischen der Ausführung der unteren Mauerhälfte und der Ausführung 
der Gewölbe mindestens 50 Jahre liegen ; während dessen hat der Bautheil 
unter freiem Himmel gestanden; denkt man sich dann noch etwa einen 
provisorischen Abschluss in der verlängerten Linie der Seitenschiffe, so 
wird begreiflich, dass gerade in dem in Frage stehenden Winkel Trauf- 



166 



Das Münster. 



wasser zur Wirkung kommen konnte. Hiernach bleiben meines Erachtens 
von den bisher vorgebrachten Deutungen zwei als mögliche übrig: als 
Eingangsthür zum Bruderhof oder als Wandtabernakel für einen Altar 
oder dergleichen. Bevor wir das Für und Wider erwägen, muss eine 
Untersuchung, die bisher nur zur Hälfte erledigt ist, durchgeführt sein. 
Was zeigt, müssen wir fragen, der homologe Wandabschnitt des Süd- 
kreuzes hinter der astronomischen Uhr? Zunächst über dem Fussboden 
eine tiefe aber wenig hohe (ca. 2,5 m) Nische von ganz später, auf der 
Grenze von Gothik und Renaissance stehender Ausführung. Dies war 
längst bekannt. Bis jetzt nicht bemerkt worden sind romanische Bogen- 
reste in der gleichen Höhenlage mit dem uns beschäftigenden Quasi-Portal 
des Nordkreuzes. Sie beweisen auch für diese Stelle eine wo nicht gleiche, 
so doch ähnliche Anlage; ein Vorsprung, wie im Nordkreuz, war nicht 
vorhanden, wohl aber eine in die Mauer vertiefte Nische, deren ehemalige 
Existenz durch den Ausbau an der Aussenwand (vgl. Fig. 79) weitere 
Bestätigung erhält. Die von Kraus bevorzugte Deutung als Eingangsthür 
zum Bruderhof, die mir schon vorher bedenklich vorkam, ist nach dieser 
Entdeckung unhaltbar. Es ist, wie ich früher dargelegt habe, zweifelhaft, 
ob vor dem Ende des 12. Jahrhunderts der Bruderhof überhaupt im Osten 
der Kirche gelegen habe ; es ist, auch wenn man diese Zweifel nicht theilt, 
unwahrscheinlich, dass seine Ausdehnung eine so enorme gewesen sei; es 
verträgt sich schlechterdings nicht mit der gegen a. 1190 getroffenen 
Disposition des Kreuzgangs. Und zu alledem: es sind ja die wirklichen 
Verbindungsthüren zum Kreuzgang vorhanden! nämlich an der Andreas- 
und Johanniskapelle. Wohin sonst hätten diese Portale führen können? 
Was soll für Thüren von so untergeordneter Bedeutung ein so kolossaler 
und pomphafter Aufbau? und was sucht eine Portalnische an dieser 
Stelle, d. i. der Innenwand, da sie sonst immer an der Aussenwand 
liegt? Auch sehen die neben der eingesetzten gothischen Wand stehen- 
gebliebenen romanischen Reste (Ecksäulchen, unmittelbar darüber Ansatz 
eines — auf Fig. 84 falsch ergänzten — Segmentbogens, kein horizon- 
taler Sturz) einem Thürgewände wenig ähnlich. Genug, die Deutung 
als Thür stösst überall auf Hindernisse. Es bleibt dann nur die andere, 
als tabernakelartige Ueberbauung einer für liturgische Zwecke bestimmten 
Flachnische. 1 ) Wenigstens für das Exemplar des Südtranseptes lässt sich 
eine solche Bestimmung sehr weit zurück verfolgen. Der Chronist Twinger 
von Königshofen berichtet, bei Einweihung der Katharinenkapelle a. 1349 
sei das Hl. Grab dorthin verlegt worden; bis dahin habe es sich in 



J ) Zu beachten ist noch das mit einer Holztafel verschlossene, einen Quader grosse Mauerloch 
unter dem Giebel (vgl. Fig 84), dahinter eine grössere Höhlung besteht, in der man menschliche Knochen 
gefunden hat. Was könnten dies anders sein als Reliquien? Also Avieder ein Hinweis auf sakrale 
Bedeutung. Ein schlechthin zwingender architektonischer Beweis wäre nur zu führen, wenn sich 
herausstellte, dass ein durchlaufender romanischer Aussensockel vorhanden ist oder war. Ich habe nach ihm 
gesucht, aber leider nur finden können, dass die Stelle, auf der er liegen müsste, durch die Widerlager 
eines im vorigen, vielleicht auch erst in diesem Jahrhundert angelegten Kellers verdeckt ist. Ob KLOTZ 
von dem Sockel, den er hier thatsächlich zeichnet, wirklich etwas gesehen hat, (was während der 
Restauration wohl möglich gewesen wäre), oder nur hypothetisch ihn ergänzt hat, muss leider dahin 
gestellt sein. 



168 



Das Münster. 



dem Kämmerlein gegen dem Urley, wo nun der Sankt -Richart- Altar 
steht, befunden. 1 ) Das ist, da die ältere Uhr an der Westwand, gegen- 
über der jetzigen stand, eben der Platz der letzteren: Der Ausdruck 
„Kämmerlein" passt vorzüglich zu der von mir angenommenen Nische. 
So wird denn auch die Nordnische eine ähnliche Bedeutung gehabt baben, 
sei es, dass sie ein Bildwerk oder einen Altar oder vielleicht von jeher 
einen Taufbecken umschloss. Man wird durch die ganze Disposition der 
Ostwand unwillkürlich an den Dom von Speier erinnert (vergl. Fig. 85), 
wo sie zufolge der neuesten Forschungen nach a. 1159, also keine 20 Jahr 
früher als in Strassburg, ausgeführt worden ist. Die Unterschiede der 
formalen Lösung entkräften nicht die Analogie. Wenn in der altchristlichen 
Architektur Thürbaldachine und Altarciborien sich oft gleich sehen, warum 
sollte man nicht in romanischer Zeit eine Altarnische einer Thürnische 
ähnlich machen? 

Das Erdgeschoss des Chores und des Querschiffs (mit Ausnahme der 
südlichen Giebelmauer) wird spätestens a. 1200 vollendet gewesen sein. 
Dann stellte sich eine lange Stockung ein, deren Ursache in den die Bau- 
mittel absorbirenden Arbeiten am Bruderhof zu suchen nahe liegt. Als 
man sich wieder dem Querschiff zuwendete, trat die Frage, wie die Wölbung 
durchzuführen sei, in den Vordergrund. Mit Ausnahme der südlichen, finden 
sich an keiner Wand Gewölbedienste von ursprünglicher Anlage. Es kann 
also für die Kreuzarme nur je ein einziges grosses Kreuzgewölbe, wie in 
St. Stephan (vgl. Abschn. VI), projektirt gewesen sein. Aber bei den sehr viel 
grösseren Abmessungen des Münsters stiegen gerechte Bedenken gegen ihre 
Durchführbarkeit auf. Es wurde die Einführung von Freistützen und mit 
ihrer Hülfe die Zerlegung in je vier gesonderte Kreuzgewölbe, dazu in über- 
ängstlicher Sorge die Anlage der unförmlich kolossalen Streben, an den 
vier Ecken beschlossen. Doch war das Verlangen nach grosser Sicherheit 
wohl nicht der einzige Beweggrund, man wollte auch eine schlankere 
Raumbildung haben ; denn nun konnten die Kämpfer um 4,30 m. höher 
gelegt werden, als sie, nach den Kämpfern der Vierungsbogen zu urtheilen, 
ursprünglich angenommen waren, d. i. fast um ein Drittel der letzteren. 
Dass es noch ein Zwischenprojekt mit einem grossen siebenrippigen Gewölbe 
gegeben habe und demgemäss die freistehenden Rundpfeiler unter der 
Kuppel erst nachträglich eingeschoben seien, für diese zwar mit grosser 
Zuversicht auftretende und von Kraus acceptirte Annahme Adlers finde 
ich (und fanden auch die Architekten der Münsterbauhütte) keine Bestätigung, 
wohl aber ein schwer überwindliches Hinderniss in der Dreizahl der Wand- 
dienste. Höchstens könnte an Zerlegung in je zwei Oblonggewölbe eine 
Zeit lang gedacht worden sein. Der Meister des veränderten Gewölbe- 
projektes, obgleich schon im 13. Jahrhundert stehend, huldigte einer noch über- 
wiegend romanischen Formanschauung , die sich an der Fassade des 
Nordtranseptes in etwas schwerfälliger Würde giebt. Von schwerster 
Form sind auch die zur Aufnahme der Rippen und Gurten bestimmten 



i) Uebereinstimmend mit einem von GR ANDIDIER, pag. 51, citirten gleichzeitigen Akt. 



Das Münster. 



169 



Halbsäulengruppen des Inneren. Sie sind nicht gebündelt, sondern haben 
merkliche Abstände von einander. Nur an der Südwand steigen sie vom 
Fussboden auf, wodurch die ungewöhnliche Anlage des Doppelportals 
bedingt ist; an der Nordwand setzen sie sehr unorganisch über der Thür- 
öffnung an ; an der Westwand, wo es anscheinend leicht gewesen wäre, sie 
nachträglich bis unten zu führen, beginnen sie erst auf der Höhe, auf der 
die Pause in der Werkführung eingetreten war. Die Westwand hat im 
Südkreuz noch zwei rundbogige Fenster; im Nordkreuz sind die Fenster 
spitzbogig, auf der Aussenseite im Osten mit schlichter Schräge, im Westen 




Fig. 87. Querschnitt durch den östlichen Theil des Langhauses (nach Dehio und v. Bezold). 



reicher dekorirt, in einem an das Südportal, zugleich auch an das von 
St. Peter und Paul in Neuweiler erinnernden Geschmack. Das reich 
komponirte Kreuzgesims zeigt an beiden Mauern des Nordkreuzes und dem 
den romanischen Fenstern entsprechenden Abschnitt des Südkreuzes die 
gleiche Form : Rundbogen, Sägeschicht, Rollenfries ; an den übrigen Theilen 
des Südkreuzes ist es gothisch. Bis es schliesslich zur Ausführung der 
Gewölbe selbst kam, war, wie ich glaube, schon ein anderer Meister am 
Werk. Die kräftigen, in ihrem Hauptbestandteil rechtwinklig profilirten 
Rippen, sind auch im Nordkreuz schon mit Birnstäben besetzt. Der starke 
Stich der Gewölbe ist ein geschicktes Mittel, die Folgen der an der Nordseite 
zu niedrig gelegenen Schildbogen zu überwinden. Im Südkreuz finden wir 
eine wiederum weiter vorgeschrittene Construktionsstufe. Die Ostfenster 



170 



Das Münster. 



wiederholen hier im grossen genau die Gestalt jener des Kapitelsaales und 
könnten ganz wohl denselben Urheber haben. Der Freipfeiler wurde ab- 
weichend von den übrigen als Gliederpfeiler behandelt und es war auch 
tektonisch ein glücklicher Gedanke, ihn mit einer dreifachen Reihe von 
Statuen zu umgürten. In diesen seinen jüngsten Theilen ist der Quer- 
schiffsbau bereits in wirkliche Gothik, die aber mit geschmackvoller Zurück- 
haltung geübt wird, hinübergelenkt. Gleichen Charakters ist die Fassade. 
Die Rundfenster sind nicht mehr, wie die gleichen des Nordkreuzes, mit 
dem Radspeichenmotiv, sondern mit einem doppelten Kranze von kleinen 
Kreisen ausgesetzt, vgl. St. Thomas. Die Bailustraden und der Giebel sind 
spätgothisch. Adlers Ableitung der Eckthürmchen von der Sainte Chapelle 
in Paris ist unbegründet ; das Motiv war längst bekannt und verbreitet und 
ist in Strassburg wahrscheinlich älter als an dem angeblichen Vorbild. 

Ueberblicken wir den Querschiffsinnenraum noch einmal als Ganzes, 
so sind die bestimmenden Momente die vier Freistützen und der Aufbau 
der Krypta. Für die unteren Theile wird dadurch die Raumeinheit durch- 
aus aufgehoben; *) in den oberen zwar stellt sie sich wieder her, aber das 
Auge ist nicht im Stande die Entfernungen genauer abzuschätzen, und so 
gewinnt das perspektivische Bild etwas Weites und Ahnungsvolles. (Schönste 
Ansicht um die Mittagsstunde, sei es, dass man aus dem hellen Südkreuz 
nach den dämmerigen Gewölben der Gegenseite hinblickt, oder umgekehrt 
im düsteren Schatten und unter den herben Formen des Nordkreuzes 
stehend die Lichtreflexe um den Engelspfeiler spielen sieht. Die störende 
moderne Orgel wird hoffentlich bald einen anderen Platz erhalten.) 

Die Kappel zeigt im Innern, wenn auch stark restaurirt, noch die 
nämliche Gestalt, die sie im Anfang des 13. Jahrhunderts erhalten hat. 
Ihr Aeusseres hat mehrere Wandlungen durchgemacht. Was der Brand 
während der Belagerung im Herbst 1870 zerstörte, war längst nicht mehr 
der alte Bau. Eines hat sich aber von diesem noch gerettet, die das 
Achteck bekrönende Gallerie. Daraus ergiebt sich, dass die Kuppel die 
übrige Baumasse von Anfang an nur mässig überragte. Schon die im 
letzten Stadium der Ausführung des Querschiffs eingetretene Ueberhöhung 
des letzteren, auf die ich oben hingewiesen habe, liess sie zu niedrig er- 
scheinen, und durch die weitere Ueberhöhung des Langhauses wurde sie 
vollends erdrückt. Im späteren Mittelalter erhob sich, wie Abbildungen 
zeigen (Fig. 72), über der romanischen Gallerie ein gothischer Aufbau von 
acht mit reichem Maasswerk ausgesetzten Giebeln und über diesen ein 
Faltendach, aus dessen Spitze ein Dachreiter aufstieg. Der populäre Name 
für diese gewiss sehr unruhig wirkende Kuppelkrönung war: „Bischofs- 
mütze". Die Formen des Maasswerkes, soweit sie sich aus den Kupferstich- 
ansichten des 17. Jahrhunderts beurtheilen lassen, schliessen die Möglichkeit 
der Entstehung nach dem Brande von a. 1298 nicht unbedingt aus, in welchem 
Fall a. 1384 nur Dach und Dachreiter erneuert wären; ganz wohl könnte 
aber auch das Ganze erst jetzt erbaut sein. 



x ) Auf einem Plan aus dem 17. Jahrhundert werden die Kreuzarme geradezu als „Kapellen" 
bezeichnet, der nördliche als St. Lorenz — der südliche als St. Georgskapelle. 



Das Münster. 



171 



Die Bischofsmütze bestand bis zum Brande von 1759. Von da bis 
1870 war die Bedachung auf eine abgestumpfte Pyramide reducirt. Bei 
der Restauration hat man mit Recht unterlassen, auf den ältesten Zustand, 




f p f p 

Fig. 88. Aufriss und Querschnitt der südlichen Seitenschiffswand, nach Fr. Schmitz. 



d. i. den des 13. Jahrhunderts, zurückzugreifen; denn derselbe war nach 
der Entwicklung, die das Gebäude in der gothischen Zeit genommen, 
ästhetisch unzulänglich und eine urkundlich sichere Basis für die Wieder- 
herstellung ohnedies nicht gegeben. Dasselbe hätte von der von mehreren 



172 



Das Münster. 



Seiten geforderten Wiederherstellung der Bischofsmütze gegolten. Noch 
mannigfaltige andere freie Lösungen wurden vorgeschlagen. Alles in 
Allem darf die schliesslich verwirklichte — sie rührt vom Dombaumeister 
Klotz her — auch die glücklichste genannt werden. Weiter hat Klotz die 
steilen spätgothischen Dächer der Kreuzflügel beseitigt und ihnen ihre 
ursprüngliche flachere Neigung gegeben. Auch ist der Giebel und sind 
die Eckthürmehen über dem Chor sein Werk; die letzteren durch die 
alten Wendeltreppen indizirt. Den Zustand vor Klotzens Restauration 
zeigt die Tafel „Südansicht a. 1870 (nach Leemann's Modell)". 

2. Das Langhaus. Dieser Bautheil macht, gewisse nicht eben augen- 
fällige Unterschiede der Behandlung abgerechnet, den Eindruck schöner 
Einheitlichkeit und die quellenmässigen Anhaltspunkte für seine Ent- 
stehungszeit sind ungewöhnlich bestimmter Art, d. i. im Jahre 1255 war 
der Bau im Gange — wie lange bereits, erfahren wir nicht, doch wird es 
länger als höchstens ein Jahrzehnt nicht wohl gewesen sein — und im 
Jahre 1275 wurden die Gewölbe geschlossen. Dennoch ist gerade wegen der 
Geschichte des Langhauses ein weites Auseinanderklaffen der Meinungen ein- 
getreten, veranlasst durch die Brandnachricht vom Jahre 1298, welche der 
Hypothesenbildung Thür und Thor öffnet. Es handelt sich, geringere Vari- 
anten ungerechnet, um drei Ansichten: 1. Das gegenwärtige Langhaus sei 
in allem wesentlichen dasselbe, das im dritten Viertel des 13. Jahrhunderts 
erbaut worden, wobei vorausgesetzt wird, dass der in Frage stehende Brand 
dem Steinwerk keinen tiefergreifenden Verderb gebracht habe; 2. Erwin 
habe das ganze Hochschifif erneuern müssen, dabei demselben eine grössere 
Höhe gegeben, als sein Vorgänger und das Trifolium neu hinzugefügt; 
3. das Langhaus sei ein von Erwin errichteter Neubau vom Grund aus, 
während der Bau seines Vorgängers noch dem romanischen Uebergangsstil 
angehört habe. Die letztere, von Fr. Adler herrührende These ist, soviel 
wir sehen, allgemein abgelehnt worden ; sie hier noch einmal zu widerlegen, 
wäre überflüssig und zeitraubend. Auf bessere Gründe stützt sich die 
zweite ; doch halten auch sie vor schärferer Prüfung nicht Stand. So kehre 
ich ohne Vorbehalt zur ersten, die ohnedies den Vorzug hat, die einfachste 
und nächstliegende zu sein, zurück. 

Beginnen wir die Analyse von Osten her, so haben die in die Seiten- 
schiffe sich öffnenden Bögen dieselben rechtwinkligen Einsprünge, wie 
die Vierungsbögen, die Wandkonsolen dieselbe Gestalt, wie die der grossen 
Wanddienste an der Westwand des Querschiffs (Fig. 86), selbst die schon 
im Langschiff liegenden Kapitelle des ersten Scheidbogenpaares sind von 
genau derselben Zeichnung, wie alle übrigen an den grossen Gruppen- 
pfeilern der Vierung vorkommenden Kapitelle (Fig. 89). Ausserdem gehört 
dieser Epoche der Bauführung, die mit der Mauer bündig ausgeführte Regen- 
leiste, an der äusseren Westwand sowohl des Nord- als des Südkreuzes; 
ihre Lage ist auf Fig. 86 durch punktirte Linien angegeben. Wirklich also 
waren schon damals die Seitenschiffe in der gleichen Breite und Höhe 
projektirt, die sie später durch die gothische Ausführung erhalten. Alles 
das ist geschehen noch bevor die Gewölbekämpfer des Querschiffes ihre 



Strassburg und seine Bauten. 

Münster: Südansicht a. 1870 (nach Leemanns Modell). 



Das Münster. 



173 



jetzige Höhe erhielten. Der Beweis dafür liegt in dem Gurtgesimse, das 
über der Oeffnung des nördlichen Seitenschiffs in gleicher Höhe mit den 
Vierungskämpfern ansetzt und in seinem Verlauf in nördlicher Richtung 
mit den Wanddiensten nicht etwa sich verkröpft, sondern hier mit einer 
Kapitellgruppe zusammentrifft, welche die Gewölbeanfänger unmittelbar 
aufnehmen sollte. Die hiermit vorgezeichneten Kämpferhöhen sollten, wie 
ich glaube, auch für das Mittelschiff des Langhauses gelten und die Gurt- 
bögen nur wenig höher werden, als der Triumphbogen ; natürlich hat man 
nicht an oblonge, sondern an annähernd quadratische Gewölbe nach dem 
gebundenen System gedacht; das Ganze hätte einem dem Uebergangsstil 
dieser Gegenden sehr geläufigen Typus, für den hohe Seitenschiffsöffnungen 
bei tiefer Lage der Gewölbekämpfer charakteristisch sind, sich ange- 
schlossen. Bekannte Beispiele dafür: S. Leodegar in Gebweiler und S. Arbo- 
gast in Rufach. So die muth- 
masslichen Absichten um das 
Jahr 1220. Sie müssen sehr bald 
aufgegeben worden sein. Sicher 
war es schon der Fall bei der 
Ausführung der Querschiffsge- 
wölbe, welche, wie man sich er- 
innert, vom Streben nach höheren 
und schlankeren Raumverhält- 
nissen beherrscht war. Dass man 
mit dem Bau des Langhauses 
überhaupt begonnen, geschweige 
denn ihn ausgeführt habe, dafür 
liegen im Gebäude selbst nicht 
die geringsten Anzeichen vor; 
sicher hätte man sich mit dem 

Ball des Chores, QuerSChiffs Und Fi £- 89 - Ka P ite11 der Bündelpfeiler an der Vierung, 
7 nach Kraus. 

Bruderhofes nicht soviel Zeit ge- 
lassen, wenn nicht für den Fortgang des Gottesdienstes anderweitig gesorgt 
gewesen, d. h. wenn nicht das alte Langhaus bis zur Vollendung der Ost- 
theile unberührt geblieben wäre. Mit dieser Schlussfolgerung harmonirt 
vollkommen der oben (S. 145) erwähnte Ablassbrief des Bischofs von Speier, 
den schon F. X. Kraus sehr treffend interpretirt hat. Also : die Annahme, 
dass zwischen dem gegenwärtigen gothischen und dem alten frühroma- 
nischen Langhaus es noch ein spätromanisches gegeben habe, ist nicht 
nur überflüssig, sondern direkt unwahrscheinlich. 

Nach der schliesslichen Vollendung des Querschiffes ging man ohne 
Pause zu den Langschiffen über. Die jüngsten Bestandtheile jenes haben 
mit den ältesten dieser das gleiche Gepräge, sehr augenfällig z. B. beim 
Vergleich der an den ersten Strebepfeiler der Nordseite angebauten (nachher 
durch die Martinskapelle zum Theil beseitigten) Wendeltreppe mit den 
Eckthürmchen der südlichen Querschiffsfassade. Das seit der Aufstellung 
des ersten, oben hypothetisch geschilderten Langhausprojektes verflossene 




174 



Das Münster. 



Vierteljahrhundert bedeutet einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der 
deutschen Baukunst. Lange genug schon waren die deutschen Meister 
mit den in Frankreich begründeten gothischen Bauformen bekannt gewesen; 
aber sie hatten deren System in seine Elemente aufgelöst, um dieselben 
in einem anderen, in einem wesentlich durch die romanische Stiltradition 
bestimmten Geiste aufzubrauchen. Jetzt war die Zeit gekommen, wo das 
gothische System als ganzes seinen Einzug hielt. Der Chor des Kölner 
Domes, das Langhaus des Strassburger Münsters sind die ersten ganz 
grossen Leistungen in der neuen Bauweise, genau gleichzeitig entworfen, 
aber in einem wie verschiedenen Geiste. Beide, der Kölner wie der 
Strassburger Meister, zeigen sich mit dem zur Zeit neuesten Stande der 
französischen Architektur so genau vertraut, dass man nothwendig annehmen 
muss, sie seien längere Zeit in französischen Bauhütten thätig gewesen ; ja, 
man kann mit grosser Wahrscheinlichkeit auch sagen, in welchen: der 
Kölner in Amiens, der Strassburger in St. Denis. Während aber der Kölner 
am deutschen Niederrhein nicht anders baute, wie er an der Somme oder 
Seine gebaut hätte, so wurde im Strassburger bei der Rückkehr sogleich der 
Geist der Heimath lebendig. Es ist natürlich nicht zu beweisen, dass er die 
ihm gestellte Aufgabe genau ebenso gelöst hätte, hätte er freies Feld vor sich 
gehabt; falsch bleibt, die Eigentümlichkeit des Strassburger Langhauses 
allein aus der Gebundenheit an den romanischen Ostbau abzuleiten ; x ) es 
ist kein unfreier Compromissbau, dafür zeugen sehr bestimmte Momente. 
Construction und Formwesen schliessen sich genau an das französische 
Vorbild, in dem zur Zeit schon eine den äussersten Folgerungen nahe Ent- 
wicklungsstufe erreicht war; unabhängig — wir dürfen auch im Sinne der 
historischen Abfolge sagen : deutsch — ist der räumliche Rhythmus. In Be- 
tracht desselben muss ich vor allem betonen, dass das Höhenmaass keines- 
wegs, wie nach dem Vorgang von Adler immer behauptet wird, durch den 
Wunsch bedingt ist, so hoch hinauf zu kommen, als irgend erreichbar 
war', vielmehr richtet es sich nach einem altüberlieferten, streng geome- 
trischen Kanon. Wenn man nämlich, was bis dahin unbemerkt geblieben 
ist, im Querschnitt aus der Gesammtbreite der drei Schiffe ein gleichseitiges 
Dreieck konstruirt, so fällt dessen Spitze mit den Schlusssteinen der 
Hochschiffsgewölbe genau zusammen (vgl. die Hülfslinien in Fig. 87). 
Ich habe über die einschlägigen Fragen kürzlich in einer besonderen 
Schrift gehandelt. 2 ) Die in Rede stehende Proportion lässt sich in Deutsch- 
land bis zum Anfang des 11. Jahrhunderts zurückverfolgen, ist besonders 
gebräuchlich im Uebergangsstil und verschwindet nach a. 1300. In der 
französischen Hochgothik herrschten andere Proportionen, denen sich 
auch der Kölner Meister, der Meister von St. Peter und Paul in Wimpfen, 
der Meister des Domes von Regensburg und andere Deutsche des 13. Jahr- 
hunderts angeschlossen haben. Klärlich ist das alles mit der Hypothese, dass 
das Mittelschiff seine jetzige Höhe erst durch Erwin erhalten habe, sehr 



J ) Man vgl. z. B. die viel rücksichtslosere Lösung in Freiburg. 

2 ) G. DEHIO : Untersuchungen über das gleichseitige Dreieck als Norm gothischer Baupropor- 
tionen. Stuttgart, J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger. 1894. 




Fig. 90. Anschluss der südlichen Hochschiffswand an den Thurmbau, nach Fr. Schmitz. 



176 



Das Münster. 



schwer vereinbar. Denn das von mir nachgewiesene Verhältniss der Höhe 
zur Breite ist in seiner strengen Gebundenheit nur als einheitliche Concep- 
tion denkbar. Ein gewisser Unterschied der Formen in den obern und den 
untern Theilen ist nicht zu verkennen; aber er ist nicht grösser, als sich bei 
einer Bauführung von 25 Jahren, während die Stilentwicklung in vollem 
Fluss begriffen war, unvermeidlich ergeben musste; und vor allem, was 
schon F. X. Kraus geltend gemacht hat, die Formen der oberen Langhaus- 
theile stehen von denen des Erwinischen Westbaus noch viel weiter ab. 
Sodann hat ein schlagendes technisches Argument gegen die Erneuerung 
nach a. 1298 (Gestalt des Halbfensters beim Zusammentreffen der südlichen 
Hochschiffswand mit dem Thurm), s. unsere Fig. 90, H. v. Geymüller in 
der Deutschen Bauzeitung 1873 geltend gemacht, wo S. 278 das Nähere nach- 
zulesen ist. Endlich wäre zu fragen, ob denn etwa die Schriftquellen eine 
wirkliche Zerstörung nicht nur des Dachstuhls, sondern auch des oberen 
Steinwerks anzunehmen, nöthigen? Keineswegs ist das der Fall. Warum 
in aller Welt, also sollte der Brand von a. 1298 dem noch frischen und 
widerstandskräftigen Gebäude verderblicher geworden sein, als die drei 
ebenfalls das ganze Dach, und zwar (was 1298 nicht geschah) sogar mit 
Ausdehnung auf die Kuppel und das Querschiff vernichtenden Brände von 
1384, 1759 und 1870, von denen wir doch wissen, dass sie die Mauern und 
selbst die Gewölbegurte unversehrt Hessen? Nein, in der That, es giebt 
keinen Grund dafür. 

Meine unmittelbare Empfindung, wenn von einem so subjektiven 
Moment zu reden erlaubt ist, hat sich immer dagegen gesträubt, dass das 
Raumbild des Strassburger Langhauses ein Flickwerk und Zufallserzeugniss 
sein sollte ; nun ist es mir eine wahre Erleichterung, die Beweise für die Ein- 
heit der künstlerischen Conception gefunden zu haben. Und schön ist dies 
Raumbild gewiss. Eine andere Frage wäre freilich, ob dasselbe mit dem 
französischen Gliederorganismus schlechthin harmonisch zusammenstimme. 
Unter allen Umständen ist man diesem Probestück einer kraftvoll selbst- 
ständigen Kunstgesinnung ein gründliches und uneingenommenes Studium 
seiner ästhetischen Bedingungen schuldig — was an dieser Stelle natürlich 
nicht versucht werden kann. Ein paar vergleichende Zahlen werden 
indessen willkommen sein. Die Mittelschiffsbreite, in den Axen gemessen, 
beträgt in Reims 14,7; in Amiens 14,2; in Köln 14,8; in Strassburg 16,4. 
Die Gesammtbreite der drei Schiffe in Reims 30,2; in Amiens 29,9; in 
Strassburg 37,7. Das Verhältniss der lichten Mittelschiffsweite zur Höhe 
des Gewölbescheitels ist, in runden Summen ausgedrückt, in Reims 1:3; 
in Amiens 1 : 3^; in Köln 1 : 3 x k ; in Strassburg 1 : 2 1 |io. Die Axen- 
abstände der Pfeiler zur Höhe verhalten sich in Reims 1:5; in Amiens 
1 : 5 3 k ; in Köln 1:6; in Strassburg 1 : 3 3 /s. 

Von den sieben Jochen des Langhauses zeigen die drei östlichen eine 
etwas alterthümlichere Haltung. Sie zeigt sich in der Arkatur der Seiten- 
schiffe, soviel davon der Durchbruch zu den Kapellen übrig gelassen hat; 
in den Widerlagern der Strebebogen; in dem in die Martinskapelle ein- 
gebauten, schwer zugänglichen Fries der nördlichen Seitenschiffsmauer. 



Das Münster. 



177 



Die analogen Stücke der vier westlichen Joche sind, ohne nennenswerthe 
Aenderung der Komposition, um einen Grad leichter und eleganter behandelt. 
Ein Wechsel in der Bauleitung braucht deshalb nicht nothwendig ange- 




Fig. 91. Querschnitt durch das Langhaus gegen Westen, nach Fr. Schmitz. 



nommen zu werden, doch wäre er möglich ; in welchem Falle der jüngere 
Meister ein im Mittelalter nicht eben häufiges Maass pietätvoller Unterordnung 
geübt hätte. Das Hochschiff ist in allen Theilen gleichartig. Die Erneuerung 
der Gewölbe in den Jahren 1459—69 scheint eine genaue Wiederholung 

12 



178 



Das Münster. 



der älteren zu sein, wahrscheinlich noch mit Benutzung beträchtlicher 
Theile des alten Rippenwerks. Ganz durchgeführt ist das hochgothische 
Prinzip der Beseitigung aller am Tragen der Bogen und Gewölbe nicht 
unmittelbar mitthätigen, bloss raumabschliessenden Bautheile. Aber der 
hierdurch eintretende Verlust an Masse wird weniger fühlbar Dank der 
kraftvollen Pfeilerbildung. Wie schlecht am Platze wäre hier der noch 
kürzlich in Reims und Amiens angewendete, auch in den frühestgothi- 
schen Bauten des Elsass einigemal vorkommende kantonirte Rundpfeiler 
gewesen. Richtige Einsicht führte unseren Meister auf das zur Zeit 
neueste Vorbild, die seit a. 1231 im Umbau begriffene Abteikirche von 





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Arkatur in der Thurmhalle, nach Fr. Schmitz. 



St. Denis. Schwerlich jedoch deshalb, weil es das neueste war, sondern 
eher umgekehrt, weil das hier aufgenommene Prinzip des quadratischen 
Kernes eben nur das des romanischen Gliederpfeilers war, allerdings durch 
Vermehrung der Dienste und Steigerung der Höhenproportion mit sehr 
verändertem Habitus. Unter den Händen des Strassburger Meisters trat 
nun, in Harmonie mit den allgemeinen Raumverhältnissen, eine Art Rück- 
bildung ein, insofern die relative Höhe wieder herabgesetzt wird. Der 
Durchmesser verhält sich zu ihr wie 1 :3 3, 5, also genau wie die Quer- 
schnitt sproportion des Mittelschiffs. Die stark ins Auge fallenden recht- 
winkligen Absätze halten die Beziehung zur Mauer aufrecht, wie ja über- 
haupt die Uebereckstellung des Grundquadrates historisch betrachtet ledig- 
lich eine durch Vermehrung der Halbsäulen allmählich vollzogene Ver- 
schiebung ist. Von den 16 Halbsäulen steigen 5 als Dienste der Mittel- 



Das Münster. 



179 



schiff sgewölbe weiter empor, drei entsprechen den Seitenschiffsgewölben, 
je vier den Arkadenbögen. Die Pfeiler indess würden den vorbildlichen 
Einfluss von St. Denis zu beweisen 
allein nicht hinreichen; es sind noch 
andere und stärkere Aehnlichkeiten 
da. So in der Arkatur der Seiten- 
schiffswände und zwar, was wichtig 
ist, gerade des älteren Abschnittes des- 
selben; dann besonders in der Kompo- 
sition des Triforiums und des Fenster- 
maasswerks. l ) Die beiden letzten 
Punkte haben um so grössere Be- 
deutung, weil die betreffenden Typen 
in St. Denis sunt ersten Mal auftreten. 

Was das Triforium betrifft, so 
besteht die Neuerung in der Beseiti- 
gung der steinernen Rückwand und 
ihrer Ersetzung durch eine Glaswand. 
Sie ist ästhetisch von grosser, struktiv 
von keiner Bedeutung; wenigstens 
keiner unmittelbaren; mittelbar folgt 
aus ihr allerdings, dass die Seiten- 
schiffsdächer eine andere Gestalt er- 
halten, dass sie aus Pultdächern in 
Satteldächer sich verwandeln mussten, 
deren Wasserablauf nur durch um- 
ständliche Hülfsanlagen zu reguliren 
war. Man hat nun gesagt, class ein 
in vielen Stücken so alterthümelnde 
Neigungen bekundender Meister, wie 
der unsere, unmöglich diese letzten 
Konsequenzen der fortgeschrittensten 
Gothik habe ziehen können, und ins- 
besondere hat man in der oben S. 172 
besprochenen Regenleiste den Beweis 
gesehen, dass das Triforium in der 
Zeit vor dem Brande von dem Pult- 
dach der Seitenschiffe überragt, mithin 
dunkel gewesen sei. Beides sind Fehl- 
schlüsse. Alterthümelnd oder, wie 
man mit Unrecht sagt, befangen war 
unser Meister nur in seiner Raum- 
empfindung ; ganz und gar nicht im Konstruktiven. Da seine Bekannt 




Fig. 93. 



Triforium und Fenster in St. Denis, 
nach Viollet-le-Due. 



a ) Schon dieser Umstand, nämlich dass die Analogien mit St. Denis sich gleichmässig auf das Erd- 
geschoss und das Obergeschoss erstrecken, hätte als Warnung dienen sollen, beide als verschiedenen 
Bauperioden und Bauideen angehörig zu erklären. 

12* 



180 



Das Münster. 



schaft mit der neuen Art der Triforien unbestreitbar ist, woraufhin darf 
man ihm die Fähigkeit oder Neigung zu ihrer Anwendung bestreiten? 
Nicht minder hinfällig ist das Argument der Regenleiste. Dieselbe beweist 
lediglich, dass man in einem gewissen Stadium des Querschiffbaues ein 



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Fig. 94. Fassadenriss A, nach dem Original im Frauenhaus. 



Pultdach vorbereitet, nicht, dass man es jemals ausgeführt hat. Evident 
ist die Anlehnung an St. Denis in der Zusammensetzung des Stil- und 
Maasswerks der Fenster. Dieses schönste und reichste, dabei noch ge- 
mässigte Muster ist in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sehr ver- 
breitet; zur Zeit, als das Strassburger Langhaus begonnen wurde, konnte 
dessen Erbauer es nur am Orte seiner muthmasslichen Erfindung, in 
St. Denis, kennen gelernt haben. Ein spezieller Punkt der Uebereinstimmung, 




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Fig. 95. Fassadcnriss B, nach dem Original im Frauenhaus. 



182 



Das Münster. 



für die Ableitung von durchschlagender Beweiskraft, ist die sonst in dieser 
Combination unbekannte (unbekannt auch den für Erwin beglaubigten 
Theilen des Münsters!) Besetzung des mittleren („alten") Pfostens mit einem 
Doppclstub. Eine feinfühlige Verbesserung des Vorbildes liegt in der Ver- 
schiebung der Grössenverhältnisse der Kreise. Die die jungen Pfosten 
verbindenden Spitzbogen sind noch nicht mit Kleeblattbögen ausgesetzt. 
Weniger gut als die Zeichnung ist die Ausführung, sie hat zu flaches Relief. 

Im Vergleiche mit St. Denis eine günstig wirkende Abweichung ist, 
dass das Strebewcrk nicht wie dort zwei, sondern nur einen Bogen hat. 
Was aus diesem immer misslichen Bestandtheil des gothischen Systems 
Gutes zu machen ist, ist hier gemacht: es steht in glücklichster Mitte 
zwischen roher, unverschmolzener Hülfskonstruktion und aufdringlichem 
Dekorationsstück. Die Bekrönung der Widerlagspfeiler ist verschieden in 
der östlichen und westlichen Hälfte (vgl. Fig. 87 mit Fig. 91). 

Die Balustraden und Fialen des Hochschiffs sind vom Ende des 
15. Jahrhunderts. 

4. Westfront und Thürme. Zur Erkenntniss der Entstehungsge- 
schichte dieser Theile tritt eine neue Quellengattung in Kraft; es ist eine 
Anzahl von alten Rissen erhalten, die theils dem ausgeführten Bestände 
entsprechen, theils von schwankenden Absichten Nachricht geben. Zwölf 
Originalrisse liegen im Frauenhaus, einer im Archiv des Münsters zu Bern, 
einer ist im Privatbesitz in Paris, eine wichtige Copie hat das germanische 
Museum in Nürnberg. Noch fehlt eine eingehende Untersuchung. Im Fol- 
genden kann nur auf die wichtigsten derselben Rücksicht genommen werden. 

Tritt man vom Langhaus kommend an die Betrachtung des Frontbaues, 
so fällt eines sogleich auf: es fehlt jeder nähere Schulzusammenhang zwischen 
ihnen. Die Gesinnung im Ganzen, wie die Formengestaltung des einzelnen 
bis zum kleinsten Ziergliede hinab ist neu, sie tritt der Behandlung des 
Innern, nach Adler's Ausdruck, „mit genialer Sicherheit, aber auch mit 
Härte entgegen"; es wird hier gleichsam in einem andern Dialekt gesprochen. 
Wenn nicht die Schriftquellen in einer nicht umzudeutenden Weise den 
ununterbrochenen Fortgang des Werkes bezeugten, würde man an eine 
längere Unterbrechung zu glauben geneigt sein. Nun ist allerdings anzu- 
nehmen, dass die Herstellung der Fundamente und Gerüste eine nicht 
ganz kurze Zeit in Anspruch genommen habe, wie denn auch eine Nach- 
richt erhalten ist, aus der hervorgeht (Fund eines durch seine Grösse in 
Erstaunen setzenden Menschenskeletts), dass man im Jahre 1280 noch an den 
Fundamenten zu thun hatte. Sodann hat, wie später näher begründet 
werden wird, Erwin schwerlich von Anfang an dem Bau vorgestanden 
(vgl. auch Kraus I, S. 364). Erwähnt wird sein Name thatsächlich nicht 
früher als a. 1284. Auch dürfte die oben konstatirte gründliche Verschieden- 
heit seines Stils von dem bis dahin am Münster geübten als ein Zeichen 
anzusehen sein, dass er ein Fremder war. 

Die erste Abweichung von der dem Meister des Langhauses vor- 
schwebenden Idee begegnet bereits in der inneren Thurmhalle. Schon ein 
Blick auf den Grundriss zeigt, dass die Bruchlinie zwischen dem Alten 




Fig. 96. Fassadcnriss C, nach der im Frauenhaus vorhandenen Kopie. 



184 



Das Münster. 



und dem Neuen nicht verdeckt, dass eine wirkliche Lösung für die Gestalt 
der Thurmpfeiler nicht erreicht ist. Aus den glatten Pfeilerstücken unter 
der Oeffnung der Seitenschiffe glaube ich mit Sicherheit schliessen zu 
sollen, dass der Meister des Langhauses eine geschlossene Vorhalle im 
Sinne gehabt hatte, wie sie der romanischen Tradition entsprach und noch 
in St. Denis vorkam. Die französische Gothik hatte allerdings sehr bald 
die Vorhalle mit den Schiffen verschmolzen, sei es, dass man nichts, was 
zur Vergrösserung der Raumwirkung beitragen konnte, verloren gehen 
lassen wollte, sei es, dass man darauf Gewicht legte, auch die Westwand 
mit Lichtern zu durchbrechen, welcher letztere Gesichtspunkt besonders seit 
dem Autkommen der Fassadenrose bestechend sein mochte. Ohne Dissonanz 
mit dem System der Schiffe ist es dabei nie abgegangen. Bei uns in 
Strassburg (Fig. 91) wird sie noch verschärft durch den Wechsel in der 
Formenbehandlung. Eine leichte Aufgabe war es nicht, die hohe Frontwand 
im Innern angemessen zu gliedern, da es an struktiven Leitmotiven fehlte. 
Gewiss aber wäre eine rücksichtsvollere Anpassung an den Aufbau der 
Schiffe denkbar. In der von Erwin gewählten Eintheilung spielt die Bogen- 
linie eine auffallend kleine Rolle; es herrschen rechtwinklig umrahmte 
Blendnischen, in denen ein mageres Stabwerk die vertikale Richtung mit 
Einseitigkeit hervorkehrt; wo diese sich nicht geltend macht, wie an der 
Arkatur zu ebener Erde, da erfreut allerdings Zeichnung und Ausführung 
durch hohe Schönheit. (Fig. 92). Ueber dem Mittelportal und mit diesem in 
gleicher Breite sitzt ein geblendetes, quadratisch umrahmtes Rosenfenster. 
Das Centrum der grossen, offenen Fassadenrose befindet sich schon auf 
gleicher Höhe mit den Gewölbescheiteln des Hauptschiffes, doch treten in der 
perspektivischen Ansicht zum Glück keine Ueberschneidungen ein; sicherlich 
ist die Wirkung des Motives auch im Innern gross und majestätisch. 

Treten wir nun in's Freie und vor die Fassade, so ist ihr Verhältniss 
zu den französischen Vorbildern wie ihr selbständiger Ideengehalt , ist die 
Harmonie der grossen Linien wie die Anmuth des Einzelnen, die schwel- 
gerische Fülle des Ornaments ohne Schädigung der Klarheit, die in hohes 
Staunen versetzende Virtuosität der Steinmetzleistung, so ist dies alles so 
oft beschrieben und im Grunde unbeschreiblich, dass es hier nicht wiederholt 
zu werden braucht. Dafür möchten wir eingänglicher wieder die genetische 
Frage in Betracht ziehen, wobei von Anfang an die oben erwähnten Risse 
zu Hülfe zu ziehen sind. Zwei von ihnen, wir wollen sie mit A und B be- 
zeichnen (Fig. 94 und 95), sind zweifellos Vorstufen des ausgeführten Planes. 
Riss A zeigt den französischen Fassadentypus bereits in einer Richtung 
variirt, die für die späteren Lösungen bestimmend blieb. Alle Oeffnungen, 
Thüren und Fenster, haben eine bis dahin unerhörte Weite erhalten. Das 
herrschende Motiv ist in einem Grade, wie bei den französischen Compo- 
sitionen noch nicht, die Rose geworden. Das erste Thurmgeschoss hat 
nicht wie dort eine Gruppe von zwei Fenstern, sondern die ganze Breite 
von Pfeiler zu Pfeiler ist kühn von einem einzigen Fenster durchbrochen. 
Die Streben laden nur wenig aus. Der Proportions- und Formengeist ist mit 
dem der Fassade Erwins so wenig verwandt, dass man nicht glauben kann, 



Das Münster. 



185 



Erwin habe in kurzer Zeit einen solchen Wechsel seines persönlichen Stils 
durchgemacht. Mithin war schon vor Erwin ein anderer — man wird nicht 
leugnen können : sehr bedeutender, vielleicht mit dem Vollender des Lang- 
hauses identischer — Meister an der Fassade thätig, dessen Compositions- 
ideen Erwin sich in den Grundzügen angeschlossen hat. — Riss B stimmt 
mit der Ausführung bis zur Höhe des Wimpergs der Seitenportale; von 
da ab treten, je weiter aufwärts, um so grössere Unterschiede hervor. Ist es 
ein zweiter Entwurf vom Meister des Risses A ? Schwerlich. Oder soll man 
zwischen diesem und Erwin noch einen andern Unbekannten annehmen? 
Gewiss eine erst recht nicht sich empfehlende Unterstellung, bei der überdies 
für Erwin wenig mehr übrig bleiben würde. So haben wir also mit be- 
trächtlicher Wahrscheinlichkeit in Riss B Erwins erste und für die Aus- 
führung anfangs massgebende Idee zu sehen. Wieviel von den nachher 
eintretenden Abweichungen ihm selbst, wieviel seinen Söhnen zuzuschreiben 
sei, entzieht sich der Beurtheilung. Um das Verhältniss zu Riss A festzu- 
stellen, so hat Riss B zunächst Korrektur der konstruktiven Kühnheiten für 
nöthig gehalten; die Verstrebung der Thürme ist verstärkt; die Thür- und 
Fensteröffnungen sind verengert, ohne von ihrer Composition im Ganzen 
abzuweichen. Keineswegs aber war es Erwins Absicht, dem Auge grössere 
ruhende Flächen, als sein Vorgänger, darzubieten. Das Prinzip der 
Flächenbelebung durch aufsteigendes Stabwerk ist auf dem Entwurf bereits 
ebenso weit entwickelt, wie in der Ausführung und auch das kann man 
als wahrscheinlich ansehen, wenn es auch in der Zeichnung nicht unmittelbar 
evident wird, dass die Stäbe von Anfang an als frei vom Grunde sich 
ablösende gedacht waren. Ist schon hierdurch für den optischen Schein 
das Höhenmoment viel stärker betont, als im Risse A, so tritt auch eine 
absolute Steigerung der ganzen Stockwerkhöhen ein. Auf Riss A entspricht 
der Fassadenumriss (nach Abzug der Pfeilervorsprünge) einem etwas ver- 
ringerten, auf Riss B einem etwas überhöhten Quadrat. Durch diese Ver- 
schiebung verlor das Rosenmotiv einiges von seinem Gewicht. Die Wimperge 
über den Portalen wurden steiler gebildet, die auf sie folgende Blendgallerie 
(eine Reminiscenz an die Kathedralen von Paris und Amiens) wurde mit dem 
vertikalen System des Stockwerks inniger durchdrungen. Dem Mittelbau 
allein gehört die Gallerie des dritten Geschosses, während neben ihr die 
Thürme sich bereits frei machen, um zu höheren Stufen weiterzustreben; 
gewiss giebt sie einen ruhigeren, mit den Wimpergen der Flanken-Fenster 
freier zusammengestimmten Abschluss, als die eintönige Wiederholung des 
Giebelmotivs es gethan hätte. Unreif ist nur die Schlussentwicklung der 
Thürme. Was aber die eigentliche Fassade betrifft, so ist sie in der flüs- 
sigen Belebtheit des Rhythmus, in der vollkommenen Auflösung des Streites 
der wage- und senkrechten Linien das schönste, was die Hochgothik er- 
sonnen hat, — der schliesslichen Ausführung sicher überlegen. 

Erwins letzte Fassung, die wir angeblich im Risse C (Fig. 96) vor uns 
haben, 1 ) hat sich in manchen Punkten der Composition, namentlich der 



J ) So die gewöhnliche Annahme; ich glaube eher, dass diese nur in der Nürnberger Copie 
erhaltene Zeichnung eine spätere, Erwins Original mit der Ausführung combinirende Studie sei. 



Fig. 97. Nördliches Seitenportal (mit Weglassung der Fensterbalustrade), nach Fr. Schmitz. 




Tmrfmtf f 4 * —I f f f * 

Fig. 98. ; Mittelportal, nach Fr. Schmitz. 



188 



Das Münster. 



verstärkten Betonung der Rose, dem Entwurf A wieder genähert, die Be- 
handlung im Ganzen aber, von Ueberanstrengung und Eintönigkeit der 
Motive nicht frei, ist schon viel verwandter dem Geiste des 14. als dem 
des 13. Jahrhunderts. Die Gallerie zwischen erstem und zweitem Geschoss, 
die schon in B gegen A an Bedeutung verloren hatte, ist in C verschwunden; 
die Härte zwar, womit die Horizontallinie des Gesimses die Composition 
durchschneidet, wird im aktuellen Zustande noch wesentlich verstärkt durch 
die Fensterbalustraden ; diese aber halte ich, worauf nicht bloss stilistische 
sondern auch technische Momente hinweisen, für einen Zusatz aus späterer 
Zeit (das ist der Grund, wesshalb ich Riss C nicht als unveränderte Wieder- 
gabe von Erwins Original anerkennen kann). Jedenfalls entlastet Riss C 

Erwin von der Verant- 
wortung für einen gro- 
ben Fehler der Ausfüh- 
rung : ich meine den , 
dass die ersten Thurm- 
fenster höher geführt 
sind, als die zentrale 
Rose, so dass die Apostel- 
gallerie förmlich als Ein- 
knickung wirkt. Unbe- 
greiflich , dass Erwins 
Söhne sich an ihrem 
Vater so schwer ver- 
sündigen konnten. (Von 
der Geschmacklosigkeit 
der um die Pfeiler ge- 
kröpften Balustraden 
sind sie hingegen frei zu 
J" h io Jo i. io ei i 0 a 4o in iio & i&o *lo |1S Meter - sprechen. Diese fallen 

Fig. 99. Nordthurm, Grundriss des Oktogons, nach Carstanjen. einer noch Späteren 

Zeit zu.) 

Auf dem Riss C und seinen Ableitungen fehlen die Thürme. Dass Erwin 
sein erstes Projekt für sie aufgegeben hatte — wir zögern nicht zu sagen : 
mit Recht — ist klar; leicht möglich, dass er über der offen gelassenen 
Frage hinweggestorben ist. So erklärt sich am füglichsten die traurige 
Krisis, in die der Bau in seinem dritten Geschosse eintrat. Um die Zeit als 
der Südthurm ausgeführt wurde, kann an das Mittelstück über der Rose 
noch nicht gedacht worden sein, da die entsprechende Seite, jetzt Innen- 
seite, durchaus noch als freie Aussenseite konform den drei übrigen be- 
handelt ist. Dagegen hat der Nordthurm hier zwar noch Fensteröffnungen 
und detaillirte Gewände, aber kein Stabwerk und keinen Fries mehr. 
Mithin ist kurz vor seiner Vollendung, die zum Jahre 1365 berichtet wird, 
das Projekt des Verbindungsbaus in Sicht gekommen. Dass Ulrich En- 
singer von dieser Verirrung frei zu sprechen sei, hat Kraus verdienstvoll 
nachgewiesen. Welcher von den Nachfolgern Meister Gerlachs nun, ob 




Das Münster. 



189 



Kuntze oder Michel von Freiburg der Schuldige sei, ist ziemlich gleich- 
gültig; wichtiger wäre zu wissen, was mit dem unglückseligen Beschluss 
denn eigentlich bezweckt wurde. Die gewöhnliche Erklärung ist, man 
habe, um die Steigerung des Höhenmaasses wenigstens für einen Thurm 
durchzusetzen, auf die Weiterführung des anderen verzichtet, dabei aber 
ihn nicht offenkundig als unfertigen Stumpf stehen lassen wollen. Recht 
überzeugt bin ich davon nicht. Es ist noch eine andere Deutung möglich : 
die, dass man für beide Thürme die Vollendung aufgab, um mit horizon- 
talem Fassadenabschluss sich zu begnügen. Es ist eine mit der Ausführung 
übereinstimmende Planzeichnung vorhanden, nur mit dem Zusatz einer 
Bekrönung in der Mittelaxe, die wir uns anscheinend als niedrigen Acht- 
eckthurm zu denken haben. Ein solcher hat aber nur unter der zweiten, 
desshalb wie mir scheint 
vorzuziehenden, Voraus- 
setzung einen Sinn. Der 

augenscheinlich bau- 
müden Stimmung und 
verworrenen Lage des 
Gemeinwesens in der 

zweiten Hälfte des 

14. Jahrhunderts würde 
ein solcher Akt der Re- 
signation sehr ent- 
sprechen. 

Aber an der Schwelle 
des neuen Jahrhunderts, 
wie wir im ersten Theil 
gesehen haben, kam ein 
auffrischender Muth in 
die Höhe und fand seinen 

Ausdruck in der Beru- Fig. 100. Nordwestliche Schnecke, nach Carstanjen. 

fung Ulrichs von En- 
singen. Das Bürgerthum ist der Träger der gothischen Nachblüthe im 

15. Jahrhundert. Spezifisch bürgerlich und handwerklich ist der Baugeist 
dieser Epoche. Ein Wetteifer entbrannte in der Errichtung möglichst 
hoher Thürme. Man dachte dabei nicht an die Fassade und ihre harmo- 
nische Bekrönung, deren Ueberblick ohnedies durch die Enge der städtischen 
Strassen und Plätze verwehrt wurde, man wollte einen Schmuck für das 
Stadtbild im Ganzen haben, ein weithin sichtbares Wahrzeichen aufrichten. 

Durchaus in diesem Sinne hat Ulrich Ensinger seine Aufgabe gefasst. 
Dazu kam das spezielle Programm, den Thurm bis zur höchsten Spitze 
hinauf bequem zugänglich zu machen. Die Besteigung des Münsterthurmes 
ist noch heute eine der volksthümlichsten Vergnügungen ; wieviel mehr muss 
sie das damals gewiesen sein, als man Bergbesteigungen noch nicht kannte, 
welch ein Genuss und Stolz den Bürgern, über die hinter Mauern und 
Wällen wohl geborgene Vaterstadt hinweg ins Land Ausschau zu halten. 




190 



Das Münster. 



Charakteristisch für das 15. Jahrhundert, 
die Kehrseite der verjüngten Schaffenslust, ist 
ferner eine kurzsichtige Rücksichtslosigkeit gegen 
Plan und Geist der Vorfahren. Meister Ulrich ist 
auch darin der Sohn seiner Zeit. Er dachte nicht 
daran , den nun einmal beschlossenen Bruch 
wenigstens zu verschleiern, den begonnenen Mo- 
tiven wenigstens eine leidliche Auflösung zu ge- 
währen; ihm war, was er vorfand, ein nur ma- 
teriell in Frage kommender, künstlerisch gleich- 
gültiger Unterbau, auf den er seinen Thurm als 
ein Gebäude für sich hinstellte. Lässt man aber 
solches gelten, so wird man der auf sicheres 
Wissen gegründeten Verwegenheit der Konstruk- 
tion, der handwerklich eleganten Faktur die 
Anerkennung nicht versagen. Acht Pfeiler und 
zwischen ihnen acht überaus schlanke Fenster 
umschreiben den mittleren Baukörper und gegen 
die Ecken des Grundquadrates erheben sich, als 
selbständige Thürme behandelt, vier Wendel- 
treppen in sechseckigem Gehäuse, im grössten 
äusseren Durchmesser noch nicht 3 m stark und 
40 m hoch (Grundriss Fig. 99). Dabei war es 
eine ächt spätgothische Idee, jedem der vier 
Schneckenthürme einen andern Grundriss zu 
geben (die Detailzeichnung des einen Fig. 100). 
Am komplizirtesten ist die Nord-Ost-Schnecke. 
Sie enthält eine Vexirtreppe , d. h. zwei Läufe, 
die so angeordnet sind, dass zwei Personen 
ohne einander ansichtig zu werden, gleichzeitig 
auf- und niedersteigen können. Dicht über den 
hohen Fenstern sitzende Rippenanfänger lehren, 
dass das Thurmachteck hier abschliessen und 
der Helm beginnen sollte. Allein dem Meiste^ 
schien der Punkt noch nicht hoch genug und er 
fügte dem Oktogon noch ein zweites niedrigeres 
Geschoss hinzu, dessen unorganische Entwicke- 
lung durch die fortlaufenden Schneckenthürme 
nothdürftig verschleiert wird. Das abschlies- 
sende Gewölbe besteht aus frei schwebenden, 
kunstvoll sich durchdringenden Rippen, welche 
kleinen Säulchen zur Basis dienen und erst 
diese sind dann , die eigentlichen Gewölbrippen- 
träger. Bisher hielt man die Ueberhöhung für 
das Werk von Ulrich's Nachfolger Joh. Hültz. 
Kürzlich hat jedoch Fr. Carstanjen (Ulrich von 




Fig. 101. Helmcntwurf A (von Math. 
Ensinger), Original in Bern. 



Fig. 102. Helmentwurf B Fig. 103. Helmaufriss C (von Joh. Hültz). 

(von foh. Hültz;. Neue Aufnahme von Fr. Schmitz. 



192 



Das Münster. 



Ensingen, München 1893) überzeugend bewiesen, dass sie schon von Meister 
Ulrich selbst herrührt. 

An diesem Punkte angelangt starb der Meister. Wegen der Fortführung 
kam es zu Streitigkeiten. Ein im Archiv des Berner Münsters liegender 




} \ — _4 • j [ \ f ] ■">"■• 

Fig. 104. Grundriss des ausgeführten Helms, nach Fr. Schmitz. 

Entwurf (Fig. 101) giebt den Helm übereinstimmend mit dem später in Ulm 
ausgeführten. Er kann nur durch Matthias Ensinger, Ulrichs Sohn, nach 
Bern gebracht sein (vgl. oben S. 151) und bietet vermuthlich dessen dem 
Rath eingereichten, aber von demselben abgelehnten Entwurf, ich möchte 
glauben mehr oder minder genau nach der Idee des Vaters. Noch andere 
Entwürfe sind im Frauenhaus erhalten, von denen wir einen mittheilen 



Das Münster. 



193 



(Fig. 102). Er zeigt das Wappen Joh. Hültzens, weicht aber von Ensingers 
Entwurf noch nicht sehr weit und keineswegs vortheilhaft ab. Aber der 
erfindungsreiche Kölner hat noch einen zweiten Plan, sei es gleichzeitig, 
sei es später, vorzulegen gewusst, und dieser wurde zur Ausführung an- 
genommen (Fig. 103 und 104). Es ist aber ein wahrer Triumph, wo nicht 
des Genius der Kunst, so doch des Handwerkswitzes. Auf jeder der acht 
Rippen des Steinhelms, wo sonst die Krabben zu sitzen pflegen, sind kleine 
sechseckige Treppen-Thürmchen, im Ganzen 52, so angeordnet, dass man 
aus dem einen in den andern 
übersteigend sich in einer Spiral- 
linie bis zur Spitze hinaufwinden 

kann. Die Spitzpyramiden, 
welche diese Thürmchen be- 
krönen sollten, sind unausgeführt 
geblieben, ebenso die den Be- 
gleitern des Oktogons zukom- 
menden. (Fig. 105 der Ergänzungs- 
vorschlag von Viollet-le-Duc.) 

5. Material, Erhaltungs- 
sustand, Fundamente. Hierüber 
theilt F. Adler folgendes mit : 

„Das zur Struktur verwen- 
dete Material ist in älterer Zeit 
den Steinbrüchen von Kronthal 
entnommen worden. Für die 
schlanken Freiformen hat man 
den schönen rothen, ebenso fein- 
körnigen wie harten Sandstein 
von Haslach, für die wetterbe- 
ständigsten Stücke der Spitze 
etc. den ähnlich harten Sandstein 
von Gressweiler im Breusch- 
thale verwendet. Alle diese Vo- 
gesensandsteine gehören zu den 
vorzüglichsten Baumaterialien 
Deutschlands. Ihre ausgezeich- 
nete Wetterbeständigkeit wird durch das Aussehen des Münsters vollgültig 
empfohlen. 

Ueber die mittelalterlichen Fundamentirungen liegen zwei Aufgrabungs- 
berichte von dem oft zitirten Münsterwerkmeister Heckler vor, denen ich 
das Wichtigste entnehme. Ein zwischen den südlichen Strebepfeilern des 
Südthurmes am 22. Dezember 1665 gegrabenes Loch Hess den Beginn des 
Bruchsteinbaues bei „21 Schuh 3^ Zoll Strassburger Maass" erkennen. 
Dies ist eine Tiefe von nahezu 19 Fuss rheinisch. In dieser Tiefe fand 
sich eine künstliche Bettung, von geschlagenen Kohlen, Ziegelstücken und 
Letten hergestellt, aber nur 1 Fuss stark. Darunter folgten drei Schichten : 

13 




Fig. 105. Gruppe der Treppenthürmchen des Helms, 
mit dem Ergänzungsvorschlag von Viollet-le-Duc. 



194 



Das Münster. 



1. natürlicher blauer Letten, 2. eine Schicht gelblicher und sandiger Letten, 
3. Kiesboden; alle drei Schichten waren 4 Fuss 9 Zoll stark; das Grund- 
wasser stand ca. 24 Fuss 2 % Zoll unter dem Boden der Kirche. Ein zweites 
Loch wurde am 28. Februar 1666 in der Krypta an der Südmauer gegraben. 
Die künstliche Bettung wurde noch höher, bis über 2 Fuss stark gefunden; 
der natürliche Letten über 4 Fuss; das Grundwasser stand etwas tiefer 
ca. 24 Fuss 5 Zoll unter dem Kirchenboden. Unter dem Thurme und Chore 
war das Terrain durch kurze Grundpfähle von 4—5 Fuss Länge, 5 Zoll 
Breite und 2 Zoll Dicke gedichtet worden. Neue Ausgrabungen, im 
Jahre 1835 von Fries am westlichsten Joch des nördlichen Seitenschiffs 
unternommen, haben die obigen Angaben bestätigt. Man fand die Schiffs- 
fundamente aus geschichteten Bruchsteinen in Mörtelbettung bis zu einer 
Höhe von 16 Fuss aufgeführt. Zwei Banquet- Absätze von 10 Zoll Vorsprung 
waren vorhanden und der oberste Theil mit 6 l | 2 Fuss Höhe aus drei Reihen 
Werksteinquadern sorgfältig hergestellt. Unterhalb des Banquetmauerwerks 
fand sich ein dichtes Pfahlwerk von 6 l U Fuss langen und 4 % Zoll starken 
Eichenpfählen, in Entfernung von 15 Zoll geschlagen, vor. Auch wissen 
wir aus chronistischen aber authentischen Berichten, dass selbst die kleine 
und niedrige St. Lorenzkapelle an dem Nordkreuze über 20 Fuss tiefe 
Fundamente besitzt." 

Die Erhaltung des Münsters ist, wenn man alle die feindlichen Kräfte, 
die Jahrhunderte hindurch auf dasselbe eingewirkt haben, Luft, Wasser, 
Schnee und Frost, die zahlreichen Brände und zuletzt die Wurfgeschosse der 
Belagerung von 1870 — in Gedanken summirt, überraschend gut; absolut 
genommen, freilich nichts weniger als das. Bis in den Kern der Konstruktion 
eindringende Setzungen und Risse kommen nicht vor; relativ am meisten 
haben unter dem Druck der auf ihnen liegenden Massen die Strebepfeiler 
der Thürme und die Rose gelitten. Der Hauptschaden ist der Zerfall der 
Epidermis, und zwar zeigt er sich um so stärker, je jünger, d. h. je fort- 
geschrittener gothisch der Bautheil ist. Wenn das gothische System bei 
seiner Begründung ganz von dem Gedanken beherrscht war, eine voll- 
kommen standhafte Konstruktion zu schaffen, so hat seine forcirte Weiter- 
entwicklung — nirgends wird das schlagender fühlbar als an unserem 
Münster, wo Material und Technik die besten sind — von diesem Ziele 
wieder abgeführt, da dieselbe, durch übertriebene Zerklüftung der Massen, 
der Zerstörungslust der Feuchtigkeit und des Frostes tausend Angriffs- 
punkte offen legte. Ganz besonders schädlich hat sich die unvermeidlich 
massenhafte Anwendung eiserner Klammern und Zugstangen erwiesen; 
jede derselben ist, von dem Augenblick an, wo sie rostet, ein den Haustein 
zersprengender Keil, wesshalb sie bei der Restauration durch Bronze er- 
setzt werden sollen. 

Zur Zeit nähert sich die Ausbesserung der südlichen Hochschiffswand, 
an der namentlich sämmtliches Fenstermaasswerk erneuert werden musste, 
dem Ende, und die beiden demnächst zur Entscheidung kommenden Fragen 
sind: wie soll man die Seitenschiffsdächer gestalten? und — was soll aus 
dem, die Seitenschiffsmauern bis zur halben Höhe verdeckenden Rest der 




Fig\ 106. Studie von Schinkel zur Ergänzung der Fassade, Original im Schinkel-Museum in Berlin. 



13* 



196 



Das Münster. 



Verkaufsläden werden? Beides, wie man sieht, für die ästhetische Er- 
scheinung des Gebäudes sehr wichtige Fragen. 

Was die Seitenschiffsdächer betrifft, so nennt der Bericht von Böswill- 
wald und Fr. v. Schmidt als zu verfolgende Ziele : Verbesserung des Wasser- 
ablaufs, Verminderung der Höhe. 

Die gegenwärtige Bauleitung hat das in Fig. 107 abgebildete Projekt 
aufgestellt. Danach soll das einheitliche Satteldach durch eine Reihe von 
Walmdächern in querer Stellung, je eines für jedes Joch, ersetzt werden. 
Das Projekt bedeutet indess noch keine definitive Entscheidung. Um so 
eher wird an dieser Stelle eine kurze Erörterung angezeigt sein. 

Ohne Zweifel ist die Aufgabe eine ungewöhnlich schwierige. Der heutige 
Restaurator sieht sich in einen Konflikt hineingestellt, den die alten Meister 
ungelöst hinterlassen haben, einen Konflikt der technischen mit den ästhe- 
tischen Forderungen. Die althistorische und logisch allein gerechtfertigte 
Dachform für das Seitenschiff einer basilikalen Anlage ist das Pultdach. 
Aber bei Anordnung lichter Triforien ist es nicht mehr aufrecht zu halten. 
Dass der Gedanke an quergestellte Dächer in der Weise, wie sie von der 
jetzigen Bauleitung vorgeschlagen werden , den alten Gothikern nicht 
unbekannt war, beweisen zahlreiche Hallenkirchen (wo aber auch immer 
die formale Konsequenz gezogen ist, dass jedes Seiten schiffsj och seinen 
eigenen Giebel erhält). Die Uebertragung dieser Form auf basilikale 
Anlagen haben sie aber offenbar nicht für zulässig gehalten, weil dadurch 
ein schneidender Kontrast zwischen Seitenschiffs- und Hauptschiffsdach ent- 
stehen würde; vielmehr zogen sie die Anlage eines Satteldachs vor, als 
welches die Einheit des Bautheils und die der Hauptaxe parallele Richtung 
gewährleistet. Dabei hofften sie durch sorgfältige Behandlung der Wasser- 
läufe die Mittelschiffswand vor Durchfeuchtung hinlänglich sichern zu 
können. Hierin nun haben sie, wie die Zeit gelehrt hat, sich geirrt. In 
technischer Hinsicht ist also das jetzt vorgeschlagene System unbedingt 
vorzuziehen. Historisch ist es aber nicht begründet und auch ästhetisch, 
wie dem Verfasser scheinen will, nicht unbedenklich wegen der gebrochenen, 
unruhigen, die innere Einheit des Schiffes verläugnenden Silhouette. Wenn 
es dem Verfasser erlaubt ist, einen positiven Vorschlag zu machen, so 
wäre es der, wenigstens der vordem Walmfläche eine flachere Neigung zu 
geben und vielleicht überhaupt die Firste niedriger zu legen. 

Mit voller Ueberzeugung zustimmend erklärt sich der Verfasser zum 
zweiten, die von den Kauf buden übrig gebliebenen Bogenstellungen betref- 
fenden Punkt. Schon Böswillwald und Schmidt konstatirten, dass sie „die 
schönen Verhältnisse des Münsters auf's Schlimmste schädigen", und nahmen 
ihre Beseitigung als etwas Selbstverständliches an. Die Dombauleitung hat 
dieselbe denn auch zum Antrag gestellt. Aber es haben sich auch ge- 
wichtige Stimmen in entgegengesetztem Sinne , d. h. für unveränderte Er- 
haltung ausgesprochen. Es ist gewiss ein grosses Glück, dass bei Behand- 
lung von Restaurationsfragen das konservative Prinzip immer mehr — 
im Ganzen noch lange nicht genug — zur Geltung kommt. Aber man 
empfiehlt es schlecht, wenn man es lediglich schematisch, ohne Rücksicht 



198 



Das Münster. 



auf den besonderen Fall, durchsetzen will. Was sind denn die Voraus- 
setzungen des unseren? Man wolle die im ersten Theil (S. 154) berichtete 
Entstehungsgeschichte nachlesen und wird dann finden, dass die Pietäts- 
frage überhaupt nicht gestellt werden kann. Der Bautheil, über dessen 
Existenzberechtigung gestritten wird, war nie ein Theil des Münsters 
selbst, er diente einem dem Münsterbau fremden und nun längst ver- 
schwundenen Bedürfniss. Die Erbauer selbst haben sich nur widerwillig 
an ihr Werk gemacht; ihre Absicht war dieselbe, die von der heutigen 
Bauleitung verfolgt wird, d. h. das Münster freizulegen und sie sahen den 
Ausweg, den sie schliesslich wählten, nur als das kleinere von zwei Uebeln, 
aber doch als Uebel an. Wäre es ein Zopf bau, so liesse sich vielleicht 
die Erhaltung rechtfertigen, da er aber keiner lebenden Kunst entsprungen, 
sondern lediglich ein archäologischer Versuch ist; da er jederzeit, auch 
von seinen eigenen Erbauern, als eine Schädigung des Münsters angesehen 
wurde ; da keine historischen Erinnerungen an ihm haften, kein praktischer 
Zweck mehr mit ihm verbunden, da er endlich (nach Wegräumung der 
Decken) schon zur Hälfte Ruine geworden ist — was in aller Welt kann 
diesem Bau noch Anspruch auf Erhaltung geben? Was ihm an Ehre ge- 
bührt, wird ihm erwiesen sein, wenn man ein oder zwei Arkaden an einer 
anderen Stelle, etwa im Hof des Frauenhauses, wieder aufrichtet, wo die 
Freunde kunstgeschichtlicher Kuriositäten sie aufsuchen mögen. 



Dritter Theil. 
Dekorative Ausstattung. 

Alles archäologische Wissen, aller Fleiss, aller Aufwand werden nach 
einer Seite hin ohnmächtig bleiben, das Bild wieder lebendig zu machen, 
das das Münster am Schluss des Mittelalters darbot: wir meinen die reiche 
Welt von liturgischen Mobilien aller Art, Grabsteinen, Trophäen, Inschrift- 
tafeln und Gittern, Malereien und Skulpturen und womit sonst der grosse 
architektonische Rahmen in malerischem Ueberfluss ausgefüllt war. Wie 
wir im ersten Theil kennen gelernt haben, ist dreimal, im 16. Jahrhundert 
durch die Reformation, im 17. durch die katholische Restauration, im 18. 
durch die Revolution mit diesen Dingen systematisch aufgeräumt worden. 
Was übrig geblieben ist, ist ein Bruchtheil, aber noch immer bemerkens- 
werth. Von den zerstörten Stücken sind einzelne Nachrichten erhalten. 

1. Mobilien. 

Der Lettner. Er wurde a. 1682 beim Wiedereinzug der Katholiken 
zerstört. Die in der neueren Litteratur häufig begegnende Behauptung, 
dass er von Erwin erbaut sei, hat keine Begründung in den Quellen. Ein 
freilich nur ungefähres Bild geben alte Kupferstiche (danach Fig. 108, 
vgl. auch Fig. 75) und eine in der Albertina in Wien bewahrte Zeich- 
nung J. J. Arhardt's von a. 1673. Nach Woltmann's Urtheil würde aus ihr 



Das Münster. 



199 



die Entstehung vor Erwins Marienkapelle deutlich hervorgehen. Geringe 
Ueberreste im Museum des Frauenwerks. 

Die Marienkapelle (vgl. Fig. 75), ebenfalls 1682 abgetragen. Ein den 
Lettner zum Theil verdeckender Einbau am ersten Langhauspfeiler auf 
der Evangelienseite. Er bildete eine offene Bogenhalle, die eine Tribüne 
trug, auf welcher die Würdenträger der Stadt oder besuchende Fürsten 
dem Gottesdienst beiwohnten. Eine Brücke führte zum Lettner hinüber. 
Trümmer der an der Balustrade angebrachten Inschrift werden im Frauen- 
haus aufbewahrt; vollständig lautete sie: MCCCXV1 ediflcavit hoc opus 
magistro Erwin. Ecce ancilla Domini. Fiat mihi secundum verbum 
tnum. Amen. 

Der Friige-f Früh-) Altar an der Front des Lettners, erbaut kurz vor 
1252, erneuert 1483, abgebrochen wiederum 1682. 




Fig. 108. Der alte Lettner, nach Kraus. 



Der Altar der HHl. Martin und Blasius, an der Evangelienseite 
(wohl innerhalb des Lettners), erbaut a. 1302. 

Der Altar der HHl. Arbogast und Jodok, correspondirend auf der 
Epistelseite, a. 1316. 

Ferner hingen mit dem Lettner zusammen die Altäre des Hl. Flo- 
rens a. 1264, des Hl. Nikolas a. 1296, des Hl. Jakob a. 1326. Das Alter 
eines Theiles dieser Altäre spricht ebenfalls für den vorerwinischen Ur- 
sprung des Lettners. Im Ganzen zählt der fleissige Geschichtsschreiber 
des Münsters, Abbe" Grandidier, 53 Altäre auf, die grossentheils noch im 
14. Jahrhundert aufgestellt, heute sämmtlich verschwunden sind. 

Vier Weihwasserbecken, die noch Grandidier gesehen hat, sind a. 1793 
zerstört. 

A. 1766 verschwand der im südlichen Seitenschiff gestandene Zieh- 
brunnen (Fig. 109 nach Viollet-le-Duc, der leider die Herkunft seiner Zeich- 
nung nicht näher angiebt). Nach allem Anschein ein Werk aus Erwin's 
Schule, wenn nicht von Erwin selbst. 



200 



Das Münster. 



Erhalten haben sich: 

Der Taufstein (Fig. 73), ein Werk des Jodok Dotzinger von 1453. 
Die Ransel (Fig. 74) a. 1485—1487 von Hans Hammerer ausgeführt, 
zu Ehren des grossen Predigers Geiler von Kaisersberg. Eine zweite 
Kanzel befand sich in dem zur Laurentiuspfarrei gezogenen Nordtransept. 

Die Uhr (Fig. 110). Die erste 
a. 1352—54 hergestellte, hatte ihren 
Platz gegenüber der jetzigen, an der 
Westwand ; schon sie hatte ein Astro- 
labium und die Figuren der drei Kö- 
nige, welche bei jedem Glockenschlag 
vor der Madonna ihre Verbeugung 
machten. Im Jahre 1547 wurden drei 
angesehene Mathematiker mit der Er- 
findung eines neuen 
Werkes beauftragt. 
Erst 1571-74 kam 
es zur Ausführung. 
Ueber das Archi- 
tektonische vergl. 

Abschnitt VII. 
Durch Schwilguc 

1838—42 reparirt. 

Stücke des alten 
Werkes , darunter 
der Hahn von 1352, im 
Frauenhaus. 

Die Orgel. Die erste, 
deren Erwähnung geschieht, 
wurde a. 1260 von einem Pre- 
digermönch, Schüler des Al- 
bertus Magnus , aufgestellt. 
Alle späteren rühren von 
Laienhand her: die von 1292 




IllllillllHI'lllilllllllll 





(organas 



die Zahl wird 



Fig. 109. Brunnen im südlichen Seitenschiff, 
nach Viollet-le-Duc. 



nicht genannt) , von 1327 
u. s. w. An der gegenwär- 
tigen Orgel ist die Bühne 
spätgothisch von a. 1489 (Originalriss im Frauenhause), das Werk 1713—16 
von Andreas Silbermann erneuert. 

Grabdenkmäler und Epitaphe. Bis auf einen kleinen Bruchtheil alle 
zerstört. Erhalten: das des Bischofs Konrad von Lichtenberg (1273—1299) 
in der Johanni- Kapelle, zufolge der Tradition eine Arbeit Erwins; der 
Familie Bock in der Katharinenkapelle a. 1480; des Grafen von Barby in 
der Andreaskapelle. 

Inschriften bei Schad, Grandidier, Kraus u. s. w. 



Das Münster. 



201 



2. Wand- und Glasgemälde. 



So wenig das gothische System die Entfaltung von Wandmalereien 
begünstigt, haben sie doch nicht ganz gefehlt. Im Chor befand sich ehemals 
eine Darstellung des jüngsten Gerichtes von Meister Lienhart a. 1491. 
Einzelne Reste sind 
unter der Tünche im 
Raum über der An- 
dreaskapelle und in 
der Katharinenka- 
pelle gefunden. Or- 
namentirung der Ge- 
wölbe zeigt der 
Brunn'sche Stich 
(Fig. 75). Die Aus- 
malung des Chores 

von Steinle, des 
Triumphbogens von 
Steinheil 1875 ff. 

Um so wich- 
tiger sind die Glas- 
malereien. Mehrere 
Stücke sind ersten 
Ranges und unschätz- 
bar ist die Erhaltung 
des Ganzen , worin 
mit unserer keine alte 
Kirche Deutschlands, 
nur wenige des Aus- 
landes , wetteifern 
können.Wennwirvon 
Erhaltung sprechen, 
so ist selbstverständ- 
lich nur eine relative 
gemeint. Die Schick- 
sale des Gebäudes 
haben wiederholte 
Restaurationen zur 
Nothwendigkeit ge- 
macht ; wenigstens 

die neueren derselben sind in der Zeichnung treu, wenn auch die alte Farben- 
schönheit nie erreicht wird. Eine beträchtliche Erschwerung des Verständ- 
nisses verursachen die zum Tneil schon in früher Zeit vorgenommenen, die 
cyklischen Zusammenhänge zerreissenden Versetzungen. Leider mangeln 
sichere historische Anhaltspunkte zur Datirung gerade der älteren Stücke. 
Dassmehreres (die drei Könige Heinrich I., Heinrich IL, Friedrich Barbarossa) 




110. Die astronomische Uhr 



202 



Das Münster. 



aus dem früheren romanischen Langhause in den gothischen Neubau tiber- 
tragen sei, wie angenommen wird, möchte ich vorläufig bezweifeln. Von 
besonderem Interesse, nicht bloss um des Gegenstandes willen, sondern 
ebensosehr wegen der musterhaften Durchführung des der Glasmalerei 
zukommenden Stils, ist die sog. Königsgallerie im nördlichen Seitenschiff; 
leider nur der Rest eines ehemals grösseren Complexes in willkürlicher 
Umstellung und vielleicht auch Umtaufung. Die jetzige Reihenfolge ist: 
Nr. 1 Heinrich I. oder IL?; Nr. 2 Friedrich I. oder II.?; Nr. 3 Heinrich 
von Babenberg IL; Nr. 4 Otto I.; Nr. 5 Otto IL; Nr. 6 Otto III.; Nr. 7 
Konrad IL; Nr. 8 Philipp von Schwaben; Nr. 9 noch einmal Heinrich IL; 
Nr. 10 wieder Heinrich II. 1 ); Nr. 11 Friedrich Barbarossa; Nr. 12 Karl 
Martel; Nr. 13 Karl der Grosse; Nr. 14 Pippin; Nr. 15 Ludwig der Fromme; 
Nr. 16 Lothar; Nr. 17 Ludwig, der Sohn Lothars; Nr. 18 noch einmal 
Ludwig, der Sohn Lothars ; Nr. 19 Karl der Jüngere. 

Für das Weitere begnügen wir uns mit einer kurzen Uebersicht nach 
J. Janitsch (Repertorium für Kunstwissenschaft III). 

C h o r a p s i s. 

Nördliches Fenster: König Heinrich der Heilige (Uebergangsstil). 
Südliches Fenster: Katharina (Uebergangsstil). 

Nördliches Querhaus. 

Ostwand: I. Madonna mit dem Kinde (gothisch). 

Johannes der Täufer (goth.). 
IL Thronender Christus (rom.). 

Laurentius (rom.). 
Nordwand: I. Der Engel der Verkündigung (rom.). 

Das Gericht Salomons (rom.). 
II. Madonna (rom.). 

Johannes der Täufer; Johannes der Evangelist (rom.). 

Salomon; Königin von Saba (rom. Uebergangsstil). 

David; Salomon (rom. Ueberg.) 
Westrand: I. Madonna (rom.). 

Martinus (rom). 

Südliches Querhaus. 

Ostwand: I. Matthias (rom. Ueberg.). 

Bartholomäus (rom. Ueberg.). 
II. Christoph (rom.). 

III. Candidus (rom.). 
Mauritius (rom.). 

IV. Victor (rom.). 
Exuperius (rom.). 

i) Die viermalige Wiederholung der Gestalt Heinrichs II. pflegt man aus seinem Verhältniss 
als Wohlthäter des Münsters zu erklären, auffallend ist aber auch das andere, dass keiner der übrigen 
Träger des Namens vertreten ist, — sollte da nicht Verwechslung vorliegen ? 



Das Münster. 



203 



Südwand: I. Rosette des alten Bundes (rom. Ueberg.). 

IL Rosette des neuen Bundes (rom. Ueberg.). 
Westwand : I. Florentius (goth.). 

II. Biulfus (goth.). 




Fig. 111. Glasgemälde. König Heinrich. Fig. 112. Glasgemälde. Papst Silvester. 

(Im nördlichen Seitenschiff.) (In der Nordwand des Hochschiffs.) 

Langhaus, Oberfenster. 

Nordwand: I. (nächst dem Chore). Vier Päpste (goth.). 

Vier Diakonen (goth.) 
II. Acht ritterliche Heilige. 
III. Dux Marcus; Dux Achatius (goth.). 
Sechs Bischöfe (goth.). 
IV. V. Je acht Bischöfe (goth.). 
VI.(bezw.VIL, weil die Orgel ein Fenster verdeckt). 

Sieg der Tugenden (spätgoth.). 
Südwand: I. Madonna und elf heilige Jungfrauen (goth.). 
II— V. Je acht hl. Jungfrauen (goth.). 
VI. Das Gericht Salomons (spätgoth.). 
VII. Anbetung der hl. drei Könige (spätgoth.) 



204 



Das Münster. 



Nördliche Triforien. 

I— V. Stammbaum Christi (goth.). 
Medaillons (goth.). 

Nördliches Seitenschiff. 

I. II. (vom Eingang aus). Deutsche Könige (rom.). 
III— V. Deutsche Könige (goth.). 

Südliches Seitenschiff. 

I. (vom Chor aus). Marienleben (goth.). 
IL Leben Christi (goth.). 

III. Passion (goth.). 

IV. Scenen nach dem Tode Christi bis zur Ausgiessung des hl. 

Geistes (goth.). 

V. Jüngstes Gericht (goth.). 

Nördliche Thurmvorhalle. 
I. Erschaffung des Menschen bis zur Sintfluth (spätgoth.). 

Südliche Thurm vor halle. 
I. Werke der Barmherzigkeit u. s. w. (spätgoth.). 

Katharinenkapelle (Anbau am südlichen Seitenschilf). 

I— V. Die zwölf Apostel (goth.). 
VI. Maria Magdalena; Martha (goth.). 

Krypta, Ostfenster. 
Engel (rom.). 

Das sehr in die Augen fallende Mittelfenster der Apsis ist modern, 
mit Benutzung des Motivs der auf der Stadtbibliothek aufbewahrt gewesenen 
und mit ihr 1870 verbrannten Stadtfahne. 

3. Skulpturen. 

Vorbemerkung. Der folgende von Dr. E. MEYER-ALTONA bearbeitete Abschnitt stützt sich 
auf die ausführliche Schrift desselben Verfassers : „Die Skulptuien des Strassburger Münsters". Theil I. 
(Aus den Studien zur deutschen Kunstgeschichte. Heft II.) Strassburg 1894, bei Hcitz und Mündel. 

Der Skulpturenschmuck des Strassburger Münsters gewährt dem Be- 
schauer kein einheitliches Bild. Mag auch die Zahl der noch vorhandenen 
alten Bildwerke grösser sein als der Bestand manches wohlgefüllten Mu- 
seums, nur zu oft fällt der Blick auf leere Nischen oder auf moderne Re- 
staurationen, die das undankbare Amt des Lückenbüssers für so viele 
zerstörte Werke haben auf sich nehmen müssen, und deren grösstes Lob: 
eine gute Nachahmung vergangener Stilrichtungen zu sein, häufig von 
den Zeitgenossen, selten von der Folgezeit ausgesprochen wird. 

Aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts stammen die ältesten 
Skulpturen und bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hat fast jede Generation 



Das Münster. 



205 



zu dem bildlichen Schmuck des Münsters das Ihrige beigetragen. Von da 
ab wird das Interesse an dem Bau geringer. Hatte schon die Reformation 
eine Anzahl der zum Kultus bestimmten Statuen beseitigt oder vernichtet, 
so zerstört das 17. Jahrhundert in seiner Missachtung der Gothik, lediglich 
um Raum zu gewinnen, bis auf wenige Ueberreste die Marienkapelle und 
den Lettner, Werke, die als ein wahres Wunderwerk gothischer Archi- 
tektur und Bildhauerkunst geschildert werden. 

Den Hauptverlust erlitt jedoch das Münster während der französischen 
Revolution. War auch der Vorschlag Teterel's, den Thurm abzutragen, 
nicht zur Ausführung gelangt, so fiel doch ein grosser Theil der Skulp- 
turen derWuth der Bilderstürmer zum Opfer. Am 14. Frimaire des zweiten 
Jahres der Republik befahl auf Anordnung St. Just's und Lebas 1 der da- 
malige Maire Monet die Zerstörung aller Statuen. Nicht nur die Hand- 
werker, sondern jeder Bürger, der eine Axt oder ein Beil tragen konnte, 
sollte zu diesem Werk herangezogen werden. 

Wenn es trotzdem gelang, einen Theil der Bildwerke zu retten, so 
ist dies in erster Linie dem Professor Hermann zu danken, der eine Reihe 
grösserer Statuen heimlich in den seiner Leitung unterstehenden botanischen 
Garten schaffen liess, eine That, die mit Lebensgefahr verbunden war. 
Eine Anzahl Reliefs in den Tympanons der Portale wurden dadurch ge- 
schützt, dass man Bretter vor ihnen anbrachte, auf denen die Schlag- 
worte der Revolution: fraternite, egalite, liberte, Vetre supreme etc. ge- 
schrieben standen. 

Die Arbeiten zur Wiederherstellung der Skulpturen haben sich durch 
das ganze 19. Jahrhundert hingezogen und sind noch jetzt nicht abgeschlossen. 
Malade (f Anf. d. XIX. Jahrh.), Vallastre (1765—1833) und Grass (1801-1876) 
sind die Namen der Künstler, die den grössten Theil der Arbeiten aus- 
geführt haben. Am geringsten sind die von Vallastre gearbeiteten Statuen 
und Reliefs. Durch ihre schlechte Modellirung sind sie unschwer von dem 
leichten und eleganten, wenn auch gänzlich ungothischen Stil des Malade 
zu unterscheiden. Am nahesten ist der mittelalterlichen Auffassung der 
Bildhauer Grass gekommen, dessen Hauptwerk die Skulpturen des Mittel- 
geschosses der Westfront sind. 

In neuester Zeit wird beabsichtigt, auch sämmtliche leere Nischen der 
Strebepfeiler mit Statuen auszufüllen. 

So wird man nun bei einem Rundgang um das Münster auf manche 
Bildwerke stossen, bei denen Altes und Neues in enger Verbindung steht; 
das dem Inhalt nach Zusammengehörige ist zeitlich oft durch mehr als ein 
halbes Jahrtausend von einander getrennt. 

A. Die Bildwerke des südlichen Querhauses. 

Am doppelthürigen Portal des südlichen Querhauses ist eine Anzahl 
Skulpturen aufgestellt, die sowohl wegen ihres künstlerischen Werths, wie 
wegen des sagenhaften Ursprungs des einen Theils der Statuen am ein- 
gehendsten in den ältern „Münster- und Thurnbüchlcin" beschrieben und 
am häufigsten in Abbildungen wiedergegeben sind. Hiernach war die 



206 



Das Münster. 



ursprüngliche Anordnung der Figuren und Reliefs folgende: Die grossen 
Bogenfelder über den beiden Thüren schmückten zwei Reliefs, der Tod 
der Maria (b) und ihre Krönung (r), unter diesen waren als Thürsturz 
in rechtwinkligen Feldern, das Begräbniss der Maria (1) und ihre Himmel- 
fahrt (r) angebracht. In den vier Thürschrägen des Doppelportals standen 
je drei Apostel. An der äussersten linken und rechten Seite des Portals 
sind auf Konsolen unter Baldachinen die Gestalten der Ecclesia und Sy- 
nagoge aufgestellt und vor der Scheidewand der beiden Thüren der thro- 
nende Salomo, überragt von der Halbfigur Christi, über dessen Haupt ein 
Engel seine Hände breitet. 

Die während der Revolution zerstörten Apostelstatuen sind jetzt durch 
Säulenstellungen ersetzt worden. 

Auf einem Spruchband, das der Apostel Johannes trug, stand die In- 
schrift: „GraftiaJ divince pietatis adesto Savincu de petra dura p( er) quam 
sum facta figura." 

Diese Verse in Verbindung mit einer Angabe des Chronisten Specklin 
gaben Anlass zu der Sage von der Thätigkeit der Sabina, der Tochter 
Erwin's von Steinbach, als Bildhauerin, verstärkt wurde dieser Mythus 
noch durch die im 17. Jahrhundert vorgenommene Uebersetzung von „de 
petra dura in „von Steinbach", ein Irrthum, der erst im Jahre 1850 von dem 
elsässischen Gelehrten Schneegans richtig gestellt wurde. 

Die Reliefdarstellungen, das Begräbniss der Maria und ihre Himmel- 
fahrt, sind von Malade neu angefertigt, der ebenfalls zerstörte Salomo von 
Vallastre. Jetzt sind von alten Skulpturen am Südportal nur. noch die Re- 
liefs der Tod der Maria, ihre Krönung und die Gestalten der Ecclesia und 
Synagoge vorhanden, Bildwerke, deren hoher, künstlerischer Werth zum 
längeren Verweilen auffordert. 

Für die ältesten Skulpturen werden die beiden Reliefs gehalten, und es 
ist besonders der Tod der Maria (Fig. 113), welcher von jeher viel bewundert 
worden ist. Die Mutter Gottes liegt in ihr Todtengewand, ein weites 
faltenreiches Tuch aus dünnem Stoff, eingehüllt auf ihrem Lager. Vor dem 
Bette sitzt auf dem Boden eine weibliche Gestalt, die ihr Antlitz trauernd 
zu Maria erhebt. Es ist die schönste Figur der Darstellung. Ihre völlig 
proportionirte Gestalt, die Sicherheit, mit welcher der Künstler das schwie- 
rige Problem, ein Weib halb hockend, halb sitzend darzustellen, gelöst hat, 
und nicht zum wenigsten die Gewandbehandlung weisen auf eine Technik 
hin, die sich an alten Vorbildern geschult haben muss. Zu Häupten und 
zu Füssen der Verstorbenen stehen, oben Petrus, unten Paulus, sorgsam 
die Todte an Schultern und Füssen fassend. Hinter dem Lager der Ver- 
storbenen in der Mitte des Halbrundes hält Christus auf der linken Hand die 
Seele der Maria in Gestalt eines in ein langes Gewand gekleideten, betenden 
Kindes, die rechte Hand ist zum Segen erhoben. Sein Antlitz ist trauernd 
zur Todten hingewandt. Die neben und hinter ihm stehenden Apostel 
sind durch den Kreisbogen etwas behindert. Der Ausdruck ihres Schmerzes 
wird durch eine stark seitliche Neigung des Kopfes, bei Johannes und 



Das Münster. 



207 



zwei andern Aposteln, durch das alte Motiv des an die Wange Legen der 
Hand ausgedrückt. 

Von demselben Charakter, aber weniger anziehend, ist das zweite 
Relief, die Krönung der Maria. Es zeigt Christus als König, wie er der 
ihm zur Linken sitzenden Maria die Krone aufs Haupt setzt. Links und 
rechts stehen zwei Engel mit Weihrauchgefässen. 

Im Gegensatz zu den mehr gedrungenen Proportionen der Relief- 
darstellungen zeigen die Ecclesia (Fig. 114) und die Synagoge (Fig. 115) einen 
schlankeren Wuchs, aber auch bei ihnen lassen die zarten Gewänder, die 
ihren Körper umhüllen, die Gliedmassen durchschimmern. Die Ecclesia 




Fig. 113. Tod der Maria, Relief am Südportal. 



trägt um ihre Schultern einen Mantel, der am Hals durch eine grosse Ro- 
sette zusammengehalten wird. Mit der Rechten stützt sie sich auf ein 
langes Kreuz, in der Linken trägt sie den Kelch. Ihr Untergewand ist ge- 
gürtet. Von ihrem gekrönten Haupt fliessen die Locken auf die Schultern 
herab, das Antlitz ist der Synagoge zugewandt. Diese, an Grösse und Wuchs 
demXhristenthum gleichend, steht da mit gesenktem Antlitz, die Augen 
sind durch eine Binde verhüllt, die Lanze, welche sie in der Rechten 
hält, ist zerbrochen, die Krone ist vom Haupte gefallen und der schlaff 
herunterhängende linke Arm hält kaum noch die Tafel des Gesetzes. 

So stehen die beiden Gestalten da, zwei Königinnen, die eine als 
Siegerin triumphirend, die andere besiegt und gedemüthigt. 

Das Grösste ist hier von dem Künstler erreicht worden in der Dar- 
stellung des Gemüthsausdrucks, und zwar hat er dies mit einer so geringen 



208 



Das Münster. 



Zahl von Mitteln erreicht, wie es sich in ähnlicher Weise wohl nur bei 
antiken Statuen wieder findet. 

Während Hals und Kopf der Ecclesia stark nach links gewandt sind, 
wie um die Gegnerin zu erspähen , folgt der Körper dieser Bewegung nicht, 
vielmehr wird durch das Stützen auf den Schaft der Lanze der Schwerpunkt 

des Körpers nach rechts verlegt, 
so dass beide Bewegungen sich 
gleichsam aufheben und paralle- 
lisiren, ein Umstand, der zu dem 
Eindruck der Ruhe, den diese 
Statue auf den Beschauer macht, 
wesentlich beiträgt. Zugleich wird 
durch das Zurückweichen des 
Körpers nach rechts das Be- 
streben charakterisirt, jede Nähe 
und Gemeinschaft mit der Syna- 
goge möglichst zu meiden, und 
hierzu kommt noch der symbo- 
lische Zug, dass es gerade der 
Schaft des Kreuzes ist, auf wel- 
chen sich die Ecclesia stützt. 

Auch zur Gestaltung des Ge- 
sichtsausdrucks hat der Künstler 
sich mit wenigen Mitteln begnügt. 
Das eine sind zwei kleine Falten, 
die dicht unter den Augen zu 
beiden Seiten der Nase beginnen 
und in schräger Richtung nach 
unten verlaufen. Sie verstärken 
wesentlich die Intensität des 
Blickes und geben ihm zugleich 
etwas Hartes und Durchbohren- 
des, was besonders bemerkbar 
wird, wenn man in der Nähe der 
Synagoge seinen Standpunkt 
wählt. Ebenso ist die Bildung 
des nicht völlig geschlossenen 
Mundes zur Erhöhung der Energie 
des Blickes benutzt worden. 
Der trauernde Ausdruck der Synagoge ist mit wesentlich einfacheren 
Mitteln erreicht. Schon die Verhüllung der Augen durch die Binde entzieht den 
wichtigsten Theil des Antlitzes einer eingehenden Bearbeitung. Der fest 
geschlossene Mund mit etwas heruntergezogenen Mundwinkeln und das zu 
Boden gesenkte Haupt dienen hier zur Charakterisirung der Stimmung. 

Im Innern des südlichen Querhauses steht die unter dem Namen 
Engelspfeiler (Fig. 116) bekannt gewordene Säule, deren reicher figürlicher 




Fig. 114. Personifikation der Kirche, am Südportal. 



Das Münster. 



209 



Schmuck stilistisch in nächster Verwandtschaft zu den eben besprochenen 
Statuen steht. Es sind im Ganzen zwölf Figuren, die auf drei Reihen ver- 
theilt sind. Zu unterst die vier Evangelisten mit ihren Symbolen, über ihnen 
vier Posaunen blasende Engel und endlich in der dritten Reihe Christus 
als Weltrichter, drei Engel mit den Passionswerkzeugen und unter Christus 
eine kleine Gruppe von Aufer- 
stehenden. Das Ganze ist eine 
Darstellung des jüngsten Ge- 
richts in abgekürzter Form. 

Wenn diese Statuen an 
Schönheit der Gewandbehand- 
lung den Portalskulpturen auch 

keineswegs nachstehen, so 
herrscht hier doch eine gewisse 
Unruhe und zugleich Unbeholfen- 
heit in den Bewegungen, die nicht 
im Einklang steht mit den ganz 
ruhig gebildeten Gesichtern. 

Dass der Unterkörper wenig 
zur Geltung gebracht wird, so 
namentlich bei den Engeln in der 
obersten Reihe, ist wohl weniger 
der mangelhaften Technik zuzu- 
schreiben als dem Bemühen, die 
Figuren möglichst der Archi- 
tektur anzupassen. Aus dem- 
selben Bestreben möchte ich die 
Art der Aufstellung der Evange- 
listen erklären, die nicht frei vor 
der Säule stehen, sondern sich 
dieser eng anschmiegend, in 
leiser Bewegung um die Säule 
herum zu gleiten scheinen. 

Als Zeit der Entstehung ist 
die erste Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts anzunehmen. x ) Trotz 
des Unterschiedes in den Pro- 
portionen der Reliefs einerseits 
und der Synagoge und Ecclesia, 

sowie der Figuren der Engelssäule andererseits, lassen die beiden Skulp- 
turengruppen gemeinsamen Eigenthümlichkeiten , so die Neigung, die 
Körperformen durch das Gewand durchschimmern zu lassen, die Feinheit 
der Faltengebung und endlich die grosse Ruhe im Ausdruck des Antlitzes, 
mit ziemlicher Sicherheit auf die Gleichzeitigkeit des Entstehens schlicssen. 




Fig. 115. Personifikation der Synagoge, am Südportal. 



*) Ich möchte im Hinblick auf die Baugeschichte bestimmter sagen: 
auch nicht nach 1250. 



nicht vor 1230: aber wohl 
Dehio. 
14 



210 



Das Münster. 



Die kleine Gestalt hinter der Brüstung des Balkons an der Ostwand 
im Innern des südlichen Querschilfs ist neueren Ursprungs, sie wird dem 
Ende des XIV. Jahrhunderts angehören, ebenso wie der sich über das 
Zifferblatt der Sonnenuhr von 1493 lehnende Mann an der äusseren, spät- 
gothischen Gallerie der Frontseite des Baus. 

Die übrigen, an der Aussenseite aufgestellten Figuren sind modern. 

Die Madonna in der Höhe des ersten Geschosses ist ein Werk Malade's. 
Sie nimmt die Stelle des 1493 hier aufgestellten Marienbildes ein, nur der 
Sockel, auf dem die Statue steht, ist alten Ursprungs. Die beiden Heiligen 
ihr zur Seite, Stephan (elsäss. Heilige) und Laurentius und der Bischof 
Arbogast am dritten Geschoss entstammen ebenfalls der Hand Malade's. 

Auf dem ersten Absatz der zum Querhaus führenden Treppe stehen, 
rechts und links, Erwin von Steinbach und die Bildhauerin Sabina ; sie sind 
von Grass angefertigt worden. 

Die auf der Strebemauer des Querhauses in einer Nische eine Sonnenuhr 
haltende, überlebensgrosse Figur gehört zu der Gruppe jener alten, oben 
beschriebenen Statuen, aus dem Anfang des XIII. Jahrhunderts. 

B. Die Bildwerke des Westbaues. 

Auf die drei Portale der Westfassade ist der bildnerische Schmuck 
am reichsten vertheilt. Es findet sich dort eine solche Fülle von Reliefs, 
kleinen Gruppen und überlebensgrossen Statuen, dass das Auge vom 
Schauen ermüdet ist, ehe es auch nur einen Bruchtheil des Dargebotenen 
betrachtet hat. 

Die Personifikationen der Tugenden und Laster füllen die Nischen des 
nördlichen Seitenportals, im südlichen sind die klugen und thörichten 
Jungfern dargestellt und am Mittelportal die Propheten des alten Testaments. 
Ueber den Tugenden, in dem Bogenfelde, wird die Kindheit Christi ge- 
schildert, im Tympanon des Hauptportals die Passion vom Einzug in 
Jerusalem bis zur Himmelfahrt und am südlichen Nebenportal das Jüngste 
Gericht. Dazu kommen noch in den Bogenlaufen weit über hundert kleinere 
Gruppen und Statuen, die Scenen aus dem alten Testament, den Tod der 
Märtyrer, die Engel, Heilige, Bischöfe und Fürsten zeigen. Und trotz dieser 
übergrossen Zahl von Darstellungen stehen alle drei Portale in einem 
inneren Zusammenhang, „den der Beschauer wie ein Buch von der Linken 
zur Rechten lesen soll. Zuerst die vorbereitende Gnade, die Tugend ver- 
bunden mit den lieblichen Scenen der Kindheit Christi, überhaupt also die 
ahnungsvolle Frühzeit. Im Mittelportal die eigentliche Heilslehre durch 
die Propheten verkündigt, durch die alttestamentliche Geschichte vorbereitet, 
in Christi Erdenwandel geoffenbart und in der Kirche verherrlicht. Dann 
im dritten Portal die grosse Lehre der Wachsamkeit, in den Jungfrauen 
und die Hinweisung auf das Gericht." (Schnaase B. IV 2 p. 295.) 

Dies der Inhalt des Dargestellten. Werfen wir jetzt einen Blick auf den 
Stil in dem die Illustrationen dieser steinernen Bilderbibel geschaffen worden 
sind. Zwar ist nur der kleinere Theil der Skulpturen (die Tugenden, die 
Propheten, die klugen und thörichten Jungfrauen und die grössere Anzahl 



Das Münster. 

der Reliefs im Bogenfeld des Haupt- 
portals) älteren Ursprungs, aber er 
genügt doch schon, um die charak- 
teristischen Merkmale dieser Sta- 
tuen zu erkennen. Aus ihnen wird 
sichtbar, dass in dem letzten Viertel 
des XIII. und in den ersten De- 
zennien des XIV. Jahrhunderts sich 
ein Stilwechsel in der Skulptur voll- 
zogen hat, dessen Erklärung in dem 
eingetretenen Wechsel des Baustils 
zu suchen ist. Auf die einfachen, ro- 
manischen Formen des Querhauses 
war die reich belebte Gothik der 
Fassade und des Langhauses ge- 
folgt. Durch das Vor- und Zurück- 
treten der einzelnen Bautheile, 
durch die Wimperge, Fialen und 
Nischen wird eine reichere Ver- 
theilung von Licht und Schatten be- 
wirkt. Will nun die dienende Plastik 
ihrer vornehmsten Aufgabe folgen, 
ein Schmuck des Gebäudes zu sein, 
der Architektur sich unterzuordnen, 
so muss auch sie diesem Wechsel 
folgen, sie muss „malerisch" werden. 
Freilich die Mittel, welche in dieser 
Epoche ihr hierfür zu Gebote stehen, 
sind beschränkt. Es ist in der Haupt- 
sache eine andere Behandlung des 
Faltenwurfs und des Gewandes. 

War an den Statuen des süd- 
lichen Querhauses das Gewand eng 
anliegend und wie aus weichem, 
zarten Stoff gefertigt, der die Glie- 
der des Körpers durchschimmern 
liess, so scheint er jetzt derber und 
schwerer zu werden. Es entstehen 
Falten und Ausbuchtungen, die 
einen Abstand von 10—12 cm. vom 
Körper haben und häufig noch eine 
Brechung erfahren. Die Oberfläche 
der Statue wird durch diese Hügel 
und Thäler von Licht und Schatten 
belebt, und steht so in Einklang 
mit ihrer architektonischen Um- 




Fi<£, 116. Skulpturen am Engelspfeiler. 

14* 



212 



Das Münster. 



gebung. Kommt hierzu noch die jetzt häufig werdende Ausbuchtung der Hüfte, 
so ist der Gegensatz zu der „statuarischen Ruhe" der älteren Skulpturen 
erreicht. Der Gewinn jedoch, den dieser Wechsel der Darstellung einge- 
bracht hat, kommt nicht der Plastik, sondern in erster Linie der Architektur 
zu Gute. Denn von jenem leisen Durchblickenlassen der Gliedmaassen 
und von den intimen Beziehungen der Körperformen zum Gewände ist 
nichts mehr zu bemerken. Geradezu verhängnissvoll wurde die Stilneuerung 
für die Bildhauerkunst, als die die Gestalt weitumhüllenden Gewandmassen 




Fig. 117. Standbilder der Westfront (nördl. Thurmportal). 



dazu führten, den menschlichen Körper und seine Proportionen völlig zu 
vernachlässigen. 

Während dem Inhalt nach das linke Seitenportal den Anfang der 
Darstellungen bildet, ist dem Stil nach, das südliche als erstes zu betrachten. 
Zu beiden Seiten des Portals stehen in Nischen auf Pfeilerpostamenten 
unter Baldachinen zwölf Statuen, die das Gleichniss von den klugen und 
thörichten Jungfrauen darstellen. Links der Verführer mit den fünf thörichten 
und rechts ein Prophet mit den fünf klugen Jungfrauen. 

Die weiblichen Gestalten sind schlanke, mädchenhafte Erscheinungen 
in schlichten, langen Gewändern, das Haar ist durch einen Reif zusammen- 
gehalten, die Gesichter sind zierlich, der Mund klein, im Kinn oft ein 



Das Münster. 



213 



Grübchen. Der Faltenwurf ist maassvoll behandelt und noch ohne über- 
triebene Ausbuchtungen. Die Trauer ist bei einigen der thörichten Jung- 
frauen durch einen zum Weinen verzogenen Mund und zusammengezogene 
Augenbrauen angedeutet, bei andern wird aber der Kummer so wenig 
sichtbar, dass sie nur durch den Platz und die nach unten gekehrten Lampen 
von den klugen Jungfrauen unterschieden werden können. 

Die interessantesten Figuren sind jedenfalls der Verführer und die ihm 
zunächst stehende thörichte Jungfrau. Er, ein bartloser Jüngling, mit 




Fig. 118. Standbilder der Westfront (nördl. Thurmportal). 



Grübchen in den Wangen, trägt auf dem lockigen Haar eine Krone. Er 
ist mit einem weiten Mantel bekleidet, der unten an beiden Seiten ge- 
schlitzt ist. Lächelnd bietet er einen Apfel seiner Nachbarin zum Geschenk. 
Weniger verlockend ist er von der dieser nicht sichtbaren Seite zu schauen. 
Sein Mantel ist dort geöffnet und lässt den Körper sehen, an welchem 
ekles Gewürm, Schlangen und Kröten hinauf kriechen. Doch die Jungfrau 
lockert gefällig lächelnd ihr Gewand, von welchem schon der Gürtel gelöst 
ist. Ihr Lämpchen hat sie achtlos fallen lassen, es liegt zerbrochen am 
Boden. In der Bildung des Auges ist beim Verführer, noch mehr aber bei 
der Jungfrau jenes Schwimmende zum Ausdruck gebracht, das sich auch 
zuweilen bei antiken Statuen, so namentlich bei der Venus findet. 



214 



Das Münster. 



Der Gedanke, das Verführerische und zugleich Verderbliche der welt- 
lichen Freuden in dieser Weise zum Ausdruck zu bringen, ist schon alt 
und wird nicht nur in ähnlichen Skulpturen und Statuengruppen (Basel, 
Freiburg, Worms), sondern auch in den Sinnsprüchen des Mittelalters in 
gleicher Weise ausgedrückt. 

Die 12 Figuren stehen auf übereck gestellten Würfeln , von welchen 
immer zwei Seiten dem Beschauer sichtbar sind. Auf diesen 24 Flächen 
sind in Vierpässen die 12 Zeichen des Thierkreises, sowie die entsprechen- 
den Beschäftigungen des Menschen dargestellt. 

Es sind: 

. 6. Juni: Krebs. 

1. Januar: Der Wassermann. , , _ ,, , 

% , ^ , ., , ~. , , Monatsbild : Ein Mäher. 

Mouatsbild: Ein schmausender 



7. Juli: Löwe. 

Mouatsbild: Aehrenschneidender 
Mann. 



Mann mit einem Doppelkopf 
(Andeutung an den antiken 
Tanus). 

„ , -•— ^ . ™ . 8. August: Die Jungfrau. 

Februar: Die tische. * , , ^ ., , ™ 

,, . t-fj f— -i ir • Mouatsbild: Dreschender Mann. 

Mouatsbild: Em sich am Kamin . _ 

, A/r 9. September : Mann mit der Wage, 

wärmender Mann. T , Tr , _ . 

Mouatsbild : Kelteruncr desWeins. 



3. März: Widder. 

Monatsbild : Ein den Weinstock 
beschneidender Mann. 

4. April: Stier. 

Monatsbild : Ein Jüngling mit 
Blumen in der Hand. 

5. Mai: Zwillinge. 

Monatsbild : Ein Reiter. 



10. Oktober : Der Skorpion. 

Mouatsbild : (fast ganz zerstört.) 

11. November: Der Bogenschütze. 

Monatsbild : Ein Mann, welcher 
Holz von einem Baum bricht. 

12. Dezember : Der Steinbock. 

Monatsbild : Ein Mann, der ein 
Schwein schlachtet. 



Im Bogenfeld über der Thür befindet sich in der untersten Reihe die 
Auferstehung der Todten, in der zweiten Reihe der Höllenrachen und in 
der dritten Reihe Christus als Weltrichter. In den vier Bogenläufen sind 
34 Statuetten von Engeln und Heiligen angebracht. Die Reliefs und Sta- 
tuen sind sämmtlich von Vallastre angefertigt. 

Von den Bildwerken des Mittelportals sind als neu die Gruppen in 
den Bogenläufen zu bezeichnen. Die äusserste Reihe derselben ist von 
Malade, die inneren Reihen sind von Vallastre. 

Von den Reliefstreifen im Tympanon des Bogenfeldes haben die 
unteren, namentlich an den vorspringenden Theilen, mannigfache Aus- 
besserungen erfahren, die obere Reihe und ein Theil der zweiten ist 
gänzlich erneuert. 

Auch unter den Propheten befinden sich zwei neue, bis jetzt selten 
als solche erkannte Statuen, sie stehen rechts und links in den Nischen 
ausserhalb des Portals. An der plumpen Behandlung des Faltenwurfs sind 
sie leicht zu erkennen, ausserdem ist die Pupille im Augapfel angedeutet, 
was bei älteren Werken niemals vorkommt. 



Das Münster. 



215 



Die Statuen stellen grösstenteils bärtige, dem Greisenalter nahe 
Männer vor, nur zwei jugendliche Propheten befinden sich unter ihnen, 
ferner ein gekrönter Prophet und eine Sibylle. Diese beiden letzteren 
nehmen den Ehrenplatz zunächst dem Eingang ein. Unter den jugendlichen 
Propheten sei eine im Zeitkostüm gekleidete Figur hervorgehoben (die 
dritte Statue links). Es ist eine kräftige Gestalt, die mit einem langen, 
schlicht herabfallenden Mantel bekleidet ist, dessen weite Aermel nur die 
Hände sichtbar werden lassen. Das bartlose, knochige Gesicht ist von 
reichem Lockenschmuck umgeben, der von allen Seiten unter der faltigen 
Mütze hervorquillt. Der Gesichtsausdruck ist bestimmt, und die Energie 
des Ausdrucks wird noch verschärft durch die gerunzelten Brauen, ein 
Zug, der sich sonst bei jugendlichen Idealgestalten der Gothik nicht findet. 
Dies, sowie das Zeitgewand lassen mit Sicherheit vermuthen, dass hier 
eine Porträtdarstellung gewollt sei. 

Wer aber diese Gestalt ist, darüber lässt sich nichts Sicheres sagen. 
Ansprechend ist eine populäre Ueberlieferung, nach der hier die Gestalt 
Erwin's von Steinbach der Nachwelt überliefert sei. 

Die Bekleidung der Propheten besteht, abgesehen vom Untergewand, 
entweder in einem Mantel, der um die Schultern gelegt ist, oder in einem 
Tuch, das togaähnlich den Körper umhüllt. Ist Letzteres der Fall, so ist 
es interessant, die Lösung der Schwierigkeiten zu beachten, die sich ergaben, 
wenn auch dem vom Gewand verhüllten Arm eine Funktion vom Künstler 
zuertheilt wurde. So gab der Bildhauer der zweiten Statue (links) ein 
Spruchband, das von beiden Händen gehalten werden sollte. Um nun den 
Arm aus dem Mantel zu befreien, ist die rechte Schulter hoch herauf- 
gezogen und der Unterarm dicht an den Oberarm gebogen, dass das Hand- 
gelenk fast die Schulter berührt. Jetzt ist die Hand glücklich so weit 
herausgezwängt, dass sie das eine Ende der Schriftrolle, in welcher der 
Prophet zu lesen scheint, fassen kann, während das untere Ende des 
Bandes in der bis zur Höhe der Hüfte erhobenen Linken ruht. So gequält 
auch die Stellung erscheinen mag, diese Art der Darstellung zeigt doch 
ein selbständiges Vorgehen, um sich von dem Zwang der traditionellen 
Vorbilder zu befreien oder sie den neuen Zielen anzupassen und unter- 
zuordnen. 

Bei einigen der Propheten tritt die oben geschilderte Art der Gewand- 
behandlung besonders stark hervor, so namentlich bei einem Alten (fünfte 
Statue links am Eingang), dessen Körper wie ein Kleiderstock behandelt 
ist, um den der Künstler willkürlich das Gewand geworfen hat, ohne 
Rücksicht auf den Wuchs und die Proportion der menschlichen Gestalt 
zu nehmen. 

Der Ausdruck des Antlitzes ist im Allgemeinen bei den Statuen stets 
derselbe. Das tiefe Sinnen und Forschen über die heiligen Prophezeihungen 
und Sprüche darzustellen, ist offenbar das Ziel gewesen, welches der oder 
die Verfertiger der Skulpturen sich gesetzt hatten. Die Körperhaltung, 
die Neigung des Kopfes und die Richtung des Auges sind im Wesentlichen 
die zur Verkörperung dieses Vorgangs angewandten Mittel. 



216 



Das Münster. 



Der Inhalt des Reliefs in dem Bogenfeld des Portals ist im Einzelnen 
folgender : 

In der untersten Reihe: Der Einzug in Jerusalem, das Abendmahl, 
die Gefangennehmung Christi, Christus vor Pilatus und die Geiselung. 

Im zweiten Streifen : Die Dornenkrönung, die Kreuztragung, Christus 
am Kreuz, die Kreuzabnahme, die Frauen am Grabe Christi. 

In dem dritten Streifen: Der Tod des Judas, Christus in der Vor- 
hölle (beides gänzlich erneuert), Christus und Maria Magdalena und der 
ungläubige Thomas. 




Fig. 119. Standbilder der Westfront (südl. Thurmportal). 



In dem vierten Streifen: Die Himmelfahrt Christi (erneuert). 

Die eingehende Schilderung dieses Cyclus, der an prächtigen Einzel- 
gestalten nicht arm ist, würde hier zu weit führen. Der Gesammteindruck, 
den die Gruppen machen, ist der, dass der Künstler, unter Festhalten an 
der traditionellen Auffassung der einzelnen Vorgänge, sich nicht gescheut 
hat, manchen lebendigen Zug seiner eigenen Zeit zu entnehmen, und zwar 
hat er nicht unmittelbar aus der Wirklichkeit geschöpft , sondern ist durch 
die Darstellung der Mysterien beeinflusst worden. Schon die Zusammen- 
stellung der Szenen, welche von der Anordnung in den Evangelien ab- 
weicht, weist auf die Passionsspiele hin. Ferner erinnert das Haus, in dem 
sich die Szene mit dem ungläubigen Thomas abspielt, die Andeutung der 



Das Münster. 



217 



Stadt Jerusalem durch das primitive Thor und schliesslich der auf Säulen 
ruhende Sarkophag lebhaft an die Bühnenarchitektur. Auch die Einführung 
der Zeittracht und das Fortlassen des Nimbus wird im Zusammenhang mit 
dem geistlichen Schauspiel stehen. 

Ueber dem Portal erhebt sich der mit figürlichem Schmuck reich ver- 
sehene Wimperg, er ist gänzlich der Glorifikation der Muttergottes ge- 
widmet. Propheten auf den Aussenseiten und Tugenden im Innern des 
Wimpergs verkündeten den Ruhm der Jungfrau Maria, die auf einem Thron 
sass, unter dem auf seinem Königssessel Salomo als Urbild menschlicher 




Fig. 120. Standbilder der Westfront (südl. Thurmportal). 



Weisheit thronte. Von ihm führt zu beiden Seiten eine Doppeltreppe 
herab, auf deren Stufen an jeder Seite 7 Löwen sitzen. Ueber Maria wurde 
das Antlitz Gottes sichtbar. Musikanten an den das Portal zu beiden Seiten 
begrenzenden Pfeilern stimmten mit Geigen und Hörnern, mit Cimbeln und 
Becken mit ein in den Lobgesang zu Ehren Marias. 

Jetzt ist von diesem reichen Schmuck nur weniges mehr vorhanden. 
Die Jungfrau Maria, der Salomo und das Antlitz Gottes sind von Malade 
erneuert ; letztgenannte Skulptur ist vor Kurzem abgenommen worden, weil 
hinter derselben Farbenspuren sichtbar wurden, die auf das Vorhandensein 
eines gemalten Antlitzes Gottes schliessen lassen. Die Musikanten sind 
von Malade und dem jetzigen Bildhauer des Münsters Stienne ergänzt 



21« 



Das Münster. 



und die Tugenden sind gänzlich verschwunden und nicht wieder ersetzt 
worden. 

Das nördliche Seitenportal zeigt im Bogenfeld über der Thür drei 
Streifen mit Reliefs. Im untersten sind dargestellt: Die drei Könige vor 
Herodes und die Anbetung der Könige, im zweiten: der Bethlehemitische 
Kindermord und die Flucht nach Egypten, im obersten: die Darstellung 




Fig. 121. Standbilder der Westfront (Hauptportal). 



im Tempel. Diese Skulpturen sowie die Engel, Heiligen und Bischöfe in 
den vier Bogenläufen sind von Vallastre erneuert. 

In den Nischen zu beiden Seiten des Portals stehen die zwölf Tugenden, 
Frauengestalten, welche die unter ihren Füssen befindlichen und ihnen als 
Fussschemel dienenden Laster mit ihren Lanzen durchbohren. 

Die Gruppe enthält Statuen von sehr verschiedenem Werth. Nicht 
nur werden verschiedene Hände bei der Herstellung derselben thätig ge- 
wesen sein, sondern die Anfertigung wird auch zu verschiedenen Zeiten 
erfolgt sein. Als ältester und aus derselben Zeit, wie die klugen und thörichten 
Jungfrauen stammend, sind zwei Statuen zu setzen (die 3. u. 4. Statue 
links), deren Kopfbildung und Gewandbehandlung ganz mit dem Stil jener 



Das Münster. 



219 



Skulpturen übereinstimmt. Bei den übrigen Statuen findet sieh eine starke 
Ausbuchtung der Gewandfalten, welche sie als die Jüngeren erkennen lässt. 
Unter diesen sind wieder drei Statuen die geringsten (die 2. u. 6. Statue 
links und die erste in der rechten Aussennische des Portals) und wohl von 
derselben Hand herrührend. Der wenig aus dem Stein herausgearbeitete 
Kopf hat einen stumpfen und theilnamslosen Ausdruck. 




Fig. 122. Standbilder der Westfront (Hauptportal). 



Die Verkörperung einer kämpfenden und siegenden Tugend ist am 
besten in der dritten Statue rechts am Eingang gelungen. Eine kräftige 
Frauengestalt, ohne Mantel in einem knapp anliegenden Gewand, welches 
die Körperformen hervorhebt, so steht sie sicher und frei da. Der Ausdruck 
des wohlgeformten Antlitzes ist bestimmt und ernst. Die Lanze wird von 
sicherer Hand geführt. 

Im Allgemeinen sind die Bewegungsmotive in dieser Statuenreihe 
einförmig, und die Art, wie die Lanzen mit spitzen Fingern und zierlich 
gebogenem Handgelenk gehandhabt werden, zeugt von Ungeübtheit im 
Gebrauch dieser Waffe. Auf dem Antlitz ist mit wenigen Ausnahmen ein 
freundliches Lächeln. 



220 



Das Münster. 



Die Figuren der Laster tragen Spruchbänder in den Händen, auf denen 
einst ihre Namen zu lesen waren. Auch diese Gestalten sind nicht so 
charakterisiert, dass aus ihrem Aeussern ihre Benennung zu errathen ist. 

Wenn auch in dieser Statuengruppe, der der Darstellung zu Grunde 
gelegte Gedanke vom Kampf und Sieg der Tugend über das Laster, des 
Guten über das Böse, nicht scharf ausgeprägt ist, so bleibt ihr doch immerhin 
die Bedeutung, dass in ihr die Verkörperung des mittelalterlichen Ideals 
edler Frauengestalten vor das Auge des Beschauers geführt wird. 

In der Höhe des ersten Geschosses der Westfassade befinden sich an 
der Nordseite und an der Südseite der beiden Thürme in einer Hohlkehle 
unterhalb der Gallerie zwei Folgen von Reliefdarstellungen, die wegen ihres 
räthselhaften Inhalts und ihrer stilistischen Eigenthümlichkeiten schon oft 
Gegenstand der Beschreibung geworden sind. 

Der Fries an der Südseite zeigt Dämonen im Kampf mit einander und 
mit dem Menschen, Sirenen und Darstellungen menschlicher Leidenschaften, 
wie das Würfelspiel und den Kampf zwischen Mann und Frau. 

Im Fries an der Nordseite sind grösstentheils symbolische Thier- 
gestalten und biblische Scenen dargestellt. Da ist der seine Jungen durch 
den Odem belebende Löwe und der auf seinem Neste sich verbrennende 
Phönix (Fig. 123), beide ein Symbol der Auferstehung Christi, dann die 
Einfangung des Einhorns durch eine Jungfrau als Sinnbild der Mensch- 
werdung Christi, der Pelikan, der seine Jungen mit seinem Blute nährt, ein 
Vorbild der Liebe Gottes zu den Menschen, der Adler, der einen jungen 
Adler gegen die Sonne hält, um die Schärfe ihres Blickes und die Echtheit 
der Abstammung zu erproben. 

Von biblischen Scenen ist das Opfer Abrahams (Fig. 124), die Errettung 
des Jonas aus dem Bauch des Wallfisches und die eherne Schlange darge- 
stellt, auch dies sind Symbole der Auferstehung und des Opfertodes Christi. 

Der Stil dieser Skulpturen unterscheidet sich merklich von dem der 
an den Portalen befindlichen Bildwerke. Ist einerseits die Auffassung der 
einzelnen Scenen eine viel lebendigere und freiere, so macht sich in der 
Darstellung eine Eigentümlichkeit besonders stark geltend, die bis jetzt 
noch nicht an den plastischen Werken des Münsters beobachtet werden 
konnte. Das ist der Kontrast zwischen der Handlung und dem Ausdruck 
des Antlitzes. Lebhafteste Bewegung und ein äginetenhaftes Lächeln sind 
hier oft vereinigt. Während mit überzeugender Wahrheit, die Kampf- 
und Jagdscenen und das wilde Treiben der Dämonen geschildert wird, 
bleibt die Gestaltung des Antlitzes unverändert. Es ist dem Künstler ge- 
lungen, die Glieder von dem Bann starrer Ruhe zu lösen und zugleich den 
Eindruck kraftloser Bewegung zu vermeiden, doch die Erregung des Kampfes, 
die Schmerzen der Gepeinigten, die Wuth der Streitenden im Ausdruck des 
Antlitzes wiederzuspiegeln, bleibt ihm versagt. 

Die Skulpturen der Westfassade, die beiden Friese und der Lettner 
bilden eine Stilgruppe für sich in dem plastischen Schmuck des Münsters. 
Ihre Entstehungszeit (ca. 1290—1330) wird nicht immer gleichzeitig mit der 
Vollendung der entsprechenden Bautheile zu setzen sein. Stilistische Eigen- 



Das Münster. 



221 



thümlichkeiten sprechen dafür, dass die beiden Friese zuerst entstanden 
seien, dann die klugen und thörichten Jungfrauen, einzelne Tugenden und 
der Schmuck des Lettners und zuletzt jene einzelnen Propheten und Tugenden, 
bei denen die geschilderte Behandlung des Gewandes besonders stark 
hervortritt. 

In den Nischen der grossen Pfeiler stehen unter Baldachinen die 
Reiterstatuen verschiedener Könige. Ursprünglich waren es nur drei 
Herrscher gewesen, die dort ihren Platz gefunden hatten. Im Jahre 1291, 
so erzählt der Chronist, wurde erkannt, „dass man alle führnehmsten könige, 
so statt und land die grossen Gutthaten gethan, ihre bildnisse auf triumph- 
pferde setzen sollte." Dem König Chlodwig, dem Gründer des Münsters, 
König Dagobert, dem Stifter des Bisthums, und König Rudolf von Habsburg, 
der die Stadt mit vielen Freiheiten beschenkt hat, wurden diese Ehren- 
plätze zuerkannt. Während der Revolution fielen auch sie dem Bildersturm 
zum Opfer. Sie wurden in den Jahren 1811—1813 von Malade erneuert und 
als vierter kam 1823 Ludwig XIV. hinzu, ein Werk des Bildhauers Vallastre. 

Die zahlreichen anderen Königs- und Kaiserstatuen, die die Nischen 
des ersten und zweiten Geschosses füllen, sind fast sämmtlich von dem 
Bildhauer Grass angefertigt. Aus folgendem Schema wird die Vertheilung 
der Skulpturen ersichtlich. 



1. Karl Martcl f 741. 2. Ludwig der Fromme f 840. 3. Lothar I. f 855. 4. Chlodwig f 511. 
5. Dagobert f 715. 6. Rudolf von Habsburg f 1291. 7. Louis XIV. f 1715. 8. Otto IL f 983. 9. Otto III. 
f 1002. 10. Heinrich II. f 1024. 11. Karl der Kahle f 866. 12. Lothar II. f 869. 13. Ludwig II. f 875. 
14. Pipin f 768. 15. Karl der Grosse f 814. 16. Otto I. f 973. 17. Heinrich I. f 936. 18. Konrad II. f 1039. 
19. Heinrich III. f 1056. 20. Heinrich IV. f 1106. (Ausser Nr. 11 und 20 alle zu Pferd.) 

Der bildliche Schmuck des Mittelbaus im dritten Geschoss der West- 
fassade ist ganz von Grass' Leitung angefertigt. 

Zwar war sowohl in architektonischer, wie in ikonographischer 
Beziehung der ursprüngliche Abschluss des zweiten Geschosses die Apostel- 
gallerie gewesen. Dort hatten unmittelbar über der Rose unter den von 
Engel gekrönten Wimpergen die 12 Apostel und in ihrer Mitte Maria 
gestanden. Ueber Maria wurde die Gestalt Christi in der Mandorla 
sichtbar, der in der Linken die Kreuzesfahne hielt und die Rechte richtend 
erhob. 

Für diese, während der Revolution zerstörten Statuen wurden von 
Grass die Engel, Christus und Maria neu gearbeitet, während die Apostel 
ein Werk des Malade und Vallastre sind. 

Ueber dieser Gallerie erhebt sich der in der zweiten Hälfte des 
XIV. Jahrhunderts entstandene Mittelbau, der für die Aufnahme der 
Glocken bestimmt war. Für ihn war, nach einer im Frauenhaus auf- 




222 



Das Münster. 



bewahrten Zeichnung zu urtheilen, ein reicher Statuenschmuck vorgesehen. 
Der mit grüner, blauer und rother Farbe kolorirte Entwurf lässt darauf 
schliessen, dass die Skulpturen bemalt werden sollten. 

Nach dieser Skizze nun, deren wirkliche Ausführung zweifelhaft ist, 
hat der Bildhauer Grass in dem Jahre 1849/50 die jetzigen Statuen an- 
gefertigt. 

Für die Aufstellung der Skulpturen war der Platz zu beiden Seiten 
und zwischen den zwei grossen Fenstern, die die ganze Höhe des Mittelbaus 
in Anspruch nehmen, gegeben. 

Zu unterst, an den beiden, äussersten Seiten der Fenster, stehen 
übereinander je zwei Evangelisten. Sie tragen Spruchbänder in den Händen 
und haben nicht menschliche Gesichter sondern die symbolischen Thier- 
köpfe. Den unteren Mittelplatz nehmen die beiden Propheten Jeremias 
und Ezechiel ein. Ueber den Evangelisten stehen rechts und links je ein 




Fig. 123. Relief aus dem Fries des Nordthurms, nach Kraus. 



Engel, der eine mit der Lanze, der andere mit dem Kreuz. In der Höhe 
zwischen den beiden Fenstern thront Christus als Weltenrichter mit 
erhobenen Armen, ein Schwert geht von seinem Munde aus. Zwei neben 
ihm stehende Engel künden durch den Schall der Posaunen das Kommen 
des jüngsten Tages an. Sehr geschickt sind die Wimperge der Fenster 
für die Aufstellung der Statuen benutzt worden. Im Innern derselben 
kniet links Maria, rechts Johannes der Täufer, die Aussenseiten sind mit 
Krabben in Gestalt von Särgen besetzt, denen Auferstehende entsteigen. 
Auf der höchsten Spitze des Wimpergs steht links ein Engel, der in seinem 
Schoos eine gerettete Seele hält, rechts ein Teufel, der einen zur Hölle 
Verdammten in seinen Krallen davonschleppt. 

Es ist dies das Hauptwerk von Grass und jedenfalls das Hervor- 
ragendste, was er am Münster geschaffen hat. Die Statuen sind von unten 
trotz ihrer Grösse (die Figuren sind durchschnittlich 2 m 10 cm gross) 
schwer zu sehen, am bequemsten ist die Besichtigung, wenigstens für die 
oberen Skulpturen, von der Plattform aus. 

Eine ganze Anzahl interessanter Skulpturen ist auf den Nordthurm 
vertheilt. 



Das Münster. 



228 



So findet sich an der Westseite desselben die beiden Gestalten des 
Kaisers und des Mönchs, wohl die ältesten Statuen am Thurm. 

Vielleicht bei keiner Figur am Münster ist der menschliche Körper so 
ingnoriert, wie bei dem Mönch. Trotzdem ist die Faltengebung und vor 
allem der Ausdruck seines Kopfes meisterhaft behandelt. Der Eindruck, 
den er seit allen Zeiten auf den Beschauer gemacht hat, spiegelt sich 
wider in jenen Sagen von dem Dominikaner, welcher Heinrich VII. ver- 
giftete und zu spät die That bereute. Es liegt eine tiefe Trauer auf dem 
charaktervollen Kopf, der trotz seiner im Verhältniss zum Körper zu 
grossen Formen keinen plumpen oder derben Eindruck macht. 

Die beiden Werkmeister an der Südseite des Nordthurms, lange Zeit 
die Junker von Prag genannt, sowie ein Laurentius und eine heilige 
Katharina sind dem Anfang des XVI. Jahrhunderts zuzuschreiben, stilistisch 
stehen sie den Skulpturen der Laurentiuskapelle sehr nahe. 



Dem Auge schwer erreichbar sind einige Statuen, die in den Nischen 
des Thurms aufgestellt sind und von einem Theil des Münsters stammen, 
an den man hier am wenigsten denken würde. Es sind Figuren von dem 
Erwin zugeschriebenen Lettner, zwei Propheten und eine Sybille. Viel- 
leicht gehören noch andere Statuen des Thurms dazu, deren genaue 
Besichtigung aber bis jetzt nicht möglich war. Die mit Sicherheit auf 
Grund einer Abbildung dem Lettner zuzuschreibenden Figuren sind feine, 
zierliche Gestalten, das Antlitz zeigt reine und edle Linien, das Haar ist 
sehr sorgfältig und sauber behandelt. Der Körper in den Hüften ein 
wenig ausgebogen, der Faltenwurf des Gewandes ohne übertriebene Aus- 
buchtungen. 

Ueber den grossen Fenstern des Thurms stehen auf dem Umgang 
8 Statuen, je zwei an den Mündungen der vier Treppen der Schnecken- 
thürme. Es sind kleine, ca. 50 cm grosse Figuren von feiner, zierlicher 
Arbeit, sie sind stark verstümmelt und namentlich die Köpfe kaiim kennt- 
lich, alle schauen nach oben, wohl um ihre Bewunderung über den kühnen 
Bau auszudrücken und die Aufmerksamkeit des Besuchers auf ihn hin- 
zulenken. 




Fig. 124. Relief aus dem Fries des Nordthurms, nach Kraus. 



224 



Das Münster. 



Das Marienbild, das einst auf dem Knopf des Münsters stand, musste 
1488 wieder herabgenommen werden, da es durch Wind und Wetter zu 
sehr gelitten hatte. 

C. Die Bildwerke an den Langseiten. 

Steigt man wieder von der Plattform herunter und geht an der Nord- 
seite des Münsters entlang, so gewahrt man an der Ostseite des Thurms 
die Figur eines Herkules, die unter dem Namen „Krutzmann" einst eine 
der populärsten Statuen war. Lange Zeit wurde sie mit einem antiken 
Herkules, der im Innern des Münsters stand und während der Reformation 
verschwand, verwechselt. Die Figur ist eine späte Arbeit (XVII. Jahr- 
hundert) und zeugt von einer gewissen Kenntniss des menschlichen Kör- 
pers. Die mageren Beine und der vorgetriebene Bauch lassen auf eine 
Arbeit nach dem Modell schliessen. 

Die Nischen der Strebepfeiler an der Nordseite sind, ebenso wie die 
der Südseite, leer bis auf die beiden ersten, auf den älteren Pfeilern. Es 
sind dort vier Statuen aufgestellt, drei Apostel und ein heiliger Michael, 
letztere Figur erinnert durch die Art der Gewandbehandlung an die Skulp- 
turen der Engelssäule. 

Das von Jakob von Landshut 1494—1505 erbaute Portal von der 
Latirenttuskapelle ist bis auf die von Meister Conrath geschaffene Gruppe 
über der Thür, darstellend die Marter des heiligen Laurentius, noch im 
Besitz seiner alten Skulpturen. Links am Portal ist die Anbetung der 
Könige dargestellt, rechts Laurentius, Papst Sixtus und drei namenlose 
männliche Gestalten. Unter dem weitvorragenden Baldachin wird, halb- 
verdeckt, die kleine Statue Christi sichtbar. Der mit einem weiten Mantel 
bekleidete Heiland trägt die Weltkugel. Die Behandlung des Faltenwurfs 
ist bei beiden Gruppen unruhig und schwerfällig. Die Gewänder scheinen 
förmlich auf den sie tragenden Personen zu lasten. Tiefe, spitzwinklige 
Querfalten sind untermischt mit muldenartigen Vertiefungen, die nur bei 
einem Stoff vorkommen können, der nicht nur schwer, sondern auch steif 
und ungefüge ist. Hierzu kommt nun noch ein Gesichtsausdruck, welcher 
durch die herabgezogenen Mundwinkel, die schweren Augendeckel und die 
vollen wulstigen Lippen einen recht unfreundlichen Eindruck macht. 

Die Marter des heiligen Laurentius im Bogenfeld des Portals ist von 
dem Bildhauer Vallastre erneuert. 

Im Innern des Portals wurden im Bogenfeld des alten romanischen 
Eingangs die Umrisse der Anbetung der Könige sichtbar, die einst hier 
als Relief dargestellt war und während der Revolution abgemeiselt wurde. 

Die den Rundbogen umrahmende Inschrift ist noch erhalten, sie lautet: 

Suscipe trine Deus que fert tua dona Sabeus 
Hec tibi qui dederit dona beatus erit 
Auro donantis virtus que probatur amantis 
In mirra bona spes thure beata fides. 



TAFEL IX. 




Strassburg und seine Bauten. Verlag von Karl J. Trübner in Strassburg. 

Münster: Portal der ehemaligen Laurentiuskapelle an der Nordseite. 



Das Münster. 



225 



An den Arkaden der Südseite, zunächst der 1777—78 errichteten 
Kapelle mögen vier, jetzt stark verwitterte Wasserspeier, die Rinderköpfe 
darstellen und mit mächtigen Rococcofrisuren 1 ) geschmückt sind, nicht unbe- 
achtet bleiben. Die Südseite des Langhauses selbst ist jetzt fast ganz 
durch die für die Herstellungsarbeiten errichteten Brettergerüste verdeckt. 
Noch vor Kurzem waren in den beiden der Frühgothik angehörenden Nischen 
des ersten und zweiten Strebepfeilers Statuen aus etwa dem zweiten Drittel 
des XIII. Jahrhunderts aufgestellt und an den Frontseiten dieser Bautheile 
standen zwei Apostel von Malade. Am Fuss des Südthurms hatte eine 
Anzahl Renaissancefigürchen als Krönung der Fialen und der zierlichen 
von Säulen getragenen Nischen ihren Platz gefunden. Sie sind jetzt herab- 
<renommen und werden im Museum des Frauenhauses aufbewahrt. 

Ausserhalb des Münsters ist an der Südseite in einer meist ver- 
schlossenen Kapelle ein Oelberg aufgestellt, der einst seinen Platz bei der 
Thomaskirche hatte. Von Nikolaus Röder von Tiersberg 1488 gestiftet, wurde 
er während der Reformation entfernt und 1667 in die Katharinenkapelle 
des Münsters übergeführt. Später wurde er in der Krypta aufgestellt und 
wird jetzt, nachdem er in der Revolution auch von dort weggenommen 
werden musste, in der erwähnten Kapelle aufbewahrt. 

Die Composition weicht in Nichts von der während des Mittel- 
alters üblichen Darstellungsweise ab. Christus kniet im Gebet vor dem 
auf dem Felsen mit dem Kelch erscheinenden Engel, während die drei 
Jünger in Schlaf versunken sind. 

Im Hintergrund werden die Kriegsknechte und Reisigen sichtbar, die 
unter der Führung des Judas schon durch die Thür des den Garten ab- 
schliessenden Bretterzauns dringen. 

Die Gestalten des Christus und der Apostel machen nicht den Werth 
dieser Skulpturen aus; es sind befangene Figuren von schwächlichem 
Ausdruck und mit ungeschickten Bewegungen. Ganz anders die Gruppe 
der Kriegsknechte, in der sich eine ganze Reihe lebenswahrer Gestalten 
aus dem Ende des XV. Jahrhunderts findet. In reicher Abwechselung 
führt uns der Künstler eine grosse Anzahl Reisige und Bürger in den ver- 
schiedensten Trachten und Bewaffnungen vor. Die porträtähnlichen Köpfe 
lassen die Vermuthung zu, dass sie vielleicht nach einer der Gruppen der 
zu jener Zeit so häufigen Prozessionen oder Festzüge geschaffen seien, in 
denen bestimmte Zünfte die einzelnen Scenen der Passion darstellten. 

D. Die Bildwerke des Innern. 

Im Vergleich zu dem reichen, figürlichen Schmuck der Fassaden ist 
das Innere des Münsters arm an Bildwerken. Die Reformation hat zwar 
einige berühmte Skulpturen entfernt, so das Geschenk des Parliers Konrad 
Frankenburger, das traurige Marienbild, ferner das traurige Christusbijd 
und die 36 Fuss hohe Statue des Christopherus, die ihren Platz neben der 



') Die satirische Antwort des Dombaumeisters Götz auf die Angriffe gegen sein gothisches Projekt. 
Vergl. oben S. 154). 

15 



226 



Das Münster. 



Orgel hatte, aber im Grossen und Ganzen wird auch in früherer Zeit die 
Zahl der Statuen nicht viel grösser als jetzt gewesen sein. 

Wenn das Auge sich an die im Innern herrschende Dunkelheit ge- 
wöhnt hat, wird man einige Skulpturen bemerken, die im engeren Zu- 
sammenhang mit der Architektur stehen. Das sind die Medaillons der 
Blendarkaden der Seitenschiffe und die Reliefs in den Zwickeln der Pfeiler- 
stellungen des Triforiums. 

An den beiden Wänden der Seitenschiffe laufen Arkaden entlang, die, 
mit Ausnahme derjenigen in der ersten Trewee, die älteren Ursprungs 
sind, reichen figürlichen Schmuck besitzen. In den gleichschenkligen 
Zwickeln, die durch das Gesims und je zwei Bogen der Arkaden gebildet 
werden, ist ein Kreis beschrieben und in demselben umrahmt von einem 
Dreipass eine Reihe der verschiedensten Darstellungen angebracht. Auch 
die drei kleineren Zwickel, die durch die Konstruktion des Kreises in der 
dreiseitigen Fläche entstanden sind, zeigen mannigfaltige Ornamente. Die 
Gestalt des Christus, Engel, Teufel und phantastische Thiere folgen einander 
im bunten Durcheinander. 

Die Blendarkaden der Vorhalle, bei denen das Mittelfeld der Zwickel 
leer gelassen ist, zeigen in den kleineren dreiseitigen Feldern allerlei Ge- 
stalten, wie gewappnete Halbmenschen, Dämonen, Drachen u. dergl. 

Am Triforium sind durch das Gesims und die Bogenlinien je zweier 
Fenster Flächen in der Form eines gleichschenkligen Dreiecks gebildet, 
dessen Spitze nach unten gerichtet ist. Durch einen Pfosten sind diese 
Dreiecke in zwei Hälften getheilt, deren jede Raum für ein Relief bietet. 
Die Skulpturen sind ähnlichen Inhalts wie die der Blendarkaden, nur sind 
sie wegen der bedeutenden Höhe stark aus dem Stein herausgearbeitet. 
Hier findet sich die älteste deutsche Inschrift, bei einem Engel ist in 
grossen Buchstaben eingegraben: „Dis ister Hengel Serafyn". 

An einem Pfeiler der Kanzel gegenüber war einst die 1687 zer- 
störte sogenannte Thierprozession in den Stein gemeisselt. Sie stellte 
dar, wie verschiedene Thiere, ein Bär, ein Esel, ein Eber, ein Hirsch, eine 
Katze und ein Hase die Messe lesen und Reliquien in feierlichem Aufzug 
umhertragen. Zur Zeit der Reformation wurden von beiden Parteien, von 
der katholischen wie von der protestantischen, diese Skulpturen zum Gegen- 
stand einer satirischen Beschreibung gemacht. Fischart und Joh. Nass 
haben sie in Versen ausgelegt und an boshaften und oft derben Vergleichen 
fehlte es ihren Deutungen nicht. 

Die Laurentiuskapelle ist ganz mit Skulpturen von der Hand Grass' 
geschmückt. Die zwölf Apostel, eine grosse Anzahl Engel und die neun 
Heiligen des Elsass bilden den Schmuck dieses Raums. Bei einem Vergleich 
mit den Skulpturen, die Grass an der Fassade gefertigt hat, wird eine ge- 
wisse Süsslichkeit im Ausdruck des Antlitzes und eine pathetische Haltung 
des Körpers auffallen. 

Ebenfalls von Grass, aber nur im Gipsmodell hergestellt, sind die 
Statuen des Johannes und Andreas auf den Altaren in den Kapellen dieser 
beiden Heiligen an der Ostseite des Münsters. 



Das Münster. 



227 



Vor der Katharinenkapelle stehen fünf Statuen, von denen vier aus 
dem zweiten Drittel des XIV. Jahrhunderts stammen. Die fünfte Statue, 
die des heiligen Florentius, ist durch Grass ersetzt worden. Die Namen 
der anderen vier Heiligen sind Paulus, Johannes, Katharina und Elisabeth. 
Es sind wenig anziehende Gestalten, die da, den Rücken gegen das Licht 
gekehrt, in wohlverdienter Dämmerung stehen. Am besten ist noch die 
heilige Elisabeth gelungen. Ihr Kopf ist gut geformt und ausdrucksvoller 
als die flachen und langgezogenen Gesichter der anderen Heiligen. Die 
Statuen zeigen deutliche Spuren von Bemalung. 

An Grabdenkmälern mit figürlichem Schmuck ist das Münster sehr 
arm. Jedoch ist dem Bischof, zu dessen Zeit der Grundstein zur West- 
fassade gelegt wurde und der einer der eifrigsten Förderer des Baues war, 
ein würdiges Denkmal wahrscheinlich von Erwins Hand errichtet worden. 
Der Bischof Konrad von Lichtenberg, gest. 1299, ruht an der Südwand 
der Johanneskapelle unter einem architektonischen Aufbau, dessen Formen 
denen der Westfassade entsprechen. Im bischöflichen Ornat, mit der Mitra 
auf dem Haupt, ruht er auf den Kissen. Zu seinen Füssen ist ein Löwe 
gelagert. Eine winzig kleine Statuette, die am Fuss des Monuments an- 
gebracht ist, wird auf Erwin von Steinbach gedeutet. Ganz in Dunkel 
gehüllt ist ein Grabmal aus dem Jahre 1464 an derselben Wand dieser 
Kapelle. Es zeigt die Halbfiguren der Muttergottes mit dem Christuskinde 
und diejenige des Auftraggebers. Die lebensgrossen Figuren sind äusserst 
flott und sicher behandelt. Aus nicht viel späterer Zeit (1480) ist das 
Grabdenkmal der Familie Bock an der Südwand der Katharinenkapelle. 
Das den Tod der Maria darstellende Relief ist von einem reichen archi- 
tektonischen Rahmen umgeben. Zu beiden Seiten werden die Porträts 
der beiden Eheleute sichtbar. Es ist ein überaus feines und zierliches 
Werk, von dessen Urheber nur das Monogramm V. S. bekannt ist. Lange 
Zeit war das Relief verdeckt, bis es während der Restaurationsarbeiten 
in der Mitte dieses Jahrhunderts aus seiner Umhüllung befreit wurde. 
Die Grabdenkmäler der Andreaskapelle sind ohne künstlerischen Werth. 

Ein Prunkstück spätgothischer Arbeit ist die für Geiler von Kaisers- 
berg in den Jahren 1485—1487 nach den Zeichnungen des Werkmeisters 
Hans Hammerer errichtete Ransel. Sie ist an einem der grossen Pfeiler 
des Mittelschiffs errichtet worden und wird von einem achteckigen Pfeiler 
getragen, der von sechs zierlichen Säulen umstellt ist. Eine grosse Anzahl 
kleinerer und grösserer Statuen ist auf dies in seiner Art einzige Mobiliar- 
stück des Münsters vertheilt. Der Fuss der Umwandung der Rednerbühne 
ist mit den unter reichen Baldachinen stehenden zwölf Aposteln, Maria 
und Johannes und Christus am Kreuz geschmückt. Die Spitzen der Säulen 
sind mit den Alabasterstatuetten der Evangelisten gekrönt, unter diesen 
stehen Heilige und Bischöfe, dann folgen Märtyrer und Kirchenväter, und " 
den Fuss schmücken Gestalten aus dem alten Testament. An dem den 
Kern des Ganzen bildenden Pfeiler steht eine Muttergottesstatue und ihr 
zur Seite je drei Heilige. Am Fusse des Postaments schliessen die Evan- 
gelistensymbole die Reihe der Darstellungen ab. 

15* 



228 



Das Münster. 



Unter der zur Kanzel hinaufführenden Treppe sitzen in Andacht (oder 
in Schlummer?) versunken zwei Zuhörer, ein Pilger und eine Frau. Die 
obscönen Reliefs an dem Geländer der Treppe, Satiren auf das Mönchs- 
leben, wurden 1764 abgemeisselt. 

Die Schalldecke mit dem auferstehenden Christus ist ein modernes 
Werk. Ebenso sind die Apostel von dem Bildhauer Malade erneuert worden. 

Trotz des Reichthums der Ornamente und der Statuen macht die 
Kanzel einen etwas kleinlichen Eindruck. Die vielen aufeinander gehäuften 
Statuen bieten keinen Ruhe- und Mittelpunkt für den Blick des Beschauers. 
Sieht man indessen von der überladenen Komposition ab, so wird man 
manche Figur finden, die durch die Liebenswürdigkeit des Ausdrucks und 
durch die gefällige Behandlung des Gewandes sich auszeichnet. Interessant 
ist es, wie Malade's Statuetten, die sonst stets mit ihrer architektonischen 
Umgebung und den Skulpturen älteren Ursprungs disharmoniren, sich hier 
gut einfügen. Der Manierist des XVIII. Jahrhunderts und die nicht sonder- 
lich tiefgehende, aber reiche Gestaltungskraft am Ausgang der gothischen 
Stilperiode finden hier ihre Berührungspunkte. 

Wer die Skulpturen des Münsters eingehender studiren will, findet 
eine wichtige Ergänzung in der an Abgüssen wie auch an Original werken 
reichen Sammlung des Frauenhauses. 



VI. ABSCHNITT. 

DIE PFARR- UND STIFTSKIRCHEN DES MITTELALTERS. 

Von 

E. POLACZEK. 



(Vgl. KRAUS, Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen I u. IV, wo auch die Special-Litteratur 
verzeichnet ist.) 



Von den überaus zahlreichen Bauten, welche 
das religiöse Bedürfhiss des frühen und späten 
Mittelalters in Strassburg geschaffen hatte, haben 
sich nur sehr wenige bis in unsere Tage er- 
halten. Die meisten sind längst wieder vom 
Erdboden verschwunden; manche fielen dem 
zerstörenden Wirken der Elemente zum Opfer, 
andere wurden in der Reformationszeit, viele in 
der grossen Revolution ihrer ursprünglichen Be- 
stimmung entfremdet, und allmähligem, aber 
sicherem Untergange preisgegeben. Was sich 
gerettet hat, ist dürftig genug, dürftig besonders 
in Ansehung des alles andere weit überragenden 
Münsterbaus. Vermeidet man aber eine der- 
artige Vergleichung, so findet das sehende Auge 
wohl auch in den kleineren Denkmälern des 
mittelalterlichen Strassburg manchen interes- 
santen Punkt, und wenn irgendwo die Baukunst als solche fehlt, so bietet 
doch des Bildhauers oder Glasmalers Kunst einigen Ersatz. 




Fig. 125. Grundstein der 
Dominikanerkirche. 



1. ST. STEPHAN. 

In der langen Reihe klösterlicher Niederlassungen, die im Laufe des 
8. Jahrhunderts auf elsässischem Boden gegründet wurden, nimmt auch 
St. Stephan einen Platz ein; es ist die älteste derartige Stiftung in Strassburgs 
Mauern. Eine allerdings nicht sehr sichere Nachricht nennt Herzog Adalbert, 



230 



St. Stephan. 



den Bruder der hl. Odilia, als Gründer; seine Töchter Attala sei die erste 
Vorsteherin des neuen Damenstifts gewesen, das sich alsbald der besonderen 
Gunst von Kaisern und Königen zu erfreuen hatte. Umfängliche Schenkungen 
wurden ihm gemacht, und seine Reichthümer vermehrten sich so beträchtlich, 
dass im 11. Jahrhundert ein Theil der Einkünfte der Förderung des 
Werinhar'schen Münsterneubaus zugewendet werden konnte. Schon das 
14. Jahrhundert bringt dem Stifte inneren und äusseren Verfall. Um 1540 




Fig. 126. St. Stephan. Nach einer Silbermann'sehen Zeichnung aus Piton. 



wird die Reformation auch hier siegreich und bis zum Ausgange des 
17. Jahrhunderts herrschen protestantische Aebtissinnen in St. Stephan. Die 
nach der französischen Annexion dem Orden der Heimsuchung überlassenen 
Stiftsgebäude wurden während der Revolution zum Theil verstümmelt, 
zum Theil ganz zerstört. 

Der gegenwärtig noch aufrechte Kirchenbau ward vermuthlich in der 
Zeit um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert begonnen und, wie es 
scheint, im Wesentlichen in einem Zuge zu Ende geführt. Nur die Osttheile 
sind unversehrt geblieben ; von der ursprünglichen Gestalt des Langhauses 
aber, das zu Beginn unseres Jahrhunderts abwechselnd als Circus, Theater 



St. Stephan. 



231 




und Tabakmagazin benützt wurde, giebt uns nur eine alte Zeiehnung 1 ) 
cinigermassen hinreichende Kunde (Fig. 126). 

Ihr zufolge war St. Stephan einst eine clreischiffige Basilica, der im 
Westen ein thurmartiger, zu bedeutender Höhe emporgeführter Fassadenbau 
vorgelegt war. Während aber, wie bereits gesagt, die Osttheile des Baues, 
das kräftig ausladende Querhaus und die drei sich ohne Vermittlung von 
Langchören anschliessenden Apsiden intact geblieben sind, haben der Westbau 
und das Langhaus die gewaltsamste Veränderung erlitten, die man sich 
denken kann (Fig. 127). Die Stützen, welche einst das Hochwerk trugen, 
das Hochwerk selbst und 
die Innenmauer des West- 
baus wurden entfernt, die 
Aussenmauer führte man 
höher empor und so war 

aus dem dreischiffigen 
Langhaus ein grosser recht- 
eckiger Saal geworden, über 
den man eine flache Decke 
legte. Genaueres über die 
ursprüngliche Beschaffenheit des also 
misshandelten Raumes ist nicht mit 
voller Sicherheit zu ermitteln gewesen. 
Wahrscheinlich lagen zwischen Quer- 
haus und Westbau sieben von Kreuz- 
gewölben überspannte durchlaufende 
Joche. Das Untergeschoss des West- 
baus diente vermuthlich als Vorhalle ; 
das Obergeschoss öffnete sich viel- 
leicht emporenartig gegen das Schiff. 

Das Querhaus (Fig. 128 u. 129) 
zählt drei Gewölbefelder, von denen 
das mittlere annähernd quadratisch ist, 
während die beiden seitlichen in der 
Richtung der Queraxe des Baues 
gestreckt sind. Das viertheilige ~^ 
Rippengewölbe der Vierung ruht 
auf starken Kreuzpfeilern, in 
deren Ecken Dreiviertelsäulchen zur Aufnahme der Diagonalrippen gestellt 
sind. Die mit kräftigen Eckknollen versehenen Basen bestehen nur aus zwei 
Gliedern, Wulst und Kehle; die derben, sehr niedrigen Kapitelle sind mit einem 
in ganz flachem Relief gearbeiteten Rundbogenfriese geschmückt. Für das 
Gratgewölbe des nördlichen Kreuzarms, wie für das Rippengewölbe des 
Südarms sind keine Dienste, sondern nur kurzstielige Consolen vorgesehen. 



f- M? f T f f T 



Fig. 127. St. Stephan. Grundriss, gez. von J. Heilig. 



*) Ihr Verfertiger ist derselbe SILBERMANN, der sich auch sonst um die Lokalgeschichte Strass- 
burgs so bedeutende Verdienste erworben hat. Das Original der Zeichnung ging beim Brande der 
Stadtbibliothek im Jahre 1870 zu Grunde. 



232 



St. Stephan. 



Die Diagonalrippen haben die Form von dicken, zwischen zwei knopfbe- 
setzten Kehlen sitzenden Wülsten. Die Schildbögen sind zumeist rund, 
die Gewölbekappen haben schwachen Stich und deutliche Busung. Die 
Gurte sind durchaus spitzbogig, im Profil zeigen sie eine einfache Ab- 
treppung, in deren einspringendem Winkel am Bogenanfang jedesmal eine 
cylindrische Volute sitzt. 

Von den drei Konchen ist die mittlere durch ihren Umfang, wie durch 
eine leichte Wandgliederung vor den beiden anderen, denen jeder Schmuck 
fehlt, ausgezeichnet. Im offenbaren Anschluss an den Münsterchor ist die 

Wand durch Anordnung von fünf 
theils spitz-, theils rundbogig ge- 
schlossenen Nischen belebt. Der 
leichte Rundbogenfries der Pfeiler- 
kämpfer setzt sich, von den drei 
Chorfenstern unterbrochen auch 
an der Apsiswand fort. 

Von der einstigen Gestaltung 
des Aussenbaus gibt uns gleichfalls 
die bereits erwähnte Silbermann'- 
sche Zeichnung (Fig. 126) Nachricht. 
Nächst dem Langhause hat der 
Westbau die weitestgehende Ver- 
stümmelung erlitten. Während er 
gegenwärtig mit dem zum flach- 
gedeckten Saale gewordenen Lang- 
haus unter einem Dache liegt, erhob 
er sich einst zu weit bedeutenderer 
Höhe als dieses. Breite, kräftig vor 
die Mauer tretende Lisenen brach- 
ten die innere Raumtheilung auch 
aussen zum Ausdruck. Im Mittel- 
felde war über dem Hauptportal, 
dessen Tympanon-Relief die Steini- 
gung des hl. Stephanus darstellte, ein 
grosses Radfenster mit säulchen- 
förmigen Speichen angeordnet, dessen obere Hälfte ein Bogen umrahmte. 
Etwas oberhalb der Endigung der Lisenen scheint ursprünglich das Dach 
des Mittelstückes angesetzt zu haben, während die Seitentheile wohl schon 
da sattelförmig abgedeckt waren, wo die Eckverstärkungen aufhören. Die 
Verwandtschaft der ganzen Anlage mit dem Westbaue von St. Thomas 
springt bei der Betrachtung alter Stadtansichten noch deutlicher ins Auge. 
Aus ihnen ergiebt sich, dass die Ostmauern des Fassadenbaues von St. Stephan 
keineswegs in einer Flucht lagen, dass also das Mittelstück ganz wie an 
St. Thomas von den Seitentheilen verschieden gebildet war. — In etwas 
späterer Zeit wurde der Westbau in seiner ganzen Breite auf gleiche Höhe 
gebracht und endlich noch ein Stockwerk aufgesetzt, das auf allen Seiten 




34 üifintu- 



Fig. 128. St. Stephan. Schnitt in der Hauptaxt 
gez. von J. Heilig. 



St. Stephan. 



233 



grosse gekuppelte Spitzbogenfenster, ähnlieh denen am dritten Thurm- 
geschosse von St. Thomas, besass. Das Dach des Mittelstückes war 
überhöht. 

Von alle dem ist heute nur sehr wenig mehr zu sehen. Von dem 
schön gegliederten Sockel, der den ganzen Bau umzieht, steigen noch die 
abgetreppten Eckverstärkungen und die Lisenen empor, aber der ganze 
Oberbau von der halben Höhe des Radfensters an ist verschwunden, der 




Fig. 129. St. Stephan. Schnitt in der Queraxe, gez. von J. Heilig. 

Rest des Radfensters ist zugemauert und auch das Portal haben die Helden 
der Revolution arg verstümmelt. Das Relief des Bogenfeldes wurde zer- 
stört, ebenso die meisten Kapitelle. Das Gewände besteht auf jeder Seite aus 
zwei scharf aneinander sitzenden Einkehlungen, die mit je einem kräf- 
tigen Dienst besetzt sind. Die Sockelbank ist ihnen gemeinsam, ebenso die 
Deckplatte der Kapitelle, an denen stellenweise Blätter- und Rankenschmuck 
zu erkennen ist. Aehnlich wie der senkrechte Theil des Gewändes ist auch 
die Archivolte profilirt, nur mit der Abweichung, dass der innere Dienst 
nicht als einfacher Wulst, sondern in detaillirterer Gliederung fortgesetzt 



234 St. Stephan. 

ist. Der Gebäudesockel umzieht rahmenartig- das ganze Portal, dessen 
oberen Abschluss ein leichtes Horizontalgesims bildet. 

An den Hochwänden des Langhauses zog sich einst unter dem Dach- 
ansatze ein Kleinbogenfries hin, vermuthlich von gleichem Profil wie der- 




Fig. 130. St. Stephan. Choransicht nach Kraus. 



jenige, der heute noch die Lisenen der Querhauswände miteinander 
verbindet. Auch an den Giebelseiten des Querhauses sind noch Spuren 
von Rundbogen- und Sägefriesen wahrzunehmen. Lisenen, die mit dem 
komplizirt gegliederten Sockel verkröpft sind, und Friese von gefälligen, 
im Profil mehrmals rechtwinklig abgetreppten Rundbogen bilden die be- 
scheidene Gliederung der Chorseite des Baues. 



Die Thomaskirche. 



23o 



Der Vierungsthurm hebt quadratisch an, setzt sich aber schon in sehr 
geringer Höhe über dem Dache durch Vermittlung vorkragender Rundbögen, 
die sich aussen als schräge Trompillons zeigen, achteckig fort. Auf alten 
Stadtansichten ist über dem Helm noch ein schlankes Glockenthürmchen 
sichtbar. 

Die bauliche Anlage der Stephanskirche ist interessant durch den 
Widerspruch zwischen der alterthümlichen Form des Grundrisses und dem 
weitaus reiferen, wenn auch noch durchaus nicht gothischen Charakter der 
Konstruktion. Dass ein Bau, der um das Jahr 1200 begonnen und etwa 
um 1220 oder 1230 vollendet worden sein mag, T-förmige Planbildung zeigt, 
lässt sich nur aus der Wiederbenützung alter Fundamente erklären; ganz 
analog handelte man ja ohne Zweifel bei dem Neubau des Münsters, das auch 
sonst in manchen Beziehungen — ich erwähne nochmals das Radfenster 
der Fassade und die Wandnischen in der Hauptapsis — als Muster gedient 
zu haben scheint. Seinem allgemeinen Charakter nach gehört St. Stephan 
dem sogenannten Uebergangsstil an. 

2. DIE THOMASKIRCHE. 

Ueber Zeit und Umstände der Gründung des Schottenklosters St. Thomas 
besitzen wir keine verbürgten Nachrichten. Wahrscheinlich ist, dass Adeloch, 
ein Bischof von Strassburg, in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts an 
Stelle eines älteren Baues eine neue Kirche errichtete, die indessen 1007, 
im gleichen Jahre wie das Münster, einer Feuersbrunst zum Opfer fiel. 
Das alsbald wieder aus der Asche erstandene Gotteshaus, das im Jahre 1031 
eingeweiht wurde, ging bereits 1144 neuerdings in den Flammen zu Grunde. 
Die ältesten Theile des gegenwärtig noch bestehenden Baues, der Kern des 
Kreuzschiffes und der Westbau, sind kaum vor dem Jahre 1200 in Angriff 
genommen und sicher nicht vor 1220 oder 1230 vollendet worden. Aut 
diesen Bau bezieht sich vermuthlich der in einer handschriftlichen Chronik 
dem Jahre 1196 und dem Bischof Heinrich L zugeschriebene Indulgenzbrief ; 
eine von beiden Angaben ist offenbar irrthümlich, da Heinrich I. schon 
1190 starb (Kraus, a. a. O. I 524). 

Ob nun bei diesem Neubau, Langhaus und Chor einer älteren Anlage 
erhalten blieben, ist unsicher. Wahrscheinlicher klingt dies immerhin als 
eine andere Annahme, derzufolge das unmittelbar nach 1200 errichtete 
Langhaus und ebenso der Chor nur provisorische Nothbauten gewesen 
wären. Gewiss ist, dass schon nach verhältnissmässig kurzer Zeit, nach 
des Chronisten Königshofen Meldung schon im Jahre 1270, ein Neubau 
in Angriff genommen wurde, dessen gänzliche Vollendung nicht lange 
vor der Mitte des 14. Jahrhunderts stattfand. Als Werkmeister werden 
Burckard Kettener und Johannes Erlin genannt ; dieser mag etwa um 1330 
die Einwölbung des Langhauses vollzogen haben. Als Erbauer des im 
Jahre 1347/48 errichteten Vierungsthurmes bezeichnen die Chronisten den 
scolasticus et gubernator fabricce Nicolaus Weisel. 



236 



Die Thomaskirche. 



Schon die äussere Erscheinung von St. Thomas lässt deutlich die beiden 
so weit auseinander liegenden Bauzeiten erkennen (Fig. 132). Der Westbau, 
der von einem mehrgliedrigen, in seinen oberen Theilen avisierenden Sockel 
umzogen wird, zeigt mancherlei Verwandtschaft mit den Osttheilen des 
Münsters, welche um diese Zeit schon zu beträchtlicher Höhe emporgediehen 
waren, und zum Fassadenbau der Stephanskirche (Vgl. Fig. 126). Ein 

hoher Thurm nimmt die 
Mitte ein ; links und rechts 
von ihm sind niedrigere, 
sattelförmig gedeckte 
Seitenstücke angeordnet, 
die mit den Giebelwänden 
nach Norden und Süden 
schauen. Die Fassade, 
an welcher diese Dispo- 
sition durch breite, von 
den Horizontalgesimsen 
überschnittene Lisenen 
zum Ausdrucke kommt, 
ist mannigfach geglie- 
dert. Im Mittelfelde 
liegen, von einer grossen 

gemeinsamen Blende 
umfasst, drei gegenwär- 
tig vermauerte Spitz- 
bögen, die wohl einst Ein- 
lass in die Thurmhalle 
gewährten. Die Seiten- 
felder sind durch schwä- 
chere Lisenen, zu deren 
Seiten kleine, rundbogig 

geschlossene Licht- 
öffnungen eingebrochen 
sind, nochmals getheilt. 
Im mittleren Felde des 
zweiten Geschosses, das 
durch einfache, aber 
kräftige, tiefgekehlte Ge- 
simse von den unteren und oberen Bautheilen getrennt ist, liegt ein grosses 
Rundfenster, das ohne Zweifel denen am südlichen Kreuzarm des Münsters 
nachgebildet ist. Um einen Achtpass als Mittelpunkt gruppieren sich acht 
Kreise, zwischen die sich die fischblasenartigen Endigungen von acht 
anderen Kreisen, die einen äusseren Ring bilden, einschieben. 

Unmittelbar über diesem Geschosse setzen an den Seitentheilen die 
Satteldächer an, während das Mittelstück nunmehr als freistehender Thurm 
höher geführt ist. Im dritten Stockwerk sind über einem leichten Gesims 




Fig. 131. St. Thomas. Grundriss, gez. von J. Heilig. 



Die Thomaskirche. 



237 



an jeder Seite zwei grosse, gekuppelte Spitzbogenfenster angeordnet, deren 
eingeblendete Bogenfelder von kreisrunden Oeffnungen durchbrochen sind. 
Die kräftigen Zwischensäulen haben Kelchkapitelle mit lebendig abspringenden 
Knospen und quadratischen Deckplatten. Den oberen Abschluss dieses 




Fig. 132. St. Thomas. Gesammtansicht. 



Geschosses bildet ein Rundbogenfries, der die eckverstärkenden Lisenen 
mit einander verbindet. Sein genaues Vorbild ist am nördlichen Kreuzarme 
des Münsters zu finden. 

In dieser Höhe setzte wahrscheinlich einst unmittelbar über einem 
mächtig ausladenden Hauptgesimse das Dach an. Der gothische Neubau 
des Langhauses nöthigte indessen schon sehr bald zu einer Erhöhung des 



238 



Die Thomaskirche. 



Thurmes. Im Jahre 1366 wurde das oberste Geschoss aufgesetzt, dessen 
schmale Spitzbogenfenster jeder feineren Bearbeitung entbehren. 

Die beiden runden Treppenthürmchen , die sich an die Ostkanten des 
Fassadenthurmes lehnen, sind durch Rundbogenfriese und Lisenen gefällig 
gegliedert. 

Die Giebelwände der Seitenstücke sind durch breite Widerlager 
halbiert, und ausserdem noch durch die Fortsetzungen der Fassadengesimse 
und durch schwächere Lisenen leicht gegliedert. Die Nordseite ist durch 
eine Zwerggallerie, die sich unterhalb des Giebels hinzieht, ausgezeichnet. 




T H 1 ' 11 t \ \ f i r T 

Fig. 133. St. Thomas. Ouc-rschnitt nach Salomon, gez. von J. Heilig. 

Sie folgt in der Gesammtanlage, wie im Detail, beispielsweise in der Ueber- 
wölbung mit transversal gestellten Tonnen, genau ihrem am nördlichen 
Querschiffarme des Münsters befindlichen Vorbild. — Im nördlichen Giebelfeld 
drei spitzbogige Fenster, von denen das mittlere überhöht ist. 

Im Innern zählt der Westbau zwei durchlaufende Traveen; in der 
ersten sind drei Arkadengeschosse übereinander angeordnet, so dass das 
Mittelgewölbe nahezu in der Höhe der Langhausgewölbe liegt. Dass diese 
Anordnung ursprünglich sei, möchte man wohl bezweifeln, besonders bei 
dem Umstände , dass die Gewölberippen sehr scharf und detaillirt profilirt 
sind. In den Seitentheilen liegen die Gewölbe in normaler Nebenschifthöhe. 
Das zweite Joch nähert sich schon der gewöhnlichen basilikalen Langhaus- 
disposition, doch öffnet sich die Arkade des Hochwerks nur gegen den 



Die Thomaskirche. 



239 



Dachraum der Seitenstücke. Die spitzen Gurtbögen sind im Profil einfach 
rechtwinklig abgetreppt. Die Basen der Halbsäulen, welche den gewölbe- 
tragenden Pfeilern vorgelegt sind, haben zum Theil Eckblätter, zum Theil 
greifen sie über den Sockel hinaus; sie sind flach, tiefgekehlt und zeigen 
theilweise die gleiche Verdoppelung des oberen Wulstes, die auch am 
südlichen Kreuzarm des Münsters zuweilen auftritt. Die kelchförmigen 
Kapitelle haben ausser kräftig abspringenden Eckvoluten noch flacheren 

Blätterschmuck ; die 

Deckplatten sind an 
den Arkadenstützen 
noch quadratisch, an 
den Gewölbeträgern 
polygonal. 

Das Langhaus , 
welches die im Elsass 
ganz ungewöhnliche 

Anlage einer fünf- 
schifligen Hallen- 
kirche aufweist, zählt, 
offenbar, weil sein Er- 
bauer auf das alte 
Querhaus, dessen Kern 
wieder benützt werden 
sollte, und auf den be- 
reits bestehenden 

Westbau Rücksicht 
nehmen musste, nur 

vier durchgehende 
Joche. Aber trotzdem 

infolge dieser Um- 
stände die Breite 
grösser ist, als die 
Länge, trotzdem also 
das Langhaus in der 
Queraxe gestreckt ist, 
kann man seine Raum- 
wirkung nicht ungünstig nennen. Im Grundrisse (Fig. 131) sind mancherlei 
Unregelmässigkeiten vorhanden. Den inneren Seitenschiffen, deren Ge- 
wölbefelder annähernd quadratisch sind, schliessen sich noch zwei andere, 
untereinander verschiedene Räume an. Im Süden wurde mit Benutzung 
des alten, wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Westbau errichteten Kreuz- 
ganges ein schmales Seitenschiff aufgeführt, während im Norden die gleiche 
Anlage durch Quermauern in Kapellen getheilt ist. 

Als Gewölbeträger dienen im Hauptschiffe schlanke Rundpfeiler, die 
durch vier alte und vier junge Dienste verstärkt sind. Jeder von diesen 
steht auf besonderem, ziemlich hohem, achteckigem Sockel, über den die 




Fig. 131. St. Thomas Grabmal des Marschalls von Sachsen. 



240 



Die Thomaskirche. 



unteren Platten der flachen, tiefgekehlten Basen weit hinausgreifen. Die 
Kapitelle tragen kräftiges Laub- und Knospenwerk, ihre Deckplatten sind 
polygonal, und Gurte wie Rippen zeigen ausgesprochen hochgothische 
Profile. Die Gewölbekappen haben ganz schwachen, geraden Stich. 

Die Abseiten haben die gleiche Höhe, wie das Mittelschiff. Um 
allzugrosse Stelzungen zu vermeiden, wurden die Kapitelle für Arcaden 
und Rippen hier beträchtlich höher gesetzt. Noch höher liegt der Bogen- 
anfang in dem ganz besonders schmalen Nordschiff; im äusseren Süd- 
schiff gehen die Dienste ohne Vermittlung von Kapitellen in den Bogen 
über. In den Details zeigen die Nebenschiffpfeiler im Vergleiche zu den 
Trägern des Hauptschiffgewölbes auffallend vorgeschrittene Formen. 

Das Hauptschiff und die beiden inneren Nebenschiffe öffnen sich in 
drei Bögen gegen das Querhaus, dessen mittleres Feld noch beträchtliche 
Reste des spdtromanischen Uebergangsbaues enthält. Die Vierungspfeiler 
haben ähnliche Formen, wie die Pfeiler des Westbaus. Die sicher ursprüng- 
liche Anordnung von Zwischenpfeilern an der Nord- und Südseite scheint dem 
Münster nachgebildet zu sein. Der Uebergang zur achteckigen Kuppel wird 
über den spitzbogigen Blenden durch vier rundbogige Vormauerungen bewirkt. 

Die Kreuzarme sind von je zwei in der Queraxe des Baues gestreckten 
Kreuzgewölben überspannt. Diese ruhen auf Eckkonsolen und auf den 
Halbsäulen, welche unter Vermittlung eines schrägen Gliedes den Quer- 
hausmauern und den Zwischenpfeilern der Vierung vorgelegt sind. 

Zwischen dem aus fünf Seiten des Achtecks gebildeten und mit einem 
sechstheiligen Gewölbe versehenen Chorschlusse und der Vierung liegt 
noch ein sehr schmales rechteckiges Joch. Die Gewölberippen stossen auf 
schlanke, von einer dienstbesetzten Vormauerung aufsteigende Wandsäulchen. 
Die Fortsetzung dieser Vormauerung trennt die Vierung von den Kreuzarmen. 

Die Axe des Chors weicht von der des Langhauses etwas ab. Die 
Orientierung ist ungenau. 

An den eigentlichen Kirchenbau schliessen sich noch einige Kapellen. 
Erwähnt sei zunächst die nördlich vom Chor gelegene, im Jahre 1469 
errichtete Blasiuskapelle, ein rechteckiger, von zwei Kreuzgewölben über- 
spannter Raum, aus dem man in die beiden noch erhaltenen Joche eines 
ehemaligen Kreuzganges gelangt. In diesem ruhen die Kreuzgewölbe auf 
schlanken Wandsäulen mit attischen Eckblattbasen und breiten, nach 
elsässischer Weise aus zwei Würfeln gebildeten Kapitellen. Manche Details 
erinnern an die Johanneskapelle des Münsters. 

Die Evangelistenkapelle, die vom östlichsten Joch des Südschififes aus 
zugänglich ist, gehört bereits dem 16. Jahrhundert an. Ihre Decke bilden 
zwei komplizirte Netzgewölbe, deren Rippen von figurengeschmückten 
Konsolen aufsteigen. 

Es erübrigt nun noch, die äussere Erscheinung der gothischen Bau- 
theile zu schildern. Das fünfschiffige Langhaus springt kräftig über die 
Breite des Fassadenbaus vor. Die Strebepfeiler, die an der Südseite weit 
vor die Mauerflucht treten, erscheinen an der nördlichen Langseite als 
verhältnissmässig flache Bänder. Etwa in der Höhe des Fensterbogen- 



Jung St. Peter. 



241 



ansatzes verwandeln sie sich in schlanke Fialen, die erst über der spät- 
gothischen Dachbalustrade endigen. Die grossen dreitheiligen Fenster 
haben im Bogenfeld einen Dreipass. 

Ueber der Mitte des nur im Norden über die Langhausbreite vor- 
springenden Querhauses steigt der achteckige, von einem schlanken Helme 
gekrönte Vierungsthurm empor. An den freistehenden Achteckseiten der 
beiden Geschosse sind in tiefen spitzbogigen Blendnischen unten breite, 
oben schmale Fenster angeordnet. 

Die Querhaus- und Chorwände sind durch Strebepfeiler gestützt. Im 
Bogenfelde der grossen zweitheiligen Fenster ist ein Vierpass angeordnet. 
An der nördlichen Querhausfassade liegt, zwischen zwei Strebepfeilern, 
unter einer kreuzgewölbten Vorhalle ein Portal, dessen Gewände von 
zwei mit Laubkapitellen versehenen Säulchen besetzt sind. Die Archivolte 
ist kleeblattbogenförmig. 

Die alte Ausstattung der Kirche hat sich zum Theil erhalten. 
Erwähnenswerth sind vor Allem die vortrefflichen Glasmalereien im Lang- 
haus und Querschiff, einige Reste von Fresken und mehrere plastische 
Werke, darunter der vermuthlich aus dem 12. Jahrhundert stammende 
Sarkophag des hl. Adeloch (s. S. 76 und 77) und das Grabmal des Mar- 
schalls Moritz von Sachsen, ein Werk des französischen Bildhauers J. B. Pigal 
(1714-1785) (Fig. 134). 

Damit sind wir am Ende der Beschreibung eines Baues angelangt, 
der schon vermöge seiner bedeutenden Dimensionen dem Münster unter 
den Kirchen Strassburgs am nächsten kommt. Der Eindruck des Innern 
ist günstig zu nennen, besonders wenn man die Bedingungen erwägt, 
unter denen die Meister des Langhauses arbeiteten. Aber auch das 
Aeussere wirkt, wenn auch nicht gerade bedeutend, so doch imposant. 
Auf den starken Einfluss, den die Osttheile des Münsters auf den Bau von 
St. Stephan ausübten, wurde bereits hingewiesen; am Bau von St. Thomas 
zeigt sich die gleiche Erscheinung in noch stärkerem Maasse. Merkwürdiger 
Weise verhalten sich die gothischen Bautheile weit selbständiger gegen- 
über dem Langhause des Münsters, von dem man doch eigentlich annehmen 
müsste, dass es weit in's Land als höchstes Muster und Vorbild gedient 
habe. Der Grund hierfür liegt wohl darin, dass der Langhausbau von St. 
Thomas mit Ernst nicht 1270, sondern bedeutend später, sicher erst nach 
1300 in Angriff genommen wurde. Aus diesem Umstände erklärt sich der 
hochgothische, selbständige Charakter der jüngeren Bautheile sehr wohl. 

3. JUNG ST. PETER. 

Wo sich gegenwärtig die Kirche dieses Namens erhebt, stand wahr- 
scheinlich bereits in sehr alter Zeit ein vermuthlich der Märtyrerin Columba 
geweihtes Gotteshaus. An derselben Stelle — damals noch ausserhalb 
der Stadtgrenzen — gründete der Bischof Wilhelm von Strassburg um 
1035 einen Neubau, den aber erst Hezilo, der Nachfolger Wilhelm's in der 
Bischofswürde, um die Mitte des Jahrhunderts zu Ende führte. Dem 

16 



242 



Jung St. Peter. 



heil. Petrus weihte Papst Leo IX. gelegentlich einer Reise, die ihn in sein 
Geburtsland führte, die neue Kirche, für die sich sehr bald, um sie von 
der älteren St. Peterskirche zu unterscheiden, der Name Jung St. Peter 
einbürgerte. — Der Bau des 11. Jahrhunderts ging, wie es scheint, ver- 
hältnissmässig rasch zu Grunde. Im Jahre 1290 wird unter dem Schutze 
des Strassburger Bischofs Konrad von Lichtenberg ein Neubau begonnen, 
dessen Werkmeister, wenn wir älteren Nachrichten trauen dürfen, eine Zeit 
lang Heilman Hasenlacher war, vielleicht derselbe Heilman, der im Jahre 
1299 als procurator seu gnbemator der Münsterfabrik genannt wird. Noch 
in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde der Bau, der in seinen 
wesentlichen Theilen noch aufrecht steht, beendigt. Im 16. Jahrhundert 
gelangte die Jung St. Peterskirche in den Besitz der Protestanten, die in- 
dessen nach der französischen Invasion den Chor dem katholischen Cultus 
zurückgaben. 




Fig. 135. Jung St. Peter. Südfront, nach Fr. Schmitz. 

Die Planbildung des Hauptbaues ist höchst merkwürdig (Fig. 136 u. 137). 
Das Querhaus liegt nämlich nicht im Osten, sondern im Westen, und zwar, von 
Osten gerechnet, unmittelbar vor dem westlichen Langhausjoche, das man 
vielleicht richtiger als Westchor bezeichnet. Die Vermuthung drängt sich 
förmlich auf, dass bei dem gothischen Neubau die Fundamente und viel- 
leicht auch das Mauerwerk einer mit westlichem Chor und westlichem 
Querhaus ausgestatteten romanischen Anlage wieder benutzt wurden. ') 

Der heute noch vorhandene Bau setzt sich, wenn man von dem West- 
thurm und den zahlreichen Anbauten aus späterer Zeit absieht, aus dem 



J ) Die ideale Rekonstruktion dieses Grundrisses, die vom Münsterbauamte versucht wurde 
(Fig. 136), wird durch einige feste Thatsachen unterstützt. Ob die Details mehr als Hypothesen sind, 
ist zweifelhaft. 



Jung St. Peter. 



243 



Langhaus, dem westlichen Querhaus, ferner aus einem westlichen und aus 
einem grösseren östlichen Chor zusammen. Der älteste Bautheil ist der 



12. Jahrhundert ent- 



Westthurm; aber auch er ist keinesfalls vor dem 
standen. Die Halle des Erdgeschosses ist 
von einem Kreuzrippengewölbe überspannt ; 
in den Ecken sind noch Spüren von ro- 
manischen Pfeilerkämpfern sichtbar. Die 
äusseren Wandflächen sind von Rundbogen- 
friesen und Lisenen belebt; das Oberge- 
schoss scheint bei Beginn des Chorbaues über- 
arbeitet worden zu sein. Gegen das Lang- 
haus öffnete sich der Thurm im ersten Stock- 
werk einst loggien- 
artig. Das Material 
ist ungewöhnlich 
schlecht ; nur an den 
Kanten und theil- 
weise für die Lise- 
nen sind Quadern 
verwendet. 

Auf ein e Eigen- 
tümlichkeit des 
Grundrisses wurde 
bereits hingewie- 
sen; eine andere liegt darin, dass 
dem ursprünglich wohl nur drei- 

schiffig geplanten Langhause 
noch während der ersten Baufüh- 
rung im Süden ein äusseres Seiten- 
schiff hinzugefügt wurde. Zwischen 
Ostchor und Querschiff liegen drei 
durchlaufende Joche von ungleichen 
Dimensionen. Als Gewölbeträger 
dienen im Hauptschiffe und Quer- 
hause viereckige, an den Ecken ab- 
gefaste Pfeiler, aus denen sich die komplizirt profilirten Arkadenbögen 
ohne Vermittlung von Kapitellen entwickeln. Die Gurte und Rippen der 
viertheiligen, ganz leicht gebusten Kreuzgewölbe steigen von schmuck- 
losen Consolen empor. Die beiden südlichen Nebenschifife, die ebenso wie 
das Nordschiff von Kreuzrippengewölben überspannt sind, werden durch 
kapitelllose Rundpfeiler auf hohen Sockeln von einander geschieden. Ueber 
die Kreuzarme , von denen nur der nördliche über die Langhausbreite vor- 
springt, sind je zwei oblonge, in der Hauptaxe des Baues gestreckte Kreuz- 
gewölbe geschlagen. In den Bogenfeldern der dreitheiligen Hauptfenster 
sind je drei Pässe angeordnet. Die Seitenschififfenster sind ähnlich, nur 
entsprechend niedriger geformt. 

16* 




5 lo n i° SoßXri. 

Fig. 136. Jung St. Peter. Ideale Reconstruction, 
nach Fr. Schmitz. 



244 



Jung St. Petkk. 



Vor der den protestantischen Cultraum abschliessenden Scheidemauer 
steht in der ganzen Hauptschiffbreite ein steinerner Lettner, dessen Bühne 
vorne auf fünf spitzbogigen Arkaden lastet. Die frühgothischen Säulchen 
rühren von den durch den Bau der Katharinenkapelle im Münster über- 
flüssig gewordenen Triforienbögen her x ). An der Rückwand entspringen 
die Gewölbebögen aus Laubkonsolen. Die Gemälde, welche den Oberbau 

schmücken, sind das Werk des Ma- 
lers Hans Jacob Engelhardt, eines 
nicht ungeschickten Künstlers 
des 17. Jahrhunderts. Sie stellen 
Evangelisten und Engel dar. 

Der aus drei rechteckigen 
Jochen bestehende Chor ist mit 
sieben Seiten des 
Zwölfecks geschlos- 
sen; er öffnet sich 
nochmals nach Osten 
zu gegen einen klei- 
nen auf sechseckiger 
Grundlage errichte- 
ten Ausbau. Das 
achttheilige Gewölbe 

des Chorhauptes 
ruht auf schlanken 
Wanddiensten, wäh- 
rend die Rippen in 

den Jochen des 
Langchors — in der 
Gegenwart wenig- 
stens — von ein- 
fachen Konsolen auf- 
steigen. Die Fenster 
sind zweitheilig; in 
jedem Bogenfelde 
sitzt ein Vierpass. 
Die Profilirung des 
Fenstermaasswerks 
ist derb, flach und 
überhaupt bei weitem nicht so vorgeschritten, wie in den westlichen Theilen 
des Baues. 

Von den zahlreichen Anbauten seien nur die wichtigsten erwähnt. 
An das Nordschiff grenzt ein im Laufe der Jahrhunderte mannigfach um- 
gestalteter Kreuzgang, der noch einige Reste des romanischen Baues ent- 
hält. (Fig. 140). An diesen schliesst sich im Osten noch ein Flügel eines 




Fig. 137. Jung St. Peter. Grundriss, nach Fr. Schmitz 



] ) Diese Mittheilung verdanke ich Herrn KNAUTH, Architekten am Münsterbauamt. 



Jung St. Peter. 



245 




Fig. 138. Jung St. Peter. Querschnitt. 



gothischen Kreuzganges, der gegenwärtig zu sehr profanen Dingen benutzt 
wird. — Die Zornkapelle , welche sich an die Nordwand des Westthurms 
lehnt, ist ein nicht ganz regelmässiges Oblongum, das von drei Kreuz- 
gewölben überspannt ist. Die Rippen und Gurte entspringen aus vortreff- 
lich figurirten Konsolen. — Von den zahlreichen Grabsteinen, die zum 
alten Bestände dieser Kapelle gehörten, sind die werthvollsten nach Ost- 
hausen in das Schloss der 
freiherrlichen Familie Zorn 
von Bulach übertragen wor- 
den. Was gegenwärtig an den 
Wänden aufgestellt ist, stammt 
grossentheils aus dem Schiff 
der Kirche. Beachtenswerther 
als diese Grabsteine ist das 
gothische Taufbecken , das 
ebenfalls in der Zornkapelle 
sich befindet. 

Die äussere Erscheinung 
der Kirche, die in Folge der 
zahlreichen Anbauten nicht 
besonders einheitlich wirkt, 
wird im Wesentlichen durch 
das im Verhältniss zu seiner 
Breite auffallend hoch erscheinende Querhaus bestimmt. Sehr interessant 
ist das an der Südseite zur Anwendung gebrachte Strebesystem. (Fig. 139.) 
„Hier sind nämlich dem Rücken des eigentlichen Strebebogens Pfeiler 
aufgesetzt, welche die nach einer ansteigenden 
Linie gelegten Werkstücke tragen. Durch 
diese letzteren wird also eine zweite Steife 
gerade wie bei einer vorübergehenden Ab- 
stützung mit Holz gebildet, so dass die 
Schubkraft des Mittelschiffsgewölbes dem Zwi- 
schenpfeiler in zwei über einander liegenden 
Punkten zugeführt und nur durch den ein- 
fachen unteren Strebebogen, welcher mit seiner 
ganzen Masse jenen doppelten Angriffspunkten 
entgegenwirkt und zwischen dieselben stösst, 
auf den äusseren Strebepfeiler hinübergeleitet 
wird." (Ungewitter, Lehrbuch der gothischen 
Konstruktionen, S. 476.) Die Strebepfeiler des 
Langhauses sind ebenso wie die des Chores, 
theilweise sattelförmig, theilweise pultförmig, abgedeckt. Die Zwischen- 
pfeiler endigen in Fialen. 

Auf dem Dache des Chores, der etwas niedriger als das Langhaus 
ist, sitzt ein hässliches, im vorigen Jahrhundert errichtetes Thürmchen. 
Die Chorfenster sind von spitzbogigen Blenden umrahmt. 




Fig. 139. Jung St. Peter. 
Strebebogen an der Südseite, 
nach Horning. 



246 Dii£ Wilhelmer kirche. 

Das Hauptportal liegt an der Südseite. Sowohl das Tympanon, als 
die 16 Nischen, die an den beiden Wänden des hallenartigen, von einem 
sechstheiligen Rippengewölbe tiberspannten Vorbaues angeordnet sind, ent- 
behren gegenwärtig des figürlichen Schmuckes. 




Fig. 140. Jung St. Peter. Blick in den Kreuzgang, gez. von Schweitzer. 



Alles in Allem genommen, wird man die Jung St. Peterskirche nicht 
als bedeutenden Bau bezeichnen können. Von einigem Interesse ist sie 
nur durch ihren eigenartigen Grundriss und durch ihr Strebesystem. 

4. DIE WILHELMERKIRCHE. 

Um das Jahr 1300 erbaute das alte elsässische Geschlecht derer von 
Müllenheim, unweit von St. Stephan, ausserhalb der damaligen Stadtgrenzen, 
eine Kirche von bescheidenen Dimensionen. Der einfache Backsteinbau wurde 
bereits kurze Zeit nach seiner Vollendung den Wilhelmiten übergeben, einem 
Mönchsorden, der sich eben in Strassburg niedergelassen hatte. Im 15. Jahr- 
hundert riss Zucht- und Sittenlosigkeit im Kloster dermassen ein, dass der 
Prior selbst beim Papste Klage gegen seine Untergebenen führen musste. 
Das alte Ansehen kehrte in Folge der scharfen Strafpredigten Geiler's von 
Kaisersberg noch einmal für kurze Zeit zurück. Die Ideen der Refor- 



DlH WlLl i ELM ER K I R CHE . 



247 



mation drangen aber sehr bald auch in den Bannkreis dieser Mauern und 
seit 1534 ist St. Wilhelm evangelische Pfarrkirche. 

Dem Architekten bietet der Bau wenig Interessantes. Aus einer Vor- 
halle, deren Abschluss im Westen eine schräg laufende Mauer bildet, ge- 
langt man in das einschiffige Langhaus, an das sich im Osten ein etwas 
schmälerer, von drei Seiten des Achtecks geschlossener Chor fügt. 

Der Westbau, der einstmals von drei 
gleich hohen Giebeln gekrönt war, trägt ge- 
genwärtig einen sehr hässlichen, auf rhom- 
bischem Grundriss errichteten Thurm. Die 
Westmauer ist — von mehreren kleinen, 
schmucklosen Lichtöffnungen abgesehen — 
von zwei Rundfenstern und drei grossen, spitz- 
bogigen Fenstern durchbrochen, deren Maass- 
werk zwar reich, aber keineswegs von be- 
sonderer Schönheit ist. Aus der dreitheiligen 
Vorhalle, deren Kreuzgewölbe von sehr schön 
gearbeiteten, zum Theil figurengeschmückten 
Konsolen ausgehen, tritt man durch ein ein- 
faches, durch einen Mittelpfosten getheiltes 
Portal in das flachgedeckte Langhaus, dessen 
Wände von je fünf grossen meist zweitheiligen 
Fenstern durchbrochen sind. Unter ihnen sind 
spitzbogige Nischen angeordnet. 

Der auffallend langgestreckte Chor, dessen 
Abschluss fünf Seiten des Achtecks bilden, ist 
durch einen spätgothischen Lettner getheilt. 
Er ruht vorn auf drei Arkaden , während 
rückwärts die Gewölbebögen von Konsolen 
aufsteigen. Die Fenster sind zweitheilig. 

Weit beachtenswerther als der ganze Bau 
ist ein plastisches Werk, das gegenwärtig im 
östlichen Theile des Chors aufgestellt ist : das 
Grabmal der beiden Landgrafen von Werd. 
(Fig. 42). Auf der unteren Platte ist der ältere 
von beiden,Namens Philipp, in seiner Amtstracht 
als Kanonikus der Kathedrale dargestellt. Zwei 
sitzende Löwen stützen mit ihrem Nacken die 
obere Platte, auf der eine zweite Figur ruht, welche den mit prächtiger 
Rüstung bekleideten Landgrafen Ulrich darstellt. Der Meister dieses 
bedeutenden Werkes, an dem namentlich die ruhige Schlichtheit der 
Auffassung und die individuelle Charakteristik bewundernswerth ist, heisst 
Wölfelin von Rufach (thätig um die Mitte des 14. Jahrhunderts). Ein 
anderes Grabmal von seiner Hand befindet sich zu Lichtenthai in Baden. 

Den Hauptschmuck der Kirche bilden die herrlichen Glasmalereien, 
die grossentheils aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts stammen mögen. Sie 




Fig. 141. Die Wilhelmerkirchc. 
Grundriss, gez. von J. Heilig. 



■t M J ■ J 4 ' ' ' ' t ] ■ • 

Fig. 142. Katholische Alt St. Peterkirehe. Querschnitt 




Alt St. Peter. 



240 



enthalten Darstellungen aus dem neuen Testament und aus verschiedenen 
Heiligenlegenden und zeichnen sich nicht nur durch die Pracht ihrer Farben, 
sondern auch durch die vortreffliche Zeichnung und Modellirung der Figuren 
aus. Ihre Technik stellt nach Kraus, a. a. O. I. 546 eine Verbindung der 
ursprünglichen musivischen Malerei mit dem später aufgekommenen Auf- 
malen verschiedener Schmelzfarben auf weisses Glas (peinture d'appret) dar. 

5. ALT ST. PETER. 



Der Sage nach ist die Kirche dieses Namens das älteste Gotteshaus 
Strassburgs überhaupt. Von dem monströsen Grundrisse des heute noch 
bestehenden Baues, der in seinen Haupttheilen i. J. 1428 vollendet worden 




Fig. 14-J. Alt St. Peter. Grundriss, gez. vun J. Heilig. 



ist!, giebt Fig. 144 eine Vorstellung. Das flachgedeckte Langhaus, dessen 
nur zum Theil ausgeführte Nebenschiffe schräge gegen das Mittel- 
schiff zu nach Westen laufen, ist im Osten durch einen Lettner be- 
grenzt, der 7 Arkaden mit kapitelllosen Säulen besitzt. Ein quadratischer 
Thurm steigt an der Südseite des nunmehr mit der katholischen Alt 




Fig. 14b. AU St. Peter. Flucht und Kreuzigung Petri. 



Fig. 147. Alt St. Peter. Eucharius, Valerius und Maternus im Dienste der Kirche. 




Fig. 148. Alt St. Peter. Entsendung des Eucharius und Valerius. Erweckung des heil. Maternus. 



St. Magdalena. — 



Dominik anerkir che. 



St. Peterskirche verbauten Chores empor. In diesem Neubau, dessen Anlage 
die Abbildungen 142—144 in den Hauptpunkten wiedergeben, sind auf den 
Altären eine Anzahl Bilder z. Th. aus Martin Schongauer's Schule aufgestellt. 
Links und rechts vom Haupteingange sind vier grosse Holzreliefs, die 
letzten Reste eines Altarwerks angebracht, dessen Meister, Veit Wagner, 
zu Beginn des 16. Jahrhunderts öfters genannt wird. Die vier Tafeln, von 
welchen die Abbildungen 145—148 eine gute Vorstellung geben, stellen 
Scenen aus der Legende des hl. Petrus dar. Wenn sich auch stellen- 
weise in der Komposition eine gewisse Unfreiheit zeigt, so ist doch die 
Fähigkeit des Künstlers, tiefer zu charakterisiren, ausserdem grosse tech- 
nische Geschicklichkeit und formale Vollendung nicht zu verkennen. 

6. ST. MAGDALENA. 

Auch diese i. J. 1480 eingeweihte Kirche ist architektonisch voll- 
kommen uninteressant. An das einschiffige, flachgedeckte Langhaus, das in 
neuester Zeit mit einer Vorhalle bedacht wurde, schliesst sich im Osten 
ein zAvei Joche in der Länge umfassender Chor, der von fünf Seiten des 
Achtecks geschlossen wird. Das Chorgewölbe, dessen Schub einfache 
Strebepfeiler aufnehmen, ruht auf schlanken Wandsäulchen. 

Auch in dieser Kirche bietet uns der Glasmaler Ersatz für die 
mangelnde Kunst des Architekten. In den Chorfenstern sind zahlreiche 
Scenen aus dem Leben der hl. Magdalena, aus der Passion und aus dem 
Marienleben dargestellt. Die coloristische Wirkung ist von ganz anderer 
Art, als in der Wilhelmerkirche ; die Farben sind gedämpfter, ruhiger und 
Alles erscheint in Folge dessen mehr auf einen Ton gestimmt. Entstanden 
sein mögen diese trefflichen Werke, die in sehr enger Beziehung zu Martin 
Schongauers Kunst stehen, um 1480. 

7. DIE (EHEMALIGE) DOMINIKANERKIRCHE 1 ). 

Die Litteratur s. bei KRAUS I, S. 549 und IV, S. 39; am wichtigsten ist der Aufsatz von E.SA- 
LOMON im Bulletin de la Soci<Ste" pour la conservation des mon. hist. 1876. 

Unter den 26 zerstörten Kirchen und Kapellen des alten Strassburg, 
die F. X. Kraus in „Kunst und Alterthum" aufführt, ist die Dominikaner- 
kirche die einzige, über deren architektonische Gestalt wir genaue Nach- 
richt haben. Um ihre späteren Schicksale vorwegzunehmen, so hat sie 
seit 1681 der durch die Kapitulation aus dem Münster verdrängten prote- 
stantischen Gemeinde als Kirche gedient unter dem offiziellen Namen 
Temple neuf. Während der Belagerung 1870, in der Nacht vom 24. auf 
den 25. August ging sie in Flammen auf, nachdem die älteren Klosterge- 
bäude (vgl. Abschnitt VII) schon 1860 abgebrannt waren. Der Architekt 
der neuen „Neuen Kirche", Herr E. Salomon, hat vor Abbruch der Ruinen 
genaue Aufnahmen hergestellt und die Fundamente mit baugeschichtlich 
interessantem Ergebniss untersucht. 



l ) Dieser Theil des- VI. Abschnittes stammt von Prof. G. DEHIO. 



Die Dominikanerkirche. 



253 



Die Dominikaner, die im Jahre 
1224 zum ersten Mal in Strassburg 
gesehen worden sind, erwarben 
das Grundstück zu ihrem Kloster 
im Jahre 1251; am 29. Mai 1254 wur- 
den die ersten Grabungen für die 
Fundamente begonnen, am 26Juni 
durch Bischof Heinrich von Stahl- 
eke der Grundstein gelegt, am 
28. Juni die Mauer begonnen; 
schon 1255 wurde der erste Gottes- 
dienst gefeiert, was Vollendung 
mindestens des Chores voraus- 
setzt, die Schlussweihe aber erst 
1260 vollzogen. Von besonderem 
Interesse ist die Wiederauffindung 
des Grundsteines (Fig. 125). Er 
ist sehr klein, nur 30 cm lang, 
16 cm breit, 9 cm dick, auf der 
Schauseite ist das kreuztragende 
Gotteslamm und die Inschrift: 
Henricas episcopus Argentinen- 
stSj auf der Rückseite das Kon- 
sekrationskreuz eingemeisselt. 
Der Fundort war hinter dem 
Hochaltar etwas südlich von der 
Hauptaxe. 

Im Jahre 1307 wurde eine Er- 
weiterung des Gebäudes nöthig. 
Sie geschah nach einem Ver- 
fahren, das sich bei den spar- 
samen Bettelorden in der Epoche 

ihres schnellen Wachsthums 
häufig findet, wenn es auch selten 
mit so viel architektonischer Re- 
gelmässigkeit durchgeführt ist, 
wie in unserem Fall. Der Grund- 
riss (Fig. 149) zeigt deutlich die 
Entwicklung der zweiten Kirche 
aus der ersten. Die schwarz ange- 
legten Theile bedeuten die in den 
zweiten Bau hinübergenommenen 
Bestandtheile des ersten; durch 
blosse Umrisslinien sind die weg- 
gebrochenen, in den Fundamenten aber nachgewiesenen Theile ange- 
deutet. Hiernach war die erste Kirche eine dreischiffi£e ofewölbte Basilika 




imnn 

Fig. 149. Dominikanerkirche. Grundriss. 




Fig. 150. Dominikanerkirche. Querschnitt. 



254 



Die Dominika nerkir che. 



mit kurzem polygonalem Chor. Die Formen sind die einer sehlichten 
und herben Frühgothik. Die Strebebögen waren unter den Seitenschiffs- 
dächern verborgen. Bei der Erweiterung wurde das südliche Seitenschiff ab- 
gebrochen und die beiden anderen Schiffe im Grundriss symmetrisch wieder- 
holt. Im Aufbau trat die Abweichung ein, dass das neue Seitenschiff die 
volle Höhe der mittleren Schiffe erhielt, mit einwärts gezogenen, auf einem 
Viertelkreisbogen ruhenden Strebemauern. Die Fenster der ehemaligen 
Aussen wand im Süden Hess man un vermauert. So entstand eine vierschiffige 
Anlage in seltsamer Mischung des Basiliken- und Hallensystems. Sehr be- 
trächtlich war die Erweiterung des neuen Mönchchors. Gegen die Leut- 
kirche wurde er durch einen hohen Lettner abgeschlossen und an seinem 
überragenden Westgiebel mit einem Dachreiter geschmückt ; vergleiche die 
dem Abschnitt VII beigegebene Aussenansicht. Erwähnt sei noch, dass 
um die Fensterbogen irdene Töpfe eingemauert waren, in horizontaler 
Lage und mit offener Mündung nach dem Kircheninnern. Nach Viollet- 
le-Duc sind sie in Frankreich , nach Mandelgreen in Schweden und Däne- 
mark häufig zu finden. Die Chronik des Cölestinerklosters in Metz zum 
Jahre 1432 nennt als Zweck einer ähnlichen Vorrichtung die Verstärkung 
der akustischen Wirkung. 



Fig. 151. Strassburg im 16. Jahrhundert, nach D. Specklin. 



VII. ABSCHNITT. 

DIE PROFANBAUTEN DES MITTELALTERS UND DER 

RENAISSANCE. 

Von 

O. Winckelmann mit Beiträgen von Th. Schmitz 1 ). 



Vorbemerkung. Diesem Abschnitt liegt in erster Linie das reiche handschriftliche Material zu 
Grunde, welches im Strassburger Stadtarchiv ruht und bisher für diesen Zweck noch wenig benutzt 
wurde. Namentlich die Protokolle des Raths, der Dreizehn, Fünfzehn und Oberbauherren lieferten 
grosse Ausbeute. Ferner sind benutzt die Strassburger Chroniken von Closener und Königshofen (ed. 
Hegel), Büheler (ed. Dacheux), Specklin (ed. R. Reussl, Wencker (ed. Dacheux) etc. Von neueren Werken 
und Aufsätzen sind abgesehen von Piton (Strassbourg illustre) und Kraus (Kunst und Alterthum) haupt- 
sächlich verwerthet worden: SEYBOTH, das alte Strassburg; CZIHAKS Aufsätze im Centralblatt der 
Bauverwaltung 1889, Zeitschrift für Gesch. des Oberrheins N. F. IV 16 ff., Repertorium für Kunst- 
geschichte XII 358 ff ; OHNESORGE, Wendel Dietterlin. (Leipzig 1893). Endlich verweise ich auf meine 
Arbeit in der Zeitschrift für Gesch. des Oberrheins VIII 579 ff. 

1. DIE ÄLTESTEN ÖFFENTLICHEN BAUTEN. 

A. Pfennigthurm) Pfalz, Kanzlei, Münze. 

Obschon die mittelalterliche Baukunst in Strassburg wie anderwärts 
sich überwiegend im Dienste der Kirche bethätigt hat, so hat sie doch 
neben dem Münster und andern Gotteshäusern auch eine Anzahl beachtens- 
werther Gebäude für profane öffentliche Zwecke geschaffen. Die meisten 
von ihnen sind zwar heute ganz oder bis auf geringe Reste verschwunden, 
indessen ermöglichen uns alte Abbildungen und Beschreibungen noch eine 
ziemlich genaue Vorstellung. Die ältesten und bedeutendsten dieser gothischen 
Profanbauten sind der Pfennigthurm und die Pfalz. Als Zeit ihrer Ent- 
stehung wird von den Chronisten das Jahr 1321 angegeben. Der Pfennigthurm, 
ein weithin sichtbares Wahrzeichen der alten Reichsstadt, erhob sich an 



*) Die Beiträge erstrecken sich auf die architektonische Beschreibung und Würdigung des Frauen- 
hauses, des HOtel du Commerce, der Metzig, des Kammerzellschen Hauses und auf die Notiz über den 
Brunnen im Priesterseminar. Neben Herrn Th. Schmitz bin ich auch Herrn Ad. Seyboth für einige An- 
gaben zu Dank verpflichtet. 



256 



Die ältesten öffentlichen Bauten. 



der Stelle des ehemaligen Rintburgethores neben dem Barfüsserkloster, 
wo heute die Gewerbslaubenstrasse in die Meisengasse einmündet. Er war 
zur Aufbewahrung des Stadtschatzes und der wichtigsten städtischen 
Urkunden und Privilegien bestimmt und demgemäss sehr fest und massiv 
gebaut, mit Ausnahme des Dachs, das ursprünglich bloss aus Holz und 
Ziegeln bestand. Nachdem es 1414 durch Blitzschlag zerstört worden, 
ersetzte man es durch eine zinnengekrönte steinerne Plattform. (Vgl. Fig. 41). 
Durch den gewölbten Thor weg des Thurms vermittelte eine Strasse über 
den Rindsütergraben den Verkehr zwischen der inneren und der äusseren 
Stadt. Ueber vier Jahrhunderte trotzte das starke, festungsartige Bauwerk 
den Stürmen der Zeit. Im Jahre 1745 aber zeigten sich an ihm so bedenkliche 
Risse, dass man einen Einsturz fürchtete. Da nun der Magistrat den 
Thurm „als ein altes monumentum zu konserviren" wünschte, so beauftragte 
er eine Kommission mit der Untersuchung, ob und wie dem Schaden ab- 
geholfen werden könne. Die Kommission stellte darauf anheim, das Bauwerk 
entweder mit Hülfe starker Eichbäume und eiserner „Schlaudern" zusammen- 
zuhalten, wofür die Kosten auf 1850 fl. berechnet wurden, oder aber die 
oberen Stockwerke abzutragen und den Thurm auf diese Weise um 87 Fuss 
niedriger zu machen. Da die Unkosten für letztere Massnahme nur auf 
800 fl. berechnet wurden, so entschied sich der Magistrat in diesem Sinne, 
indem er noch geltend machte, dass an dem Gebäude ja doch ,, keine 
sonderbare architektura und zierrath zu sehen" sei. Demzufolge wurde 
der Thurm noch in demselben Jahre bis auf die unteren Gewölbe abgerissen ; 
1768 wurde dann der letzte Rest des alterthümlichen Baus beseitigt. 

Gleichzeitig oder unmittelbar nach dem Pfennigthurm entstand am 
St. Martinsplatz (heute Gutenbergplatz) die Pfalz (Fig. 152), welche als Haupt- 
sitz des Stadtregiments und Versammlungsort des Raths diente. Bis 1321 hatte 
der alte „Fronhof" beim Münster, wo heute das Schloss steht, die städtischen 
Behörden beherbergt. Ueber die Ursache der Verlegung nach dem St. Mar- 
tinsplatz erzählt der Chronist Königshofen, das mächtige Patriziergeschlecht 
der Zorn habe sich beschwert, „das die alte Pfalze in dem Fronhofe were 
den von Mülnheim nohe gelegen und den Zörnen zu verre. wan were es, 
das missehelle in dem rote würde zwüschent den Zörnen und den von 
Mülnheim, also man dicke vorchte, so hettent die von Mülnheim ire dring- 
stube nohe zum Mülnstein, do ire fründe und gesellen in zu helfe kement, 
aber der Zorne dringstube were zu verre dervon. x ) Darumb solte man 
die Pfaltze setzen mittein in die stat, das sü beden gesiechten were glich 
gelegen, also geschah ouch, das die Pfaltze wart gemacht, do sü ignote 
ist, noch gotz gebürte 1321 jor." Ob diese Motivirung des Neubaus zutrifft, 
muss dahingestellt bleiben; in der Chronik Closeners, der den Ereignissen 
jener Zeit doch näher stand als Königshofen, findet man nichts dergleichen 
angedeutet. Ganz sagenhaft und in keiner Weise begründet ist die Er- 
zählung Daniel Specklins, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts schrieb, 
dass die beiden gedeckten Freitreppen, welche von verschiedenen Seiten 



1 Die Trinkstube der Müllenheim lag: an der Ecke der Schreiberstubgas.se und des Sand- 
plätzchens, die der Zorn am Hohensteg nahe dem Pfennigthurm. 



17 



258 



Die Profanbauten des Mittelalters 



zum Obergeschoss des Rathhauses führten, aus Rücksicht auf die Rivalität 
der beiden mächtigsten Geschlechter angelegt worden seien, und dass die 
eine nur von den Müllenheim und ihren Anhängern, die andere nur von 
den Zorn habe benutzt werden dürfen. In der Regel werden ja allerdings 
die Müllenheim, wenn sie aus ihrer Trinkstube an der III zum Rathhause 
gingen, die für sie näher liegende Treppe am Martinsplatz benutzt haben, 
während die Zorn, wenn sie vom Hohensteg kamen, sich von den Gewerbs- 
lauben her in die Pfalz begaben. Wie aus dem Gesagten schon hervorgeht, 
lag das Haus auf der jetzt unbebauten Stelle des Gutenbergplatzes zwischen 
der Verlängerung der Schlossergasse und Langstrasse. 

Im Jahre 1556 wurde 
im Rath angeregt, die 
Thürmchen auf der Pfalz 
wegzubrechen, weil sie 
ihr ein „zu kirchliches 
Ansehen " gäben. Der 
Rath überliess die Ent- 
scheidung über diesen 
thörichten , vermuthlich 
von der übereifrigen pro- 
testantischen Geistlich- 
keit inspirirten Antrag 
den Bauherrn. Wie es 
scheint, erklärten letztere 
die Verstümmelung des 
Gebäudes für unzulässig ; 
denn, wie aus späteren 
Abbildungen zu ersehen 
ist , erfreuten sich die 
Thürmchen noch weiter- 
hin ihres Daseins. In 
den Jahren 1589 — 90 

wurden an dem Hause umfassende Ausbesserungsarbeiten vorgenommen 
und zum Schluss die Wände innen und aussen mit kunstvollen Malereien 
geschmückt,, als deren Urheber Wendel Dietterlin, der berühmteste Strass- 
burger Maler jener Zeit, angesehen wird. So hat denn die alte Pfalz in 
neuem Gewände noch beinahe 200 Jahre ihrem Zweck treulich gedient, 
wenn auch der Schwerpunkt des städtischen Regiments sich im Lauf des 
18. Jahrhunderts allmählich nach dem „Neuen Bau" verlegte, von dem 
weiterhin noch die Rede sein wird. Das Gefühl der Pietät gegenüber 
alten historischen Denkmälern war dem vorigen Jahrhundert zwar nicht 
vollkommen fremd, aber doch lange nicht so ausgebildet wie heutzutage. 
So kam es, dass der Magistrat aus Sparsamkeitsrücksichten und um den 
Martinsplatz (damals Gärtnersmarkt) zu vergrössern, im Jahre 1780 die 
gänzliche Beseitigung des ehrwürdigen Gebäudes anordnete. Das bei dem 
Abbruch gewonnene Baumaterial wurde, soweit es noch brauchbar war, 




Spitalgasse 



Schneidergraben 



Abgerissene 
Bestehende 



Gebäude 



Fig. 153. Lageplan der Gebäude am ehemal. St. Martinsplatz 
(Gutenbergplatz). 



und der Renaissance. 



259 



bei der Erweiterung des Kaufhauses verwendet und der Bauplatz selbst 
vollkommen eingeebnet. In Folge dessen erinnert heute kein äusseres 
Merkmal mehr an die Stelle, welche fast ein halbes Jahrtausend hindurch 
der Mittelpunkt der reichsstädtischen Verwaltung gewesen war. 

Schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte Platzmangel 
den Magistrat bewogen, neben der Pfalz auf dem Eckgrundstück zwischen 
Schlossergasse und Langstrasse ein zweites Gebäude für Verwaltungs- 
zwecke zu errichten. Diese sogen. „Kanzlei" wurde 1463—64 durch einen 
stattlichen und kostspieligen Neubau ersetzt, dem eine ganze Reihe kleinerer 
Häuser zum Opfer fiel. Nach den noch vorhandenen Abbildungen des 
Martinsplatzes kann man sich von diesem Bau keine plastische Vorstellung 




Fig. 154. Fig. 155. 

Skulpturen Nikolaus Gerhaerts an der „Kanzlei". (Nach den Gipsabgüssen im Frauenhaus.) 

mehr machen, was um so bedauerlicher ist, als nachweislich der berühmteste 
Bildhauer seiner Zeit, Nicolaus von Leien, daran gearbeitet hat. Der 
Familienname dieses Künstlers ist erst vor wenigen Jahren in Urkunden 
des Stadtarchivs entdeckt und von Ad. Seyboth bekannt gemacht worden : l ) 
er lautet Gerhaert. Ob der Meister aus Löwen stammte, worauf das 
„Leien" zu deuten scheint, oder aus Leyden, wofür sich auch einiges 
geltend machen lässt, mag dahingestellt bleiben; sicher ist nach der durch 
ein Siegel beglaubigten Schreibweise des Namens Gerlwrt seine nieder- 
ländische Herkunft. Nicolaus erwarb 1464 das Strassburger Bürgerrecht und 
fertigte die Bildhauerarbeiten an der Kanzlei, welche ihm einen Lohn von 
220 fl. eintrugen. Ausserdem wurden seiner Frau 10 und seinen Knechten 
4 fl. geschenkt. Wir besitzen noch seine Quittung hierüber, in welcher er 



') Mitth. d. Gesellsch. f. Erhalt, d. Denkm. im Elsass N. F. XVI 92. 



17* 



260 



'Die Proeanbauten des Mittelalters 




Fig\ 156. Skulptur des 15. Jahrh., vielleicht von 
Nikolaus Gerhaert. 



auf 20 Jahre die Gewähr für sein Werk 
übernimmt. Als besondere Sehens- 
würdigkeit galt das Innenportal des 
Gebäudes mit seinen reichen Ver- 
zierungen und dem prächtigen Stadt- 
wappen von Gerhaert's Hand. Dort 
waren auch die beiden Büsten, welche 
der Sage nach den Grafen Jakob von 
Lichtenberg und seine Konkubine, die 
„schöne Bärbel" von Ottenheim, dar- 
stellten, angebracht : zwei Kunstwerke, 
die uns durch eine glückliche Fügung 
noch heute in getreuer Copie erhalten 
sind. Als nämlich die Kanzlei 1686 
abbrannte, wurden die Büsten gerettet 
und der städtischen Bibliothek über- 
geben. Mit dieser gingen sie 1870 zu 
Grunde ; die Gipsabgüsse aber, welche 
Herr Bildhauer Stienne kurz zuvor an- 
gefertigt hatte, werden noch heute im 
Frauenhause aufbewahrt. Nach ihnen 
sin d unsere Abbildungen (Fig. 154 u. 155) 
hergestellt. Die beiden Stücke legen 
von der lebensvollen, realistischen 
Gestaltungskraft ihres Urhebers be- 
redtes Zeugniss ab. Ob sie aber, wie 
Specklin behauptet, den Grafen Jacob 
und seine Geliebte darstellen, erscheint 
mir zweifelhaft. Meines Erachtens 
giebt Specklin in seinem Bericht nur 
eine sagenhafte Ueberlieferung wieder, 
welche zu seiner Zeit, d. h. mehr als 
100 Jahre nach Entstehung der Skulp- 
turen, in der Strassburger Bevölke- 
rung verbreitet war. Denn wenn auch 
der Lichtenberger und seine Bärbel 
stadtbekannte Personen in Strassburg 
waren, ist es doch schwer glaublich, 
dass der Magistrat die Anbringung 
ihrer Portraits an einem städtischen 
Gebäude — noch dazu bei ihren Leb- 
zeiten — sollte zugegeben haben. Von 
Gerhaert's Arbeiten ausserhalb Strass- 
burgs sind besonders bekannt der ge- 
kreuzigte Heiland auf dem alten 
Kirchhof zu Baden-Baden, die Figuren 



und der Renaissance. 



261 



an den Chorstühlen im Konstanzer Dom und zum Theil das grossartige 
Grabdenkmal Kaiser Friedrich's III. im Stephansdom zu Wien. In Strass- 
burg selbst ist vielleicht noch eine von Seyboth kürzlich entdeckte, mit 
Figuren geschmückte Säule auf Meister Gerhaert zurückzuführen. Dieselbe 
zierte nach Seyboth's Vermuthung das ehemalige „zum Zinnenburg" ge- 
nannte Haus an der Ecke des Alten Weinmarkts und Eisernenmannsplatzes. 
Jetzt wird sie im Museum der Gesellschaft für Erhaltung der Denkmäler 
aufbewahrt (Fig. 156). 

Zur Erleichterung des Verkehrs war die Kanzlei durch eine steinerne 
Gallerie, welche sich in Stockwerkhöhe über die Strasse wölbte, mit der 




Fig. 157. Die ehemalige Münze, nach Piton. 



Pfalz verbunden. Eine bedeutende Erweiterung erfuhr der Bau im Jahre 
1566, als Bartholomäus Keller Lohnherr und Hans Frauler der Aeltere 
Werkmeister war. Damals wurde auch dem Stadtschreiber nach der Lang- 
strasse zu eine schöne neue Dienstwohnung eingerichtet. Bei dem er- 
wähnten Brande von 1686 wurde nicht nur der Gebäudekomplex zum 
grossen Theil zerstört, sondern auch dem Archiv beträchtlicher Schaden 
zugefügt. Wohl aus finanzieller Bedrängniss begnügte sich die Stadt nach 
diesem Unglück, die Ruinen in dürftigster Weise für weitere Benutzung 
in Stand zu setzen, so dass der Platz ein trauriges Ansehen behielt, bis 
1798 nach dem Verkauf der Baustelle an den Bürger Lichtenberger das 
stattliche, noch heute vorhandene Wohnhaus entstand. 

Von andern öffentlichen Bauten in diesem Viertel ist noch zu er- 
wähnen die der Pfalz gegenüber am Anfang der Gewerbslauben belegene 
Münze, welche hier schon im 13. Jahrhundert ihren Platz hatte. Im Jahre 



262 



Die Profanbauten des Mittelalters 



1507 wurde sie neu gebaut, und zwar wie die Pfalz im gothischen Stil 
(Fig. 157). Berühmt war die an der südlichen Fassade angebrachte Uhr, 
auf der ein gewappneter Ritter die Viertelstunden und der Tod die Stunden 
schlug. Diese sehr schön geschnittenen Figuren kamen nach dem Abbruch 
des Gebäudes in die städtische Bibliothek, wo sie nach Piton noch 1855 zu 
sehen waren. Vermuthlich gingen sie im Bibliotheksbrande 1870 zu Grunde. 
Die Niederreissung der Münze erfolgte im Jahre 1738, weil man fand, dass 
die Kosten für die Erhaltung des altersschwachen Hauses zu seinem ge- 
ringen Nutzen in keinem Verhältniss standen; gewährte es doch einzig 
und allein dem Münzboten noch eine bescheidene Unterkunft, während es 
andererseits für den Strassenverkehr, namentlich an Werktagen, ein lästiges 
Hinderniss bildete. Die bei dem Abbruch gewonnenen Materialien fanden 
bei dem Bau des neuen Arbeitshauses (vulgo Raspelhaus) Verwendung. 

B. Kaufhaus und Frauenhaus. 

Während die bisher genannten Schöpfungen gothischer Profanbau- 
kunst gegenwärtig ganz verschwunden sind, haben sich zwei andere 
Gebäude in ihrer ursprünglichen Gestalt wenigstens theilweise bis auf den 




Fig. 158. Das Kaufhaus vom Nikolausstaden aus, gez. von A. Koerttge. 



heutigen Tag erhalten. Das eine von ihnen ist das am linken Ufer der 
III zwischen der Raben- und Nikolausbrücke belegene Kaufhaus (Fig. 158). 
Es stammt in seinem ältesten Theile, wie uns die Chronisten versichern, 
aus dem Jahre 1358, wurde aber schon 1389 durch einen Anbau nach der 



und der Renaissance. 



263 



Nikolausbrticke zu erweitert. Hier mussten die fremden Kaufleute, welche 
zum Besuch der Messen nach Strassburg kamen, ihre Waaren lagern, um 
der Stadt die Kontrole zu erleichtern. Neben dem Kaufhause, wo heute 
die städtische Sparkasse ist, war ehemals 
der Kran zum Ausladen der Schiffe ange- 
bracht (Fig. 49). An dieser Stelle fand nament- 
lich die Einfuhr und der Verkauf des Weins 
statt. In französischer Zeit diente das Kauf- 
haus als Zollstätte, durch welche alle an- 
kommenden und abgehenden Waaren pas- 
siren mussten. Da sich das Gebäude bei dem 
wachsenden Handelsverkehr als zu klein er- 
wies, wurde es 1781 nochmals durch einen 
Anbau gegen die Rabenbrücke erweitert, 
welcher Massregel das alte beliebte Wirths- 
haus „zum Spanbett" zum Opfer fiel. Nach 
der grossen Revolution, welche die alten 
Zollschranken beseitigte, wurde das Kauf- 
haus für verschiedene Zwecke verwendet; 
meistens diente es, wie noch heute, als 
Tabakmagazin. Bei Erneuerung und Ver- 
breiterung der Rabenbrücke wurde 1892, um 
mehr Platz für den Bürgersteig zu gewinnen, 
ein Theil des Anbaues von 1781 wieder be- 
seitigt. 

Das zweite öffentliche Gebäude, in 
welchem uns noch stattliche Reste mittel- 
alterlicher Baukunst entgegentreten, ist das 
sogen. Frauenhaus am Münsterplatz. Hier 
war von Alters her der Sitz des Stifts „Un- 
ser lieben Frauen Werk", welches den Aus- 
bau und die Erhaltung des Münsters be- 
zweckte und bekanntlich seit Ende des 
13. Jahrhunderts aus den Händen des Bischofs 
und Domkapitels in die der Stadt überge- 
gangen war. Schon Ellenhard als Pfleger 
des Werks (13. Jahrhundert) hatte hier seine 
Behausung, doch ist der Bau, den wir heute 
vor uns sehen, aus späterer Zeit. Der 
älteste Theil ist der dem heutigen Schloss 
benachbarte Ostflügel, welcher nach alten 
Chroniken 1347 errichtet wurde 1 ), als Meister 

Gerlach der Dombauhütte vorstand. Der Bau soll 310 Pfund Pfennige ge- 
kostet haben. Erst 1579—85 schloss sich an ihn der Westflügel und das 

l ) Die in der Schilter'schen Ausgabe Könighofens stehende Jahreszahl 1247, durch welche sich 
PITON und andere irre führen Hessen, hat schon KRAUS I 380 mit Recht als falsch bezeichnet. 




Fig. 159. Frauenhaus. 
Standbild auf dem Giebel des West- 
flügels, nach C. Grad. 




Fig. 161. Frauenhaus. 
Grundriss des Erdgeschosses. 



Fig. 162. Frauenhaus. 
Grundriss des 2. Obergeschosses. 



und der Renaissance. 



265 



vom Seilergässchen begrenzte Hinterhaus. 1 ) Zugleich wurde augenschein- 
lich der ältere Theil, der möglicher Weise in der Zwischenzeit schon Um- 
bauten erfahren hatte, gründlich renovirt, wobei man ihn mit dem neuen 
Anbau in Einklang zu bringen suchte. Auf letzteres deutet schon der 
Charakter der an den Fenstereinfassungen sichtbaren Steinmetzzeichen, 
die zweifellos dem 16. Jahrhundert angehören. Die kunstvolle Wendel- 




Fig. 163. Frauenhaus. Portal am Schlossplatz, nach Medard. 



treppe und das eigenartige Renaissanceportal mit dem schiefen Profil sind 
sicher zugleich mit dem Westflügel 1579 entstanden. Der Werkmeister des 
Münsters in jener Zeit war Hans Thoman Ulberger, den man in Folge 
dessen von jeher als den Erbauer des Frauenhauses angesehen hat. Sicher 
gestellt wird seine Urheberschaft aber erst durch die bisher übersehene 
Thatsache, dass sein Meisterzeichen, [welches wir aus einem Siegel mit 
Namensumschrift kennen, im Erdgeschosssaal des Westflügels angebracht 
ist, und zwar an bedeutsamer Stelle im [Netzgewölbe gegenüber dem be- 
kannten Werkzeichen des Frauenhauses. 



l ) Dasselbe trägt die Jahreszahl 1585 und enthielt 1587 die Pfisterei (Bäckerei) des Stifts. Stadt- 
archiv (Allmendbuch). Bühelers Chronik 523. 



266 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Die Familie Ulberger hat in dem Strassburger Bauwesen ein ganzes 
Jahrhundert hindurch eine wichtige Rolle gespielt. Ein älterer Hans Ul- 
berger, vermuthlich der Vater des oben Genannten, wurde 1507 Bürger in 
Strassburg und war während der Reformationszeit städtischer Werkmeister 
auf dem Mauerhof Unser Hans Thoman wird in der Hüttenordnung von 
1563 als Stadtbaumeister von Schlettstadt erwähnt, aus welcher Stellung 
er 1565 ausschied, um als Nachfolger des Marx Schan erster Werkmeister 
des Strassburger Münsters und damit Vorstand der deutschen Bauhütte zu 

werden. Volle 43 Jahre 
hat er diese Stellung be- 
kleidet und als er 1608 
endlich als hochbetagter 
Greis seinen Abschied 
nahm, war seine letzte 
Sorge, seinem Sohn Hans 
Karl die Nachfolge zu 
sichern. Er setzte diesen 
Wunsch auch wirklich 
durch, doch starb der 
Sohn bereits 1610. 1 ) 

Auf Ulberger's Thä- 
tigkeit am Münster haben 
wir hier nicht einzugehen. 
Erwähnt sei nur, dass er 
die Aufstellung der von 
dem Mathematiker Dasy- 
podius entworfenen und 
von den Uhrmachern Ge- 
brüder Habrecht verfer- 
tigten astronomischen 
Uhr im Jahre 1574 leitete. 
Die rechts neben dem 
Werk befindliche und den 
Zugang zu ihm vermit- 
telnde Wendeltreppe so- 
wie der architektonische 
Aufbau des Uhrgehäuses, 
wie er im Grossen und Ganzen noch heute vor uns steht, sind ohne Zweifel 
sein Werk. Gewissermassen zur Beglaubigung dieser Thatsache hat er sich 
auf der äussersten Spitze des Gehäuses in Form einer Statuette ein beschei- 
denes Denkmal gesetzt. Das Figürchen ist bisher kaum beachtet worden, da 
die Höhe des Standortes und das in der Kirche herrschende Dämmerlicht 

J ) KRAUS, Kunst und Alterthum I 411-12 nimmt auf Grund der Mittheilungen Heckler's in der 
Zeit von 1565—1608 swei Werkmeister Ulberger an, von denen der erste mit Vornamen Hans, der zweite 
Hans Thoman geheissen habe. Dass dies falsch ist, geht aus Eintragungen in den Protokollen deutlich 
hervor. So sagt z. B. Ulberger selbst in einem 1600 an den Rath gerichteten Gesuch, dass er seine 
Stelle seit 35 Jahren versehe, also seit 1565. Stadtarchiv XXI Prot. 1600 f. 131. 




und der Renaissance. 



267 



nicht einmal die äusseren Umrisse 
deutlich erkennen lassen. Von den 
wenigen Schriftstellern aber, die die 
Figur überhaupt erwähnen, nament- 
lich Piton und Schweighäuser, ist 
sie fälschlich als „Herold der Stein- 
metzenbrüderschaft mit dem Wap- 
pen des Frauenhauses" erklärt wor- 
den. *) Glücklicher Weise brauchen 
wir, um das kleine Kunstwerk in sei- 
nen Einzelheiten zu erkennen, nicht 
auf die Höhe desUhrwerks zu steigen, 
da das Museum des Frauenhauses 
einen Gipsabguss des Standbildes 
besitzt, der uns eine bequemere Be- 
trachtung und Würdigung ermög- 
licht (Fig. 165). Wir sehen da im 
bürgerlichen Gewände des 16. Jahr- 
hunderts einen grossen, hageren 
Mann, dessen Rechte einen Zirkel 
hält, während sich die Linke auf 
einen Schild stützt, der das uns be- 
kannte Steinmetzzeichen Ulberger's 
in erhabener Arbeit zeigt. Hiernach 
kann die Statuette wohl nur als ein 
Bildniss des Meisters selbst, wahr- 
scheinlich von seiner eigenen Hand 
gemeisselt, betrachtet werden. 2 ) 
Uebrigens hat er ausserdem sein 
Familienwappen, das wir ebenfalls 

J ) Der Irrthum PITON's und SCHWEIG- 
HÄUSER's ist wohl dadurch verursacht wor- 
den, dass sie anstatt des Originals die im Frauen- 
hause aufbewahrten Zeichnungen des Schwil- 
gu^'schen Werks ihrer Beschreibung zu Grunde 
legten. Auf diesen Zeichnungen ist nämlich die 
Ulberger-Statuette durch eine Idealfigur, welche 
wohl einen Herold vorstellen mag, ersetzt wor- 
den. Wie man sich aber an der Uhr selbst über 
zeugen kann, steht thatsächlich noch die alte 
Figur an ihrem Platze. Der projektirte „He- 
rold" ist also nicht zur Ausführung gekommen. 

2 ) Noch eine andere von Sandstein gefer- 
tigte und sehr gut erhaltene Statuette, deren 
früherer Standort am Münster mir unbekannt ist, 
wird im Frauenhaus aufbewahrt. Sie stellt einen 
untersetzten Mann mit grossem Bart in der Tracht 
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts dar; der 
Schild, welchen die Linke hält, zeigt ein Stein- 
metzzeichen, das dem des Hans Thoman Ulberger 
sehr ähnlich ist. Ich vermuthe deshalb, dass 
die Figur den Vater des Genannten, Hans Ul- 
berger, darstellt. 




Fig. 165. Statuette des Baumeisters Ulberger auf 
der Spitze des Uhrgehäuses im Münster. Nach 
dem Gipsabguss im Frauenhause. 



268 



Die Profanbauten des Mittelalters 



aus Siegelabdrücken kennen , am mittleren Stockwerk der Uhr dem Zeichen 
des Stifts gegenüber angebracht, wo es noch heute zu sehen ist. 

Ueber die Wandmalereien Dietterlin's am Frauenhause verweise ich 
auf den folgenden Abschnitt dieses Werkes. 

Einzelne Zimmer des oberen Stockwerks zeigen noch die prächtigen, aus 
dem 16. Jahrhundert stammenden Holztäfelungen der Decken und Wände sowie 
einige Glasmalereien mit den Wappen der Stiftspfleger (Fig. 167). Das Haus 
ist seiner alten Bestimmung bis auf den heutigen Tag treu geblieben. Ausser 




Fig. 166. Frauenhaus. Hof zwischen den Flügelbauten, nach photogr. Aufnahme von A. Wolf. 



dem Stiftsarchiv und den Wohnungen und Amtsstuben des Dombaumeisters 
und des Stiftsrechners befinden sich hier mehrere Räume, in denen Abgüsse 
und beschädigte Originale von Münsterskulpturen aufgestellt sind. Auch 
die Reste der alten Uhr von 1574 werden hier verwahrt. 

Die Ansicht des Frauenhauses vom Schlossplatz aus mit seinen zu 
bedeutender Höhe entwickelten Giebeln der Flügelbauten und den im Hinter- 
grunde zwischen denselben angelegten Gallerien nebst Treppenthurm ge- 
währt ein architektonisch wirkungsvolles und zugleich malerisches Bild. 
Dass auch in dem jüngern westlichen Flügel die etwas gedrückte Höhen- 
theilung, wie sie der östliche zeigt, annähernd beibehalten wurde, liegt 
nahe, zumal das Gebäude einem gemeinsamen Zwecke dienen sollte. Während 
nun der östliche Flügel die höchst einfachen Formen seiner Erbauungszeit 



und der Renaissance. 



269 



beibehalten hat, zeigt uns die Fassade des westliehen Baues eine verhält- 
nissmässig reiche, durch kräftig ausgebildete Gesimse bewirkte Horizon- 
talgliederung, sowie einen mit den charakteristischen Zierformen iener 
Zeit geschmückten Giebel, welcher in einem zierlich ausgeführten Stand- 
bilde ausklingt. (Fig. 160 u. 159.) 

In dem zwischen den beiden Flügelbauten belegenen Hofe (Fig. 166) sind 
eine Anzahl hervorragender Details zu erwähnen; im besondern reizvoll 
gestaltet sind die in der Höhe des ersten Obergeschosses angelegten Stein- 




Fig. 167. Frauenhaus. Getäfeltes Zimmer im I. Obergeschoss, nach photogr. Aufnahme von A.Wolf. 



gallerieen, welche zum Theil auf reich ornamentirten Konsolen, zum Theil 
auf feingegliederten, ausgekragten Gewölben ruhen, die allerdings merk- 
würdigerweise noch einen ausgeprägt spätgothischen Charakter aufweisen. 
Künstlerisch und zugleich in konstruktiver Beziehung höchst interessant 
ist das bereits erwähnte, als Thurm ausgebildete Treppenhaus. Schon der 
Aufgang im Erdgeschoss zeigt uns drei feingegliederte Portale, bei denen, 
ebenso wie bei den übrigen in jener Bauperiode entstandenen Thüröffhungen 
und bei dem grossen Hofportale (Fig. 163) die merkwürdige Schrägstellung 
der reich profilirten Gewände ein beredtes Zeugniss ablegt für die her- 
vorragende technische Fertigkeit, welche die Steinmetzen der damaligen 
Zeit besassen. Letztere ist noch in höherem Maasse zu bewundern an der 
Gestaltung der Treppe selbst, die sich in der Mitte auf drei schlanken 



270 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Säulen entwickelt, welche bis zu dem das Treppenhaus abschliessenden zier- 
lichen Gewölbe durchgeführt sind. (Fig. 164.) Architektonisch bedeutsam 
ist weiterhin der augenblicklich als Museum benutzte Saal im Erdgeschoss 
des Westflügels. Er ist durch zwei Säulen in sechs Kompartimente getheilt, 
wobei ursprünglich der Gedanke einer allgemeinen massiven Ueberwölbung 
vorgelegen zu haben scheint ; derselbe wurde jedoch nur in einem Joche 

— allerdings in recht bemerkenswerther Form — ausgeführt, während der 
übrige Raum mit einer Holzdecke versehen wurde, deren Tragebalken auf 
schön ornamentirten Steinkonsolen ruhen. Von den alten Wandtäfelungen 
ist ein grosser Theil vollständig erhalten. 

Erwähnt möge hier sein, dass die Stiftsverwaltung mit dem Gedanken 
einer Renovirung dieses Raumes — vermuthlich eines frühern Prunksaales 

— umgeht. 

2. DAS ZEITALTER DER RENAISSANCE. 

A. Organisation des städtischen Bauwesens. — Johannes Schock, 

Die Betrachtung des Frauenhauses und seiner Meister hat uns bereits 
von der Gothik zur Renaissance- Architektur hinübergeftihrt, deren Rlüthe- 
zeit in Strassburg die Jahre 1570—90 umfasst. Dass die neuen Kunstformen 
in Strassburg später als in andern deutschen Städten auf die Architektur 
Einfluss gewannen, erklärt sich wohl hauptsächlich daraus, dass Strassburg 
als Stätte des Münsters und als Vorort der deutschen Bauhütte, die in der 
Pflege der Gothik ihre vornehmste Aufgabe erblickte, besondere Mühe 
hatte, sich von dem überlieferten Stil loszureissen, so sehr derselbe auch 
mit der Zeit verkümmert und entartet war. Auf die Dauer freilich konnte 
die Baukunst auch hier nicht unzugänglich bleiben für die Renaissance, 
unter deren Einwirkung sich Malerei und Kunstgewerbe bereits zu höchster 
Blüthe entwickelt hatten. Wie auf dem Gebiete der Wissenschaft die 
mittelalterliche Scholastik durch den Humanismus bereits überwunden war, 
so wurde jetzt im Reiche der Kunst die Gothik allmählich durch die 
Renaissance verdrängt. Ein tieferes Verständniss für das Wesen des 
neuen Stils wussten sich allerdings nur wenige der deutschen Baukünstler 
anzueignen; die meisten begnügten sich, bei der Ornamentirung und 
äusseren Dekoration ihrer Werke die von Malern und Schreinern einge- 
bürgerten Renaissanceformen zu verwenden, und hielten in der Disposition 
des Grundrisses und in der Konstruktion an den gothischen Ueberlieferungen 
fest. Hierfür haben wir in den Werken Ulberger's, besonders im Frauen- 
hause ein bezeichnendes Beispiel, das um so interessanter ist, als Ulberger 
ja in seiner Eigenschaft als oberster Meister der deutschen Bauhütte vor 
allen berufen gewesen wäre, den gothischen Stil in seiner Reinheit zu 
erhalten. 

Am verhängnissvollsten wurde für die Hütten mit ihren alten Privi- 
legien die Thatsache, dass die Baukunst wie ihre Schwesterkünste mit der 
Reformation und dem Aufkommen der Renaissance mehr und mehr ver- 
weltlichte und aus dem Dienst der Kirche in den Dienst profaner Interessen 



und der Renaissance. 



271 



übertrat. Denn dadurch 
wurde der Schwerpunkt 
der Bauthätigkeit aus den 
Hütten, welche sich um die 

grossartigen gothischen 
Dome in Strassburg, Köln, 
Wien etc. gruppirten, in 
die Bauhöfe der Fürsten 
und Städte verlegt, die sich 
wenig um das alte Vorur- 
theil kümmerten, als ob nur 

ein Mitglied der Stein- 
metzen brüderschaft einen 
Bau regelrecht entwerfen 
und ausführen könne. Ihnen 
war jeder Baumeister will- 
kommen, der sich des neuen 
Stils kundig erwies, mochte 
er von Haus aus Maler, 
Zimmermann oder Stein- 
metz sein. So kam anstatt 
der zünftigen Beschränkt- 
heit und Handwerksmässig- 
keit in der Architektur 

endlich wieder die freie 

künstlerische Persönlich- 
keit zur Geltung. Der mo- 
derne Architekt, der nur 
die Pläne entwirft und unter 
Umständen die Ausführung 
überwacht, aber nicht selbst 
mit Hand anlegt, ist ein 
Produkt der Renaissance. 

Diese Entwicklung des 

Bauwesens war begreif- 
licher Weise den eifersüch- 
tig über ihre Vorrechte 

wachenden Steinmetzen- 
brüderschaften ein Dorn im 
Auge. Es half ihnen aber 
nichts, dass sie sich noch 

fester zu organisiren 
suchten, ihre Ordnungen 1563 erneuerten und sich 1578 ihre Privilegien 
vom Kaiser bestätigen Hessen. Ihre mittelalterlichen, nach aussen mit dem 
Schleier des Geheimnisses umhüllten Institutionen und Lehrbegriffe hatten 
sich überlebt und fristeten fortan nur noch ein Scheindasein. 




Fig\ 168. Nikolausstaden 16 (1575), gez. von A. Koerttge. 



272 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Bei der Bedeutung, die das städtische Bauwesen damals unabhängig 
von der Hütte, ja gewissermassen im Gegensatz zu ihr, erlangte, dürfte es 
sich empfehlen , die Organisation desselben etwas näher zu betrachten. Wie 
noch heutzutage so war von jeher die Leitung der städtischen Bauten von 

der desjMünsters 
streng geschieden. 
Die Frauenhausstif- 
tung, aus deren Mit- 
teln der Dombau be- 
trieben wurde, unter- 
stand zwar seit dem 

Ende des 13. Jahr- 
hunderts den städti- 
schen Behörden, 
hatte aber ihre be- 
sonderen Pfleger, 
eigene Vermögens- 
verwaltung und 
eigene Bauhütte. 
Demgemäss hatte 
sich der Werkmeister 
„auf unser Frauen 
Haus" mit seinen Ge- 
sellen von Amts- 
wegen nur um den 
Münsterbau zu 
kümmern, dessen 
Leitung ja auch eine 
volle Arbeitskraft für 

sich allein in An- 
spruch nahm. 

Den Mittelpunkt 
des städtischen Bau- 
wesens bildeten der 
„Mauerhof " und der 
„Zimmerhof", jeder 

mit einem Werk- 
meister als Vorstand. 
Diese Höfe waren der 

Versammlungs- und Hauptarbeitsplatz der Steinmetzen, Maurer und Zimmer- 
leute, welche von hier aus an ihr Tagewerk gingen, sei es, dass sie in der 
Stadt auf den verschiedenen Bauplätzen zu thun hatten, oder auf dem Hof 
selbst mit der Zurüstung des Baumaterials beauftragt waren. In Vertretung 
des Werkmeisters hatte zur Zeit, da die Bauthätigkeit besonders lebhaft 
war, ein Parlier, der in der Regel schon den Rang eines Meisters bekleidete, 
die Aufsicht über den Hof. Ausserdem gab es vorübergehend auf dem 




Fig\ 169. Korduangasse 11. Wirthshaus „Zur alten Pfalz". Erker mit 
Inschrift „Zum kuelen Brunnen", gez. von G. Hacker. 



und der Renaissance. 



273 




274 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Mauerhof noch einen Unterwerkmeister, der hauptsächlich die Steinbrüche 
in den Vogesen zu bereisen und das Material herbeizuschaffen hatte. Dafür 
stand ihm ein besonderes Fuhrwerk zu Gebote. Nur verheiratheten Arbeitern 
wurde hie und da gestattet, ihre Mahlzeiten zu Hause einzunehmen; die 
Regel war, dass sämmtliche Gesellen durch Köche, die von der Stadt an- 




Fig\ 171. Küfergasse 23. Haus „Zur Taube". (Jetzt Bierhaus „Zur Marie"), gez. von A. Koerttge. 

gestellt waren, auf den Höfen beköstigt wurden. Für Unterhaltung in den 
Feierstunden war u. A. ein Kegelspiel vorhanden. Waren grosse Neubauten 
im Werk, so wurde für deren Dauer in unmittelbarer Nähe ein besonderes 
Asyl mit eigener Küche eingerichtet. 

Ueber den Werkmeistern der beiden Höfe stand als oberster Bau- 
beamter der Stadtlohnherr. Er hatte seinen Namen von der Verpflichtung, 



und der Renaissance. 



275 



die Werkmeister und Arbeiter auszulohnen und das Baumaterial einzu- 
kaufen. In Verbindung damit hatte er das Bauwesen überhaupt zu beauf- 
sichtigen. Nach der Ordnung von 1443 stand ihm jährlich ein Kredit von 
1500 Pfund behufs Bestreitung der laufenden Ausgaben zur Verfügung. In 
älterer Zeit kam es nicht selten vor, dass das Amt von Mitgliedern der 
angesehensten Familien bekleidet wurde. Obwohl seine Verwaltung ohne 
Zweifel ziemlich viel technische Kennt- 
nisse voraussetzte, war es doch keines- 
wegs die Regel, dass Steinmetzen, 
Maurer oder Zimmeiieute zu dem Amt 
berufen wurden; vielmehr sind An- 
gehörige der verschiedensten Stände 
und Gewerbe als Lohnherren nach- 
weisbar. So war der von 1553—1575 
als Lohnherr thätige Bartholomäus 
Keller Mitglied der Kürschnerzunft 
und sein Nachfolger Hans Lux war 
Wagner. Zur Unterstützung in den 

Amtsgeschäften diente dem Lohn- 
herren ein Bauschreiber. 

Die Werkmeister sowohl wie der 
Lohnherr werden vom Rath angestellt 
und besoldet. Ist eine dieser Stellen 
neu zu besetzen, so wird sie — falls 
der Rath nicht schon einen bestimmten 
Kandidaten im Auge hat — auf den 
Zunftstuben öffentlich ausgeschrieben. 
Die Bewerber werden dann in eine 
Liste eingetragen, aus welcher die Bau- 
herren die geeignetsten Personen aus- 
suchen und dem Rath vorschlagen. 

Sobald dieser die Entscheidung ge- 
troffen, wird der Gewählte vereidigt 
und seinen Untergebenen vorgestellt. 
Oft wird aber auch nach freiem Er- 
messen des Raths ein Fremder den 
einheimischen Bewerbern vorgezogen oder das Amt wird von Neuem aus- 
geschrieben. 

Ueber dem Lohnherrn und den Werkmeistern steht eine aus Mit- 
gliedern des Magistrats gebildete Kommission, welche sich aus den „Bau- 
herren" und den „Dreiern auf dem Pfennigthurm" zusammensetzt. Die 
„Bauherren", zwei adlige und zwei bürgerliche, sind Delegirte der Fünf- 
zehnerkammer. Natürlich war man nicht in der Lage, bloss Fachmänner zu 
Bauherren zu wählen, doch berücksichtigte man immer nach Möglichkeit „die 
bauens verständigsten." Sie behielten ihr Ehrenamt lebenslänglich, es sei 
denn, dass sie in die Dreizehnerkammer, zu Stettmeistern oder Ammeistern 

18* 




Fig. 172. 



Metzgergiessen 27. (1892 abgebrochen), 
gez. von A. Koerttge. 



276 



Die Profanbauten des Mittelalters 



gewählt wurden. Je zwei und zwei von ihnen lösten sich Jahr um Jahr in 
ihrer Thätigkeit ab. Die ihnen beigesellten „Dreier auf dem Pfennigthurm" 
waren die drei Beamten, welche die städtischen Finanzen zu verwalten 

hatten. Sie durften weder 
Mitglieder des Raths sein noch 
gleichzeitig irgend ein anderes 
Amt bekleiden und jedes Jahr 
schied einer von ihnen aus, um 
einem neu Gewählten Platz zu 

machen. In den Sitzungen, 
welche Bauherren und Dreier 

mehrmals wöchentlich ab- 
hielten, kamen alle das Bau- 
wesen betreffenden Fragen zur 
Erörterung und — soweit sie 
nicht von grösserer Wichtig- 
keit waren — auch zur Ent- 
scheidung. So konnte die 
Kommission über Bauunter- 
nehmungen, die nicht höher 
als 200 Pfund zu stehen kamen, 
selbständig entscheiden; bei 
Bauten über 200 Pfund war sie 
verpflichtet, die Genehmigung 
der Fünfzehn, bei solchen über 
500 Pfund die des Raths einzu- 
holen. Hatte ein Baubeamter 
Wünsche oder Beschwerden 
irgend welcher Art, so hatte 

er sie den Bauherren und 
Dreiern als seiner nächsten 

vorgesetzten Behörde anzu- 
zeigen; vor Allem aber hatte 
der Lohnherr in den Sitzungen 
der Kommission Rechnung ab- 
zulegen und Bericht zu er- 
statten. Der Ordnung nach 
hatten die Bauherren ferner 

mit den Technikern zu 
Michaelis jeden Jahres ein Gut- 
achten über die im nächsten Jahr vorzunehmenden Bauten auszuarbeiten 
und dem Rath vorzulegen, doch scheint dies in der Praxis nur selten ge- 
schehen zu sein. Endlich bildete die Kommission in Sachen der Baupolizei 
die erste Instanz, d. h. sie hatte sich, wenn ein Bürger auf seinem Grund- 
stück bauliche Aenderungen vornehmen wollte, durch den Augenschein 
von deren Zulässigkeit zu überzeugen und danach ihre Entscheidung zu 




4f;.}/ 3 \ J un g fe rng-asse 8. Um 1550 im Besitz des Grafen 
Wilhelm v. Fürstenberg. Erker mit Jahreszahl 1567, 
gez. von A. Koerttge. 



und der Renaissance. 



277 



treffen. Von letzterer konnte an die Fünfzehn und in oberster Instanz an 
den Rath appellirt werden. Noch im 16. Jahrhundert trug die Stadt die 
Unkosten solcher Inspektionen; von 1613 ab jedoch fielen sie denjenigen 
zur Last, auf deren Ansuchen der „Augenschein" erfolgte. Kurz erwähnt 
sei noch, dass die Bauherren auch für eine Reihe anderer städtischer Be- 




Fig. 174. Ferkehnarkt 1. (Jahreszahl an der Ecke 1477, über der Thür 1602, 
über einem Fenster 1613, gez. von A. Koerttge. 



triebe die vorgesetzte Behörde bildeten, so für den Wasserlohnherren, der 
die Wasserläufe, ihre Regulirung und Reinigung zu überwachen hatte, für 
den Esterich-Lohnherren, welchem die Instandhaltung und Pflasterung der 
Strassen oblag, für den Horb-Lohnherren, der die Strassenreinigung besorgte 
und für den Rheinbruck-Lohnherren, der die Rheinbrücke und die in ihrer 
Nähe betriebenen Ziegelöfen und Wege beaufsichtigte. 



278 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Wie der Rath in allen Bauangelegenheiten das letzte Wort hatte, so 
konnte er auch, wenn es ihm gut schien, für bedeutendere Unternehmungen 
eine Spezialkommission aus seiner Mitte abordnen, wie das z. B. bei dem 
„Neuen Bau" (Hötel du commerce) geschah. 

Eine eigenartige, in den geschilderten 
Organismus des Bauwesens nicht recht hin- 
einpassende Stellung hatte das 1577 neu ge- 
schaffene Amt des „Stadtbaumeisters". 
Seine Einrichtung war eine Folge der 
grossen Umwälzungen auf dem Gebiete 
der Fortifikation seit der Einführung der 
Feuerwaffen. Je mehr sich bei der Ver- 
vollkommnung der Belagerungsgeschütze 
die Unzulänglichkeit der mittelalterlichen 

Befestigungen mit ihren Mauern und 
Thürmen herausstellte und je weiter sich 
in Folge dessen das System der Erdwälle 
und Bastionen ausbildete, um so mehr ent- 
wickelte sich die Befestigungskunst zu 
einem selbständigen Zweige der Bautechnik, 
der ein besonderes, eingehendes Studium 
erforderte. Demgemäss finden wir seit der 
z weiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zahl- 
reiche Ingenieure, welche sich mehr oder 
weniger ausschliesslich dem Festungsbau 
widmen. Einer der angesehensten von ihnen 
war der Strassburger Daniel Specklin. Er 
wurde von Fürsten und Städten des Reichs 
derart mit Aufträgen überhäuft, dass er für 
den Dienst seiner Vaterstadt Strassburg nur 
wenig Zeit übrig behielt. Dies, sowie die 
Erwägung, dass es für die Stadt weniger 
kostspielig sei, den viel begehrten Mann 
gegen ein festes Gehalt anzustellen, als ihm 

Ii ^^^^^P^^R^PT seine Gutachten und Arbeiten einzeln zu 
| • : bezahlen, brachte den Magistrat im Jahre 

1577 zu dem Entschluss, für Specklin das 
Amt eines „Stadtbaumeisters" zu schaffen. 
In seiner Bestallungsurkunde wurde der 
neue Beamte ausdrücklich und vor allem 
verpflichtet, die Befestigung der Stadt zu leiten, und nur nebenher wird ihm 
auch auferlegt, bei den Bauten im Innern dem Magistrat, wenn es gewünscht 
wird, mit Rath und That zu dienen. In Wirklichkeit ist von letzterer 
Klausel, wie man aus den Protokollen des Raths und der Bauherren ersieht, 
nur selten Gebrauch gemacht worden, wie denn überhaupt an der oben 
dargelegten Organisation des Bauwesens durch die Ernennung Specklin's 




Fig. 175. Erker in der Brunnengasse, zu Knob 
lochgasse 3 gehörig, gez. von A. Koerttge. 



und der Renaissance. 



279 



nichts geändert wurde. Namentlich muss man sich hüten, den Baumeister 
etwa als den Vorgesetzten des Lohnherren aufzufassen. Denn er gehörte 
gar nicht wie jener in den Verwaltungsbereich der Bauherren und Fünf- 
zehner, sondern in den der Dreizehner, welche neben der äusseren Politik 
das Kriegs- und Vertheidigungswesen zu leiten hatten. Ihnen war er 
Rechenschaft schuldig und von ihnen empfing er seine dienstlichen An- 
weisungen. Eine ähnliche Be- 
wancltniss wie mit der Stellung 
Specklin's hat es mit der eines 
gewissen Jeremias Nenner, der 
eigentlich Zeug- und Büchsen- 
meister war und seit 1579 mit 
dem Titel eines „Baumeisters" 
im städtischen Dienst erscheint. 
Er wurde ebenfalls vorzugsweise 

bei den neuen Befestigungs- 
anlagen verwandt. Wäre es nach 
den Wünschen des Magistrats 
gegangen, so wäre 1585 sogar 
noch ein dritter „Baumeister" in 
der Person des niederländischen 
Ingenieurs Johann Kornpüth an- 
gestellt worden; denn nachweis- 
lich scheiterte die Bestallung 
nur an der Weigerung dieses 
Mannes, in ein festes Dienstver- 
hältniss zu der Stadt zu treten. 

Was Specklin an den Strass- 
burger Befestigungen thatsäch- 

lich neu geschaffen hat, ist 
bereits in anderem Zusammen- 
hang gewürdigt worden (oben 
S. 120 ff.); es war zweifelsohne 
weniger bedeutend, als man 

früher allgemein angenommen Fi S- 176 - Metzgergiessen 17. Treppenaufgang, 

° ° gez. von G. Hacker. 

hat. Hier kommt es uns nur 

darauf an, festzustellen, dass er als Begründer und Hauptvertreter der 
Renaissancearchitektur in Strassburg — für den man ihn lange Zeit aus- 
gegeben hat — nicht mehr gelten kann. Man weiss jetzt, dass Johannes 
Schock es war, welcher der Strassburger Baukunst des ausgehenden 
16. Jahrhunderts ihr Gepräge gegeben hat, wenn er auch als Urheber des 
bedeutendsten Renaissancegebäudes der Stadt noch nicht mit voller Sicher- 
heit nachzuweisen ist. 

Der Lebenslauf und die Werke dieses ausgezeichneten Künstlers, dem 
wir bekanntlich den Friedrichsbau des Heidelberger Schlosses verdanken, 
liefern einen klassischen Beleg für den oben aufgestellten Satz, dass es im 




280 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Zeitalter der Renaissance durchaus nicht mehr wie früher erforderlich war, 
ein gelernter Steinmetz zu sein, um ein grosser Architekt zu werden. Hans 
Schoch war aus Königsbach bei Pforzheim gebürtig, erlernte das Zimmer- 
handwerk und kam schon in jungen Jahren nach Strassburg, wo er 1572 




Fig. 177. Erker Gr. Stadelgasse 13, Fig. 178. Hoher Steg 1. Wirthshaus „Zum Tannenfels" 

gez. von A. Koerttge. Erker von 1673, gez. von E. Schweitzer. 



das Bürgerrecht erwarb und als Geselle in die Zimmerleutzunft eintrat. 
In demselben Jahre vermählte er sich mit der Strassburgerin Anna Knoll. 




Fig. 179. Siegel und Unterschrift des Baumeisters Johann Schoch. 



Seine Tüchtigkeit verschaffte ihm bald das Amt eines städtischen Mühl- 
meisters und im Dezember 1577 wurde er zum Werkmeister auf dem 
Zimmerhof ernannt. 1583 verliess er die Stadt unter Vorbehalt seines 
Bürgerrechts, um als Baumeister in den Dienst des Markgrafen von Baden 
zu treten. Indessen zog ihn die Sehnsucht bald wieder nach Strassburg 



und der Renaissance. 



281 



zurück, denn schon im folgenden Jahre bewarb er sich um das Amt des 
Stadtlohnherrn. Bei der lebhaften Bauthätigkeit, welche damals herrschte, 
kam dieser Antrag dem Magistrat sehr gelegen. Schien es doch zu einer 
solchen Zeit besonders wichtig, das Amt mit einem Mann zu besetzen, der 
nicht bloss fähig war, die gewöhn- 
lichen Obliegenheiten des Lohnherrn 
zu erfüllen, sondern auch zur An- 
fertigung von „Visierungen", Bauent- 
würfen etc. dienen konnte. In dem 
befürwortenden Bericht, welchen die 
Bauherren dem Rath über Schoctfs 
Bewerbung erstatteten, rühmten sie 
den Meister besonders wegen seiner 
trefflichen Kenntniss des „Holzwerks". 
So wurde denn Schoch in der That 
mit einem erheblich höheren Gehalt 
als seine Vorgänger zum Lohnherrn 
ernannt, trat aber sein Amt infolge 
der Verpflichtungen, welche er noch 
gegen den Markgrafen von Baden zu 
erfüllen hatte, erst im Mai 1585 an. 
In den nun folgenden Jahren wurden 
u. a. das (jetzt verschwundene) Salz- 
haus am Domplatz und die Grosse 
Metzig nach seinen Plänen gebaut. 
Zur vollen Entfaltung seines bedeuten- 
den organisatorischen Talents konnte 
Schoch in seiner neuen Stellung des- 
halb nicht gelangen, weil sein Einfluss 
nicht ausreichte, um die alten Miss- 
stände im Strassburger Bauwesen zu 
beseitigen, welche vor allem mit der 
Trunksucht und Rauflust der Bau- 
arbeiter zusammenhingen. Die Wurzel 
des Uebels lag ohne Zweifel darin, 
dass der Magistrat dem Wein verbrauch 
auf den Werkhöfen keine Schranken 
zu ziehen wusste, vielmehr den Ar- 
beitern gestattete, beliebige Quanti- 
täten Wein einzukaufen und auf den 
Höfen zu vertrinken. Infolgedessen entwickelten sich oft schon bei den 
gemeinsamen Mittagsmahlzeiten förmliche Zechgelage, so dass am Nach- 
mittag — Avie der Ammeister gelegentlich berichtet — alles „toll und voll" 
war und die Werkstatt „mehr ein wirtshus denn ein arbeitshus" schien. 
In solchen Fällen kam es natürlich nicht selten zu bösen Ausschreitungen 
und blutigen Schlägereien, die jeder Ordnung und Disziplin Hohn sprachen. 




Fig. 



180. Krämergasse 2 (Ecke des alten Fisch- 
marktes), gez. von A. Koerttge. 



282 



Die Profanbauten des Mittelalters 



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Das Schlimmste aber war, dass die Parliere und Werkmeister, die dem 
Unfug hätten wehren sollen, gewöhnlich am meisten betrunken waren. 
Einen eigentümlichen Einblick in dieses Treiben erhält man beispielsweise, 
wenn man liest, wie der Lohnherr Letzius, Schoch's Vorgänger, den Bau- 
herren in sittlicher Entrüstung einen Vortrag über die Völlereien der 

Arbeiter hält, und wie 
, kurz darauf von anderer 

Seite festgestellt wird, 
dass er selbst fast jeden 
Nachmittag bezecht sei. 
V ermuthlich wird es mit 
den gestrengen Herren 
von der Baukommission 
auch nicht viel besser 
bestellt gewesen sein; 
nur fand sich gegen sie 
natürlich kein Kläger. 
Jedenfalls begnügte sich 
der hohe Magistrat, die 

gröbsten Verstösse 
gegen die Ordnung zu 
bestrafen, während er 
im allgemeinen grosse 
Milde walten liess. Ein 
köstliches Beispiel hier- 
für bietet das Verfahren 
gegen den Zimmerwerk- 
meister Kestler im Jahre 
1587. Derselbe war zur 
Verantwortung vor die 
Fünfzehn zitirt worden, 
weil er sich „den Trunk 
zu lieb sein lasse, alle 
Tage zehren und be- 
zecht sein wolle". Da- 
rauf bekannte der gute 
Mann treuherzig, „dass 
er den Wein nicht wohl 

tragen könne ; wann er nur ein halbe mass trinke, so sehe mans ihm besser 
an, denn wann ein andrer 2 mass trinke". Diese Entschuldigung wurde 
sorgsam zu Protokoll genommen und damit war der Fall erledigt. 

Hans Schoch war nach Allem, was wir über seinen Charakter wissen, 
ein ernster Mann von strengen Grundsätzen, der an dem rohen Treiben 
seiner Genossen und Untergebenen keinen Gefallen fand. Um aber dem 
Unwesen kräftig zu steuern, fehlte es ihm nicht bloss an dem nöthigen 
Rückhalt bei den städtischen Behörden, sondern auch an der rücksichts- 



Fig. 181. Schildgassc 2. Eingang zum Treppenthurm im Hofe, 
gez. von G. Hacker. 



und der Renaissance. 



2Ö3 



losen Entschiedenheit des Auftretens, welche allein den Arbeitern im- 
poniren konnte. Er war, wie er selbst einmal sagt, nicht der Mann, um 
„mit Pochen und Balgen" seinen Willen durchzusetzen. Dazu kam denn 
wohl auch, dass er als Zimmermann von den Steinmetzen über die Achsel 
angesehen wurde. Kurzum, weder 



seine Vorgesetzten noch er selbst 
machten sich ein Hehl daraus, dass 
er bei den Handwerkern „in kleiner 
Autorität" sei. Als ihm nun gar 
noch das Podagra die Aufsicht über 

die weit aus einander liegenden 
Bauten erschwerte, entschloss er 
sich im Februar 1590 das Lohn- 
herrenamt aufzusagen. Doch gab 
er gleichzeitig zu verstehen, dass 
er geneigt sei, die durch Specklin's 
Tod soeben erledigte, bei weitem 
angenehmere und ruhigere Stelle 
eines „Stadtbaumeisters" zu über- 
nehmen. Die Urtheile, welche aus 
Anlass dieser Bewerbung im Schosse 
des Magistrats über den Meister laut 
wurden, sind für ihn in hohem Grade 
schmeichelhaft. Die Herren waren 
allgemein der Ansicht, dass man 
einen so „feinen, bescheidenen und 
berichteten Mann" nicht aus den 
Händen lassen dürfe, und erfüllten 
seinen Wunsch um so bereitwilliger, 
als sie wussten, dass es ihm an vor- 
theilhaften Anerbietungen von aus- 
wärts nicht fehlte. Er habe — sagen 
die Bauherren in ihrem Bericht an 
den Rath — der Stadt bisher also 
gedient, „das man gespürt, wann er 
gemeiner statt das ihr, wie man zu 
reden pflegt, zu gold machen künnen, 
so würd er es bei ihm nit haben lassen 
erwinden"; überdies sei er nicht 
blos befähigt, Specklin's Stelle (als Festungsbaumeister) auszufüllen, sondern 
könne auch „zu gemeiner statt gebewen gebraucht werden, darzu doch 
Specklin sich nit wollen oder können gebrauchen lassen." Diese Aeusserung 
ist auch desshalb von grosser Wichtigkeit, weil sie bestätigt, was wir 
früher über die Beschränktheit der Wirksamkeit Specklin's ausgeführt 
haben. Bezeichnend ist ferner, dass Schoch von Anfang an eine höhere 
Besoldung erhielt, als Specklin gehabt hatte. Das Lohnherrenamt wurde 




Fig. 181 



Erker Gewerbslaubcn 49 und 51, 
gez. von A. Koerttge. 



284 



Die Profanbauten des Mittelalters 




Fig. 183.' Erker Spiessgasse 5 (16 




18-1. Erker Spiessgasse 31 (1574), 
gez. von A. Koerttge. 



nach Schoch's Ernennung zum Baumeister 
dem ehemaligen Rathsherrn Adam Heusler, 
einem Scherer und Wundarzt tibertragen, den 
man aus nicht weniger als 17 Bewerbern aus- 
wählte. Man nahm absichtlich keinen Tech- 
niker, da man mit Rücksicht auf Schoch besser 
zu fahren glaubte, wenn die Thätigkeit des 
Lohnherren, wie es früher die Regel war, auf 
die Verwaltungs- und Finanzgeschäfte des 

Bauwesens beschränkt wurde. Dem ent- 
sprechend wurde das Gehalt Heusler's auf 
den Betrag herabgesetzt, welchen Hans Lux, 
einer der früheren Lohnherren, bezogen hatte. 

Schoch hatte nun ein Amt, welches seiner 
Neigung und Begabung entsprach. Er konnte 
sich ganz seiner Kunst Avidmen, Visierungen 

entwerfen und Gutachten ausarbeiten und 
brauchte nicht mehr so viel auf den Bauplätzen 
umherzulaufen und sich über die störrischen 
und betrunkenen Werkleute zu ärgern. Leider 
waren nur die politischen Verhältnisse für die 
Entfaltung einer grösseren Bauthätigkeit sehr 

wenig günstig; denn der von 1592 — 1604 
dauernde „bischöfliche Krieg" erschöpfte den 
Stadtseckel derart, dass kaum für die not- 
wendigsten Befestigungsbauten Geld aufzu- 
treiben war. Infolgedessen wurde schon 1596 
im Rath zur Erwägung gestellt, ob man den 
Baumeister nicht entlassen sollte. Der Antrag 
wurde damals auf Bitten der Bauherren noch 
verworfen; ein Jahr später gelangte er aber 
doch zur Annahme. Schoch ging sehr ungern, 
versuchte auch, die Entlassung rückgängig zu 
machen, jedoch umsonst. Die Nothlage der 
Stadt war zu drückend, als dass man sich 
weiter den Luxus eines Baumeisters gestatten 
konnte, der nichts zu thun hatte und meist 
auswärts weilte, um fremde Herrschaften bei 
ihren Bauten zu berathen. Ueber die folgenden 
Lebensjahre unseres Künstlers wissen wir 
nichts ; es scheint aber, dass er seinen Wohn- 
sitz einstweilen in Strassburg behielt und viel 
umherreiste. Seit dem April 1602—1607 lässt 
er sich dann als Leiter des Friedrichsbaus am 
Heidelberger Schloss nachweisen. Die dortigen 
Arbeiten bezeichnen den Höhepunkt seines 



und der Renaissance. 285 

Schaffens. Auch später blieb er wohl im Dienst des pfälzischen Kurfürsten ; 
denn noch 1616 wird er in einem Verzeichniss auswärtiger Mitglieder der 
Strassburger Zimmerleutzunft als „Baumeister zu Heidelberg" aufgeführt. 




Fig. 185. Schlossergasse 22. Trinkstube der Bäckerzunft .,Zur Sunnen". 
Erker von 15b9, gez. von A. Koerttge. 



Daraus ersieht man übrigens, dass er sein Bürgerrecht in Strassburg nicht 
aufgab. Inzwischen hatte die Stadt im Hinblick auf ihre gefährdete Lage 
und auf die Nothwendigkeit weiterer Verstärkung der Befestigung im März 
1601 doch wieder einen kundigen Ingenieur in der Person des Joh. Enoch 



286 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Meyer auf „Wartegeld" angestellt. Weshalb man nicht auf Schoch zurück- 
griff, der — soviel wir wissen — damals noch ohne feste Stelle in Strassburg 
weilte, ist unbekannt. Vielleicht machte er zu hohe Gehaltsansprüche oder 
man hielt ihn für weniger geeignet, da seine Begabung ihn mehr auf die 
Architektur als auf den Festungsbau hinwies. Meyer versah das Amt bis 
an sein Lebensende 1619. Kaum war die Nachricht von seinem Tode be- 
kannt geworden , so bewarb sich Meister Schoch von Heidelberg aus um die 

erledigte Stelle: gewiss eine 
überraschende Thatsache, die 
ebensowohl für seine grosse 
Anhänglichkeit an Strassburg 

wie für seine körperliche 
Rüstigkeit und Geistesfrische 
zeugt. Denn, wenn auch die 
Stadt damals keine grösseren 
Neubauten vorhatte, so war 
es für einen Mann, der jetzt 
mindestens 70 Jahre zählte, 
doch keine Kleinigkeit, die 
Leitung des ganzen Strass- 
burger Bauwesens auf seine 
Schultern zu nehmen und sich 
überdies noch zu erbieten, 
„auch sonst andere Lücken, 
so fern und weit meine Herren 
ihn immer brauchen wolten 
und es in seinem vermögen 
sein würde, zu bedienen." Frei- 
lich forderte er zum Entgelt 

dieselbe „namhafte Besol- 
dung", die er in Heidelberg 
gehabt, nämlich 300 Gulden, 
20 Malter Korn, 1 \ Fuder 

Wein, freie Wohnung und 
freies Holz. Der Magistrat 
Hess sich wirklich auf Unterhandlungen ein und im August 1620 wurde 
Schoch mit einem Gehalt angestellt, das nur wenig hinter seiner Forderung 
zurückblieb. Dafür sollte er allerdings „Baumeister und Lohnherr zugleich 
sein" und namentlich auch die Werkhöfe beaufsichtigen. So übernahm 
derselbe Mann, der in seinem kräftigsten Alter das Lohnherrenamt als 
eine zu schwere Bürde abgeschüttelt hatte, als hoch betagter Greis nicht 
nur dieses, sondern auch noch die Pflichten eines Baumeisters. Der bis- 
herige Lohnherr Silberrad wurde pensionirt. Bald ergab sich freilich, dass 
der Versuch, beide Aemter in Schoch's Hand zu vereinigen, trotz der 
geringen Bauthätigkeit jener Zeit denn doch undurchführbar war, und 
man bestellte daher Philipp Bannmeyer zum Lohnherren. Die erste Sorge 




"ig. 18b. Eckhaus Heiligenlichtergasse u. Salmengässchen, 
gez. von E. Schweitzer. 



und der Renaissance. 



287 



Schoch's war, die Organisation des Bauwesens auf Grund seiner Heidel- 
berger Erfahrungen zu reformiren, wie er es schon vor seiner Ernennung 
versprochen hatte. Namentlich erhielten der Lohnherr und die Werk- 




Fig. 187. Jungferngasse 10. Pfeiler eines Erkers, gez. von A. Koerttge. 




Fig. 188. Jungferngasse 10. Decke eines Erkers, gez. von A. Koerttge. 



meister neue ausführliche Dienstordnungen. Dessen ungeachtet scheint es 
auch weiterhin bei den Bauten ziemlich bunt zugegangen zu sein, wie sich 
aus einer Stelle im Rathsprotokoll vom 26. Januar 1625 entnehmen lüsst, 



288 



Die Profanbauten des Mittelalters 



wo es heisst: Schoch „beklage sich, dass seine stattliche bedenken beim 
bawen wenig geachtet werden und also er seine besoldung nicht wohl 
verdiene; derwegen man sich seiner entweder geprauchen oder aber, da 
man seiner nicht bedürfe, zu gedenken wäre, das man sich seiner ledig 
machte, aber es seie alhie also bewant, das etwa die, so[die baw führen, 
selber wenig erfahren haben und also auch bei andern die erfahrenheit 

desto weniger achten, würde kein 
vornehmer man im bawen alhie bei 
diensten pleiben, der nicht könnte 
leiden, des einen dag abgebrochen 

wird, was den andern gebawen 
worden." Hiernach zu urtheilen, er- 
lebte Schoch während des letzten 
Abschnittes seiner Laufbahn wenig 
Freude in seinem Beruf. Auch trug 
ein unerquicklicher Streit, in welchen 
er mit dem Kapitän Florian Zeiss — 
vermuthlich wegen der Befestigungs- 
anlagen — gerieth, viel dazu bei, ihm 
den Lebensabend zu verbittern. Nach- 
dem er 1625 mit Bewilligung seiner 
Oberen noch einmal eine grössere 
Reise nach Idenheim gemacht hatte, 
um dem Kurfürsten von Trier bei 
einem dortigen Bau Rathschläge zu 
ertheilen, wurde ihm 1627 in der Person 
des Eberhard Welpert ein Adjunkt 
beigegeben, weil er „Alters halben" 
nicht mehr im Stande war, seinen 
Pflichten ganz zu genügen. Gleich- 
zeitig entzog ihm die Stadt sein Gehalt 
und beliess ihm nur die freie Wohnung : 
eine Handlungsweise, die angesichts 
der langjährigen treuen Dienste des 
Meisters sehr befremden muss. Die 
Undankbarkeit seiner Mitbürger war 
für Schoch um so schmerzlicher, als 
er allem Anschein nach keineswegs in glänzenden Vermögensverhältnissen 
lebte. Bezeichnend hierfür ist es, dass seine Tochter, als er 1631 starb, 
auf ihre Bitte vom Rath ein Gnadengeschenk erhielt. 

B. Der „Neue Bern", die Grosse Metsig und ihre Meister. 
Wir haben uns im vorigen Kapitel mit dem Leben und Treiben Schochs 
etwas eingehender befasst, weil wir es der Bedeutung des Mannes, über 
den bisher nur sehr dürftige Nachrichten vorlagen, schuldig zu sein glaubten. 
Leider kann die für die Beurtheilung seiner künstlerischen Persönlichkeit 




Fig. 189. Goldgiessen 7 und 9, gez. von 
E. Schweitzer. 



und der Renaissance. 



289 



wie für die Strassburger Baugeschichte gleich wichtige Frage, ob er als 
der Urheber des heute als „Hötel du commerce" bezeichneten Gebäudes 
zu betrachten sei, noch immer nicht mit Bestimmtheit bejaht werden. Was 
über die Errichtung dieses schönsten Strassburger Renaissancebaus ur- 
kundlich feststeht, ist folgendes: 

Die Westseite des St. Martinsplatzes (heute Gutenbergplatz) bot im 
16. Jahrhundert, besonders seit dem Abbruch der kleinen Martinskirche im 
Jahre 1529, ein wenig erfreuliches Bild, wovon wir uns heute noch durch 




Fig 190. „Neuer Bau" (Hötel du commerce). 



einen Blick auf die berühmte Morant'sche Stadtansicht überzeugen können. 
Deshalb fasste der Magistrat 1579 den Entschluss, „den Platz in besseren 
Wohlstand zu bringen", und zwar durch Schaffung eines monumentalen 
Bauwerks. Ueber Zweck und Verwendung desselben war man sich merk- 
würdiger Weise von vornherein durchaus nicht klar; nur darüber, dass 
das Erdgeschoss zu Gewölben für Kaufleute eingerichtet werden sollte, 
herrschte von Anfang an Uebereinstimmung, während der Gedanke, die 
oberen Stockwerke den Zwecken der städtischen Verwaltung dienstbar zu 
machen, sich "erst allmählich Bahn brach und erst mehrere Jahre nach der 
äusseren Vollendung durchgeführt wurde. Bis in's 18. Jahrhundert hinein 
wurde das Haus immer als „der neue Bau" bezeichnet. Die Werkleitung 

19 



290 



Die Profanbauten des Mittelalters 



ruhte nicht in den Händen der Oberbauherren sondern einer Special- 
kommission, welche am 5. November 1580 berichtete, dass sie unter drei 
Entwürfen für das Gebäude einen ausgewählt habe. Ueber den Verbleib 
dieses auch vom Rath gebilligten Plans ist ebenso wenig etwas bekannt, 
wie über seinen Urheber. Bis vor wenigen Jahren hat auf Grund unsicherer 
Ueberlieferung und unkritisch benutzter Nachrichten Daniel Specklin als 
Meister gegolten, bis v. Czihak 1889 sich mit grossem Nachdruck für Schoch 
erklärte, dessen Verdienste um das Heidelberger Schloss kurz zuvor an's 
Tageslicht gekommen waren. Schrumpfen nun auch, wie ich kürzlich an 
anderer Stelle nachgewiesen habe 1 ), die zu Schochs Gunsten sprechenden 
Beweismomente auf die Thatsache seiner Wirksamkeit als städtischer 
Zimmermeister in Strassburg zur Zeit der Planbearbeitung und auf die 
Stilverwandtschaft zwischen dem „neuen Bau" und dem Friedrichsbau 




^H'WWö h Ig b b ls — tc — k — Is ls ilct^ 
Fig. 491. Architektonischer Aufriss des „Neuen Baues", (Hotel du commerce). 

zusammen, während sich andrerseits allerlei Bedenken gegen seine Urheber- 
schaft ergeben, so steht doch fest, dass für ihn viel mehr geltend zu machen 
ist als für Specklin, dessen Thätigkeit sich, wie wir gesehen, auf die 
Festungswerke beschränkte. Ausser Schoch könnte höchstens der von 
1580—82 als Werkmeister auf dem Mauerhof nachweisbare Ambrosius Müller 
als Erbauer des Hauses in Betracht kommen. 

Besser unterrichtet als über den Verfertiger des Plans sind wir über 
die Meister, welche die Ausführung des Baus leiteten. Ihre Steinmetz- 
zeichen finden sich noch heute deutlich erkennbar an den Gewölberippen 
der Eingangshalle. Es sind die beiden Schweizer Jörg Schmitt von Schaff- 
hausen und Paul Maurer von Zürich. Die Möglichkeit, dass auch der 
Plan des Ganzen von ihnen herrühren könnte, ist aus bestimmten Gründen 
völlig ausgeschlossen ; dagegen ist es wohl denkbar, dass sie bei Ausführung 



*) Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins N. F. VIII 579 ff. 



und der Renaissance. 



291 



der Fassade ihre künstlerische Eigenart in einer Weise bethätigt haben, 
die ihnen mehr als ein bloss handwerksmässiges Verdienst um das Werk 
sichert. Schmitt, der früher in Schaffhausen und besonders in Prag unter 




W SCHULMEISTER 



Fig. 192. Portal des „Neuen Baus" (Hötel du commerce). Nach Dohme, Baukunst. 

Bonifacius Wolgemut gearbeitet hatte, war von Februar 1583 bis 1595 
Inhaber der ersten Werkmeisterstelle auf dem Mauerhof als Nachfolger 
des Ambrosius Müller, der den Bau begonnen hatte. Maurer bekleidete 
seit 1583 in Strassburg die äusserlich untergeordnete Stelle eines Parliers 

19* 



292 



Die Profanbauten des Mittelalters 



der Steinmetzen, war aber, wie aus zeitgenössischen Aeusserungen und 
aus seinen weiteren Schicksalen hervorgeht, dem Schmitt an Begabung- 
überlegen. 

Die Ausführung des „neuen Baus" schritt nur langsam vorwärts und 
war in ihrer Einheitlichkeit durch die schon erwähnte Unklarheit über die 
Zweckbestimmung und durch unzeitige Sparsamkeitsrücksichten wiederholt 
arg gefährdet. Besonders charakteristisch ist es, wie der Magistrat eine 
Zeit lang ernstlich im Zweifel war, ob er das dritte Stockwerk sollte auf- 
setzen oder es bei zweien bewenden lassen. Vermuthlich erklärt sich dies 
Schwanken durch den Umstand, dass der Meister, der den Bau entworfen, 
nicht mehr anwesend war, um die konsequente Ausführung seiner Pläne 




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Fig. 193. Grosse Metzig-. Grundriss des Erdgeschosses, nach v. Czihak. 

selbst zu überwachen. Diese Erklärung würde sowohl bei der Urheber- 
schaft Müllers wie bei derjenigen Schochs zutreffen; denn ersterer starb, 
als der Bau eben aus den Fundamenten herauswuchs, und letzterer war 
zur kritischen Zeit in fremden Diensten von Strassburg abwesend. 

Im Frühling 1582 war der Grund zu dem Gebäude gelegt worden, 
1583 entstand das Erdgeschoss und im Frühjahr 1585 war der Rohbau 
vollendet. Schliesslich hat dann noch der bekannte Künstler Wendel 
Dietterlin das Haus mit Malereien verziert, die zum grösseren Theil wohl 
innen angebracht waren, vielleicht aber auch die jetzt weiss übertünchten 
Felder unter den Fenstern der beiden obern Stockwerke ausfüllten. (Vgl. 
den folgenden Abschnitt.) Nach den Gewölben des Erdgeschosses war 
schon vor der Vollendung des Hauses so starke Nachfrage, dass sie binnen 
kurzem alle vermiethet waren. Die übrigen Räume dagegen standen noch 
lange leer, da man über ihre Verwendung nicht schlüssig werden konnte. 



und der Renaissance. 



293 



Erst im Mai 1588 entschied sich der Rath für die Einrichtung eines Sitzungs- 
saals für die Schöffenversammlungen und nahm als ersten grösseren 
politischen Akt hier die feierliche Erneuerung des alten Bundes mit der 
Stadt Zürich vor, worauf dann ganz allmählich bis zum 18. Jahrhundert 
die Uebersiedlung der meisten städtischen Behörden aus der alten Pfalz 
nach dem neuen Bau erfolgte. Der verhängnissvollste Tag in der Geschichte 
des Rathhauses war der 21. Juli 1789, an welchem die von den revolutionären 
Ideen aufgeregte Volksmenge ihrem Hass gegen das bestehende Stadt- 
regiment durch Stürmung und Plünderung des Gebäudes Luft machte. 
Aeusserlich blieb das Haus hierbei ziemlich unversehrt; im Innern aber 




Fig. 194. Die grosse Metzig, vor 1889. 



wurde es schlimm zugerichtet und namentlich dem Archiv grosser Schaden 
zugefügt. Im Jahre 1792 verlegte die nach französischer Schablone völlig 
umgestaltete Stadtverwaltung (Mairie) ihren Sitz nach dem ehemaligen 
Bischofsschloss am Münster und das frühere Rathhaus wurde zum „Hötel 
du commerce". Als solches wurde es im Jahre 1867 durch einen Anbau nach 
der Grünenbaumgasse unter genauer Anlehnung an das vorhandene Vorbild 
erweitert. Eigenthümerin ist noch heute die Strassburger Handelskammer. 

Was uns bei Betrachtung der Fassade des Hötel du commerce in 
Bezug auf ihre architektonische Gestaltung von vornherein fesselt, sind 
deren schöne Verhältnisse , die in dem Rahmen einer einfachen, aber ge- 
schmackvollen Gliederung besonders günstig hervortreten, ohne dass, trotz 
des gleichmässig wiederkehrenden Axensystems, in uns der Gedanke an 
Eintönigkeit erweckt würde. Der Gesammteindruck der Fassade darf ent- 
schieden als ein monumentaler bezeichnet werden. Auch bei einem etwaigen 



294 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Eingehen auf die Einzelheiten des Baues werden wir immer mehr auf den 
vorzüglich ausgebildeten Formensinn der Erbauer hingelenkt, der sich hier 
allerdings weniger auf die Anordnung reicher ornamentaler Zuthaten, als 
vielmehr auf eine wirkungsvolle Vertheilung von schön geschnittenen Ge- 
simsen und Pfeilervorlagen erstreckte. 

Dass übrigens die jetzige Fassade ganz im Sinne des ursprünglichen 
Projektes ausgeführt sei, muss zum mindesten zweifelhaft erscheinen, wenn 
man zu einem Vergleich mit ähnlichen, architektonisch merkwürdigen 
Bauten jener Zeit übergeht. Während bei letzteren mehr oder minder 
hoch ausgebildete Giebel stets wiederkehren und geradezu als charakte- 
ristisch zu bezeichnen sind, ist die Fassade in dem vorliegenden Fall in 
horizontaler Linie ohne jede Unterbrechung oder Bekrönung abgeschlossen; 
merkwürdiger Weise sind jedoch in dem Hauptgesims die Verkröpfungen 




Fig. 196. Grosse Metzig. Console 
Fig. 195. Grosse Metzig. Querschnitt, nach v. Czihak. der Gallerie im Hofe, nach v. Czihak. 



der sämmtlichen Pfeilervorlagen ausgebildet, was darauf hinzudeuten scheint, 
dass ursprünglich irgend ein anderer und jedenfalls reicherer Abschluss 
der Fassade beabsichtigt war. Diese Annahme ist übrigens nach den vor- 
hin gegebenen historischen Aufzeichnungen über die mehrfach gehemmte 
Förderung der Erbauung nur zu wahrscheinlich; es liegt nahe, dass man 
schliesslich unter den dort geschilderten Umständen zu einer Vereinfachung 
des ersten Entwurfs überging oder vielleicht den Ausbau einer späteren 
Zeit vorbehalten wollte. 

Nur wenig später als das „Hotel du commerce" entstand die „Grosse 
Metzig" an der Rabenbrücke. Den Anlass zu ihrer Errichtung gab der 
Umstand, dass das bis dahin als Metzig dienende Gebäude, welches dem 
heutigen schräg gegenüber am Anfang des Alten Fischmarkts stand, wegen 
Baufälligkeit abgebrochen werden musste. Im Frühjahr 1586 ging man an 
die Aufstellung der Pläne für den Neubau, wobei sich der Lohnherr Hans 
Schoch und die Meister Diebold Frauler, Jörg Schmitt und Paul Maurer 
betheiligten. Von den sechs eingereichten Entwürfen wurde der den Bau- 



und der Renaissance. 



295 



herren äm meisten zusagende „in Holz aufgezogen", d. h. modellirt und in 
der Rathssitzung vom 1. August 1586 zur Ausführung bestimmt. Dass er 
von Sehoeh herrührte, ist deshalb sehr wahrscheinlich, weil es in dem 
Rathsprotokoll heisst, der Lohnherr sei von den Bauherren beauftragt 
worden, ihn in Holz aufzuziehen; denn es ist nicht wohl anzunehmen, dass 
man die Bearbeitung des Modells einem andern als dem Urheber des be- 
treffenden Plans selbst aufgetragen haben sollte. Bezüglich der Aus- 
führung des Baues schlug der Magistrat ein bisher kaum übliches Ver- 
fahren ein: er fragte bei verschiedenen Meistern an, um welchen Preis sie 
die Herstellung des Gebäudes nach dem ausgewählten Plan übernehmen 
wollten , und verdingte auf Grund der eingereichten Angebote den Bau an 



I 




Fig. 197. Ehemaliger Fisehbrunnen, nach Piton. 



die beiden Mindestfordernden, nämlich an Meister Stephan Bernhard von 
Lor aus Graubünden, einen Fremden, den Schoch in badischen Diensten 
kennen gelernt, und an den Bürger Paul Maurer, der uns schon beim Bau 
des Hotel du commerce begegnet ist. Anfangs hatte die Absicht bestanden, 
die Arbeiten dem Bernhard allein zu verdingen, da sein Angebot bedeutend 
niedriger war als dasjenige Maurer's; allein um den Bürger nicht gegen 
einen Fremden zurückzusetzen, griff man schliesslich zu dem Auskunfts- 
mittel, das Werk durch beide gemeinsam ausführen zu lassen. Die Zimmer- 
arbeiten, welche — wie der Augenschein lehrt — sehr umfassend und 
eigenartig sind, wurden durch den Stadtwerkmeister Jakob Kestler eben- 
falls im Verding ausgeführt. Am 11. Januar 1587 fand die feierliche Grund- 
steinlegung an der Nordecke (gegen die Korduangasse zu) statt. Schon im 
Frühling danach starb Stephan Bernhard, so dass die Steinarbeiten von 
nun an allein in Paul Maurer's Händen lagen. Als dieser zum Theil fremde 



296 



Die Profanbauten des Mitteallters 



Handwerker heranzog, die billiger arbeiteten, wurde er von der Zunft mit 
einer Geldbusse belegt, auf seine Beschwerde jedoch von den Fünfzehn 
freigesprochen, weil ihm der Vertrag mit der Stadt die Anstellung aus- 
wärtiger Gesellen ausdrücklich erlaubte. Auch mit der Baukommission 
hatte er allerlei Misshelligkeiten, die hauptsächlich dadurch verursacht 





Fig. 198. Brunnen im Hof des Priester- 
seminars (1464), gez. von Th. Schmitz. 



Fig. 199. Spätgothischer Brunnen im Hofe 
Barbaragasse 2, gez. von G. Hacker. 



wurden, dass ihm die einzelnen Mitglieder widersprechende Befehle er- 
theilten. Er erklärte deshalb, nur noch schriftlichen Anweisungen gehorchen 
zu wollen. Im Ganzen nahm der Bau indessen einen befriedigenden Fortgang, 
so dass er schon im Frühjahr 1588 seiner Bestimmung übergeben werden 
konnte. Während das Erdgeschoss zur Aufstellung der Fleischbänke benutzt 
wurde, diente das obere Stockwerk als Lager- und Verkaufsplatz von Tuch, 
Zwilch, Docht u. dergl. Es wurde 1603 durch eine von Joachim Rath und 



und der Renaissance. 



297 



Hans Frauler erbaute Doppeltreppe an der Aussenseite nach dem Ferkel- 
markt bequemer zugänglich gemacht. Noch 1785 war diese Treppe vor- 
handen. Die Gallerie mit den durch Thierköpfe eigenartig verzierten 
Trägern (Fig. 196) an der Hofseite des Ostflügels ist wohl gleichzeitig mit 
der Thür, zu welcher sie den Zugang vermittelt und welche die Jahreszahl 
1609 trägt, entstanden. Ueber einem Fenster des oberen Stocks an der 
Strassenseite desselben Flügels findet sich 
die Jahreszahl 1608. Auch weiterhin hat die 
Metzig wiederholt kleinere Umbauten er- 
fahren, die jedoch den Charakter des 
Ganzen nicht wesentlich beeinträchtigten. 
Heute werden die unteren Räume als Markt- 
halle, die oberen für die Zwecke des städti- 
schen Kunstgewerbemuseums benutzt. 

Die architektonische Gestaltung des 
Baues ist entprechend seiner ursprünglichen 
Bestimmung eine einfache geblieben, aber 
trotzdem können wir nicht umhin, an dem- 
selben das Gefühl für gute Verhältnisse 
und die künstlerische Sicherheit zu be- 
wundern, welche die Erbauer in der Dis- 
position der Fassaden an den Tag legten, 
wobei sie, ohne irgend welchen Aufwand 
von ornamentalen Mitteln, doch eine vor- 
zügliche Wirkung erreichten. Ausserdem 
zeigt uns aber auch die allgemeine Lage 
des Gebäudes am Wasserlaufe sowie die 
besondere Grundrisslösung, dass wir es hier 
mit einer zweckentsprechenden, wohldurch- 
dachten Anlage zu thun haben. Die An- 
sicht der Grossen Metzig von der Wasser- 
seite aus bietet heute noch ein Bild von 

recht wirkungsvoller architektonischer 
Gruppirung und malerischem Reiz, wiewohl 
dasselbe durch die neuerdings erfolgte Be- 
seitigung der grossen Freitreppe, welche 
nach der III hinunterführte, eine nicht un- 
wesentliche Einbusse erlitten hat. 

Wie wir schon früher bei den biographischen Notizen über Schoch 
hervorgehoben, gerieth die 'öffentliche Bauthätigkeit in Strassburg seit 
1588 besonders in Folge der vielen Opfer, welche der „bischöfliche Krieg" 
erforderte , gänzlich ins Stocken. Daher bat Paul Maurer bald nach Vol- 
lendung der Metzig die Stadt um seine Entlassung und trat in den Dienst 
des Markgrafen Ernst Friedrich von Baden, der ihm auf Empfehlung 
Schoch's den Bau des Schlosses Gottesau bei Karlsruhe übertrug. Schon 
während seines Aufenthalts in Strassburg hatte Maurer hierfür Pläne ge- 




Fig. 200. Wandbrunnen im Hofe Alte 
Korngasse 5, gez. von A. Kocrtlge. 



298 



Die Profanbauten des Mittelalters 



liefert. Vergebens suchte Strassburg sich den bewährten Künstler durch 
Erhöhung seiner Besoldung zu erhalten; seit Beginn des Jahres 1589 finden 
wir ihn als markgräflichen Baumeister in Gottesau. Im Jahre 1593 oder 
1594, als das Schloss, dessen Aehnlichkeit mit dem Hotel du commerce 
unverkennbar ist', im Grossen und Ganzen fertig war, soll er gestorben sein 




Fig. 201. Wandbrunnen von 1573, ehemals im „Tannenzapfen", jetzt im 
Kunstgewerbemuseum. 



Auch der begabte Georg Riedinger (geboren 1579), dessen Vater oder 
Oheim Jakob Riedinger von Andlau 1571— 80 Werkmeister auf dem städtischen 
Mauerhof gewesen war, verliess seine Vaterstadt Strassburg, die ihm keine 
Gelegenheit zur Entfaltung seines Talents bot, um als Baumeister in den 
Dienst des Kurfürsten von Mainz zu treten. Ihm verdankt der grossartige 



und der Renaissance. 



299 



Schlossbau von 
Aschaffenburg (1605 
bis 1613) seine Ent- 
stehung. Wie wir nach- 
weisen können, hat 
Georg Riedinger seine 
5jährige Lehrzeit bei 
Jörg Schmitt absolvirt 
ebenso wie der um 
ein Jahr ältere Hans 
Frauler, der in Strass- 
burg blieb und sich 

hauptsächlich mit 
Bauten für Private be- 
schäftigte. U. a. ist die 
schöne „Schnecke" im 

Sturmischen Hof 
(Brandgasse 15) sein 
Werk. Als eine für 
Frauler bezeichnende 
Thatsache sei ange- 
führt, dass er 1595 beim Rath 
um die Erlaubniss einkam, wegen 
mangelnder Beschäftigung im 
Winter Bierbrauerei treiben zu 
dürfen. Wie sich denken lässt, 
schlug ihm der Rath sein Be- 
gehren ab. Aus Georg Riedingers 
Schule stammte dann wieder der 

Münsterwerkmeister Conrad 
Vogt (1611-20), welcher am 
Aschaffenburger Schloss als 
Parlier gearbeitet hatte und der 
Fürsprache Riedingers seine Be- 
rufung zum Nachfolger Ulbergers 
verdankte. 

3. BRUNNENANLAGEN. 

Wer die äussere Erschei- 
nung des alten Strassburg auf- 
merksam mustert, dem wird es 
sicherlich auffallen, dass die Stadt 
eines Schmucks ganz entbehrt, 
der viele andere Orte besonders 
auszeichnet ; ich meine das Fehlen 



G j5omus or Jinis &7oannis Hiero Soly 
%sul(trn fiuta %yenttna? /\ ° ; ' 



mifani. ac 
7 7, (kftt 



l uiriJetru 
'ucta, . 




Fig. 202. Das ehemalige Kloster St. Johann im grünen Wörth. 
(Theilweise erhalten im heutigen Bezirksgefängniss Schlacht- 
hausplatz 1.) 




Fig. 203. Protestantisches Gymnasium und neue 
Kirche im 16. Jahrhundert (ehemaliges Prediger- 
kloster), nach Zeichnung von E. Salomon. 



300 



Die Profanbauten des Mittelalters 



alter monumentaler Brunnen auf den Plätzen und Strassen. Der einzige 
öffentliche Brunnen, welcher einige Beachtung verdiente, der „Fischbrunnen" 
auf dem alten Fischmarkt gegenüber der Einmündung der Krämergasse, 
ist 1841 beseitigt worden. Er war 1575 im Auftrage des Magistrats von 
Meister Caspar Richard von Frankfurt errichtet und kostete alles in allem 
210 Pfund, wovon 50 Pfund dem Erbauer als Lohn zufielen. Wie eine 
noch vorhandene Abbildung (Fig. 197) zeigt, war es eine in einfachen, edlen 
Renaissanceformen gehaltene Steinmetzarbeit. Bemerkenswerther sind 
zweifelsohne ein paar Brunnen, die in Privathäusern standen oder noch 
stehen und die durch die Fig. 199—201 veranschaulicht werden. 

Vor allem aber sei hier auf einen bisher sehr wenig beachteten, in 
Bezug auf seine ornamentale und figurale Ausstattung geradezu hervor- 
ragend schönen spätgothischen Brunnen aufmerksam gemacht, der augen- 
blicklich im Hofe des Priesterseminars aufgestellt ist (Fig. 198). Derselbe, ein 
sogenannter Ziehbrunnen, ist wohl der älteste in Strassburg; er trägt die 
noch wohl erkennbare Jahreszahl 1464 und zeigt an dem noch vorhandenen 
Aufbau verschiedene gut erhaltene, mit ausserordentlicher Sorgfalt ausge- 
führte Einzelheiten. Er hat vermuthlieh ursprünglich in dem früher vor- 
handenen öffentlichen Durchgang hinter dem Münster seinen Platz gehabt ; auf 
seinen geistlichen Charakter deuten mehrere der Skulpturen hin. Die Stirn- 
fläche -des Auslegers zeigt z. B. einen Kopf, den man seiner ganzen Auf- 
fassung nach füglich für einen Christuskopf halten muss; unter dem Ausleger 
auf der vordem Wandfläche ist das Brustbild eines Engels dargestellt, welcher 
ein Band mit der genannten Jahreszahl trägt. Die Bekrönung des Brunnens, 
sowie verschiedene freistehende Figuren sind leider verloren gegangen, da- 
gegen ist eine Anzahl sonstiger Menschen- und Thiergestalten, denen jeden- 
falls eine symbolische Deutung beizulegen ist, noch ziemlich gut erhalten. 



4. KLOSTER. 



Bevor wir uns von der 
öffentlichen Bauthätigkeit jener 
Zeiten der privaten zuwenden, 
haben wir noch einen Blick auf 
die Bautm geistlicher Körper- 
schaften zu werfen. Die Klöster 
waren in Strassburg während 
des Mittelalters überaus zahl- 
reich, verschwanden aber zum 
grossen Theil während der Re- 
formation, indem der evange- 
lische Magistrat sie entweder 
ganz beseitigte oder für andere 
Zwecke derart umbaute , dass 
die ursprüngliche Anlage mitunter kaum noch zu erkennen war. Die 
folgenden Jahrhunderte haben dann das Zerstörungswerk fortgesetzt. Wohl 




Fig- 204. Portal des ehemal. Katharinenklosters in der 
Kasernenmauer in der Waisengasse. 



und der Renaissance. 



301 




am schönsten erhalten ist noch das 1476 begründete Magdalenenkloster 
an der Südseite der Magdalenenkirche , welches seit 1835 als städtisches 
Waisenhaus dient. x ) Abgesehen von 



der veränderten inneren Eintheilung 
hat das Gebäude seinen Charakter 
trefflich bewahrt. Beachtenswerth 
sind von Einzelheiten die hübschen 
spätgothisehen Fenster, eine Ge- 
denktafel von 1606 mit Renaissance- 
ornamenten und ein Glasgemälde 
(Zug der Waisenkinder darstellend) 
aus dem Anfang des 17. Jahr- 
hunderts. 

Von dem Kloster St. Johann 
im grünen Wörth, dem beliebten 

Absteigequartier Kaiser Maxi- 
milians I. (Fig. 202), sind noch Reste 

im heutigen Bezirksgefängniss 
(„Raspelhaus"), Schlachthausplatz 1, 
erhalten, desgleichen von dem Wil- 
helmerkloster in dem Pfarrhaus 
hinter der Wilhelmerkirche 
(Hamengasse), sowie von den 
Stiftsgebäuden Jung St. Peter 
(Fig. 137). Von dem Kloster 
„St. Clara auf dem Ross- 
markf (jetzt Offizierkasino 
und Artilleriedepot, Broglie- 
platz) scheint dagegen so gut 
wie nichts mehr vorhanden zu 
sein. Die auf dem Hof des 

Artilleriedepots stehenden 
Gebäude, von denen das eine 
mit einem interessanten Giebel 
und Portal im Barockstil ge- 
schmückt ist, stammen wohl 
aus dem 17. oder Anfang des 
18. Jahrhunderts und waren 
von Haus aus für militärische 
Zwecke bestimmt. 2 ) 

Auf der Stelle des alten 
Antonierklosters (Regenbogengasse 10) finden sich noch einige Grabsteine 
sowie unbedeutende Freskomalereien und von dem Katharinenkloster, das 



Fig. 205. Goldschmiedgasse 3 (Bcginenhaus zum 
Turn). Gothische Decke im Erdgeschoss, gez. von 
A. Koerttge. 




Fig. 206. Goldschmiedgasse 3 (Beginenhaus zum Turn), 
Gothischer Unterzug und Konsole im I. Stock, gez. von 
A. Koerttge. 



*) Vgl. Mitth. d. Ges. f. Erhaltg. d. Denkmäler II. ser. I, 149 ff. 
Vielleicht die 1708 IT. erbaute Fonderie ? 



302 



Die Profanbauten des Mittelalters 



seit der Reformation als Waisenhaus benutzt wurde, bis es 1835 der 
Erweiterung der Austerlitzkaserne zum Opfer fiel, ist ein Portal der Ueber- 
gangszeit (13. Jahrhundert) mit schön skulptirtem Giebelfeld (Fig. 204) dadurch 




Fig. 207. Kaufhausgasse 1—3 (1586), gez. von A. Koerttge. 



gerettet worden, dass es in die Kasernenmauer an der Ecke der Waisengasse 
und des Züricher Platzes eingesetzt wurde. Das Margarethenkloster (beim 
Schlachthaus), welches lange Zeit als Kaserne diente, ist erst in jüngster 
Zeit niedergerissen worden. Der Chor des in der Reformation beseitigten 



und der Renaissance. 



303 



3 



Barfüsserklosters auf dem heutigen Kleberplatz stand bis 1765 
noch auf alten Abbildungen (Fig. 41) zu sehen. 

Ein stattlicher Bau, den sich das katho- 
lische Domkapitel 1571—75, also in der Blüthe- 
zeit der Renaissance errichtete, der sogenannte 
Bruderhof hinter dem Münster, ist leider nicht 
mehr vorhanden. 1 ) Er wurde 1769 ff. durch 
das heute als Priesterseminar dienende, finstere 
Gebäude ersetzt. Als Schöpfer des Bruder- 
hofs, den der Zeitgenosse Büheler als einen 
„herrlichen, gewaltigen Bau" rühmt, nennt 
Grandidier einen gewissen Christoph Feiertag, 
welcher später von 1595— 1605 als städtischer 
Werkmeister auftritt. (Ueber die Fassaden- 
malerei am Bruderhof vgl. die folgende Ab- 
handlung.) 

Das jetzt als Montirungsdepot benutzte 
Fransiskanerkloster mit seiner Kirche (Ecke 
der Franziskaner- und Regenbogengasse) ist 
noch sehr gut erhalten, fällt aber schon nicht 
mehr in den Kreis unserer Betrachtung, da es 
erst in den Jahren 1746—51 entstanden ist. 

Schliesslich müssen wir noch eines 
Klosters gedenken, von dem zwar heute fast 
nichts mehr existirt, das aber bis über die 
Mitte unseres Jahrhunderts hinaus den Strass- 
burgern besonders lieb und werth war. Es ist 
dies das alte Dominikaner- oder Prediger- 
kloster, von dem eine Zeichnung E. Salomons 
(Fig. 203) noch eine recht anschauliche Vor- 
stellung giebt. Dasselbe gewann seit 1538 als 
Sitz des protestantischen Gymnasiums, später 
der Akademie und Universität, eine weit über 
die Grenzen der Reichsstadt hinausreichende 
Berühmtheit. Es bewahrte im Grossen und 
Ganzen seine ursprüngliche Anlage bis zum 
Juni 1860, wo es durch einen gewaltigen Brand 
vollständig eingeäschert wurde. Nur einige 
Reste des schönen gothischen Kreuzgangs 
wurden gerettet. Durch die Fürsorge des 
Architekten Salomon restaurirt, fanden die- 
selben 1887 an der Johannes Sturmgasse 
zwischen dem Stiftsgebäude und der Kirche 
von St. Thomas Aufstellung. 



und ist 



T 



Fig. 208. 



Langestrasse 101, gez. von 
A. Koerttge. 



y ) Ueber den Bruderhof im Mittelalter vgl. oben S. 162 



304 



Die Profanbauten des Mittelaltres 



5. BÜRGERHÄUSER. 



Niemand wird bestreiten, dass der alterthümliche Eindruck, welchen 
selbst der oberflächlichste Beobachter bei einem Besuche Strassburgs 
empfängt, weniger durch die Menge und Grossartigkeit der öffentlichen 
Bauten hervorgerufen wird als durch das malerische Gesammtbilcl der 
engen Strassen mit ihren pittoresken alten Bürgerhäusern , die noch in 

grosser Anzahl vorhanden 
sind. Zwar ist namentlich in 
den Hauptverkehrsadern wäh- 
rend der letzten beiden Jahr- 
hunderte gar mancher Neubau 
entstanden und manche Un- 
regelmässigkeit beseitigt 
worden und vor Allem hat die 
Zuschüttung der vielen Fluss- 
arme und Kanäle, welche 
früher die Stadt durchzogen, 
den Charakter derselben nicht 
unwesentlich verändert; im 
Ganzen aber trägt sie doch 
noch immer das mittelalter- 
liche Gepräge. Freilich dürfte 
es kaum noch ein Haus geben, 
das aus dem 14. oder 15. Jahr- 
hundert ganz unverändert auf 
uns gekommen ist; den alten 
Kern aber haben sich viele 
bis auf den heutigen Tag be- 
wahrt. Wie in andern Städten 
so ist dann auch in Strassburg 
gerade die private Bauthätig- 
keit durch die Renaissance 
mächtig angeregt worden. Von 
steinernen Bürgerhäusern der 
Renaissance sind besonders zu 
erwähnen das 1586 gebaute 
Haus des Leonhard Kauw in 
der Kaufhausgasse 1—3, das Haus Langestrasse 101 und das stattliche 
Anwesen Stephansplatz 17 (Fig. 207, 208 und 209). Letzteres wurde 1598 
vom Junker Philipp Dietrich Böcklin von Böcklinsau errichtet und Avar 
von 1685—1789 Sitz des Direktoriums der unterelsässischen Ritterschaft. 
Der schöne, mit reicher Stuckdecke (Fig. 211, 212) geschmückte Saal im 
I. Obergeschoss, wo einst der Adel seine Versammlungen abhielt, enthält 
jetzt ein Cafe\ Bemerkenswerth ist ausser der Fassade mit ihren beiden 




Fig. 209. Stephansplan 17 (1598), gez. von A. Koerttge. 



und der Renaissance. 



305 



Erkern noch die kunstvolle Wendeltreppe im Hof mit prächtigem Portal 1 ) 
(Fig. 210). 

Neben diesen massiven Bauten, welche sich allerdings mit den reichen 
Patrizierhäusern Nürnbergs und Augsburgs nicht messen können, findet 
man in Strassburg eine grosse Reihe sehr beachtenswerther Einzelheiten 
im Renaissancestil, wie Portale, Erker und Wendeltreppen, vor Allem aber 
eine Menge höchst interessanter Fachwerkhäuser, die'für jene Bauperiode 
charakteristisch sind. Zugleich 
zeigen uns die an den Häusern 
angebrachten Jahreszahlen, 
class die Baulust der Bürger 
nicht wie die des Magistrats 
schon um das Jahr 1590 er- 
lahmte, sondern weit über den 
Beginn des 17. Jahrhunderts 
hinaus rege war. Wir müssen 
uns hier darauf beschränken, 

die merkwürdigsten dieser 
Fachwerkbauten aufzuzählen, 
indem wir im Uebrigen auf die 
Abbildungen 168, 170—172, 173, 
180, 186, 189 verweisen. 

Am schönsten und durch 
seine freie Lage an der Ecke 
des Münsterplatzes am meisten 
bevorzugt ist das sog. „Kam- 
merzell'sche Haus". Es führt 
seinen Namen nach der Fa- 
milie, welcher es in der Mitte 
unseres Jahrhunderts ange- 
hörte. Angemessener würde 
die Bezeichnung „Braun'sches 
Haus" sein; denn der Handels- 
mann Martin Braun, einSchwie- 
gersohn des Ammeisters 
Michael Lichtensteiger, war 

es, der den heute noch stehenden Bau errichten liess. Er hatte das Anwesen 
1571 gekauft und fasste im Frühjahr 1587 den Plan eines Neubaus. Danach 
sollte nur das steinerne Erclgeschoss, welches einer Inschrift zufolge aus 
dem Jahre 1467 stammte, stehen bleiben, während der Oberbau in Fach- 
werk erneuert werden sollte und zwar derart, dass der stumpfe Winkel, 
welchen das Haus an der Ecke bildete, zu einem rechten erweitert würde. 
Um das zu ermöglichen, wollte Braun die Ecke des weit vorspringenden 




Fig. 210. Stephansplan 17. Portal im Hofe, gez. von A. Koerttge. 



a ) Nach gütiger Mittheilung des Herrn Ad. Seyboth war bis zum vorigen Jahrhundert an Stelle 
des modernen Balkons über dem Hauptportal an der Strassenseite eine reiche Skulptur oder Malerei 
zu sehen, von welcher Herr Notar Alfred Ritleng noch eine Copie besitzt. 

20 



306 



Die Profanbautfn des Mittelalters 



Oberbaus durch eine auf die Strasse zu setzende Säule stützen. So dachte 
der kluge Herr nicht nur die „ungestalte, schändliche Schräge" des Hauses 
— wie er sich ausdrückt — zu beseitigen, sondern auch erheblich mehr 
Platz im Innern zu gewinnen. Obwohl das Projekt von den zu Rathe 
gezogenen Technikern, unter denen sich auch Schoch befand, im Ganzen 
wohlwollend beurtheilt wurde , gab der Rath als oberste Baupolizeibehörde 
doch nach langem Zögern im Februar 1588 einen abschlägigen Bescheid, 
weil nach dem Gesetz die Bewilligung neuer Ueberhänge nicht statthaft 
sei. Darauf beantragte Braun am 4. September 1588, man möge eine 
Kommission zur Besichtigung verordnen, um festzustellen, wieweit seinem 
Wunsch, das Haus „in mehrere Geräde" zu richten, nachgegeben werden 
könnte. Seine Bitte wurde in demselben Monat erfüllt und das Ergebniss 




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Fig. 211. Stephansplan 17. Schematische Darstellung- der Stuckdecke im grossen Saal, gez. von A.Koerttge. 

war, dass ihm erlaubt wurde, an der Ecke nach der Westseite einen Aus- 
stoss von fünf Schuh (anstatt 10 \ 2 ) zu machen, der sich nach der Hausthür 
zu verlieren sollte. Weitere Erörterungen über die Sache sind nicht bekannt; 
doch lehrt uns der Bau in seiner jetzigen Gestalt, dass Braun es vorzog, einen 
gleichmässigen Ausstoss oder Ueberhang von drei Schuh zu machen, wie 
es die Sachverständigen bereits bei der letzten Kommissionsbesichtigung 
vorgeschlagen hatten. Die Hausmarke des Eigenthümers mit den Buch- 
staben M. B. und die Jahreszahl 1589 (in der Höhe des ersten Stockwerks) 
sind bei der neuerdings vorgenommenen Restaurirung wieder deutlich 
hervorgetreten. Im Jahre 1879 erwarb die Stadt das seinem Verfall ent- 
gegengehende Haus für die Frauenwerkstiftung und Hess es 1891—92 
durch Dombaumeister Schmitz gründlich restauriren. Die kaum noch 
sichtbaren Fresken in den ausgemauerten Flächen der Obergeschosse 
wurden bei dieser Gelegenheit getreu nach den alten Motiven renovirt; 
gänzlich neu wurde die Bemalung des Erdgeschosses nach einem Entwürfe 
von Prof. Seder und unter dessen Leitung ausgeführt (Fig. 214). 



und der Renaissance. 



307 



Unter den architektonisch bedeutsamen Privatgebäuden jener Zeit ist 
das vorgenannte Haus im Besondern geeignet, das Interesse des Kunst- 
freundes, wie das spezielle des Sachverständigen zu erwecken ; die Bestand- 
teile der erwähnten ältern Bauperiode, die sich übrigens nur auf Erd- 




Fig 213. Stephansplan 17. 
Fig. 212. Stephansplan 17. Säule im grossen Saal, gez. von 

Ein Feld der Stuckdecke im grossen Saal, gez. von A. Koerttge. A. Koerttge. 



geschoss und zwei kleine Räume des ersten Obergeschosses im Bereiche 
des Treppenhauses erstrecken, zeigen uns in den reich profilirten Fenster- 
und Thüreinfassungen noch die charakteristischen Formen ihrer spät- 
gothischen Entstehungszeit. Diese Räume sind sämmtlich mit Kreuzgewölben 
überspannt, wovon eines in einem kleinen alkovenartigen Räume im Ober- 
geschoss besonders zierlich gestaltet erscheint. Während die vorgenannten 
Bautheile durchgehends massiv in Sandstein ausgeführt sind, stellt sich 

20* 



308 



Die Profanbauten des Mittelalters 



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Fig 214. KammerzelPsches (Braun'sches) Haus. Aufriss der Westseite nach der Wiederherstellung 1892 

von Fr. Schmitz. 



und der Renaissance. 



309 



uns der Oberbau als ein dreigeschossiges, in seinen Umfassungen äusserst 
solide konstruirtes Fachwerkgebäude dar. Bei der jüngst vorgenommenen 
Wiederherstellung des Hauses, welche möglichst wieder ein Bild der alten 
Anlage, also des mittelalterlichen Geschäfts- und Wohnhauses schaffen 
sollte, hat sich in Folge 
der häufigen baulichen Ver- 
änderungen im Jnnern nur 
sehr schwer die alte Grund- 
rissanordnung herausfinden 
lassen. Leider musste bei 
dieser Gelegenheit festge- 
stellt werden, dass die 
neuere Zeit, in dem Be- 
streben nach möglichst 
praktischer Erledigung des 
Wohnungsbedürfnisses 
durch mehrfaches Ein- 
schieben von Wänden, nicht 
die mindeste Rücksicht auf 
vorhandene Wand- oder De- 
ckentäfelungen genommen 
hatte. Gleichwie also hier 
bei der Renovirung ver- 
sucht wurde, möglichst Sinn 
und Wollen der alten Meister 
herauszufinden und sich eng 
daran anzuschliessen, so ge- 
schah dies auch in Bezug auf 
die nothwendig gewordene 
Ergänzung der Fassaden, 
insbesondere derjenigen des 
prächtigen Oberbaues , in 
welchem wir bekanntlich 
eines der besten Erzeug- 
nisse deutscher Renaissance 
auf dem Gebiete der Holz- 
architektur besitzen. Von 

dem ausserordentlichen 
Reichthum , welcher hier 
an reizvollen Schnitzereien 
aufgehäuft ist, mögen ein- 
zelne, besonders bemerkenswerthe Darstellungen, hier Erwähnung finden. 
Es sind dies zunächst die am Eckpfeiler des Hauses angebrachten Bildnisse 
der drei theologischen Tugenden — Spes, Fides, Caritas — weibliche Ge- 
stalten mit entsprechenden Symbolen versehen. Ferner sind neben einer 
Anzahl von Einzelfiguren aus der biblischen und ältern Profangeschichte, 




Fig. 215. KammerzeH'sches (Braun'sches) Haus MünsterplatzJ?, 
gez. von A. Koerttge. 



310 



Die Profanbauten des Mittelalters 



mehrere zusammenhängende Darstellungen vorhanden, u. A. solche der 
zwölf Sternzeichen, der fünf Sinne und der zehn Menschenalter, letztere in 
theilweise recht drastischer Auffassung (Fig. 214—218). 

Durch reiche Holzarchitektur ist ferner besonders ausgezeichnet das 
gleichzeitig mit dem Braun'schen entstandene Haus Pergamentergasse 2, 
(Fig. 220 und 221), welches dem Küfer Kaspar Kuen gehörte. Aus gewissen 
Anhaltspunkten kann man schliessen, das dieser Bau ursprünglich noch 




Fig. 217. Kammerzell'sches (Braun'sches) 




Fig. 216. Kammerzell'sches (Braun'sches; Haus). Fig. 218. Kammerzell'sches (Braun'sches) 

Langenschnitt. Haus. Grundriss des I. Obergeschosses. 



viel mehr Skulpturen, namentlich an Figuren, aufwies, die später aus unbe- 
kannten Gründen entfernt worden sind. Schliesslich sei noch auf die 
schönen Holzschnitzereien an dem Erker des Hauses Schneidergraben 3 
aufmerksam gemacht (Fig. 219). 

Bekannt durch seine malerische Wirkung ist auch der Hof und das 
Hintergebäude des alten Wirthshauses zum Rahen (Schiffleutstaden 1), wo 
früher die hochgestellten Personen, welche Strassburg besuchten, abzu- 
steigen pflegten (Fig. 66 und 67). Unter Andern haben hier der schwedische 
Kanzler Oxenstiern (1634), Marschall Turenne (1647) und incognito König 
Friedrich der Grosse (1740) gewohnt. 



und der Renaissance. 



311 



Mehr historisch als architek- 
tonisch bemerkenswert!! war der 
1891 abgerissene Drachenhof am 
Nikolausstaden, an dessen Stelle 
sich heute das neue Schulhaus 
erhebt. Er gehörte im 16. und 
17. Jahrhundert den Markgrafen 
von Baden und diente u. A. 1681 
dem König Ludwig XIV. als Ab- 
steigequartier (Fig. 222). 

Ueber die im Zeitalter der 
Renaissance sehr beliebte Fassa- 
denmalerei wird im folgenden 
Kapitel gehandelt werden. 

Auf die Frage, wem die 
Strassburger Holzarchitektur der 
Renaissanceperiode ihren Auf- 
schwung und ihre reiche Durch- 
bildung verdankt, können wir 
noch keine sichere und befriedi- 
gende Auskunft ertheilen. Ver- 
muthlich hat Hans Schoch, dem 
ja als Zimmermann der Fach- 
werkbau besonders vertraut sein 
musste, auch auf diesem Gebiet 
bahnbrechend gewirkt. Darauf 
scheint schon der Umstand zu 
deuten, dass ihm die Schreiner 
Jakob Guckeisen und Hans Ebel- 
mann ihr im Jahre 1598 bei Johann 
Büchsenmacher in Köln heraus- 
gegebenes „Seilenbuch", eine 
populäre Anleitung zur Kenntniss 
der Säulenordnungen auf Grund 

des Vitruv, aus besonderer 
Werthschätzung und Dankbar- 
keit widmeten. Jedenfalls haben 
sich Guckeisen und Ebelmann 
selber durch Herausgabe des ge- 
nannten Werks sowie einer 
zweiten als „Schweyfbuch" be- 
zeichneten Vorlagensammlung 
um die Hebung der Schreinerkunst in Strassburg sehr verdient gemacht. 
Der begabteste und einflussreichste Mann in der Strassburger Zimmerleut- 
zunft war aber, wie mir scheint, neben Schoch der Stadtschreiner Veit 
Eck. Er veröffentlichte 1596 mit Hülfe Guckeisen's eine hochinteressante 




Fig\ 219. Erker Schneidergraben 3, gez. von A. Koerttge. 



312 



Die Profanbauten des Mittelalters 



Sammlung von 25 Kupfertafeln, deren Inhalt und Zweck aus dem etwas um- 
ständlichen Titel ersichtlich ist: „Etliche architectischer Portalen, Epitapien, 
Caminen und Schweyffen allen Steinmetzen und Schreinern auch andern 




Fig. 220. Pergamentergasse 2 (1589), gez. von A. Koerttge. 



diser Kunst liebenden an tag gebracht durch Veit Ecken der Statt Strassburg 
bestalten und Jacob Guckeisen beide schreiner und burger daselbst/' 1 ) Wie 

i) Die drei genannten Werke sind heute äusserst selten; die einzigen vollständigen Exemplare 
besitzt meines Wissens die Königliche Bibliothek zu Stuttgart in einem Sammelbande, welcher ausser- 
dem noch die ähnlichen Arbeiten des GEORG HAS in Wien und des G. KRAMER in Zürich enthält. 



und der Renaissance. 



in der Vorrede des Werks berichtet wird, entschloss 
sich Eck zur Veröffentlichung dieser ursprüng- 
lich für seinen Privatgebrauch bestimmten Zeich- 
nungen auf Zureden zahlreicher Fachgenossen und 
Kunstfreunde. Aus den Tafeln geht schon zur Ge- 
nüge hervor, dass Eck ein tüchtiger Künstler und 
gediegener Kenner der Renaissanceformen war; 
wir wissen aber auch, dass seine Zeitgenossen grosse 
Stücke auf ihn hielten. Aus Ueberlingen am Boden- 
see gebürtig, war er nach Strassburg gekommen, wo 
er 1579 oder 1580 das Amt des Stadtschreiners er- 
hielt. In dieser Eigenschaft hatte er u. A. 1585 ein 




Fig. 



Das ehemal. Drachenschloss am Nikolausstaden. 
(1891 abgerissen). 



Gemach im „Neuen Bau' 1 zu täfeln, wofür er 120 Pfund 
an Lohn erhielt. Er muss schon damals ziemlich 
bei Jahren gewesen sein; denn 1589 lehnte er den 
Antrag, Arbeiten für den Schlossbau in Gottesau 
zu liefern, unter Berufung auf sein Alter ab. Ein 
sehr schönes Zeugniss stellten ihm die Bauherren 
im Dezember 1587 aus, als er um Besserung seines 
Gehalts bat. Sie befürworteten sein Gesuch bei 
den Herren Fünfzehnern sehr warm, „rühmen ihn 
seines Fleiss und Treue, so man bisher an ihm 
gespürt und im Werk befunden; wünschten, dass 
andere der Stadt Werkleut also gesinnet wären, so 
getreu, redlich und fleissig als er, würde die Stadt 
jährlich ein merklichs hatten. Mangle ihm nichts, denn dass er sich nicht 
hoch hervorthun und viel Geschwätz machen kann." Die Gehaltserhöhung 



Fig. 221. Pergamentergasse 2 
Ecke des Hauses, gez. von A 
Koerttge. 



314 Dte Profanbauten des Mittelalters und der Renaissance. 



wurde ihm darauf gewährt, jedoch insgeheim, „damit ein nachkommender, 
etwa sobald ein simpler (Stümper), nicht gleich ein so stattliche Besoldung 
haben wollte." Veit Eck starb im Jahre 1604. 

Endlich dürfen wir nicht vergessen, an dieser Stelle des schon mehr- 
fach erwähnten Malers Wendel Dietterlin zu gedenken, dessen 1593—1594 
erschienenes Buch „von der Architeetura" grosse Verbreitung erlangte und 
wiederholt neue Auflagen erlebte. (Vergl. oben S. 111.) Gleichwohl scheinen 
in Strassburg zunächst die noch in ruhigeren, einfacheren Formen gehaltenen 
Vorbilder eines Eck und Guckeisen mehr Anklang gefunden zu haben als 
die phantastischen, überladenen, schon stark barocken Entwürfe Dietterlin's. 




Fig. 2L'3. Das alte Siegel der Stadt Strassburg. (Original 
96 mm Durehmesser.) 



Fig. 224. Wandmalerei am Frauenhaus. 

VIII. ABSCHNITT. 

BEMALTE HAUSFASSADEN. 

Von 

A. Schricker. 



Die Stätte diesseits der Alpen, in welcher die Fassadenmalerei vom 
15. Jahrhundert an ihre höchste Ausbildung erreichte, ist das Gebiet 
von dort ab, wo der Rhein den Bodensee verlässt, bis er in der grossen 
Krümme von Basel sich nach Norden wendet. Wir erinnern an das von 
Hans Holbein bemalte Haus „zum Tanz u in Basel, an das Rathhaus, an 
das Zunfthaus der Schmiede daselbst, an die beiden Gasthäuser in Stein 
am Rhein, an das von Tobias Stimmer bemalte Haus „zum Ritter" in 
Schaffhausen. 

Bei den vielfachen geistigen, künstlerischen und kommerziellen Bezieh- 
ungen, in denen Strassburg mit dem bezeichneten Gebiete und insbesondere 
mit Basel stand, darf angenommen werden, dass die Anregungen zur 
künstlerischen Bemalung der Häuser rheinabwärts gekommen sind. 

Wenn sich die Wandmalerei nicht auf das Hauszeichen, den Namen 
oder einen Spruch beschränkte, hatte sie, abgesehen von der Aufgabe, das 
Haus zu schmücken, die ihr innen zukam, diejenige, die struktiven Glieder 
des Hauses, Absätze, Thür- und Fensteröffnungen hervorzuheben, oder die 
Struktur des ganzen Gebäudes unter einer fingirten Architektur verschwinden 
zu lassen. 

# 

In Strassburg ist leider von den Wandmalereien, welche die Häuser 
am Ausgang des Mittelalters, im 16. Jahrhundert und später bedeckten, 
wenig übrig geblieben. Wir haben Anhaltspunkte, dass dieser Schmuck 



316 



Bemalte Hausfassaden. 



einst sehr oft angewandt wurde und bestimmend für das Aussehen der 
Stadt gewesen sei. 

Ein genauer Kenner des Stadtwesens und vorsichtiger Beschreiber 
wie der Bürgermeister J. F. Hermann führt an, 1 ) dass die Reisenden des 
sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts einhellig die Schönheit Strass- 
burgs gerühmt haben. 2 ) Ein französischer Gesandter, Italiener von Geburt, 
nannte die Stadt molto hello und Bertius schreibt: acgre avellimur a cou- 
siderotione urbis omnium pulcherrimoc. „Diese Reisenden", fährt Hermann 
fort, „Avaren wahrscheinlich nicht unangenehm berührt durch die Enge der 
Strassen, weil sie dies aus anderen Städten her gewohnt waren, sie freuten 
sich aber zweifelsohne an den Fassadenmalereien und den Holzskulpturen, 
die künstlerisch ausgeführt und in manchen Fällen auch vergoldet waren". 

Geiler von Kaisersberg, der berühmte Strassburger Prediger, dessen 
Bedeutung darin bestand, dass er aus dem zeitgenössischen Leben schöpfte 
und Fehler und Schwächen seiner Zeit, oder das, was er dafür hielt, mit 
zutreffenden Worten schilderte, liefert einen weiteren Beleg für unsere 
Annahme in seinen Predigten über das Narrenschiff. 3 ) 

In der Predigt am Samstag nach Reminiscere „Von den Bauw-Narren" 
heisst es: „Die fünft Schell ist lustig buwen. Du wilt hon ein lustig Huss, 
darin dein gesicht erlustiget wird. Es ist gemalet ussen und innen mit 
nackenden Bilden ussen Schilt und Helm .... darum Bruder biss (sei) nit 
also ein Narr dass .... du wollest zieren die stein, die zu nüt (nichts) 
werden, aber die Armen, die Stein des hymelischen Jerusalem, wollest gel, 
bleich und ungestalt lassen." 

Dass diese Lust an der farbigen Pracht der Wände nicht nur die 
Laienwelt, sondern auch die Geistlichkeit ergriffen hatte, geht hervor aus 
der Stelle der „sibenten Schell", wo er von der Geistlichen Häuser sagt: 
„seint kostlich aufgebuwen als die pallast, und die Kirchen fallen schier 
nieder, es regnet an allen Orten darein. Als die Klosterleut thun auch 
also (muros erigunt, mores negligunt); Ire cellen seint ussgestrichen als 
wer es ein paradyss". 

Den Anfang der Gewerbslaubenstrasse bildet ein aus der Dominikaner- 
gasse vorspringendes Haus Nr. 41, ehedem „zu dem alten Barre" genannt, 
in welchem im Allmendbuch 1587 verzeichnet wird: Christoph Braun, 
Glasmaler, gegen der Kürsenerstub über, am Eck des Predigergesselins". 4 ) 
Die Protokolle der Herren Fünfzehner 5 ) geben uns Einblick in einen Streit 
zwischen diesem Braun und der Malerzunft. Braun hatte im Sommer 1583 
angefangen mit seinem Lehrjungen, der „das Flachmalen bei Tobias Stimmer 
gelernt" sein Haus selbst zu bemalen und Daniel Specklin, der berühmte 
Baumeister, hatte versprochen, „ihm schöne Historias zuzustellen, so zu 

J ) Notices historiques, statistiques et litteraires sur la ville de Strasbourg, I. 1817. 

2 ) „La plus belle ville qui soit sur le Rhin est Strasbourg", schreibt BURNET, der Bischof 
von Salisbury, in seiner bekannten „Voyage de Suisse, d'Italie etc.", 1718, p. 452. 

3 ) Des hochwürdigen Doktor Keiserspergs narenschiff, Strassburg, Johann Grieninger 1520, F. 47 ff. 

4 ) SEYBOTH, das alte Strassburg, 40, 41. 

5 ) Stadtarchiv, Mittheilung des Herrn Stadtarchivars Winckelmann. 



Bemalte Hausfassaden. 



317 



mehrer Zier dienen". Die Malerzunft hatte dagegen Einspruch erhoben. 
Das Ergebniss war, dass dem Braun unter bestimmten Bedingungen 
gestattet wurde, sein Haus „zierlich anzustreichen". 

Schräg gegenüber zeigte das Haus Alter Kornmarkt 16 (heute Bier- 
wirthschaft Piton) eine bemalte Fassade und das anstossende Haus Nr. 18 
(heute Taverne Alsacienne) trug zwei Hauszeichen. In einem seltenen 
Buch „New-Parlement" l ) finden wir folgendes Gespräch : 

„Weist du wo der Kornmarkt ist? 

Ja Herr, gegen der erbislaub über. 

Auf der andern seiten gemeldten Marks wirstd' ein grosses gemaltes 
Haus sehen und neben demselben ein anderes eckhaus, daran ein Bär und 
eine lucerne gemahlet, da ist die Ammeisterstube". 

Am Ende der Gewerbslauben stand rechts die alte Pfalz und keil- 
artig inmitten des Platzes die Münze, während jenseits des Gärtners- 
marktes (Gutenbergplatz) der Neue Bau 
(heute Hötel du Commerce) sich erhob. 
(Vergl. Fig. 152.) 

Die Münze hatte skulpturalen Schmuck. 
Es war das Bild des Ritters und des Todes 
an der Uhr. 2 ) 

Die alte Pfalz und die neue Pfalz 
waren bemalt; letztere sicher, die alte Pfalz 
wahrscheinlich durch Wendel Dietterlin. 

K. Ohnesorge 3 ) bringt die Nachweise, 
dass am 4. August 1589 das „Maalwerk 
am Neu wen Bau noch nicht vollends ge- 
fertigt" gewesen sei, dass es von Wendel 
Dietterlin ausgeführt wurde, und dass dieser 
hierfür die Summe von 134 Pfund erhielt, 
wobei dahin gestellt bleibt, ob in dieser 
Summe nur die Fassadendekoration oder auch die Innenmalerei inbegriffen 
gewesen seien. Ohnesorge vermuthet, dass sich die Worte einer späteren 
Eingabe des Dietterlin, worin er verspricht, „die Arbeit, so er meinen 
Herren zu fertigen, auch zu befürdern", sich auf die alte Pfalz beziehen. 
Der Chronist Sebald Büheler 4 ) gibt zu 1589 an: „Man hat auch die Pfalz 
üsswendig umher molen und üssstreichen lassen, wie sie dann zu sehen 
ist". Von 1590 berichtet er „die klein Rathstub verendert; „das Fundament 
gar tief ersucht", auf der Stelle da „vor der Zeit .... St. Martins Kirchhoff 
gewessen". „Also hat man wieder aus dem grund herüss und dem andern 



J ) New-Parlament oder hundert kurtzweilige doch nutzliche Gespräch französisch und deutsch etc. 
verfertigt durch Danielem Martinum, französischen Sprachmeistern Strassburg, Eberhard Zetzner's 
Erben, 1660, p. 167. 

2 ) Abbildung. Le Mirliton Nr. 7, 1. Juli 1884. 

3 ) Wendel Dietterlin, Maler von Strassburg. Beiträge zur Kunstgeschichte. Neue Folge XXI. 
Leipzig. Seemann, p. 13 ff. 

4 ) L. DACHEUX, La chronique strasbourgeoise de SEBALD BÜHELER. Strasbourg, R. Schultz 
et Comp., 1887. 




318 



Bemalte Hausfassaden. 



gibel gleich uffgebauen dem Fischmarkt zu und denselben gibel auch 
molen lassen". 

Die Malerei der neuen Pfalz bestand, soweit sich dieselbe aus 
späteren Ornamenten erkennen lässt, in Ornamenten unter den Fenster- 
bänken und einem durchlaufenden Fries am Dachgesims. Falls wir — 
wie anzunehmen — aus der Abbildung bei Weiss 1 ) (Fig. 225) auf die 
alten Malereien schliessen dürfen, bestanden diese Ornamente in zwei 
Putten, die je ein Schildlein halten, letzteres vielleicht mit den Wappen der 
Geschlechter und Zünfte, und Rankenwerk. 

Zu welcher Zeit und in welcher Art die Malerei zerstört worden ist, 
lässt sich nicht feststellen. 

Vom Gutenbergplatz aus den alten Fischmarkt hinunterschreitend 
stellt sich uns das Haus Nr. 5 in den Weg. Es trug das Bild des Römers 
Curtius, der sich in den Abgrund stürzt, um die Vaterstadt zu retten. 2 ) 
Die Anregung zu dieser Darstellung kam zweifelsohne von der im Eingang 
schon angeführten hoch berühmten Schilderei des Tobias Stimmer am 
Haus „zum Ritter" in Schaffhausen. 

Dass die Neigung, die Häuser zu bemalen, bis in das vorige Jahr- 
hundert herein in Strassburg lebendig blieb, zeigt die (leider sehr allgemein 
gefasste) Bemerkung des Bürgermeisters J. F. Hermann in seinen „Notices" 3 ) 
über ein „gans bemaltes grosses Haus moderner Konstruktion nahe der 
grossen Metzig", das man (noch in seinen Tagen um 1817) „mit Vergnügen sah". 

Ausserhalb dieses Hauptstrassenzuges, den wir eben durchwanderten, 
linden wir in dem Stadttheile illaufwärts in der Chronik des SebaldBüheler 4 ) 
zum Jahre 1570 verzeichnet, dass die Wittwe des Diebold Argen, eine 
geborene von Dunzenheim mit Tod abgegangen sei „in dem schön grossen 
gemalten liiiss mit dem grossen Thor, fast mitten in der Schildsgasse". 

Ueber die Marbachbrücke am Hospital St. Mark (Gestütsgasse 2) 
1529 gestiftet, sieht man nach dem Garten zu an der Aussenwand Reste 
alter Gemälde. Es ist noch das Stadtwappen zu erkennen". 5 ) 

In dem Jahre 1576, als das von dem Dichter Fischart und dem Maler 
Tobias Stimmer verherrlichte grosse Freischiessen gehalten wurde, Hess 
Samuel Vogelmann, der Bader, das aus alter Zeit stammende Speyer Bad 
(Alter Weinmarkt 15) neu erbauen. Was Wunder, wenn er das, was alle 
Gemüther erfüllte, an seinem Hause in Reim und Bild geschildert haben will. 

„In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war noch die 
ganze Aussenseite des Hauses mit Scenen aus dieser Geschichte bemalt". G ) 

Das im Volksmund heute unter dem Namen „ Raspelhaus " bekannte 
ßezirksgefängniss (Schlachthausplatz 1), das ehemalige Johanniter-Haus 



l ) Repräsentation des fetes donnöes par la ville de Strasbourg.... par J. M. Weiss, graveur de 
la ville n° 6. 

-) Abbildung bei SEYBOTH a. a. O., Tafel 18. 

3 ) a. a. O. I. 287. 

*) L. DACHEUX a. a. O. 

6 ) KRAUS, Kunst und Alterthum in E.-L., I. 551. 

,; ) STÖBER, AUG. Elsässisches Sagenbuch, Strassburg, Schuler 1842, pag. 585 und SCHNEE- 
GANS, Strassburger Geschichten, Sagen elc, Strassburg, Dambach 1855, p. 206. 



Bemalte Hausfassaden. 



319 



zum grünen Wörther, hielt einen „Neubau mit gemalter Fassade". 1 ) Einige 
bemalte Stücke des sechzehnten Jahrhunderts — wir lassen dahingestellt 
ob von 1547 — sind an der Thoreinfahrt gegenüber der Wache erhalten. Die 
Fenstereinfassungen an der Vorderseite sind später übermalt und verdorben. 

Illabwärts, und zwar am rechten Ufer, in der Krutenau haben wir 
zu erwähnen das Haus der Biersiederei „zum Riesen", welches an der 
Stelle der heutigen Tabakmanufaktur stand, und auf der Hausthüre das 
Datum 1673 trug. 2 ) Eine Abbildung des Kampfes zwischen Goliath und 
David sammt den Reimen finden wir im „Mirliton" vom 1. November 1884. 




Fig. 226. Hof-Fassade des Frauenhauses. 



In der Umgebung des Münsters lassen sich drei bemalte Häuser 
nachweisen. Erstens das sogenannte Kammerzell'sche Haus (vergl. Fig. 214, 
215) — ein mit reichen Skulpturen ausgestatteter Fachwerkbau — dessen 
Mauerwerk eine Uebermalung trug, die wohl dem Datum angehört, das an 
der Aussenseite des Hauses angegeben ist: 1589. 

Von dem Bruderhof, im Osten an das Münster anstossend, 1575 
vollendet, berichtet Grandidier : 3 ) „Die Mauern sind geschmückt mit 
schönen Figuren al fresco gemalt durch einen Namens Bartholomäus 4 ) 
Dietterlin, der damals in Strassburg die Malerkunst mit Erfolg übte. Diese 

J ) SEYBOTH a. a. O. 282. 

2 ) SEYBOTH a. a. O. 214. 7. 

3 ) GRANDIDIER, Ess. hist. et topogr. sur i'eglise cath<?drale de Strasbourg-, 1782, S. 392. 

4 ) OHNESORGE a. a. O., p. 6. betont mit Recht: „dass hier der Vorname Bartheiemi nur auf 
einem Versehen beruht, und dass GRANDIDIER nur Wendel gemeint hat, beweist die ausdrückliche 
Betonung der Gleichzeitigkeil der Malerei mit dem Bau. Ein Bartholomäus Dietterlin ist erst 1609 
geboren". 



320 



Bemalte Hausfassaden. 



Figuren stellten mehrere Vorgänge der heiligen Geschichte dar, und einige 
derselben waren auch in dem alten Jesuitenkolleg sichtbar. 1 ) Piton 
giebt an, dass diese Malereien „en grisaille" gewesen seien. 

Vom „Frauenhaus" kommt für uns in Betracht die Fassade des West- 
flügels und die nach Osten schauende Seite desselben, die vom Hof aus be- 
trachtet werden muss. 

Bei Piton finden wir die Angabe : „Wendel Dietterlin hat die Fassade 
gemalt". 2 ) Gründe, an dieser Strassburger Tradition zu zweifeln, sind nicht 
vorhanden. Ohnesorge findet, dass „Form und Stoff der Malereien gar 
nicht gegen Dietterlin sprechen", ja ein Pilaster des ersten Stockes auf nahe 
Beziehungen zu dem Herausgeber der „Architektura" hinweist. 3 ) Ist auch, 
wie Seyboth 4 ) annimmt und wie es wahrscheinlich ist, die Innenmalerei 
von Dietterlin, so gewähren uns diese verhältnissmässig gut erhaltenen 
Stücke das Mittel, vor dem geistigen Auge die Fresken der Fassaden an 
der Hand der erhaltenen Durchpausungen 5 ) Wiederaufleben zu lassen. An 
der Fassade gegen den Schlossplatz (Fig. 227) läuft über den Fenstern 
des Erdgeschosses ein Fries, in dessen Mitte Christus nach der rechten 
Seite einen Lorbeerzweig, nach der andern wie abwehrend die Hand aus- 
streckt. Rechts die Vertreter der guten Werke (Fig. 224, 227), links die 
Uebelthäter, Pharisäer und Heuchler. Die auf die Bilderreihe bezüglichen 
Bibelstellen sind mit lateinischen Majuskeln angegeben. Die beiden drei- 
theiligen Seitenfenster bekrönt ein gemalter Abschluss. 

Ueber der Fensterreihe des ersten Stockes sehen wir die Malerei, wie 
wir aus den Durchpausungen schliessen dürfen, so angeordnet, dass die 
beiden dreitheiligen Fenster an den Flanken mit einem Spitzgiebcl abge- 
schlossen, die beiden Mittelfenster mit einem geschweiften und durch- 
schnittenen Bogen. An einer der breiteren Stützen zwischen den Fenster- 
Systemen sehen wir einen gemalten Pilaster. In ähnlicher Weise wird 
über der Fensterreihe des zweiten Stockes das Stück eines gemalten 
Karnieses sichtbar, darunter ein Kopf, an den offenbar eine Gestalt 
anschloss. 

Bei der Hof-Fassade erblickt man an der Wand des ersten Stockes 
(über dem von gothischem Bogenwerk getragenen Söller) (Fig. 226) 
eine Scheinarchitektur in einer Mischung von Elementen der Gothik und 
Renaissance durchgeführt. In dem Aufsatz, der über dem ersten Stock 
folgt, werden in den beiden Seitenfüllungen Reste gemalter Bogen sichtbar. 

Ohnesorge bemerkt hierzu: 6 ) „Man muss wissen, dass dieser kleine 
Hof auf seiner andern Seite von einem älteren gothischen Hause begrenzt 
wird, dass in ihn eine niedrige Mauer ganz nahe Erwins Münster herein- 
schaut, um zu verstehen, mit wie feinem Sinne der Maler gehandelt hat, 



1 ) Das alte Jesuitenkolleg existirtc von 1684—1769. 

2 ) PITON, Strasbourg illustre\ p. 131. 

3 ) a. a. O , p. 54. 

4 ) a. a. O. 153, 3. 

6 ) Unter Dombaumeister Klotz (1S39— 1879) hergestellt und im Frauenhause verwahrt. 
,; ) a. a. O., p. 54. 



Bemalte Hausfassaden. 



321 



wenn er durch Einmischung von spitzen Bogen in seine architektonische 
Füllung der von den Fenstern freigelassenen Flächen versuchte, das 
Renaissancehaus dieser gothischen Grundstimmung anzupassen". 





Fig. 227. Fassade des Westflügels am Frauenhause. 



Wir haben versucht, das festzulegen, was uns über bemalte Fassaden 
in Strassburg bekannt ist. Für fünfzehn Häuser war uns dies möglich, 
wahrscheinlich wird uns, wie es die Natur der Sache mit sich bringt, noch 
Manches entgangen sein. Aber aus unserer Darlegung geht schon mit 
Sicherheit hervor, dass die Farbenfreude, welche die Städte vom Ausgang 
des Mittelalters ab verschönte, auch in Strassburg lebendig war. 



21 



IX. ABSCHNITT. 

DIE BAUTHÄTIGKEIT VOM ANFANG DES 17. JAHR- 
HUNDERTS BIS 1870. 

Von 

Stadtbaurath Ott. 




Fig. 228. Ehemaliges Weissthurmthor. 




Fig. 229. Ehemaliges Kronenburgerthor. 



Die hervorragende 
politische Stellung der 
Stadt Strassburg im Zeit- 
alter der Reformation , 
der Wohlstand und das 
Selbstgefühl der Bürger- 
schaft in dieser Glanzzeit 
der Stadt hatten an den 
öffentlichen und privaten 
Bauten der Renaissance 
auch ihren äusseren Aus- 
druck gefunden. 

Mit der ungünstigen 
Wendung der protestan- 
tischen Sache am An- 
fange des 17. Jahrhun- 
derts und mit der seit- 
dem wachsenden Un- 
sicherheit der politischen 
Lage der Stadt hatte die 
Bauthätigkeit für ein 
Jahrhundert fast völlig 
aufgehört, so dass aus 
der ganzen Zeit von 1620 
bis 1710 keine erhebliche 
Neu- oder Umbauten be- 
kannt sind. Nur auf dem 
Gebiete des Festungs- 
Bauwesens scheint in 
Folge der kriegerischen 
Zeitläufte einige Thätig- 
keit geherrscht zu haben. 

Der dreissigj ährige 
Krieg hat die Hilfsquellen 
der Stadt und den Handel 
wie den Wohlstand ihrer 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



323 



Bewohner derartig nachhaltig beeinträchtigt, dass auch, als nach der 
Besitzergreifung durch Ludwig XIV. wieder Sicherheit nach Aussen und 
Ruhe im Innern der Stadt 
eingetreten waren, von 
einem Wiederaufleben 
der Bauthätigkeit, ab- 
gesehen von dem Vau- 
ban'schen Festungsbau, 
noch keine Rede war. 
Fig. 229 zeigt das aus 
dieser Zeit stammende 
bei der Beschies- 
sung von 1870 völlig 
zerstörte Kronen- 

burgerthor. 1 "' 

Erst 1711 wurde 
der erste grosse 

Neubau, die Kaserne im Kageneckerbruch begonnen, welchem 1730 die 
Fischerthor-, 1740 die Judenthor-, 1756 die Artillerie- und 1784 die Nikolaus- 




Fig. 230. Ehemaliges Wachthaus am Judenthor. 




Fig. 231. Das Bürgerspital, gez. von A. Koerttge. 

kaserne folgten. Diese stattlichen Bauten sind noch heute erhalten, wäh- 
rend die 1760 erbaute Finkmattkaserne, wo 1836 der verunglückte Putsch 

21* 



324 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Napoleons III. stattgefunden hat, vor 4 Jahren niedergelegt worden ist. 
Sämmtliche Kasernen sind auf städtische Kosten erbaut worden. 

Die in den Jahren 1755—1778 an den 7 Stadtthoren errichteten, theil- 
weise architektonisch durchgebildeten Wachthäuser, sind leider bei der 
Stadterweiterung von 1876 verschwunden. Vorstehende Zeichnung des 
Wachthauses am Judenthore ist nach einer Photographie von Bauresten 
hergestellt worden. 

Besonders bemerkenswerth war das von dem Stadtbaumeister Boud- 
hors nach toskanischer Ordnung ausgeführte Wachthaus am Weissthurmthore. 




Fig. 232. Grundriss des Bürgerspitals. Erdgeschoss. 
1. Medicinische Poliklinik, Klinik für Ohren- und Zahnkrankheiten. 2. Tagesraum für Pfründner. 
3. Wirthschaftsraum. 4. Speisekammer. 5. Wäschedepot. 6. Sakristei. 7. Taufkapelle. 8. Protestan- 
tischer Betsaal. 9. Zimmer des Arztes. 10. Untersuchungszimmer. 11. Schwesterzimmer. 12. Flick- 
zimmer. 13. Schneider- und Schusterwerkstätte. 14. Krankensäle. 15. Brod- und Weinstube. 16. Kleine 
Küche. 17. Grosse Küche. 18. Esssaal. 19. Isolirzimmer. 20. Einfahrt. 21. Kath. Kirche. 22. Sakristei. 
23. Wirthschaftshof. 24. Terrasse. 




Fig. 233. Grundriss des Bürgerspitals. I. Stock. 
1. Wohnung des Dieners der medicinischen Poliklinik. 2. Wohnung des Sakristans. 3. Schlaf- 
säle für Pfründner. 4. Wärter. 5. Krankensaal. 6. Esszimmer der Schwestern. 7. Hörsaal der medi- 
cinischen Klinik. 8. Laboratorien. 9. Assistentenwohnzimmer. 10. Isolirzimmer. 11. Directorzimmer. 
12. Untersuchungszimmer. 13. Bad. 

Der erste grosse städtische Bau nach langer Zeit war in den Jahren 
1718—1724 die Wiederherstellung des niedergebrannten Bürger spitales 
nach den Plänen Mollinger's. 

Es ist das noch heute benutzte stattliche Gebäude, aus Erdgeschoss, 
zwei Stockwerken und Mansardstock bestehend, mit breiten Treppen, guter 
Beleuchtung und Lüftung. 

Diesem Gebäude zu Liebe ist 1880—1882 der Festungswall hinaus- 
geschoben worden, um dem Spitale die klinischen Neubauten der Uni- 
versität angliedern zu können. 

Den Hauptanstoss zu der grossartigen Bauthätigkeit, welche in Strass- 
burg mit der Lebenszeit Ludwig XV. (1715—1774) zusammenfällt, gab vor 
Allem die mit den einziehenden Franzosen zurückgekehrte hohe katholische 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



325 



Geistlichkeit. Während vorher nur etwa 1500 Katholiken, welche noch 
dazu von allen öffentlichen Aemtern ausgeschlossen waren, in der Stadt 
wohnten, wurden alsbald die Kathedrale und einige der anderen Kirchen, 
zum Theil nur der Chor derselben dem Katholischen Kultus zurückgegeben 
und eine Anzahl Klöster gegründet. Eines der erfolgreichsten Mittel, um 
den wiedereingeführten Katholischen Kultus in den Augen der Bevölkerung 
mit Ansehen und Glanz zu umgeben, war die Verlegung der Residenz des 
Kardinal-Bischofs von Strassburg, Armand Gaston de Rohan Soubise, aus 
dem am Fusse der Vogesen reizend gelegenen Zaberner Schloss nach 
Strassburg. Im Jahre 1728 
wurde auf einem zu der alten 
bischöflichen Pfalz gehörigen 
Grundstück zwischen der Ka- 
thedrale und der III mit dem 
Bau des bischöflichen Schlosses 
begonnen, welches 1742 mit 
der Herstellung der balustra- 
den - geschmückten und mit 
schönen Gittern abgeschlos- 
senen Terrasse gegen die III 
beendet worden ist. 

Nach dem genannten Kar- 
dinal-Bischof haben noch drei 
weitere Rohans in dem pracht- 
voll ausgestatteten Schlosse 
residirt, bis der aus der 
Halsbandgeschichte bekannte 
Louis Rene de Rohan vor den 
Stürmen der grossen Revolu- 
tion entweichen musste. Sie 
haben es verstanden, nicht 
allein ihrem Könige als gute 
Patrioten zu dienen, sondern 
auch gelegentlich als deutsche 
Reichsfürsten aufzutreten, die 
verbrieften Rechte der Bevölkerung gegenüber dem Hofe zu wahren, und 
so das Vertrauen der Städte, der Ritterschaft und des Klerus des Elsasses 
zu gewinnen. 

Ihre glanzvolle Hofhaltung und grossartige Gastfreundschaft ver- 
anlassten nicht allein viele der edlen elsässischen Geschlechter sowie Aebte 
und Aebtissinnen der reichen Stifter und Klöster des Landes sich Ab- 
steigequartiere in Strassburg zu erbauen, sondern auch Prälaten aus vor- 
nehmen rechtsrheinischen Familien, welche als Domkapitulare reiche Ein- 
künfte bezogen und selbst Fürsten des Reiches, welche zu Zeiten des 
ersten Rheinbundes französische Regimenter befehligten, zogen nach 
Strassburg und errichteten stattliche Häuser und Hotels. 




Fig. 234. Gouvernement (1725 für das Domkapitel 
umgebaut), gez. von A. Koerttge. 



326 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Das Beispiel der Vornehmen, die wachsende Bevölkerung und der 
zunehmende Wohlstand erregte auch die Baulust der reich gewordenen 




ULi-tLL'' l l *J " !' » \ 3 * 6 » g M Mefer 

Fig. 235. Das ehemalige bischöfliche Schloss (Palais 6piscopal). Facsimile des Original-Grundrisses. 

Erdgeschoss. 

Kaufleute und Handwerker, und so entwickelte sich in der zweiten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts eine bis dahin beispiellose Bauthätigkeit. In dieser 
Zeit sind von den 3600 Häusern der Stadt nicht weniger als 1550 neu 
errichtet oder umgebaut worden und man kann wohl sagen, dass die 



328 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Bauten im Stile Ludwigs XV., welche in allen Strassen der Stadt zu finden 
sind, ihr noch heute das charakteristische Gepräge verleihen, zur Ent- 




Fig. 237. Schloss. Eingang im Hof. 



täuschung derjenigen, welche in Strassburg eine mittelalterliche Stadt zu 
finden erwarten. 

Freilich wird auch kaum eine andere Zeitepoche rücksichtsloser mit 
den als barbarisch missachteten Bauten der früheren Zeit umgegangen 



330 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



sein. Vielfach sind übrigens die mittelalterlichen Häuser im Innern erhalten 
geblieben und haben nur Fassaden den neuen Stil erhalten, so dass oft die 
Stockwerkshöhen mit den Fenstertheilungen nicht stimmen wollen. 

Besonders kennzeichnend für den neuen Stil ist die Ausführung, 
wenigstens der besseren Häuser, als reine Werksteinbauten mit sorgfältigem 




Fig. 239. Schloss. Einfahrt von der Münsterseite. 



Fugenschnitt, während in der früheren Zeit bei Privatleuten höchstens das 
Erdgeschoss massiv war, die oberen Stockwerke aber aus ausgemauertem 
Fachwerk bestanden, und die öffentlichen Gebäude vielfach als Putzbauten 
mit sparsamer Verwendung von Hausteinen ausgeführt worden sind. 

Im Allgemeinen kann man von den Strassburger Bauten des 18. Jahr- 
hunderts rühmen, dass sie in edler Einfachheit hergestellt sind und mehr 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



331 















t/T" • 







durch abwechslungsvolle V ertheilung der Baumassen und grosse Verhält- 
nisse wirken wollen, als durch reichen Schmuck. Die Sockel sind glatt 
gequadert mit 
einfachem profil- 
losem Absatz, die 
Stockgurte als 
breite wenig aus- 
ladende Bänder 
mit schmalem 
Ueber- und Un- 
tergliede , die 
Hauptgesimse 
reicher gebildet, 
ihre Unterglie- 
der mit den Eck- 
lisenen ver- 
kröpft , deren 
kräftig schar- 
rirte Quader 
durch breite Fu- 
gen getrennt 
sind. 

Die mit Kreis-, 
Korb-, flachen 
Stichbogen oder 
mit geraden 
Stürzen über- 
deckten Fenster 
zeigen bei meist 
schönen grossen 

Verhältnissen 
glatte und ein- 
fach profilirte 
Umrahmungen, 
und sind mit rei- 
zend geschmie- 
deten Brüstungs- 
gittern versehen. 
Die oft vorzüg- 
lichen Skulp- 
turen sind spar- 



sam, aber stets 
in wirksamem 
Massstabe als 




Fig. 240. Schloss. Detail des Einfahrtsthors. 



Schlusssteine, Fensterbank- und Balkonconsolen, als Giebelfüllungen, oder 
neben Eingangsthoren als Trophäen mit schwachem Relief angebracht. 



332 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Verschnörkelte und geschwungene Linien kommen, ausser bei den Dach- 
fenstern der Mansarden, selten vor. Das schöne Motiv über dem Halb- 
kreisbogen einer Thür- oder Fensteröffnung, ein halbkreisförmiges Gesims 
aus einem höheren Mittelpunkte zu führen und den Zwischenraum muschel- 
artig auszubilden, findet sich am Eingangsportal zum Statthalterpalais 
(Fig. 280), an der Iiifront des Schlosses (Fig. 236) und über der Einfahrt 
zum Hotel Marmoutier (Fig. 277). 

Merkwürdiger Weise ist nur bei einzelnen , selbst der hervorragenderen 
Strassburger Bauten in den gleichzeitigen Aufzeichnungen, welche dieselben 
erwähnen, der Name des Architekten genannt, trotzdem die Zahl der fran- 
zösischen Architekten, welche damals nicht allein für Paris und die Pro- 
vinzen, sondern auch vielfach für das Ausland die Pläne für die bedeuten- 
deren Bauten liefer- 
ten, nicht gross ge- 
wesen ist. Fast durch- 
gängig waren es Mit- 
glieder der Akademie, 
deren 1715 nur 22 
lebten. Es mag dieses 
wohl daher kommen, 
dass bei der unge- 
heuren Nachfrage 
nach Plänen in dieser 
baulustigen Zeit die 
Architekten die Aus- 
führung vollständig 
lokalen zuverlässigen 

Bauunternehmern 
und Bauführern über- 

Fig. 241. Schloss. Thürklopfer am Einfahrtsthor, 
aufgenommen und gezeichnet von Walter Eberbach. lassen mUSSten. Die In- 

nendekoration wurde 

ohnedies vielfach den Meistern auf diesem Gebiete übertragen, welche 
wie Oppenorde und Carpentier direkt den Handwerkern mit leichter Hand 
und unerschöpflicher Mannigfaltigkeit die nöthigen Zeichnungen und Details 
angaben, und deren Kunst fast noch höher geschätzt wurde als die der 
Baumeister. 

Nach Lacroix sollen die Pläne zu dem bedeutendsten Bauwerk, dem 
bischöflichen Schlosse, von dem Hofarchitekten Robert de Cotte 1656—1735, 
einem Schüler Mansart's, herrühren. Die Ausführung war dem Archi- 
tekten des Domkapitels, Massol, überlassen. Auch der Hofarchitekt und 
Professor Blondel war in den Jahren 1765—1771 bei Strassburger Bauten 
vielfach beschäftigt, wenn auch nachweislich nur das Aubette-Gebäude 
von ihm entworfen ist. Ferner ist bekannt, dass Architekt Fr. Pinot 1789 
das schöne Haus, Judengasse 27, und Isnard das heutige Cafe Spiegel in 
der Langstrasse und Schlossergasse erbaut hat. Von den übrigen Bauten ist 
der Name des Architekten unbekannt. 





Fig. 242. Schloss. Marstallfenster. 




334 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Die nach alten Plänen gegebenen Grundrisse des Bischöflichen Schlosses, 
der Hotels Zweibrücken und Hanau, derPräfektur und des jetzigen Bischofs- 
palais (Fig. 235, 269, 264, 265, 254, 255, 256, 251 und 252), zeigen, wie die 




Fig. 244. Schloss. Salle du Dais. 



grossen Herren der damaligen Zeit es liebten, ihre Residenz in vornehmer 
Abgeschlossenheit von der Strasse, „entre cour et jardin", zu errichten. 

5 Die Einfahrt von der Strasse her führt durch ein reich ausgebildetes 
Portal mit geschnitztem Thore in einen geräumigen architektonisch durch- 




Fig. 245. Schloss. Kapelle. 



336 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



gebildeten Haupthof, an welchen sich^gut verdeckt, ein oder zwei Seitenhöfe 
für die verschiedenen Zwecke des Hausdienstes, mit Remisen, Stallungen, 
Küchen u. s. f. anschliessen. Bemerkenswerth ist überall die Vermeidung 




längerer Korridore. Die mitgetheilten alten Grundrisse, besonders Fig. 235 u. 
264, gewähren ein anschauliches Bild der Bedürfnisse vornehmer geistlicher 
und weltlicher Hofhaltungen aus der Zeit vor der grossen Revolution. 
Welche Summen von diesen Hofhaltungen in einer immerhin abgelegenen 
Provinzialstadt verschlungen wurden, geht aus den Mittheilungen hervor, 



338 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 




Fig. 249. Schloss. Durchblick durch die Säle des Erdgeschosses an der Iiiseite. 

wonach die Rohans über 1 1 / 2 Millionen Franken, eine nach heutigem Geld- 
werthe weit beträchtlichere Summe, jährliche Einkünfte bezogen, aber 
dabei in steter Geldverlegenheit waren. 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



339 



Die Hauptfassaden der „Hotels" gehen möglichst nach einem Parke 
oder einer aus dem Wasser aufsteigenden Terrasse. So stand die Terrasse 
des Schlosses z. B. dicht an der III, da der jetzt vorliegende Leinpfad erst 
vor wenigen Jahrzehnten angeschüttet worden ist. 

Ebenso waren der 
Hanauer- und der 
Zweibrückerhof durch 
den heute für den Bro- 
glieplatz überwölbten 
Gerbergraben von 
dem früheren Ross- 
markte getrennt. Auch 
die Terrasse der Prä- 
fektur grenzte unmit- 
telbar an den Wall- 
graben. 

Eines der ältesten 
Privatgebäude in dem 
neuen Stile ist das er- 
kergezierte Haus in 
der Blauwolkengasse, 
das heutige Gouver- 
nement, welches um 
1725 für das Dom- 
kapitel umgebaut 
worden ist und noch 
nicht den ausgepräg- 
ten Stil Ludwigs XV. 
zeigt, als dessen vor- 
züglichstes Muster das 
bischöfliche Schloss 
gelten kann. 

Das Schloss wurde 
als Nationaleigenthum 
während der Revolu- 
tionszeit versteigert , 
von der Stadt für 
128000 Franken er- 
worben, dann von Na- 
poleon I. gegen den 
Hanauer Hof eingetauscht, aber von Ludwig Philipp an die Stadt zurück- 
gegeben, da es vom Staate niemals benutzt wurde und Niemand für den 
Unterhalt sorgte. Obwohl das Schloss vorübergehend verschiedenen 
Zwecken diente, auch eine Zeitlang wieder die Residenz der Bischöfe bil- 
dete, geschah fast Nichts für den Unterhalt, besonders des seiner vielen 
Schneesäcke wegen gefährdeten Daches , sodass es sich in ziemlich 

22* 




Fig. 250. Schloss. Ofen im Stile der Rögence. 



340 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



verwahrlostem Zustande befand, als es 1872 an die Landesverwaltung 
zur Unterbringung von Hörsälen und zur Aufbewahrung der Bestände der 
Universitäts- und Landesbibliothek übergeben worden ist. 

Bei dieser Gelegenheit wurden, um Platz zu 
gewinnen, die beiden Seitenhöfe überdacht und die 
durch die verrotteten Balkenlager bedingten Befesti- 
gungsarbeiten ausgeführt, wobei zwar möglichst scho- 
nend vorgegangen wurde, jedoch 
nicht aller Schaden vermieden werden 
konnte. Im Uebrigen befindet es sich 
ungefähr noch in demselben Zustande, 
in welchem es vor 100 Jahren von den 
Rohans verlassen worden ist. Der 
Anstrich der Säle, die Fussböden, die 
Vergoldungen der an den Decken 
und Wänden angebrachten Skulp- 
turen, der Thür- und Fensterbeschläge, 
der Schnitzereien der Thüren und 
Spiegel sind noch die ursprünglichen. 
Die Vestibüle und Vorzimmer sind 
in hellen gelblichen und grünlichen 
Tönen gestrichen, alle anderen Räume 
weiss gehalten, mit reicher Ver- 
goldung. Der Skulpturenschmuck 
steigert sich nach der Bedeutung der 
Räume und gipfelt in dem reizend, 
dabei doch massvoll verzierten Schlaf- 
zimmer und dessen Vorraum. 




A Bischöfliches PaltU 

B Kuchenbau. 

C stulljfcbttude. 

D llureau-Gebgudo. 

E Hof. 

V Garten. 

G Pfitrtncr-Wohnung. 

H Einfuhrt 

J NuchbarL Anbauten, 

K Nachbarliche. Hufe. 

Fig. 251. 




tt 



■v 



1. Vestibül. 
10—11. Waschküche. 



Fig. 252. Bischöfliches Palais. Erdgeschoss. 
Kapelle. 3. Speisesaal. 4. Empfangssaal. 5—6. Fremdenzimmer. 7—9. Gänge. 



saal. 



I. Stock. 

1. Vorzimmer. 2. Arbeitszimmer mit Nebenraum. 3. Speise- und Anrichtezimmer. 4. Empfangs- 
5—6. Fremdenzimmer. 7. Gang. S. Treppe. 9. Bad und Closet. 10—11. Küche und Vorräthe. 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



341 



Von Ausstattungsgegenständen haben sich nur die meisterhaft in 
Nussbaumholz mit Bronzebeschlägen ausgeführten Bücherschränke und ein 
im Stil Ludwigs XVI. ausgeführter Ofen (Fig. 250) erhalten. Die Stadtver- 
waltung beabsichtigt, nach Verlegung der Landesbibliothek die städtischen 
Kunstsammlungen (Gemäldegalerie , Kupferstichkabinet und Kunstgewerbe- 
museum) in dem Schlosse zu vereinigen. 

Weniger hervorragend ist der auf Fig. 253 dargestellte heutige bischöf- 
liche Palast, welcher 1727 von Armand la Gardelle, vielleicht nur als 
Unternehmer, an Stelle eines aus dem 13. Jahrhundert stammenden Adels- 
hofes, für einen Domherrn erbaut worden ist. 

Desto mehr Beachtung verdient der heutige Statthalter-Palast, welcher 
1730—1736 für den praetor royal Klinglin, wie berichtet wird, aus städtischen 




4H- 



-H-H — -f- 

Fig. 253. Bischöfliches Palais. Ansicht nach der Judengasse. 



Mitteln erbaut, aber (.744 demselben gegen Bezahlung von 200000 Franken 
aufgenöthigt worden ist, wegen seines prächtigen und geschickt in die 
enge Brandgasse eingebauten Eingangsportales, des mit Gartenanlagen 
geschmückten Haupthofes, dessen ovale Schmalseite die Hinterfront ange- 
passt ist und wegen der schönen Verhältnisse der in vornehmer Einfachheit 
gebildeten Fassaden. 

Das Gebäude brannte bei der Beschiessung von 1870 völlig aus. Bei 
dem mit geänderter innerer Theilung und Innendekoration vorgenommenen 
Neubau, welcher unter Oberleitung des Stadtbaumeisters Conrath vom 
Architekt Röderer 1872—74 ausgeführt worden ist, mussten auch die stehen- 
gebliebenen Mauern niedergelegt werden. Die Fassaden sind aber unter 
Benutzung der alten Steine genau nach den ursprünglichen wieder herge- 
stellt worden. Die Treppengeländer sind unter Benutzung der noch brauch- 
baren Theile von dem Strassburger Kunstschlosser Lippmann gearbeitet 
worden. 



342 Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 




Fig. 254. Hotel de l'Intendance; später Präfektur, jetzt Statthalterpalais. 
Facsimile des Original-Grundrisses. Erdgeschoss. 

Grand bättment. 1. Salle du Conseil de PreTecture. 2. Grand vestibule. 3. Ch. des huissiers. 
4. Cabinet aux lampes. 5. Cab. d'aisance. 6. Arriere-Cab. 7. Cab. du secretaire. 8. Cab. de M. Je prelet. 
9. Arriere-Cab. 10. Antich. 11. Ancienne Salle de billard. 12. Salon de Rezeption. 13. Grande antich. 
14. Grande Salle ä manger. 15. Petite Salle ä manger. 16. Cab. 17. Cab. 18. Cuisine. 19. Garde-manger. 
20. Buanderie. 21, 22. Chambres en entresol. 23. Grand Conimun. 24. Passage. 25. Escalier. 26. Passage. 
27. Office. 28. Grand vestibule. 29. Ch. des bains. 30—33. Entresols. 

Bättment des burcaux. A. Bureaux. B. Bureaux. C. Cab. du s£cr£taire g£n£ral. D. Bureau 
du Sekretariat g£n€ral. E. Petite cuisine. F. Corps de garde. G. D£charge. H. Logement du portier. 
J. Bureau de police. K Commission des travaux communaux. L. Remises. M. Ecurie. N. Sellerie. 
O. Ecurie. P. Salle d'adjudications. Q. Cab. R. Fossc ä furnier. S. Glaciere. T. Bätiment des archives. 




' 13^. 5 67 8 310 20 



Fig. 255. Obergeschoss. Fig. 256. Mansarden. 

/. Etage. 34. Ch. de domestique. 35. Ch. ä coucher de M. le prüfet. 36. Cab. 37. Cab. de toilette. 
38. Antich. 39. Ch. ä coucher. 40. Cab. 41. Petit Salon. 42. Ch. d'honneur. 43. Grande antich. 44. Grand 
vestibul. 45. Salle du tröne. 46. Garderobe. 47. Ch. ä coucher. 48. Cab. 49, 50. Entresols. 

Mansarde. 51. Cuisine. 52. Ch. ä coucher. 53. Petit Salon. 54. Petit Boudoir. 55. Antich. 
55bis. Petite antich. 56, 57. Ch. ä coucher. 58. Ch. de domestique. 59. Ch. ä coucher de maitre. 60. Cab. 
ä la suite. 61. Garderobe. 62. Ch. ä repasser. 63. Cab. 64. Garderobe. 65. Ch. du maitre d'hötel. 
66, 67, 68, 69, 70. Ch. des domestiques. 71. Grand vestibul. 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 343 

Das heutige Stadthaus ist von einem Landgrafen von Hessen-Darm- 
stadt, welcher als Besitzer der Herrschaft Buchsweiler zu dem elsässischen 
Adel gehörte und das in Strassburg liegende Regiment Royal Darmstadt 
befehligte, erbaut worden. 1731 war Massol bei der Bauleitung beschäftigt. 
Der ursprünglich geplante Grundriss ist nicht vollständig zur Ausführung 




Fig. 257. Grundriss des Statthalterpalastes (jetziger Zustand). 

A. Hauptgebäude, a) Speisesaal, b) Wartesaal, c) Audienzzimmer, d) Billard, e) Arbeitszimmer, 
f) Ankleidezimmer, g) Bad. h) Gänge, i) Diener, k) Halle. 1) Adjutant. — I. Stock: Wohn- und Schlaf- 
zimmer. Mansarde : Fremdenzimmer. 

B. Küchenbau. a) Küche, b) Vorräthe. c) Spülküche, d) Kohlen, e) Waschküche, f) Hof. 
%, h) Gänge. — I. Stock: Wohnung des Kochs. 

C Zwischenbau. a) Anrichte, b) Aborte. 

D. Nebenbau. a) Diener, b) Wasch- und Bügelraum, c) Mange und Lager. — I. Stock: Wohnungen 
für Beamte. 

E. Bureau-Gebäude, a) Magazin und Pflanzenraum, b) Halle, c) Dienerwohnungen. — I. Stock: 
Bureaux. 

F. Gewächshaus. 

G. Stallung. a) Pferdeställe, b) Futter, c) Dienerwaschküche, d) Kutscher. — I. Stock: Diener- 
wohnungen. 

gelangt, indem die beiden Seitenrisalite fehlen. Die Freitreppe und Terrasse 
nach dem Broglieplatze zu ist erst 1840 bei Zuwölbung des Gerbergrabens 
von Fries errichtet worden. Früher standen hier zwei runde Thürme auf 
römischen Fundamenten. Seit 1805 dient das Gebäude als Bürgermeister- 



346 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



amt. Die Dekorationen 
des mit jonischen Säulen 
geschmückten Vestibüls 

des Gemeinderaths- 
Sitzungssaales, des Trep- 
penhauses und des Fest- 
saales im Hauptgeschoss 
sind erst im 19. Jahrhun- 
dert ausgeführt worden. 
Dagegen stammen die 
Verzierungen der an- 
deren Erdgeschosssäle 
und der beiden Räume 
des Hauptgeschosses, 
deren Wände ganz mit 
geschnitzten und natur- 
farbig gelassenen Eichen- 
holztäfelungen bekleidet 
sind, aus der Zeit der 
Erbauung. 

Fig. 260. Statthalterpalais. Vestibül im ersten Obergeschoss. 





Fig. 261. Statthalterpalais. Tanzsaal im Erdgeschoss. 



348 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Einen von den übrigen Bauten etwas abweichenden Charakter zeigt 
das 1754—55, zwischen Broglieplatz und Brandgasse, vielleicht nach einem 



RiAN DL Rex DECHAUSSEE 
De CHotel D Hanau 




Fig. 264. Hötel d'Hanau, jetzt Rathhaus. Facsimile des Original-Grundrisses. Erdgeschoss. 

italienischen Vorbild ge- 
baute Palais, seit 1870 
Dienstgebäude des Gene- 
ral-Kommandos. Das- 
selbe ging 1770 in den 
Besitz des Herzogs Maxi- 
milian von Zweibrücken 
über, damaligen Obersten 
des Regimentes Royal 
Baviere, des Vaters von 
König Ludwig I. von 
Bayern, der 1786 in 
diesem Gebäude geboren 
worden ist. Das Denk- 
mal mit Bronzebüste in 
dem Umrahmungsgitter 
am Broglieplatze wurde 
1886 enthüllt. Die Fig. 269 
zeigt den Grundriss mit 
der grossartigen Ves- 
tibül- und Treppenanlage, welche fast den ganzen Mitteltrakt einnimmt und 
in welches Fig. 271 einen Einblick gewährt. 




Fig. 265. Hötel d'Hanau, jetzt Rathhaus. Grundriss 
des I. Stockes im jetzigen Zustand. 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



349 



Eine in vorzüglichen Verhältnissen und mit eigenartigen Motiven 
errichtete Fassade besitzt die heutige Polizei- Direktion in der Brandgasse. 
Das Gebäude wurde 1757 für das Kloster Maursmünster als Absteige- 
quartier für die Klosterleute erbaut. 

Die 1765—1771 von Blondel errichtete Fassade des Atibettegebäudes 
war eigentlich nur ein Dekorationsstück, eine glänzende Verkleidung für 
dahinter liegende unschöne Verkaufshallen. Blondel hatte einen grossartigen 
Plan zur Umgestaltung des Kleberplatzes entworfen, welcher nach den 
Gewerbslauben zu mit Triumphbögen, an der Schmalseite (wo heute der 
Gasthof Rothes Haus steht) mit einer Front in Form eines Kreisbogens 
abgeschlossen werden und dessen südliche Langseite dieselbe Fassade wie 
die Aubette erhalten sollte. 




r .... f ... . £ - 



Fig. 266. HOtel d'Hanau, jetzt Rathhaus. Fassade nach dem Broglieplatz. 



Ueber den Zweck der Gebäude, welche hinter diesen drei in einheit- 
lichem Charakter gedachten Fassaden zu errichten gewesen wären, ist 
nichts bekannt. Vielleicht hat man nur die 
Eigenthümer der Grundstücke zwingen wollen, 
ihren Häusern die vorgeschriebenen Fassaden 
zu geben. Die Aubettefassade hatte nur einen 
Stall für Militärpferde hinter dem prunkvollen 
Mittelrisalit und einige Diensträume für mili- 
tärische Zwecke zu decken. In diesen soll am Fen^terbVu2un| C am hoSi dSmaa 
frühen Morgen (aube) die Befehlsausgabe für jetzt Rathhaus, 

die Besatzung stattgefunden haben und daher der Name „Aubette" 
stammen. 

Bei der Beschiessung von 1870 brannten die Hintergebäude ab, die 
Fassade blieb stehen und hat bei dem Neubau nur einige dekorative 
Zuthaten erhalten. Das von Stadtarchitekt Conrath 1873—1875 errichtete 
Gebäude enthält im Erd- und Zwischengeschoss Verkaufsläden und am 
Ecke der Gewerbslauben die Hauptwache. In den oberen Geschossen ist das 




Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



351 



städtische Musikconservatorium und ein Konzertsaal von 16,8 m Breite und 
29 m Länge, ausschliesslich Orchesternische, untergebracht. 

Blondel war auch der Urheber eines die ganze Stadt umfassenden 
Baufluchtenplanes, welcher eine rücksichtslose Gradlegung der gekrümmten 
Strassenfronten und regelmässige Gestaltung der Plätze erzwingen wollte, 
dessen Durchführung ohne gewaltsame Eingriffe in die Eigenthumsverhältnisse 
aber bald als unmöglich erkannt worden ist. Goethe erwähnt in Wahrheit 




a Loge du concierge 
b Corps-de-garde. 
c Garde ecurie. 
d Ecuries. 

d' Cour aux fumiers. 
e Remises. 
f Salon. 

P Salle ä manger 
g Cuisines. 
h Vestibules. 

i Antichambre. 
k Decharge de la cuisine 

1 Garde-manger. 
m Cour. 

n Salle ä manger. 
n' Salons, 
n" Cabinet. 
o Corridor. 
p Calorifere. 
q D£charges. 
r Latrines. 
s Pompes. 



-f 1 | I I I I I i 



Fig. 269. Zweibrückerhof, jetzt Generalkommando. Geburtshaus König Ludwigs I von Bayern. 
Copie des Original-Grundrisses. Erdgeschoss. 



und Dichtung die sonderbaren Zustände, welche der Beginn der Ausführung 
dieses Planes alsbald hervorgerufen hat. 

Der Fluchtlinienplan ist im Jahre 1829 von Villot geändert worden 
und hat durch Fries 1852 die heute noch zu Recht bestehende Gestalt 
erhalten. 

Im Jahre 1772 wurde das grosse aber etwas nüchterne Gebäude des 
St. Thomasstiftes errichtet und der Thomasstaden mit einer Mauer versehen. 



352 



Die Bauthatigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Der bereits mehrfach erwähnte bischöfliche Architekt Massol baute 
auch 1744—1746 die Sakristei an der St. Lorenz-Kapelle des Münsters, deren 




M 0 tß 20 30m 

Fig. 270. Zweibrückerhof, jetzt Generalkommando. Ansicht vom Broglieplatze aus. 



reiche Barockformen den Uebergang von der aus romanischen und 
spätgothischen Bautheilen gebildeten Nordfassade des Querschiffes des 

Münsters in die mächtigen 
aber schmucklosen Bau- 
massen des Priestersemi- 
nars vermitteln, welches 
Massol 1768—1772 zusam- 
men mit Paulinier für die 
Jesuiten erbaut hat. 

Das mit dem Semi- 
nar zusammen einen 
ganzen Baublock einneh- 
mende College des Jesuites, 
das heutige Lyceum, ist 
1783—1785 erbaut worden, 
besitzt eine schöne Fassade 
nach dem Schlossplatze 
und einen grossen, in den- 
selben Bauformen durch- 
gebildeten inneren Hof. 

Der eine Zeit lang 
ernsthaft gehegteGedanke, 
die Ostseite des Münsters 
freizulegen und zu diesem 
Zwecke einen Theil des 
Lyceums und des Priester- 
seminars abzureissen, darf 
heute als endgiltig beseitigt 
gelten, nachdem der schon dafür angesammelte Fond anderen Zwecken 
zugewendet worden ist. 




Fig. 271. 



Zweibrückerhof, jetzt Generalkommando. 
Treppenhaus. 




23 



Fig. 274. Lyceum. 




Fig. 275. Priesterseminar und Lyceum. Grundriss. I. Stock. 

A. Lehrerzimmer. B. Klassenzimmer. C. Wohnung des Direktors. H. Hof. 1-19 Zimmer für 
Lehrer und Zöglinge. 



Fig". 276. Schlussstein an einer Fenstereinfassung des T. Stockwerkes, Alter Kornmarkt 12. 



Es würde zu weit führen, auch nur die hervorragenderen Fassaden 
der Strassburger Privathäuser im Stil Ludwigs XV. zu bezeichnen. Hier 
seien nur die Häuser Judengasse 11 (1731), an den Gewerbslauben 10, Umbau 
der alten Kürschner- 
zunftstube aus 1771 mit 
modernen Verzierungen, 
ferner Spiessgasse 8 er- 
wähnt. 

Beim Durchwandern 
der Strassen der Stadt 
wird man aber auch an 
sonst weniger bedeu- 
tenden Häusern manche 
schöne Einzelheiten aus 
dieser Zeit, Kartuschen, 
originelle Schlusssteine, 
geschnitzte Hausthüren, 
Balkongitter, reiche Por- 
tale, Erker und dergl. 
entdecken. Fig. 276 giebt 
den Schlussstein einer 
Fenstereinfassung des 
Hauses Kornmarkt 12 , 
mit der Jahreszahl 1768, 
welche Friedrich II. als 
Flötenspieler darstellt, 
ein Beweis für die da- 
malige Volkstümlich- 
keit dieses grossen 
Mannes auch ausserhalb 
der Grenzen des Reiches. 

Zu den vielfachen 
Verschönerungen und 
gesundheitlichen Ver- 
besserungen, welche die 
alte Reichsstadt unter französischer Herrschaft erfahren hat, gehören zahl- 
reiche Strassenverbreiterungen und -Durchbrüche, Pflasterungen und Trot- 
toirherst ellungen , die Einführung der öffentlichen Beleuchtung 1779 und 

23* 




Fig. 277. HOtel Marmoutier, jetzt Polizei-Direktion. 



356 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



die Nummerirung der Häuser 1785, und endlich die Anlage von 7 öffent- 
lichen Plätzen. 

1740 ist der Broglieplatz und 1764 die Contadesanlage von den gleich- 
namigen Marschällen hergestellt. 

Die Bäume des Contades 
fielen 1793 einer drohenden Bela- 
gerung zum Opfer, die Neube- 
pflanzung erfolgte 1799 unter Um- 
änderung des Gesammtplanes. 

Die grosse Revolution machte 
der geschilderten glänzenden Bau- 
epoche ein Ende. Im Stile Lud- 
wigs XVI. sind nur eine Anzahl 
von Innendekorationen in Privat- 
häusern, von denen Fig. 282 ein 
Beispiel aus dem Hause Kalbs- 
gasse 18 giebt, vorhanden. 

Doch gehört das 1806 errich- 
tete Orangerie - Gebäude diesem 
Stile an, wenn auch das säulen- 
geschmückte mit einer Kuppel über- 
deckte Vestibül, an welches sich 
beiderseitig die Gewächshäuser an- 
schliessen, das Gepräge der Kaiser- 
zeit trägt. 

Die Veranlassung zu dem Bau 
gab die Ueberweisung an die Stadt 
von 180, aus dem Buchsweiler 
Schlosse des Landgrafen von Hessen 
stammenden Orangenbäumen, für 
welche sich bei der Versteigerung 
als Nationalgut kein Käufer ge- 
funden hatte. 

Die Unlust und das finanzielle 
Unvermögen der Stadt zu neuen 
baulichen Unternehmungen war 
am Anfange des 19. Jahrhunderts 
so gross, dass sie von der Regie- 
rung zum Bau des Orangerie- 
Gebäudes nach des staatlichen In- 
genieurs Boudhors Entwurf förm- 
lich gezwungen werden musste. Als sich herausstellte, dass auch im 
Entwurf nicht vorgesehene Wohnräume zum vorübergehenden Aufent- 
halt für die Kaiserin Josephine eingebaut wurden, gab es neue Schwierig- 
keiten. Im Jahre 1806 waren für das Gebäude 223000 Franken, für die 
Terrassen- und Gartenanlage 115000 Franken ausgegeben, 1815 beliefen 




Fig. 278. 



Portal und Erker, Judengasse 11. 
Gez. von A. Koerttge. 



Fig. 279. Portal, Dornengasse 9. Gez. von A. Koerttge. 




Fig. 280. Präfektur, jetzt Statthalterpalais. Einfahrtsthor. 



358 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



sich die Kosten des noch nicht fertigen Gebäudes auf 
Das Gebäude wurde inmitten der sogen. Promenade de la Robertsau ge- 
stellt, welche nach einem Plane des berühmten Le Nötre ausgeführt und 
1692 mit Linden bepflanzt worden war. Es war eine regelmässige weit- 
räumige Anlage mit 7 Avenüen. Von dem Orangeriegebäude aus soll man 
prachtvolle Durchblicke durch drei gewaltige, ^aus Pflanzungen gebildete, 

Bogen hindurch nach der III 
zu und auf die dahinter sich 
öffnende weite lachende Ebene 
gehabt haben. Welche Theile 
der heutigen Anlagen noch zu 
dem Le Nötre'schen Plane ge- 
hören, lässt sich nicht fest- 
stellen. Jedenfalls ist der 
Park zwischen dem Orangerie- 
gebäude und der Ruprechts- 
auer-Allee und der halbkreis- 
förmige Ziergarten mit Tep- 
pichbeeten östlich des Ge- 
bäudes erst 1806 angelegt 
worden. Letzterer sollte, wie 
Fig. 283 zeigt, auf die West- 
seite des Gebäudes kommen. 

In ähnlicher Weise wie 
zu dem Bau der Orangerie 
musste die Stadt von der Re- 
gierung zu dem Ersatzbau für 
das 1800 abgebrannte Theater 
nach den Plänen von Villot 
gezwungen werden. Der Bau 
hat in Folge der Kriegsereig- 
nisse und der Erschöpfung 
der städtischen Finanzen bis 
zum Jahre 1821 gedauert. 

Nachdem das Haus bei 
der Belagerung von 1870 bis 
auf die Aussenmauern nieder- 
gebrannt war, ist es 1872—1875 genau nach den alten Plänen wieder er- 
richtet worden. Auch das Bühnenhaus ist dabei leider in der für heutige 
Bedürfnisse unzureichenden alten Höhe, mit der veralteten Maschinerie 
und einschliesslich des Dachstuhles ganz in Holz erbaut worden. 

Dagegen dürfte es wenig Theater geben, welche in Folge derbreiten 
Gänge und Treppen und deren geschickter Anordnung grössere Sicherheit 
für die Rettung der Besucher bei einem Brande gewähren könnten. 

Der in schönen Verhältnissen errichtete Zuschauerraum fasst 1400 
Personen. Bemerkenswerth sind die von Ohnmacht verfertigten Statuen 




Fig. 281. Portal, Reibeisengasse 12, gez. von A. Koerttge. 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



359 



auf dem von 6 jonischen Säulen getragenen Portikus und das vornehm 
behagliche Foyer. 

Die Ankleideräume waren in einem hinteren Anbau unzureichend und 
dabei so mangelhaft untergebracht, dass die Rettung des Bühnenpersonals 
bei einem Brande äusserst erschwert erschien. Im Jahre 1888 wurde des- 
halb der halbkreisförmige Anbau dem Kaiserplatze zu nach den Plänen 




Fig. 282. Innendekoration Kalbsgasse 18. 



des Stadtbaumeisters Ott für Garderoben, Bibliothek, Kleider, Magazine 
und Uebungssäle errichtet. 

Die Bauthätigkeit ist in den ersten drei Vierteln des 19. Jahrhunderts 
nicht erheblich gewesen. 

Mit der völligen Eingliederung in den französischen Staat hatte die 
Stadt ihre Jahrhunderte alte Bedeutung für Handel und Schiffahrt als Metro- 
pole des deutschen oberrheinischen Gebietes fast völlig eingebüsst und 
war eine stille Grenz- und Provinzialstadt geworden. 



360 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Von staatlichen Bauten ist nur die grosse Tabak-Manufaktur 1849—1852 
und 1856 das Dienstgebäude der Banque de France, heutige Reichsbank 
am Broglieplatz, zu erwähnen. Beide Gebäude rühren von Architekt Weyer 
(1805—1865) her, welcher auch den in klassischen Formen errichteten Theil 
des Hotel de Paris erbaut hat. 




Fig. 283. Orangeriegebäude. 



An der Reichsbank ist bemerkenswerth der schöne , in edlen Verhält- 
nissen erbaute Hof und das Treppenhaus. Die Fassade ist nicht von Weyer, 
sondern von einem Pariser Architekten entworfen und beim Bau um ein 
Stockwerk verkürzt worden. 




Fig. 284. Orangeriegebäude. 



Durch Architekt Weyer ist auch für die Französische Ostbahn, im 
Jahre 1852, das Empfangsgebäude am Kleberstaden vollendet worden, 
dessen Halle heute als Markthalle dient. 

Neben dem alten Bahnhof steht die 1840 von Fries erbaute Getreide- 
halle, ein seine Bestimmung charakteristisch ausdrückendes Bauwerk. Die 
beiden Bureau-Gebäude sind später vorgebaut worden. 

Fries hat auch das hübsche Gebäude für die Pharmaceutische Schule 
neben der Akademie, die Aurelien- und die Gerbergrabenschule, sowie 
die gegenwärtig zum Abbruch bestimmte Markthalle am Hohen Steg erbaut. 




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Fig. 285. Stadttheater. Ansicht vom Broglieplatz. 




Fig. 286. Stadttheater. Ansicht vom Kaiserplatz. 





Fig. 290. Ehemalige Ecole de m£decine, jetzt Stadtbibliothek und Stadtarchiv. 



364 



Die Bauthätigkeit vom 17. Jahrh. bis 1870. 



Von dem Stadtarchitekten Conrath stammen aus der Zeit vor 1870 
das alte Schlachthaus (1856), das Gebäude der ehemaligen Medizinschule 
(1868) in welcher jetzt, nach den Plänen des Stadtbauraths Ott, die Stadt- 
bibliothek und das städtische Archiv untergebracht sind, für letzteres ist 




i ö i 2 irmrrr io 20 

Fig. 294. Staatssekretärgebäude. Grundriss. 
1. Vestibül. 2—3. Speisezimmer. 4. Anrichte. 5—8 Empfangsräume. 10. Wintergarten. 11—13. Pförtner. 
14. Waschküche. 15— 16. Remise. 17— 20. Stallung u. Nebenräume. 21— 24. Dienerwohnung. 25— 30. Bureaux. 

der Mittelbau feuersicher ausgebaut worden, die Alt St. Peter-, die Ludwigs-, 
die Wilhelmer- und die Magdalenenschule , sowie die Alt St. Peterkirche. 

Ein sehr bemerkenswerther Bau ist das von Architekt Salomon 1869 
erbaute Protestantische Gymnasium. 

Von Privatgebäuden verdient die von dem Pariser Architekten Destors 
1855 erbaute Villa Hecht, die jetzige Dienstwohnung des Staatssekretärs 
am Kleberstaden, besondere Erwähnung. 



VERGLEICHENDE ÜBERSICHT 



ÜBER DIE 

POLITISCHE ENTWICKLUNG UND DIE BAUGESCHICHTE 
STRASSBURGS BIS ZUM JAHRE 1870. 



Politische Geschichte. 


Baugeschichte. l ) 


58-51 
v. Chr. 


Gallien von C.Julius Caesar 
erobert. Der Rhein Grenze 
des römischen Reichs. 






58 v. Chr. 


Ariovist und seine Ger- 
manen im Oberelsass ge- 
schlagen. 






dl v. Chr. 
bisl4n.Chr. 


TT" \ i 

Kaiser Augustus. 






16 n. Chr. 


Einrichtung der Provinz 
Obergermanien, die Hel- 
vetier (Schweiz), die Se- 
quaner (Besancon), die 
Lingoner (Langres), die 
Rauriker (Basel), die Tri- 
boccher ( Unter -Elsass), 
die Nemeter (Speyer), die 
Vangioner (Worms) um- 
fassend. Hauptstadt Mainz. 


? 


Anlage des Castrums in Ar- 
gentoratum. 


Um 180 


Argentoratum zum ersten 
Mal, und zwar als Stand- 
lager der VIII. Legion, 
erwähnt. 


? 


Anlage der Wasserleitung. 


Um 260 


Beginn der Alamannen ein- 
falle. 







Anmerkung. Bei Aufstellung der Tabelle zur Baugeschichte ist im allgemeinen der Grund- 
satz beobachtet worden, dass nur öffentliche Bauten im Innern der Stadt aufzuführen seien; andere 
Anlagen werden nur dann genannt, wenn sie für die Entwicklung der Stadt und ihres Bauwesens von 
besonderer Wichtigkeit gewesen sind. Aber auch in diesen Grenzen war Vollständigkeit oder auch 
nur genaue Abgrenzung unmöglich. — Wo nur der Name des Gebäudes steht, handelt es sich um einen 
Neubau, wo nur eine Jahreszahl angegeben ist, um das Vollendungsdatum. Etwaige Nichtüberein- 
stimmungen mit den Angaben des Textes sind daraus zu erklären, dass der Bauanfang, je nachdem 
Projektirung oder Beginn der eigentlichen Bauarbeiten darunter verstanden wird, und ebenso der 
Vollendungstermin, je nachdem Fertigstellung des Rohbaues, Beendigung der inneren Ausstattung oder 
Beginn der Benutzung als solcher angesehen wird, in den Akten häufig verschieden angegeben ist. 

v. Borries. 



366 Vergleichende Übersicht über die politische Entwicklung 



Politische Geschichte. 


Baugeschichte. 


276—282 


Kaiser Probus wirft die Ala- 
mannen zurück, befestigt 
nach Aufgabe des rechts- 
rheinischen Germanien 
die Rheingrenze und führt 
den Weinbau ein. 


? 


Arbeiten an der Mauer. 


Um 300 


Die Provinz Obergermanien 
verkleinert, besteht nun- 
mehr aus vier Stadt- 

rraVii^fon • \ T /• \ et 1 1 n ( i'i/Mi m 
i^cUlcLcil . ivlOg UIlllclLULIl 

(Mainz) als Hauptort, Van- 
giones (Worms), Nemetes 
(Speyer) , Argentoratum 
(Strassburg). 






Zyo — oUÖ 


Tz oicof* nncf onfmc ■ nl At*nc 

ivaiser vonsiannus ^niorus 
befestigt die Plätze am 
Rhein. 






306—337 


Constantin der Grosse, seit 
323 Alleinherrscher, ver- 
kündet Religionsfreiheit, 
demgemäss Duldung des 
Christenthums. 






351 


Abtretung eines Theils von 
Obergermanien (des Un- 
terelsasses) an die Ala- 
inannen durch Constan- 
tius IL 


ool r 


jt\.i g eil IUI ctL Ulli LllCllWCloC 

zerstört. 


357 


Siegjulians desAbtrünnigen 
über die Alamannen bei 
Argentoratum. 


357 


Wiederherstellung Argento- 
ratums. 


364-375 


Kaiser Valentinian I. stellt 
die von den Alamannen 
von neuem überschrittene 
Rheingrenze wieder her. 


} 


Valentinian verstärkt die 
Mauer von Argentoratum. 


406 


Ein Haufe von Vandalen, 
Alanen, Sueven u. s. w. 
iibpr^chrpitpf rlpn Rhein 


406 


Argentoratum zerstört. 


496 


Sieg König Chlodwigs (481 
bis 511) über die Ala- 
mannen und Unterwer- 
fung des Elsasses. 






589 


König Childebert IL hält 
sich im Gebiet von Strass- 







und die Baugeschichte Strassburgs. 



367 



Politische Geschichte. 


Baugeschichte. 




bürg auf. Gregor von 
Tours : Argentoratensis 
urbs, quam nunc Strata- 
burgum vocant. 






Um 600 


Gründung des Strassburger 
Bisthums. 


} 


Gründung eines Münsters. 


734-775 
768-814 
Um oz(J 
842 


Bischof Eddo. 

Karl der Grosse. 

Bischof Adeloch. 

Schwur der Heere Ludwigs 
des Deutschen und Karls 
des Kahlen zu Strassburg. 


? 

717 ? 
720 ? 


Gründung der Thomas- 
kirche. 

Stiftung des Frauenklosters 
St. Stephan. 

Erste Stadterweiterung. 


843 


Strassburg kommt durch 
den Vertrag zu Verdun 
an das Reich Kaiser Lo- 
thars I. (843—855). 






870 


Strassburg kommt durch 
den Vertrag zu Meersen 
an das ostfränkische 
(deutsche) Reich, und 
zwar zum Herzogthum 
Schwaben. 






936-973 


Otto I. der Grosse. 






965 -991 


Bischof Erkanbald (Archim- 
bald) erhält von Kaiser 
Otto IT. 982 Münzrecht und 

Gerichtsbarkeit, wird 
Herr der Stadt. 






1002-1027 
1003 


Bischof Wernher I. (von 
Habsburg). 

Kaiser Heinrich II. bestä- 
tigt die Schenkung des 
Klosters St. Stephan an 
Wernher. 


1002 
1007 


Herzog Hermann vonSch wa- 
ben verwüstet Strassburg, 
zerstört das Münster theil- 
weise. 

Das Münster und St. Thomas 

hrpnnpn ab C?") 


1028-1047 


Bischof Wilhelm I., Oheim 
Kaiser Konrads IL, Bruder 
des Papstes Gregor V., 
Erzkaplan der Kaiserin 
Gisela. 


1015 
1031 


Beginn des jetzigenMünsters. 

Weihe von St. Thomas, 
Grundsteinlegung von 
Jung St. Peter. 


1084—1100 


Bischof Otto (von Hohen- 
staufen). 






1119 


Erstes Privileg für die Stadt 
(von Kaiser Heinrich V). 







368 



Vergleichende Übersicht über die politische Entwicklung 



Politische Geschichte. 



Baugeschichte. 



1129 
Um 1150 
1152-1190 
1190-1202 
1198-1208 
1198-1218 

1199 

1202-1223 

1205 

Um 1210 
1215—1250 
Um 1215 

1244—1260 

Um 1250 



1260-1263 



1262 
8. März 



1263—1273 



Zweites Privileg (von Kaiser 
Lothar III). 

Aelteste Aufzeichnung des 
Stadtrechts. 

Kaiser Friedrich I. Barba- 
rossa. 

Bischof Konrad II. (von 
Hunenburg). 

König Philipp von Schwa- 
ben im Streite mit 

Kaiser Otto IV. von Braun- 
schweig. 

König Philipp belagert 
Strassburg. 

Bischof Heinrich II. (von 
Veringen). 

Drittes Privileg (von König 
Philipp). 

Errichtung des Stadtraths. 

Kaiser Friedrich IL 

Zweites Stadtrecht. 

Bischof Heinrich III. (von 
Stahleck). 

Drittes Stadtrecht. 



Bischof Walther (von Ge- 
roldseck im Schwarz- 
wald). 

Die Strassburger besiegen 
ihren Bischof zwischen 
Ober- und Mittelhaus- 
bergen. 

Bischof Heinrich IV. (von 
Geroldseck an dem Wa- 
sichen). 



1144 



St. Thomas brennt ab. 



1181 St. Nicolaus begonnen. 



Gegen 1200 j Die heutige St. Stephans- 
kirche begonnen. 



1202-1220 



1228-1344 
1230 

Um 1250 
1252 

1254-1260 



1263 



Zweite Stadterweiterung. 



Dritte Stadterweiterung. 

Barfüsserkloster und -Kirche 
begonnen, 1528- 1531 gröss- 
tentheils abgerissen. 

Entstehung der Strassburger 
Bauhütte. 

St. Nicolaus in undis ge- 
gründet, heute in die Ni- 
colauskaserne verbaut. 

Prediger-(Dominikaner-) 
Kloster und -Kirche (später 
Protestantisches Gymna- 
sium und Neue Kirche) 
gegründet, das Kloster 1861 
abgebrannt, die Kirche 1870 
zerstört. 

Das Domkapitel entzieht 
dem Bischof die aus- 
schliessliche Verwaltung 
des Frauen werks(Münster- 
baufonds). 



und die Baugeschichte Strassburgs. 



369 



Politische Geschichte. 


Baugeschichte. 


1263 


Vertrag" des Bischofs mit 
der Stadt, die Grundlage 
ihrer Reichsfreiheit. 


1270 


Beginn eines Neubaus von 
St. Thomas. 


1273- 


1291 


König Rudolf (von Habs- 
burg). 






1273- 


-1299 


Bischof Konrad III. (von 
Lichtenberg). 


1275 

1277 
25. Mai 

1284—1318 
1288 

Um 1290 

1298 
1300 


Vollendung des Münster- 
langhauses. 

Grundsteinlegung zum Bau 
der Westfront des Mün- 
sters nach Plänen Erwins 
(von Steinbach?). 

Erwin urkundlich bezeugt. 

Die Münze gebaut, 1506 
abgerissen. 

Das Domkapitel übergiebt 
die Verwaltung des Frauen- 
werks der Stadt. 

Brand des Münsterlang- 
hauses. 

St. Wilhelm begonnen. 


1314- 


-1347 


Kaiser Ludwig der Bayer, 
im Streit mit 






1314- 


-1330 


König Friedrich dem 
Schönen. 


1320? 
1321 


Vollendung von Jung St. 
Peter. 

Der Pfennigthurm erbaut, 
1414 verändert, 1745 theil- 
weise, 1768 ganz abge- 
rissen. 


1322 


Viertes Stadtrecht, von den 
Bürgern allein aufgestellt. 


1322 


Die Pfalz erbaut, 1780/1 ab- 
gerissen. 


1328 


Bestätigung aller Privile- 
gien der Stadt durch Lud- 
wig den Bayern. Strass- 

UUIg VOlllj^ IclL Ilhil cl. 






1328- 


-1353 


Bischof Berthold II. (von 
Buchegg). 






1332 


Blutiger Zwist zwischen den 
Geschlechtern der Zorn 
und der von Müllenheim 
(„das Geschölle"). Infolge- 
dessen Verfassungsände- 







24 



370 



Vergleichende Übersicht über die politische Entwicklung 



Politische Geschichte. 


Baugeschichte. 




rung : Die Zünfte ge- 
langen zur Herrschaft. 






1336 


Messenprivileg Ludwig des 
Bayern. 


1347 


Aelterer Bau des Frauen- 
hauses. 


1349 


Der schwarze Tod. Juden- 
verfolgung. Die Geissler. 


1358 


Das Kaufhaus. 


1365 


Erster Einfall der Eng- 
länder. 


1365 
1374-1390 


Vollendung der Westfront 
des Münsters bis zur Platt- 
form. 

Vierte Stadterweiterung. 


1375 


Zweiter Einfall der Eng- 
länder. 


1381 

1387-1441 
1388 


Neubau von Alt St. Peter 
begonnen. 

St. Nicolaus erweitert. 

Fünfte Stadterweiterung. 

Bau der hölzernen Rhein- 
brücke. 


1389 


Beendigung des grossen 
Städtekriegs zum Nach- 
theil der Städte. Strass- 
burg muss sich dem Land- 
frieden zu Eger unter- 
werfen. 






1390 


Strassburg in der Reichs- 
acht. 






1392 


Strassburg durch benach- 
barte Fürsten und Herren 
vergeblich belagert. 


1392 


Das grosse Spital gebaut, 
1716 abgebrannt. 


1393 


Rheinbrückenprivileg 
König Wenzels. 






1394-1439 


Bischof Wilhelm II. (von 
Diest). 






1395 


Vergleich des Bischofs mit 
der Stadt. 


1402 


Versuch einer Canalisierung 
der Breusch. 


1405 


Neuordnung der Stadtver- 
waltung. 






1414 


Messenprivileg des Kaisers 
Sigismund. 


1414 


Krönung des Pfennigthurms 
mit einer Plattform und 
vier Thürmchen. 



und die Baugeschichte Strassburgs. 



371 



Politische Geschichte. 



Baugeschichte. 



Der Dachsteiner Krieg: 
Versuch des Bischofs und 
des Stadtadels, die Neu- 
ordnung der Stadtver- 
waltung rückgängig zu 
machen. 

Johann Gutenberg, der Er- 
finder der Buchdrucker- 
kunst, in Strassburg thätig. 

Die Armagnaken im Elsass. 



Karl der Kühne von Bur- 
gund bedroht das Elsass 
und Strassburg. 



Endgültiger Abschluss der 
Einrichtung der Stadtver- 
waltung. 

Kaiser Maximilian I. 



Der Humanist Jakob Wim- 
pfeling (1450-1528), der 
Prediger Johann Geiler 
v.Kaisersberg(1455- 1510), 
der Satiriker Sebastian 
Brant(1458-152t)inStrass- 
burg thätig. 

Kaiser Karl V. 



1439 



1454 
1459 

1462 

1467 

1476 

1477 
1481 

1485|7 

1495-1505 



1506 
1507/9 



Vollendung des Münster- 
thurms durchJohann Hül tz. 



Der Thurm von St. Nico- 
laus gebaut. 

Die Strassburger Bauhütte 
wird die oberste in Deutsch- 
land. 

Die Kanzlei gebaut, 1686 
theilweise abgebrannt, 1798 
abgerissen. 

Das Erdgeschoss des Braun'- 
schen Hauses (Haus Kam- 
merzell) vollendet. 

Magdalenenkloster und 
-Kirche gebaut. 

Johanneskirche erbaut, 1725 
ganz umgebaut. 

Relativer Abschluss der Be- 
festigungen. 

Die Münsterkanzel nach 
Zeichnungen von Hans 
Hammer errichtet. 



Die Laurentiuskapelle dem 
nördlichen Querarm des 
Münsters vorgelegt. 

Die alte Münze abgebrochen. 

Die Münze neu gebaut, 1738 
abgerissen. 



24* 



372 



Vergleichende Übersicht über die politische Entwicklung 



Politische Geschichte. 


1 Baugeschichte. 


1520 ff. 


Die Lehre Luthers dringt 
in Strassburg ein (Zell, 
Capito, Hedio, Butzer). 


1528—1531 


Das Barfüsserkloster abge- 
rissen. 


1529 


Offizielle Einführung der 
neuen Lehre. 


1529 
20. Februar 


Letzte Messe im Münster. 


1538 


Gründung des Protestan- 
tischen Gymnasiums (Ja- 
kob Sturm von Sturmeck 
und Johann Sturm). 






1548 


Das Augsburger Interim. 


lOOU 


Ucla lVIUilhlcl WlcUcl KtlLIlO- 

lisch. 


1555 


Der Augsburger Religions- 
friede. 


1560 


Das Münster wieder pro- 
testantisch. 


1567 


Gründung der Strassburger 
Universität. 


1565 
1570 ff. 


Neuer Thurm derWilhelmer- 
kirche erbaut. 

Der Maler und Architekt 



Das berühmte Schiessen 
und die Fahrt der Zürcher 
mit dem Breitopf, be- 
sungen von Johann Fi- 
schart (1540-1589). 



1571|5 
1574 



1577-1589 

1579-1585 
1582/5 

1585 
1585 ff. 



Wendelin Dietterlin (1550 
bis 1599) in Strassburg 
thätig. 

Der Bruderhof erbaut, kurz 
vor 1768 abgerissen. 

Vollendung der astronomi- 
schen Uhr nach Zeich- 
nungen von Dasypodius 
und Wolkenstein durch 
Isaak und Josias Habrecht, 
Bemalung von Tobias 
Stimmer. Die Uhr blieb 
1789 stehen. 

Daniel Specklin (1536-1589) 
Stadtbaumeister. 

Das Frauenhaus vollendet. 

Der „Neue Bau" (jetzt Han- 
delskammer) am Guten- 
bergplatz errichtet. 

St. Nicolaus umgebaut. 

Hans Schoch, der Schöpfer 
des Heidelberger Fried- 
richsbaus, in Strassburg 
thätig: 1585-1590 Stadt- 
lohnherr, 1590-1597 und 
1621-1627 Stadtbaumeister. 



und die Baugeschichte Strassburgs. 



373 



Politische Geschichte. 



Baugeschichte. 



1592-1604 



1609-1614 
1618 
1621 

1632 
1643-1715 
1648 

1663—1682 



1672/8 
1674/5 



1678 

1680 

1681 
30. Sept. 

1681 
23. Oktober 



Der bischöfliche Krieg, her- 
vorgerufen durch die 
Doppelwahl des prote- 
stantischen Johann Georg 
von Brandenburg und des 
katholischen Cardinais 
Karl von Lothringen. 

Der Jülich-Cleve'sche Erb- 
folgekrieg. 

Beginn des dreissigjährigen 
Krieges. 

Mansfeld im Elsass. Strass- 
burg neutral. Privilegie- 
rung der Universität durch 
Kaiser Ferdinand IL 

König Gustav Adolf von 
Schweden fällt bei Lützen. 

König Ludwig XIV. von 
Frankreich. 

Der westfälische Friede. 



Bischof Franz Egon (von 
Fürstenberg). 



Der holländische Krieg. 

Der grosse Kurfürst im El- 
sass; der Kurprinz stirbt 
zu Strassburg am 7. De- 
zember 1674. 

Marschall Crequi nimmt 
Kehl. 

Einsetzung der Reunions- 
kammern. 

Besetzung Strassburgs 
durch die Franzosen 
(Louvois). 

Ludwig XIV. in Strassburg. 



1587 



1589 



1598 



1633 



1654-1657 



1672 



1681 



1681/4 



Die „Grosse Metzig", jetzt 
Kunstgewerbemuseum, 
errichtet. 

Die oberen Stockwerke des 
Braun'schen Hauses (Haus 
Kammerzell) aufgesetzt. 

Der Böcklin'sche Hof, später 
Directorium der unterel- 
sässischen Ritterschaft, 
heute Stephansplan 17, er- 
baut. 



Beginn einer Neubefestigung 
Strassburgs nach dem Ba- 
stionärsystem durch den 
schwedischen Obristlieute- 
nant Mörshäuser. 

Wiederherstellung des durch 
Blitz beschädigten Mün- 
sterthurms durch Johann 
Georg Heckler (Dombau- 
meister 1654—1682). 

Verbrennung der Rhein- 
brücke, bald darauf Wie- 
derherstellung. 



Das Münster wieder katho- 
lisch. 

Bau der Citadelle, des Fort 
blanc und des Fort de 
Pierre durch Vauban. 



374 Vergleichende Übersicht über die politische Entwicklung 



Politische Geschichte. 



Baugeschichte. 



1682-1704 Bischof Wilhelm Egon (von 
Fürstenberg). 



lbS4 



1697 



1704-1749 



1715-1774 



1725 



1744 



Vorläufige Anerkennung 
der Annexion Strassburgs 
im Regensburger Still- 
stand. 

Endgültige Abtretung 
Strassburgs im Frieden 
zu Ryswyk. 

Bischof Armand Gaston 
Maximilian, Prinz von 
Rohan-Soubise. 

König Ludwig XV. von 
Frankreich. 



Hochzeit der Maria Le- 
sezynska mit Ludwig XV. 
(vertreten durch den Her- 
zog von Orleans) im 
Münster. 



Glänzender Empfang Lud- 
wigs XV. 



1682 

1683|5 
1686-1700 

1692 ff. 
1703-1740 

1711 

1716 
1718—1724 
1725 

Um 1725 
1725-1731 
1727 

1728-1742 

1730 
1730—1736 

1731 

1740 
1745 



Wiederherstellung des 
Breuschkanals. 

Das Jesuitencollegium, jetzt 
Lyceum, 1756|7 umgebaut. 

Die grosse Schleuse über die 
obere III. 

Das Militärlazareth. 



Die Artillerieschule, jetzt 
allgemeines Offizier-Ka- 
sino, nach 1870 restaurirt 
und später erweitert. 

Die Kaserne am Kagenecker 
Bruch. 

Das Spital brennt ab. 

Neubau des Spitals. 

Die Johanneskirche umge- 
baut (Commanderie et 
Eglise des Chevaliers de 
St-Jean de Jerusalem). 

Das Hotel d'Andlau, später 
Domprobstei, jetzt Gou- 
vernement. 

Das Hotel du Gouvernement, 
jetzt Landgericht, 1870 
theilweise zerstört. 

Das Hotel du Doyen du 
Grand Chapitre, jetzt bi- 
schöflicher Palast. 

Das bischöfliche Schloss, 
z. Z. Landesbibliothek. 

Die Fischerthorkaserne (am 
Nikolausring). 

Das Hotel de Klinglin, jetzt 
Palast des Statthalters. 

Der Darmstädter (ursprüng- 
lich Hanauische) Hof, jetzt 
Rathhaus. 

Die Pionierkaserne. 
Die Magdalenenbrücke ver- 
legt. 

Der Pfennigthurm theilweise 
abgebrochen. 



und die Baugeschichte Strassburgs. 375 



Politische Geschichte. 



Baugeschichte. 



1749-1756 



1756—1779 



Bischof Francois Armand 
Augustin, Prinz von Ro- 
han-Soubise. 



Bischof Louis Constantin, 
Prinz von Rohan. 



1770/1 
1770 



1774-1792 



1779-1792 



Goethe als Student in Strass- 
burg. 

Empfang d. Dauphine Marie 
Antoinette. 



König Ludwig XVI. von 
Frankreich. 

Bischof Louis Rene 
Edouard, Prinz v. Rohan- 
Guemenee, Kardinal. 



1750 
1754|5 

1756 
1756/7 

1757 

1760 
1765 
1765-1771 
1768 

1768- 1772 

1769- 1774 



1772-1803 
1772/8 

1777 

1780/3 

1780/1 
1781/4 
1782/85 
1788-1790 



Die Citadellenkaserne, 1870 
zerstört. 

Der Zweibrücker Hof, jetzt 
Generalkommando. 

Die Metzgerthorkaserne, 
1785 erweitert. 

Das Jesuitenkollegium, jetzt 
Lyceum, umgebaut. 

Das Hötel de Marmoutier 
(Maursmünster), jetzt Po- 
lizeidirektion. 

Die Finkmattkaserne, 1889 
abgebrochen. 

Die Aurelienkirche fast voll- 
ständig erneuert. 

Die Aubette, 1870 fast ganz 
zerstört. 

Der Pfennigthurm abge- 
brochen. 

Der Bruderhof neu aufge- 
führt. 

Die Maison des Enfants trou- 
ves, später Akademie. 



Das Thomasstift neu aufge- 
führt. 

Anlage der Arkaden um das 
Münster. 

Das Grabdenkmal des Mar- 
schalls Moritz von Sachsen 
in der Thomaskirche, von 
J. B. Pigalle geschaffen. 

Die Artilleriewerkstatt, 
1874/5 restaurirt. 

Die Pfalz abgerissen. 

Die Nikolauskaserne. 

Das alte Proviantamt. 

Die Schleusenkaserne. 



376 Vergleichende Übersicht über die politische Entwicklung 



Politische Geschichte. 



Baugeschichte. 



1789 

1789 
21. Juli 

1790 



1792-1804 
1792/4 

1804-1814 
1808 

1814-1824 
1824-1830 
1830-1848 



1836 



Ausbruch der französischen 
Revolution. 

Sturm des Rathhauses (früh. 
„Neuer Bau", jetzt Han- 
delskammer). 

Strassburgs alte Verfassung 
beseitigt. Friedrich von 
Dietrich erster Maire. 
Strassburg Hauptstadt d. 
Departement du Bas-Rhin. 

Erste französischeRepublik. 

Schreckenszeit in Strass- 
burg. 

Kaiser Napoleon I. 



Wiederherstellung der 
Strassburger Universität 
nach französischem Zu- 
schnitt. 

König Ludwig XVIII. von 
Frankreich. 

König Karl X. von Frank- 
reich. 

Ludwig Philipp, König der 
Franzosen. 



Vergeblicher A ufstandsver- 
such Ludwig Napoleons 
in Strassburg. 



1798 

1804-1821 
1806 



1833 ff. 



1834 



1840 



1841 



Allerheiligenkloster und 
-Kirche neu gebaut. 

Das Stadttheater. 

Die Orangerie. 



Beseitigung des in der Mitte 
des Falschwallgraben- 
kanals entlang laufenden 
Zwingers, Umbau der 
über denselben führenden 
Brücken (Weissthurm-, 
Kronenburger-, Pariser-, 
Steinbrücke). 

Der Rhein-Rhöne-Kanal voll- 
endet. 

Die Getreidehalle, jetzt Zoll- 
halle. 

Das Kleber- und das Guten- 
berg-Denkmal errichtet. 

Die Königsbrücke neu in 
Stein aufgeführt. 

Das Pharmaceutische In- 
stitut. 

Die Thomasbrücke erneuert. 



und die Baugeschichte Strassburgs. 377 



Politische Geschichte. 



Baugeschichte. 



1842—1887 Bischof Andreas Räss. 



1848-1852 



1852-1.870 



Zweite französische Repu- 
blik. 

Napoleon III, Kaiser der 
Franzosen. 



1841 

1842 

1843 
1845 



1849 
1852 



1853 



1854 



1855 



1856 



1860 



1861 



1861 ff. 



1862 



1803-1872 



1864 



1867 



1868 



1870 



Die erste Eisenbahnlinie 
(Strassburg — Basel) er- 
öffnet. 

Die Einsetzung der Münster- 
Uhr Schwilgues. 

Die Aurelienschule. 

Der Bahnhof, jetzt Markt- 
halle. 

Die Tabakmanufaktur, er- 
weitert 1855 und 1863. 

Die Gerbergrabenschule. 

Die erste Telegraphenlinie 
(Strassburg — Paris) er- 
öffnet. 

Der Rhein-Marne-Kanal voll- 
endet. 

Die Marktbrücke (früher 
Bahnhofbrücke). 

Das Lezay-Marnesia- Denk- 
mal errichtet. 

Die Banque de France, jetzt 
Reichsbank. 

Die Wilhelmerschule. 

Die Wilhelmerbrücke er- 
neuert. 

Die Eisenbahnbrücke über 
den Rhein. 

Das Protestantische Gym- 
nasium nach dem Brande 
des alten Dominikaner- 
klosters neu gebaut, 1870 
theilweise zerstört. 

Die Ecole de Service de 
sante Militaire, jetzt Haupt- 
postamt. 

Die gedeckten Brücken in 
Stein erneuert. 

Die Ecole de Medecine, jetzt 
Stadtarchiv und Stadt- 
bibliothek. 

Die Brücken am Mühlenplan 
in Stein erneuert 

Die Schlachthausbrücke er- 
neuert. 

Die Stephansbrücke umge- 
baut. 



378 Vergleichende Übersicht über die politische Entwicklung etc. 



Politische Geschichte. 


Baugeschichte. 


1870|1 
1870 

Oft C« n f 

1871—1888 

1871 
10. Mai 


Deutsch-französisch. Krieg. 

Strassburg durch die deut- 
schen Truppen einge- 
nommen. 

Kaiser Wilhelm I. 

Friede zu Frankfurt : El- 
sass-Lothringen deutsches 
Reichsland mit der Haupt- 
stadt Strassburg. 


1870 


Das Landgericht, das Thea- 
ter, die Neue Kirche, das 
protestantische Gymna- 
sium, die Aubette, der 
Statthalterpalast (damals 
Präfektur), die Aurelien- 
schule, die Citadellenka- 
serne durch das Bombar- 
dement grösstentheils zer- 
stört. 




DAS NEUE STRASSBURG. 



Fig\ 296. Strassburg im Jahre 1894, von Schiltigheim aus. Aufgen. und gez. von A. Koerttge. 



EINLEITUNG. 

Von 

S. Hausmann. 



Die folgenden Zeilen sollen die Einleitung zu dem zweiten Haupt- 
theile dieses Werkes bilden, der dem neuen Strassburg gewidmet ist und 
eine Darstellung der seit der Wiedervereinigung der Stadt mit dem 
Deutschen Reiche durchgeführten Bauten geben wird. Diese Periode in 
der Baugeschichte unserer Stadt musste einen eigenartigen Charakter 
annehmen, da durch die politische Umgestaltung nach mehr als einer 
Richtung die Grundlagen für die weitere bauliche Entwicklung auf das 
Stärkste verschoben wurden. Aufgabe der nachstehenden Einleitung ist 
es nun, in Kürze auf jene Verhältnisse hinzuweisen, die unmittelbar oder 
mittelbar für diese neueste bauliche Entwicklung der Stadt bestimmend 
gewesen sind. 

Mit der Wiedereinfügung Strassburgs in das Deutsche Reich war die 
gesammte Stellung der Stadt von Grund aus umgeändert. Bis dahin war 
es die Hauptstadt eines französischen Departements, eine Festung zwar 
von grosser Bedeutung, aber nicht von erstem Range, in kommerzieller 
Beziehung war seine Lage an der äussersten Grenze des französischen 
Staates entscheidend : wohl war es durch Eisenbahnen und treffliche Wasser- 
wege mit dem Westen und Süden verbunden, nach seiner ganzen Lage 
aber war es doch zweifellos dazu bestimmt, einen Zentralpunkt des Ver- 
kehrs im oberen Rheinthal zu bilden, von dessen östlicher Hälfte es aber 
durch die politische Grenze abgeschnitten war. 

Und nun auf einmal diese Umwälzung! Aus der bescheidenen, von über- 
mässig engem Festungsgürtel eingezwängten Departementsstadt ward es 
die Hauptstadt eines Landes von der Grösse Badens, das zwar nicht recht- 
lich, wohl aber thatsächlich den übrigen deutschen Bundesstaaten gleich- 
artig an die Seite trat. Dass die Festung zu einem Waffenplatze ersten 
Ranges ausgebildet werden müsse , war bei der strategischen Wichtigkeit 
des Punktes keinen Augenblick zweifelhaft. In kaufmännischer und geschäft- 
licher Hinsicht war die Stadt dem Wirthschaftsgebiete wieder zurückgegeben, 
auf das sie durch die gesammten natürlichen Verhältnisse hingewiesen 
war ; es stellte sich auch in den weiterblickenden Kreisen der Strassburger 
Kaufmannswelt alsbald die Ueberzeugung ein, dass die Stadt bei richtiger 



382 



Das neue Strassburg. 



Verwerthung der politisch-geographischen Lage wieder werden könne, was 
sie schon früher einmal gewesen ist, eine bedeutende Handelsstadt und 
ein wichtiges Emporium für ganz Süddeutschland. Und in letzter Linie 
endlich musste es für den ganzen Charakter der Stadt von allergrösstem 
Einflüsse sein, dass unmittelbar nach der grossen politischen Umwälzung 
das Deutsche Reich beschloss, eine würdige Nachfolgerin der berühmten 
alten Strassburger Universität erstehen zu lassen und damit einen neuen 
Mittelpunkt für geistiges Leben zu schaffen. 

Die Folge all dieser Umwälzungen war das Bedürfniss nach einer 
mächtig gesteigerten privaten und öffentlichen Bauthätigkeit: zahlreiche 
Behörden, Verwaltungen und Anstalten erhielten in Strassburg ihren Platz, 
neue geschäftliche Unternehmungen wurden begründet, der Zuzug aus 
Altdeutschland überwog sehr bald die allerdings nicht unerhebliche Aus- 
wanderung französischer und auch elsässischer Familien und bedingte 
damit eine sehr starke Zunahme der Bevölkerung — von 84167 und 85654 
in den Jahren 1866 und 1871 auf 123500 bei der letzten Volkszählung, oder 
wenn wir die Civilbevölkerung allein berücksichtigen, von 75774 und 78130 
in den ersterwähnten Jahren auf 109861 im Jahre 1890, wobei allerdings 
die Bannmeile ein relativ stärkeres Anwachsen zeigt als die innere Stadt; 
die erwähnte Auswanderung hat eben mehr die Stadtbevölkerung betroffen, 
von der Verschiebung durch Aufsuchen der billigeren Wohnungen in den 
Vororten ganz abgesehen. 

Für die Befriedigung dieses Baubedürfnisses war in dem Strassburg, 
wie es an das Deutsche Reich zurückfiel, kein Raum. In vollen drei Jahr- 
hunderten, von 1580 bis 1870, hat die „wunderschöne" Stadt, in einen 
erstickend engen Steinpanzer eingeschnürt, fast keinerlei topographische 
Veränderung erfahren; der bebaute Raum und die Zahl der Häuser ist in 
dieser ganzen Zeit fast unverändert geblieben, während die Bevölkerung 
sich verdreifachte, von etwa 25000 auf 84000 (Zählung von 1866). Nimmt 
man dazu die Thatsache, dass es Strassburg bis 1870, trotz mehrfacher 
Anläufe, weder zu einer Wasserleitung noch zu einer Kanalisation, wie 
sie den hygienischen Forderungen entsprechen, gebracht hat, so ist die 
relativ hohe Sterblichkeitsziffer, durch die sich die Stadt ungünstig aus- 
zeichnete, wohl begreiflich. 

Zu baulicher Verbesserung in beschränktem Umfange bot sich sofort 
Gelegenheit. Neben mehreren öffentlichen Gebäuden hatten bei der Bela- 
gerung die Häuserzüge der Stein-, Kronenburger- und Weissthurmstrasse 
schwer gelitten. Das Deutsche Reich zahlte dafür an Entschädigung 
über 3 Millionen Mark an die Stadt und 36 x k Millionen an Private; die 
Entschädigung war reichlich genug bemessen, dass die Gebäude durchwegs 
stattlicher wieder aufgebaut werden konnten, als sie früher gewesen waren. 

Sollte aber die weitere Bauentwicklung der Stadt den gestellten neuen 
Aufgaben im ganzen Umfange gerecht werden, so war die erste Voraus- 
setzung dafür eine bedeutende Erweiterung des bebaubaren Grund und 
Bodens. Sehr frühzeitig schon trat man dieser Frage der Stadterweiterung 



Einleitung. 



383 



nahe, die dann die ganze Entwicklung Strassburgs bis heute beherrscht 
hat. Am 29. Mai 1871 war General Moltke nach Strassburg gekommen, 
um die Frage der Umgestaltung der Festung zu studiren. Am Tage seiner 
Ankunft bereits hatte er mit dem Vorsitzenden der Munizipal-Kommission, 
dem Adjunkten Klein, eine Unterredung, in der er nach den Wünschen der 
Bevölkerung bezüglich „der vielleicht thunlichen Hinausschiebung eines 
Theiles der Stadtumwallung" fragte. Herr Klein wurde von der Munizipal- 
Kommission ermächtigt, dem General Moltke den Wunsch nach einer 
Stadterweiterung auszusprechen, durch welche der Contades und die Oran- 
gerie in die neue Stadt einbezogen würden — ein Projekt, das schon in 
den 40 er Jahren von dem damaligen Maire Schützenberger eifrig verfolgt 
und dessen Durchführung namentlich durch die Revolution von 1848 ver- 
hindert worden war. Im Februar 1872 wurde dann dem Gemeinderathe 
offiziell mitgetheilt, dass die Festung Strassburg mit einem Gürtel von 
Forts umgeben werden solle, welcher die Stadt künftighin gegen ein Bom- 
bardement schützen werde, und dass die Reichsregierung sich mit dem 
Projekte einer Vergrösserung der Stadt nach der Nordfront beschäftige. 

Auf die Einzelheiten der Entwicklung dieser Stadterweiterungsfrage 
können wir hier leider nicht eingehen, nur die Hauptpunkte dürfen kurz 
angedeutet werden. 1 ) Im Mai 1874 richteten 83 Strassburger Bürger, denen 
die Verhandlungen zu langsam gingen, Vertreter angesehener einheimischer 
Familien und Firmen, eine Eingabe an den Reichskanzler Fürsten Bismarck, 
er möge doch dahin wirken, dass „sobald als irgend möglich die Wälle 
hinausgeschoben und die Erlaubniss ertheilt werde, auf dem Grunde, der 
in der alten Militärzone inbegriffen sei und der in den neuen Gürtel ein- 
treten soll, Bauten aufzuführen". Darauf erfolgte im Juni der Bescheid, 
der Kriegsminister werde die baldige Ausführung der Stadterweiterung 
möglichst fördern, auch würden noch im laufenden Jahre die erforderlichen 
Geldmittel beim Reichstage beantragt werden. 

Die Beschaffung dieser Mittel bereitete Schwierigkeiten. Der Kosten- 
anschlag der neuen Enceinte bezifferte sich auf 20 Millionen Mark, von 
denen (nach dem Gesetze vom 8. Juli 1872) nur rund 3 Millionen vorhanden 
waren. Auf einen weiteren Beitrag aus Reichsmitteln erklärte die Regierung 
sich nicht einlassen zu können, da „die gegenwärtig projektirte Hinaus- 
schiebung der Umwallung das militärische Erforderniss weit übersteige 
und vorzugsweise die Befriedigung der städtischen und der Verkehrs- 
interessen im Auge habe." Die Stadt möge daher entsprechende finanzielle 
Beihülfe leisten, am Besten wohl in der Weise, dass sie die Verwerthung 
der entbehrlich werdenden Festungsterrains in die Hand nehme und dem 
Reiche dafür als Kaufpreis die noch erforderlichen 17 Millionen bezahle. 
Dabei kam als günstiges Moment in Betracht, dass das Reich für die Neu- 

J ) Siehe die aktenmässige Darstellung der Verhandlungen in dem Anhang zum „Ergänzungs- 
budget des Jahres 1875 und Hauptbudget für das Jahr 1876", und dann das ausgezeichnete Werk: Topo- 
graphie der Stadt Strassburg nach ärztlich-hygienischen Gesichtspunkten bearbeitet, herausgegeben 
von Geh Med.-Rath Dr. KRIEGER, II. Aufl., Strassburg 18S9, p. 64 ff. 



384 



Das neue Strassburg. 



bauten. der Universität ein grösseres Terrain — bis zu 15 Hektar — übernehmen 
wollte, wofür rund I 1 /« Millionen an dem obigen Kaufpreise abgehen würden. 
Auch erklärte sich das Kriegsministerium nach langen Verhandlungen 
damit einverstanden, dass die alte Finkmattkaserne mit ihrem 4 Hektar 
grossen Exerzierplatze (wo jetzt die katholische Jung-Sankt-Peter-Kirche 
erbaut ist) beseitigt werde, die sich wie eine Mauer zwischen die Altstadt 
und den voraussichtlich wichtigsten Theil der Neustadt eingeschoben hätte. 
Endlich wurde auch von der Reichsregierung auf die Verzinsung der später 
zu bezahlenden Theile des Kaufpreises verzichtet. 

So kam denn am 2. Dezember 1875 der Vertrag zwischen dem Reiche 
und der Stadt Strassburg zu Stande, dessen wesentlichste Bestimmungen 
sind: das Reich überlässt der Stadtgemeinde Strassburg zu Eigenthum die 
Grundstücke, welche durch die Erweiterung der Umwallung entbehrlich 
werden, für den Kaufpreis von 17 Millionen Mark; die Grundstücke werden 
der Stadt nach Massgabe des Fortschreitens der neuen Umwallungsbauten 
mit aller Beschleunigung, die aus fortifikatorischen Rücksichten zulässig 
ist, spätestens bis 1. April 1880 übergeben; die Einebnung der Grundstücke 
bleibt der Stadt überlassen , der auch die darauf befindlichen Baumaterialien 
zufallen; das Reich behält sich die Auswahl eines Bauterrains für die 
Universität bis zur Grösse von 15 Hektaren gegen die im Vertrage ange- 
nommenen Einheitspreise vor; die Zahlung des Kaufpreises erfolgt vom 
1. Januar 1879 ab in Theilzahlungen bis 1893. Diese Tilgungsfrist wurde 
später bis 1903 verlängert. 

Damit war die wichtigste Frage, die Beschaffung eines ausreichenden 
Bauterrains für die Stadt entschieden. Gleichzeitig hatte das endgiltig 
festgestellte Projekt der Stadtumwallung die glückliche Lösung einer für 
die kommerziellen Interessen der Stadt äusserst wichtigen Einzelfrage 
gebracht. Ende 1872 bereits hatte die Eisenbahnverwaltung das Projekt 
eines neuen Bahnhofes ausgearbeitet: das schmale sackähnliche Gebäude 
des alten Bahnhofes, in das 5 Linien wie in einen Trichter mündeten, 
genügte schon längst nicht mehr; nach dem neuen Projekte der deutschen 
Bahnverwaltung sollte die Bahn fortan die Stadt in tangenten Linien berühren, 
in einer grossgedachten Bahnhofsanlage zwischen dem Kronenburger- und 
dem Weissthurmthore. Nach längerem Widerstreben erklärte sich die 
Militärverwaltung schliesslich bereit, nicht nur, wie zuerst ausschliesslich 
vorgesehen war, im Norden, sondern auch im Westen eine Verschiebung 
des Walles eintreten zu lassen, wodurch die neue Bahnhofsanlage er- 
möglicht wurde. 

Durch diese Erweiterung, die bis 1879 thatsächlich vollzogen wurde, 
war der Flächeninhalt der inneren Stadt fast auf das Dreifache von früher 
angewachsen : von 232 auf 618 Hektar. Es galt nunmehr dafür zu sorgen, 
dass das neugewonnene Bauareal nicht planlos bebaut würde; es mussr.e 
ein sorgfältig überlegter Bebauungsplan festgestellt werden. Die Stadt- 
verwaltung beauftragte den Baurath Orth in Berlin und den Strassburger 
Stadtbaumeister Conrath, einen solchen Plan auszuarbeiten, der Universitäts- 



Einleitung. 



385 



baumeister Eggert reichte aus freien Stücken eine Skizze zu einem Be- 
bauungsplane ein. Im Herbst 1878 wurde dann zur Berathung über die 
wichtige Frage dieses Bebauungsplanes eine Kommission eingesetzt, in 
welcher die Strassburger Architekten- und Handelswelt, sowie die betheiligten 
Behörden vertreten waren; von auswärts waren mehrere sehr angesehene 
Fachmänner, Prof. Baumeister aus Karlsruhe, Stadtbaumeister Kreyssig 
aus Mainz (wo gleichfalls eine Stadterweiterung eben durchgeführt wurde), 
Oberbaurath von Leins aus Stuttgart, Oberingenieur Mayer aus Hamburg 
und Baurath Orth aus Berlin, berufen. 

Diese Kommission trat in der letzten Septemberwoche 1878 zu mehreren 
Sitzungen zusammen, von deren Ergebnissen hier nur die folgenden Punkte 
als die wichtigsten hervorgehoben werden sollen: 1 ) 

1. Der Bebauungsplan von Conrath wurde — mit kleiner Majorität — 
angenommen. Er unterschied sich von dem Plane Orth's hauptsächlich 
durch die Anlage des Kaiserplatzes, der den Mittelpunkt der Neustadt zu 
bilden bestimmt war: Orth hatte die Verlängerung der Axe des Broglie- 
platzes als Axe für den künftigen Kaiserplatz angenommen und die wich- 
tige Verbindungsstrasse von der Universität nach dem Kaiserplatz an einer 
Ecke dieses letzteren schräg einmünden lassen; Conrath dagegen hatte, 
unbekümmert um den Broglieplatz, der ja doch durch das Theater that- 
sächlich abgeschlossen ist, die Richtung vom Münster nach dem Schiltig- 
heimer-Thor als Axe für den Kaiserplatz angenommen und es dadurch 
ermöglicht, dass die Verbindungsstrasse von der Universität her senkrecht 
auf die Längsaxe des Kaiserplatzes einlief. Hinsichtlich der Strassen- 
züge erfuhr der Conrath'sche Plan im Einzelnen mehrere Modifikationen; 
für das Nähere müssen wir auf die „Protokolle" selbst verweisen. 

2. Auf Antrag des Kreisarztes Dr. Krieger wurde einstimmig be- 
schlossen, das Höhenrelief der neuen Stadttheile müsse so projektirt werden, 
dass der Anlage einer alle Stadttheile, mit Einschluss der alten, umfassenden 
Schwemmkanalisation mit freiem Auslauf in den Rhein nicht präjudizirt 
werde und die Strassenoberfläche mindestens 2,50 m über der Sohle der 
Schwemmkanäle liege. < 

3. Professor Baumeister stellte eine Reihe nicht übertrieben weit- 
gehender Forderungen auf, hinsichtlich der Beschränkung der Baufreiheit 
in Bezug auf Verkehr, Sanität und Feuersicherheit. Obgleich einige der 
Strassburger Mitglieder der Kommission in den vorgeschlagenen baupoli- 
zeilichen Bestimmungen „eine unzulässige Beeinträchtigung des Grund- 
eigenthümers und eine prinzipielle Abweichung von den gegenwärtig für 
Strassburg geltenden und nach ihrer Ansicht im Allgemeinen genügenden 
baupolizeilichen Vorschriften" erblickten, sprach die Kommission doch als 
ihre Ansicht aus, dass die gegenwärtige Bauordnung einer Modifikation be- 
dürfe, und empfahl die Vorschläge Baumeister's der Stadtverwaltung zur 
Berücksichtigung bei Aufstellung der Bauordnung für die neuen Stadttheile. 



a )Vergl. Protokolle über die Sitzungen der Kommission zur Feststellung des Bebauungsplanes 
für die Stadt Strassburg. Strassburg. Buchdruckerei von G. Fischbach, 1879. 

25 



386 



Das neue Strassburg. 



4. Endlich ward die Hafenfrage eingehend erörtert, die gleichfalls seit 
Anfang 1872 bereits auf der Tagesordnung des öffentlichen Lebens in 
Strassburg stand. Im Januar dieses Jahres hatte die Handelskammer die 
Herstellung einer Wasserstrasse für Rheinschiffe — eigener Kanal von 
Ludwigshafen her oder Schiffbarmachung des Rheines selbst — nebst An- 
legung eines grossen Handelshafens mit Stapelplätzen, und Berücksich- 
tigung dieses Unternehmens bei der projektiven Stadterweiterung als „sehn- 
lichen Wunsch" ausgesprochen. In dem Plane von Orth war dieser Hafen 
hinter der Orangerie und dem Kloster zum guten Hirten vorgesehen. Von 
kaufmännischer Seite wollte man ihn in der Nähe der Universitätsanlagen 
vor dem Fischerthore haben, was aber wegen der bei dieser Lage unver- 
meidlichen Beeinträchtigung der Hochschule von der Kommission sofort 
abgelehnt wurde. Nach eingehenden Verhandlungen unterschied die Kom- 
mission schliesslich zwischen den augenblicklichen Bedürfnissen, für welche 
zweckmässig eingerichtete Lagerplätze an der oberen und unteren III ge- 
nügten und den Verkehrsbedürfnissen, die sich bei lebhafterer Wasserver- 
bindung mit den niederrheinischen Handelsplätzen einstellen würden; für 
diesen letzteren Fall erklärte die Kommission „das Terrain längs eines auf 
der Ost- und Südseite der Stadt zu führenden Verbindungskanales zwischen 
III und Ill-Rhein-Kanal" als vorzugsweise geeignet. 

Die nächste Folge dieser Verhandlungen war, dass im Frühjahr 1879 
ein Gesetzentwurf , betreffend Beschränkungen der Baufreiheit in den neuen 
Stadttheilen von Strassburg, dem Landesausschusse vorgelegt wurde. In 
diesem Entwürfe (§ 7) war für den Bürgermeister folgende wichtige Be- 
fugniss vorgesehen: „An Strassen und Plätzen, welche in dem Bebauungs- 
plan vorgesehen, aber noch nicht für den öffentlichen Verkehr und den 
Anbau fertig gestellt sind, dürfen Wohngebäude, welche nach diesen 
Strassen oder Plätzen ihren Ausgang haben, nur mit Genehmigung des 
Bürgermeisters errichtet werden." Diese Bestimmung hätte zweifellos der 
Stadtverwaltung die Möglichkeit geboten, einestheils die im Besitze der 
Stadt selbst befindlichen Grundstücke vortheilhafter zu verwerthen, und 
andererseits die Bebauung in feste Bahnen zu lenken. Leider ist aber 
diese Bestimmung wesentlich geändert worden. Das am 21. Mai 1879 zu 
Stande gekommene Gesetz beschränkt sich auf die für eine planmässige 
Bebauung unerlässliche Bestimmung, dass auf dem Gebiete der Stadt- 
erweiterung Gebäude nur unter Beobachtung des durch den Bebauungsplan 
festgestellten Alignements errichtet werden dürfen, sowie auf die finanzielle 
Betheiligung der Grundbesitzer an der Anlage der Strassen. 1 ) Im Landes- 



!) Mit Rücksicht auf seine Wichtigkeit mag dieses Gesetz unter Weglassung der Formalien hier 
wörtlich abgedruckt werden: 

„§ 1. Nach der Bekanntmachung des festgestellten Bebauungsplanes für das durch die Er- 
weiterung der Umwallung von Strassburg der Stadt zutretende Terrain dürfen auf demselben Gebäude 
nur unter Beobachtung des Alignements und der besonderen Bedingungen errichtet werden, welche im 
Gesundheits- und Entwässerungsinteresse in einer von dem Bürgermeister zu erlassenden und zugleich 
mit der Bekanntmachung des Bebauungsplanes in zwei der für gesetzliche Publikationen bezeichneten 
Zeitungen zu veröffentlichenden Verordnung vorgeschrieben werden. 



Einleitung. 



387 



ausschusse scheuten Einzelne vor jedem „Eingriff in das Privateigenthum" 
zurück. Man konnte sich aber doch der Erkenntniss nicht entziehen, dass 
eine planmässige Bebauung unbedingt nothwendig sei und dass eine finan- 
zielle Heranziehung der Grundbesitzer bei der kolossalen Werthsteigerung, 
welche diese Grundstücke erfahren hatten, wahrlich nur der Billigkeit 
entspreche. 

Den Bestimmungen dieses Gesetzes gemäss wurde der Bebauungsplan 
der Neustadt sofort nach erfolgter Genehmigung durch die Regierung 
(7. April 1880) veröffentlicht. Zu einer eigentlichen neuen Bauordnung 
aber sollte es noch nicht so bald kommen. Nach der bestehenden franzö- 
sischen Gesetzgebung war zwar der Bürgermeister zum Erlass von bau- 
polizeilichen Verordnungen berechtigt und auch im Landesausschusse, 
wo man gewiss mit allen auf Beschränkung des Eigenthumsrechtes ab- 
zielenden Fragen sehr vorsichtig umging, wurde es nicht nur als Recht, 
sondern auch als Pflicht der Stadtverwaltung betont, die Interessen der 
Gesundheitspflege und selbst die der Verschönerung — Höhe der Gebäude, 
Gleichmässigkeit der Fassaden und dergl. — zu wahren. Die entgegen- 
stehenden grossen Schwierigkeiten verzögerten indess das Zustandekommen 
der Bauordnung sehr wesentlich. Bei der bedeutenden finanziellen Last, 
welche die Stadt mit dem grossen Unternehmen der Stadterweiterung auf 
sich genommen hatte, war es natürlich von der grössten Wichtigkeit, dass 
die Verkäuflichkeit der Grundstücke und die Baulust so wenig wie möglich 
durch lästige Bedingungen beeinträchtigt wurden. So kam es, dass 
die Stadtverwaltung, die trotz alles Widerstrebens weiter Kreise die aus 
hygienischen Rücksichten geforderte Aufhöhung des Bauterrains in den 
neuen Stadttheilen konsequent durchsetzte, im Einzelnen von stärkerem 
Eingreifen in die Bebauungspläne sich möglichst enthielt und hinsichtlich 

§ 2. Alle Neubauten, sowie Um- und Anbauten, welche vom Tage der Bekanntmachung des 
Bebauungsplanes ab auf den zur Anlegung von Strassen und öffentlichen Plätzen bestimmten Grund- 
flächen errichtet werden, bleiben, wenn die für die Strasse oder den öffentlichen Platz bestimmte Grund- 
fläche dem Eigenthümer im Wege der Zwangsenteignung entzogen wird, bei Feststellung der Ent- 
schädigung unberücksichtigt. Diejenigen im Bebauungsplane verzeichneten Parzellen, welche ganz in 
die planmässigen Strassen oder Plätze fallen, sowie diejenigen, welche von letzeren so durchschnitten 
werden, dass der hinter der Fluchtlinie verbleibende Rest kein bebaubares Grundstück mehr bildet, hat 
die Stadt bis zum 31. Dezember 1885 zu erwerben. Tn die Strassen oder Plätze fallende Grundstticks- 
theile müssen erworben werden, sobald auf den innerhalb der Fluchtlinie befindlichen Theilen der 
betreffenden Parzelle Wohnhäuser oder sonstige grössere Gebäude errichtet werden. 

§ 3. Die Eröffnung und Instandsetzung einer Strasse erfolgt auf Beschluss des Gemeinderaths. 
Dieselbe muss erfolgen, sobald die nach der Fassadenlänge zu berechnende Mehrheit der an die 
betreffende Strasse angrenzenden Grundeigenthümer sich verpflichtet, ihre Grundstücke zu überbauen. 

§ 4. Die an eine Strasse angrenzenden Grundeigenthümer haben im Verhältniss der Fassaden- 
länge ihrer Grundstücke, ausser der Bezahlung des Werthes des zur Strasse erforderlichen Grund und 
Bodens, die Kosten der ersten Anlage der Strasse, der Einebnung, Entwässerung, des Pflasters und des 
Trottoirs zu tragen. Dabei kann der einzelne Eigenthümer nicht für mehr als die Hälfte der Strassen- 
breite, und wenn die Strasse breiter als 20 Meter ist, nicht für mehr als 10 Meter herangezogen werden. 
Die Stadt ist nicht berechtigt, von den in die Stadterweiterung fallenden Grundeigenthümern auf Grund 
des Artikels 30 des Gesetzes vom 30. September 1807 eine Entschädigung für den ihren Grundstücken 
durch die Anlegung von Strassen und Plätzen erwachsenden Mehrwerth zu verlangen. Die Zahlung 
der auf die einzelnen Grundstücke entfallenden Kosten hat zu erfolgen, sobald auf demselben Gebäude 
errichtet werden. Die Beitreibung erfolgt in den Formen der Beitreibung der direkten Gemeindesteuern." 

Diese Bestimmungen sind dann durch Gesetz vom 6. Januar 1892 auf die ausserhalb der Um- 
wallung liegenden Theile des Stadtgebietes, für welche ein Bebauungsplan bisher nicht aufgestellt war ) 
ausgedehnt worden, sodass sie mit der Bekanntmachung des festgestellten Bebauungsplanes in Kraft zu 
treten haben. 

25* 



388 



Das neue Strassburg. 



der Hygiene und der Feuersicherheit sich auf die unumgänglich noth- 
wendigen Forderungen beschränkte. Erst mit dem 1. März 1892 ist eine 
einheitliche Bauordnung in Kraft getreten, die all den angedeuteten Forde- 
rungen gerecht zu werden sucht, sodass für die weitere Entwickelung eine 
durchgreifende Besserung dieser Verhältnisse zu erwarten ist. 

Es mag noch kurz bemerkt werden, dass die Stadterweiterung, die 
eine Lebensfrage für Strassburg gewesen ist und daher hinsichtlich der 
Rentabilität vernünftiger Weise nicht wie ein beliebiges anderes Unter- 
nehmen beurtheilt werden darf, doch auch finanziell sich günstiger abge- 
wickelt hat und weiter abwickelt, als anfangs von vielen Seiten ange- 
nommen wurde. Nach einem amtlichen Berichte von 1889 x ) waren damals 
aus den Festungsgrundstücken einschliesslich der Strassengebühren und 
gewisser Pachtgebühren rund 5 J /2 Millionen Mark eingenommen, auf etwas 
über 8 Millionen wurde der Werth der noch zu verkaufenden Grundstücke, 
auf etwas über 2 Millionen der Werth der in das Patrimonialvermögen der 
Stadt aufgenommenen Grundstücke und auf 3 Millionen der Werth des 
Strassenterrains geschätzt; im Ganzen war sogar — die Grundlagen der 
Berechnung sind allerdings naturgemäss unsicher — ein Einnahmeüberschuss 
von rund einer Million herausgerechnet. Ist dieses Ergebniss auch nicht 
glänzend, so kann dasselbe doch immerhin als günstig bezeichnet werden. 
Auch ist nicht zu vergessen, dass der Stadt durch die Stadterweiterung 
sehr erhebliche mittelbare Einnahmen zu Theil geworden sind; die Oktroi- 
Einnahmen von der durch die Stadterweiterung ermöglichten umfassenden 
Bauthätigkeit und eine beträchtliche Werthsteigerung von Gemeinde- 
grundstücken, die für die neue Umwallung verkauft wurden. 

Interessant wäre hier ein näheres Eingehen auf die Frage, wie sich 
dieWohnungsverhältnisse in Strassburg infolge der Stadterweiterung geändert 
haben. Aus Mangel an Raum, wie aus Mangel an völlig ausreichendem 
Material müssen wir uns mit einigen Andeutungen begnügen. Nach dem 
Verwaltungsberichte über die Zeit von 1871—1889, den die Stadtverwaltung 
in dankenswerther Weise soeben ausarbeiten und drucken lässt, ist die 
Zahl der Wohnhäuser innerhalb der Mauern von 1871 bis 1885 von 3053 auf 
3681, also um 628 gestiegen 2 ). An dieser Zunahme ist der West- und der 
Nordkanton mit 299 und 267 betheiligt, und zwar weist bei dem West- 
kanton das Jahrfünft 1871—1875 allein schon eine Steigerung von 143 Wohn- 
häusern auf, in denen wir in der Hauptsache den Ersatz für die zerstörten 
Gebäude zu erblicken haben. Sehr bemerkenswerth ist nun die Thatsache, 
dass trotz dieser Vermehrung der Wohnhäuser und trotz der früher schon 
erwähnten theilweisen Auswanderung in die Vororte gleichzeitig die 
Wohndichtigkeit zugenommen hat; es trafen in den Volkszählungsjahren 
von 1871 ab 16,58 — 16,86 — 17,74 und 17,75 Personen auf eine bewohnte 



1 ) S. Anhang zu dem Berichte der verstärkten II. Kommission des Gemeinderathes über die 
Verwaltungsrechnung der Stadt Strassburg für 1887/88. 

2 ) Verwaltungsbericht der Stadt Strassburg von 1871—1889. Im Auftrage der Stadtverwaltung 
bearbeitet von Dr. KARL BÜCHEL, p. 8 ff. 



Einleitung. 



389 



Wohnstätte, die entsprechende Zahl für 1866 war nur 16,40 gewesen, — wir 
haben also eine nicht sehr bedeutende, aber gleichmässige Steigerung der 
Wohndichtigkeit, die allerdings bis zum Jahre 1880, wo die Stadterweiterung 
erst in Betracht kommt, sehr erklärlich ist bei der starken Einwanderung, 
die Strassburg erfahren hat. Bei Ausscheidung nach Kantonen zeigt der 
Nordkanton allein einen kleinen Rückgang der Wohndichtigkeit, im Ost- 
kanton ist die Steigerung auffallend (von 24 auf 29, Einfluss der Militär- 
bevölkerung ?), im Süd- und Westkanton ist die Zunahme geringer. Im 
Ganzen zeigt diese kleine Statistik die auch ohne Statistik zu beobachtende 
Thatsache, dass bisher in der Hauptsache immer nur für die ohnehin 
schon besser wohnenden Klassen gebaut worden ist, dass aber auf dem 
Gebiete der Stadterweiterung keine Bauten aufgeführt worden sind, in 
denen auch den Minderbemittelten gesunde und billige Wohnungen geboten 
worden wären und die also zur Entlastung der in dieser Hinsicht vielfach 
noch sehr traurig gelagerten alten Stadttheile dienen könnten. Und doch 
hatte man geglaubt, gerade auch nach dieser Richtung von der Stadt- 
erweiterung günstigen. Einfluss erwarten zu dürfen; so hatte auch die 
erwähnte Kommission in der Sitzung vom 28. September 1878 der Stadt- 
verwaltung empfohlen, „alle Bestrebungen zu unterstützen, die darauf 
gerichtet sind, gesunde Wohnungen für die ärmeren Klassen zu schaffen, 
namentlich durch Ueberlassung von Bauplätzen zum Selbstkostenpreise". 

Es muss hier übrigens beigefügt werden, dass es an solchen Bestrebungen, 
der W T ohnungsnoth der ärmeren Klassen abzuhelfen, nicht ganz gefehlt 
hat. Vielmehr ist eine grössere Zahl von entsprechenden billigen Wohnungen 
durch die Armenverwaltung eingerichtet worden, und neuerdings geht, 
von der Stadtverwaltung gefördert, eine gemeinnützige Gesellschaft („Volks- 
wohnungen") thatkräftig in gleichem Sinne vor ; sie wählte aber bisher ihre 
Bauplätze innerhalb der alten Stadt. Auch ist im Jahre 1881 (auf Grund 
des Gesetzes vom 13. April 1850) eine Kommission zur Untersuchung un- 
gesunder Wohnungen eingesetzt worden, die namentlich in der ersten 
Hälfte der 80 er Jahre eine ausgedehnte und erfolgreiche Thätigkeit 
entfaltet hat. Immerhin aber lassen die Wohnungsverhältnisse in den alten 
Stadttheilen auch heute noch ausserordentlich viel zu wünschen übrig. 

Von günstigem Einflüsse auf die allgemeinen sanitären Verhältnisse 
waren weiterhin eine Reihe von wichtigen Unternehmungen, welche die 
Stadt seit 1871 glücklich durchgeführt hat; wir erinnern hier nur kurz — die 
Einzelheiten finden sich ja an anderer Stelle dieses Buches — an die Ver- 
besserung von Strassenzügen und Wasserläufen, an die Erweiterung des 
Dohlennetzes, an die Herstellung eines grossen Schlachthauses und Vieh- 
hofes, vor allem an die Ausführung der seit 1820 bereits projektiven Wasser- 
leitung. Es ist denn auch erfreulicher Weise die hohe Sterblichkeitsziffer 
Strassburgs seit 1870 in einem langsamen aber gleichmässigen Rückgang 
begriffen, von ca. 31 vor 1870 und von 30,64 im Jahre 1871, auf 26,45 im 
Jahre 1884/85. Mit grossem Interesse sehen wir sowohl in dieser Hinsicht 
wie auch bezüglich der vorhin besprochenen Frage der Wohnungsdichtig- 
keit der Aufarbeitung der Volkszählung von 1890 entgegen. 



390 



Das neue Strassburg. 



Es bleibt uns noch der Hinweis auf zwei wichtige Punkte: 
Einmal auf die Thatsache, dass Strassburg zur kräftigen Förderung 
seines Handels in der Hafenfrage in den Jahren 1890 bis 1892 den ent- 
scheidenden Schritt gethan hat. Obgleich noch immer nicht entgiltig ent- 
schieden ist, in welcher Weise die nothwendige Wasserverbindung mit den 
niederrheinischen Handelsplätzen hergestellt werden soll, hat die Stadt mit 
der Anlage eines auf einen grossen Handelsverkehr berechneten Hafens 
nicht länger mehr warten wollen. Sie hat eine bedeutende Hafenanlage 
geschaffen an der Stelle, die seinerzeit durch die Kommission von 1878 
empfohlen wurde, längs des sogenannten Umleitungskanales, der zur Ent- 
lastung der inneren Stadt von dem grösseren Schiffsverkehre in den Jahren 
1880 und 1881 durch das Land unter finanzieller Betheiligung der Stadt 
selbst gebaut worden ist. 

Und andererseits muss hingewiesen werden auf die erstaunliche Bau- 
thätigkeit, die in diesen beiden Jahrzehnten zur Herstellung öffentlicher 
Bauten entfaltet worden ist, eine Bauthätigkeit, an welche ohne die Stadt- 
erweiterung überhaupt nicht zu denken gewesen wäre. Die Organisation 
der Landesverwaltung und die Einrichtung des Landesausschusses, die 
Begründung der Universität — die heute allein zwei mächtige Gebäude- 
gruppen mit 15 neuen Gebäuden umfasst — , die Vermehrung der Garnison, 
die Steigerung der Zahl der schulpflichtigen Kinder mit Einführung der 
allgemeinen Schulpflicht (eine Steigerung von ca. 4500 zu Ende der 60 er 
Jahre auf ca. 15000 im Jahre 1889), all das hat eine Masse von grossen Neu- 
bauten nothwendig gemacht, die zumeist in monumentaler Weise ausgeführt 
worden sind. Es sei hier nur erinnert an die Gebäude am Kaiserplatze: 
der Kaiserpalast, mit dem das Deutsche Reich dem Kaiser ein Absteige- 
quartier in Strassburg geschaffen hat, das Landesausschuss- und das 
Bibliotheksgebäude (in der Nähe soll in nächster Zeit ein Ministerial- 
gebäude und das Postdirektionsgebäude errichtet werden), dann an den 
Neubau für das Bezirkspräsidium — die frühere Präfektur wurde zu einer 
würdigen Wohnung für den Kaiserlichen Statthalter umgestaltet — , an die 
Kreisdirektion, das Zolldirektionsgebäude, verschiedene höhere und niedere 
Schulen, die Kunstgewerbeschule, das eben im Bau begriffene Lehrer- 
seminar, dann an die Militärbauten (mehrere Kasernen, die Garnisonswasch- 
anstalt und das Proviantamt). Vergessen wir endlich nicht, dass die Ver- 
mehrung der Zivil- und Militärbevölkerung mehrere neue Kirchenbauten 
veranlasst hat (die Jung Sankt Peter-Kirche ist nahezu vollendet, die evan- 
gelische Garnisonskirche wird auf der Heleneninsel soeben gebaut, eine 
katholische Garnisonskirche ist für den Platz nordöstlich vom Universitäts- 
gebäude in Aussicht genommen), und dass mit der Steigerung des Verkehrs 
eine Reihe von Brückenbauten nothwendig geworden ist. 

Gewiss eine Bauthätigkeit nach allen Richtungen, wie sie in gleicher 
Weise nicht leicht wieder die Entwicklung einer Stadt mit sich bringt. 
Und wohl mag im Einzelnen so Manches weniger gelungen sein, stark 
ästhetisch veranlagte Gemüther sind mit Recht von mancher Erscheinung in 



Die Kirchen der Neuzeit. 



391 



der Neustadt, namentlich auch auf dem Gebiete der Privatbauthätigkeit, 
wenig erbaut, im Grossen und Ganzen aber, darüber herrscht wohl Ein- 
stimmigkeit, sind diese gewaltigen Transaktionen doch in äusserst glücklicher 
Weise durchgeführt worden. 

Unbillig wäre es, würde an dieser Stelle nicht ausdrücklich darauf 
hingewiesen, dass durch ein günstiges Geschick der rechte Mann zur 
Lösung der schwierigen Aufgabe an die Spitze der städtischen Verwaltung 
gestellt worden und die Leitung der Geschicke Strassburgs in dieser ganzen 
Uebergangszeit in den Händen dieser einen Persönlichkeit geblieben ist. 
Allerdings wurde der Unterstaatssekretär z. D. Otto Back, der seit dem 
12. April 1873 als von der Regierung bestellter Bürgermeistereiverwalter 
fungirte, am 25. April 1880 zum Präsidenten des Bezirks Unter-Elsass berufen, 
und trat damit von der unmittelbaren Verwaltung der Stadt zurück. Aber 
auch in dieser Stellung konnte er einen sehr grossen Einfluss auf die 
Stadtverwaltung ausüben. Am 11. Juli 1886 von der Bürgerschaft in den 
Gemeinderath gewählt, wurde er dann am 23. Juli 1886 zum Bürgermeister 
ernannt und verwaltet seitdem mit einer kurzen Unterbrechung im Jahre 
1887, in welchem er zur Uebernahme der Abtheilung für Landwirthschaft, 
Finanzen und Domänen in das Ministerium berufen wurde, die Stadt bis 
auf den heutigen Tag. Seinem versöhnenden Wirken und seinem grossen 
Organisationstalente ist es hauptsächlich zu danken, das die im Nach- 
folgenden beschriebenen grossen Bauunternehmungen der Stadt durch- 
geführt worden sind, und dass die Bürgerschaft mit Vertrauen der weiteren 
Entwicklung der Stadt entgegensieht. 



X. ABSCHNITT. 

DIE KIRCHEN DER NEUZEIT. 

a) Bearbeitet von Architekt Th. Schmitz. 



In Ergänzung der im ersten Theile gebrachten Abhandlung über die 
älteren Denkmäler kirchlicher Baukunst seien nachstehend noch die be- 
deutenderen Kirchen und Kapellen der Neuzeit einer kurzen Besprechung 
unterzogen. Bei dieser Gelegenheit verdient die Thatsache besondere 
Erwähnung, dass nahezu drei Jahrhunderte hindurch auf diesem Gebiete 
keine auch nur annähernd hervorragende Schöpfung zu verzeichnen ist. 
Zum ersten Male sehen wir die mittelalterliche Bauweise wieder ange- 
wendet bei dem im Jahre 1855 begonnenen Neubau der Allerheiligen- 
Kapelle, welche in ihrer ganzen Auffassung eine für die damalige Zeit 
bedeutende Leistung genannt werden darf. Die Anlage erinnert im Wesent- 
lichen an die Erzbisthumskapelle zu Reims, nur ist bei derselben ein grösserer 
Detail-Reichthum entfaltet, der sofort den unmittelbaren Einfluss des 



392 



Das neue Strassburg. 



Münsters erkennen lässt. Für die hier zur Ausführung gebrachte Grundriss 
disposition dürfte damals kaum ein Beispiel bestanden haben. Durch Ein- 
schiebung der Strebepfeiler in den Innenraum der Kapelle und Herstellung 
von Durchgangsöffnungen in denselben wurden gewissermaassen schmale 
Seitenschiffe geschaffen, die auch äusserlich als solche charakterisirt sind 
Die Grösse der Kapelle im Lichten gemessen beträgt: 27,25 m Länge 
bis zur Abschlusswand des Chores, 7 m Breite zwischen den Strebepfeilern 
■ und 11,30 m Breite zwi- 

schen den Umfassungs- 




mauern, bei einer 
Scheitelhöhe der Ge- 
wölbe von 11,80 m. 

Weiterhin fand die 
frühgothische Bauweise 

verständnissvolle An- 
wendung bei der Kloster- 
kapelle in der Elisa- 
bethengasse (Couvent 
des DamesR£paratrices), 
erbaut in den Jahren 1863 
bis 1866, nach dem Ent- 
würfe eines Ordensgeist- 
lichen P. J. Tournesac. 

Von den nach 1870 
erbauten oder noch in 
der Entstehung begriffe- 
nen Kirchen mögen hier 
Erwähnung bezw. ein- 
gehendere Berücksichti- 
gung finden: die soge- 
nannte Neue Kirche, die 
Zionskirche, die Jung St. 
Peterkirche , die Syna- 
goge und die katholische 
Garnisonkirche. 



Fig. 297. Die Allerheiligenkapelle. Die Neue Kirche, 

belegen im Mittelpunkte 

der Stadt zwischen Kleberplatz und Broglie, wurde erbaut in den Jahren 
1873—1876 an Stelle des während der Belagerung niedergebrannten „Temple 
neuf", der ehemaligen Dominikanerkirche (vergl. S. 252). Als ein im Jahre 
1872 ausgeschriebener Wettbewerb kein für die Ausführung unmittelbar 
geeignetes Projekt erbracht hatte, wurde dem Strassburger Architekten 
E. Salomon, dessen Entwurf ebenfalls preisgekrönt war, die Aufstellung 
eines neuen Projektes sowie dessen Ausführung übertragen. 

Völlig abweichend von den bis dahin in Deutschland üblichen Anlagen, 
begegnen wir hier einer in der neufranzösischen Schule für den protestanti- 



Die Kirchen der Neuzeit. 393 

sehen Kultus ausgebildeten Form, einem dreischiffigen romanischen Bau 
mit nur geringer Ueberhöhung des Mittelschiffs. Die Grundrissdisposition 
(Fig. 300) zeigt uns die eigentliche Kirche als einen rechteckig begrenzten 
Raum mit einer Breite von 27 m, wovon 17,50 m allein auf das Mittelschiff 
entfallen; von einer Chorausbildung musste nach den Bestimmungen des 
Programms überhaupt abgesehen werden. In der Axe der Ostwand fand 




Fig. 298. Die Neue Kirche. 

demnach die Kanzel und unmittelbar vor derselben der Altar Aufstellung. 
Die Seitenschiffe sind mit hohen Emporen versehen, welche mit der an 
der Westwand entwickelten besondern Orgelempore in direkter Verbindung 
stehen. Die sämmtlichen Schiffsräume sind mit reich casettirten Holzdecken 
abgeschlossen. Die an der Ostseite der Kirche errichteten Anbauten ent- 
halten einen geräumigen Konfirmandensaal, Sitzungszimmer, Sakristei etc. 

Die architektonische Gestaltung der Kirche ist streng einheitlich 
durchgeführt und es ist dem Erbauer gelungen, eine mächtige Gesammt- 
wirkung zu erzielen, im Innenraume sowohl wie auch bei den äusseren 



394 



Das neue Strassburg. 




Fig. 299. Neue Kirche. Querschnitt. 



Fassaden, woselbst er bestrebt war, den durch den gänzlichen Fortfall 
von Chor und Querhaus, sowie die fast gleiche Höhenentwickelung der 
Schiffe etwa hervortretenden Mangel an Gruppirung durch besonders 
kräftige Gliederung zu ersetzen. 

Erbaut wurde die Kirche in rothem Vogesensandstein und erforderte 
einschliesslich der Ausstattung und des erst später ausgebauten massiven 
Thurmes einen Kostenaufwand von 938000 M. 

Die Zionskirche der Evangel. 
Gemeinschaft , im westlichen Stadt- 
theile am sogenannten Zixplatze be- 
legen, ist ein in architektonischer 
Beziehung wenig bemerkenswerthes 
Erzeugniss einer neueren Richtung, 
bei welchem romanisirende Formen 
mit völlig modernem Gepräge zur 
Anwendung gelangt sind. 

Die neue Jung St. Peter- (Hers 
Jesu-) Kirche. Dieselbe wurde nach 

einem Entwürfe der Architekten 
Härtel & Neckelmann in den Jahren 
1889—1893 zur Ausführung gebracht, 
indem das bisher zum katholischen 
Gottesdienst verwendete Chor der 
alten Jung St. Peterkirche (vergl. S. 241) den räumlichen Anforderungen 
der Pfarrei bei Weitem nicht mehr genügte. 

Besonders künstlerisches Interesse erregt das Bauwerk durch die 
eigenartige Verschmelzung von Motiven der Frührenaissance — welche 

sich hauptsächlich in der Grundrissanlage 
(Fig. 303) und in der Massenvertheilung des 
Aufbaues finden — mit den Formen des 
Uebergangsstils. Den Kern der Anlage 
bildet der mächtige, über einem Quadrat 
von 18,50 m lichter Weite entwickelte 
Kuppelbau. Durch acht in den Quadrat- 
seiten angelegte mächtige Pfeiler wird die 
Ueberführung in ein Achteck von vier 
grösseren und vier kleineren Seiten be- 
wirkt; an dasselbe schliesst sich westlich ein verhältnissmässig kurzes 
Langhaus mit niedrigen Seitenschiffen, nach Osten das geräumige im 
Halbkreis geschlossene Chor mit Umgang und Kapellen ; nach Norden und 
Süden ist sodann das ebenfalls dreischiffig angelegte Querhaus mit halb- 
kreisförmigen Absiden entwickelt. In dem vordersten Joche des Langhauses 
ist zwischen den beiden dasselbe flankirenden Glockentürmen eine Orgel- 
empore errichtet. 

In ihrer äusseren Erscheinung stellt sich die Kirche als ein zwar ein- 
fach, aber äusserst wirkungsvoll gegliederter, imposanter Bau dar. Die 




Fig. 300. Neue Kirche. Grundriss. 



396 



Das neue Strassburg. 



eben erwähnten Thürme in der Westfronte sind mit Rücksicht auf die 
mächtige, dominirende Kuppel in massiger Höhe entwickelt und mit ein- 
fachen Zeltdächernabgeschlossen. Die Kuppel, welche äusserlich eben- 



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Die neue Jung St. Peter- (Herz Jesu-) Kirche. 



falls aus dem Viereck ins Achteck und dann ins Sechzehneck übergeführt 
ist, wird von 4 kleineren Thürmchen flankirt. 

Die Ausführung ist in Bruchsteinen mit einer Blendung von sogen. 
Moellons aus rothem Vogesensandstein bewirkt worden und erforderte rund 
637000 Mark. 



Die Kirchen der Neuzeit. 



397 



Die eben zur Vollendung gelangende innere Einrichtung der Kirche 
wurde in der Hauptsache nach Entwürfen des Dombaumeisters Schmitz 
hergestellt und erfordert noch einen besonderen Kostenaufwand von etwa 
100000 Mark. 

Die Synagoge, zugleich Religionsschule der israelitischen Religions- 
gesellschaft zu Strassburg (Fig. 304, 305) wurde im Jahre 1892 nach den 
Plänen des Architek- 
ten Issleiber auf dem 
Grundstück Kage- 
neckerstrasse 30 er- 
baut. Das ausschliess- 
lich religiösem Kultus 
dienende Gebäude be- 
deckt einen Flächen- 
raum von 321 qm und 
hat einen Kostenauf- 
wand von 45000 Mark 
erfordert. (13,40 Mark 
pro Cubikmeter um- 
bauten Raum.) Das- 
selbe ist nur in dem 
vorderen, an genann- 
ter Strasse belegenen 
Theile unterkellert 
und enthält im Uebri- 
gen zwei Geschosse. 

Im Kellergeschoss 
sind ausser den Ab- 
orten für Männer und 
Frauen und der Regen- 
wassercysterne zwei 
Zellen mit Zubehör für 
das rituelle Frauen- 
bad untergebracht. 
Im Erdgeschoss be- 
finden sich Pförtner- 
wohnung und Garderobe, im ersten Stock zwei Schulsäle für je 30 Kinder, 
von denen der grössere auch als Sitzungssaal benutzt wird. Der durch 
beide Geschosse ausgebildete Betsaal enthält 104 Sitzplätze für Männer 
und auf der Empore 80 Plätze für Frauen. 

Die katholische Garnisonkirche. Die Erbauung dieser Kirche ist binnen 
Kurzem in Aussicht genommen und zwar im Gelände der Stadterweite- 
rung in schöner freier Lage an der Schwarzwaldstrasse unmittelbar beim 
Arnoldplatz. Augenblicklich ist durch den Architekten Ludwig Becker in Mainz 
der Entwurf fertiggestellt, welcher eine Umarbeitung bezw. Vereinfachung 




Fig. 303. Neue Jung St. Peterkirche. Grundriss. 



398 



Das neue Strassburg. 



seines — in einer i. J. 1893 durch das Königl. Kriegsministerium ausgeschrie- 
benen engern Konkurrenz — preisgekrönten Projektes darstellt ; abgesehen 




von einigen unwesentlichen Aenderungen wird der jetzige Entwurf (Fig. 306 
und 307) voraussichtlich der Ausführung zu Grunde gelegt werden. 

In der räumlichen Disposition des Grundrisses war Rücksicht zu 
nehmen auf die Anlage von 1400 Sitzplätzen und 600 Stehplätzen, wobei 




Fig. 306. Die katholische Garnisonkirche 




zu letzteren nur das Ue- 
bermass der Gangbreiten 
über 1 m benutzt werden 
durfte. Ausser dem 
Hochaltar und zwei 
Nebenaltären war die 
Anordnung von sechs 
Beichtstühlen verlangt; 

die hierzu nöthigen 
Wandflächen sind durch 
Herstellung massiver 
Wände zwischen den 
einzelnen Seitenschiffs- 
jochen geschaffen wor- 
den, dergestalt jedoch, 
dass hinreichender Raum 
zu den Seitengängen be- 
lassen wurde. Weiterhin 
waren nach dem Pro- 
gramm noch zu berück- 
sichtigen : die Anlage 
einer Taufkapelle, sowie 
an Nebenräumen : die 
Sakristei, eine Para- 

mentenkammer, ein 
Raum für den Küster, 
Abortsanlage und Keller- 
räume für die Heizung etc. 
Die in gothischen Formen ge- 
schickt durchgebildete Architektur 
des Aufbaues zeigt in der jetzigen 
Bearbeitung gegen den ersten Ent- 
wurf eine bedeutend, fast zu sehr 
vereinfachte Detailausbildung. 

Die Ausführung ist in folgender 
Weise beabsichtigt : Blendung in röth- 

lichem Vogesensandstein , Hinter- 
mauerung in Bruchsteinen. 

Die Gesammtbaukosten der 
Kirche einschliesslich der innern Ein- 
richtung, Heizung, Glocken, sowie der 
Bauleitung, aber ausschliesslich des 
Grunderwerbs, sollen anschlagsge- 
mäss 770000 Mark betragen. 



Fig. 307. 



Katholische Garnisonkirche. 
Grundriss. 



Die Kirchen der Neuzeit. 



401 



b) Von Regierungs-Baumeister Louis Müller. 

Die neue evangelische Garnisonkirche. Der Entwurf zu dieser Kirche 
von dem Architekten, Regierungs-Baumeister Louis Müller ist aus einer 
durch das Königliche Kriegsministerium in Berlin im Jahre 1889 aus- 
geschriebenen öffentlichen Wettbewerbung hervorgegangen; nach wieder- 
holter Umarbeitung ist derselbe erst im Frühjahr 1892 für die Ausführung 




Fig. 308. Die evangelische Garnisonkirche. 



zur Annahme gelangt, und dem genannten Architekten die künstlerische 
und technische Bauleitung übertragen worden. 

Die Kirche steht auf dem Gelände der Strassburger Stadterweiterung 
mit der Hauptaxe in der verlängerten Erwinstrasse, zwischen den Ufer- 
strassen der III und Aar, auf der Spitze der Helenen-Insel, so dass die 
Hauptansicht mit den beiden Thürmen südlich gegen die Universitätsbrücke 
gerichtet ist. 

Der Baugrund war sehr ungleich, bestand aber in erreichbarer Tiefe 
aus festem Kies, worauf die Fundamente bis zur Hochwassergrenze vom 

26 



402 



Das neue Strassburg. 




Fig. 309. Die evangelische Garnisonkirche. Grundriss. 

a) Vorplatz zur Aufstellung von Truppen; b) Vorhallen mit Haupt- und Seiteneingängen; c) Treppen 
für die Emporen mit direkten Zugängen von Aussen; d) Treppen für die Zugänge zu den Logen Sr. 
Majestät des Kaisers, in der Emporenhöhe und der Generalität, zu ebener Erde; e) Treppen für die 
Zugänge der Dach-Anlage; f) Räume für die Aufzüge von Baumaterialien bei Reparaturarbeiten, 
g) Treppe für die Orgelbühne in der Kapelle und der Dachanlage darüber; h) Anfahrt für Trauungen ; 
i) Anfahrt für Se. Majestät den Kaiser und die Generalität; k) Kohlenschacht für die Dampf-Heizungs- 
anlage der Kirche; 1) Kohlenschacht für die Ofenheizung in der Sakristei und Kapelle; m) Raum für 
Stehplätze; n) Kanzel an einem Vierungspfeiler ; o) Altar im Chorraum der Kirche; p) Altar in der 
Kapelle; q) Sakristei; r) Nebenräume derselben; s) Feuersicheres Gelass; t) Vorraum mit Treppenauf- 
gang zur Sakristei und Kapelle; u) Kapelle; v) Orgelbühne in der Kapelle; w) Thurmhallen; x) Treppen 
für die Zugänge zu der Uhrkammer und der Glockenstube; y) Treppen für den Zugang zur Orgel- 
bühne; z) Orgelbühne; zl) Loge für Se. Majestät den Kaiser; zll) Schornsteine für die Heizanlagen. 

Wie aus dem Grundriss hervorgeht, stellt der Entwurf ein drei- 
schiffiges Langhaus mit vorwiegend breitem Mittelschiff, Vorhalle und 
Chornische dar, welches durch einschiffige aber kurze Querschiffsflügel, 



Die Kirchen der Neuzeit. 



403 



von der gleichen Breite wie das Mittelschiff, in der Form einer Kreuz- 
Anlage erweitert wird. Ueber den schmalen Seitenschiffen und den End- 
jochen in dem Mittelschiff und den Querschiffsflügeln sind Emporen an- 
geordnet, wovon die der Kanzel gegenüber an dem abgetrennten Ostjoch 
des Seitenschiffes liegende Empore, die Logen für Se. Maj. den Kaiser 
und die Generalität enthält. 




Fig. 310. Die evangelische Garnisonkirche. Querschnitt. 



Der innere Raum der Kirche enthält 2111 Sitzplätze, wovon 642 auf 
den Emporen untergebracht sind. 

Die grösste Hörweite zwischen den äussersten Sitzplätzen und der 
Kanzel beträgt zu ebener Erde 29 Meter. In den Seitenschiffen und 
Gängen ist ausserdem Rauni für 800 bis 1000 Stehplätze. 

Die konstruktiven Theile, wie Pfeiler, Säulen, Gurten, Rippen, sowie 
die Thür- und Fenstergewände im Innern, werden aus röthlichem Vogesen- 
Sandstein charrirt hergestellt und in ihrer natürlichen Farbe belassen; 

26* 



404 



Das neue Strassburg. 



die Wand- und Gewölbeflächen hingegen mit einem stumpfen Putz ver- 
sehen und einfach dekorirt. 

Der äussere Aufbau der Kirche, im Styl der in Strassburg heimischen 
Frühgothik, soll gleichwie die konstruktiven Theile im Innern von röthlichem 
Vogesen-Sandstein ausgeführt werden und zwar so, dass die Gesimse, Maass- 
werke und Profilirungen mit charrirten, das kleinschichtige Mauerwerk aber 
direkt mit geflächten Ansichtsflächen in die Erscheinung treten. 

Was die Gesammtansicht der Perspektive betrifft, so soll noch be- 
merkt werden, dass die Massen der Giebelansichten an den Kreuzflügeln, 
durch ein Blendwerk, wie an dem Mittelschiffs-Giebel zwischen den Thurm- 
bauten, erleichtert werden sollen. 

Die Gewölbe ragen in den Dachstuhl hinein und in Folge dessen liegt 
das Hauptgesims nur 16,65 m über dem Kirchenfussboden, bezw. 18 m über 
dem Trottoir. Die 8 m im Quadrat angelegten Thürme erhalten eine Höhe 
von 76 m. 

Die Gesammtkosten der Kirche, einschliesslich der Kosten für Grund- 
erwerb, Entwurfsbearbeitung, Bauleitung und Gerätheausstattung, sind auf 
den Betrag von 1371000 Mark etatsmässig festgesetzt. 

Nach Abzug der Kosten für Grunderwerb und Entwurfsbearbeitung 
im Betrage von 128000 Mark ergeben sich die Ausführungskosten zu 
1243000 Mark oder für den Sitzplatz zu 589 Mark. 

Der kubische Inhalt der Kirche mit Ausschluss der Dachräume, von der 
Terrainhöhe bis zur Oberkante der Hauptgesimse berechnet, beträgt 33 182 cbm. 

Das Kubikmeter wird demnach einschliesslich der Kosten für die 
Fundamente, die Dachanlagen und Steinhelme, sowie für die Bauleitung 
und Geräthe-Ausstattung 37,45 Mark kosten. 

Die Geräthe-Ausstattung steht jedoch zu dem kubischen Inhalt der 
Kirche in keiner direkten Beziehung; da dieselbe zu 93500 Mark veran- 
schlagt worden ist, so wird das Kubikmeter Rauminhalt der ganzen 
Kirche, wie zuvor berechnet, durchschnittlich 34,60 Mark kosten. 

Von dem kubischen Inhalt der ganzen Kirche im Betrage von 33 182 cbm 
entfallen : 25 248 cbm auf den Hauptkirchenkörper mit einem Durchschnitts- 
preis von 27,10 Mark für das Kubikmeter, 5364 cbm auf die Thurmkörper 
mit einem Durchschnittspreis von 58,80 Mark und 2570 cbm auf die An- 
und Nebenbauten mit einem Durchschnittspreis von 57,90 Mark. 



XL ABSCHNITT. 

DER KAISERPALAST. 1} 

Der Kaiserpalast verdankt seine Entstehung der Absicht, Sr. Majestät 
dem Kaiser und dem kaiserlichen Hoflager bei den Besuchen in den 
Reichslanden eine würdige Unterkunft zu bereiten. Ein im Ministerium 



l ) Auszug aus dem Centraiblatt der Bauverwaltung, Jahrgang IX. 



Der Kaiserpalast. 



405 



der öffentlichen Arbeiten 
zu Berlin ausgearbeiteter 
Entwurf erhielt die aller- 
höchste Genehmigung 
und im Herbste 1883 
wurde die Kaiserliche 
General - Direktion der 
Eisenbahnen in Elsass- 
Lothringen mit der Aus- 
führung des Baus beauf- 
tragt. Der General-Direk- 
tion war zu diesem 
Zwecke der jetzige Re- 
gierungs- und Baurath 
Herrn. Eggert zugetheilt, 
welcher auch den allge- 
meinen Entwurf aufge- 
stellt hatte. 

Der Bauplatz liegt 
auf der Westseite des 
Kaiserplatzes und misst 
153 m in der Länge und 
83,5 m in der Tiefe, wäh- 
rend die bebaute Fläche 
des Gebäudes Abmessun- 
gen von 73 und 50 m hat. 

Im Hauptgeschosse 
des Palastes sind die 
Empfangs-, Wohn- und 
Schlafräume der beiden 
Majestäten, nebst Zube- 
hör, Zimmer für die 
dienstthuenden Hofbe- 
amten und ferner Ge- 
sellschaftsräume zur Ab- 
haltung grösserer 
Festlichkeiten , n ament- 
lich von Festessen bis 
zu 350 Personen unter- 
gebracht, im Oberge- 
schosse Wohnungen für 
Herren und Damen aus 
dem Gefolge, sowie Zim- 
mer für einige Hofstaats- 
sekretäre und Schlaf- 
räume für einen Theil 




Fig. 312. Kaiserpalast. Grundriss vom Hauptgeschoss, aus dem Centralblatt der Bauverwaltung 

1. Haupttreppe mit Umgängen. 2. Haupttreppen für das Obergeschoss. 3. Wirthschaftstreppen. 
4. Küchentreppe. 5. Audienzsaal. 5a. Vorhalle. 6. Vorzimmer Ihrer Majestät. 7. Empfangszimmer. 
8. Wohnzimmer. 9. Schlafzimmer. 10. Ankleidezimmer. 11. Bad. 12. Kammerfrau. 13. Kleiderkammer. 
14. Kleiderwärterin. 14a. Dienerzimmer. 15. Vorzimmer Seiner Majestät. 16. Empfangszimmer. 17. Wohn- 
zimmer. 18. Schlafzimmer. 19. Ankleidezimmer. 20. Bad. 21. Kleiderkammer. 22. Kavalierwohnung. 
22a. Dienerzimmer. 23. Anrichtezimmer. 24. Vorzimmer. 25. Festsaal. 26. Versammlungssaal. 27. Speisesaal. 




Fig. 313. Kaiserpalast. Grundriss vom Erdgeschoss, aus dem Centralblatt der Bauverwaltung. 

1. Unterfahrt. 2. Haupteingangshalle. 3. Seitenhallen. 4. Vorhalle. 5. Haupttreppe. 6. Kaiserl. 
Nebentreppen. 7. Nebeneingang. 8. Wirthschaftseingänge. 9. Wirthschaftstreppen. 10. Ablegeräume für 
Festgäste. 11. Toiletten. 12. Wohnung eines fürstlichen Ehepaares. 13. Wohnung eines fürstlichen 
Gastes. 14. Kastellan. 15. Oberhofmarschallamt. 16. Mundküche. 17. Küchentreppen. 18. Speisekammer. 
19. Spülküche. 19a. Küchenmeister. 20. Kaffeeküche. 20a. Vorsteher der Kaffeeküche. 21. Kellerei. 
21a. Kellermeister. 22. Silberkammer und Silberkammerverwalter. 23. Konditorei. 24. Fourier. 25. Tele- 
graphenamt. 



408 



Das neue Strassburg. 




Fig. 315 Kaiserpalast. Festsaal. 



der Dienerschaft. Im Erdgeschoss befinden sich Wohnungen für fürstliche 
Gäste, Dienstzimmer des Ober -Hofmarschallamtes, die Räume des Kastellans, 
endlich die Mundküche, die Kaffee- und Spülküche, die Silberwäsche u. s. w. 




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Fig. 316. Kaiserpalast. Vorderansicht des Marstalls. 



Das Kellergeschoss enthält die Speiseräume und besondere Küchen für die 
Officianten und die Dienerschaft, ferner Wirthschaftsräume, die Anlagen iür 



Der Kaiserpalast. 



409 



die Luftheizung des Gebäudes, für die Versorgung der in den verschiedenen 
Geschossen eingerichteten Bäder mit warmem Wasser u. s. w. Näheres 
ergiebt sich aus den Grundrissen (Fig. 312 u. 313). Von den Innenräumen sind 
besonders grossartig das in der Mitte des Baus gelegene, mit Wasserkünsten 
und Kaskaden ausgestattete Haupttreppenhaus, der östlich davon angeord- 
nete Audienzsaal und die auf der Westseite befindlichen Festsäle von zu- 
sammen 70 m Länge. Die Architektur dieser Räume ist aus den Fig. 314 
und 315 ersichtlich. 

Ueber dem Audienzsaal steigt die Kuppel empor, welche dem Gebäude 
ein eigenartiges Gepräge verleiht. Auf derselben ragt ein zum Tragen der 
Kaiserstandarte bestimmter eiserner Mast bis zu einer Höhe von 50 m. Seinen 
Fuss umfassen zwei von Ohmann modellirte, von G. Knodt in Bockenheim 
in Kupfer getriebene Herolde. Die in neuerer Zeit verglasten grossen Bogen- 
fenster der Kuppel führen dem Audienzsaal Oberlicht zu. 

Die Konstruktionen des Pa- 



lastes sind, soweit möglich, monu- 
mental und feuersicher unter thun- 
lichstem Ausschluss von Holz aus- 
geführt. Die Decken sind in Beton 
oder Gypsguss zwischen eisernen 
Trägern in der Regel so ausge- 
führt, dass die unteren Flansche der 
letzteren von unten sichtbar ge- 
blieben sind. Der Dachstuhl ist ganz 
in Eisen hergestellt, und die Dach- 
fläche ist mit eigens nach dem Vor- 
bilde der griechischen Ziegel geform- 
ten Flach- und Decksteine aus hartem 
Terrakotta-Material eingedeckt. Die 
Anfertigung der vielfach reich orna- 
mentirten Dachsteine und deren Auf- 
bringung hat die Firma Villeroy u. 
Boch zu Merzig ausgeführt. 




Die nach Modellen VOn Born, F ig. 317. Kaiserpalast. Grundriss des Marstalls. 

Ohmann, Klein, Brütt, Bergmeier und 

Krüger mit reichem bildnerischen Schmuck versehenen Aussenansichten 
des Palastes sind in dem gelblichen Bajerfelder Sandstein aus den Brüchen 
der Firma Holzmann & Cie. in Frankfurt a. M. hergestellt worden, welche 
auch den ganzen Rohbau des Palastes ausgeführt hat. 

In der Nähe des Palastes ist ein besonderes Marstallgebäude mit 
Wagenremisen und Raum für 18 Pferde errichtet, welches zugleich eine 
Schlossdienerwohnung enthält (Fig. 316 und 317). 

Die im Herbste 1888 beendete Ausführung beider Gebäude einschliess- 
lich Gartenanlagen, innerer Einrichtung u. s. w. hat rund 2800000 Mark 
gekostet, wovon etwa 660000 Mark auf Grunderwerb und Strassengebühren 
entfallen. 



Fig. 319. Landesausschussgebäude. Vorderansicht. 



XII. ABSCHNITT. 

LANDESAUSSCHUSSGEBÄUDE. 

Bearbeitet von 

Kreis-Bauinspektor Wägner. 



Im Jahre 1875 trat eine eigene parlamentarische Vertretung des Landes, 
„der Landesausschuss", ins Leben. Vorerst fand derselbe in dem Präfek- 
turgebäude, jetzt Statthalterpalast, sodann im Rathhause, und im Jahre 1883 
in einem provisorisch errichteten Fachwerksgebäude auf der Nordseite des 
Kaiserplatzes Unterkunft. Im Jahre 1886 waren die vorbereitenden Schritte 
zur Errichtung eines definitiven Sitzes erledigt und wurde ein öffentlicher 
Wettbewerb zur Gewinnung eines endgültigen Entwurfs ausgeschrieben. 

Aus demselben ist der II. der beiden, mit dem 1. und 2. Preise ge- 
krönten Entwürfe der Architekten Härtel & Neckelmann, gewählt, und 
denselben der Auftrag zur künstlerischen Oberleitung der Bauausführung 
ertheilt worden. 

Als Baustelle war das südliche der beiden, den neuen Kaiserplatz 
nach Osten begrenzenden Bauquadrate bestimmt; das nördliche, in gleicher 
Flucht nach dem Kaiserplatze liegend, sollte die neue Universitäts- und 
Landesbibliothek aufnehmen, und damit ein würdiges Gegenüber für den 
die Westseite des Platzes abschliessenden Kaiserpalast geschaffen werden. 
Auf den beiden Baublöcken der Nordseite werden später die zwei geplanten 
Ministerialgebäude errichtet, wie in dem Lageplan (Fig. 318) zur Gewin- 
nung eines Ueberblicks über die ganze spätere Gestaltung des stattlichen 
Kaiserplatzes mit nächster Umgebung angedeutet ist. 

Die räumliche Anordnung des Landesausschussgebäudes ergiebt sich 
aus nachfolgenden Grundrisszeichnungen (Fig. 320, 321). Die ganze Anlage 
besteht aus zwei Haupttheilen. Der zweigeschossige Vorderbau nach dem 
Kaiserplatz enthält ausser den Vorräumen zum Sitzungssaal die Geschäfts- 
und Arbeitszimmer des Landesausschusses im Erdgeschoss und Obergeschoss. 





Fig. 321. Landesausschussgebäude. Grundriss vom Erdgeschoss. 



414 



Das neue Strassburg. 



Der für 60 Abgeordnete bestimmte Sitzungssaal selbst mit Zubehör 
und Korridor liegt in einem besonderen Mittelbau, im Erdgeschoss mit dem 
Vorderbau verbunden, im Uebrigen aber selbständig aufgebaut. Hieran 




Fig. 323. Landesausschussgebäude. Detail der Hauptansicht. 

anschliessend nach der Hinterfront enthält der niedrige Anbau die Räume 
für die Regierungsvertreter, Stenographen, Treppe für das Publikum zur 
Tribüne. Die dem Sitzungssaal sich anschliessenden Seiten- und Hinter- 
bauten sind in ihrer Höhe soweit eingeschränkt, dass der Saalbau äusser- 



Landesausschussgebäude. 



415 



lieh als Haupttheil des Gebäudes hervortritt, und ausserdem demselben 
direktes Seitenlicht zugeführt werden konnte. 

Der Bau wurde im Jahre 1888 begonnen und 1892 vollendet. 

Die Fassaden zeigen die Formen italienischer Renaissance und ist 
sowohl die Ausführung der Architekturtheile als auch die Bekleidung der 
Wandflächen in weissem Sandstein aus den Brüchen bei Pfalzburg erfolgt 
(Fig. 319, 322 und 323). Dieser Stein ist ein vorzügliches Baumaterial, 




Fig. 324. Landesausschussgebäude. Vestibül. 



welches bei ausserordentlich günstiger weicher Abtönung grosse Härte 
und Wetterbeständigkeit zeigt, und in bedeutenden Blöcken von 6 und 
7 m Länge bei entsprechender Stärke gewonnen wird. 

Die Figurengruppen auf dem Mittelbau der Vorderfront sind von Bild- 
hauer Riegger hier modellirt worden. 

Im Innern ist alles Holzmaterial als Konstruktionsmittel vermieden. 
Das Untergeschoss ist überwölbt, die Decken der beiden Geschosse sind 
mit Betonschüttung zwischen Eisenträgern hergestellt. Das eiserne Dach- 
werk ist mit Zink eingedeckt, dasjenige der Kuppel in Kupfer. Die 
Treppen sind in weissem Echaillon-Kalkstein ausgeführt. Eingangshalle 



416 



Das neue Strassburg. 



und sämmtliche Korridore haben Terrazzoböden, die Geschäfts- und Arbeits- 
räume eichene Parket- und theilweise Buchenriemen, Sitzungssaal und Foyer 
Tannenböden mit Teppichbelag. 

Mobiliareinrichtung des Sitzungssaales ist in Eichenholz nach den 
Detailangaben und Zeichnungen des Architekten ausgeführt. Hierbei wurde 
den Sitzen der Abgeordneten bei einem Axabstand von 1,50 m eine Platz- 
länge von 0,78 m gegeben. 




Fig. 325. Landesausschussgebäude. Treppe. 



Die Geschäfts- und Arbeitszimmer nebst Korridore werden durch 
Niederdruck-Dampfheizung, Sitzungssaal und dessen Vorraum durch Warm- 
luftheizung erwärmt, 4 Niederdruck -Dampfkessel von je 9 qm Heizfläche 
zur Erwärmung von 67 Rippenheizkörpern und der Luftheizkammer mit 
zusammen 700 qm Heizfläche sind im Untergeschoss aufgestellt. Sämmtliche 
Räume sind bei 20° C. Winterkälte bis auf + 20° regulirbare Wärme zu 
bringen, ohne dass die geforderte Ventilation unterbrochen zu werden 
braucht. Der grosse Sitzungssaal und das Foyer sind dabei gleichzeitig so 
zu ventiliren, dass der Luftwechsel im ersteren für die Person und Stunde 
mindestens 20 cbm bei gefülltem Saale, im Foyer 100 cbm für 10 qm beträgt. 



Landesausschussgebäude. 



417 



Der kräftige Luftwechsel bei diesen Räumen bedingte die Einrichtung 
zweier Heizkammern im Untergeschoss, also eine indirekte Beheizung. 
Die frische Luft wird aus dem Freien entnommen, durch Gewebefilter 
gereinigt und durch einen tiefliegenden begehbaren Kanal zu den Luft- 
wärmekammern geführt. Die Zuluft, entsprechend vorgewärmt und befeuch- 
tet, geht durch 2 vertikale Kanäle in das Foyer, durch 2 weitere Vertikal- 
schächte bis zum Dachraume des Sitzungssaales, und dort mit geringerer 
Geschwindigkeit unter dem Oberlicht in einen Ringkanal, von wo dieselbe 
unmittelbar in den Saal austritt. Bei der stärksten Heizung darf die Tem- 
peratur der ausströmenden warmen Luft an den Einströmungsöffnungen 
+ 50° Celsius nicht übersteigen. Oberhalb der Heizkammern sind grosse 
Mischungsklappen angebracht, um durch Mischen kalter und warmer Luft 
eine wirksame Temperatur-Regelung herbeizuführen. Die festen Sitzplätze 
im Saale haben hohle Podien, welche für die Luftabfuhr benutzt sind, und 
zu dem Behufe mit Abluftöffnungen reichlich versehen sind. Die Hohlräume 
selbst sind als Absauge- und Sammelkanäle ausgebildet. Unter dem Saale 
selbst führen begehbare Sammelkanäle die schlechte Luft zu 2 Exhaustoren, 
welche mit 2 vertikalen Schächten verbunden, die schlechte Luft hoch über 
Dach ins Freie befördern. Durch Zusammenziehen von vielen Abzugs- 
öffnungen ist eine leichtere Regelung der Luftabsaugung durch leicht zu 
regulirende Schieber ermöglicht. 

Der Ventilator für die Zuluft sowie die beiden Exhaustoren für die 
Abluft sind mit Schraubenflügeln in solcher Grösse aufgestellt, dass bei 
geringer Tourenzahl die gewünschte Luftmenge gefördert wird. Zum Be- 
triebe der Ventilatoren für die Saug- und Drucklüftung des Sitzungssaales 
ist ein 4 pferdiger Elektromotor aufgestellt. 

Die Heizungs -Anlage kostet 46000 Mark. 

Für sämmtliche Räume ist elektrische Beleuchtung eingerichtet, worüber 
nähere Angaben in besonderer Abhandlung bei den Ingenieurbauten ent- 
halten sind. 

Die Installation nebst Kabelverbindung nach der Kraftquelle sowie 
die Beleuchtungskörper haben einen Kostenaulwand von 31000 Mark 
verursacht. 

Die eigentlichen Baukosten betragen 1087000 Mark, was pro cbm 
bebauten Raum 27,20 Mark ergiebt. Für Mobiliareinrichtung sind 100 000 Mark 
Kosten erwachsen. 

Die obere Aufsicht über die Ausführung führte die Bauabtheilung des 
Kaiserlichen Ministeriums, die specielle Bauleitung war einem Regierungs- 
baubeamten übertragen. Die Ausarbeitung der architektonischen und künst- 
lerischen Details wurde nach den Angaben des Architekten Professor 
Neckelmann, welcher nach dem Tode des Architekten Härtel die künst- 
lerische Oberleitung allein führte, bewirkt. 



27 



XIII. ABSCHNITT. 

VERWALTUNGSGEBÄUDE. 

Bearbeitet von 

Betriebsdirektor Franken, den Garnisonbau-Inspektoren Kahl und Gabe 
Kreis-Bauinspektor Wägner, Baurath Metzenthin. 



A. REICHSBEHÖRDEN. 

Strassburg ist die Hauptstadt Elsass-Lothringens, welches durch den 
Frankfurter Frieden im Jahre 1871 dem Deutschen Reiche zuertheilt und 
von diesem als ein besonderer Körper unter dem Namen Reichsland ver- 
waltet wird. 

Als Stellvertreter des deutschen Kaisers steht an der Spitze ein 
Statthalter, mit dem Wohnsitz in Strassburg, unter ihm, ebenfalls in Strass- 
burg, ein Ministerium mit seinen drei Abtheilungen für Inneres, Justiz und 
Kultus, Finanzen, Landwirthschaft und Domänen. Unter dem Ministerium 
stehen die drei Bezirkspräsidien in Strassburg, Metz und Colmar, denen für 
die Einzel Verwaltung je etwa 8 Kreisdirektoren in den Kreishauptorten 
untergeordnet sind. Ausserdem finden sich besondere Behörden: 

a) für die Verwaltung des Eisenbahnnetzes, welches, von der franzö- 
sischen Ostbahn 1871 käuflich erworben, unter dem Namen Reichs- 
eisenbahnen besonders verwaltet wird; 

b) für die Postverwaltung, welche gleichfalls Reichsanstalt ist; 

c) für die Verwaltung des Königl. Preussischen 15. Armeekorps. 



Verwaltungsgebäude der Reichseisenbahnen in Strassburg. Das Ge- 
bäude liegt am Bahnhofsplatz in unmittelbarer Nähe des Zentralbahnhofes, 
ersteren rechtsseitig begrenzend und mit seiner Hauptfront an der Ring- 
strasse. Mit dem Hauptbau wurde im Spätjahr 1881 begonnen und ist der- 
selbe in einer dreijährigen Bauperiode vollendet. Die Grundrissform ist 
ein geschlossenes Rechteck mit zwei inneren grossen Höfen. Die im Laufe 
der Jahre erfolgte bedeutende Ausdehnung des elsass-lothringischen Eisen- 
bahnnetzes bedingte eine Vergrösserung des Gebäudes und erfolgte dieselbe 
in nördlicher Richtung durch einen Anbau mit offenem Flügel, der im fahre 
1893 bezogen wurde. Bei der ersten Anlage des Gebäudes war auf die 
spätere Erweiterung bereits Rücksicht genommen und bildet nun das vor 
dem grossen Haupteingang a gelegene Risalit, das früher als Endrisalit 
projektirt war, die Mittelaxe des ganzen Gebäudes. 

Das Gebäude ist durchweg in Ziegel mit Moellons- und Quaderbeklei- 
dung ausgeführt. Sämmtliche Gurten, Fenstereinfassungen etc. sowie das 
monumentale Hauptgesims sind in grauem Vogesensandstein hergestellt. 
Die Architektur ist dem Charakter des Gebäudes entsprechend einfach 
und würdig gehalten und sind nur das Mittelrisalit, die Seitenrisalite und 
der elliptische Aufbau durch reichere Formen ausgezeichnet. Die Höhe des 
Gebäudes beträgt vom Bürgersteig bis zur Attica des Hauptgesimses 16,00 m. 



420 



Das neue Strassburg. 



Die Dachkonstruktionen sind in Eisen mit Wellblechdeckung her- 
gestellt. Sämmtliche Räume werden durch centrale Dampfwasserheizung 
mit Ventilation erwärmt und sind durchweg mit elektrischem Lichte 
erleuchtet. In dem Gebäude sind sämmtliche Räume für Bureau- und Ver- 
waltungszwecke, sowie die Wohnung des Präsidenten der General-Direktion 
untergebracht. In dem gewölbten Untergeschoss befinden sich die Billet- 
druckerei, die Telegraphenwerkstätte mit Magazinen und die Portiers- 
wohnungen. 



Lauter 





a Hauptlreppenhaus 

b Vorhalle 

c Gange 

d Dienst/immer 

e Bibliothek 

f Sitzungssaal 

g Vorhalle der Wohnuncj 

des Präsidenten 

h Garderobe 

i 5ä 

k Speisezimmer 

I Küche 

m Kammern 

n Ausgangshalle *om 

Bahnsteig 

o Erdgeschoss 

Ourchfdhrt d m fingang 
der Präsidenten Wohnung 




Fig. 328. Verwaltungsgebäude der Reichseisenbahnen. Grundriss. 

Vom Hauptportal aus gelangt man in das geräumige Vestibül, von 
welchem aus die 2,50 m breiten Flure die Verbindung mit den einzelnen 
Flügeln herstellen. Vom Vestibül aus führt eine grosse zweiarmige Treppe 
zu den oberen Räumlichkeiten. 

Im Erdgeschoss befinden sich die Hauptkasse, das betriebs- und 
maschinentechnische Bureau, das Materialienbureau und die Telegraphen- 
Inspektion. 

Das im ovalen thurmartigen Aufbau gelegene Vestibül ist durch reichere 
Architekturformen ausgestattet und in nebenstehender Perspektive (Fig. 329) 
näher dargestellt. Die von dort nach oben führende Treppe vermittelt den 
Zugang zur Wohnung des Präsidenten. Dieselbe schliesst sich unmittelbar 
an die beiden Sitzungs- und Berathungssäle und an das Vor- und Arbeits- 
zimmer desselben an und ist, wie oben gesagt, von den übrigen Bureau- 



Verwaltungsgebäude. 



421 



räumen vollständig getrennt. Die Repräsentations- und Wohnräume nebst 
Zubehör liegen im ersten Stock; die Schlafräume, durch besondere Treppen 
zugänglich, unmittelbar darüber im zweiten Stock. Im ersten und zweiten 
Stock liegen ferner die Räume für die Abtheilungs- Vorsteher und Mitglieder 
der Kaiserlichen General-Direktion, ferner das Zentral- Administrationsbureau, 
das bautechnische Bureau, die Betriebs-Kontrolle, die Betriebs-Kalkulatur, 
die Kanzlei und das Materialien-Bureau. Im Dachgeschoss sind die Räume 
für reponirte Akten etc. untergebracht. 




Fig. 329. Verwaltungsgebäude der Reichseisenbahnen. Vestibül zur 
Wohnung des Präsidenten. 



Die Baukosten des Verwaltungsgebäudes betragen exclusive Grund- 
erwerb und inclusive der inneren Ausstattung rund 2 077 000 Mark und kostet 
das Cubikmeter umbauten Raumes von Kellersohle bis Hauptgesims-Ober- 
kante rund 21,50 Mark. 

Das Projekt wurde in Anlehnung der von der Kaiserlichen General- 
Direktion gegebenen Grundrissskizzen von dem Professor Jacobsthal in 
Berlin ausgearbeitet. 

Betriebs -Direktionsgebäude der Reichseisenbahnen in Strassburg. 
Das Gebäude liegt gleichfalls am Bahnhofsplatz und mit seiner Haupt- 
front an der Ringstrasse. Dasselbe wurde im Jahre 1882 begonnen und in 
einer zweijährigen Bauperiode vollendet. Die sämmtlichen Umfassungs- 



422 



Das neue Strassburg. 



mauern sowie die inneren Scheidemauern sind aus Ziegel, erstere mit 
Moellons- und Quaderbekleidung hergestellt. Die Fenstereinfassungen, 
Gurten und das Hauptgesims sind aus grauem Vogesensandstein. Die 
Architektur lehnt sich, dem Zwecke des Gebäudes entsprechend, an die- 
jenige des Verwaltungsgebäudes an und ist auch die Ecke gegen den 
Platz gleichfalls in ähnlicher Weise wie dort ausgebildet. 




Fig. 330. Betriebsdirektionsgebäude. Ansicht vom Bahnhofsring. 

Die Dachflächen sind in Eisen mit Wellblechdecke hergestellt und 
wird die Feuerung durch gewöhnliche Kachelöfen bewirkt. 

Die Höhe des Gebäudes beträgt vom Bürgersteig bis zur Attica des 
Hauptgesimses 15,20 m. In dem Erdgeschoss sind die Diensträume der Be- 
triebs-Direktionen I und II, sowie die 
Bureaux für die Verkehrs-Inspektion 
untergebracht. Im ersten und zweiten 
Stock liegen mit getrennten Zu- 
gängen je drei Wohnungen für die Ab- 
theilungs-Vorsteher der General-Di- 
rektion und die Betriebs-Direktoren. 

Die Baukosten des Gebäudes 
betragen exclusive Grunderwerb 
rund 582400 Mark und kostet das 
Kubikmeter umbauten Raumes von 
Kellersohle bis Hauptgesimsober- 
kante rund 21,50 Mark. 

Das Projekt wurde nach den 
von der Kaiserlichen General-Direk- 
tion gegebenen Grundrissskizzen gleichfalls von dem Professor Jacobsthal 
in Berlin ausgeführt. 

Die Postverwaltung ist seit dem Jahre 1871 miethweise in dem, der 
Frauenhausstiftung gehörigen, kurze Zeit vor 1870 hergestellten grossen 
Gebäude am Münsterplatz untergebracht, welches ehemals für die hier be- 
stehende Ecole de sante militaire errichtet war. 

Jetzt ist jedoch ein grosser Neubau geplant im neuen Stadttheile an 
der Kaiser Wilhelmstrasse neben dem Landesausschussgebäude, wo dasselbe 




Fig. 331. Betriebsdirektionsgebäude. 
Grundriss vom Obergeschoss. 



Verwaltungsgebäude. 



423 



eine Grundstücksfläche von 12000 qm einnehmen und in monumentaler Art 
errichtet werden soll. 

Die kleineren in der Stadt vorhandenen Postämter haben ebenso in 
einfachen Miethsräumen ihre Unterkunft gefunden, so dass nichts über die- 
selben hier weiter zu erwähnen bleibt. 



Der Militärverwaltung gehören eine ganze Reihe von Verwaltungsge- 
bäuden. Vor allem das Generalkommando, welches bereits im ersten Theile 
dieses Werkes, im alten Strassburg, seiner architektonischen Bedeutung 
wegen aufgeführt ist (s. S. 348, sowie die Fig. 269, 270 und 271 S. 351 und 352). 

Der Eingang erfolgt durch das in der Brandgasse belegene Thor, 
welches auf einen allseitig von Gebäuden eingeschlossenen Hof führt. Die 
rechts und links befindlichen Flügel enthalten im Erdgeschoss Stallungen 
und Wagenremisen, darüber Wohn- und Fremdenzimmer des kommandiren- 
den Generals. Der der Einfahrt gegenüber belegene zweigeschossige 
Hauptbau wird fast in seiner ganzen Breitenausdehnung von dem räumlich 
und architektonisch reich entwickelten, in seiner Anordnung originell 
durchgeführten und malerische Durchblicke gewährenden Treppenhause 
mit zwei seitlichen Treppen eingenommen (Fig. 271). Der mittlere, durch 
Säulenstellungen ausgezeichnete Theil desselben bildet das Vestibül für 
die angrenzenden und in einem Flügelbau sich bis zum Broglieplatz aus- 
dehnenden Repräsentations- und Wohnräume des kommandirenden Generals. 
Im Obergeschoss vermittelt ein durch reiches schmiedeeisernes Gitterwerk 
abgeschlossener Umgang um das Vestibül die Verbindung der durch das 
Treppenhaus getrennten Gebäudetheile. 

Nach der Seite des Broglie schliesst sich ein mit alten schönen Bäumen 
bestandener Garten an, in dessen Mitte sich ein Denkmal, König Ludwigs I. 
von Bayern befindet, der im Generalkommandogebäude am 25. August 1786 
geboren wurde. 

Das zugehörige Dienstgebäude grenzt in der Brandgasse an das 
Generalkommandogebäude und enthält im Erdgeschoss die Geschäftsräume 
einer Division, im ersten Stock eine Wohnung für einen Divisionskomman- 
deur, im zweiten Stock diejenige für den Chef des Generalstabes und im 
dritten Stock die Geschäftsräume des Generalkommandos. 

Das Gouvernementsgebäude in der Blauwolkengasse, welches auch 
schon im alten Strassburg (s. S. 339 und Fig. 234 S. 325) Erwähnung ge- 
funden hat, war ursprünglich Privateigenthum und ist erst im Jahre 1872 
von der Militär- Verwaltung erworben. Dasselbe enthält im Erdgeschoss die 
Geschäftsräume des Gouvernements, in den beiden oberen Geschossen 
Dienstwohnungen für den Gouverneur und den Kommandanten. 

Die Geschäftsräume der Kommandantur befinden sich zusammen mit 
denen des Bezirkskommandos und des Hauptmeldeamtes in dem alten 
Giesshause neben dem Militär-Kasino am Broglie. 

Das Intendanturgebäude am Kleberstaden besteht aus einem Dienstge- 
bäude mit den Geschäftsräumen der Korpsintendantur sowie der Intendantur 
der 30. Division und einem hieran anschliessenden, die Dienstwohnung des 



424 



Das neue Strassburg. 



Korpsintendanten enthaltenden Wohngebäude an der Allerheiligengasse. 
Die Bauanlage ist 1871/72 durch Ankauf erworben. 

Das Garnisonverwaltungsgebäude, welches im Erdgeschoss die Ge- 
schäftsräume, in den beiden oberen Stockwerken Dienstwohnungen für 
den Vorstand und sonstige Beamte der Verwaltung enthält, liegt in der 
Züricherstrasse. Es ist in den Jahren 1875176 mit einem Kostenaufwande 
von 275000 Mark erbaut. Die Ausführung war insofern erschwert, als die 
Züricherstrasse früher von dem kleinen Rheinkanal eingenommen wurde, 
wesshalb theilweise Pfahlrostfundirung angewendet werden musste. 

Das Dienstgebäude der Fortifikation, am Sturmeckstaden belegen, 
ist in den Jahren 1886/87 erbaut. Die Geschäftsräume nehmen das ganze 
Erdgeschoss ein; im Obergeschoss befindet sich die Wohnung für den 
Ingenieur -Offizier vom Platz. Die Fassaden sind ganz aus Sandstein in 
Renaissanceformen hergestellt. 

Die Diensträume des Artilleriedepots sowie die Dienstwohnung des 
Artillerie-Offiziers vom Platz nebst einigen Wohnungen für Zeugoffiziere 
sind in den noch aus französischer Zeit stammenden alten unansehnlichen, 
gegenüber dem Theater am Schöpflinstaden belegenen Gebäuden unter- 
gebracht. 

Das Dienstgebäude des Traindepots am Nikolausring ist in den Jahren 
1883/84 erbaut. Es enthält die Geschäftsräume sowie 2 Wohnungen für 
Offiziere des Traindepots. 

B. DIE LANDESBEHÖRDEN. 

Vor Allem in Betracht kommt hier das auch bereits im alten Strass- 
burg mitgetheilte Statthalter-Palais (s. S. 341, sowie die Fig. 254—263 und 280). 

Die sehr weitläufige Anlage diente in französischer Zeit als Sitz der 
Präfekten des Unter-Elsass. Auch die ersten Nachfolger derselben unter 
deutscher Verwaltung, die Bezirks-Präsidenten für Unter-Elsass, hatten in 
demselben mit ihren Rathen und Beamten ihren Sitz bis durch die im 
Jahre 1879 erfolgte Verlegung der Verwaltung von Berlin nach Strassburg 
und Ernennung eines Statthalters das Gebäude zum Wohnsitz desselben 
eingerichtet wurde. Die Gesammteintheilung ist aus dem Grundplan und 
der Legende klar ersichtlich, so dass nur zu erwähnen bleibt, dass das 
Hauptgebäude im Aeussern ganz in röthlichem, in der Farbe ziemlich 
stark wechselnden Vogesensandstein mit hohem Schieferdach erbaut ist, 
dass die Herstellung der Vestibüle und der Haupttreppe in weissem Sand- 
stein und die Dekoration der Säle in ganz weiss und Gold erfolgte. Präch- 
tige Krön- und Wandleuchter mit der seit 1892 eingerichteten elektrischen 
Beleuchtung durch matte Glühlampen geben den Sälen einen sehr fest- 
lichen Anstrich. 

Dabei hat sich das Gebäude in seiner gesammten Eintheilung als 
durchaus praktisch für einen fürstlichen Haushalt bewährt, da ausser den 
Repräsentationsräumen auch behagliche Wohnräume in angemessener Zahl 
vorhanden sind. 



Verwaltungsgebäude. 



425 



An den Nebengebäuden ist in den letzten zwanzig Jahren mancherlei 
umgebaut worden, namentlich mussten neue Stallungen so gut als möglich 
eingebaut werden, da der Hauptstall nur sechs Pferde fassen kann. Das 
Bureaugebäude erhielt seine jetzige Ausbildung im obern Theile im Jahre 
1871. In seinem ersten Obergeschoss befindet sich der Saal des „Conseil 
general", welcher hier, wie noch heute in jedem französischen Departement, 
alljährlich tagte. An den Wänden befinden sich Marmortafeln mit den 
eingegrabenen Namen der Präsidenten des Unter-Elsass und ihrer Amts- 
dauer. Neuerdings wird er für die Sitzungen des Staatsraths von Elsass- 
Lothringen benutzt, welcher unter Vorsitz des Statthalters die Gesetz- 
entwürfe zu begutachten hat. 



Das Gebäude des Staatssekretärs wurde im Jahre 1872 aus den Händen 
eines Privatmannes, Hecht, als Sitz des damaligen Civilkommissars und für die 
späteren Oberpräsidenten angekauft. Die Räumlichkeiten sind im Ganzen 
recht beschränkt, was namentlich bei grösseren geselligen Zusammen- 
künften oft schwer empfunden wird. Grundriss und Ansicht im ersten 
Theil des Werkes, im alten Strassburg (Fig. 293 und 294), geben ein Bild der 
sehr ansprechenden Anlage, welche auch im Innern in der Ausbildung 
der Treppe, Vestibüle und Festräume den gewandten Meister nicht ver- 
läugnet, obgleich die Räume leider sämmtlich recht niedrig sind, von 
Verwendung echter Baustoffe abgesehen, und meist nur Stuck in farbiger 
Abtönung, in den grossen Sälen mit Deckengemälden, gewählt worden ist. 



Das Ministerium des Innern ist in verschiedenen, von Privaten 
erstandenen, theilweise vergrösserten Bauten der Allerheiligengasse unter- 
gebracht, welche weder nach ihrer Bedeutung, noch nach ihrer Ein- 
theilung etwas Bemerkenswerthes bieten. 

Das Ministerittm für Justiz und Kultus befindet sich Blauwolken- 
gasse No. 21 in einem Privatgebäude, welches 1871 von der Universitäts- 
verwaltung angekauft und als geburtshilfliche Klinik bis zum Jahre 1887 
benutzt wurde, welches aber weiter kein besonderes Interesse bietet. 

Das Ministerium für Finanzen, Landwirtschaft und Domänen 
hat sein Unterkommen auch nur nothdürftig in der Münzgasse und zwar in 
den mehrfach umgebauten Gebäudetheilen der alten Strassburger Münze 
gefunden, in welcher noch bis zum Jahre 1870 die Prägung für Rechnung 
der französischen Regierung im Gange war. 

Die Neuerrichtung entsprechender Gebäude kann bei der grossen 
Mangelhaftigkeit der jetzigen Unterbringung der höchsten Behörden nur eine 
Frage der Zeit sein. In der That ist auch schon ernstlich an die Frage 
herangetreten, indem bereits die beiden am Kaiserplatz noch freien Grund- 
stücke vom Staate erworben und Pläne ausgearbeitet worden sind, welche 
die Möglichkeit der Unterbringung sämmtlicher Zentralbehörden ergeben 
haben und welche nach ihrer Vollendung dem Kaiserplatz erst seinen 
Abschluss geben werden. 



426 



Das neue Strassburg. 



Nicht weit von diesem Platze entfernt an der Königsbrücke be- 
findet sich 

Das Besirkspräsidiitm ; der Sitz des Bezirkspräsidenten für Unter- 
Elsass mit seinen Rathen, Sekretären und Kanzlisten und dem grossen Sitzungs- 
saale für die Bezirkstage. 
Das Bezirkspräsidium ist 

seitens des ehemaligen 
Stadtbaumeisters Conrath 
1885 aus Stiftsgeldern neu 
errichtet und stellt einen in 

Backsteinfugenbau mit 
Hausteineinfassungen und 
Hausteingesimsen herge- 
stellten einfachen Bedürf- 
nissbau dar, welcher von 
der Behörde nur angemie- 
thet worden ist. Die innere 
Eintheilung leidet etwas 
unter den dunklen Mittel- 
korridoren und der etwas 
unklaren Ausbildung der 
Gänge und Räume, an dem 
stumpfwinkeligen Gebäude- 
eck zwischen Königsstrasse 
und Kochstaden, von wel- 
chem aus die im ersten und 
zweiten Obergeschoss gelegene 
Wohnung des Bezirkspräsidenten 
ihren besonderen Eingang hat. 




+-+-+■ 



Fig. 332. Kreisdirektion. Vorderansicht. 




Fig. 333. 



Die Kreisdirektion ist hinter 
dem Kaiserpalast in einem Neu- 
bau an der Palaststrasse unter- 
gebracht, welcher vom Baurath 
Metzenthin 1889 geplant und 
1890191 erbaut wurde, wobei ihm 
für Ausführung und Detailbe- 
arbeitung Herr Architekt Cavael 
zur Seite stand. 

Im hohen Untergeschoss befindet sich die Wohnung des Kreis- 
boten, im Erdgeschoss sind sämmtliche Geschäftsräume, im ersten Ober- 
geschoss der Kreistagssaal sowie die Gesellschaftsräume , Speisesaal 
und Küche des Kreisdirektors, im zweiten Obergeschoss die übrigen 
Familienräumlichkeiten desselben untergebracht. Das hohe Dachgeschoss 
ist durch eine Zwischendecke so getheilt, dass der untere Theil ganz durch 
Dachzimmer und die Waschküche eingenommen wird, während der obere 



Kreisdirektion. Grundriss des ersten Ober- 
geschosses. 



Verwaltungsgebäude. 



427 



Theil als Trockenspeicher dient. Keller, 
Koch- und Waschküche, Badezimmer 
und Aborte sind mit Cementbetonge- 
wölben zwischen Eisenträgern über- 
spannt, alle übrigen Zwischendecken 
in Tannenholzbalken mit Zwischen- 
lage von Gypsdielen ausgeführt. Die 
Räume im ersten Obergeschoss haben 
Parketböden, glatte, gemalte Gyps- 
decken, Voutengesimse und halbhohe 
Lambris, im zweiten Obergeschoss und 
im Erdgeschoss kieferne Böden und 
einfache Malerei erhalten. Die Wohn- 
räume gruppiren sich um die mittlere 
Diele, in welche die zu den oberen 
Räumen führende Haupttreppe direkt 
einmündet. Küchengerüche werden 
durch das vor der Küche liegende 

grosse Anrichte- 
zimmer abgehalten. 

Der Kreistags- 
saal , welcher dem 
Kreisdirektor zur Be- 
nutzung überlassen 
bleibt, da nur ein- bis 
zweimal im Jahre 
Sitzungen abgehalten 
werden, ist deshalb in 
engste Verbindung mit 
den übrigen Räumen 
gebracht worden. 

Zur Heizung 
dienen nur Oefen. Das 
Aeussere ist in ein- 
fachen Formen der 
deutschen Renais- 
sance mit Strass- 
burger Backsteinblen- 
dern und rothen pfäl- 
zischen Hausteinen 
von Annweiler mit 
steilem Schieferdach 

hergestellt. Durch 
drei Giebel, einen auf 
Säule auskragenden 
Erker und dem runden 




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Fig. 334. Kreisdirektion. Seitenansicht. 




Fig. 335. Kreisdirektion. Grundriss des Erdgeschosses. 



428 



Das neue Strassburg. 



Naehbarhof 



Treppenthurm der Hinterseite ist auf allen sichtbaren Gebäudeflächen eine 
malerische Wirkung gesichert und durch die 4,40 m weiten Fensteraxen mit 
den 2 m breiten, durch Doppelpfeiler und Querstein von Haustein getheilten 
Fenstern der Hauptfront der Charakter des öffentlichen Baues gewahrt. 

Die Kosten betragen einschliesslich aller Nebenausgaben 115000 Mark, 
also pro Quadratmeter 316 Mark, pro Kubikmeter 18 Mark, wobei das 
Mansardegeschoss mitgerechnet ist. 

Das Nebengebäude mit Stallung, Re- 
mise, Kutscherwohnung etc. ist in Putzbau 
mit oberem Fachwerk und tiberhängendem 
Dache in Anlehnung an die Holzbauten des 
sechzehnten Jahrhunderts hergestellt und 
kostete im Ganzen 12400 Mark, also pro 
qm 114 Mark, pro cbm 18 Mark. 

Die Poliseidirektion ist augenblicklich 
in dem vom Staate angekauften ehemaligen 
Hotel Marmoutier, Brandgasse No. 2, unter- 
gebracht, dessen Bedeutung bereits im 
ersten Theile dieses Werkes gewürdigt ist 
(Fig. 277). Der hier beigegebene Grundriss 
(Fig. 336) nebst Legende zeigt die Gesammt- 
eintheilung. 

Die Steuerdirektion ist in dem bereits 
erwähnten ehemaligen Münzgebäude bei 
der Thomaskirche untergebracht. Ausser- 
dem bietet dieser ziemlich ausgedehnte alte 
Bau noch Raum für die Geschäftsräume der 
Landeshauptkasse, welche, wie die Steuer- 
direktion gleichfalls unter der in demselben 
Gebäude befindlichen Finanzabtheilung des 
Ministeriums steht. 

Die neuerdings eingerichtete Depo- 
sit env er Haltung dieses Ministeriums ist vor- 
läufig miethweise in dem Gebäude des 
Bodenkredits untergebracht, soll aber später 
auch wie die Landeshauptkasse ein Unterkommen in den am Kaiserplatz 
zu errichtenden Ministerialgebäuden finden. 

Auch die Katasterkommission, welche die gesammten lange Jahre 
umfassende Landesvermessung und Richtigstellung der Kataster aller 
Gemeinden zu besorgen hat, ist mit ihrem gesammten grossen Personal 
nur miethweise in dem Gebäude Ludwigsplatz No. 1 untergebracht. Ein 
gleiches Schicksal theilt der Oberschulrath , welchem die sämmtlichen 
höheren Schulen und Lehrerbildungsanstalten unterstellt sind und welchem 
die Räume in dem alten Kastner'schen Hause, Blauwolkengasse No. 2, auch 
nur miethweise zur Verfügung stehen. Glücklicher bezüglich ihrer Unter- 
bringung war 




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Fig 



Polizeidirektion. Grundriss des 
Erdgeschosses. 
Legende. Erdgeschoss: 1—10 Direktorwoh- 
nung; 11—25 Bureaux. I. Stock: 1—10, 
23— 25Direktion; 11-22 Bureaux. Il.Stock: 
1-4, 9-10 Bureaux; 5—7 Direktor; 11—17 
Bote; 20-25 Beamter. 



Verwaltungsgebäude. 



429 



die Direktion der Zölle und indirekten Steuern, für welche im Jahre 
1891 die Unternehmerfirma der Architekten O. Back u. Co. sich erboten 
hatte, ein neues Gebäude in der Kaiser -Wilhelmstrasse No. 11 herzustellen 
und mit Verkaufsrecht miethweise auf dreissig Jahre zu überlassen. Dieses 
Gebäude wurde unter Oberleitung des Baurath Metzenthin im Jahre 1893 
fertiggestellt und dann sogleich nach Bewilligung der Ankaufsgelder durch 
die Landesvertretung für 305000 Mark erworben, wovon 216000 Mark auf 
das Gebäude entfallen, so dass dasselbe pro Quadratmeter 308 Mark und 
pro Kubikmeter 14,50 Mark einschliesslich aller Nebenausgaben kostet. 

Im Untergeschoss sind Hausmeisterwohnung und Aufbewahrungs- 
räume, im Erdgeschoss Registraturen, Kanzleien, Botenzimmer und Bureau- 
vorsteher , im ersten Geschoss die Wohnung nebst Amtszimmer des 
Direktors, im zweiten Obergeschoss 




Fig. 337. Direktion der Zölle und indirekten Fig. 338. Direktion der Zölle und indirekten 

Steuern. Grundriss des Erdgeschosses. Steuern. Vorderansicht. 



Rechnungskontrolle, im Dachgeschoss die Waschküche und Nebenräume 
untergebracht. 

Die Beleuchtung der Mittelgänge geschieht in vollkommen ausreichen- 
der Weise durch die in den Ecken zwischen Hauptbau und Hinterflügel 
untergebrachten Treppenhäuser, durch ein bis zur Decke des ersten Ge- 
schosses wirkendes Oberlicht, sowie durch Glasabschlüsse und Glasthüren 
an untergeordneten Räumen. 

Die Bauart ist massiv in Backsteinen mit voller Hausteinverblendung 
der Schauseite, Holzbalkenlagen, Schiefer- und Holzcementdach erfolgt. 
Keller, Küchen, Badzimmer und Aborte sind gewölbt. Die Ausstattung 
der Bureaux ist mit buchenen Böden und glatten Gypsdecken, der Wohn- 
zimmer mit Parketböden und gemalten Stuckdecken erfolgt, das Aeussere 
in den kräftigen Formen florentinischer Renaissance ganz in Hausteinen 
von gleichmässig rother Färbung aus den pfälzischen Brüchen bei Ann- 
weiler hergestellt. Ein vier Meter breiter Vorgarten mit Eisengitter trennt 
das Gebäude von der Strasse. 



430 



Das neue Strassburg. 



Das Bezirks -Gefängniss, im Volksmunde „Raspelhüs" genannt, ist 
in dem alten ehemaligen Kloster St. Johann im grünen Wörth, nahe dem 
Schlachthause untergebracht, welches bereits im alten Theil Seite 301 
(Fig. 202) erwähnt und während seiner Benutzung als Gefangenen- Anstalt 
namentlich seit 1870 vielfachen Aenderungen unterzogen wurde, um es 
nothdtirftig seinen Zwecken anzupassen. Dasselbe ist zur Aufnahme von 
400 männlichen und 50 weiblichen Gefangenen eingerichtet, hat 74 Ar 
Grundfläche, wovon 3 / 5 als Hoffläche bleiben, gemeinschaftliche Arbeits- 
und Schlafsäle und etwa 20 Einzelzellen mit Mitteldruckwasserheizung. 

Das Unter suchungsgefängniss für 100 männliche Gefangene (Fig. 339) 
in der Fadengasse schliesst sich dem Landgericht nach hinten zu durch 
einen unter der Strasse durchführenden Gang an, enthält vorn einen 
kleinen zwei Geschoss hohen Bau für Aufseherwohnungen, Wache, Bureau 
und Kapelle, im Hof das eigentliche Gefängniss drei Geschoss hoch mit 
27 Einzelzellen, 3 Arbeits- und 3 Schlafsälen. Die Erbauungszeit fällt an- 




Fig. 339. Untersuchungs-Gefängniss und Landgericht. Grundriss des Erdgeschosses. 

Gefängniss. A. Wache, B. Wohnung, darüber Wohnung. C. D. Wirthschaftsraum, darunter 
Vorräthe. Z. Zellen, darüber Zellen und Säle. 

Landgericht. A. Archiv, darüber Bureau. B. C u. D. Bureau, darüber Saal. W. Wohnungen, 
darüber Bureau. R. Untersuchungsrichter, S. Staatsanwälte, E. Akten, darüber Bureaux. Im Vorder- 
haus 2 Obergeschosse. 



scheinend in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ; doch ist der in der 
Giesshausgasse belegene zurücktretende Zellenbau im Jahre 1885 angefügt 



und mit Wasserheizung versehen. 



Die Gerichtsgebäude beschränkten sich in französischer Zeit auf das 
Landgericht (tribunal) und auf einige in den verschiedenen Kantonen der 
Stadt zerstreute Friedensgerichte. Da letztere sich als viel zu klein erwiesen, 
um für die nach 1870 eingesetzten Amtsgerichte zu dienen, so wurden die 
umfangreichen Geschäftsräume derselben in dem Obergeschoss des ehe- 
maligen Bahnhofes, jetzt Markthalle am Kleberstaden, vereinigt. 

Das Landgericht wurde im Jahre 1870—1871 auf alten Fundamenten 
mit theilweiser Beibehaltung alter Mauern neu errichtet durch Gemeinde- 
Baumeister Keil, das Hinterhaus nach Plänen des Baurath Oppermann, 
der Vorderbau nach Entwurf des Baurath Winkler in Colmar. Es ist an 
der Strasse drei Geschoss, im Uebrigen zwei Geschoss hoch, umschliesst 
einen grossen Innenhof und enthält den im Erdgeschoss nach hinten aus- 
gebauten Schwurgerichtssaal. Die Sitzungssäle befinden sich sämmtlich im 
ersten Obergeschoss des Hinterbaues, die Seitenflügel enthalten Archiv 



Verwaltungsgebäude. 



431 



und Bureaux, das Vorderhaus die Zimmer der Staatsanwaltschaft, der 
Direktoren und die Pförtnerwohnung. 

Die Hauptschauseite in der Blauwolkengasse zeigt einen Renaissance- 
bau in weissem Vogesensandstein mit loggienartigem viersäuligen Portikus 
in eleganten und klar durchgebildeten Verhältnissen. 

Nach Vollendung des 
grossen Neubaues (Fig. 342) 
ist es für die Zwecke des 
Polizei-Präsidiums in Aus- 
sicht genommen. 

Für das neue Land- 
und Amtsgerichts-Gebäude 
am Finkmattstaden zur 
Seite der neuen Jung St. 
Peterskirche (s. Stadtplan 
G. 3. 4.) sind die Pläne zur 
Ausführung im Wesent- 
lichen durch Professor 
Neckelmann in Stuttgart 
fertig gestellt, welcher in 
dem, auf Grundlage der 
vom Stadtbauamte ge- 
fertigten Grundrisszeich- 
nungen ausgeschriebenen 
Wettbewerb den ersten 
Preis erhalten hat. 

Das Gebäude, in wel- 
chem der linke Theil dem 
Amtsgericht, der rechte 
dem Landgericht zugetheilt 
ist, stellt einen freistehen- 
den, dreigeschossigen Bau 
dar von 50 m auf 78 m, mit 
einem Lichthof von 28 m 
auf 26 m, welcher durch 
eine Einfahrt im Hinterbau 
von aussen zugänglich ist. 

Die zwei oberen Sitz- 
ungssäle des Vorderbaues, der mittlere Bibliothekraum [und der Schwur- 
gerichtssaal des Hinterbaues sind durch das zweite Obergeschoss hindurch- 
geführt, so dass sich an Lichthöhe ergiebt im Erdgeschoss für Eingang 
und Sitzungssäle 5,20 m, für die Arbeitsräume 4,20 m, in dem Hauptgeschoss 
für die Säle 7,45 m, für die Arbeitszimmer in beiden Obergeschossen 3,60 m. 

Das auf den Grundrissen (Fig. 340 und 341) nicht ersichtliche Unter- 
geschoss enthält die Archivräume, die Kessel einer Niederdruckdampf- 
heizung und die Wohnungen für Hausmeister, Pförtner und Heizer, das 
zweite Obergeschoss Bureauräume in gleicher Eintheilung wie Fig. 341. 




Fig. 340. Land- und Amtsgerichtsgebäude. 

Erdgeschosses. 



Grundriss des 



432 



Das neue Strassburg. 



Die Bauart ist massiv in Backsteinen mit Verblendung sämmtlicher 
Schauseiten in Vogesensandstein, Wölbung des Untergeschosses, hölzernen 
Balkenlagen der Geschosse und eisernem Dachstuhl mit Zinkblechbedachung 
vorgesehen. 

Die Ausbildung des Aeusseren soll nach Figur 342 in italienischer 
Renaissance mit viersäuligem giebelgeschmücktem, mächtigem Portikus der 

Hauptfront am Finkmatt- 
staden, die Ausstattung des 
Innern einfach und würdig 
und nur bei der durch die drei 
Geschosse sich erhebenden 
Wartehalle mit Treppenan- 
lagen und Umgängen sowie 
bei den Hauptsälen in rei- 
cherer Art erfolgen. 

Eine Centralheizungs- 
anlage mit Ventilations- 
einrichtung, elektrische 
Beleuchtung und Wasser- 
leitung im Anschlüsse an 
die städtischen Leitungen 
werden vorgesehen. 

Die bis 1897 zu voll- 
endende Ausführung, zu 
welcher Professor Neckel- 
mann die architektonischen 
Details anzufertigen über- 
nommen hat, findet unter 
selbständiger Leitung des 
dem Ministerium unter- 
stellten Kaiserlichen Bau- 
beamten, Bauinspektor 
Wägner, statt. 

Für die Kosten, ohne 
Ausstattungsstücke , sind 
♦ ♦ ¥ ♦ 1 050 000 Mark bewilligt, wo- 

Fig. 341. Land- und Amtsgerichtsgebäude. Grundriss des nach sich pro Kubikmeter 
ersten Obergeschosses. 1 

rund 21,30 Mark ergeben. 

Das im Bau begriffene Bezirks- Archiv in der Schwarzwaldstrasse, ent- 
worfen vom Baurath Metzenthin unter Mitwirkung der Architekten Cavael und 
Landshut, welch' letzterem auch die spezielle Bauleitung übertragen ist, zeigt 
auf einem Eckgrundstück ein Verwaltungsgebäude mit Verbindungsgängen 
nach den beiderseitigen Aktenmagazinen, welche die Gestelle mit je 3600 qm 
Ansichtsfläche in sechs 2,60 m hohen Geschossen aufnehmen. 

Die Ausführung findet in Backsteinmauerwerk mit Hausteinverblen- 
dung von Vogesensandstein statt. Innere in den Gestellen verborgene 




Verwaltungsgebäude. 



433 



Säulen von vier Winkeleisen tragen die eisernen Balkenlagen, welche 
mit j~~|-Eisen rostartig überdeckt sind, während das oberste Geschoss gegen 
den Dachraum durch Gewölbe abgeschlossen ist. Das Dach ist in Eisen 
mit Wellblech- Abdeckung hergestellt. 

Die 4 m von Mitte zu Mitte entfernten 4,50 m langen Doppelgestelle 
mit 1,40 m breitem Mittelgang und 1 m breiten Seitengängen sind von fünf 




Fig. 342. Land- und Amtsgerichtsgebäude. (Entwurf.) 




Fig. 343. Bezirksarchiv. Vorderansicht. 



senkrechten d- Eisen mit je sechs wagerecht angeschraubten Querarmen 
aus Winkeleisen gebildet, auf denen beiderseitig die Holzbretter für die 
Aktenaufstellung liegen. Jedes Gestell wird für sich aufgestellt und mit 
den tragenden Balken oben und unten verschraubt. 

Das Verwaltungsgebäude, dessen Eintheilung im Grundriss ersicht- 
lich ist, besitzt zwei 4 m hohe Geschosse, hölzerne Balkenlage, einfachen 
hölzernen Dachstuhl und Wellblechdach. 

28 



Das neue Strassburg. 




Fig. 3-14. Bezirksarchiv. Seitenansicht. 




ig. 345. Bezirksarchiv. Durchschnitt des Aktenmai 



Das Aeussere ist in den 
Formen der italienischen Renais- 
sance mit einem Unterbau von 
zwei und einem Oberbau von 
vier Geschossen ausgebildet, 
deren Theilungen nach aussen 
kenntlich gemacht sind. 

Die Kosten betragen für 
das Verwaltungsgebäude pro Ku- 
bikmeter 23' Mark, im Ganzen 
57000 Mark. Für den Verbin- 
dungsgang pro Kubikmeter 
31 Mark, im Ganzen 8500 Mark. 

Für das Aktenmagazin pro 
Kubikmeter 25 Mark, im Ganzen 
200000 Mark. Für ein vollstän- 
diges Doppelgestell, dessen 
Bretter von drei zu drei Centi- 
meter verstellbar sind, pro Qua- 
dratmeter Akten -Ansichtsfläche 
6 Mark, im Ganzen 120 Mark. 




Fig. 346. Grundriss des Bezirksarchiv. Erdgeschosses. 




Fig. 347. Universitäts- und Landesbibliothek. Gesammtansicht. 



XIV. ABSCHNITT. 

UNIVERSITÄTS- UND LANDESBIBLIOTHEK. 

Bearbeitet von 

Kreis-Bauinspektor Wägner. 



Der Gedanke, an Stelle der bei der Belagerung zu Grunde gegangenen 
beiden bedeutenden Büchersammlungen der Stadt Strassburg und des pro- 
testantischen Seminars eine neue Bibliothek zu errichten, durch den jetzigen 
Leiter der Bibliothek Professor Dr. Barack angeregt, wurde schon Ende 
Oktober 1870 zur That, indem Professor Barack im Einverständniss mit 
Bibliothekaren und Gelehrten Deutschlands einen Aufruf zum gemeinsamen 
Wirken behufs Wiederbegründung, Widergewinnung eines Bücherschatzes 
in die Welt sandte. Welch freudigen Widerhall diese Anregung gefunden, 
beweist die Thatsache, dass bereits im Juli 1871 die ersten Sammlungen, 
Geschenke u. s. w. in den von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellten 
Räumen des alten bischöflichen Schlosses geordnet und im August desselben 
Jahres die Gründungsfeier der neuen , zur Universitäts- und Landesbibliothek 
bestimmten Sammlung stattfinden konnte. 1872 wurde dieselbe der allge- 
meinen Benutzung mit einem Bestände von 220 000 Bänden übergeben. Sie 
vergrösserte sich durch werthvolle Schenkungen und Neubeschaffungen 
bis zum Jahre 1886 auf 610000 Bände einschliesslich 4000 Handschriften, 
und damit musste die Errichtung eines eigenen würdigen Heims in's Auge 
gefasst werden. Durch den jetzt verstorbenen Ministerialrath Pavelt am 
Kaiserlichen Ministerium hier wurde der Vorentwurf aufgestellt und darnach 
die Ausarbeitung des definitiven Projekts durch die Architekten Härtel 

28* 



436 



Das neue Strassburg. 




Als Baustelle war, wie aus dem Lageplan beim Landesausschuss- 
gebäude, Fig. 318 zu ersehen, das nordöstliche Bauquadrat am Kaiserplatz 
bestimmt, in gleicher Vorderflucht mit dem neuen Landesausschussgebäude. 



Universitäts- und Landesbibliothek. 



437 



Die Gesammtanlage, 2 Lichthöfe umschliessend, zeigt eine ziemlich 
scharfe Scheidung der Verwaltungsräume und der eigentlichen Bücher- 




Fig. 349. Universitäts- und Landesbibliothek. Grundriss des I. Stockwerkes. 

magazine. An der Hauptfront nach dem Kaiserplatz liegen die ersteren 
mit Nebenräumen im Erdgeschoss; der Saal für Ausstellung von Kupfer- 
werken und Handschriften, die Säle für Incunabeln und Alsatica im Ober- 




«nur r r r r r r — t = 

Fig. 351. Universitäts- und Landesbibliothek. Detail der Vorderansicht. 



440 



Das neue Strassburg. 



geschoss. Die Haupträume für das Publikum, Bücherausleihe, 2 Katalog- 
zimmer und Lesesaal schliessen sich im Erdgeschoss, dem Haupteingange 
gegenüber, im Mittelpunkt der ganzen Anlage den Verwaltungsräumen an. 
Erstere drei Räume erhalten nur Oberlicht. Dem Lesesaal konnte durch 
Höherführung über die Magazinzwischenbauten ausser dem Oberlicht un- 
mittelbares Seitenlicht durch 3 grosse Bogenfenster zugeführt werden. 
Durch diese Anordnung wurde ausserdem die erforderliche Höhe für 3 
übereinander liegende Gallerien längs der Umfassungs wände gewonnen, 
welche zur Unterbringung der im Lesesaale nöthigen Nachschlagewerke 
u. s. w. mit rund 33000 Bänden ausreichen. Der Leseraum selbst ist für 




Fig. 352. Universitäts- und Landesbibliothek. Längendurchschnitt. 



80 Sitzplätze bestimmt, worunter 10 besondere Arbeitsstellen für Karten- 
werke u. s. w. Die Lesetische stehen in einem Mittelabstande von 3,50 m 
bei 1,70 m Breite und erhalten in der Mitte einen doppelreihigen Bücher- 
aufsatz zur Unterbringung der Bücher für die Lesenden. Für einen Sitz 
ist 1 m Länge angenommen. Die eigentlichen Büchermagazine, durch die 
erwähnten Zwischenbauten mit dem Lesesaal und den Katalogzimmern 
verbunden, umschliessen die 2 Lichthöfe und enthalten 8 Büchergeschosse 
von durchschnittlich 2,20 m Lichthöhe. Für ausreichende Beleuchtung durch 
Lichtzuführung von beiden Langseiten ist Sorge getragen. Hierbei werden 
die Büchergestelle, in 3,50 m Länge senkrecht zur Längsrichtung an die 
Langwände angeschlossen, in 2,40 m Mittelabstand aufgestellt, und bleibt 
ein freier Mittelgang von 1,50 m Breite (s. Fig. 348, 349 und__352). 



Universitäts- und Landesbibliothek. 



441 



Die Fassaden, in demselben Materiale wie das Landesausschussge- 
bäude ausgeführt, sind ebenfalls in den Formen italienischer Renaissance 
in künstlerischer Uebereinstimmung mit dem auf der anderen Seite der 
Kaiser Wilhelmstrasse in derselben Flucht stehenden Landesausschussge- 




Fig. 353. Universitäts- und Landesbibliothek. Lesesaal. 



bäude gehalten. Die Modelle zu den beiden Figurengruppen, Giebelfeld 
und Medaillons wurden vom Bildhauer Riegger hier gefertigt. 

Beide Theile des Baues , sowohl Verwaltungs- wie Magazinbau sind 
in der architektonischen Gestaltung über dem Unterbau als zweigeschossige 
Anlage behandelt und die Fassaden im Wesentlichen unabhängig von 



442 



Das neue Strassburg. 



der Anordnung und Einrichtung der Büchergeschosse durchgeführt (s. 
Fig. 347, 350 u. 351). 

Im Innern ist jedes feuergefährliche Material für die Konstruktion 
der Bautheile vermieden, das Untergeschoss ist überwölbt, die weiteren 
Zwischendecken, sowohl im Verwaltungsbau wie in den Magazinräumen, 
bestehen aus Betonschüttungen zwischen Eisenträgern. Die Dachkonstruk- 
tion ist in Eisen hergestellt, die Eindeckung in Zinkblech, mit Ausnahme 
der Kuppelbedachung über dem Lesesaal, woselbst Gräte und Einfassungen 
in Kupfer, die Zwischenfelder zur Einführung ausreichenden Lichtes in 
Glastafeln gedeckt sind. 

Die beiden Haupttreppen sind in Echaillonkalkstein, die übrigen Ver- 
bindungstreppen, sowie die doppelläufigen Magazintreppen in Eisen mit 
Eichenholzstufen hergestellt. 

Zu den Voutendecken der Haupträume wurde eine besondere, durch 
Einlage von Staff und Eisenrahmen verstärkte Gypsmasse verwandt, eine 
dem Rabitzverfahren ähnliche, aber wesentlich billigere Ausführung. Ter- 
razzoböden sind für die Eingangshalle und Korridore bestimmt, Eichen- 
parket in den Verwaltungsräumen und Cementestrich mit Linoleumbelag 
in den von dem Publikum zu benutzenden Räumen. 

In den Magazinen sind die Böden in Cement hergestellt. 

Die malerische Ausstattung der Haupträume im Innern ist dem De- 
korationsmaler Hesse in Leipzig übertragen (s. Fig. 353). 

Die Erwärmung der Verwaltungs- und Magazinräume, für erstere bis 
auf eine Temperatur von + 20° Celsius, letztere bis auf + 10° Celsius bei 
einer Aussentemperatur von — 20° Celsius, geschieht durch eine Nieder- 
druck-Dampfheizung, für welche die 6 Niederdruck-Dampfkessel im Unter- 
geschoss aufgestellt sind. Für den Lesesaal ist Warmluftheizung vorgesehen, 
in ähnlicher Ausführung, wie beim Landesausschussgebäude beschrieben. 

Die Anlage kostet einschliesslich Heizkörpermäntel 58700 Mark. 

Elektrische Beleuchtung, von der gemeinsamen Kraftquelle beim 
Landesausschussgebäude aus gespeist, erhalten sämmtliche Verwaltungs- 
und Magazinräume und zwar durchschnittlich vermittelst Glühlichter; nur 
für den Lesesaal sind 4 Bogenlampen von je 2000 Kerzenstärken ange- 
nommen. Die Kosten dieser Beleuchtungsanlage einschliesslich unterirdische 
Kabelleitung vom Maschinenhause aus betragen 22400 Mark. 

Desgleichen ist Wasserleitung bis unter Dach mit hinreichenden Feuer- 
hähnen, Toiletteräumen und Klosetspülung hergestellt mit einem Kosten- 
aufwand von 9200 Mark. 

Die eigentlichen Baukosten betragen einschliesslich Architektenhonorar 
und Bauleitung 1450000 Mark, und bei 60,200 cbm bebauten Raum pro 
cbm 24,60 Mark. 

Hierbei ist hervorzuheben, dass die Gesammtfassungskraft der Bücher- 
räume 1400000 Bände d. h. etwa das Doppelte des derzeitigen Bestandes 
beträgt. Eine Erweiterung der Magazinräume nach der Ostfront ist vor- 
gesehen. 



Universitäts- und Landesbibliothek. 



443 



Die Kosten für Mobiliarbeschaffung einschliesslich der in Eisen ange- 
nommenen Büchergestelle sind auf 360000 Mark berechnet; für die Bücher- 
gestelle ist dabei ein besonderes, dem Erfinder, „Schlossermeister Lipman 
in Strassburg", patentirtes neues System für leichte Verstellbarkeit der 
Bücherbretter bei voller Belastung unterlegt, welches sich bei den Proben 
als überaus zweckmässig erwiesen hat. 

Der Bau wurde 1889 begonnen und wird 1894 vollendet. 

Die olpere Aufsicht über die Bauausführung wurde wie beim Landes- 
ausschussgebäude durch die Bauabtheilung beim Kaiserlichen Ministerium 
ausgeübt, die specielle Bauleitung durch einen dem Ministerium unter- 
stellten Regierungs-Baubeamten. Die Ausarbeitung sämmtlicher architek- 
tonischen und künstlerischen Details für das Aeussere und Innere wurde 
nach den Entwürfen und näheren Angaben des mit der künstlerischen 
Oberleitung betrauten Architekten Professor Neckelmann bewirkt. 



Fig\ 354. Allgemeines Kollegiengebäude. Oberer Abschluss des rechten Eckpavillons. 



XV. ABSCHNITT. 

DIE KAISER- WILHELMS-UNIVERSITÄT. 

Bearbeitet von 

Universitätsbaumeister Mayer. 



Die jüngste deutsche Hochschule wurde von Kaiser Wilhelm L, König 
von Preussen, durch Stiftungsurkunde datirt vom 28. April 1872 neu 
begründet. 

Dieser Urkunde gemäss Avurden derselben vorläufig, als Nothbehelf, 
bis zur Herstellung anderer neuer Gebäude, das Schloss, sowie das 
ehemalige französische Akademiegebäude zur Benutzung überwiesen. 

Fast während der Dauer eines Dezenniums wurden infolgedessen die 
Vorlesungen in zerstreut liegenden Gebäuden der Stadt abgehalten. 

Mit den Entwürfen für die Neubauten wurde im Jahre 1874 begonnen ; 
jetzt, nach Ablauf von 20 Jahren, sind sämmtliche neuen Universitäts- 
institute, mit Ausnahme der Medicinischen Klinik, vollendet. 

Als eine Eigenartigkeit bei der baulichen Entwickelung ist die Bildung 
zweier Zentren hervorzuheben. 

Obwohl eine örtliche Vereinigung aller Institute und Kliniken für 
eine ideale Gestaltung von grosser Wichtigkeit gewesen wäre und bei einem 
losen Zusammenhange ein Auseinanderfallen in Fachschulen befürchtet, 
ja eine Gefahr für die Wissenschaft darin erblickt wurde, konnte es 
dennoch nicht ermöglicht werden, die räumliche Einheit der ganzen 
Universität durchzuführen. 

Bei der Platzfrage schienen anfänglich die Beziehungen der Univer- 
sität zum Bürgerspital bestimmend zu sein. 

Die Spitalverwaltung hat nämlich die Verpflichtung, das für den 
medicinischen Unterricht und zwar für die Anatomie sowohl, als für die 
Kliniken erforderliche Material unentgeltlich zur Verfügung zu stellen und 
da dieses für eine erspriessliche Thätigkeit der medicinischen Fakultät so 
überaus wichtige Verhältniss unter allen Umständen unverändert aufrecht 
erhalten werden musste, so lag der Plan am nächsten, nicht bloss die 
Bauten der medicinischen Fakultät, sondern sämmtliche Universitätsbauten 
in unmittelbarer Nähe des Spitals und im engsten Zusammenhang mit 
demselben zu errichten. 



Kaiser- Wilhelms-Universitä t. 



445 



Es stellte sich auch heraus, dass für diesen Zweck, durch eine den 
militärischen Interessen nicht gerade entgegenstehende Verlegung der 
Festungswälle in der That ein Areal zu gewinnen gewesen wäre, das zur 
Gruppirung sämmtlicher Universitätsbauten, mit Ausnahme der Sternwarte, 
annähernd ausgereicht hätte. Indessen wäre die Gebäudeanlage eng 
zusammengedrängt geblieben, und eine später etwa nothwendige Erweiterung 
ausgeschlossen gewesen. Ueberdies stellten sich schwerwiegende finan- 
zielle Bedenken diesem Projekte entgegen. 

Die Wahrung allgemeiner Interessen hatte bereits die Erweiterung 
der Stadt in der Richtung nach Nordosten zur Folge gehabt. In dortiger 
Gegend wurde schön gelegenes Bauterrain zu billigem Preise abgegeben. 
Es hätten desshalb die Ausgaben für die Verlegung der Südfront der 
Festung, lediglich zum Zwecke der Gewinnung von Bauplätzen für die 
Universitätsbauten, vom wirthschaftlichen Standpunkte aus betrachtet, nicht 
genügend begründet werden können. 

Das Projekt einer umfangreichen Südfronterweiterung verlor infolge- 
dessen an Boden und es kam die Frage zur Erörterung, ob das Spital 
nicht an die Nordostseite der Stadt zu verlegen und im Anschlüsse an die 
übrigen Universitätsbauten aufzuführen wäre. Die medicinische Fakultät 
stellte jedoch die Forderung, dass die neuen Spitalgebäude und die Kliniken, 
einschliesslich des Pfründnerhauses gleichzeitig in Angriff genommen und 
gleichzeitig vollendet, beziehungsweise bezogen werden müssten. Die 
Unmöglichkeit der Erfüllung einer solchen Bedingung lag aber, bei der 
Erwägung der damaligen Verhältnisse, auf der Hand und so kam es denn, 
dass die Bauten der medicinischen Fakultät einen gewissen Mittelpunkt 
im alten städtischen Hospital erhielten, wogegen die vier übrigen Fakultäten 
in Gebäuden an der Ostfront der Stadt, unmittelbar vor dem ehemaligen 
Fischerthore ihre Heimstätte fanden. 

Die beiden Anlagen sind etwa 20 Minuten von einander entfernt. 

Für ihre Gestaltung war der Grundsatz massgebend, dass für alle 
diejenigen Zweige der Wissenschaft, welche eigenthümliche Einrichtungen 
erfordern, oder für welche eine strenge Absonderung durchgeführt werden 
muss, wie bei den Kliniken, auch besondere, diesen Zwecken möglichst 
vollkommen angepasste Gebäude aufzuführen seien. 

Das Aeussere der Universitätsgebäude und der Gesammtanlage ent- 
spricht einer Hochschule ersten Ranges. 

Die Baukosten der Gesammtanlage betragen: 

I. Neubauten vor dem ehemaligen Fischerthore, einschliess- 

lich Grunderwerb, Strassengebühren und Bauleitung . 

II. Neubauten vor dem Spitalthor, einschliesslich einer noch 

zu erbauenden medicinischen Klinik, sowie des Grund- 
erwerbs und der Bauleitung 

Gesammtkosten 



8 700000 M. 

5316000 „ 
14016000 M. 



446 



Das neue Strassburg. 



Die für die Bauzwecke vorhandenen Fonds setzen sich aus folgenden 



Summen zusammen: 

I. Beitrag des Deutschen Reiches: 

a) Beitrag zum Bau der Anatomie und des astro- 
nomischen Instituts 1015384 M. 

b) Beitrag zu den Kosten des allgemeinen Kollegien- 
gebäudes 2300000 „ 

c) Antheil an den vom Reiche überwiesenen Fonds an 
Reichskassenscheinen 4384695 „ 

Zusammen .... 7700079 M. 

II. Beitrag des Bezirks Unter -Elsass zur Deckung der 

Kosten des Grunderwerbs für die medicinischen An- 
stalten 500000 „ 

III. Beitrag des Landes zur Verstärkung der Baumittel . 2400000 „ 

IV. Beitrag der Stadt Strassburg : 

a) Verzicht auf die von den zu den Neubauten ver- 
wendeten Baumaterialien zu zahlenden Oktroigebühren 285 000 „ 

b) Beitrag zu den Kosten des Neubaues des zoologischen 

Instituts 346000 „ 

Ertrag der Besitzungen Elisabethengasse Nr. 6, 8 
und 10, abzüglich der Lasten, bis zum Ablauf des Etatsjahres 

1897/98 ca 50000 „ 

Zinsen der Baugelder bis zum Ablauf des Etats- 
jahres 189293 2672000 „ 

Zinsen der Baugelder bis zur völligen Verausgabung 
derselben ca 146300 „ 



Kosten der Bauten im Allgemeinen, ohne Architektenhonorar und 
Kosten für Bauleitung. 



Lfd. 
No. 


Bezeichnung des Baues. 


Gesammt- 
Baukosten. 


Kosten 
pro cbm 




A. GEBÄUDE VOR DEM EHEMALIGEN 








F1SCHERTHORE. 






1 


A 1 1 gemein es Kollegiengebäu de. 










2198 000 


19,90 




b) Für die innere Einrichtung 


80 000 




2 


Chemisches Institut. 


2 278000 


20,60 




a) Institutsgebäude. 










564 700 


18,40 






70 700 








635 400 


20,60 




ß) Wohnhaus des Direktors 


65000 


17,80 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



447 



Lfd. 
No. 


Bezeichnung des Baues. 


Gesammt- 
Baukosten. 


Kosten 
pro cbm 
Jt 


3 


Physikalisches Institut. 

b) Für die innere Einrichtung 


519 000 
64 000 


20,10 


4 


Botanisches Institut, 
a) Institutsgebäude. 


583 000 

247 500 
10 500 


22,50 
21,20 




b) Kleine Gewächshäuser 


258 000 
290 000 

18 400 


22,10 

23- 
46- 
18,30 


5 


Sternwarte. 

a) Hauptgebäude. 

Für das Gebäude, einschliesslich innerer 

ß) Observatoriengebäude. 

Für das Gebäude, einschliesslich innerer 


194 000 

215 600 
72 400 


32,10 

28,20 
17,50 


6 


Mineralogisches Institut. 

b) Für die innere Einrichtung 


564000 
140 000 


16,60 




c ) r ur u in wenruiigcii unu uiii iciitiiiicigeii. 


704 000 
18 000 


20,70 


7 


Zoologisches Institut. 

b) Für die innere Einrichtung 


722000 

615 000 
200 000 


16,20 




c) Für Umwehrungen, Gartenanlagen und 
Thierställe 


815 000 
30 000 


21,50 




B. GEBÄUDE AM SPITALTHOR. 


845 000 




8 


Physiologisches Institut. 

z\} T-nir Hat; f^plviiirlp t;p1hQf 

b) Für die innere Einrichtung 


165 900 
38 000 


15 ? 




c) Für Umwehrungen, Stallgebäude und Gar- 


203 900 
32500 


18,60 


9 


A 1/1 ntniti i p er oli /'i n rl o 
XxrliliU II Llt-g t Uli ItlltZ. 

b) Für die innere Einrichtung 


236 400 

642 200 
70800 


14,80 






713 000 


16,40 



448 



Das neue Strassburg. 



Lfd. 
No. 


Bezeichnung des Baues. 


Gesammt- 
Baukosten. 

Jf, 


Kosten 
pro cbm 

Jl, 




Ueb ertrag .... 
c) Für Umwehrungen, Gartenanlagen, Thier- 
ställe und die äussere Entwässerung . . 


713 000 

86 000 




10 


Physiologisch-chem isches Institut. 

a) Für das Gebäude selbst 

b) Für die innere Einrichtung 


799 000 

257 700 
40 000 


17,80 




c) Für Umwehrungen und Gartenanlagen . . 


297 700 
15 000 


20,50 


11 


Psychiatrische Klinik. 

a) Für das Gebäude selbst 

b) Für die innere Einrichtung 


312 700 

486 000 
37 500 


17- 




c) Für Umwehrungen und Gartenanlagen. . 


523 500 
36 500 


18,40 


12 


Frauenklinik. 

a) Hauptgebäude. 

a) Für das Gebäude selbst 

b) Für die innere Einrichtung 


560 000 

504 900 
39 000 


15,80 




c) Für Umwehrungen, Stallgebäude und 
Gnrfpnnnln crpn 


543 900 
44 600 


17,— 




ß) Isolirbaracke. 

a) Für das Gebäude selbst 

b) Für die innere Einrichtung 


588 500 

29 900 
1700 


14,60 


13 


Pharmakologisches Institut. 

a) Für das Gebäude selbst 

b) Für die innere Einrichtung 


31 600 

201 000 
39 000 


15,50 
18,60 




c) Für Umwehrungen, Stallgebäude und 
Gartenanlagen 


240 000 
21600 


22,20 


14 


Chirurgische Klinik. 

b) Für die innere Einrichtung 


261 600 

# 476 100 

36 000 


19,40 




c) Für Umwehrungen und Gartenanlagen. . 


512 100 
23300 


21,20 


15 


Klinik für Augenkrankheiten. 

b) Für die innere Einrichtung* 


535 400 

263300 
18 200 


20,80 




c) Für Umwehrungen und Gartenanlagen. . 


281 500 
7 400 


22,20 






288900 






29 



450 



Das neue Strassburg. 



A. DAS UNIVERSITÄTSGEBIET VOR DEM EHEMALIGEN 

FISCHERTHOR. 

Auch auf diesem Universitätsterrain hängen die Institutsgebiete nicht 
unmittelbar zusammen. Ein Theil wird im Westen durch einen grossen 
öffentlichen Platz, den Universitätsplatz, im Süden und Norden durch zwei 
Strassen, die Universitäts- und Goethestrasse und im Osten durch die 
Sternwartstrasse begrenzt. Auf diesem Gebiete liegen wiederum die viel- 
besuchten Institute der Stadt zugekehrt , also westlich ; das botanische und 
astronomische Institut östlich. In der Längsaxe dieses Theiles und in 
nächster Nähe des allgemeinen Kollegiengebäudes mit dem Blick nach 
Osten gerichtet ist die Goethebüste aufgestellt. Ein zweiter Theil wird 
von den vier Strassen: Nikolausring-, Blessig-, Lobstein- und Universitäts- 
strasse umschlossen. 

Das östlich gelegene Gebiet des ersten Theiles ist einstweilen pro- 
visorisch eingezäunt. Die ganze übrige Umwehrung besteht aus einem 
Eisengitter auf Steinsockel von 1,60 m bezw. 2,10 m Höhe. Grenzen Höfe 
an die Strassen, so sind Mauern in entsprechender Höhe aufgeführt. 

Die Entwässerung des Areals schliesst sich der Entwässerung der 
angrenzenden Stadttheile organisch an. 

Das Material der Fassaden stammt zum grössten Theil aus den Vo- 
gesen und hat die bekannte hellgraue Färbung. 

Das allgemeine Kollegiengebäude ist ganz mit Quadermauerwerk ver- 
blendet. Die Sockel, Gurten, Gebäudeecken, Fenstereinfassungen und Haupt- 
gesimse der übrigen Universitätsbauten sind in Haustein, die glatten Flächen 
zwischen denselben meistens in Mantelsteinen ausgeführt. Die äusseren 
Mauerflächen des Observatoriengebäudes und der zwei Beamtenwohnhäuser 
sind in Schwarzkalkmörtel geputzt. 

Den Kopf der Universitätsanlage vor dem ehemaligen Fischerthor bildet 

das allgemeine Kollegiengebäude. 

Dasselbe nimmt die ganze Breite zwischen der Universitäts- und Goethe- 
strasse ein. Der Platz westlich vor dem Gebäude ist mit Gartenanlagen 
und Springbrunnen geschmückt. In der Gebäudeaxe, nach Osten gelegen 
und an die Gebiete der naturwissenschaftlichen Institute grenzend, befindet 
sich die für Jedermann zugängliche Universitätsallee. 

Zur Gewinnung von Entwürfen für den Neubau wurde im Jahre 1878 
eine Konkurrenz ausgeschrieben, an der sich 102 deutsche Architekten 
betheiligten. Preise erhielten : Warth, Eggert, Milius und Bluntschli, Sommer, 
sowie Hossfeld und Hinkeldeyn. 

Der Entwurf des Professors Warth , dem der erste Preis zuerkannt 
worden war, wurde entsprechend den Vorschlägen des Preisgerichtes und 
einer eigens dazu eingesetzten Kommission einer Umarbeitung unterzogen 
und erst in umgearbeiteter Form der Ausführung zu Grunde gelegt. Bei 
Ausführung des Baues erhielt Professor Warth die Oberleitung. Im Herbste 



452 



Das neue Strassburg. 



1879 wurde mit der Fundirimg begonnen und am 26.-28. Oktober 1884 
fanden die Festlichkeiten der Einweihung statt. 




Fig. 357. Allgemeines Kollegiengebäude. Mittelbau. 



Das Gebäude enthält die Hörsäle, Seminarien und Bibliotheken der 
drei humanistischen Fakultäten und der mathematischen Abtheilung der 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



453 



mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät, ferner Diensträume für das 
Kuratorium nebst Sekretariat, das Rektorat, den Senat, die Fakultäten, 



> 

- 




Fig. 358. Allgemeines Kollegiengebäude. Rechter Eckpavillon. 



das Universitätssekretariat, die Quästur und Kasse, ferner die Aula, einen 
akademischen Lesesaal, einen Gesangsaal, zwei Fechtsäle und endlich 
Dienstwohnungen für den Quästor und 5 Unterbeamte. 



454 



Das neue Strassburg. 




10 0 10 ! , 50M. 

Fig. 359. Allgemeines Kollcgiengebäude. Grundriss des Obergeschosses. 




Fig. 360. Allgemeines Kollegiengebäude. Grundriss des Erdgeschosses. 



Besonders umfangreiche Räumlichkeiten erforderten die Sammlungen 
der Institute für Kunstarchäologie, für Alterthumswissenschaften, Egypto- 
logie, altchristliche Kunst und Kunstgeschichte. 



K a iser- Wilhelms-Universität. 



455 



Die Vertheilung der Räume ist in der Weise erfolgt, dass die häufig 
und regelmässig benutzten Säle, wie Auditorien und Verwaltungsräume in 
das untere, diejenigen Säle dagegen, in denen ein weniger reger Verkehr 
stattfindet, wie in den Seminarien und Sammlungen, in das obere Stock- 
werk verlegt sind. Zudem wurden, der besseren Ueberwachung wegen, 
die sämmtlichen Seminarräume in einem Gebäudeflügel möglichst nahe zu- 
sammengelegt. 

An die Ausführung der Bauarbeiten wurden die höchsten Anforderungen 
gestellt. Die Ausstattung des Gebäudes ist in den Lehr- und Verwaltungs- 
räumen einfach gehalten. Eine reichere Ausschmückung in Stuck und 




Fig. 361. Allgemeines Kollegiengebäude. Grosser Lichthof. 



Malerei hat nur in der Aula, in den Sitzungssälen, den Zimmern des Ku- 
rators, des Rektors, der Professoren, in den Vorhallen, Haupttreppen, 
sowie im grossen Lichthofe stattgefunden. In den Vorhallen, Treppen- 
häusern und Gängen sind die Fussböden in Terrazzo, die Säulen in Marmor 
hergestellt. Die Marmorstufen der Haupttreppen haben Teppichmusterung 
erhalten. 

Als Material für die Deckenbalken des Gebäudes ist Schmiedeeisen 
gewählt worden. Aus dem gleichen Material sind die Dächer des grossen 
Lichthofes und der Saaloberlichte hergestellt. Die Seminarräume werden 
mittelst einer Heisswasserheizung, alle übrigen Räume mittelst Luftheizung 
erwärmt. Für den Sommer ist eine Ventilationsanlage mit Pulsion ausge- 
führt, die durch zwei Gasmotoren von zusammen 8 PS betrieben wird. Die 



456 



Das neue Strassburg. 



Gesammtbaukosten betrugen, einschliesslich innerer Einrichtung, 2 278 000 M. 
Es entfallen auf das Kubikmeter überbauten Raumes , die Masse des grossen 
überdeckten Lichthofes mitgerechnet, 20,60 Mark. Wird dieser mit seinem 
Inhalte von 5600 cbm in der Berechnung in Abzug gebracht, so erhält man 
als Einheitspreis 21,70 Mark. Die Kosten des Fussbodens, des farbigen 
Oberlichtes in der Decke und des Glasdaches in der Dachfläche des 680 qm 
grossen Lichthofes haben einen Kostenaufwand von 42000 Mark erfordert. 
Auf den Figurenschrnuck am Aeusseren des Gebäudes wurde, einschliess- 
lich Beschaffung der Modelle, eine Summe von 100000 Mark verwendet. 
Die Modelle der Figuren des Mittelbaues stammen aus dem Atelier des 
C. F. Möst, den Guss der Bronzen hat die königl. Erzgiesserei in München 
besorgt. 




Fig. 362. Allgemeines Kollegiengebäude, Durchschnitt. 

Die Figuren auf den Pavillons sind nach Modellen von Joh. Schilling, 
R. Diez, H. Bach, E. Hundrisser und C. Dorn ausgeführt. Die Ausschmückung 
der Vorhalle, der Treppenhäuser, Vestibüle und Säulengänge wurde dem 
Maler Oscar Schurth in Karlsruhe übertragen. 

Die Stuck- und Malerarbeiten in der Aula mit Vorsaal kosteten 27 300 Mark. 

Chemisches Institut. 

Dasselbe ist in seiner vorliegenden Gestalt gemäss dem Programm 
des Professors Fittig von H. Eggert entworfen und ausgeiührt. Die lang- 
gestreckte Form des Gebäudes, ohne Höfe und Flügelbauten ist gewählt, 
um eine vollkommene Luftspülung und Abführung übler Ausdünstungen 
zu erzielen. 

Diese Gestaltung gestattete auch, die vier gemeinschaftlichen Arbeits- 
säle, und zwar zwei mit je 30 Arbeitsplätzen für die anorganische und 



Kaiser- Wilhelms-Universität. 457 




458 



Das neue Strassburg. 



zwei mit je 20 Arbeitsplätzen für die organische Abtheilung im Erdgeschosse 
in einer Flucht anzuordnen und auf diese Weise die denkbar vollkommenste 
Uebersichtlichkeit der Säle, in denen etwa 100 Praktikanten arbeiten, zu 
erlangen ; zudem ist dadurch der ganze Verkehr, der Transport von Chemi- 
kalien, sowie die Abführung des Verbrauchswassers ungemein erleichtert. 
Ferner verlangte das Programm eine Anzahl kleinerer Zimmer in nahem 
Zusammenhange mit den Arbeitssälen. Dieselben sind theils zwischen den 
beiden Abtheilungen in einem Mittelbau, theils an den äusseren Enden 
der Säle, theils wo es irgend thunlich schien, in dem Kellergeschosse 
untergebracht. 




r i ? ^ t ? t r ! ? ? «• 

Fig. 366. Schnitt durch das chemische Institut. 



In den Mittelbau sind hauptsächlich diejenigen Räume gelegt, welche 
beiden Abtheilungen gemeinschaftlich dienen, wie Schwefelwasserstoffzimmer, 
Raum für Luftpumpen, für chemisch-physikalische Versuche, Bibliothek, 
Garderobe, Verkaufslokal etc., an die Enden des Gebäudes dagegen die- 
jenigen, welche für die betreffenden Abtheilungen allein erforderlich sind. 
Den zuletzt genannten Räumen schliessen sich die Privatlaboratorien für 
die Professoren an. 

Mit jeder Abtheilung ist eine bedeckte Halle verbunden, in welcher 
Arbeiten im Freien mit giftigen Gasen vorgenommen werden. Am Aus- 
gang der dort angelegten Treppen im Kellergeschoss befinden sich Räume 
für Krystallisations- und Glühversuche, Darstellung von Präparaten, gröbere 
Feuerarbeiten, grössere Schmelzungen und Vorräthe. Zwei Dampföfen für 
Wasserbäder und Filtertrockenschränke sind ebenfalls im Keller aufgestellt. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



459 



Eine zweite Gruppe von Räumen bilden die Hörsäle für 50, beziehungs- 
weise 80 Zuhörer. Dieselben liegen in dem ersten Stockwerke. Im An- 
schlüsse an die Hörsäle befinden sich die Vorbereitungs- und Sprechzimmer, 
sowie die Sammlungen mit den zu den Vorlesungen erforderlichen Apparaten 
und Instrumenten. Die Hörsäle sowohl wie die Sammlung im Mittelbau 
sind durch 2 Stockwerke gebaut, die zwischen diesen hohen Sälen gelegenen 
Räume des zweiten Stockwerkes dienen als Magazine für trockene Rea- 
gentien, für Glas- und Porzellan -Vorräthe etc. Die Dienstwohnungen, 
Closets sind in den beiden Eckpavillons untergebracht. 

Als eigenthümliche Einrichtungen sind zu betrachten : Die Einrichtung 
für die Zuführung von Gas und Wasser, sowie die Abführung des Verbrauchs- 
wassers, ferner die Einrichtung zur Abführung der verdorbenen Luft und 
zur Verdunkelung der Hörsäle. 

Der Fussboden der Arbeitssäle ist als eichener Schiffsboden herge- 
stellt und mit Ausschnitten für die Gas- und Wasserrohren und für die 
Rinnen zur Entwässerung versehen. Letztere sind aus Asphalt hergestellt, 



mit starkem Gefälle ver- 
legt und derartig mit dicht- 
schliessenden Deckeln ver- 
sehen, dass keine übelrie- 
chenden Gase aus ihnen 
emporsteigen können.Ueber 
diesen Deckeln liegen die 
Gas- und Wasserleitungs- 
röhren. 




Das Ganze ist mit 2"Ut Fig. 367. Chemisches Institut. Schnitt durch den grossen 
ö Hörsaal. 

eingepassten, lose auflie- 
genden Holztafeln geschlossen und also in einer Weise konstruirt, dass 
eine Reparatur oder Reinigung der Anlage jederzeit und leicht ausgeführt 
werden kann. 

Da die Ventilation im Sommer sowohl wie im Winter ausreichend, 
leicht und sicher wirken muss, ohne aber Zug zu veranlassen, so wurde 
eine Calorifer-Luftheizung gewählt. 

Zur Erzielung einer absolut sicher wirkenden Ventilation ist letztere 
in der Weise eingerichtet, dass die Verbrauchsluft, je den Umständen ent- 
sprechend, entweder nach oben oder nach unten abgeführt werden kann. 

Die Enden der vertikalen Ventilationskanäle, ganz gleichgültig ob sie 
für die Digestorien oder die Räume selbst angelegt sind, sind zu diesem 
Zwecke im Keller an grosse mit Gasbrennern geheizte Aspirationsschlote 
und im Dachstock an grosse, an geeigneten Stellen angebrachte Deflektoren 
angeschlossen und wird der jeweils beabsichtigte Wechsel der Wirkungs- 
art der Anlage durch Verstellung der entsprechenden Schieber herbeigeführt. 

Alle Rollläden zur Verdunklung einer Fensterseite der Hörsäle können 
von einer einzigen Stelle aus bewegt werden. 

In den Laboratorien ist die Anwendung von Metallen, weichen Hölzern, 
Steinmaterialien, welche der Einwirkung der Säuren nicht zu widerstehen 



460 



Das neue Strassburg. 



vermögen, thunlichst beschränkt. Eichenholz, nicht kalkhaltige Sandsteine, 
Thon, Asphalt, Porzellan haben daher ausgedehnte Anwendung gefunden. 

Das Wohnhaus des Direktors steht durch einen Korridor, der zugleich 
als Bibliothek benützt wird, mit dem Sprechzimmer des Hauptbaues in 
Verbindung. 

Physik a lisch es Inst i tu t. 



Dasselbe ist von H. Eggert entworfen und gebaut. Nach dem von 
Professor Dr. Kundt aufgestellten Programm sollte folgenden Bedingungen 
entsprochen werden: 




Fig. 368. Physikalisches Institut. Schnitt durch den grossen Hörsaal. 



Das Gebäude soll drei gesonderte Abtheilungen enthalten und zwar : 

1. Räume, welche den Zwecken der Experimentalvorlesungen dienen, 
also Hörsaal mit direktem Zugange von der Universitätsstrasse her, 
das Vorbereitungszimmer und die Sammlungen. 

2. Räume mit festen von Mauern und Decken isolirten Instrumenten- 
pfeilern, in welchen physikalische Forschungen und Untersuchungen 
ausgeführt werden, also Laboratorien für den Direktor, den ausser- 



Kaiser- Wilhelms-Universität. 



462 



Das neue Strassburg. 



ordentlichen Professor, die Assistenten und die vorgeschrittenen 
Studirenden. 




Fig. 370. Physikalisches Institut. Grundriss des Erdgeschosses. 



-X 



I (JarteiiAißer 













~J j Schmied* ,•' | 


1 ii^h^^fe m! 



CHrf mme- 



Fig. 371. Physikalisches Institut. Grundriss des Kellergeschosses. 



3. Räume, in welchen die Studirenden einen bestimmten vorgeschrie- 
benen Cyklus von Uebungsaufgaben auszuführen haben. 
Diese drei Abtheilungen sollten möglichst in der Weise zueinander 
gelegt werden, dass die Benutzung jeder einzelnen derselben die Arbeiten 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



463 



in den anderen nicht störe und doch auch wiederum so, dass dem Direktor 
eine leichte Uebersicht möglich werde. 




Fig, 372. Physikalisches Institut. Grundriss des II. Stockes. 




Fig. 373. Physikalisches Institut. Grundriss des I. Stockes 



Programmgemäss sollte ferner ein eisenfreier Thurm erbaut werden 
für astrophysikalische Beobachtungen, Pendelversuche, Versuche über 
Schwere etc. Dieser Thurm sollte einen bis zur Plattform reichenden festen 
hohlen Pfeiler erhalten, der ein Arbeiten an der Innen- und Aussenseite 



464 



Das neue Strassburg. 



ermöglichte und dessen Etagenfuss- 
boden stückweise entfernt werden 
könnte. Ein Theil des festen Pfeilers 
bildet die Unterlage für die Aufstel- 
lung von Instrumenten zu spektrosko- 
pischen Untersuchungen , zu Ver- 
suchen über Strahlung der Sonne 
und des Himmels. Ein zweiter kleiner 
Hörsaal, drei Räume für Meteorologie, 
Photographie, technologische Samm- 
lungen, sowie die Wohnungen der 
Assistenten durften in die oberste 
Etage verlegt werden. 

Der Grundriss des Gebäudes 
hat IT-Form. Im Kellergeschoss sind 
die Werkstätte, Schmiede, der Ma- 
schinenraum, Zimmer für chemische 
Untersuchungen, Räume für konstante 
Temperatur , Eiskeller , Kohlenraum 
und Dienstwohnungen untergebracht. 

Das Erdgeschoss des Ostflügels 
mit dem angrenzenden Theile des 
Mittelbaues enthält die erste der vor- 
stehend genannten Abtheilungen. Im 
Erdgeschoss des Westflügels, sowie 
im Erdgeschoss und ersten Stock des 
angrenzenden Mittelbaues sind die 
meistens eisenfrei konstruirten Säle 
für physikalische Forschungen und 
im ersten Stock dieses Flügels die 
Uebungslaboratorien für die Studirenden untergebracht. Auf den Sitzreihen 
des durch zwei Stockwerke reichenden Hörsaales haben 125 Zuhörer Platz. 
Behufs Aufstellung eines Podiums für Projektionsapparate können 9 in der 

Mitte und vorne beim Experi- 
mentirtisch angebrachte Sitz- 
bänke zeitweilig beseitigt 
werden. Die Verdunkelung 
des Hörsaals geschieht durch 
Rollläden und können sämmt- 
liche Läden einer Fensterseite 
von einer Stelle aus in Bewe- 
gung gesetzt werden. Das für 
Versuche nöthige Sonnenlicht 
wird durch ein Fenster der 
Ostseite eingeführt. Im Keller- 

Physikalische^Insdtut. Schnitt durch die geschosse ist ein Gasmotor VOn 




Fig. 374. Physikalisches Institut. 
Schnitt durch den Thurm. 




Fig. 375. 



Kaiser-Wilhelms-Universttät. 



465 



drei Pferdekräften und eine Dynamomaschine zu Demonstrationszwecken 
aufgestellt. Um den eigentümlichen Verhältnissen des physikalischen In- 
stituts Rechnung zu tragen, wurden fünf verschiedene Systeme von Heizungen 
zur Ausführung gebracht und zwar: 

Caloriferluftheizung , Dampfluftheizung, Dampfheizung beziehungs- 
weise Dampfwasserheizung und schliesslich in den Dienstwohnungen 
Ofenheizung. 

Die Wohnung des Direktors liegt im ersten und zweiten Stockwerke 
des Ostflügels und ist von der Universitätsallee aus zugänglich. 

Zum Transport schwerer Instrumente ist im Mittelbau neben dem 
Thurm ein Aufzug angelegt. 

Zur Einführung des zu optischen Zwecken erforderlichen Sonnen- 
lichtes mittelst Heliostaten mussten Bahnen in geradliniger Richtung von 
Süden nach Norden und von Osten nach Westen in den Zimmerwänden 
freigelassen werden. Die zu diesem Behufe in den Mauern offen gelassenen 
Lichtschlitze sind zuklappbar. 

Botanisches Institut. 

Dasselbe besteht aus dem eigentlichen Institutsgebäude, dem botanischen 
Garten mit den darin erbauten Gewächshäusern, Aquarien u. s. w. und 
dem Gärtnerwohnhaus. 



Jfi. 




i : 150. 



Fig. 376. Botanisches Institut. 

Das Programm für die Gestaltung der Anlage wurde von Professor 
Dr. de Bary aufgestellt, die Bearbeitung der generellen und speziellen 
Projekte sowie die Oberleitung der Bauten und der Terraingestaltung ist 
H. Eggert übertragen worden. 

30 



466 



Das neue Strassburg. 



Das Institutsgebäude an der Universitätsstrasse, westlich vom Eingang 
zum botanischen Garten gelegen, enthält Räume für Lehr- und Arbeits- 
zwecke, Sammlungen nicht lebender Pflanzen nebst auf das Haupt-, Erd- 

und Kellergeschoss vertheilte Wohnungen für Di- 
rektor, Assistent, Diener und Heizer bezw. Pförtner. 

Der südliche Haupteingang führt zu den In- 
stitutsräumen, der nördliche zur Direktorwohnung. 

Eine Werkstätte, Heiz- und Kohlenräume, ein 
Raum mit konstanter Temperatur dienen Instituts- 
zwecken und befinden sich im Kellergeschoss. 

Von den Institutsräumen sind die meist be- 
suchten im Erdgeschoss gelegen und zwar: 2 Hör- 
säle, wovon einer mit 

ansteigenden Sitz- 
plätzen für 100 Hörer, 
1 Vorbereitungszimmer, 
Räume für eine Lehr- 
sammlung und zur Auf- 
bewahrung von Karten 
und Demonstrations- 
gegenständen. Keiner 
der Hörsäle ist zum Ver- 
dunkeln eingerichtet. 
Im ersten Stocke liegen die Räume für 
besondere Arbeitszwecke. Im Südflügel sind die 
für den praktischen Unterricht bestimmten La- 
boratorien, beim Treppenaustritt ein chemisches 
Zimmer, sowie ein Zimmer für den Heliostaten, 
welcher auf der Brüstung eines hier vorgebauten 
Balkons aufgestellt wird, untergebracht. Nahezu 
die ganze Westfront des Westflügels nimmt die 

Herbariensammlung 
ein. Im Anschluss an 
diese und an der ein- 
springenden Ecke ge- 
legen , befindet sich 
die Bibliothek. 

Beleuchtung ist 
überall in reichem 
Masse vorhanden. Die 
Tabletten des kleinen, 




Fig. 377. Botanisches Institut. Grundriss des I. Stockes, 




Fig. 378. Botanisches Institut. Grundriss des Erdgeschosses. 



an der Südseite angelegten Versuchs-Gewächshauses sind beweglich und 
können auf Schienen in's Freie geschoben werden. 

Eigentliche feste Einrichtungen haben die Laboratorien nicht, weil 
darauf Bedacht genommen wurde, die jetzige Einrichtung jederzeit und 
leicht umändern zu können. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 467 




Fig. 379. Botanisches Institut. Längsschnitt. 



Das Institut ist mit einer Calo 
riferheizung, System Kaiserslautern, 
das Versuchs -Gewächshaus mit einer 
Warmwasserheizung versehen. In den 
Dienstwohnungen sind Oefen auf- 
gestellt. 

Die Modelle zu der Figuren- 
gruppe im Ostgiebel sind von C. F. 
Mcest in Karlsruhe angefertigt worden. 

Der botanische Garten , ein 
3 x /a Hektar grosses Areal, ist östlich 
vom botanischen Institut gelegen und 
werden dessen Erzeugnisse den Do- 
zenten zu Vorlesungen und wissen- 
schaftlichen Arbeiten zur Verfügung 
gestellt. 

Das Hauptaugenmerk des Insti- 
tuts-Direktors ist jeweils auf die An- ~ 
läge von Culturen charakteristischer 
Repräsentanten einzelner Pflanzen- 
gattungen gerichtet. Der Zutritt zum 




botanischen Garten ist ZU gewissen Fig. 380. Botanisches Institut. Querschnitt. 



Kaiser- Wilhelms-Universität. 



469 



Stunden freigegeben und soll nebenbei auch dem Publikum die Gelegenheit 
geboten werden, sich über die Art der Cultur der Gewächse eine An- 
schauung zu verschaffen. 

An der Goethestrasse liegt das grosse 
Gewächshaus; in der Queraxe desselben 
sind die kleinen Gewächshäuser mit dem 
Verbindungsgang, sowie die Freilandaqua- 
rien gelegen. Das Warmaquarium befindet 
sich südlich von der Hauptaxe dieses Uni- 
versitätsgebietes. 

Das grosse Gewächshaus, mit dessen 
specieller Bauleitung M. Bergfeld betraut 
war, hat die Nebenräume, wie : Räume für 





Schrillt durch den Mittelbau 

Fig. 384. Grosses Gewächshaus. 



die Dampfkessel, die Schmiede und die 
Gartengehilfenwohnungen an seiner Nord- 
seite. Die eigentlichen, in Eisen konstruirten 
und mit einfacher Verglasung versehenen 
Gewächshäuser nehmen die ganze Südseite 
des Gebäudes ein. Durch je 7 m von der 
Queraxe entfernte Glaswände ist der ge- 
sammte Raum symmetrisch in 3 Theile ge- 
theilt, von denen der mittlere als Warm- 
haus, die seitlichen als Kalthäuser einge- 
richtet sind. Der hohe Mittelbau dient 
speziell der Cultur hochwüchsiger Tropen- 
Die nach Norden zu gelegene Wandfläche 



pflanzen, wie Palmen, Lianen, 
ist in Cyklopenform hergestellt, um Kletterpflanzen den erforderlichen Halt 
zu verschaffen. 



470 



Das neue Strassburg. 



Die Dampfwasserheizung ist derartig eingerichtet, dass die Tempe- 
ratur des Luftraumes und des Bodens des Warmhauses auf + 15° Celsius 
und diejenige des Luftraumes der Kalthäuser auf + 3° Celsius dauernd 
erhalten werden kann und zwar bei — 20° Celsius Aussentemperatur bei 
fortwährendem und bei — 5° Celsius bei unterbrochenem Betriebe. In den 
Kalthäusern ist eine Erwärmung des Bodens nicht erforderlich. Um dem 
Warmhause die erforderliche Bodenwärme zuzusichern, sind die Wasser- 
kessel in Räumen unterhalb des Bodens des Warmhauses untergebracht. 
Für Erwärmung des Wassers der Schöpf becken in diesen Häusern auf die 
normale Lufttemperatur ist Sorge getragen. 

Von den kleinen Gewächshäusern ist das östlich gelegene als Warm- 
haus eingerichtet und doppelt verglast, das westlich gelegene als Kalthaus 
in Benutzung genommen. Bei ersterem ist auf eine Erwärmung der Mittel- 




Fig. 385. Botanisches Institut. Warmaquarium. 



und Seitentabletten vom Boden her auf + 15° Celsius, bei letzterem auf 
+ 3° Celsius Bedacht genommen. 

Die polygonalen Pavillons werden bei massiger Erwärmung der 
Tabletten auf der Temperatur von + 8° Celsius erhalten. Die Verbindungs- 
gänge sind derartig mit Heizeinrichtungen versehen, dass die in denselben 
herrschende Lufttemperatur nicht unter 4- 0° Celsius sinken kann. 

Die Feuerungsanlagen der Centraiheizung befinden sich im grossen 
Gewächshause. 

Das ebenfalls in der Queraxe gelegene Orchideenhaus stammt aus 
dem alten botanischen Garten und hat eine Kanalheizung. 

Das Warmaquarium dient zur Cultur tropischer Wasserpflanzen, ist 
einfach verglast und besteht aus einem Mittel- und einem Ringbassin. Die 
Erwärmung desselben wird mittelst einer Warmwasserheizung bewirkt. 
Bei einer Aussentemperatur von — 20° Celsius und fortwährendem Betriebe 
wird die Lufttemperatur auf -+■ 20° Celsius, die Wassertemperatur auf 
f- 30° Celsius erhalten. Bei unterbrochenem Betriebe sinkt die Temperatur 
nicht unter + 15° bezw. + 20° Celsius herab. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



471 



Zu erwähnen sind ferner die Freilandaquarien, die Mistbeete, der 
Gerätheschuppen, die Düngergrube und die in gewissen Abständen im 
Garten angebrachten Becken zwecks Begiessens der Pflanzen. 



Sternwarte. 



Für die Instrumente zur Beobachtung der Vorgänge am gestirnten 
Himmel sind mehrere verschieden grosse Bauten ausgeführt und zwar: 

1. Das Hauptgebäude mit einer Kuppel für den grossen Refraktor, das 
grösste Fernrohr der Sternwarte, Objektivöffnung 487 mm, Brenn- 
weite 7,00 m; 

2. Das Meridiangebäude mit zwei 
Kuppeln für den Meridiankreis 
mit einer Objektivöffnung von 
162 mm und einer Brennweite 
von 1,90 m; für den kleinen 
Refraktor von ebensolchen 
Dimensionen; für das Altazi- 
muth mit 135 mm Öffnung und 
1,60 m Brennweite 
und für ein aus der 
alten Sternwarte 
stammendes Pas- 
sageinstrument ; 

3. ein kleiner Thurm 
für das Heliometer, 
sowie 

4. ein Beobachtungs- 
häuschen für ein 
Passage Instrument. 

Zur Prüfung der Stand- 
sicherheit des Meridian- 
kreises , des Altazimuths 
und des Heliometers dienen Miren, welche südlich und nördlich in ent- 
sprechenden Entfernungen von diesen Instrumenten angebracht und in 
kleinen Häuschen verwahrt sind. 

Da sämmtliche Instrumente gegen Erschütterungen infolge Vibrirens 
des Fussbodens ganz besonders geschützt werden mussten, wurde für die 
Herstellung einer möglichst festen und unveränderlichen Unterlage in 
erster Linie Sorge getragen. 

Aehnlich wie im physikalischen Institute wurde dieser Zweck dadurch 
erreicht, dass Pfeiler unter den Instrumenten aufgemauert wurden, die von 
oben nach unten an Stärke zunehmend, ohne Berührung mit dem Fuss- 
boden und mit dem denselben tragenden Gewölbe, bis tief in den Kies- 
grund reichen. 




i, e r 



Fig. 386. Hauptgebäude der Sternwarte. 



472 



Das neue Strassburg. 



Mit dem Hauptgebäude und dem Meridiangebäude ist das Wohnhaus 
der Beamten der Sternwarte in einer Weise verbunden, dass die Astro- 
nomen zu jeder Zeit, bei Wind und Wetter, trockenen Fusses und zugfrei 
zu ihren Instrumenten gelangen können. 

Die ganze Anlage wurde in den Jahren 1877—1881 von H. Eggert ent- 
worfen und ausgeführt. 

Für die Gruppirung des Ganzen, sowie für die Anlage jedes einzelnen 
Bauwerkes war das Programm des Professor Dr. Winnecke massgebend. 

Die Pläne der Eisenkonstruktionen und der Bewegungsmechanismen 
sind von Dr. Zimmermann entworfen, der mechanische Theil der In 
strumente wurde von den Gebrüdern Repsold in Hamburg, das Objektiv 
vom grossen Refraktor von Merz in München, Nachfolger von Frauen- 
hofer, angefertigt. 




Fig. 387. Hauptgebäude der Sternwarte. Fig. 388. Hauptgebäude der Sternwarte. 

Grundriss des Erdgeschosses. Grundriss des Kuppelraumes. 



Das Hauptgebäude. Mit der speziellen Leitung dieses Bauwerkes 
wurde M. Bergfeld betraut. Das Gebäude liegt in der Längsaxe des 
Terrains hinter dem allgemeinen Collegiengebäude und in der Axe der 
Hermannstrasse. Das Fernrohr befindet sich in einer Höhe von 156 Metern 
über dem Meeresspiegel und hat eine Weltlage von 48° 35' 2" geogra- 
phischer Breite und 31 m 4, s 4 in Zeit, gleich 7° 46' 6" in Bogen geographi- 
scher Länge östlich von Greenwich. 

Es enthält im Untergeschoss Werkstätten und Nebenräume; im Erd- 
geschoss die aus Fig. 387 ersichtlichen Säle und über einer Treppe Karten- 
zimmer und den Raum mit konstanter Temperatur für die Aufstellung von 
Pendeluhren. 

In einer Höhe von 15,50 m über dem umgebenden Terrain liegt der 
Fussboden des Beobachtungsraumes und einige Stufen tiefer die Plattform 
mit dem Schienengeleise für den Kometensucher. 

Um die durch den Strassenverkehr bewirkten Erschütterungen ab- 
zuhalten, ist das Fundament des Baues aus einer einzigen ca. 600 qm grossen, 
1,50 m dicken Betonplatte hergestellt. Den störenden Einflüssen der ver- 



Kaiser- Wilhelms-Universität. 



473 



änderlichen Erd-Temperatur wurde dadurch begegnet, dass die auf obiger 
Betonplatte aufgemauerte 1,45 m hohe, 550 qm grosse Schichte aus Bruch- 
steinen mit ihrer Oberkante bis in die Höhe des umgebenden Terrains 
reicht. Ein vierfaches, isolirtes, parabolisch geformtes Kuppelgewölbe 
bildet den Träger des grossen Instrumentes. Die oberste Kuppel ist mit 
Zink auf Holzschalung eingedeckt und innen mit Segeltuch ausgeschlagen. 
Zur Abkühlung der Metall- und Steinmassen in der Nähe der Instrumente 
während des Hochsommers ist eine Berieselungseinrichtung vorhanden. 

Mittelst eines eigenartigen Mechanismus kann die oberste Kuppel 
nach rechts oder links gedreht oder auch während der Bewegung um- 
gesteuert werden. Die zum Drehen der Kuppel erforderliche Arbeit wird 
durch das Sinken zweier Gewichte von je 880 kg geleistet, die sich in 
15 m tiefen, in den Kuppelpfeilern ausgesparten Schächten bewegen. 
Durch ein einmaliges Aufziehen beider Ge- 
wichte können rot. 2,80 vollständige Um- 
drehungen bewirkt werden. Behufs Drehens 
der Kuppel mit der Hand ist ein Vorgelege 
in den Mechanismus eingeschaltet. 

Die Kuppel bewegt sich auf 
zwölf Laufrädern, welche an deren 
unterstem, als kastenförmiger Träger 
ausgebildeten Ring angebracht sind. 
Der Zahnkranz und zwölf Führungs- 
rollen sind ebenfalls an diesem Kuppel- 
ring befestigt. 

Um beobachten zu können, ist 
es erforderlich, einen Spalt von 1,60 m 
Oeffnung freizulegen. Zu diesem 
Zwecke ist die Kuppel derartig kon- 
struirt, dass zwei denselben verschliessende Halbcylinder mittelst einer 
Doppelschraubenspindel nach zwei Seiten geschoben werden können. 

Um diese Halbcylinder oder Blenden gegen Entgleisen oder Kippen 
zu schützen, wurde eine Führung durch verstellbare horizontale Rollen 
hergestellt. 

Die im Hauptgebäude auszuführenden wissenschaftlichen Arbeiten 
betreffen: 

Beobachtung der relativen Lage der Himmelskörper zu einander, Vor- 
nahme von mikrometrischen Messungen insbesondere von Kometen, 
Trabanten der grossen Planeten, Bestimmung der gegenseitigen 
Lage der beiden Componenten der Doppelsterne, Beobachtung der 
Nebelflecke hinsichtlich ihrer Lage zu den umgebenden Sternen 
und hinsichtlich ihrer Form und physischen Beschaffenheit. 




'ig\ 3S9. Hauptgebäude der Sternwarte. Schnitt. 



Um zu erreichen, dass das Fernrohr trotz der Umdrehung der Erde 
um ihre Axe stets auf einen Stern gerichtet bleibt, wird dasselbe mit dem 
im ersten Stockwerke befindlichen Uhrwerke in Verbindung gebracht, 



474 



Das neue Strassburg. 



welches ihm im Laufe des Tages eine Drehung ertheilt, die genau der 
Drehung der Erde entspricht. 

Der im obersten Kuppelraum auf einem Schienengeleise laufende 
Beobachtungsstuhl wird von Hand bewegt. Das Podium desselben wird 
mittelst Zahnrad und Zahnstange vom Beobachter selbst 
auf oder abwärts geschoben, so dass er jeder Lage des Fern- 
rohroculares folgen kann, ohne sich von der Stelle bewegen 
zu müssen. 

Der Mittelpunkt der Bewegung des grossen Instru- 
mentes fällt mit der Mitte des Kuppelraumes zusammen. 

Das Gewicht des Instrumentes 




Fig. 390. Observatoriengebäude. Grundriss des 
Obergeschosses. 

1. Treppe. 2. Rechenzimmer. 3. Altazimulh. 
4. Kleiner Refraktor. 5. Passagensaal. 6. Meridiansaal. 



beträgt 5000 kg. Dieses Gewicht 
wird annähernd zu gleichen 
Theilen auf drei gusseiserne 
Platten vertheilt, deren Mittel- 
punkt in gleichen Abständen in 
einem Kreise von 2 m Durch- 
messer liegen, dessen Mittel- 
punkt jedoch, der Kontrolle der 
Lage des Instrumentes halber 
25 cm von demjenigen des Kup- 
pelbodens entfernt ist. 
Das Gewicht des Eisenwerks 
der Kuppel beträgt 36000 kg. 

Die Skulpturen in den Giebel- 
feldern der Anbauten stellen das Licht 
der 4 Tageszeiten durch Medaillon- 
Köpfe dar und zwar: Aurora, Helios, 
Luna und das Nordlicht; ferner ist 
die charakteristische Vegetation der 
4 Himmelsgegenden durch Lorbeer-, 
Palmen-, Tannen- und Eichenzweige 
zum beredten Ausdruck gebracht. 

Das Dienerzimmer und der Um- 
gang im ersten Stock sind mit Gas- 
ofenheizung versehen, die Bibliothek, 
der Hörsaal und das Direktorzimmer 
haben gewöhnliche Ofenheizung. 

Das Observatoriengebäude. (Fig. 
390—394.) Dasselbe liegt nahe der 
Ostgrenze des Universitätsgebietes und 
sind seine Axen genau nach den 
Himmelsgegenden orientirt. Zur ebenen Erde befinden sich Werkstätten, 
Keller-, Kohlen- und sonstige Nebenräume sowie die ebenfalls zugänglichen 
Fundamenträume. In den 2 Werkstätten sind 2 Calorifers aufgestellt zur 
Beheizung der beiden Rechenzimmer des ersten Stockes. Fünf Meter über 




Fig. 391. Observatoriengebäude. Schnitt durch 
den Meridiansaal. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



475 



Terrain befindet sich der Passagen- sowie der Meridiansaal. Diese hohe 
Lage wurde gewählt, um die Beobachtungen der niedrig stehenden Sterne 
durch den Wärme ausstrahlenden oder Nebel bedeckten Erdboden nicht 
störend zu beeinflussen. 

Um jede Bewegung des Untergrundes in Folge Strassenverkehrs und 
Veränderung des Grundwasserstandes möglichst auszuschliessen , ist die 
Fundamentsohle 2 m tief in das niederste Grundwasser verlegt. 

Zur Vermeidung störender Luftströmungen in der Umgebung des Me- 
ridiankreises und des Passageinstrumentes ist der Oberbau der Säle als 
Eisenkonstruktion mit Wellblechverkleidung hergestellt und mit Dielen ab- 




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Fig. 392. Observatoriengebäude. Westansicht. 

gedeckt. Behufs einer im Hochsommer erforderlichen Abkühlung können 
die Wand- und Dachflächen berieselt werden. 

In der Süd- und Nordwand und in den Axen der Pfeiler des Meridian- 
kreises und des Passageinstrumentes befinden sich 1 m breite Beobach- 
tungsschlitze, welche sich den Wand- und Dachflächen entlang hinziehen 
und die durch Klappen geschlossen werden. 

Das Oeffnen der vertikalen Klappen erfolgt durch Handbetrieb und 
unabhängig vom Oeffnen der Dachklappen. Diese Klappen können in 
jeder Stellung gehalten und auch vollständig umgelegt werden. 

Der Fussboden der Thürme für das Altazimuth und den kleinen Re- 
fraktor, als gewöhnlicher Balkenboden konstruirt und von den Instrumen- 
tenpfeilern vollständig isolirt, liegt 14,50 m über dem Gartenniveau. 

Die Konstruktion des Lauf- und Zahnkranzes, der Laufräder und 
Führungsrollen der Kuppeln ist ähnlich derjenigen der Kuppel auf dem 



476 



Das neue Strassburg. 



Hauptgebäude; dagegen entsteht bei der Kuppel für das Altazimuth der 
Beobachtungsschlitz dadurch, dass die Kuppel von Hand in zwei Hälften 
auseinander geschoben wird. (Fig. 394.) 




Fig. 393. Observatoriengebäude. Schnitt durch die Thürmc. 



Die Instrumente, die hier auf- 
gestellt sind, dienen zur Beobachtung 
der Gestirne zur Zeit ihres Meridian- 
durchganges; die absolut genaue Fest- 
setzung dieser Zeit wird durch einen 
mit der Pendeluhr im Hauptgebäude 
elektrisch verbundenenChronographen 
bewirkt. Das Altazimuth hat die Be- 
stimmung, auch ausserhalb des Meri- 
dianes die Stellung von Gestirnen mit 
derselben Genauigkeit wie am Meri- 
diankreise zu liefern; der kleine Re- 
fraktor ist ein Bahnsucher und hat eine Einrichtung, die gestattet, dem 
Fernrohr eine Bewegung in irgend einem grössten Kreise am Himmel, 
also auch eine solche in der Bahn eines Kometen zu geben. Im Gebäude 
aufgestellte Hülfsinstrumente , sogenannte Collimatoren, dienen zur Kon- 
trolle der Hauptinstrumente. 




Fig. 394. Observatoriengebäude. Kuppel des 
Altazimuths. 



Kaiser- Wilhelms-Universität. 



477 



Das Gewicht der Eisenkonstruktion einer Kuppel beträgt 6000 kg. 

Die Bauten für die Meinen Observatorien. Das Heliometer und das 
kleine Passageinstrument haben provisorischen Charakter. Sie sind jedoch 
in ähnlicher Weise fundirt wie die grösseren Bauten. 

Das Heliometer dient zur Messung von Durchmessern der Sonne und 
zur Forschung nach etwaigen Veränderungen derselben und das Passage- 
instrument zur Bestimmung der geographischen Breiten und der Deklination 
der Fixsterne. 

Was die Häuschen für die Miren betrifft, so ist erwähnenswerth, dass 
deren Thürverschlüsse vom allgemeinen Observatoriengebäude aus auf 
elektrischem Wege geöffnet werden können , die Mirenzeichen selbst durch 
ein schmiedeeisernes mit Luftsauger versehenes Gehäuse gegen äussere 
Einflüsse geschützt sind und deren Beleuchtung mittelst Gaslicht von den 
Fenstern des allgemeinen Observatoriengebäudes aus erfolgt. 

Das Wohnhaus der Beamten der Sternwarte nebst Gerätheschnppen 
liegt am Eingange des astronomischen Gartens. Ersteres enthält im Unter- 
geschoss Wohnungen für 2 Unterbeamte und verschiedene Keller- und 
Nebenräume; im Erdgeschoss Wohnungen für 2 Assistenten, 1 Rechen- 
zimmer, 1 Studirzimmer und 1 Bibliothek. Im ersten Stockwerke befindet 
sich die Direktorwohnung. 

Der Gerätheschuppen enthält einen Stall mit einem Stande, einen 
Abtritt für den Diener und einen Aufbewahrungsraum für Gartengeräthe. 

Mineralogisches Institut. 

Dasselbe ist auf dem westlichen Theile des südlich von der Universitäts- 
strasse gelegenen Universitätsgebietes gelegen und zerfällt wiederum in 
drei Spezialinstitute und die geologische Landesanstalt. 

Die ersten Skizzen zum Neubau wurden von M. Münchhoff im Be- 
nehmen mit den Professoren Benecke, Bücking und Cohen aufgestellt. 

Mit der Ausarbeitung derselben und der Bauleitung wurde M. Issleiber 
betraut. 

Im Erdgeschoss des Gebäudes befindet sich das petrographische In- 
stitut und die geologische Landesanstalt, im L Stock das mineralogische 
und im II. Stock das geognostisch-paläontologische Institut. 

Ein Hörsaal mit Vorbereitungszimmer, Räume für die Studirenden, 
für wissenschaftliche Arbeiten des Professors, der Assistenten, der selb- 
ständigen Mineralogen, Sammlungsräume und Räume für Bücher, Karten 
etc. sind die wesentlichen Erfordernisse eines jeden dieser Institute. 

Nicht unwichtig sind ferner die in jedem Stockwerke eingerichteten 
Schleifzimmer und die Modellirwerkstätte im I. Stocke. Die mechanische 
Kraft eines fünfpferdigen Gasmotors ist in elektrische Energie umgewandelt 
und dient zum Betriebe der Schleifmaschinen, zur Beleuchtung bei Spectral- 
analysen und der Hörsäle. 

Ausser den Nebenräumen sind im Gebäude untergebracht die Woh- 
nungen für drei Assistenten und drei Diener. 



478 



Das neue Strassburg. 



Zwei Hörsäle haben keine Verdunklungsvorrichtungen. Die Licht- 
öffnungen des Hörsaales im I. Stock können von einer Stelle aus verdunkelt 
werden. Der grosse, 85 Sitzplätze umfassende Hörsaal im Erdgeschoss 
ist gemeinschaftlich und wird gewöhnlich zu öffentlichen Vorträgen benutzt. 

Die Landesanstalt nimmt die westliche Hälfte des Erdgeschosses ein. 
Derselben ist von der Landesverwaltung die Aufgabe gestellt, die dem 
Lande angehörigen Objekte geologisch zu untersuchen und die gewonnenen 
Ergebnisse in solcher Weise zu bearbeiten und zur Darstellung zu bringen, 
dass der Bergbau, die Land- und Forstwirtschaft, sowie die übrigen 
technischen Wissenschaften und Betriebe Nutzen daraus ziehen können. 
Durch eine schematisch geordnete Zusammenstellung der Gebirgsarten, 
Versteinerungen und nutzbaren Fossilien des Landes ist hier die Gelegen- 
heit gegeben, sich ein klares Bild des Bodens und der Urproduktion von 
Elsass-Lothringen zu verschaffen. 




Fig. 395. Mineralogisches Institut. 



Zur geologischen Landesanstalt gehören zwei Arbeitssäle für paläonto- 
logische Untersuchungen, Dunkelkammern für Goniometer, bezw. Spektral- 
apparate, eine Bibliothek und ein Kartenzimmer, ein zweiter Bibliothekraum, 
ein chemisches Laboratorium mit Schwefelwasserstoffzimmer, ein Zimmer 
für chemisch-petrographische Arbeiten und ein Mikroskopirzimmer. 

Diese Räumlichkeiten und die Räume des petrographischen Instituts 
sind aus Fig. 396 und diejenigen des mineralogischen, bezw. geognostisch- 
paläontologischen Instituts aus Fig. 397, 398 ersichtlich. 

Als gemeinsame Arbeitsräume sind zu bezeichnen: ein Laboratorium 
zur Untersuchung der Krystalle hinsichtlich ihrer Spaltbarkeit, ihrer Aus- 
dehnung durch die Wärme, ihres Verhaltens unter magnetischen, elektrischen 
und thermoelektrischen Einflüssen, ein Laboratorium mit Schwefelwasser- 
stoff- und Waagezimmer zur Vornahme von chemischen Untersuchungen 
auf nassem Wege, ein Raum für Schmelzöfen zur Untersuchung auf 
trockenem Wege und schliesslich eine Dunkelkammer mit Spektralapparat 
für spektralanalytische Untersuchungen. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



479 



Im petrographischen Institut liegt der Schwerpunkt der wissenschaft- 
lichen Arbeiten auf der mikroskopischen Untersuchung, theils mit, theils 
ohne Polarisationsapparat. Bei der Untersuchung der Gesteinsdünnschliffe 
spielt das mikro-chemische Verfahren eine Hauptrolle. Der günstig be- 
leuchtete Mikroskopirsaal und das chemische Mikroskopirzimmer sind 
deshalb Haupträume des petrographischen Instituts. 

Blessig-Strasse. 




'Fig. 396. Mineralogisches Institut. Grundriss des Erdgeschosses. 



Als eigenthümliche Räume des mineralogischen Instituts sind die opti- 
schen Zimmer für krystallographische Uebungen zu erwähnen. Es sind dies 
schwarz gestrichene Dunkelkammern, in denen Polarisationsapparate auf- 
gestellt sind, und in denen die Winkel der optischen Axen der Krystalle 
mittelst der Axenwinkelapparate, die Krystallflächen mittelst der Reflex- 
goniometer und die Interferenzfiguren der Krystallplatten mittelst Stauroskop 
bestimmt werden. In der mineralogischen Werkstätte werden die Modelle 
und zwar entweder in Holz, Glas, Pappe oder Draht hergestellt. 

Im geologischen Praktikum werden die Studirenden im Zeichnen von 
geologischen Profilen und Karten geübt. In räumlicher Beziehung ist 



480 



Das neue Strassburg. 




Fig. 398. Mineralogisches Institut. Grundriss des I. Stockes. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



481 



deshalb ein Saal mit Demonstrationstisch und eine Anzahl Zeichentische 
erforderlich, ferner ist ein Uebungssaal mit Schränken für die Lehr- 
sammlung zwecks Uebung im Bestimmen charakteristischer Gesteine und 
Leitfossilien vorhanden. Ein ebenso grosser Uebungssaal befindet sich im 
paläontologischen Institut zur Untersuchung und Bestimmung fossiler 
Pflanzen- und Thierreste. In der Regel werden die Tafeln mit den Ab- 
bildungen von Versteinerungen etc. an geeigneten Gestellen vor den 
grossen Wandflächen der Säle aufgehängt. 

Die Sammlungen sind getrennt in Schausammlungen und Unterrichts- 
sammlungen. Die petrographische Sammlung besteht aus Handstücken 
systematisch geordneter Steine aus einzelnen geographischen Suiten von 
Gesteinen, aus Meteoriten und Gesteinsdünnschliffen. 

Die Sammlung des mineralogischen Instituts umfasst die nach einem 
bestimmten Systeme geordnete Zusammenstellung der verschiedenen Mi- 
neralien, natürlicher und künstlicher Krystalle, optischer Präparate und 
Dünnschliffen. Im geognostisch-paläontologischen Institute ist die geologische 
Sammlung mit der Sammlung fossiler Thier- und Pflanzenreste vereinigt. 

Zu Schaustücken besonders geeignete Gegenstände sind theils offen, 
theils in den Glasaufsätzen der Schränke ausgestellt; die übrigen Gegen- 
stände sind in den Schubladen dieser Schränke aufbewahrt. 

Hinsichtlich der Bauart des Gebäudes ist zu bemerken, dass die 
Decken des Sockelgeschosses sowie diejenigen der Sammlungen des Erd- 
geschosses und des ersten Stockes massiv, die des oberen Geschosses in 
Holz hergestellt sind. Die Vestibüle und Gänge haben Mettlacher Fliesen, 
die Sammlungen Terrazzoböden, die Arbeitssäle eichenen in Asphalt ge- 
legten Stabfussboden, die Hörsäle Eichenboden auf Holzunterlagen und 
die übrigen Räume Tannenböden. Im Gebäude ist eine N. D. Dampfheizung 
eingerichtet und werden die Sammlungssäle auf + 12° C., die Arbeitssäle 
auf + 20° C. erwärmt. Vestibüle und Gänge sind an die Heizung nicht an- 
geschlossen. 

Hörsäle, optische Zimmer und chemische Laboratorien haben Ven- 
tilationseinrichtungen. 

Es besteht die Absicht, im östlich gelegenen Gartentheil noch eine 
Ausstellungshalle zu errichten. Die Baukosten sind mit 84000 Mark ver- 
anschlagt. 

Zoologisches Institut. 

Dasselbe nimmt den östlichen Theil des südlich von der Universitäts- 
strasse gelegenen Gebietes ein und besteht aus dem eigentlichen Instituts- 
gebäude und dem Institutsgarten mit seinen kleineren baulichen Anlagen. 

Das Projekt zum Gebäude und Garten wurde dem von Professor 
Dr. Goette aufgestellten Programm gemäss von Dr. O. Warth aufgestellt 
und ausgeführt. 

Im Institutsgebäude liegen die sämmtlichen Lehrräume im Erdgeschoss. 
Die drei oberen Stockwerke sind ausschliesslich zur Aufnahnfe der städti- 

31 



482 Das neue Strassburg. 




K aiser- Wilhelms-Uni ver stt ä t . 



483 




31* 



484 



Das neue Strassburg. 



sehen zoologischen Sammlung bestimmt. Im Kellergeschoss liegen ausser 
den Heiz-, Kohlen-, Pack- und sonstigen Nebenräumen ein Theil der 
Aquarien, die Macerir- und Präparirräume , Räume für Skelette, Werk- 
stätten, sowie die Räume für die Maschinen zum elektrischen Betriebe der 
Beleuchtung und Wasserbeförderung. 

Der Eingang zum Museum ist am Nikolausring, derjenige zu den 
Lehrräumen nächst der Universitätsstrasse an der Gartenseite angelegt. 

Die Räume des Erdgeschosses sind nach den gleichen Grundsätzen 
aneinandergereiht, wie diejenigen der vorbeschriebenen Institute. Am 
Vorplatz beim Institutseingang und abgeschlossen von den eigentlichen 
Laboratorien liegen die Hörsäle und die dahinterliegenden Vorbereitungs- 
zimmer und Lehrsammlungen. An der Nordseite liegen die Arbeitsräume 
des Direktors, Zeichners, Assistenten und der Praktikanten, und nach Osten 
die Laboratorien des Konservators und seines Assistenten, sowie ein 




Fig. 403. Zoologisches Institut. Schnitt. 



Präparirzimmer, das Seminar und die Bibliothek. Angebaut an die West- 
und Nordseite des Hofes ist eine in Glas und Eisen hergestellte Arbeits- 
gallerie, beziehungsweise ein ebensolches Terrarium. Die Hörsäle und 
Arbeitszimmer haben neben dem Gaslicht elektrische Beleuchtung. In den 
Sammlungen sind an geeigneten Stellen Stöpsel zum Anschluss tragbarer 
elektrischer Lampen angebracht. 

Behufs Speisung der Aquarienkasten ist im Institute ein Brunnen 
gebohrt, dessen Wasser auf elektrischem Wege in ein im Erdgeschoss- 
korridor stehendes, 12 cbm haltendes Reservoir geleitet wird. Eine an 
dasselbe angeschlossene Vertheilungsleitung führt zu den Aquarienkasten 
im Kellergeschoss. Das 6 cbm grosse Reservoir für das Seewasser befindet 
sich über den nördlich gelegenen Cioseträumen und ist dasselbe einerseits 
mit Messingröhren mit der unter dem Kellerfussboden gelegenen Cisterne 
und andererseits mittelst Hartgummiröhren mit den Kasten der Aquarien- 
gallerie in Verbindung gebracht. Eine gleichfalls an die Leitung ange- 
schlossene inoxydirte Pumpe befördert das Seewasser der Cisterne in das 
Reservoir. 



Kaiser- Wilhelms-Universität. 



485 



Die Hörsäle sind zum Verdunkeln eingerichtet. Von den Gegen- 
ständen des Museums ist der grösste Theil in Glasschränken unter- 
gebracht. Diese Ausstellungsschränke sind entweder mit Fussboden und 
Wänden der Räume fest verbunden und haben bewegliche auf Eisen- 
trägern liegende Schaftbretter, oder es sind ein- und zweiseitige Pult- 




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Fig. 404. Zoologisches Institut. Nordansicht. 




Fig. 405. Zoologisches Institut. Südansicht. 



schränke mit oder ohne Schubladenuntersätzen. Die meisten dieser beweg- 
lichen Schränke haben noch Glasaufsätze. Ein und derselbe Dorn öffnet 
die Thüren sowohl der Pultschränke als auch die der unbeweglichen Aus- 
stattungsschränke. 

Die Schubladen sämmtlicher Schränke können beliebig mit einander 
gewechselt werden. 

Sämmtliche Ausstellungsräume sind gut beleuchtet, auch kann das 
direkte Sonnenlicht mittelst Vorhängen gemildert werden. 



486 



Das neue Strassburg. 



Das Gebäude ist mit einer Niederdruckdampfheizung versehen. Die 
Ausstellungsräume sind auf etwa 4- 10° Celsius zu erwärmen. 

Vier mechanische Aufzüge erleichtern den Transport der Gegenstände 
von einem Stockwerke zum andern. 

Die Skizzen für die Malerei der Vorhalle und des Treppenhauses 
zum Museum sind von Professor Seder angefertigt worden. 

Im Garten sind behufs Proteuszucht und Beobachtung von Wasser- 
thieren der verschiedensten Art zwei Bassins und ein Teich angelegt, dessen 
Wasserspiegel etwa 3 m über dem Niveau des Grundwasserspiegels liegt. 
Das Wasser wird von dem im Institutsgebäude gebohrten Brunnen aus, 
theils in Röhren, theils in einem offenen Graben dem Teiche zugeführt. 
Derselbe ist ca. 150 cbm gross und behufs Trennung der einzelnen Thier- 
arten in fünf Buchten gegliedert. Damit die hier beobachteten Thiere in 
ihrer Lebensweise keinerlei Einschränkung erfahren müssen, ist bei der 
Gestaltung des Teiches und seiner Umgebung auf die Existenzbedingungen 
dieser Thiere die möglichste Rücksicht genommen worden. 

Ein kleines Stallgebäude mit Laufplätzen, ein Stand zur Beobachtung 
von Bienen, sowie ein Raupenhaus ist ebenfalls im Garten aufgerührt. 

B. DAS UNIVERSITÄTSGEBIET BEIM SPITALTHOR. 

Trotz der Beschränktheit der Baustelle ist es möglich geworden, im 
Interesse einer vollkommenen Zeitausnützung für den Unterricht und eines 
wirtschaftlichen Betriebes der Kliniken, diese sowohl, als auch das physio- 
logisch-chemische Institut, die Anatomie, das physiologische und das pharma- 
kologische Institut in engem Zusammenhange mit einander auszuführen. 
Die 3 letztgenannten Institute sind von Verkehrsstrassen aus direkt zu- 
gänglich. Das physiologisch -chemische Institut und die Kliniken haben 
fünf gemeinschaftliche, an öffentlichen Strassen liegende, durch Pförtner 
beaufsichtigte Haupteingänge, von denen aus sich die Zugänge zu den 
einzelnen Kliniken im Innern des Gebietes verzweigen. Zur Erleichterung 
des Wagenverkehrs sind die 2 in der Längsaxe des Areals gelegenen 
Haupteingänge durch eine Privatstrasse verbunden. Vier der Kliniken 
haben direkten Zugang von dieser Strasse aus erhalten. 

Das zu diesen Anstalten gehörige Gebiet ist entweder als Garten 
oder als Hofraum angelegt. 

Die einzelnen Gebiete sind durch Gitter oder Mauern von einander 
getrennt. 

Die Entwässerung des Areals ist in der Elisabethengasse an das 
städtische Dohlennetz angeschlossen. 

Sockel, Fenstereinfassungen und Hauptgesimse der hier ausgeführten 
Bauten sind theils in rothem, theils in hellgrauem Haustein hergestellt, 
die Pfeilerflächen sind geputzt und mit Oelfarbe gestrichen. Eine Ausnahme 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



487 



hiervon machen das pharmakologische Institut, die Klinik für Augenkrank- 
heiten und die chirurgische Klinik. Bei ersterem sind sämmtliche Mauer- 
flächen, bei letzteren nur diejenigen des Erdgeschosses in Mantelsteinen 
ausgeführt, bei der Klinik für Augenkrankheiten sind die Pfeilerflächen 
der 2 oberen Stockwerke mit Backsteinen verblendet, alles Uebrige ist in 
rothem Sandstein hergestellt. 




Fig. 406. Das Universitätsgebiet beim^Spitalthor. Lageplan. 



Legende. A. Laboratorium der med. Klinik. B. Klinik für Ohren- und Zahnkrankheiten, med. 
Poliklinik und Kinderklinik. C. Klinik für Syphilis und Hautkrankheiten. D. Medicinische Klinik. 
E. Chirurgische Klinik. F. Klinik iür Augenkrankheiten. G. Isolirbaracke. H. Frauenklinik. J. Psy- 
chiatrische Klinik. K. Physiolog. ehem. Institut. L. Anatomie, c. Stallgebäude. M. Wohnhaus für die 
2ten Diener der Anatomie. N. Pharmakologisches Institut, d. Stallgebäude. O. Physiologisches Institut, 
f. Stallgebäudc. 

Die Medizinische Klinik, die Klinik für Ohren- und Zahnkrankheiten, 
diejenige für Syphilis und Hautkrankheiten und die Kinderklinik haben 
z. Z. noch Räume des Bürgerspitals in Benutzung. 

Nur für die medizinische Klinik, welche für 160 Betten eingerichtet 
werden soll, wird ein Neubau aufgeführt. Zu Zwecken der letztgenannten 
Kliniken wird das ehemalige protestantische Lehrerseminar umgebaut, und 
ist aus dem Lageplan, Fig. 406, zu ersehen, wie diese Anstalten später 
untergebracht werden. 



488 



Das neue Strassburg. 



Physiologisches Institut. 

Das Gebäude wurde nach dem von Professor Dr. Goltz aufgestellten 
Programm und den Plänen von E. Salomon ausgeführt, welch' letzterem 
auch die Bauleitung übertragen war. 

In dem 2 stöckigen Hauptbau befinden sich die der wissenschaftlichen 
Forschung dienenden Räume im Erdgeschoss, während das obere Stock- 








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Fig. 407. Physiologisches Institut. Nordansicht. 

werk für die Zwecke der Vorlesungen und die Unterbringung der Samm- 
lungen bestimmt ist. 

Zwei Dienerwohnungen und eine Assistentenwohnung sind ebenfalls 
im Gebäude untergebracht. 

Im Kellergeschoss ist unter dem 
grossen Arbeitssaal eine Gaskraft- 
und eine Gramme'sche Maschine 
aufgestellt. Mittelst ersterer werden 
durch geeignete Transmissionen die 
im Arbeits- und Operationssaale be- 
nutzten Apparate in Bewegung ge- 
setzt, während letztere das zu De- 
monstrationen erforderliche Licht 
und die zu zahlreichen anderen wis- 
senschaftlichen Arbeiten nöthigen 
galvanischen Ströme liefert. 
Im physikalischen Zimmer befindet sich ein vom Fussboden isolirter 
fester Pfeiler zur Aufnahme von Galvanometern; auch ist daselbst an 
einem der südlichen Fenster eine Vorkehrung zur Aufstellung eines Helio- 
staten getroffen. 

Der Sektionssaal und die klinischen Thierzimmer im südlichen Flügel 
haben Cementboden und befinden sich die Thierkäfige auf fest mit der 
Wand verbundenen Steintischen. 

In Verbindung mit dem letzten Thierzimmer steht eine überdachte, 
gegen den Hof vergitterte Veranda, zum Aufenthalt operirter Thiere. Im 




Fig. 408. 



Physiologisches Institut. 
I. Stockes. 



Grundriss des 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



489 



anstossenden Stallgebäude sind die noch nicht operirten Thiere unterge- 
bracht; auch ist eine besondere Abtheilung daselbst zur Vornahme von 
Leichenöffnungen bestimmt. 




Fig. 409. Physiologisches Institut. Grundriss des Erdgeschosses. 



Der grosse Hofraum dient hauptsächlich dazu, um das Treiben solcher 
Thiere beobachten zu können, deren Nervensystem operative Eingriffe 
erfahren hat. 

Im Garten befindet sich ein Bassin für Wasserthiere. 
Während des Winters werden vorräthige Thiere in einigen hierzu 
bestimmten Räumen im Kellergeschoss untergebracht. 

Das Gebäude ist ausschliesslich mit Ofenheizung versehen. 



490 



Das neue Strassburg. 



Das Anatomiegebäude. 

Die eigenthümliche Grundrissbildung dieses Gebäudes wurde bedingt 
durch die Form des zur Zeit seiner Erbauung noch bestandenen Festungs- 
walles, welcher erst später, behufs Errichtung der übrigen Institute und 
Kliniken weiter nach Süden gerückt wurde. Das Programm wurde von 
den Professoren v. Recklinghausen und Waldeyer gegeben ; die Grundriss- 
anlage ist von A. Brion entworfen. 

Durch die gewählte Raumvertheilung und die Anordnung eines fast 
1500 qm grossen Hofes mit Gartenanlagen, in welchen 2 Fisch- und Frosch- 
bassins sich befinden, ist dem allerersten Bedürfniss solcher Stätten ana- 
tomischer Arbeiten, dem Bedürfniss nach dem Maximum an Lüftung und 
Beleuchtung, vollkommen Rechnung getragen. 

In dem Gebäude sind zwei Institute untergebracht: 1. das anatomische 
und 2. das pathologische Institut, jenes in der östlichen, dieses in der 
westlichen Hälfte. Da jedoch ein täglicher Austausch des Arbeitsmaterials 
stattfindet, so ist eine räumliche Trennung nicht scharf durchgeführt, 
sondern es stehen die beiden Institute durch die Korridore miteinander in 
Verbindung; einzelne Lokalitäten werden sogar gemeinsam benützt. Dem 
beiderseitigen Gebrauch sind unterstellt: 1. Das Sitzungszimmer, 2. der 
Hörsaal mit ansteigenden Sitzreihen für 110 Hörer, 3. das Lesezimmer, 
speziell für die Studirenden der medizinischen Fakultät, in den beiden 
ersten Erdgeschossräumen des nördlichen eingeschossigen Zwischenbaues 
auf Seite der anatomischen Abtheilung, 4. die beiden Höfe mit Aquarien 
und Thierställen. Im Dachgeschoss des südlichen Mittelbaues sind zwei 
Assistenten- und zwei Dienerwohnungen untergebracht. Die Wohnungen 
für die zweiten Diener befinden sich im Nebengebäude. 

1. Das anatomische Institut. Das Erdgeschoss ist auf der linken 
Hälfte der Fig. 412 dargestellt. 

Die Präparirsäle haben Vorrichtungen zum Injiciren, eine Wanne 
zum Erwärmen der zu injicirenden Präparate und eine Einrichtung für 
Quecksilberinjektionen der Lymphgefässe. Der grosse Mikroskopirsaal 
fasst 60 Tische, beziehungsweise Arbeitsplätze. Der nebenliegende Raum 
ist als chemisches Laboratorium eingerichtet, in welchem ein Apparat zur 
Ausführung feiner Injektionen aufgestellt ist. Das an die Haupttreppe 
angrenzende Zimmer ist für den Prosektor bestimmt, wird aber gewöhnlich 
von dem akademischen Zeichner benützt. Durch den in der spitzen Ecke 
angelegten Aufzug werden die erforderlichen Leichen etc. vom Keller 
nach dem Vorbereitungszimmer im ersten Stock geschafft. Der kleine und 
der grosse Präparirsaal haben Terrazzoboden. 

Das erste Stockwerk ist auf der linken Hälfte der Fig. 411 dargestellt. 

Auf der pathologischen Seite sind dem anatomischen Institute ausserdem 
die zu beiden Seiten des Abortraumes gelegenen zwei Zimmer, als Arbeits- 
räume für Geübtere, zugetheilt. 

Im Kellergeschoss sind Thierställe, eine Waschküche, Werkstätte, 
Heiz-, Kohlen- und sonstige Kellerräume, Räume zur Aufbewahrung von 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



491 



Leichen, für Maceration und Destil- 
lation, ein Raum mit Entfettungs- 
apparat, Eisschrank und Fischzucht- 
einrichtung, sowie eine Wohnung für 
den Pförtner untergebracht. 

2. Das pathologische Institut. 
Rechts vom Haupteingang sind (conf. 
Fig. 412) zwei Sektionssäle und da- 
zwischen ein Zimmer mit Aufzug zur 
Beförderung der Leichen aus dem 
Keller. Beide Säle sind mit grossen 
Oberlichtern versehen. Der dem Ein- 
gang zunächst gelegene klinische Sek- 
tionssaal bietet Raum für 100 Zuhörer 
in ansteigenden Sitzreihen. An den 
nichtklinischen Sektionssaal stösst ein 
grösseres und ein kleineres Labora- 
torium für die Studirenden, behufs Er- 
langung der Fertigkeit in der Me- 
thodik bei pathologisch-histologischen 
Uebungen. Hierauf folgt der patho- 
logische Kurssaal für mikroskopische 
Untersuchungen. Derselbe ist auch 
zur Demonstration bei den Sektionen 
gewonnener, frischer pathologischer 
Präparate bestimmt und sind für 
diesen Zweck eingerichtet : 1. ein 
kleiner Aufzug, welcher die im Prä- 
paratenkeller aufbewahrten Präparate 
heraufbefördert und 2. drei lange, 
parallel der Fensterwand aufgestellte 
Tische. Diese Tische werden für die 
Zeiten der mikroskopischen Uebungen 
durch Ausheben beweglicher Theile 
unterbrochen und zu zwölf Tischen 
gemacht, damit der Leiter des mikro- 
skopischen Kursus bequem zu jedem 
Laboranten gelangen kann. Für die 
Demonstrationen bieten die Tische 
70 Zuhörern, für die mikroskopischen 
Uebungen 20—36 Laboranten Platz. 

Die zu speziellen und feineren 
Untersuchungen bestimmten Räume 
im Erdgeschoss und ersten Stock 
haben Glasverschläge nach Art der 
chemischen Digestorien, in welchen 





Fig. 412. Anatomiegebäude. Grundriss des Erdgeschosses. 



Kaiser- Wilhelms-Universitä t. 



493 



Züchtungsapparate oder chemische Geräthe aufgestellt werden, die aber 
namentlich zur Isolirung des anatomischen Untersuchungsmaterials dienen 
und dasselbe vor Verunreinigung bewahren. 

Das an die Nebentreppe grenzende Zimmer ist ein Isolirzimmer und 
so eingerichtet, dass es ein feuersicheres Digestorium zur Aufnahme von 
Wärmekammern und einen grossen Glasverschlag, dessen Luft durch eine 
Wasserdouche staubfrei gemacht werden kann, enthält. 

Da die Untersuchungen hauptsächlich mit dem Mikroskop ausgeführt 
werden, so sind in den Hauptarbeitszimmern je zwei Fenster mit schmalen 
Zwischenpfeilern angebracht. Dadurch wird es möglich, zur gewöhnlichen 
Arbeitszeit dem Mikroskop, dessen Spiegel auf die hellste Stelle des 
Himmels, im nächsten Umkreis der Sonne gerichtet wird, ein Maximum 
von Licht zuzuführen, während das zweite Fenster verhängt und damit 
das blendende direkte Sonnenlicht abgeschnitten wird. 

Die pathologische Sammlung ist in Glasschränken untergebracht, 
welche auf beiden Seiten mit Schiebethüren versehen und nur so hoch 
sind, dass alle Präparate leicht herausgehoben werden können. Ihre wesent- 
liche Verwendung finden sie für die im grossen Hörsaale stattfindenden 
Vorlesungen. Dieser tägliche Gebrauch verlangte eine solche Höhe und 
Konstruktion der Schränke, dass die Präparate auf's bequemste zu besich- 
tigen und zu erreichen sind. Die meisten Schränke wurden daher von 
allen Seiten durchleuchtet, von vorn und von hinten zugängig, frei aufge- 
stellt und nur 2,30 m hoch gebaut. Sodann befindet sich in der Mitte der 
Decke des grossen Sammlungssaales und an der Ostseite der Decke des 
kleinen Saales ein Oberlicht ; durch jenes ist eine ausgezeichnete Beleuchtung 
erreicht und zugleich gestattet worden, die Seitenfenster zu verhängen, um 
die direkte Bestrahlung durch die Morgen- und Abendsonne von den Spiritus- 
präparaten abzuhalten. Im Kellergeschoss sind Thierställe, eine Werkstätte, 
Heiz-, Kohlen- und sonstige Kellerräume, Räume zur Aufbewahrung von 
Leichen, sowie ein Macerations-, Präparaten-, Destillations- und Eisschrank- 
raum und ein solcher mit Entfettungs- und Warmwassermacerirapparat 
untergebracht. Im nördlichen Kopf bau befindet sich ausserdem noch eine 
direkt von der Strasse aus zugängliche Begräbnisskapelle mit nebenliegendem 
Wartezimmer für die Leidtragenden. 

Das Gebäude ist theils mit Ofen-, theils mit Caloriferluftheizung 
versehen. 

Physiologisch-ch e m isch es Institu t. 

Dasselbe wurde nach dem von Professor Dr. Hoppe -Seyler aufge- 
stellten Programm und den Plänen und unter der Leitung von A. Brion 
ausgeführt. Entsprechend den drei verschiedenen Richtungen der Thätig- 
keit des Instituts, bildet dasselbe eine Vereinigung von 3 Raumgruppen, 
von denen die erste den Hörsaal und die Zimmer für die Vorbereitung der 
Demonstrationen, die zweite das Laboratorium und die zugehörigen Räume 
für die praktischen Uebungen der Studenten enthält, die dritte den wissen- 



404 



Das neue Strassburg. 



schaftlichen Spezialarbeiter! gewidmet ist. Die erste Gruppe befindet sich 
in dem einstöckigen Mittelbau, die zweite im nördlichen und die dritte im 
südlichen Seitenflügel des Gebäudes. Der Hörsaal, 70—100 Zuhörer fassend, 
kann verdunkelt werden. Rechts an diesen schliesst sich das Vorbereitungs- 
zimmer und ein Raum für Respirationsapparate an, die durch einen daselbst 
befindlichen Wassermotor bewegt werden, welcher durch Transmission 
continuirliche Bewegung auch nach dem Vorbereitungszimmer und dem 
Hörsaal überträgt. In der nordwestlichen Ecke des Erdgeschosses ist ein 
grösseres Zimmer für Arbeiten mit übelriechenden und schädlichen Gasen 
angeordnet, an welches ein solches zum Spülen der Gläser etc. sich anreiht. 
Von ersterem führt eine Thüre nach einer mit einem Glasdach versehenen 
Terrasse, auf welcher Arbeiten mit sehr giftigen Gasen im Freien vorge- 
nommen werden können. Das grosse Laboratorium, neben welchem ein 
kleines Waagezimmer liegt, fasst 28 Arbeitsplätze. An das kleinere, süd- 
liche, wissenschaftlichen Spezialarbeiten dienende Laboratorium, welches 
20 Arbeitsplätze hat, schliessen sich zunächst 2 Zimmer für chemische 




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Fig. 413. Physiologisch-chemisches Institut. 



Waagen etc. an, dann folgt ein Raum für Arbeiten der Elementaranalyse 
organischer Verbindungen. Die südwestliche Ecke des Erdgeschosses 
nimmt das Laboratorium des Direktors ein, an welches einerseits das 
Sprechzimmer desselben, andererseits ein Zimmer für Waagen und feinere 
Apparate stösst. Neben letzterem ist ein Raum für Reagentien und ein 
solcher für Stoffwechseluntersuchungen an Menschen und Thieren. Ueber 
dem grossen Laboratorium liegt ein Saal, welcher die Sammlungen des 
Instituts an chemischen Präparaten und hygienischen Demonstrationsgegen- 
ständen enthält. Ueber dem kleinen, südlichen Laboratorium befindet sich 
ein Saal für Demonstrationen und Uebungen in hygienischen Arbeiten. 
An diesen Saal schliesst sich auf der Südseite ein Laboratorium für Unter- 
suchungen auf Vergiftungen, sowie die Bibliothek an und in der südwest- 
lichen Ecke des Gebäudes ein kleiner Saal für optische Untersuchungen 
und Spectralanalysen, sowie ein physikalisches Zimmer. Letztere zwei 
Räume können verdunkelt werden. Im Keller sind unter den Laboratorien 
zwei kleine Dampfkessel, und unter dem Vorbereitungszimmer ein Gas- 
motor aufgestellt; erstere liefern den Dampf zur Heizung von Trocken- 
schränken und Dampfwasserbädern in den Laboratorien, letzterer setzt 
einen Schraubenventilator in Bewegung, welcher durch Pulsion die frische, 



Kaiser- Wilhelms-Universität. 



495 



je nach Bedürfniss zu befeuchtende Luft in die entsprechenden Räume 
sendet. Ferner befindet sich im Kellergeschoss ein geräumiges Zimmer 
für Gasanalysen, Räume für grössere Destillationen, ein grosses Wasserbad 
von konstanter Temperatur für Gährungsversuche und Pilzzüchtungen, 




Fig. 414. Physiologisch-chemisches Institut. Grundriss des I. Stockes. 




Fig. 415. Physiologisch-chemisches Institut. Grundriss des Erdgeschosses. 



ausserdem die Käfige für Versuchsthiere und ein Raum für Luft- und Oel- 
bäder. Nach Süden ist ein mit Warmwasserheizung versehenes kleines 
Treibhaus dem Kellergeschoss angefügt. Im Gebäude sind Wohnungen für 
2 Assistenten und einen Diener untergebracht und wird dasselbe durch 
eine Caloriferluftheizung erwärmt. 



496 



Das neue Strassburg. 



Psychiatrische Klinik. 

Erbaut wurde dieselbe von E. Salomon nach dem Programme des 
Professor Dr. Jolly und ist die Klinik zur Aufnahme von 90 Geisteskranken 
und 30 Epileptikern bestimmt. 




UMDH'ilf X 

Fig. 416. Psychiatrische Klinik. Nordansicht. 




Männer .Abteilung Frauen - Abheilung 



Fig. 417. Psychiatrische Klinik. Grundriss des Erdgeschosses. 

Die Anordnung der Räume des Erdgeschosses und ersten Stockes ist 
aus den Figuren 417 und 418 ersichtlich. Die südliche Hälfte des Mittelbaues 
ist höher geführt und zu zwei Assistentenwohnungen ausgebaut. Im Keller- 
geschoss sind Heiz- und Kohlenräume, eine Werkstatte, eine Waschküche, 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



497 



Bäder für die Epileptischen, sowie Räume für schmutzige Wäsche vor- 
handen. Im Mittelbau desselben ist die Pförtnerwohnung untergebracht. 

Die Erwärmung des Bade- und Spülwassers wird von 4 Heizstellen 
aus bewirkt, doch sind auch Vorkehrungen getroffen, dass zwei Badkessel, 
ohne eine Betriebsstörung herbeizuführen, gleichzeitig ausgeschaltet werden 
können. 

Das Gebäude ist mit einer Caloriferluftheizung versehen. 

Vor den Fenstern der Krankenräume und Corridore sind Eisengitter 
angebracht. Die Thürflügel der Krankenzimmer sind glatt, bis 5 cm stark, 
und ebenso wie die Fenster mit Dornverschlüssen versehen. In den Bade- 
räumen des ersten vStockes sind die Dezimalwaagen und in den Vorräumen 
vor den Aborten die Waschtische aufgestellt. Eigenthümliche Einrichtungen 




Fig. 418. Psychiatrische Klinik. Grundriss des I. Stockes. 



sind die Tobzellenfenster. Dieselben sind zweitheilig. Der untere Theil ist 
fest, der obere zum Hochschieben eingerichtet und vergittert. Die einzelnen 
20 X 15 cm grossen Scheibenfelder bestehen aus 14 mm dicken in "T-Eisen 
gefassten Rohgläsern. Vor diesen Fenstern sind verschiebbare Jalousie- 
läden angebracht, die ebenso wie der obere Theil des Fensters vom Cor- 
ridor aus in die Höhe geschoben werden können und deren Aufziehvorrich- 
tungen verdeckt in Wand- und Deckenflächen liegen. 

Im Garten der ruhigen Männer ist eine, gedeckte Kegelbahn aufge- 
führt. In den beiden Tobhöfen sind an den Umwehrungsmauern Schutz- 
dächer angebracht. 

Frauenklinik. 

An eine Frauenklinik werden im Allgemeinen nachstehende Forder- 
ungen gestellt: 

Sie soll auf trockenem Boden, möglichst entfernt von Fabriken, welche 
die Umgebung, die Luft, den Boden und das Wasser verunreinigen, errichtet 
sein. Sehr erwünscht sind Baumpflanzungen in der Nähe. Luft und Licht 

32 



498 



Das neue Strassburg. 



sollen jeden Theil des Hauses bestreichen können. In dem Gebäude selbst 
soll eine strenge Trennung der Räumlichkeiten für Schwangere, Wöchner- 
innen und kranke Frauen durchgeführt sein. Ansteckende Kranke sollen 
isolirt werden können. Der Operationssaal und die Unterrichtsräume müssen 
von den Krankenräumen möglichst entfernt liegen, auch sollen die ambu- 
latorisch zu Behandelnden mit den stabilen Kranken nicht in Berührung 
kommen. Die Fussböden des Operationssaals, der Kreisszimmer, der Bäder 
und der Corridore müssen wasserundurchlässig hergestellt sein. 

Allen diesen Forderungen hat man bei der Anlage des Neubaues 
gerecht zu werden versucht. 

Die Klinik wurde nach den Angaben von Professor Dr. Freund von 
A. Brion, bezw. der Baracke von M. Issleiber entworfen und erbaut. 

Im Vorderbau des Untergeschosses sind die Wohnungen für 2 Unter- 
beamte, daneben 4 Zimmer für 4 praktizirende Studenten. Der Zwischenbau 



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Fig. 419. Frauenklinik. Nordansicht. 

enthält Heiz- und Nebenräume, im Hinterbau sind 28 Schwangere und die 
Aufsicht führende Hebamme untergebracht. 

Der Grundriss des ersten Stockes ist aus Fig. 420 ersichtlich. In der 
Station für gynäkologisch Kranke können 30—36 Betten aufgestellt werden. 
Der Operationssaal ist von der Seite und von oben beleuchtet. 

Die Eintheilung des zweiten Stockes geht aus Fig. 421 hervor. Die 
Krankensäle haben Raum für 40 klinische Wöchnerinnen. 

Die Decken über dem Untergeschoss sind massiv. Die Fussböden des 
Eingangs, des Vestibüles und der Haupttreppenvorplätze haben Sinziger 
Mosai'kplattenbelag, die Corridore einen solchen von Saargemünderplatten. 
Mit Terrazzoböden sind versehen die beiden Kreisszimmer, die Bäder und 
der Operationssaal. 

Im Kellergeschoss sind die Heiz- und Kohlenräume und die Wasch- 
küche gelegen. Fünf dort aufgestellte Warmwasseröfen liefern das Wasser 
für die Bäder, Theeküchen, Kreisszimmer, den Operationssaal und die 
Poliklinik. Auch hier kann im Falle einer Kesselreparatur die betreffende 
Vertheilungsleitung mit der ihr nächst gelegenen verbunden werden. 

Das Gebäude ist mit einer Caloriferluftheizung und Pulsionseinrich- 
tung für eine Sommerventilation versehen. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



490 



Die westlich vom Hauptgebäude erbaute massive Isolirbaracke ent- 
hält einen grösseren und einen kleineren Krankensaal für 6 Kindbett- 
fieber- bezw. 3 Krebskranke, davor eine Terrasse mit im Bau begriffenem 
Operationszimmer, daneben eine Theeküche und einen Raum für Wäsche. 




Fig. 420. Frauenklinik. Grundriss des I. Stockes. 



Nördlich davon, durch einen Gang getrennt, befinden sich 1 Abort und Bade- 
raum, 1 Schwester- und 1 Mikroskopirzimmer. Nur die ersteren dieser Räume 
sind behufs Aufstellung des Badekessels und Unterbringung des Brenn- 
materials unterkellert, während unter dem Mikroskopirzimmer und jenen 
Krankensälen nur Lufträume angeordnet sind. 
Die Heizung erfolgt durch Oefen. 

32* 




Im Falle einer Reparatur des Badkessels wird die War mw asser ver- 
theilungsleitung an ein Badsystem im Hauptbau angeschlossen. 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



501 



Pharmakologisches Institut. 

Dasselbe wurde auf Grund der Angaben des Professors Dr. Schmiedeberg 
nach den Entwürfen des Dr. Warth und unter dessen Leitung erbaut. 
Die sämmtlichen Räume des Gebäudes sind wie folgt gruppirt: 

1. Räume für die Vorlesungen ; 

2. Arbeitsräume, die speziellen Unterrichtszwecken, sowie zur Aus- 
führung selbständiger Untersuchungen dienen und die in eine 
chemische und eine experimentelle Abtheilung zerfallen; 

3. Räume für Hülfsarbeiten und Sammlungen; 

4. Wohnungs- und Betriebsräume. 

Abgesehen von einer günstigen Tagesbeleuchtung wurde besonders 
Gewicht gelegt auf eine möglichst konzentrische Gruppirung der Arbeits- 
räume in den beiden Hauptabtheilungen, der chemischen und der experi- 




Fig. 424. Pharmakologisches Institut. Ansicht gegen die neue Wallstrasse. 



mentellen. Die westliche Nebentreppe dient ausschliesslich als Zugang zu 
der Diener- und Assistentenwohnung, während die andere, in den Zwischen- 
gang eingebaute, bis in den Dachstock führende Nebentreppe es ermöglicht, 
im Kellergeschoss oder im ersten Stock befindliche Demonstrationsgegen- 
stände, bezw. Thiere direkt in das Vorbereitungszimmer zu schaffen. Letzteres 
ist zugleich Sammlungsraum für Droguen, Chemikalien, Arzneipräparate, 
Abbildungen und dergl. Die Schränke nehmen die ganze Höhe dieses 
Raumes ein und ist die oberste Reihe von einer Gallerie aus zugänglich. 
Die Hörsaalfenster, sowie diejenigen des Vorbereitungszimmers können 
verdunkelt werden. 

Der nordöstliche Flügel des Erdgeschosses umfasst die Räume der 
chemischen Abtheilung. Der Abdampfraum enthält ein grösseres Wasser- 
bad und mit Dampf heizbare Trockenschränke. Das Thierzimmer ist mit 
Asphaltfussboden und Schwemmvorrichtung versehen. Auf der gedeckten 
Terrasse werden bei günstiger Witterung verschiedene Arbeiten im Freien 
ausgeführt. Im ersten Stock sind ausser der geräumigen Bibliothek, welche 
zugleich als Zeichensaal und zu verschiedenen anderen wissenschaftlichen 
Arbeiten dient, sowie dem physikalisch -chemischen Zimmer, welches ver- 



502 Das neue Strassburg. 

dunkelt werden kann, hauptsächlich die Räume für die experimentelle Ab- 
theilung untergebracht. Der offene Altan wird benutzt um Thiere zeitweilig 
an die frische Luft zu bringen. Im Keller sind ausser den Räumen für 
die Kohlen und Calorifers, auch eine Anzahl von Arbeits-, Betriebs- und 
Sammlungsräumen. Im Maschinenraum ist eine Gaskraft- und Dynamo- 
maschine, eine Centrifuge, ein Muffelofen, eine Vorrichtung zum Erhitzen 

von Substanzen 
in zugeschmol- 
zenen Glas- 
röhren, und im 
Räume daneben 
eine Accumu- 
latorenbatterie 

aufgestellt, 
welche theils di- 
rekt, theils mit 
der Dynamoma- 
schine einge- 
schaltet , haupt- 
sächlich zur Be- 
leuchtung des 
Hörsaales dient; 
doch wird die 
hier erzeugte 
Electricität noch 
zu verschie- 
denen anderen 
wissenschaft- 
lichen Experi- 
menten ver- 
wendet. 

Betreffs der 
inneren Einrich- 
tung der Arbeits- 
räume des In- 

Fig. 426. Pharmakologisches Institut. Grundriss des Erdgeschosses. StltUtS ISt ZU er- 

wähnen, dass im 

Interesse eines leichten und sparsamen Betriebes eine möglichst grosse 
Einfachheit der Anlage erstrebt wurde und erfolgt der Maschinenbetrieb 
durch kleine Wassermotoren und die Heizung der Wasserbäder mittelst 
direkter Feuerung, ohne Dampfkessel. Das Gebäude ist mit einer Calorifer- 
luftheizung mit Pulsionseinrichtung versehen. 

Im Institutshofe ist ein kleines, einstöckiges Stallgebäude errichtet, 
in welchem die vorräthigen Thiere, als: Hunde, Frösche etc. untergebracht 
werden. Ein kleiner Garten, zur Ziehung von Giftpflanzen, liegt auf der 
Westseite des Instituts. 




Kaiser-Wilhelms-Universität. 



503 



Die chirurgische Klinik. 

Diese Klinik wurde auf Grund eines von Professor Dr. Lücke aufge- 
stellten Programms und nach den Plänen von H. Eggert unter dessen 
Leitung ausgeführt. Es finden in der Klinik Platz: 60 Männer, 36 Frauen 
und 28 Kinder. 




Fig. 427. Chirurgische Klinik. Südansicht. 



Der Mittelbau enthält im Erdgeschoss den durch grosse Fenster und 
ein Oberlicht sehr gut erhellten, mit Terrazzofussboden versehenen Opera- 
tionssaal, welcher auch als Hörsaal benutzt wird; ferner einen Raum für 
die Poliklinik mit zu beiden Seiten desselben gelegenen Wartezimmern, 



2 Zimmer für den Direktor, 
2 Assistentenwohnungen, 1 Pfört- 
nerstube und einen grösseren 
Raum zur Aufbewahrung von 
Instrumenten. Auf der Nord- 
seite ist an den östlichen Ver- 
bindungsgang ein Electrisir- 
zimmer und an den westlichen 
ein Mikroskopirzimmer ange- 
baut. Im ersten Stockwerke be- 
findet sich die Kinderabtheilung 
mit 2 Krankensälen für je 12 
Betten; im zweiten Stock eine 




Männerabtheilung mit 2 Kran- Fig. 428. Chirurgische Klinik. Schnitt durch den Mittelbau, 
kensälen für je 12 Betten. Jede 

dieser Abtheilung hat ihren Tages-, Bade- und Abortraum, 1 Theeküche, 

1 Schwester- und 1 Wärterzimmer; die Kinderabtheilung überdies noch 

2 Isolirzimmer. An der Südseite der Kindersäle und des Tagesraumes 
für die Männer sind glasgedeckte Terrassen. Die Kopfbauten der beiden 
Seitenflügel enthalten im Erdgeschoss und ersten Stock je 1 Bad-, 1 Isolir-, 
1 Schwester- und 1 Wärterzimmer, 1 Theeküche sowie 1 Abortraum. Im 
zweiten Stock daselbst sind je 1 Assistentenwohnung, 2 Isolirzimmer, 
1 Mägdekammer, nebst Bade- und Abortraum. In den Flügelbauten sind 



504 Das neue Strassburg. 

im Erdgeschoss und ersten Stock je 1 Krankensaal für 16 Betten nebst 
Tagesraum untergebracht. 




Fig. 429. Chirurgische Klinik. Grundriss des I. Stockes. 

1, 21. Tagesraum. 2, 13, 27. Krankensaal. 4, '2b. Schwestern. 8, 24 , 25. Isolirzimmer. 10, 22. Thce- 
küche. 11, 15. Wärter. 12, 28. Terrasse. 14. Personenaufzug. 19. Speiseaufzug. 




Fig. 430. Chirurgische Klinik. Grundriss des Erdgeschosses. 



Die Trennung der Geschlechter ist streng durchgeführt. 
Im Kellergeschoss ist ausser den Heiz-, Kohlen- und Vorrathsräumen 
ein chemisches Laboratorium und ein Raum für einen Sterilisationsapparat 



Kaiser-Wilhelms-Universität. 



505 



vorhanden; auch sind daselbst drei Warmwasseröfen aufgestellt, welche 
das Wasser für die Bäder, Theeküchen, sowie die Becken im Operations- 
saale und in der Poliklinik liefern. Ein Speise- und ein Personenaufzug 
gehen durch sämmtliche Stockwerke des Mittelbaues. 




Fig. 431. Chirurgische Klinik. Grundriss des II. Stockes. 

1. Dachraum. 3, 8. Isolirzimmer. 5. Mägdekammer. 7. Assistentenwohnung. 9. Krankensaal. 
10. Wärter. 13. Speiseaufzug. 15. Personenaufzug. 16. Theeküche. 18. Terrasse. 19. Schwestern. 



Die Decken der Säle sind in Backstein gewölbt. 

Die Rauchgase der daselbst angebrachten Wandarme werden durch 
besondere Abzugsschlote abgeführt. 

Das Gebäude ist mit einer Caloriferluftheizung versehen. 



Die Klinik für Augenkrankheiten. 

Die Klinik wurde nach einem Programm des Professors Dr. Laqueur 
von M. Issleiber ausgeführt. 

Das Erdgeschoss (Fig. 434) enthält ausser den Lehrräumen, einem 
Hörsaal für 100 Zuhörer, einem Direktorzimmer, einer Bibliothek u. s. w., 
auch die Räume der Poliklinik, welche einen eigenen, von der Pförtner- 
wohnung aus kontrollirbaren Zugang haben. Im ersten Stock (Fig. 433), 
sind grössere und kleinere Zimmer für 30 männliche Kranke untergebracht, 
ferner befinden sich daselbst 2 Tagesräume, 1 Schwester-, 1 Wärter- und 
1 Operationszimmer, 1 Theeküche, 1 Bad und 1 Assistentenwohnung. Die 
Eintheilung des zweiten Stockes, in welchem die weiblichen Kranken unter- 
gebracht sind, entspricht genau derjenigen des ersten Stockwerkes. Im 
Kellergeschoss ist ein kleiner Niederdruckdampfkessel aufgestellt, welcher 
ausschliesslich das in einem Reservoir erwärmte Wasser für die Bäder, 
Theeküchen und die Operationszimmer liefert. Sämmtliche Decken sind 



506 



Das neue Strassburg. 





Obergeschoss. 

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Fig. 433 u. 434. Klinik für Augenkrankheiten. Grundrisse. 

massiv. Das Gebäude ist mit einer Niederdruckdampfheizung versehen; 
auch können die Räume mittelst warmer Luft, welche durch Dampf heiz- 
schlangen erzeugt wird, vorgeheizt werden, bezw. wird diese Art der Er- 
wärmung in den Uebergangsperioden benutzt. 



XVI. ABSCHNITT. 

SONSTIGE GEBAUDE FÜR UNTERRICHTSZWECKE. 

Bearbeitet von 

Baurath Metzenthin, Architekt Issleiber, Stadtbaurath Ott. 



Das Priesterseminar in der Bruderhofgasse, bereits im alten Strassburg 
erwähnt (s. S. 303, 352 und Fig. 275), dient zur Heranbildung der katholischen 
Geistlichkeit des Unter- und Ober-Elsass und ist eingerichtet für 120—150 




Fig. 435. Lehrerseminar. Vorderansicht. 



Alumnen. Im Erdge- 
schoss befinden sich Ka- 
pelle, Speisesaal, Küche, 
Wirthschaftsräume, Ba- 
dezimmer und 2 Vor- 
tragssäle, in den 5 Ober- 
geschossen die Biblio- 
thek, die Einzel-Schlaf- 
zimmer der Zöglinge, 
die Wohn- und Schlaf- 
zimmer der Professoren, 
sowie ein Arbeitssaal 
und ein Hörsaal. 

Die Erwärmung 
geschieht mit Kohlen- 
öfen. Eine Gasheizung 
für die bisher nicht heiz- 




Fig. 436. Lehrerseminar. 
Lageplan. 



baren Räume der Zög- 
linge, sowie für Kapelle 
und Sprechzimmer ist 
in Einrichtung begriffen. 

Der Bau ist im 
Aeussern einfach glatt 
in Sandsteinverblen- 
dung hergestellt , im 
Inneren mit geräumigen 
Korridoren versehen , 
leidet aber unter der 
Lage in engen Strassen 
und unter der grossen 
Geschosszahl. 

Das Lehrerseminar 
in der Schwarzwald- 
strasse ist im Bau be- 



griffen und vom Architekt Issleiber entworfen unter Mitwirkung des Bau- 
rath Metzenthin, welchem die Oberleitung übertragen ist. 

Das Hauptgebäude mit 1730 qm Grundfläche zeigt (Fig. 435 — 439) 
die übliche Anordnung mit seitlich vorspringenden besonderen Lehrer- 



508 



Das neue Strassbukg. 



häusern und hinterem vom Treppenpodest zugänglichen Mittelflügel, welcher 
im Erdgeschoss die Wirthschaftsräume, darüber Speisesaal, Musiksaal und 
Uebungszimmer enthält. 



Das Gebäude fasst 90 
interne , Seminaristen und 
180 Elementarschüler. Die 
Geschosshöhen betragen 
3,00 m, 4,50 m, 4,00 m und 
4,00 m einschliesslich Zwi- 
schendecken. 



Bemerkenswerth sind 
die den Schlafsälen vor- 
gelegten grossen Räume 
zum Putzen der Stiefel und 
der Kleider, zugleich für 
Aufstellung der Kleider- 
schränke dienend mit den 




Fig. 437. Lehrerseminar. Grundriss des I. Obergeschosses. 



darüber liegenden direkt 
verbundenen Räumen 'für 
Kisten und Koffer der Zög- 
linge. Der Baderaum, mit 

Douche- und Wannen- 
bädern liegt, vom Erdge- 
schoss durch eine direkte 



Treppe zugänglich , im 
Keller an der Südfront, die 
Pförtnerwohnung mit zwei 
Zimmer ganz im Erdge- 
schoss, und die Küche, 
durch eine Treppe unmittel- 
bar verbunden, im Keller. 




Fig. 438. Lehrerseminar. Grundriss des Erdgeschosses. 



Der Bau ist in hammerrechten Schichten aus Bruchstein mit Hau- 
steineinfassungen und Gesimsen in Vogesensandstein, die inneren Mauern 
in Backstein, die Zwischendecken sämmtlich aus Eisen mit Ausfüllung in 



Sonstige Gebäude für Unterrichtszwecke. 



509 



Schlackencementbeton, das Dach in Holz mit glasirten Falzziegeln her- 
gestellt. Die äussere einfache Erscheinung zeigt die Formen deutscher 
Renaissance. 

Der innere Ausbau ist nur in der Aula, welche Holzdecke erhält, 
etwas reicher. Die Fussböden werden in den Wohnungen der Lehrer und 
den Unterrichtsräumen in imprägnirtem Buchenholz, im übrigen aus Cement 
mit Linoleumbelag hergestellt. 

Die Erwärmung soll durch Oefen erfolgen. Die Aborte werden als 
Torfclosets eingerichtet. Die Turnhalle mit 20 m auf 10 m und 5,30 m Höhe 
erhält zur Benutzung auch für Auswärtige, einen besonderen Eingang von 
der Strasse her. 



Die Kosten betragen 
für den Hauptbau 437 000 
Mark (16 Mark pro cbm); 
für die Turnhalle 15 800 
Mark (10 Mark pro cbm); 
für die Aborte 6500 Mark 



(32,5 Mark pro cbm) ; für 

die Umwährung 21000 
Mark ; für das Mobiliar 
25100 Mark; für Neben- 
kosten 44 600 Mark; im 
Ganzen 550000 Mark. 




Fig. 439. Lehrerseminar. Grundriss des II. Obergeschosses. 



Das Lehrerinnenseminar am Heuplatz, für 50 interne Zöglinge, ist 
1872 in einem alten, vom Staat 1858 angekauften Bau eingerichtet, welcher, 
mit ausreichendem Spielplatz und Garten versehen, 1874 durch Neubau 
eines Schulhauses in demselben und Umbauten der alten Gebäude von 
Baurath Metzenthin entsprechend eingerichtet wurde. Es enthält einen 
Vorderbau mit 2 Seitenflügeln, im Erdgeschoss die Pförtnerwohnung, 
Wirthschaftsräume , Speisesaal, im ersten Stock die Direktorwohnung 
und im zweiten die Schlafsäle; im Schulhause die Seminarklassen, Aula, 
Musiksaal und Arbeitszimmer, im Hinterbau Turnhalle, Bad, Lehrerinnen 
Wohnungen und drei Klassen einer Uebungsschule. Der Schulneubau, in 
Backsteinfugenbau mit Schieferdach und einfacher Ofenheizung in drei 
Geschossen von 4 m Höhe ausgeführt, kostete 45000 Mark (qm 210 Mark, 
cbm 15 Mark). 



510 



Das neue Strassburg. 



Die Präparandenanstalt vor dem Spitalthore bei Neudorf, Colmarer- 
strasse 51 (Fig. 440), für 50 Zöglinge, wurde 1872 zuerst in einem alten Bau 
eingerichtet, 1873 das Schulgebäude angefügt, 1877 die Turnhalle, 1886 Wohn- 
haus und Wirthschaftsgebäude errichtet. Sämmtliche Bauten sind von 
Baurath Metzenthin entworfen und ausgeführt. 

Das Schulgebäude mit 2 Geschossen ä 4,25 m Höhe enthält im Ober- 
geschoss 2 grosse, bis unter Dach reichende, hallenartige Schlafsäle, das 
Wirthschaftsgebäude mit 4,25 m hohem Erdgeschoss nur ein Kniegeschoss 

als Trockenraum, das Wohnhaus mit 3 Ge- 
schossen ä 3,45 m hoch, zwei Obergeschosse 
als Lehrerwohnungen. 

Sämmtliche Bauten, mitten in einem 
4,75 Hektar grossen Garten liegend, sind 
massiv als Putzbauten mit flachen über- 
hängenden Schieferdächern der ländlichen 
Umgebung angepasst. 

Der Ausbau ist einfach hergestellt, 
die Haupträume mit eichenen Fussböden. 
Die Erwärmung erfolgt durch Oefen. 

Eine besondere kleine Schwimmanstalt 
ist in dem, das Anstaltsgrundstück begren- 
zenden, „krummen Rhein" erbaut. 

Die Turnhalle, 140 qm gross, ist 3 m 
hoch massiv in Putzbau, darüber 2 m hoch 
in Fachwerk mit überhängendem Schiefer- 
dach hergestellt. 

Die Kosten betragen für das Schul- 
haus 52800 Mark (qm 145 Mark, cbm 12 Mark); 
für das Wohngebäude 31000 Mark (qm 
170 Mark, cbm 12 Mark) ; für das Wirth- 
schaftsgebäude 10 000 Mark (qm 60 Mark, 
cbm 10 Mark) ; für die Schwimmanstalt 
2000 Mark; für die Turnhalle 8000 Mark (qm 50 Mark, cbm 8 Mark); 
Nebenbau 8000 Mark (qm 50 Mark, cbm 8 Mark). 

Das Lyceum am Schlossplatz, bereits im alten Theile (S. 352, Fig. 274, 275) 
erwähnt, ist als Gymnasium 1685 von Ludwig XIV. gegründet, mit umfas- 
sendem Internat nach der in Frankreich üblichen Art, und mit zweiseitiger 
Beleuchtung der Klassenzimmer, erbaut worden. Sämmtliche im Erdgeschoss 
liegende Klassen sind direkt von dem 2700 qm grossen Spielhofe aus zu- 
gänglich. In dem ersten Obergeschoss befanden sich die Arbeitszimmer, 
darüber die Schlafsäle, im Untergeschoss Speisesaal und Wirthschaftsräume. 
Jetzt werden, nachdem das Internat 1886 aufgehoben worden ist, auch die 
Zimmer des ersten Geschosses für den Unterricht mit benutzt. Die Turn- 
halle ist durch Ueberbauung des früheren Wirthschaftshofes gewonnen 
worden. Die Erwärmung erfolgt durch Oefen. 




F ig» 440. Präparanden-Anstalt. Grundriss 
des Erdgeschosses. 



Sonstige Gebäude für Unterrichtszwecke. 



511 



Das bischöfliche Gymnasium am Breiten Stein neben der Stephans- 
kirche als sogenanntes Kleines Seminar vom Bischof vor 1870 durch Ar- 
chitekt Petiti erbaut und 1883 als Gymnasium eingerichtet, zeigt dieselbe 
Anordnung wie das Lyceum, mit sämmtlichen, von drei Spielhöfen aus 
direkt zugänglichen, beiderseits beleuchteten Klassenzimmern, doch werden 
hier die auswärtigen Zöglinge noch jetzt untergebracht und verpflegt. 

Das protestantische Gymnasium am Neukirchplatz, im alten Theil 
(s. S. 303 und Fig. 203) erwähnt, auf Kosten des Thomasstiftes durch Architekt 
Salomon 1865 errichtet, zeigt eine umfangreiche, neueren Ansprüchen voll- 
kommen genügende Anlage, mit zwei grösseren Innenhöfen und grosser, 
zugleich als Aula dienender Turnhalle. Das im Putzbau mit Hausteinver- 
wendung hergestellte Aeussere zeigt einfache und ansprechende Formen. 

Die Realschule St. Johann am Johannesstaden ist in den Räumen 
der Commanderie des Chevaliers de St-Jean de Jerusalem untergebracht 
und durch Umbau entsprechend eingerichtet. 




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Fig. 441. Schulhaus in Königshofen. 

Die höhere Mädchenschule in der Schreiberstubgasse ist in dem ehe- 
maligen Andlauer Hofe etwas mangelhaft untergebracht und bietet nichts 
Bemerkenswerthes. 

Die höhere Mädchenschule „Bon Pasteur u , als Stiftung des Diakonissen- 
hauses 1871 entstanden und für 500 Schülerinnen bestimmt, unter denen 
etwa 70 Interne sich befinden, ist in alten Gebäuden zweckmässig unter- 
gebracht, ohne doch durch die Umbauten und Neubauten allen Anforde- 
rungen vollständig entsprechen zu können, wenn auch die Höfe mit an- 
schliessendem Garten zu Erholungszwecken genügenden Raum bieten. 

STÄDTISCHE SCHULHAUSBAUTEN. 

Eine sehr gelungene ländliche Schulanlage bietet die 1882/84, nach 
den Entwürfen des Stadtarchitekten Conrath durch Bauinspektor Röderer 
ausgeführte Königshofener Schule (Fig. 441 und 442). Jeder Schulsaal hat 
zweiseitige Fenster. Für je 4 Säle ist eine Treppe vorhanden. 

Die Kosten der Gebäude haben 100 Mark pro Quadratmeter, die der 
ganzen Anlage, ohne Grunderwerb, 185000 Mark betragen, 



Sonstige Gebäude für Unterrichtszwecke. 



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Der letzte Schulhausbau unter den engen Verhältnissen vor der Stadt- 
erweiterung ist die auf einem ungünstigen Bauplatze 1876 von den vor- 
stehend genannten Architekten errichtete Schöpflinschule. 

Die Beleuchtung der Säle ist wieder zweiseitig, wesshalb Corridore 
nicht anzulegen waren und die Ausgänge der Säle unmittelbar auf die 
Treppenabsätze münden. Die Schule ist mit Luftheizung versehen. 

Die Baukosten haben im Ganzen 301000 Mark, 290 Mark für das Quadrat- 
meter bebaute Fläche und 20,70 Mark für das Kubikmeter umbauten Raumes 




Fig. 4-13. Schöpflinschule. Ansicht vom Schöpflinstaden. 

von der Kellersohle bis zur 
Oberkante des Hauptgesimses 
betragen. In dem Dachge- 
schosse sind Lehrerwohnungen 
eingebaut. 

Die Neue Realschule an 
der Manteuffelstrasse enthält 
im Erd- und in den beiden 
Obergeschossen 18 Klassen- 
zimmer, 1 Konferenz-, 1 Sing- 
und 1 Zeichensaal, ein Kom- 
binationsklassenzimmer , je 
einen Vortragssaal mit Labo- 
ratorium für Physik und 
Chemie, ferner ein Direktor- 
und ein Bibliothekszimmer. 

Die Turnhalle ist zwi- 
schen die Treppenhäuser ein- 
gebaut und dient zugleich als Aula. Das Dach derselben ist mit verzinktem 
Träger- Wellblech eingedeckt ; zwischen dieses und die Holzdecke des Saales 
ist eine Isolirungsschicht aus Gyps und Stroh eingebracht, welche trotz 
der Südlage der Halle dieselbe gegen Ueberhitzung gut schützt. 

Die anstossenden Kellergeschossräume werden zur Unterbringung 
der Aulabänke oder der Turngeräthe und als Kleiderablage benützt. 

Die Baukosten der 1889 nach den Entwürfen und unter Leitung von 
Stadtbaurath Ott, durch Reg.-Baumeister L. Wolff erbauten Schule, welche 

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Fig. 444.